Ja, ganz pünktlich um 19.30 Uhr fangen wir an. Einen schönen guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Literaturinteressierte, herzlich willkommen im Stifterhaus. Mein Name ist Sarah Püringer und ich freue mich sehr, Sie heute zu zwei Buchpräsentationen begrüßen zu dürfen. Zum ersten Mal zu Gast bei uns ist heute Anna Dresker, die ihr Romandebüt Top Girls vorstellt. Der Roman ist im August 2025 im Otto Müller Verlag erschienen. Ein Auszug daraus wurde mit einem der Florianer Literaturpreise 2025 ausgezeichnet. Ich freue mich sehr, Sie heute begrüßen zu dürfen. Herzlich willkommen, Anna Dreska. Anna Dreska wurde in Bosnien geboren und ist in Oberösterreich aufgewachsen. Sie studierte Vergleichen der Literaturwissenschaft an der Universität Wien. Ihre Theaterstücke und Regiearbeiten wurden unter anderem am Volkstheater Hundsturm und am Deutschen Staatstheater Timi Schoare gezeigt. Für ihre Arbeit erhielt sie mehrere Stipendien und Literaturpreise, darunter den Hauptpreis der Exil-Literaturpreise, den Sonderpreis des Wiener Werkstattpreises sowie das Dramatikstipendium der Stadt Wien. Auf 117 Seiten entwirft Anna Dresker das Panorama einer Generation zwischen Exzess, Schlaflosigkeit und Sehnsucht im herbstlichen Wien. Zum Rhythmus des High Heels-Geklapper des titelgebenden Top Girls am Ende der Halbgasse sucht die Protagonistin Liv nach Zugehörigkeit. Diese Top Girls, also die sechs Arbeiterinnen im 7. Wiener Bezirk, werden dabei zu Beobachterinnen einer Geschichte, die mit einer durchzechten Partynacht und der Suche nach einer verschwundenen Freundin beginnt. Mit poetischer Sensibilität und subtiler Ironie erzählt Anna Treska von städtischer Erschöpfung, von brüchiger Fassade und dem Moment, in dem Zusammenbrechen zur Chance wird. Zukunftsträume platzen, endlose Nächte, WG-Partys und Theaterproben gehen an die Substanz. Top Girls ist eine Geschichte des Erwachsenwerdens, die mit viel Glitzer beginnt und mit einem schmerzhaften Bruch endet, der benahe Erlösung sein kann. Nun zu unserer zweiten Gästin. Ich darf auch heute ganz herzlich Mieze Medusa begrüßen, die ihren neuen Roman, hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es genauso gemacht, vorstellt, der im vergangenen September im Residenzverlag erschienen ist. Herzlich willkommen, Mieze Medusa. Ja, Mieze Medusa war bereits mehrfach zu Gast bei uns im Stifterhaus, zuletzt 2022 mit Was über Frauen geredet wird. Doris Mitterbacher, wie sie im bürgerlichen Namen heißt, lebt in Wien. Von September bis November 2025 war sie als Stadtschreiberin in Wels tätig. Seit 2002 steht sie als Rapperin, Spoken-Word-Performerin auf internationalen Bühnen. Ihr literarisches Debüt erschien 2008 mit dem Roman Freischnorcheln und seither veröffentlicht sie Prosa, Poetry-Slam-Texte, Tonträger des Hip-Hop-Dos Mieze Medusa und Tenderboy, sowie zahlreiche Theater- und musikalisch-experimentelle Projekte. In ihrem neuen Roman erzählt Mieze Medusa von den Herausforderungen einer Mutter-Tochter-Beziehung, die einer Distanz von rund 18.000 Kilometer standhalten muss. Die Protagonistin Melanie ringt damit, dass ihr Ex-Partner die gemeinsame Tochter Adele mit nach Neuseeland genommen hat. Gleichzeitig versucht sie, ihr Leben in Wien zu organisieren, sich finanziell über Wasser zu halten und ihren eigenen Wurzeln nachzuspüren. Auch wenn Melanie nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat, hat sie ihr Weg genau dorthin geführt, wo sie heute steht. Zu einem Job in einem feministischen Hotelprojekt und zu verlässlichen Freundschaften. In Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es genauso gemacht, verbindet Mieze Medusa Herz und Humor mit einem klaren Blick auf Solidarität und die Stärke weiblicher Netzwerke. Und zum Schluss darf ich noch die Moderatorin des Abends vorstellen, Dominika Meindl. Schön, dass du da bist. Dominika Meindl ist gebürtige Linzerin, Moderatorin sowie Autorin und regelmäßig bei uns zu Gast im Haus. Sie organisiert literarische Veranstaltungen, leitet die Original-Linzer-Worte und ist Sprecherin der GAF Oberösterreich. In ihrem ersten Roman, Selbe Stadt, Anderer Planet, der 2024 im Pikus Verlag erschienen ist, war sie auch bei uns im Haus zu Gast und derzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman, der den Titel Die Raumforderung tragen wird und ebenfalls bei Pikus im Herbst erscheinen wird. Ich wünsche uns allen einen schönen Abend und darf nun das Wort an unsere Gäste übergeben. Herzlichen Dank. Ich habe schon wieder alles vorbereitet und dabei sagst du das eh immer. Jetzt muss ich dann schauen, was übrig bleibt, was ich noch triftiges zu den beiden lieben Gästinnen und ihren, ich nehme es vorweg, wunderbaren Büchern sagen werde. Ich habe nicht gefragt, wer heute den Büchertisch übernimmt. Buchhandlung Neugebauer. Liebe Grüße nach hinten und Sie kennen sie aus. Sie können ganz leise, während ich spreche, zum Büchertisch schon gehen und Sie ganz leise die Bücher kaufen und sie noch resignieren lassen, aber während gelesen wird nicht. Oder Sie machen es wirklich so leise, dass es nicht stört. Also Top Girls und hätte ich es vorgewusst, hätte ich es genauso gemacht. Das Schöne ist, dass ich beide Autorinnen schon kenne und ob das jetzt germanistisch relevant ist, für mich ist es persönlich relevant und auch sehr mag. Der große Unterschied ist, dass ich Mithil Medusa seit heuer 20 Jahren kenne. Ihre, sie hat sich besser gehalten als ich. Und sie wirklich, ich komme dazu noch, also wenn es der Recht ist, möchte ich auch über die Spokenwörter-Szene sprechen. Sie ist wirklich, wirklich eine Wegbereiterin. Und im Dezember bin ich ins Everdinger Gastzimmer gefahren, um mir eine Dretzgers-Lesung anzuhören und der Start ist uns auch gut gelungen, weil sie unbedingt zu meinem Hund Hallo sagen wollten und mich vorher gefragt hat. Wir sind aber dann auch über Literarisches ins Gespräch gekommen und ich entschuldige mich bei ihr, wir wollten den Hund eigentlich einschmuggeln darunter. Das haben wir jetzt nicht gemacht, aus Ehrlichkeit, gegenüber dem Stifterhaus. Aber schöner wäre es so gewesen. Anna, bevor ich dich dann zur Lesung heraufbitte, vielleicht noch, die Texte sind sehr unterschiedlich, Sie werden das gleich mit Ihren eigenen Ohren hören können, natürlich. Es gibt Gemeinsamkeiten. eigenen Ohren hören können natürlich. Es gibt Gemeinsamkeiten. Die ich festgestellt habe, waren beide Autorinnen arbeiten sehr stark über die Performance. Also es gibt quasi einen Körper, der auf der Bühne steht und diesen Text präsentiert. Das ist jetzt bei einer Lesung ein bisschen banal, die Feststellung. Aber es ist wirklich verkörperte Literatur, die einen Rhythmus hat, die Anna kommt eben vom Theater und Mieze vom Poet, wie es nennt man das, vom Spoken Word, und das finde ich prägt auch die Texte, auch wenn sie jetzt, man kann es ja super herlesen, still zu Hause. In beiden Büchern spielt Wien eine große Rolle, über die wir sprechen werden, jeweils ganz interessante, unterschiedliche Rolle. Beide schreiben keine Idyllen, auch das Landleben ist keine Option. Und beide wissen genau Bescheid über die Hierarchien im Patriarchat. Liebe Anna, darf ich dich zu mir bitten, jetzt muss ich wirklich nur schauen, was ich noch ergänzen könnte. Ganz weniges, ich kann nur verraten, du bist in Steyr aufgewachsen, seit 1991. Richtig, ja. Lebst aber schon lange nicht mehr in Steyr, sondern in Wien. Genau, ja. Und du hast schon lange, schreibst du Prosa und veröffentlichst das in Anthologien. Das ist jetzt der große Debütroman. Du warst doch bei den O-Tönen. Ja, das ist richtig. Eine tolle Erfahrung, oder? Ja, ja. Also ich finde es da auch voll schön, aber es sind glaube ich 500 Menschen, die das getanzt haben. Es ist wirklich viel und man spürt das dann auch beim Lesen. Es ist so eine geballte Energie, die man, ja, die einwirkt quasi. Also ich würde dann gerne nach der Lesung darüber sprechen, das sollte nicht uncharmant klingen, aber ich glaube, man kann sagen, es ist ein spätes Debüt, wenn man das als uncharmant zurückkommt. Ich glaube, wenn du jetzt über die Bahn bist, dann weißt du ja schon so lange, dein Talent zeigst und eben auch schon während des Studiums, du hast Vergleichende Literaturwissenschaften studiert und hast da aber auch schon angefangen, am Theater zu arbeiten. In der Biografie steht Regiearbeiten, hast du als Regisseurin gearbeitet? Ja, also ich bin während meines Studiums ganz schnell mit der Wiener Theater-Szene in Berührung gekommen und ich habe dann Regieassistenz gemacht bei Theaterkombinat und war dann auch noch bei einer anderen Produktion dabei und habe dann später auch einen Theaterverein gegründet und wir waren gemeinsam ein paar Dramaturgen, Regisseure und Autoren und wir haben gemeinsam Texte geschrieben und auch Texte inszeniert und auch Produktion gemacht von den Texten und so weiter. Also das war alles im Zuge von diesem Theaterverein. Und Top Girls ist, also es ist nur ein scheinbar dünner Roman, mir hat es beim Lesen viel Freude gemacht. Er ist recht dicht. Gut, das ist dann immer so, das ist so schnell hererklärt. Naja, die kommt vom Theater, die schreibt natürlich szenisch, aber es ist wirklich auffällig und bildet auch einen starken Lesegenuss. Also dieses Szenische. Aber ich möchte dann darüber noch eingehender sprechen mit dir. Jetzt schaue ich kurz noch.hender sprechen mit dir. Ich habe so viel vorbereitet. Es ist schon so viel gesagt worden. Danke nochmal, Sarah. Egozentrischer Künstler. Ja genau, mit den Intendanten müssen wir noch sprechen. Liv ist die Protagonistin, eine Tänzerin. Das war dir auch wichtig, dass es eine Tänzerin ist, um ihre körperliche Präsenz in die Prosa reinzubringen. Richtig, genau. Das passiert ja oft, also mir passiert das beim Lesen, dass mir einfach Körper abgeht. Und da wollte ich eben mit Tanz, also indem ich eine Protagonistin durch das Buch marschieren lasse, die mehr tanzt quasi als geht, weil das ihr Beruf ist, so habe ich mehr Möglichkeiten auch gehabt, das vom Text her so zu gestalten. Also diese Intensitäten, Rhythmen, Bewegungen und so weiter, Choreografien, die kamen dann ganz automatisch rein. Und es ist ein unruhiges Buch, die Protagonistin Lief ist in prekären Verhältnissen im 7. Bezirk, in der Halbgasse, in einer WG, die aber keine Studierenden-WG mehr ist, auch in der Liebe, ist viel zu viel in der Schwebe beruflich. Ich nehme es jetzt nicht mehr vorweg, aber ich habe das ganz interessant gefunden, dass sie auf eine bestimmte Art eine Unzuverlässige erzählt. Und dann aber wieder unfassbar exakt in ihrer Wahrnehmung. Ich glaube, jetzt ist ein guter Zeitpunkt für eine Lesung, damit Sie, ich hoffe, Sie wissen dann sofort, was ich meine. Und dann sprechen wir noch. Also ich werde gleich mal das erste Kapitel lesen. Glitter Edition. Ich stand zwar aufrecht, schwanket aber, ein wenig aus dem Rhythmus gefallen, taktlos irgendwie, während Dana auf dem Küchentisch, eingewickelt in eine zartrosa Federbohr, ein dreckiges Geschirrtuch auf einen Typen warf, der in der Ecke kauerte, als ob er in den Mutterschoß zurückriechen wollte. Tom stand auf der Bettkante, hob sein Bier, wackelte mit den Hüften, trank vom Bier, verschüttete es auf den nackten Oberkörper, trank weiter, während der Rest von ihm zappelte, sein Körper also wie ein leeres Lautbild fern jeglicher Vorstellung von Motorik. Berliner Luft wurde ausgeschenkt, das Zeug glitzerte wie ein leiser Minelli in den 80ern. Dana nahm einen Schluck, dann noch einen, grinste durch ihre schwarzen Haare, die strähnchenweise ins Gesicht hingen. Ein Glas zerbrach nebenan, eine halb verbrannte Zigarette neben dem Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch, wo sie einen Brandfleck hinterlassen wird. Einer fiel über ein Stromkabel, fiel auf Dana, beide fielen sie auf den Boden und blieben dort eine Weile, so lange, bis ich sie aus den Augen verlor. Jedes Zimmer war bis zum Rand voll, bis zum Rand voll war die Musik aufgedreht, in jedem Zimmer ein anderer Sound. Im Gang kam alles zusammen und überschlug sich mit den Stimmen der Leute, die noch mal eins drauflegen mussten, um über den Soundteppich zu kommen. Deshalb waren die, die sich im Gang aufhielten, verstörter, als sie es ohnehin waren. Einige schrien sich an, als ob sie alles an schwerhörig wären. Ungefähr so. Ja, lass uns das morgen machen, sagte ich doch. Unmöglich. Noch ein Bier? Also doch morgen? Er sitzt am Klo. Sag ihm, dass ich nachkommen werde. Wo ist er? Er sitzt am Klo. Scheiß Musik hier, was? Ich weiß nicht, wo er ist. Wo? Sagte ich doch. Zu viele Menschen in einem Raum ging mir durch den Kopf, aber egal wie viele man sich vorstellte, die Hälfte davon musste gestrichen werden, denn ich sah bereits doppelt. Dogmatiker, Weltverbesserer, Fanatiker, Pessimisten, Schwerhörige, Verloren und Wiedergefundene, auf der Strecke gebliebene, Vollzeitbeschäftigte und Arbeitslose in Serie. Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, vereinheitlicht aber nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort, zu einer fragwürdigen Mischung aus Elektroswing und Pop. Selbsternannte Beat- Poeten trällerten auf Teufel kommt raus, irgendwas mit Reloaded featuring sonst was. Hast du Nore gesehen? fragte ich einen von ihnen, den ich aus dem Haufen gezogen hatte. Wer ist Nore? Ich öffnete das Fenster, beugte mich ein wenig hinaus, um einen Blick auf die Halbgasse zu werfen. Kein Nore. Obwohl er mir versprochen hatte, nach Hause zu kommen, so wie er vieles verspricht, wenig davon einhält, nur das tut, was ihm gut tut, nämlich Ruinen fotografieren, verlassene U-Bahn-Schächte, verlassene Häuser, U-Bahn-Schächte, alte Fabriken, die so lost und leer wie er waren. Es war einer jener Abende, die mit einem Versprechen beginnen und mit der üblichen Enttäuschung enden. Am nächsten Morgen bleibt einem nichts, als der glitschige Körper im Nachtschweiß nackt ausgedünstet, angeschwollen, wie ein Brotteig aufgegangen. Liv, was ist? Da liegt ein Typ fett und nackt in unserer Badewanne, sagt mir Dana und steckte sich ihre zuvor geschnorrte Chick in den Mund, zündete sie an, das vordere Ende der Zigarette glühte auf, verbrannte ein Stück weit. Ich wollte mir gerade eine Bierdose aus der Wanne holen und da lag er im Wasser, einfach so zwischen den Bierdosenliff. Er kommt nicht, das weißt du nicht. Es kam mir so vor, als ob jemand in Norris Kopf mit einem Radiergummi spazieren ginge und meine Biografie ausradierte. Zunächst nur ein paar Jahreszahlen, wodurch er jegliches zeitgefühl für mich verloren und dann die orte die mit mir verschwanden und irgendwann meinen namen vorerst nur ein zwei buchstaben so dass mein name durch löcher zu dessen kaum mehr aussprechen konnte und dann den rest bis ich aus seinem kopf verschwunden war da seid ihr alle die dramaturgin um amt dana woher kommst du auf einmal dann um die dramaturgin Theater, wo auch ihr hättet sein müssen. Ich konnte nicht, ich bin krank, siehst du doch. Dana streckte die Arme aus, wackelte ein wenig, ging ein paar Schritte zurück, grinste rückwärts hinein in die Menge, die etwas andere Krankheit. Ich habe Nori getroffen, Fragezeichen Theater, Fragezeichen Schulterzucken. Die Dramaturgin hatte das halbe Ensemble zur Party mitgenommen, das gerade mitten im Wohnzimmer stand, die Köpfe nach allen Seiten hintrete, beeindruckt vom großzügigen Stil-Altbau der Jahrhundertwende. Wobei sich die Tapeten von den Wänden langsam lösten, der Boden zerkratzt und an einigen Stellen ausgeblichen, antiquierte Möbel phrasenhaft im Raum verteilt, Türschnallen abgegriffen. Summa summarum hatte die Wohnung den Charme stilvoller Verwesung. Was ist das für eine Farbe? Blau, Gold, Grün? fragte die Kostümassistentin und deutete auf die Tapetenwände, die barock und dekadent hochziehen. Blau, Schimmelblau, sagte ich im Vorbeigehen und nahm mir den mitgebrachten Wodka aus der Hand. Liv, hallo, du auch da? Ja, ich wohne hier. Du wohnst hier, sagte ich gerade. Das ist dann wohl deine Feier. Nein, ich wurde mit reingezogen. Reingezogen? Wieso er alles wiederhole, was ich sage, wollte ich von ihm wissen. Und wie heißt du nochmal? David, ein junger Hospitant, wollte nur freundlich sein. Also gingen wir wieder über, David und ich, zu was nochmal? Fragen, keine Fragen, Antworten ohne Fragen. Ich soll von mir erzählen, danke, aber nein. Kurze Zeit später saß ich weiter drüben auf dem Sofa neben einem Typen, der Ovids Metamorphosen in den Händen hielt, so tat, als ob er noch lesen könnte. Mit dem Zeigefinger strich er die Zeilen entlang, rutschte ab, las im übernächsten Absatz weiter. Tom setzte sich zu mir, die Dramaturgin zog den Ovid-Leser am Arm, hob ihn hoch, setzte ihn am Boden wieder ab und nahm seinen Platz neben Tom ein, der seinen Kopf auf den Arm, seinen Ellbogen an der Sofa-Lehne aufgestützt von der Lehne abrutschte. Von irgendwoher stolperte Dana, fiel fast zu Boden, renkte sich wieder ein, stellte sich vor uns auf, holte Luft und begann zu sprechen. Bla bla. Ich wollte etwas sagen, dann doch nicht, dann aber. Kann jemand den Stecker ziehen? sagen dann doch nicht, dann aber, kann jemand den Stecker ziehen? Ein anderer fragte, woher ich den Wodka hätte, von der da. Ich zeigte auf die Kostümassistentin, die vor den Tapetenwänden stand, sie zärtlich berührte. Und ich? Ich will nicht mehr ins Theater. Ist es das Tanzen? fragte Tom. Nein, es ist das Herz. Du musst mehr an dir arbeiten, Selbstreflexion und so weiter, sagte er, während ihm der Wodka wieder aus dem Mund lief. Das ist doch Wodka, fragte Dana und schaute dabei wie ein schockierter Emoji dran. Scheiß Selbstreflexion, immer liegt es an einem selbst, mir fehlt die Zeit, als wir uns noch auf Arschlöcher einigen konnten, sagte ich, wie berauscht von einer Schwarz-Weiß-Romantik jener Partisanenkämpfe auf alten Röhrenbildschirmen. Ob wir je wieder Feinde haben werden? Plötzlich flog von irgendwoher ein roter BH ein Tom vorbei und landete auf der linken Backe eines Jungschauspielers, die Hand auf der Wange wie nach einer Ohrfeige. Jetzt schielt er mit einem Gesichtsausdruck frühreifer Geilheit durch die Menge hindurch zu einem Busen, der auf und ab und auf und ab und auf hüpfte. Ich stellte mich ans Fenster und warf einen Blick raus, hinaus in das mir schon unheimlich gewordene Draußen. Aber nichts, nichts, bis auf das heilige Klapper der Top Girls auf der Straße am Ende der Halbgasse, die für eine Zigarettenlänge herauskamen, sich dann wieder in die lauwarmen Schweißhände ihrer Freier verzogen, während andere an ihnen vorüber, halbtrunken oder dicht bis zum Rand, gerade noch die Kurve kratzten in ihren Schlangenlinien und wieder andere ausweichen mussten, damit sie ihnen nicht vor die Füße kotzen. Dann ging ein Fenster auf, es war alte gegenüber die jede nacht eingehüllt in eine decke am fenster stand und auf die straße hinunter sah manchmal winkte sie mir zu manchmal winkte ich zurück die meiste zeit jedoch ignorierten wir uns sie griff sich in die grauen locken holte ein paar lose heraus und ließ die ganze fünf Stockwerke tief auf den Asphalt fallen. Und dann stützte sie ihre Ellbogen auf die Fensterbank, so, genau so, wie es auch ich bald schon jede Nacht tun werde. Denn dann wird es nicht lange dauern und meine Ellbogen werden rötlich abgeschürft sein. Unmengen an Hautzellen werden mir abfallen, wobei die abgenutzte Haut der Unterarme irgendwann neue Hautzellen produzieren wird, die dafür sorgen werden, dass ich eine völlig neue Haut bekomme. Rauer, resistenter, unschön jedoch. Aber noch war es noch nicht so weit gekommen, noch wusste ich nicht, was da auf mich zukommen würde, obwohl ich es hätte ahnen können. Ich machte das Fenster zu, ging durch die Menge, die etwas aufgeheizt in der Mitte an den Rändern schon abgeschwächt, und legte mich aufs Sofa. Langsam fielen mir die Augen zu, kein Ohr also, ging mir durch den Kopf, als ich noch einmal aufblickte, hinein in die Menge, durch die Menge hindurch, und die Menge zerbröselte wie eine Bildstörung. die Menge durch die Menge hindurch und die Menge zerbröselte wie eine Bildstörung. Ja, es ist eine Party, wo man selbst Gästin sein möchte, aber nicht aufräumen möchte am nächsten Tag. Genau beim ersten Lesen habe ich mir gedacht, das ist eine total junge Thematik, also so leicht ausufernde Studi-Partys in der Bude, wo dann immer mehr Leute sind, man kennt es gar nicht, aber man ist schon vorbereitet, dass es ernst wird. Es ist auch da schon ernst. Mir hat sehr gut gefallen, diese Mischung aus. Also es wird dann auch tragisch, ich will jetzt gar nicht so viel spoilern, außer du liest es dann vorher. Also man merkt schon von Anfang an, die Beziehung zu den Eltern ist gestört oder in dem Sinn nicht vorhanden. Da gibt es Probleme mit der Mutter und dann kommt immer noch die tragische Nachricht, die Mutter habe sich umgebracht. Okay. Es geht der Protagonistin auch wirklich nicht gut, über die Arbeit möchte ich noch gesondert sprechen, und trotzdem gibt es Passagen, die sind durch die scharfe Beobachtung vielleicht nur so witzig, und es sind alle nur halbherzig anwesend, ich fühle das. Oder sie steht im Wald und schaut und ist traurig und fragt sich, warum war ich kein Teil dieser Bio-Orgie? Oder sie beobachtet einen Dackel, der alle Anbieter, die reingehen, aber beim Rausgehen lässt er die Endverbraucher unbehelligt. Ich will jetzt nicht, das schreibst du absichtlich witzig, aber mich interessiert wirklich dieser Schreibprozess, du willst ja nicht nur das Tragische und Dunkle darstellen, wohl auch. Ich glaube, das ist keine bewusste Entscheidung, vielleicht kann man das so erklären, dass ich ja, ich komme ja vom Balkan, im Balkan ist es so, dass man ja durchaus bei einer Beerdigung sein kann und Tränen lacht, weil alles so lustig ist und mir die Leute nur Witze erzählen. Also es ist auch in meiner Familie so, dass wirklich Tragik und Komik ganz, ganz nah beieinander liegen. Und das ist ja wirklich ein total lakonischer Stil. Ja, genau. Also ich würde meinen, dass es vielleicht daran liegt. Und wir haben auch vorhin darüber gesprochen, dass ich es nicht so gern habe, mich zu langweilen, wenn ich lese und auch nicht, wenn ich selber schreibe. Also ich mag auch quasi mich ein bisschen unterhalten selber. du brauchst Unruhe beim Schreiben, also du willst selbst nicht zur Ruhe kommen. Das habe ich sehr interessiert. Und von mir her, ich bin eine starke Prokrastinatörin, alles lenkt mich ab, der eigene Atem. Du musst wohin gehen, wo du auch nicht gestört, aber wo du nicht versinkst beim Schreiben. Ja, also es kommt darauf an, was ich gerade schreibe und was ich gerade brauche. Ich bin schon gerne zu Hause und schreibe alleine vor mich hin und ich wohne auch im Wald, also am Stadtrand von Wien, gleich beim Wiener Wald und ich habe das schon gern auch, aber es gibt immer