Wie machen wir jetzt weiter? Gespräche mit Menschen, die Zukunft denken, ein gemeinsames Projekt von der Frauenzeitschrift Welt der Frauen und dem Projekt Movement 21. Ich freue mich sehr, dass Sie dabei sind. Wir wollen ja Antworten auf die Frage haben, wie wir weitermachen sollen. Und heute habe ich einen Gast, der sich von einer ganz speziellen Seite dieser Frage nähert. Das ist die Stadtpfarrerin der Lutherischen Stadtpfarre Wien Innere Stadt, Julia Schnitzlein. Ich begrüße Sie sehr herzlich. Hallo Julia Schnitzlein. Hallo, grüß Gott. Wir sind jetzt ganz kurz vor Weihnachten. Weihnachten ist heuer ganz anders. Alles, was wir sonst an Einstimmung haben, vom Bundstand über den Christkindlmarkt oder das Shopping-Erlebnis, fällt jetzt weg. Ist das eine Chance für eine Pfarrerin? Ja, es ist vor allem, finde ich, eine Chance für uns alle eigentlich. Also ich weiß schon, dass es natürlich schmerzhaft ist, dass viele, was wir nicht dürfen, also auch ich selber, ich werde wahrscheinlich meine Eltern dieses Weihnachten nicht sehen, was wirklich schmerzhaft ist. Aber ich finde schon, dass darin auch eine Chance liegt, Dinge mal anders zu sehen. Ich erinnere mich an die letzten Jahre, wo wir doch diese Folge gepackt waren mit den vielen Weihnachtsfeiern, mit diesem ständigen Glühwein trinken. Man konnte es ja schon gar nicht mehr sehen und auch nicht mehr schmecken. Man war die ganze Zeit so betrieben, hat sich ständig beklagt, dass wieder mal von Besinnung keine Rede sein kann. Und dieses Jahr ist es tatsächlich anders und wir sind zur Entschleunigung gezwungen. Und darin sehe ich eben tatsächlich eine Chance. Vielleicht können wir Weihnachten oder die Vorweihnachtszeit mal anders denken, uns anders einstimmen. Vielleicht erkennen wir, dass wir nicht unbedingt diesen süßen Punsch brauchen, sondern vielleicht irgendwie auch ein gutes Buch oder eine Kerze am Abend. Und ja, darin sehe ich die große Chance dieser Zeit. Sehen Sie auch eine Chance, dass man dem Kern dessen, was Weihnachten meint, ein bisschen näher kommt? Und was würden Sie denn als Pfarrerin, als den Kern von Weihnachten sehen? Der Kern von Weihnachten ist ganz sicher die Botschaft, dass Gott zu uns kommt, dass Gott uns nahe kommt, nahe kommen will, nahe gekommen ist, dass er anders kommt, als wir ihn erwarten. Die Menschen damals haben Jesus auch nicht in dieser Form erwartet oder den Messias, wie er dann sich gezeigt hat, eben in einer Krippe, in einem Stall. Und ich kann mir auch vorstellen, dass das für die Weisen aus dem Morgenland eine ziemliche Überraschung war, als sie ihren König dort so vorgefunden haben. Aber sie haben es angenommen und haben ihn anerkannt. Und darin sehe ich eine große Chance eben auch, dass wir sagen, es muss nicht alles sein wie immer. Wir lassen uns ein, wir bereiten uns vor, wir machen uns adventlich. Das heißt, wir bereiten uns vor auf dieses Ankommen und öffnen uns für neue Wege. Das Unvorhergesehene, das Neue, würde ich so als Kern jetzt erkennen, das spielt ja in Ihrer eigenen Geschichte auch eine Rolle, denn dass Sie Pfarrerin werden, das war ja nicht unbedingt ausgemacht, oder? Es sah lange Zeit nicht so aus. Also ursprünglich wollte ich Pfarrerin werden als Jugendliche, dann auch nach der Matura. Da habe ich ja auch Theologie studiert. Konnte mich dann aber mit Anfang 20 tatsächlich gar nicht vorstellen, Pfarrerin zu werden. Ich habe mich zu jung gefühlt und wollte irgendwie auch was anderes, vielleicht aufregenderes erleben. So habe ich es mir damals vorgestellt und habe dann noch Journalismus studiert und war dann 13 Jahre lang im Journalismus. Und da sah es tatsächlich so aus, da hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich nochmal Pfarrerin werde. Das hatte ich eigentlich ziemlich aus dem Blick verloren. Dann gab es aber ein lebensveränderndes Ereignis, wenn ich das richtig weiß. Ganz genau, ja. Das war jetzt, eigentlich wirklich ziemlich genau jetzt, vor