wieder Momente, wo ich raus muss und ich gehe wirklich ins lauteste Kaffeehaus und setze mich hin und schaffe es dann, das auszublenden und das wird aber so, das kriegt so einen kreativen Schub, dass mir meistens dann wirklich viel gelingt im Kaffeehaus, wo es super laut ist. Ich weiß auch von dir, liebe Mieze, du kannst auch im Zug richtig schreiben. Ja, oder Zug. Ich bewundere euch. Nicht nur deswegen. Ich habe dich gar nicht gefragt, dass die zweite Passage sein wird. Vielleicht gelingt es mir, eine überleitende Frage noch zu stellen. Oder du liest einfach. Ja, es geht jetzt darum, dass sie, die meiste Zeit spielt sich eigentlich eh in Wien ab. Sie wird aber dann doch irgendwann, nachdem sich die Mutter das Leben nimmt, nach Hause berufen, quasi von ihrem Vater und dort angekommen. Also sie hat im Prinzip schon Schwierigkeiten überhaupt, nach Hause zu kommen, weil sie in so eine Art Schockstarre verfällt. Und als sie dann dort ist, am Land, hat sie dann Schwierigkeiten, wieder zurückzufinden und also wieder aus dem Dorf hinauszufinden. Und ich werde da jetzt mal ansetzen. Die Nacht über lag ich ausgestreckt auf dem Bett, ein Fuß hing schlapp über der Bettkante, während draußen der Schnee fiel. Ich war wach, als Nore leise zusammenpackte, kurz bevor es hell wurde. Und als auch Vater aufgestanden, schlief ich zu meiner Verwunderung ein, kurz aber nur, da mich etwas aus dem Schlaf riss. Es war das Gefühl, etwas vergessen, nein, etwas verloren zu haben, als ob ein Stück von mir abgefallen wäre. Und so ging ich vergrüppelt in die Küche, während mir einfiel, dass Nore nicht mehr in Wien sein würde, wenn ich dorthin zurück, wann das sein wird, fragte Vater. Ich hatte mich beinahe an Vater gewöhnt, hatte immer weniger das Bedürfnis, ihn mit dem Fliederkissen zu ersticken, ein Bedürfnis wie ein Zucken, dem ich nie nachgab, so dass wir morgens gemeinsam am Tisch sitzen konnten, wie jetzt gerade unseren Kaffee tranken. Er mir erzählte, was er tagsüber vorhatte, nämlich ein paar Bäume zu fällen. Vater war Förster und hatte diese Tage alle Hände voll zu tun. Borkenkäfer, sagte er. Durch die vom Klimawandel verursachte Hitze würden sie sich rasant vermehren und jeden Baum, auf dem sie herumkrabbelten, zerstören. Die sterben uns ab, die Wälder, wenn wir nichts tun, meinte Vater und ich, dass es mir nicht entgangen sei. Nicht mal in die Natur kann man sich noch retten, kann man überhaupt noch etwas retten, ging mir durch den Kopf. Also fragte ich Vater, warum er Mutter hatte, sterben lassen. Du weißt nichts, Olivia, sagte er, nichts weißt du und das ist auch gut so, aber deine Mutter, das solltest du wissen, war krank, schwer krank. ist auch gut so, aber deine Mutter, das solltest du wissen, war krank, schwer krank. Sie ließ sich nicht helfen. Warum er mir das nie erzählt hatte? Weil ich schwer erreichbar war, immer zu beschäftigt und weil du, sagte er, nichts hättest machen können, das konnte niemand. Warum Mütter krank werden, fragte mich Dana später am Telefon, als ich sie nicht mehr abwimmeln konnte. Ich lenkte ab, fragte nach den Top-Girls, den verpatzten Premieren, Lovern, Hatern, dem Nightlife, den Exzessen, der Langeweile und ich lauschte einem Gossip nach dem anderen. Er hat nach dir gefragt. Hat er, sozusagen, was genau, wann du wieder in Wien bist? Er will mich zurück, nein, aber das Kostüm. Wann kommst du wirklich, wollte Dana wissen, bald, sagte ich und legte auf. Wie lange war ich schon da in diesem verkackten Dorf, Tage, Wochen, ich sollte wieder zurück, sollte ich. Es war kalt, noch kälter geworden und so zog ich zwei paar dicke Socken, ein T-Shirt, dann noch eines, drüber Mutters Mantel, zog ich zweipartige Socken, ein T-Shirt, dann noch eines, drüber Mutters Mantel, drüber Mutters dicken Pullover aus Schuhwolle, zog auch ihren Wintermantel an und ging hinaus, denn ich musste gehen, vielleicht würde ich aus diesem Dorf wieder hinausfinden, wenn ich nur lange genug ging und so ging ich, die Straße hinunter bis zur Abzweigung, wo eine andere Straße zum Dorfplatz führte, Straße zum Dorfplatz führte, vorbei an dem Altenheim, wo Mutter gearbeitet hatte, davor eine fiktive Haltestelle, die nach langjähriger Forderung von Mutter letztes Jahr aufgestellt worden war. Eine Haltestelle wie jede andere mit einem Fahrplan, einem Werbeplakat der hiesigen Bauernpartei, einer Sitzbank, wo die Altenheimbewohner saßen, warteten. Kein Bus kam, niemals, zu keiner Uhrzeit blieb hier ein Bus stehen. Es ist so, dass, wie Mutter mir erzählt hatte, Menschen, wenn sie beginnen, ihre Erinnerungen zu verlieren, nichts als nach Hause wollen, weshalb sie aus den Altersheimen ausbrechen, manche mitten in der Nacht auf die Straße laufen, hinaus ins Freie, sich dort verlieren. Den Drang nach Hause zu wollen, kann man mit keinem Beruhigungsmittel ausschalten, so Mutter, also stellte man diese Fake-Haltestellen auf, an der die alten Heimbewohnerinnen auf dem Bus warteten, und zwar so lange, bis sie vergaßen, warum sie überhaupt an einer Haltestelle waren und wieder von alleine zurück ins Heim gingen. Oder als Verlorene und Verlorengegangene so lange dort blieben, bis sie vom Pflegepersonal aufgesammelt wurden. Als ich daran vorbeiging, saß gerade eine alte Frau an der Haltestelle. Sie schien zu schlafen. Also ging ich leise an ihr vorüber, als plötzlich Rita. Mir wurde kurz übel. Ich ging weiter, nochmal Rita. Ich drehte mich um. Sie winkte mich zu ihr, ich aber zögerte. Rita, sagte sie, wo warst du die ganze Zeit? Ich weiß genau, etwas heimisch lächelte sie, dass du heute Dienst hast. Es war Mutters Mantel, der sie dazu brachte, mich für Mutter zu halten. Es dauerte eine Weile, bis ich mich überwunden hatte, ihr näher zu kommen, wegen all der Starre in meinem Körper und so weiter, wobei mir das Herz raste, sie aber nur lächelte, als ich mich neben sie auf die Bank setzte luft holte bevor ich ihr geradewegs in die augen sah musste so sein denn in ihrem gesicht all die zeiten die sich darin eingeschrieben hatten der üblich sanfte gleichmut jener die das leben fast hinter sich gebracht haben du weißt doch sagt sie dass mir josef den pudding stiehlt. Josef, der alte Schuft, der hat er schon wieder getan. Ja, ja, das hat er sie ganz aufgeregt. So habe ich gemacht, Zeigefinger. Warte nur, bis Rita kommt, habe ich ihm gesagt. Und soll ich dir sagen, was er gesagt hat? Soll ich? Ja, was? Flüssend, Rita kommt nicht mehr. Aber da bist du ja. Sie nimmt meine Hand, fragt Mutter, ob Olivia schon nach Hause gekommen sei oder muss sie schon wieder tanzen, die Arme. Nein, jetzt nicht mehr. Dann kommt sie dich endlich besuchen, ja? Ich drücke ihre Hand und irgendwann sagt sie mir, wein doch nicht, sie kommt ja bald. Noch nie zuvor hat mich jemand weinen gesehen. Niemals, zu keinem Zeitpunkt ließ ich jemanden in mich hineinsehen, dorthin sehen, wo nicht mal ich hinsah. Und so zeigte ich meinen Schmerz erst jener Person, die es bald darauf vergessen wird. Sie nickte ein. Ich hielt ihre Hand, während ich schlief, und kein Bus kam. Nichts rollte die Straße entlang. Niemand ging auf uns zu. Keiner von uns weg. Niemand war da. Niemand bis auf Mutter. Entschuldigen Sie bitte. Sie zieht Ihre Hand von mir weg. Wann kommt der nächste Bus? Bald, sagte ich. Das ist eine schöne Szene, weil zwar so ganz unterschiedliche Unbehaustheiten aufeinanderstoßen. Also die demente Frau und Liv, die keine Beruhigungsmittel brauchen würde, um nicht nach Hause zu wollen. Es ist ein bisschen eine generalisierende Frage, aber ich habe von dir, ich habe dich über dein Erzählensprechen gehört, also ich glaube, du bist vorbereitet auf die große Frage, worum es dir geht beim Erzählen. Ach so, nein, ich will nicht. Ich kann das vorlesen, was du vor einigen Monaten gesagt hast. Was habe ich gesagt? Das ist angenehm, dass es dir auch so geht, es ist total schön. Es geht um eine Huldigung der Sprache, Sprache als Rettungsring. Ja, ah, ja. Schön, oder? Ja. Das habe ich gesagt. Nein, du hast, also in Everding habt ihr gesprochen über eben die Unterschiede zwischen, das würde mich dann auch, oder das Publikum wahrscheinlich auch interessieren, die Unterschiede beim dramatischen Schreiben, also fürs Theater und für dich, für ein Buch, beim stilleren Schreiben. Und du hast gesagt, letzten Endes geht es immer ums Erzählen. Und das Erzählen sei eine Huldigung der Sprache und die Sprache wiederum eine Rettung oder auch die Erzählung eine Rettung. Klingt das jetzt nach dir? Ja, doch. Ich habe es schon kurz passend gefunden zum Buch. Ja, Sprache oder Fiktion an sich, ich finde ja auch den Moment sehr befreiend, wo ich nicht ich sein kann und weshalb ich auch ein bisschen mit autobiografischer literatur ein problem habe einfach nur deswegen weil die ganze kraft dadurch verloren geht wenn ich nicht mich quasi auf eine person einlassen kann die nicht ich bin also wenn ich zum beispiel mal angenommen dass die eske und über hunderte von seiten folge ich einer person ich mache das ja sonst nicht in meinem Leben, sonst passiert das nicht. Und ich kann mich so einfühlen oder einfinden, dass dadurch auch etwas quasi entschleunigt wird von außen und im Inneren sich vielleicht etwas tut und erst da für mich auch Veränderung möglich ist. Das ist es so, finde ich, nicht, wenn ich bei mir oder das andere nicht mitdenke, so ungefähr. Und die Orte sind wichtig. Das ist dann vielleicht jetzt schon die Überleitung eben zum Schreiben fürs Theater. Du schreibst auch über das Theater in diesem Buch. Also die Tänzerin Liv ist ja bei einer Produktion angestickelt an den Orten, wo sich die Konflikte entspinnen. Du hast gesagt, fürs Theater hat man weniger Zeit für Ausschweifungen und es muss alles dargestellt sein. Also auch in der Literatur gilt ja die Regel show, don't tell. Du hättest mehr Zeit für Ausschweifungen, aber Sarah hat schon gesagt, das sind 117 Seiten, das hat keine Ausschweifungen drin. Epische Ausschweifungen. Ja, ja, genau. Naja, ja, aber 117 Seiten wären wirklich auch sehr viel für ein Theaterstück. Also wenn man es so sieht, vielleicht dann doch. Also für Stifterhausverhältnisse, es wird nicht ausgeschwiffen. Ja, man kann ja schon auch im Theater ausschweifen, also man tut das ja auch. Aber es ist, man hat halt nur die eine Chance in dem Moment wo das stück gerade inszeniert wird da ist das publikum da die schauspielerinnen sind da und dem moment passiert etwas um das passiert nur jetzt und in dem moment und sonst nie wieder und das hat beim bernhard rosa in der form so nicht also das macht kann ich kann ja wieder wenn ich etwas zum Beispiel übersehen habe oder nicht verstanden habe, kann ich zurückblättern und nochmal nachsehen, nachlesen. Das kann ich halt im Theater nicht machen. Ich kann nicht sagen, Moment, stehenbleiben, können Sie wieder nochmal die Szene machen. Das geht nicht. Das ist so in diesem Moment verhaftet und das finde ich auch gut am Theater. Das finde ich auch interessant. Aber das ist es beim Prosa jetzt so nicht. Und dieses illusorische Bedürfnis, dass man sein Geschriebenes unter Kontrolle hält, ist es stärker, wenn du etwas inszenierst und auf die Bühne bringst? So habe ich das gemeint, so würde ich das jetzt sehen. Während man ja bei einem Roman, das gibt einen Weg und das ist dann den anderen überlassen. Macht das einen Unterschied für dich? Ja, also wenn ich es selber inszeniere, dann kann ich ja bis zuletzt noch den Text ändern. Und das tue ich dann auch wirklich. Aber auch wenn es jemand anderer inszeniert, dann ist es für mich auch ein, ja ich finde es super, dass ich es dann nicht machen muss. Das ist halt ein Roman. Überarbeitest du lange beim Roman? Hast du viel? Das ist eigentlich meine Hauptaufgabe, finde ich, dieses Überarbeiten. Also da passiert eigentlich am meisten, finde ich, und es macht mir am meisten Spaß, Texte zu bearbeiten, umformulieren oder damit zu arbeiten, Sätze zu erfinden. Das ist eigentlich der Teil, der mir nicht so Spaß macht, aber eben dann dieses Überarbeiten, was die meisten nicht mögen, das mag ich ganz besonders. Du hast keinen Kuli oder keinen Bleistift mehr in der Hand und schreibst nimmer ins eigene Buch ein, also ich glaube, du bist safe. Ein bisschen autobiografisch, was ich gerade gesagt habe. Ja, auch eine Frage, wir haben beim Soundcheck kurz drüber geredet, wirklich ekelhafte, großgeschriebene Ehe der Regisseur, der Intendant, ich würde ja eigentlich fragen, gibt es ein reales Vorbild? Ich glaube, ich muss eher umgekehrt fragen, gibt es einen, der nicht so ist? Das ist wirklich klassisch, so nach der Party kommt dann ein SMS, Probe vorverschoben auf 10, bitte pünktlich sein. Na bitte, hat er nicht gesagt. Ja, also er ist eigentlich eher auch im Plural zu lesen und auch nicht unbedingt, muss auch nicht unbedingt ein er sein. Ich habe es auch groß geschrieben und ich wollte keine Anführungszeichen nehmen, aber es ist schon natürlich etwas sehr männliches und ja, also ich muss ehrlich sagen, mir, im Theater sind mir sehr wenig Menschen untergekommen, die nicht so wären. Aber es gibt sie und ich glaube auch immer mehr, mehr junge Leute kommen nach und haben auch ganz andere Konzepte, wie sie Sachen, Theater machen wollen, wie sie Theaterstücke inszenieren. Also das ist wirklich so ein Klassiker, dieser Regisseur. Ja, es gibt ihn noch. Es gibt sie noch. Man liest es ein bisschen mit Grauen und dann habe ich mich gefragt, ob es ihm jetzt, wo du den Literaturbetrieb auch kennengelernt hast oder eh schon kennst, aber es ist jetzt aus Debüts heraußen und dann kriegt man schon noch einmal mehr Aufmerksamkeit. Kann es im Literaturbetrieb so schier zugehen, wie im Ausbeuterisch, wahrscheinlich dort wie da, aber so wie du das schilderst, das kann man schon... Ehrlich gesagt, nein, das ist im Theater schon sehr besonders. Es ist mir so jetzt im Literaturbetrieb nicht untergegangen, aber kann ich jetzt nicht sagen. Ich weiß es nicht, vielleicht liegt es auch daran, dass wenn man Stücke inszeniert, dass man einfach für ein paar Wochen mit sehr vielen Menschen und auch sehr fremden Menschen in einem Zimmer eingesperrt ist oder in einem Proberaum eingesperrt ist und das kann ich, das geht oft nicht gut aus. Es ist sehr dicht alles und die Türen sind zugesperrt, also es ist nicht öffentlich. Ja, da kann halt, es ist anders als wie ich hier jetzt zum Beispiel. Das ist ja keine öffentliche Veranstaltung und da gibt es keine Proben oder im Hinterzimmer. Wir haben die Frage gefragt. Ja, ich bedanke mich jetzt nochmal vorläufig bei dir. Wir schauen, wie wir durchkommen mit der Zeit, liebe Damen und Herren. Danke sehr. Danke, Herr Driska. Und die Überleitung zu Lieben Mieze Medusa über den Literaturbetrieb erfolgt in der Gestalt, dass sie ja wirklich mir zumindest und ich denke durch vielen anderen vermittelt hat, es gibt noch einen anderen Literaturbetrieb. Ich bin immer schon sehr gerne ins Stifterhaus gekommen und da sind dann die Lesungen, die wir auch schätzen, vor allem, wenn man es selbst abhält, ganz aufmerksam zuhören, man hat ein Wasserglas. moderiert hast und ich glaube auch nicht selbst teilgenommen hast oder schon, aber es war, so kann es auch gehen, so darf Literatur auch sein, man stellt sich hin, performt und sofort ist, du bist schon die Mama-Slam von Österreich seit 25 Jahren. Du hast wirklich ganz jung angefangen, seit 25 Jahren slamst du in Österreich, im deutschsprachigen Raum, wahrscheinlich in Österreich im deutschsprachigen Raum, wahrscheinlich nicht nur im deutschsprachigen Raum. Liebe Mieze Medusa, komm bitte zu mir auf die Bühne. Dieses Buch als Anschauungsmaterial mitgenommen, bitte nicht, es wird zum Glück nicht verkauft, es ist ein unfassbar frecher Text über dich drinnen, der auch das Land Oberösterreich frech behandelt, sogar Förderformulare sind da abgedruckt, gefälscht. Hast du den geschrieben? Von Herzen gerne. Du hast einen runden Geburtstag gehabt, ich sage nicht, wo ich hinfasse. Genau, ich war vor 25 Jahren nämlich gar nicht jung, als ich mit Slam angefangen habe. Ich habe da schon fertig studiert und ich habe lang studiert. Ich habe aber das Privileg, das noch nicht im Bachelor-System eingespannt zu sein, ordentlich genützt. Es hat mir viel gebracht im Leben, nämlich Computerkenntnisse, die man damals auf der Geisteswissenschaft noch nicht gebraucht hat. Und ich finde das fantastisch, mit dem im Literaturbetrieb ist es weniger hierarchisch lustig. Mit SLIME habe ich angefangen, weil ich mir gedacht habe, ja, so ist es im Literaturbetrieb hierarchisch. Und dann habe ich mir gedacht, wenn schon Leute über mich urteilen, dann ist es mir lieber, dass Publikum ist. Das war der Grundgedanke damals. Sehe ich alles nicht mehr so streng, das mit den Hierarchien schon, und gut, dass man darüber redet. Es gibt Hierarchien im Literaturbetrieb, ich finde, wir könnten darüber sprechen, aber lass uns zuerst doch noch mehr über dich und dein Buch sprechen, das war mir lieber. Dein erster Roman, Freischnorcheln, ist 2008 erschienen, ich habe jetzt den Überblick verloren, der wievielte, der fünfte? Der fünfte. Bortenkäfer wäre auch schon ein Übergang gewesen, aber dann sind wir beim vorigen Buch gelandet, was über Frauen geredet wird. Wäre auch nicht irre gegangen. Also es gibt schon, ich finde das, man kann von anderen, wird man dann hoffentlich noch viel mehr lesen. Von dir kann man sich schon ganz schön einlesen, sollte man Mieze Medusa nicht kennen. Ich lasse jetzt nicht Hände her. Danke, da schüttelt jemand den Kopf. Ich schaue gerade, da ist noch Protestzonen-Kontest, hast du auch gewonnen. Das verjährt. Gemeinsam mit Violetta Parresini. Coole, coole Frau. Sarah hat schon bei der Einleitung über das Buch gesprochen. Und mit Tenderboy natürlich, Entschuldigung. Ich versuche noch etwas dazu zu sagen, damit ich mein Honorar wirklich verdiene, sonst wäre es mir sehr unangenehm. Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es genauso gemacht. Verrückter Titel. Ich möchte es immer vorher wissen und mache es dann ganz anders. Wirklich? Ja, wahrscheinlich. Aber wir sprechen ja nicht über mich. Sondern über den Mut, den es braucht. Ich glaube, das ist eine der Bewegungen. Du hast sehr schön bei der Buchpräsentation in Wales gesagt, wenn man die fragt, worum geht es denn im Buch? Natürlich kannst du äußerst kompetent Auskunft geben, aber du hast so schön gesagt, du bist als Autorin gar nicht die beste Auskunftgeberin. Man überlegt sich was und versteckt es dann im Buch. So tief wie möglich. So weit, dass ich jetzt sagen muss, dass das, was ich mir überlegt habe, warum es mir geht beim Schreiben von dem Roman, hat niemand, der über das Buch geredet wird, erkannt. Ich habe es fast ein bisschen zu gut versteckt. Aber es ist, glaube ich, eh gut. Es ist ja doch... Es geht aus meiner Perspektive ums Geld. Ja, danke. Auf deine Instagram-Postings, please. Es geht um Geld, es geht darum, was Finanzwesen mit dem Gemeinwohl macht. Ich habe so sexy Themen wie Stadtplanung, Waldwirtschaft, Borkenkäfer spielen eine relevante Rolle und Muttersiegen eigentlich auch. Stadtplanung, Finanzwesen, natürlich auch die Tatsache war Mutterschaft natürlich, also die Hauptfigur Melanie ist Mutter und das Kind ist weit weg, das Kind ist auch erwachsen, muss man auch dazu sagen. ist so ein Riesenthema und deswegen auch der Titel, hätte ich es vorgewusst, hätte ich es genauso gemacht. Es ist ein bisschen ein Plädoyer dafür, dass Frauen sich trauen dürfen, Entscheidungen zu fällen, auch wenn sie schief gehen, dass wir Fehler machen dürfen und dass wir nicht die Kontrolle über das eigene Leben haben müssen und wenn wir alles richtig machen, werden wir belohnt mit dem perfekten Leben und dem guten Kontostand. Wobei ich sagen muss, die Melanie hat schon ein bisschen Blödsinn auch gemacht, die hat sich nämlich in einen sehr reichen Mann verliebt und mit dem ein Kind bekommen. Und ehrlich gesagt, das Thema Ehevertrag wäre schon ein Thema gewesen, vielleicht wäre überhaupt heiraten ein Thema gewesen. Aber es geht auch um diese Idee, dass da so ein strahlender Mann mit Spielraum ist und ich will auch Spielraum und wenn man dann vielleicht genau so ja, mein Gott, ja. Hast du überhaupt einen Ehevertrag? Entschuldigung, wenn ich jetzt so auf die Autor- Weil ich verheiratet bin. Ich bin freischaffende Künstlerin und mein Mann auch. Die Werte, über die wir mal streiten werden, sind überschaubar. Nein. Liebe Miezi, ich glaube, es ist ein super Zeitpunkt für den Beginn deiner ersten Lesung. Ich glaube, wir reden dazwischen, wie es ganz schön ist. Ich bin immer für dich da. Genau, es ist ein Wien-Roman, aber die Melanie ist eine typische Wienerin in dem Sinn, dass sie nicht in Wien aufgewachsen ist. Sie ist im steirischen Murtal aufgewachsen und quasi auch der steirische Murtal, die Zugstrecke dazwischen spielt eine große Rolle. Auch das Salzkammergut wird irgendwann einmal erwähnt, aber eher au passant. Melanie, genau, es ist fast der Anfang, deswegen sage ich gar nicht viel dazu, ich habe eh schon ein bisschen was gesagt. Ich habe von der Nacht gekostet und sie schmeckt nach Sizilien. Heute radelt Melanie am Heimweg weiter bis zum Imbiss, der am Fuß des Kahlenbergs auf durstige Radler wartet. Das ist einer ihrer Lieblingsplätze, auch wenn sie die meisten Gäste dort schwer aushält. Laute Männergruppen in hautengen Sportdressen. Die zahlen viel Geld dafür, dass auf ihren quietschbunten Radler-Dressen Sponsoren-Logos prangen. Ungefähr so vernünftig sind auch ihre Äußerungen zur aktuellen Lage von Gesellschaft und Welt. Für Wien braucht es da Gespür, so der politische Slogan eines beliebten Altbürgermeisters, wie hat der es in der immer noch schlaflosen Nacht in Melanies Kopf geschafft. Vincent hat ihn gekannt, natürlich, Vincent, VIP-Vincent, Visitenkarten-Vincent, Ex-Vincent. Melanie drückt den Gedanken an Vincent weg, den kann sie gar nicht brauchen, sonst schläft sie fix nicht ein. Es stimmt auch nicht. Für Wien brauchst kein Gespür, sondern eine dicke Haut. Wien nimmt sich kein Blatt vor den Mund und lässt dich wissen, was Sache ist. Auch wenn man es lieber nicht hören will. Auch wenn man in Wien genauso gern beleidigt reagiert, wenn jemand dagegen redet wie anderswo. Nicht alle hier sind gleich laut und gleich sichtbar, aber gut, das ist auch anderswo nicht anders. Stadt heißt, dass man sich nahe kommt, dass wir den Raum teilen. Da darf man aneinander anecken. Gleich viel Wert wollen wir sein, nicht alle gleich, auch nicht alle gleicher Meinung. Und jetzt? Ist die Zeit reif für eine Bürgermeisterin? Der neue Bürgermeister ist auch schon ein paar Jahre lang im Amt und die Vizebürgermeisterin ist wieder ein Mann. Wenn es dir nicht taugt, kannst du wieder heimgehen, schimpfen alle Wiener Stammtische gleichzeitig, wenn auch ohne einander zuzuhören. Schon gut, sagt Melanie, schon