sieben Jahren, die Geburt meiner Tochter. Meine Tochter ist am 19. Dezember sieben. Meine Tochter kam nur mit einem halben Herz zur Welt. Und das war für uns damals doch ein ziemlicher Schock. Also wir wussten schon vor der Geburt, wir haben es in der Schwangerschaft erfahren, dass sie sehr, sehr schwer krank sein wird. Und das war in dem damals doch so ziemlich perfekten und auch aufregenden und schönen Leben im Journalismus, gemeinsam mit meinem Mann in der Patchwork-Familie, der alles ziemlich gut geklappt hat, eben ein ziemlicher Schock. Und ein Schock, der mich ziemlich zurückgeworfen hat auf die Frage, was trägt mich denn dann, was bleibt, wenn ich die Dinge gar nicht so in der Hand habe, wie ich gedacht habe. Und ja, das hat mich ziemlich auf meinen Glauben zurückgeworfen. Und ich glaube, mir hat das Beten und das Vertrauen auf Gott dann eben auch geholfen, in dieser schweren Zeit vor sieben Jahren sie dann auch ein bisschen loszulassen. Sie wurde ja bisher schon dreimal operiert am offenen Herzen. Und da war mir dann irgendwie klar, dass dieser Glaube und dass Gott in jedem Fall etwas ist, was mich und auch andere tragen kann und uns Halt gibt und dass ich davon berichten möchte. Mehr als von allem anderen. Deswegen bin ich dann Pfarrerin geworden. Können Sie das irgendwie beschreiben, dieses Gefühl des Gehaltenseins? Weil man redet sehr schnell von Gott und Sie haben auch Dialogie studiert und so. Das heißt aber noch alles nicht, dass man dieses Empfinden hat, oder? Was ist das eigentlich? Lässt sich das in Worte fassen? Schwer. Ich finde auch dass wir glauben ja nichts startet das ist und eben was was ich wirklich sehr schwer beschreiben lässt ich kann es am besten vergleichen mit einem urvertrauen mit dem vertrauen mit dieser hoffnung dass nicht unbedingt dass eine sache gut ausgeht aber dass Sinn macht, dass man nicht allein ist und dass da eben jemand ist, der einen hält und trägt. Es ist tatsächlich wirklich sehr, sehr schwer zu beschreiben, aber es hat was mit Vertrauen zu tun. Was brauchen Sie für sich, um in dieses Empfinden zu kommen? Sind Sie jemand, der meditiert, jemand, der betet, der eher in einer Gemeinschaft Formeln sagen muss oder Lieder singen? Oder wie stellt sich bei Ihnen das ein? Ich denke, es gibt mehrere Wege. Also für mich liegen Beten und Meditieren ziemlich nah aneinander. Also ich mag es sehr gerne nachts, wenn alle schlafen und ich noch wach bin, zu beten und dann wirklich auch in einen Zustand zu kommen, wo ich das Gefühl habe, da eröffnet sich mir was. Da komme ich Gott ganz nah. Das finde ich etwas sehr Besonderes, braucht aber eben genau diese Ruhe und Zeit. Und dann habe ich das Gefühl, Gott in Musik nahe zu kommen. Wie Sie sagen, manchmal in gemeinsam gesungenen Liedern, manchmal einfach auch nur in Musikstücken, mit der Orgel, in einem Konzert. Da habe ich das Gefühl, dass sich der Himmel irgendwie auftut und ich Gott sehr nahe komme. Haben Sie bevorzugte Musikstile? In der evangelischen Kirche ist das Singen eine viel stärkere Bedeutung als im Katholizismus. Ist es für Sie eher die klassische Musik oder sind Sie ein moderner Musikmensch, der auch bei Funk oder Hip-Hop gut spielen kann? Nein, tatsächlich eher die klassische Musik, muss ich zugeben. Ich frage auch deswegen, denn Sie sind ja, soweit ich das weiß, auf Instagram sehr aktiv mit Julian The Church. Sie machen dort wirklich ein sehr modernes Frauenbild. Sie inszenieren sich, würde ich sagen, so wie man das auch für diese Medien braucht. Was macht Ihnen daran Spaß? Wie verträgt sich das mit der traditionsbewussten klassischen Musik hören? Was mir daran grundsätzlich sehr, sehr Spaß macht, gerade an Instagram, ist, dass ich ein Medium finde, das mir sehr nah ist, wo man sehr viel Authentisches rüberbringen kann. Ich kann mich dort anders zeigen als im Talar auf der Kanzel. Ich bin dort sicher nahbarer und mehr als persongreifbar und berichte dort eben ganz, ganz