gut, wo soll ich denn bitte hin? Als Melanie nach Wien gezogen ist, war das Jahrtausend noch jung. Die Grundstimmung war optimistisch, was soll schon schief gehen? Die Welt lag groß und verheißungsvoll vor ihr. Melanie brannte darauf, sie kennenzulernen. Sie hatte ihre Sachen gepackt und war Vincent gefolgt. Seither hat sich Melanies Welt mehr als einmal völlig auf den Kopf gestellt, aber eines stimmt noch. Wenn Melanie Donau abwärts am Kalenberg vorbei Richtung Wien radelt, geht ihr das Herz weit auf. Der Radweg schlängelt sich unter einer Straßenbrücke entlang, die dir das Gefühl gibt, in New York zu sein. In einem New York mit Krankenversicherung für alle und leistbarem Wohnen. Obwohl die Preise auch in Wien nach oben fallen, als gäbe es für Geld keine Schwerkraft. Noch ist nicht alles Hochhaus in Wien, noch ist alles da, wofür Wien berühmt ist, auch wenn alles enger geworden ist. Die Jugendstilhäuser, die Prachtbauten an der Ringstraße, das Rathaus, das Parlament, die Hofburg, die Oper, das Belvedere, der Klimt, der Schiele, das Mukwa, das Riesenrad, die Kaiserin, das Rechtsstehen auf der Rolltreppe, die Kaffeehäuser mit den grantigen Kellnern, das Einkaufen in der verkehrsberuhigten Maria-Hilfer-Straße. Wie sehr wir dagegen waren, haben wir sofort wieder vergessen. Die Welt geht unter, wenn da eine Fußgängerzone hinkommt. Ach, woher denn? Schau, wie gut sie funktioniert. Was noch? Schönbrunn, Otto Wagner, die Hofreitschule, die Ringstraße und der Park, in dem der vergoldete Strauß für uns fiedelt, dass es eine Freude ist. Über die Touristen, die in Trauben davorstehen, lachen wir insgeheim. Was noch? Zwei-stöckige Biedermeierhäuser, mehrstöckige Altbauten mit oder ohne Lift, der wehrhafte Karl-Marx-Hof und die vielen Gemeindebauten aus der gleichen Zeit. Die ersten Häuser mit Heizung und Fließwasser, nicht nur für die Reichen. In ihre Überlegungen platzt Sams Klingelton. Wo bist du? Wo ich bin? Mit dem Rad unterwegs, Stadt erleben, baden gehen und jetzt gerade ein kurzer Boxenstopp mit Donaublick. Und ihr? Stellt sich raus, Sam sitzt mit Ines in einem Lieblingslokal auf einer Dachterrasse eines schicken Hotels zwischen Pali Auersberg und Volkstheater. Wir haben einen Sitzplatz und einen Cocktail für dich reserviert. Komm schon, wo treibst du dich denn rum? Sam und Ines sind Melanies richtig gute Freundinnen. Das Label Besties legt man ihr mit den Jahren in die Schublade zu den Freundschaftsbändern. Aber nur das Label ist obsolet, die Freundschaft ist geblieben. Ohne die beiden wären die letzten Jahre für Melanie nicht auszuhalten gewesen. Gebt mir eine halbe Stunde, dann bin ich bei euch. Die Luft ist zum Kauen. Es ist Juni und schon klebt allen die Zunge am Asphalt. Vor dem Hochhaus mit Dachterrasse befindet sich ein Park. In einem Käfig spielen Leute Basketball. Den Soundtrack liefern Bluetooth-Boxen, Reggae, Hip-Hop, der nach Berlin klingt, Hip-Hop, der nach Wien klingt. Warte nur, in einer Minute kommt wieder Agus D'Acato aus den Boxen. Neben der mehrspurigen Straße erinnert ein barockes Palais daran, dass Autos nicht immer schon das Stadtbild dominiert haben. Das Volkstheater und das Museumsquartier sind nicht weit weg. haben. Das Volkstheater und das Museumsquartier sind nicht weit weg. Treffpunkt ist die Rooftop-Bar eines Hotels, dessen Entstehungsgeschichte Ines schon zu oft erzählt hat. Geplanter Studentenheim bis zur Fertigstellung der U-Site, das Bürogebäude zwischengenutzt. Heute ist es drei Stockwerke höher und ein Hotel. Die dreigeschossige Glasbox wurde auf die alte Substanz draufgesetzt, als das Heim noch im Vollbetrieb war. Melanie war damals Studentin oder was ähnliches. Angst vor Prüfungen und Verzweiflung über Baulärm und Mindeststudienzeiten waren ihr fremd. Sie hatte ihre Hand am Unterarm von Vincent abgelegt, der führte sie durch ein anderes Wien. Business Lunches, Gartenpartys, bei denen Anzüge und Poloshirts über Geschäftliche sprechen, Jahre voller Access All Areas. Damals hat sie Ines und Sam kennengelernt. Schule des Lebens und so, am besten nicht zu viel dran denken. Da sitzen sie. Sam erzählt etwas, als alles in ihr ist in Bewegung. Wie still Ines sitzt, wenn sie konzentriert zuhört. Die Freundschaft zu den beiden hat nicht nur die Trennung von Vincent überlebt, sie fühlt sich trotz der vielen Jahre frisch an, kühlend, wenn es überall zu heiß ist. Als Sam Melanie sieht, springt sie auf. Sie strahlt über das ganze Gesicht und winkt mit den Armen, als wäre sie in Bergnot. Ihre Wangen sind rot, ein Teil Hitze, ein Teil Alkohol, ein sehr großer Teil inneres Feuer. Sam hat so viel Sonne in sich, das reicht für drei Menschen. Sie ist das ultimative Partygirl, was vielleicht nur heißt, dass sie auch dann gern tanzt, wenn sie keinen Alkohol getrunken hat. Ines dagegen schaut aus wie immer. Eine Komposition aus gedeckten Farben und klaren Linien. Als hätte sie ein Kühlmodul eingebaut. Melanie versucht nicht daran zu denken, wie oft heute schon Schweiß auf ihrer Haut getrocknet ist. Sam erzählt Anekdoten aus ihrem Arbeitsalltag. Sie ist Tontechnikerin, selbstständig, gar nicht schlecht gebucht. Besonders bei Kongressen wird sie gern ins Team geholt. Technisch ist das wenig anspruchsvoll, aber es ist besser bezahlt als das Mischen von Livemusik. Mikro an, Mikro stumm schalten, Lautstärke regeln. Stellt sich raus, je konservativer die Anzugträger sind, desto lieber haben sie es, wenn ihnen eine Frau das Headset an den Kopf montiert und das Kabel an den Körper fummelt. Vor allem, wenn ein Kollege in der Nähe ist, von dem sie annehmen können, dass er die restliche Technik macht, was natürlich Bullshit ist. Aber es lohnt sich nicht, das aufzuklären. Wenn er wirklich wer blöd kommt, schraubt Sam dessen Stimme ein wenig Richtung Mickey Maus. Falls das auffällt, bekommt den Ärger ja ohnehin einer der Kollegen, der nämlich, der nach Annahme des Anzugträgers die restliche Technik macht. Die Kollegen finden das meistens, so fair muss man sein, lustig. Ines zieht die Augenbrauen hoch und macht eine Bewegung mit der Nase, aus der man in einem Animationsfilm einen Charakter-Trade machen würde. Sie wedelt mit ihrem leeren Glas in Richtung Bar. Sie macht das nicht zum ersten Mal. Es dauert nicht lang und ein Schatten steht hinter Melanie. Ines bestellt das Gleiche wie vorher und zieht die Augenbrauen hoch, als der Kellner nachfragen muss. Sam bestellt irgendwas mit Sizilien im Namen. Melanie ärgert sich nur kurz darüber, dass sie die Getränkekarte am Smartphone laden muss. Sie entscheidet sich für einen Lick-Me-Till-Ice-Cream. Weil sie immer schon wissen wollte, ob Hafermilchschaum und Stoli-Wodka zusammenpassen, tun sie nicht. Der nächste Cocktail beschließt, Melanie hat auch irgendwas mit Sizilien im Namen. Ines und Sam kennen sich schon immer. Sie sind wirklich aus Wien, hier geboren und aufgewachsen. Echte Wiener Vorstadt gehören, sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Ines ist ehrgeizig und ergebnisorientiert, Sam ist Sam. Als Melanie nach Wien gezogen ist, hat sie vor allem Vincents Freunde kennengelernt. Wegen ihm ist sie ja schließlich auch hergekommen. Lauter Leute, die sich als Weltbürger verstehen, aber unbedingt unter sich bleiben wollen. Melanie kann sich nicht mehr erinnern, wer geschäftlich mit ihrem Ex zu tun gehabt hat, Ines oder ihr Mann. Jedenfalls wurde Melanie zu einer Gartenparty eingeladen, also zusammen mit Vincent, aber der kannte ja jeden und blieb nicht allzu lange an ihrer Seite. Deshalb hat sie sich damals sicher gefühlt, sie hat das Beste aus dem Nachmittag gemacht. Sam war auch dort. Sam war bei diesem als Gartenfest getarnten Powerlunch ebenfalls ein Fremdkörper. Es ist selten, aber so etwas gibt es. Eintreffen und alles ist klar. Irgendwann stellte sich Ines dazu und wollte wissen, worüber die beiden so ausgelassen lachten. Wenn Melanie mit Ines und Sam zusammensitzt, hat sie oft das Gefühl, einer Zeitreise beizuwohnen. Als könnte sie die beiden als Mädchen sehen, wie sie Kaugummi kaurend ihre Hausaufgaben besprechen oder die Chancen, den Schummelzettel für die Schularbeiten unbemerkt ins Klassenzimmer zu schmuggeln, gemeinsam in den Prater und der Tagata fahren, bis das Taschengeld weg ist. Das Taschengeld ist schnell weg, was jetzt? Wie sie flüsternd besprechen, welches Lipgloss am besten schmeckt, Erdbeere oder Vanille. Zusammenhalten gegen alle, die Ihnen blöd kommen. Nach der Schule ins Kaffeehaus. Kino ist teuer, aber in der Bücherei kann man DVDs ausleihen und dann schauen Sie am Nachmittag Filme, bis Sie das Gefühl haben, doch ein bisschen was von der Welt gesehen zu haben. Aber erst nachdem Sie die Hausaufgaben gemacht haben. Irgendwann ist der DVD-Player kaputt und ohnehin gibt es später alles im Internet. Sam hat übrigens auch ein Faible für Horrorfilme. Ihn ist es froh, dass Sam mittlerweile jemand anderen gefunden hat, die sich mit ihr auf ein paar Schreckmomente verabredet. Insgesamt stimmt, Ihnen ist es froh, dass Melanie Zeit mit Sam verbringt. Sam ist ihre Lebensfreundin, die Freundin für immer und ewig. Aber Ihnen ist es mehr als das. Sie ist ein Workaholic und hat Familie. Sie will alles haben. Deshalb haben sie ja immer die Hausaufgaben gemacht, bevor sie DVDs geschaut haben oder abgehauen sind in den Prater. Schon als Kind hat Ines gewusst, dass sie nur dann eine Chance hat, wenn sie sich keine Fehler erlaubt. Ihr Ziel, die Vorstadt hinter sich lassen. Den Aufstieg schaffen in ein echtes Leben mit echten Entscheidungen und echtem Spielraum. Sam sagt, sie hat die Schule überhaupt nur geschafft, weil sie mit Ines befreundet war. Nicht, weil sie dumm ist, aber sie macht es gerne den anderen recht. Wenn ihre beste Freundin lieber Schule geschwänzt hätte, als Einser und Zweier zu schreiben, es wäre für Sam keine Frage gewesen, was wichtiger ist. Sam ist einer der loyalsten Menschen, die Melanie kennt. Sam heißt nicht Sam. Sie heißt nicht mehr Samantha, sondern Nadja. Mit circa zwölf hat Nadja alle damit überrascht, dass sie die Frage nach ihrem Traumtyp im Herr der Ringe ohne zu zögern mit Sam Gamci beantwortet hat. Alle anderen hatten einen Crush auf Aragorn oder Orlando Bloom. Doch Nadja blieb unbeirrt und hatte nur Augen für den loyalen Freund Frodo's. Klar, in Sachen Kreditabzahlen, Müll rausbringen und die Mental Load gemeinsam schultern, ist Sam Gamci die offensichtliche Wahl. Aber im Kriterienkatalog einer klassischen Präpubertät zählt das weniger als alles mit Hormonen. Dass ein paar Mädels sie vor den anderen, vor allem vor den Jungs der Klasse, damit blamieren wollten, dass sie sie ein paar Wochen lang Sam gerufen haben, hat Nadja stoisch akzeptiert, dann hat sie sich selbst so genannt. Hat Sam diese frühe Weisheit zu Glück in der Liebe verholfen? Nein. Stellt sich raus, Sam Gamci sexy finden und Sam Gamci im echten Leben erkennen, zwei Paar Schuhe. Von den drei Anwesenden ist Sam die ledigste. Sam lungert auf der Outdoor-Couch rum, in der Hand ein Glas mit irgendwas sprudelnden. Wir müssen uns wieder mal treffen, nur wir drei, schreibt Ines öfter und schickt gleich darauf einen Doodle-Link. Während der Pandemie haben sie das oft gemacht, online plaudern und bei Besinnung bleiben. Seit es wieder möglich ist, treffen sie sich im echten Leben, in real life, wie Sam das nennt. Sam is plugged in as fuck. Sie ist ein Tech-Nerd und ein Fan von allem mit Kabeln und ohne Kabel. Trotzdem, echt ist echt, so sieht das Sam. Wenn drei Frauen ohne männliche Begleitung Cocktails trinken, dauert es nicht lange, bis sich jemand dazustellt. Er hat Geld, bisschen Charisma und und die vorstellung dass das reicht warum auch nachdenken über den ersten satz bitte nicht falsch verstehen wenn man die liebe seines lebens trifft und so überfordert ist dass irgendwas peinliches aus dem mund purzelt das ist eine völlig andere situation aber wenn man sich einfach breitbeinig zu frauen stellt die man nicht kennt und dann kommt nah ladies was feiert ihr denn heute so ausgelassen, wer hat Geburtstag? Was erwartet man sich da? Applaus? Ines mustert den Mann in einer Geschwindigkeit, die als Zeitlupe durchgeht, von oben bis unten. Dann hebt sie die Hand und winkt, sodass man den Ehering sieht, Richtung Kellner, mehr Cocktails bitte. und ein Ehering sieht Richtung Kellner, mehr Cocktails bitte, komm schon, sagt Sam, als der Kellner und der Mann mit dem Anmachspruch wieder außer Hörweite sind, was vor allem beim Zweiteren zu lange dauert, sei nicht zu streng, Ines, der hätte irgendwann im Lauf des Abends was Lustiges gesagt, dann lacht sie, dreckig wie Donauwasser. Ja, so weit einmal. Die Männer. Naja, der halt. Ja, also wir sind beide Befürworterin des Mannes. Fördern. Also von denen, von was befürworten, würde ich jetzt sagen. Ich glaube an den Mann, der wird seinen Platz im Mathe-Hart finden, aber lass uns jetzt nicht da schon abbiegen. nicht da schon abbiegen. Mich interessiert sehr, wie du diese Gratwanderung schaffst, wie du deine Sprache findest. Ich weiß, dass du sehr viel Kontakt mit ganz jungen Menschen hast. Was irre ist. Wie schafft man das in der Literatur? Eben durch besagte Workshops. Du bist viel in Schulen, du hast beim Slam und überhaupt viel mit jungen Menschen zu tun, du sitzt aber dann natürlich auch im Stifterhaus und liest uns was vor, die wir mindestens in Mitte unserer 40er sind und du schaffst diesen Grat, diese Gratwanderung wirklich sehr gut, also diese, ich weiß gar nicht, ob es jetzt wirklich eine Entscheidung ist, aber eben Spoken and Written Word oder ist was für die Jungen dabei und für die Alten? Das klingt jetzt sowieso Samstagabend schon, aber erzähl was drüber. Musst du da überhaupt noch lange dran arbeiten? Denkst du da so an beide? An Texten? Musst du an Texten lange arbeiten? Leider. Ja, genau, natürlich, also das Überarbeiten haben wir besprochen, davor kann man sich nicht drücken, da kann man so nah am eigenen Schreiben sein, wie man will. Aber auch du schreibst jetzt während des Lesens nichts rein, ist schon gut? Du magst es hoffentlich schon, was da rausgekommen ist. Also ich markiere dann schon, also wenn sollte was nicht passiert, ein Tippfehler drinnen sein, korrigieren, damit ich beim Lesen nicht drüber komme, drüber stolper, aber der Residenzverlag hat ja Sorgfalt und da fühle ich mich gut betreut und das ist jetzt eh nicht der Regelfall. Es ist schon so, dass man dann die Lesestellen ja raussucht und kürzt, also quasi so, es ist ja schon, die Passagen im Buch sind teilweise länger und das hat ja damit, das hat schon damit zu tun, was ist eine Lesung und was ist ein Roman zum selber lesen. Was die Schulwerkschafts betrifft, hat das relativ pragmatische Gründe. Ich lebe vom Schreiben, aber ich lebe nicht vom Romaneschreiben. Und ich mache sie aber auch gern, weil ich es tatsächlich erstens aus mehreren Gründen. Ich bin die erste Künstlerin in der Familie, in meiner, und ich weiß das sehr zu schätzen, dass man in einer Schulklasse, ich gehe auch in alle Schultypen, allerdings erst ab einem gewissen Alter, ich gehe wirklich in alle Schultypen, ich gehe auch in alle Schultypen, allerdings erst beim gewissen Alter. Ich gehe wirklich in alle Schultypen, ich gehe in alle und gerne und man erreicht noch einmal alle und man vielleicht die eine Person in der Klasse sitzen, die ohne die Schule vielleicht gar keinen Kontakt zur Literatur gehabt hätte und mit Schule meine ich nur aus mich, wie ich da nicht als Lehrerin drinnen bin und ich muss auch sagen, ich habe da relativ viel Spaß, auch in den schwierigen Vorstadtschulen in Wien, ganz easy, wie ich da nicht als Lehrerin drinnen bin. Und ich muss auch sagen, ich habe da relativ viel Spaß, auch in den schwierigen Vorstadtschulen in Wien. Ganz easy, weil ich tatsächlich ja mit Rap zum Schreiben angefangen habe. Und wenn da so junge Gangster-Boys drinnen sitzen, die mich provozieren wollen, dann denke ich mir, Alter, ich habe deine Witze schon gekannt, da warst du noch nicht einmal gezeugt. Dann haben wir da Spaß. Auf eine komplexe Art und Weise. Ich beneide die immer so, ich habe ganz wenige Schulworkshops gegeben und auch gemacht, aber da sitzt immer wer drin und sagt, kannst du rappen? Nein, ich nicht. Und ich rappe dann auch und dann schauen sie mich an, als wäre ich völlig wahnsinnig, weil sie unter Rap völlig was anderes verstehen, weil Rap hat sich total verändert. Als ich mich in Rap verliebt habe, war das ja Schachtelsätze, Schichten, Schichten, Schichten, so viel Text. Und Rap ist, das Fachwort dafür ist Trap, aber ist ja wurscht. Rap ist auf einmal geworden, wenn der Refrain mehr als drei Wörter hat, die man ewig wiederholen kann, dann ist es kein guter Refrain. Da haben Sie wahrscheinlich recht, aber ich sehe es anders. Also die Konflikte haben wir dann auch, das passt dann so. Das bringt eh nichts, oder? Wollen wir rappen? Okay. Nein, aber was, was bringt, ist, und das mag ich an meinem Beruf, ich habe, das ist so, einfach Künstler und Künstlerin sein, man trifft sehr unterschiedliche Leute. Also das ist einfach interessant. dass ich einen Betrieb, den ich ja auch mit, was ist ein Literaturpreis und wer sitzt in den Juries und hin und her, ich habe da keine Mentoren und Mentorinnen gehabt, ich habe da, ja auch in der Familie sicherlich, ich bin gefördert worden, Bildung war wertvoll, ich möchte mich da überhaupt, und es ist eine sehr liebevolle Familie, aber trotzdem war das so, gehen, Walschbühnen und warum liest du schon wieder ein Buch? Und das war schon ein Eintauch in eine fremde Welt und ich habe das sehr unheimlich gefunden und habe da schon auch gesehen, dass da Rollenzuschreibungen passieren und dass das nicht neutral ist und dass ich da... Und deswegen war mir irgendwie lieber, dass Leute im Publikum sitzen und sagen, ich fand dich scheiße oder ich fand dich voll super. Ich habe mir damit einfach leichter getan. Ist auch ein bisschen Geschmackssache. Aber ich habe ja nie nur Slime gemacht und ich habe ja meine ersten Veröffentlichungen waren literarische Veröffentlichungen und mein, das erste Mal in die Öffentlichungen und war eben auch Rap und so und ich habe immer gemocht, dass ich alles gleichzeitig mache. So das hat, das ist immer noch so. Wenn ich zu viel Roman mache, dann sehne ich mich nach einem Schulworkshop in der Neuen Mittelschule in Otterkring, vierte Klasse und wenn ich, wenn ich zu viel Schulworkshops mache, dann freue ich mich mal wieder, wenn ich mir denke, jetzt kann ich wieder mal einfach nur lang. Und das Gleiche gilt auch für Slam. Das Zeitlimit von fünf Minuten ist super. Der Wettbewerb ist für das Publikum gut. Wir mögen ihn auf der Bühne eh nicht so gern, aber er ist halt sowieso im Raum. Aber wenn ich dann lauter Fünf-Minuten-Texte gehört habe, dann denke ich mir halt schon noch wieder, 300 Seiten ist eine gute Länge für einen Text. Es ist halt irgendwie alles und das ist auch schön, wenn man alles hat. Also man würde dich auch unglücklich machen, zwänge dich jemand, dass du die Vereine deiner Talente oder Sparten entscheiden müsstest. Ja. Aber die Arbeit macht sich jemand. W.S. will jemand mit sehr unglücklich machen, nicht mit mir in diesem Raum hier. Es ist ja auch mehr. Ich bin ja auch an Kulturpolitik interessiert und ich veranstalte gar nicht so ungern und ich habe letztes Jahr, ich freue mich auch, dass Otto Tremitzberger heute im Publikum ist, ich habe die Ehre gehabt, dass ich im Kuratorien-Team vom Festival der Regionen in Oberösterreich war und da war es ja nicht nur Kulturarbeit, sondern auch außerhalb vom Literaturbetrieb, da ist ja die Literatur eine kleine Sparte von vielen unterschiedlichen und das war total super. Das war wirklich interessant und ich mag es dann auch gern, was Neues zu machen und Sachen zu lernen und zu sagen, wie tut man denn das? Ich will es gar nicht so weit aus einem Roman rauskippen, aber ich habe mir natürlich den Punkt aufgeschrieben, du hast es bezeichnet als Szenearbeit, die ich hoffe doch ja allmählich bedankt wird. Es ist Spoken Word und Poet Wislam definitiv jetzt Teil des klassischen Literaturbetriebes. Meine Beobachtung ist, dass du schon wirklich wahnsinnig viel Szenearbeit machst. Hast du das Gefühl, es ist ja auch ein Service? Du stehst ja nicht du im Rampenlicht, sondern du holst dort Leute rein. Also es ist mittlerweile schon bedankt. Die Generationen gehen jetzt sehr schnell, also das sollte auch nicht so unscharmant klingen, aber es ist sicher schon die zweite, dritte Generation an jungen Menschen, die es lähmen. Nein, also bedankt wird es schon, glaube ich, zunehmend. Was es nicht wird, ist bezahlt. Und vielleicht habe ich deswegen jetzt ein dickes Buch über das Geld geschrieben. Ich bin aber in dem Punkt sehr besorgt aktuell. Ich nehme an, dass alle im Raum wissen, wie drastisch die Kürzungen sind, die momentan erstens auch im Sozialbereich, aber im Kulturbereich sind. Und Poetislam ist nicht Teil der Hochkultur geworden, sondern immer noch so ein kleiner Zaungast, die wir dann schon einladen, wenn noch ein bisschen Ressourcen übrig bleiben. Und ich glaube, dass da die nächsten Jahre ganz, ganz, ganz schwierig werden. Für die Leute in der Slamszene, die sagen, wir wollen Literatur auch machen, ich bin da eigentlich besorgt. Aber man soll sich keine Sorgen um die Jugend machen. Die haben ihre eigenen Sorgen und ihre eigenen Wege, da rauszukommen. Die machen sich das eh schon selbst, die Sorgen. Ich muss jetzt aufpassen, ich würde jetzt wirklich gerne, wir haben eh noch Zeit, aber natürlich wollen wir alle, dass du noch etwas liest. Ich mache es super gern. Ich erzähle noch ganz kurz, wie ich eigentlich auf die Idee gekommen bin. Das ist nämlich, es ist ja ein Wien-Roman, aber eben nicht nur und es ist ein in der Gegenwart geschriebener Roman, aber auch nicht nur, sondern es gibt, ich habe tatsächlich auf Seite 86, es gibt eine Kapitelüberschrift, die heißt Aufwachsen am Lala-Land, was ich sehr lustig finde. Und da wird dann quasi das Aufwachsen der Melanie in der Steiermark thematisiert. Und lustigerweise hatte ich in dem Fall bei dem Roman tatsächlich gar nicht eine Figur zuerst im Kopf, sondern wirklich einen Satz. Und das ist der Satz, der da an den ersten drei Zeilen steht. Melanies Mutter glaubte an Geld, wie ihre Oma an Gott geglaubt hat, mit großer Leidenschaft, aber ohne großes Vertrauen, dass am Ende des Monats noch genug davon da ist. Das war der erste Satz. Und ich finde es überraschend, es ist meistens so, dass die ersten Sätze, die ich für einen Roman schreibe, nicht am Anfang sind. Also ganz oft landen sie sogar ziemlich am Ende. Also da sind wir jetzt seit 1986 relativ früh. Und ich möchte jetzt ein Kapitel lesen, das ich noch nie gelesen habe. Erstens, weil ich ein Fan von Dominika Mendel bin und finde, dass sie in ihrem Roman »Gleiche Stadt, anderer