niederschwellig von meinem Glauben, von meinem Alltag als Pfarrerin und auch von meinen Glaubenszweifeln und tausche mich auf eine ganz niederschwellige Art mit Menschen aus, die mir dann schreiben, die eine Story reinposten und so. Diese Art von Nähe mag ich sehr und die habe ich als Pfarrerin dann oft gar nicht so sehr, wenn ich da schon mit diesem Talar, der ja doch irgendwie auch eine Art Schutzmantel ist, dann vor den Leuten stehe. Da ist so eine gewisse natürliche Distanz da. Die spüre ich auf Instagram nicht, deswegen macht es mir dort besonders Spaß. Worauf reagieren Leute, wenn sie von sich etwas posten? Sind das tatsächlich religiöse Inhalte oder sind das eher so Lebensgeschichten, wie sie es zuerst erzählt haben über ihre Tochter, über all das, was sie da bewegt? Ich glaube, es ist beides gemischt, weil ich ja auch bei mir das eine von dem anderen nicht trennen kann. In allem, was ich auch erlebe, suche ich ja auch die Erfahrung mit Gott oder versuche rückblickend zu reflektieren, wo hat sich vielleicht Gott mir da gezeigt? Bei vielen Fragen, die ich habe, suche ich tatsächlich Antworten in der Bibel und schaue, was haben denn Menschen damals in so einer ähnlichen Situation erlebt und aufgeschrieben. Und insofern sind die Dinge, die ich auf Instagram poste, immer sehr viel mit mir und meinen Erlebnissen zu tun, aber eben auch die Reflexion hin zu Gott. Das Digitale ist ja ein großes Versprechen gerade jetzt. Wir sind ja in unserer Kommunikation, in der Live-Kommunikation momentan sehr eingeschränkt und das wird noch eine Zeit lang so bleiben, wie es sich darstellt. Was ist aus Ihrer Sicht der Nutzen dieser digitalen Medien und wie kann man das am besten einsetzen, um vielleicht nicht nur etwas zu ersetzen, was man live nicht hat, sondern sogar anders neu zu bekommen? Also die große Chance in dieser Digitalisierung der Kirche, die bisher ja noch nicht so da war, finde ich, ist, dass Menschen zeit- und ortsungebunden mit Glaubensinhalten in Berührung kommen. Vor allem der Zuspruch zu gestreamten Gottesdiensten ist ja enorm. Natürlich haben wir auch in der reellen Kirche in der Vorweihnachtszeit immer viel Zulauf. Aber dass jetzt zum Beispiel unsere Gottesdienste von bis zu 700 oder 800 Menschen angeschaut werden. Das ist natürlich sehr toll und das deckt sich mit einem Bedürfnis, dass die Menschen haben, dass sie eben nicht reduziert sein wollen auf Sonntagfrüh von 10 bis 11, sondern wenn sie Lust haben, dann möchten sie eben den Gottesdienst Sonntagnacht um 23 Uhr anschauen. Das finde ich toll. Das glaube ich eben auch, dass das bleiben muss. Ich halte die Zukunft vom Stream von Gottesdiensten für ganz wichtig. Ich glaube aber auch, dass die Chance darin liegt, dass die Kirche eine neue Sprache lernt, eben wie jetzt, wo so viele auf Instagram plötzlich als Pfarrer präsent sind oder Pfarrerin oder Podcasts machen, dass man sich nicht versteckt hinter alter Sprache, hinter Floskeln, die vielleicht noch die Kirchgeher verstehen, die das seit Jahren eingeübt haben, aber niemand anders, sondern dass man sich eben einlassen muss und junge Sprache sprechen muss, kürzer sprechen muss, knapper und konkreter mit den Botschaften. Also tatsächlich eine andere Form der Kommunikation, also eine, wo man sich verständlich machen kann. Werden wir auch eine Renaissance der Live-Kontakte erleben? Möglicherweise auch einen größeren Zuspruch zu Live-Gottesdiensten oder Live-Events? Ich würde es mir wünschen. Ich weiß es natürlich nicht. Aber ich glaube, das merken wir schon auch alle sehr jetzt gerade so kurz vor Weihnachten. Das Bedürfnis, einander zu sehen und wiederzusehen und auch zu umarmen, zu spüren, das ist schon sehr groß. Und es gibt auch eine gewisse digitale Übersättigung schon langsam. Also insofern wäre es schön. Ich kann es mir vorstellen. Ich kann nur berichten, als wir zum Beispiel noch im Lockdown waren, in dem zweiten Lockdown, hatten wir so eine Aktion, da haben wir