Planet« – richtig, Titel? Ja, »Selbe Stadt, anderer Planet« – gleich am Anfang die beste SkitourSzene der österreichischen Literatur geschrieben hat. Ich habe nicht die ganze österreichische Literatur geschrieben, aber ich stehe zu diesem. Und deswegen möchte ich jetzt ein Kapitel über Skifahren lesen, denn Melanie ist eben am Land aufgewachsen, sie ist armutsbetroffen aufgewachsen von einer alleinerziehenden Mutter, das kann man alles nachlesen. Jetzt hat sie endlich die Matura und sie macht, die Jugend würde das jetzt ein Gap hier nennen, aber das war einfach Geld verdienen und sich überlegen, was man im Leben tun soll, weil Studieren irgendwie doch so eine große Entscheidung war. Und das Kapitel heißt, ich war jung und brauchte den Held. Skilehrerin sein ist vor allem Schlange stehen. Beim Anstellen beim beim Lift die Zwergerln zählen, oben angekommen, gleich nochmal. Dass die Skilehrerin als Erste losfährt, macht dich weder zur Chefin noch zur Siegerin. So müssen die Ski machen, so geht Pflug. Wenn der Winkel spitz ist, fahren wir schnell. Je breiter das V wird, desto mehr bremst es. Bremsen ist wichtig, hörst du zu, Chantal. Kurven machen ist wichtig und gar nicht schwer. Vorsicht, Pablo. Tut's bitte immer auf mich schauen, nicht auf die anderen. Selbsteinschätzung ist das Wichtigste. Manche lernen das nie. Für die wurde der Hubschrauber erfunden, so wie der Gips und die Titanschraube. Runter kommen alle. Aber wie? Oder der andere Katastrophenfall. Vergiss Lawinen, vergiss Gletscherspalten, vergiss die Angst, unter den Radtrag zu kommen. Die größte Gefahr am Berg ist, dass eins der Kinder in den Skianzug pinkelt. Und immer schön an den Sonnenschutz erinnern. Kommst du, Patrick? Wollen wir kurz in die Hütte, aufs Klo? Nein? Nochmal mit dem Lift? Okay, Zoe, bei dir auch alles gut, dann los. Melanie mag Kinder, sogar die Verzogenen. Zoe, bei dir auch alles gut, dann los. Melanie mag Kinder, sogar die Verzogenen. Sogar die, die dich spüren lassen, dass sie schon gelernt haben, dass sie alles vom Leben bekommen werden und alle anderen wenig. So hat sie Vincents Kinder kennengelernt. Melanie macht ein Gap hier am Arlberg. Zoe und Patrick sind kleiner als Hüfthoch und haben schon mehr von der Welt gesehen als Melanie. Zoe ist eine Disney-Prinzessin und weiß das. Patrick ist ein Kronprinz und weiß das. Wenn sie zwischendurch Pause machen, ist Melanie die Einzige, die ein Jugendgetränk bestellt, Skiwasser, Leitungswasser mit dem billigsten Himbeer-Zitronensirup, den es gibt. Die Gesetzgeber sind gesetzlich dazu verpflichtet, alkoholfreie Durstlöscher anzubieten, die auf den Liter billiger sind als das billigste Getränk mit Alkohol. Zoe und Patrick bestellen sich die Germknödel auch dann, wenn sie keinen Hunger haben. Als sie Zoe, Patrick und deren Mutter Dolores kennenlernt, wohnt sie schon seit ein paar Wochen in dem Keller mit den Stockbetten eines exklusiven Hotels am Arlberg und hat ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Keins der Zwergerl ist verloren gegangen, keins hat sich angepinkelt. Der Hubschrauber musste nicht kommen oder zumindest nicht wegen Melanies Gruppe. Außerdem ist sie geschickt und knackt die hausinternen Hierarchien ohne Mühe. Im Service tragen alle Dirndl, die Chefin, die keine Chefin ist, sondern nur dienstälteste Kellnerin und damit für den Kassenabschluss verantwortlich, darf als einzige eine schwarze Dirndlbluse tragen und ihre Tattoos rausblitzen lassen. Sie ist für die Skikurse gar nicht zuständig, aber weil sie alle kennt und alles weiß, ist sie es, die Melanie eines Tages sagt, morgen hast du keine Gruppe, morgen machst du Privatunterricht für zwei Kinder. Das gilt für die nächsten zwei Wochen. Sie hält den Blickkontakt so lange, bis sie sicher ist, dass Melanie verstanden hat, dass es ein Aufstieg ist. Der Gast außerdem wichtig und das Glück und die Unversehrtheit der Kinder von besonderer Priorität. Es darf hier bitte wirklich absolut gar nichts schief gehen. Melanie schläft trotzdem tief und fest. Sie träumt von Tiefschnee und Slalomfahren und von Max, dem Kollegen, den sie süß findet. Bergluft und ein Schnaps vor dem Schlafengehen machen das mit dir. Hi, ich bin Dolores, das sind Zoe und Patrick, du bist... Dolores hört weg, als Melanie ihren Namen sagt. Klopft den Kindern nochmal auf den Kopf und geht. Wie ihr Haar schimmert. Dazu ihr Gang, der ist sogar in Moonboots geschmeidig und selbstbewusst. Melanie kann sich nicht satt sehen. Der Overall ist cremefarben mit goldenen Akzenten und betont die Teile. Der Overall ist cremefarben mit goldenen Akzenten und betont die Taille. Gürtel natürlich, ohne Ende unpraktisch, aber praktisch spielt in dem Leben dieser Frau keine Rolle. Hier gibt es keine Großpackungen und Sonderangebote, hier gibt es will ich haben und ist meins. Die Sonnenbrille ist getönt, filigran und kostet wahrscheinlich Melanies Monatslohn. Dreh dich um, denkt Melanie, ich will dich nochmal sehen. Aber warum sollte sie das? Die Frau zahlt gutes Geld dafür, dass ihre Kinder, die sie selbstverständlich mehr liebt als ihr Leben, in guten Händen sind. Jetzt geht sie wieder schlafen. Oder ins Bar. Oder auf die Sonnenterrasse des Hotels. Zwei Wochen Skiurlaub am Arlberg kosten Geld. Zwei Wochen Einzelbetreuung für die Kinder sind kein Skikurs, sondern ein Statussymbol. An den ersten Tagen bringt Dolores Zoe und Patrick zum Treffpunkt, jeden Tag mit einem neuen Outfit. Melanie lernt die auswendig und träumt von ihnen, wenn sie gerade nicht von Max träumt. Am vierten Tag kommen die Kinder alleine aus dem Hotel, am Vortag war Halligalli. Das hat Melanie bis in den Keller gehört. Dolores ist sicher nicht die einzige Mutter, die ihre Kinder alleine zum Sammelpunkt stolpern lässt, jetzt, wo sie den Weg kennen. Melanie hilft ihnen mit den Handschuhen und den Schnallen der Skischuhe und schon geht's los. Patrick gelingen immer engere Kurven. Bogal heißt das in der Fachsprache. Zoe traut sich zu oft Schussfahren. Beide haben rote Wangen und erzählen Melanie munter aus ihrem Leben. Sie sind unbekümmert. Melanie kennt das schon. Vielleicht ist es Vertrauen und Zuneigung. Vielleicht wissen die Kinder aber auch einfach schon, dass sie alles sagen können, weil Melanies Meinung nicht zählt. Dann ist der Tag um. Patrick fährt plötzlich auch Schuss, was egal ist, weil es so kurz vor dem Sammelpunkt für die Kinderkurse nicht steil ist. Zoe fährt sowieso Schuss und winkt mit den Armen, was egal wäre, wenn sie nicht Stöcke in der Hand hätte, die jetzt wild durch die Luft wirbeln. Am Sammelpunkt winkt jemand zurück. Neben dem Dino, der den Sammelpunkt markiert, steht ein Mann mit Jethose und grauem Wollpulli. Kasch mir, aber das erkennt Melanie noch nicht. Er breitet die Arme aus und fängt seine Tochter auf. Dann lächelt er Melanie an, als wäre er die Welt und sie auf dem Weg zu ihm. Melanie wird rot, was sie tagelang ärgert. Knallrot. So knallrot wie die Haare von Ariel, der Märchenfrau im Zeichentrickfilm. So knallrot wie Sebastian, die königliche Beraterkrabbe. Leider ist ihre Jacke ebenfalls rot. Am liebsten würde sie das Gesicht in den nächsten Haufen Schnee stecken. Vincent lächelt noch immer, also lächelt sie zurück und versucht in den nächsten Tagen vergeblich nicht darüber nachzudenken, warum von Dolores keine Spur mehr zu sehen ist. Vincent bringt die Kinder und holt sie ab. Zoe ist sieben, Patrick fünf, Melanie ist 18, aber bald ein Jahr älter. Dolores ist wahrscheinlich 40 oder 30, jedenfalls steinalt. Vincent ist im besten Alter. Er riecht nach Welt und Abenteuer. Wenn er lächelt, fühlt sich Melanie nicht nur verstanden, sie fühlt sich gesehen. Niemals hat er Dolores auch so angelächelt, das kann gar nicht sein. Zwischen Dolores und Melanie liegen Welten. Zwischen Melanie und Vincent allerdings auch. Vincent hat Vermögen und Charisma, wenn er redet, hören die Leute zu. Aus der Nähe sieht er aus wie ein Bupper, ein großer, lieber Bub, der viel und gerne lacht. Seine Haare sind rot-blond und haben Schwung. Auf den Armen hat er eine Galaxie aus Sommersprossen. Wenn sie heute darüber nachdenkt, fällt Melanie auf, wie bald sie seine Unterarme nackt gesehen hat. Wir haben uns doch im Winter kennengelernt. Ich meine, wieso habe ich seine Unterarme so schnell nackt gesehen? Typ Popeye, sagt Sam wissend. Das ist der Typ Mann, der sich überdurchschnittlich viel auf seine Unterarme einbildet. Damit tut sie Vincent aber tatsächlich unrecht. Vincent bildet sich keineswegs mehr auf seine Arme ein, als auf den Rest von sich. Ja, ich kann noch eine kurze Stelle lesen, wenn du das mal erhältst. Ich bitte. Gut, dann musst du kurz was sagen. Ah nein, ich hab's nicht. Profi. Ich habe ein Lesezeichen eingelegt, das ironischerweise Berge und Murmeltiere drauf hat. Fragst du mich nicht, warum? Das ist der Bergrettungsjahreskalender, du guter Mensch. Im Elternhaus, im Elternhaus gefladert. Nochmal, nochmal zurück nach Wien. Nein. Noch mal zurück nach Wien. Nein, schon zurück nach Wien, aber bleiben wir in der Vergangenheit. Es ist kompliziert oder zehn Gründe Adele zu lieben. Es ist ja ein Titel über die Mutterschaft und die Adele ist ja noch gar nicht vorgekommen. Eins. Adeles Existenz hat sich nicht durch morgendliche Übelkeit angekündigt. Melanies Regel war nie regelmäßig. Doch irgendwann fiel es ihr auf, dass zu viel Zeit vergangen ist zwischen Blut und Blut. Genau genommen ist es Vincent aufgefallen. Wie fürsorglich er damals war, mit welchem Blick fürs Detail er sie im Auge behalten hat. Also zur Apotheke, dann zurück in die Wohnung mit Marmorboden in Küche und Bad. Melanies Füße sind kalt, als ihr klar wird, dass, was eigentlich? Ekstase oder Katastrophe? Auf einen Abgang hoffen? Mama werden? Wollen? Vincent nimmt ihr die Entscheidung ab. Er strahlt. Nie ist er herzlicher zu Melanie, nie mit ihr glücklicher als in den nächsten Monaten. Er will das Kind mit der jungen Frau, ihrem offenen Lächeln und hoffendem Herz. Zwei. An die Geburt kann Melanie sich nicht erinnern, weil das möglich ist. Das ist eine Entscheidung für immer, hat der Arzt gesagt. Wenn sie einmal einen Kaiserschnitt haben, haben sie immer einen Kaiserschnitt. Also da sagt, nähert sich Melanie kurz dem, gerade dem Maximum ihres körperlichen Umfangs. Eine weitere Schwangerschaft ist in diesem Moment so undenkbar wie auf dem Bauch schlafen. Melanie hat kein Wort für das Gefühl, als sie zum ersten Mal das kleine Bündel Adele, das bis eben noch Teil ihres Körpers war, im Arm hält. In den ersten Stunden nach der Geburt ist ihr Körper mit Glück geflutet. Klar, sie hat Schmerzen, sie hat Wunden, die später zur Narbe werden. Trotzdem ist alles perfekt. Es verlangt sie nach nichts, solange Adeles Körper in Griffweite ist. Ich passe auf dich auf, der einzige Gedanke, der in ihrem Kopf Platz hat. Adele, das Wunder. Finger zählen, Zehen zählen, viel zu viele schwarze Haare, die innerhalb von ein paar Wochen weniger und hell werden. Zum Glück, sagt Vincent. Sein Lächeln ist stolz, als er das sagt. Melanie ist es egal. Schwarz, braun, blond, alles von Glatze bis Fell ist Adele, ist Perfektion. Die kleinste Nase, die man sich vorstellen kann, die zarteste Haut. Die Lippen bewegen sich in alle Richtungen gleichzeitig und dann die Erleichterung, als Melanie unter der strengen Aufsicht des Krankenhauspersonals und von Ursula, Vincents Mama, den Nippel direkt vor Adeles Mund hält und der