Hoffnungssterne, also kleine Holzsterne vor unsere Kirche gehängt und haben aufgerufen, dass die Gemeindemitglieder oder alle Interessierten einfach kommen sollen, sich die abholen können umsonst und irgendwo jemandem eine Freude bereiten oder zu Hause hinhängen können. Und innerhalb von Stunden waren die weg, 300 Stück. Die Leute sind wirklich zu uns gepilgert, wollten einander irgendwie dann vielleicht auch kurz sehen und wollten was Haptisches haben. Also ja, ich glaube, diese Renaissance hin zum analogen, das könnte schon sein, dass das kommt, ja. Dass sich beides ausprägt. Ich hätte gern noch einen großen Blick gemacht als evangelische Kirche. Wir reden ja davon, dass diese Pandemie uns jetzt noch eine Zeit lang begleiten wird und dass danach auch die Chance ist, etwas zu verändern. Wo würden Sie den Beitrag Ihrer Kirche sehen? Was kann eine Kirche beitragen, um die Welt freundlicher, menschlicher danach zu gestalten? Eine große Frage. Und ich glaube, wir versuchen natürlich mit allem, was wir tun, im Kleinen und im Großen die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sei das in Sachen Seelsorge, Kranken- und Sterbebegleitung oder natürlich im Großen, wir stehen für Klimaschutz und Bewahrung der Schöpfung. Jetzt konkret mit der Pandemie, ich glaube, was wir jetzt auch versuchen, ist den Leuten ein bisschen neue Deutungsmuster an die Hand zu geben. Also ganz viele fühlen sich gestört und gegängelt durch diese ganzen Einschränkungen, die sie erfahren. Dieses unbedingte Bestehen auf der eigenen Freiheit, das finde ich alles ein bisschen schwierig. Und ich habe das Gefühl, dass wir als Kirchen dazu beitragen könnten, die Menschen auch ein bisschen dazu anzuleiten, umzudenken und zu schauen, was verstehe ich denn unter meiner eigenen Freiheit und was kann ich fürs Gemeinwohl tun und wie kann ich zum Beispiel auch in Ketten frei sein. Schwierig zu erklären, aber was wir auf jeden Fall als Predigerinnen und Prediger tun können, ist versuchen, die Menschen anzuhalten, selbst ein bisschen umzudenken und selbst dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie haben auch zwei Töchter, von einer haben wir schon gesprochen. Welche Welt wünschen Sie Ihren Töchtern? Ich glaube, zu sagen, ich wünsche ihnen eine Welt, in der es keine Pandemien und keinen Hass und keine Kriege gibt, das ist utopisch. Ich wünsche ihnen eine Welt, in der sie zumindest als Frauen die gleiche Acht und die gleichen Rechte haben wie Männer, in der es einfach keinen Unterschied macht, ob man Mann oder Frau ist und in der sie so aufgestellt sind, dass Krisen wie eben so eine Pandemie sie nicht völlig aus der Bahn wirft. Und jetzt schließen wir mit Weihnachten, wie wir begonnen haben. Demnächst ist Weihnachten. Sie haben schon von den vielen Einschränkungen gesprochen, die es gibt. Jetzt sind Sie ja Pfarrerin, Sie sind aber auch Mutter, Sie sind ja auch Tochter, Ehefrau. Worauf freuen Sie sich denn zu Weihnachten heuer, 2020? Ja, ich freue mich unheimlich auf die Gottesdienste tatsächlich. Meine Kinder spielen auch im Krippenspiel mit. Das finde ich schön, dass wir gerade diese Gottesdienste auch gemeinsam als Familie erleben können. Und danach freue ich mich auf fränkischen Sauerbraten. Wenn ich dieses Jahr schon nicht nach Hause kann, nach Deutschland, dann bringe ich ein bisschen zu Hause hierher nach Wien. Deswegen gibt es fränkischen Sauerbraten. Ja, darauf freue ich mich. Und ich danke Ihnen sehr herzlich, dass Sie bei uns zu Gast waren. Danke, Julia Schnitzlein. Danke Ihnen, dass Sie zugeschaut haben. Wieder eine Facette von Antworten auf die Frage, wie machen wir jetzt weiter? Ich darf mich an dieser Stelle bei meinem Team sehr herzlich bedanken für die Unterstützung bei diesem Podcast. Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Kommen Sie gut durch dieses spezielle Jahr 2020 und starten Sie vergnügt in das Jahr 2021. Es kann nur besser werden. Alles Gute und Dankeschön.