Saugreflex einsetzt. Die größere Erleichterung, als Melanie's Milch einschießt und klar wird, dass klappt. Perfekte Händchen, die nicht anders können, als sich um deinen Finger zu schließen. Melanie ist vom ersten Moment an besorgt, Adele ist so klein und dünn, besonders die Beine schauen nicht aus wie etwas, auf dem man jemals stehen wird können. Dann wird sie weniger. Sie nimmt auch noch ab. Das ist normal, sagen alle. Arzt, Hebamme, Ursula. Melanies Mama reist an. Sie ist Vincent gegenüber reserviert, was sie gut verbergen kann, weil sie nur Augen für Adele hat. Sie ist Vincent gegenüber reserviert, was sie gut verbergen kann, weil sie nur Augen für Adele hat. Es stresst sie, dass Melanie und Vincent nicht verheiratet sind, dass Vincent Melanie nicht geheiratet hat, wie sie sagt. Du hast mich doch auch bekommen, ohne dass du verheiratet warst, entgegnet Melanie. Eben, sagt ihre Mama und schau, was ich davon gehabt habe. Ihre Stimme ist weich, als sie das sagt. Sie hat nur Augen für Adele und ein paar Blicke für Melanie. Ich bin stolz auf dich, sagen die Blicke. Ich mache mir Sorgen, aber ich bin stolz. Sorgen macht Melanie sich auch. Adele ist so offensichtlich zerbrechlich. Was, wenn ich den Kopf falsch halte oder während dem Stillen einschlafe und sie fallen lasse? Alles in Ordnung, sagt ihre Mama. Du machst das gut und ich bin ja da. Sie schaut aus wie immer, kleindrahtig, ein wenig ausgeleiert. Sie schaut aus wie ein Teddybär, der vom Leben ein bisschen zu viel Liebe bekommen hat. Als Melanie ihre Mama so anschaut, steigt eine Welle an Gefühlen in ihr auf. Alles muss raus, Tränen, Trauer, Dankbarkeit. Sie versteht jetzt endlich, alles versteht sie jetzt. Wie sehr ihre Mama sie liebt und was sie diese Liebe gekostet hat. Nicht schlimm, sagt Mamas Blick. Alles gut. Als Adele in der dritten Woche ihr Geburtsgewicht wieder erreicht, hat Melanie Vertrauen gefasst. Die Liebe in ihr ist so heiß, dass ihr die Augäpfel anschwellen, als wollten sie aus ihrem Gesicht ploppen. Drei. Es gibt keinen besseren Geruch als den von Adele Neugeboren. In Flakons verpacken, Webshop einrichten, reich werden. Das Fenster zum Geld machen mit Adeles Babygeruch, Melanie würde das nie, nie, nie, niemals tun. Teile ihres Kindes verkaufen, das geht gar nicht, auch wenn es sich dabei nur um Luft handelt. Das Zeitfenster ist ohnehin ein sehr kurzes. Mit jedem Tag, an dem Adele ein eigenständiger Mensch mit eigener Verdauung wird, wird der Geruch der vollen Windel schlimmer. Irgendwann fangen ihre Füße an zu riechen, wenn sie schwitzt, was Melanie stärker berührt, als sie zugeben will. Vincent denkt laut über ein Au-pair nach, damit du Hilfe hast. Melanie lehnt ab. Das hat mit Vincent zu tun, aber vor allem mit Adele. Siebtens. Wenn Adele gut gelaunt ist, ist Vincent der beste Vater. Er ist wie der Wiener Prater, laut und überall blinkt etwas. Schon früh wirbelt er Adele durch die Luft, sobald sie stehen kann, spielt er mit ihr unter Schwerkraft. Er liegt auf dem Rücken am Boden, macht ihr mit einer Hand eine Plattform und lässt sie darauf tanzen. Das Hemd krempelt er dafür hoch, seine Unterarme sind senig, voller Muskeln und Sommersprossen. Meine Tochter wird später Weltmeister, sagt Vincent zu allen, die es hören wollen. Sobald Adele laufen kann, rennt sie Richtung Tür, wenn sie seinen Schlüssel im Schloss hört. Sobald Adele laufen kann, rennt sie Richtung Tür, wenn sie seinen Schlüssel im Schloss hört. Doch wenn Adele einen schlechten Tag hat, liegt sie voll und ganz in Melanies Aufgabenbereich. Oder wenn Vincent gereizt ist beim Heimkommen und Adele nervös darauf reagiert. Sie putschen sich gegenseitig auf, Adele weint, Vincent schimpft. Warum weint sie schon wieder? Tu was! Das ist doch echt kein Heimkommen nach einem langen Arbeitstag. Das zählt noch aus bis 10. Unter dem Punkt 10 trennen sich Vincent und Melanie dann, das ist glaube ich kein großer Spoiler mehr, und wie das passiert und was da anders ist und kann man nachlesen. Vielen, vielen Dank. Danke. Anna, kommst du bitte noch ganz kurz auf die Bühne rauf, du hast ein bisschen kürzer Zeug. Ich möchte noch, wenn es dir recht ist, verrate ich den letzten Satz deines Buches, ich finde ihn so schön, und das ist, wir können dann in den letzten Minuten über wütende Frauen sprechen, Wütende Frauen sprechen oder ihr könnt es auch ganz zivilisiert beantworten, Engagement in der Literatur, Literatur ist politisch, Politik ist literar Zukunft, nach dem, was ich vorhabe, fragt, ich sage ihm, eine Bestie werden. Es gibt da noch so einen wunderschönen Satz, sie steht da wie ein Köter, ein tollwütiger Köter, an dessen Leine niemand zieht. Es ist so wütend. Um die Frage abzurunden, müssen wir wütender werden, braucht es mehr wütende Frauen, das ist ein bisschen eine aufgelegte Frage, vielleicht möchte ich es ordentlicher formulieren, braucht es noch mehr Engagement in der Literatur, es gibt auch bei dir, es steht nie ganz im Vordergrund, aber es gibt auch bei dir Passagen, wo ich denke, diese Frage stellen zu können. Oder fängst du auch? Mir schluckt es. Ja, also, bitte. Ja, ich glaube, das hört ja nie auf, oder? Ich glaube, wir sind ja noch lange nicht dort, wo wir sein sollten. Ja, ich habe jetzt da vielleicht auch, ich weiß es nicht, vielleicht wäre ein idealer Ort oder wo man, wie auch du vorhin gesagt hast, wo man eben auch Fehler machen kann und wo man das, was man liest, eigentlich gar nicht mehr groß Thema ist. Also das Frau sein nicht mehr Thema ist, das würde ich großartig finden. Es geht ja viel darum, dass Melanie die falschen Entscheidungen trifft und dass Frau dafür bezahlen muss. Genau, und dass das so selbstverständlich abgenickt wird. Altersarmut für Frauen ist sowieso ein Ding, aber für Mütter ist es, glaube ich, wenn die Ehe nicht hält und überhaupt eine ist, ist es relativ selbstverständlich. Und irgendwie juckt es niemanden. Und ich finde ja, dass Melanie viel, viel wütender werden sollte. Also das habe ich mich beim Schreiben eigentlich immer gewundert. Melanie ist nämlich tatsächlich, das ändert sich, also sie geht schon eine Veränderung durch und es ändert sich auch was, das möchte ich jetzt aber nicht verraten. Aber ich bin deutlich wütender als Melanie und ich bin beim Schreiben von dem Roman deutlich wütender geworden. Und insofern und auch, wieso ist es eigentlich so ein Tabu? Weil wütend sein heißt ja nicht automatisch, dass man sich daneben benimmt. Das ist ja wiederum eher, wenn schon es gibt ja so Rollenbilder, also Frauen haben so Gefühle und Männer haben keine Gefühle, weil sie haben irgendwie durchgebracht, dass Wut keins ist und deswegen ist, wenn sie wütend sind und sich völlig daneben verhalten, ist irgendwie nichts passiert so in die Richtung. Und bei Frauen wird die Wut so schnell in der Erziehung gezügelt. Und das ist, was bei Melanie eigentlich das Problem ist, ist halt wirklich, dass sie ja schon die Folge von Entscheidungen ist. Sie ist ja wirklich die Tochter einer armutsbetroffene Tochter einer alleinerziehenden Mutter und auch da gibt es schon ein Solidaritätsnetzwerk, das weiblich ist und im Umfeld und sie will halt, sie will halt, das ist ja kein falscher Wunsch, sie ist halt 18, ist bald 19 und der hat halt Geld und er ist sexy und er hört ihr zu und er zeigt ihr die Welt, das ist ja kein falscher Grund, keine falsche Sache. Was aber interessant ist, dass es so selbstverständlich ist, dass der Vincent schon eine Frau hat und sich eine jüngere sucht und dann sucht er sich später noch einmal eine jüngere und dann denke ich mir so, aber die kennen wir doch alle, diese Geschichten. Also ich glaube nicht, dass wir gleichzeitig ist es ein Sonderfall, wenn mal in der Gesellschaft und auch in der Literatur eine ältere Frau einen jüngeren Mann hat. Wieso eigentlich? Dann ist ja wieder kein Mann wie die Gattin von Macron. Per Gericht feststellen muss ich, dass man das nicht sagen darf. Und deswegen, ja, wir müssen wütend sein und mit der Wut dann hoffentlich, hoffentlich finden wir mit der Wut einen Umgang, der optimistisch, nicht optimistisch, der produktiv ist. Also quasi, dass man mit der Wut dann was macht, nämlich zum Beispiel Forderungen stellen. Ja. Zum Schluss noch eine Frage. Es gibt eben den Ort, der beide Bücher eint. Es ist die Stadt Wien, zu der wir alle eine ambivalente Beziehung haben hier in Oberösterreich. Lief sagt zu Touristen, die sich um den Weg fragen, not my city. Und bei dir, es kommt schon raus, du setzt Wien schon ein Denkmal, das ist aber jetzt auch kein ganz glorifiziertes. Erzählt mal diese, vielleicht auch diese Stadt-Land-Ambiguität, die bei euch beiden in dem Moment damit ist, wir müssen ja schon aufhören, wir müssen ja dann noch was essen. Ganz kurz, Wien-Hass, Wien-Bashing, Land-Bashing, Stadt-Land. Hm. Ja, ich habe jetzt über Wien geschrieben, aber einfach nur deshalb, weil ich Wien sehr gut kenne und weil ich in Wien lebe, mich interessieren Orte grundsätzlich, weil ich einfach glaube, dass an verschiedenen Orten verschiedene Sachen möglich sind. Also das, was in einer Großstadt möglich ist, ist vielleicht nicht am Land möglich, aber am Land sind wieder andere Sachen möglich, die nicht in der Stadt möglich sind. Deswegen das, was in einer Großstadt möglich ist, ist vielleicht nicht im Land möglich, aber im Land sind wieder andere Sachen möglich, die nicht in der Stadt möglich sind. Deswegen vielleicht. Und ich persönlich habe zu Wien eigentlich schon immer eine Art Hassliebe und ich will eigentlich immer wegziehen. Also seitdem ich denken kann, will ich wegziehen. Das kommt in Wien natürlich gut an. Aber es hat schon auch was Gutes. Ich will es nicht nur schlecht reden. Ich glaube, dass Wien gerade alle Hilfe braucht, die es kriegen kann, damit die Stadt nicht von Hitze geschluckt wird im Sommer und die Mieten nicht auch in den Himmel steigen wie sonst auch. Aber ich würde jetzt auch ein bisschen lügen, wenn ich sage, ich liebe nur Wien. Und das ist der dritte Roman bei Residenz, der erste hieß Du bist dran und da habe ich eigentlich vorgehabt, einen Wien-Roman zu schreiben und das erste, was die Figuren gemacht haben, sie sind oppost und dann war es auf einmal doch ein Roman über Nicht-Wien. Und bei Was über Frauen geredet wird, war es ein Roman über Innsbruck und Wien, also quasi so zwei Zentren und Figuren, die sich dann treffen und jetzt quasi so das dritte Buch nach dem Vorsatz, ein Wien-Roman zu schreiben, ist jetzt wirklich einer geworden. Aber halt insofern ein relativ typischer Wien-Roman in dem Sinn, dass es schon so ist, das kann man Wien schon vorwerfen, erstaunlich viele Leute vergessen ein bisschen darauf, dass es außerhalb von Wien noch mehr gibt und damit meine ich nicht nur den Rest von Österreich, ich meine auch den Rest der Welt. Aber erstaunlich viele Leute in Wien sind ja nicht in Wien geboren, sondern sind hingezogen und die verlassen schon auch Wien und die Wege zwischen Orten. Ich finde Orte super interessant und mich interessieren ganz oft auch die Wege zwischen den Orten und auch die Kommunikationswege zwischen den Orten. Und es ist letztendlich ein kleines Land, dieses Österreich. Und dann tut man immer so, als wären die Gräben so groß zwischen allem. Aber dann denke ich mir auch an die Südsteier, also auch an die Steirische Mutter, das ist nicht die Südsteier, auch an die steirische Mutter, ja, schon ein Berg dazwischen, das Semmering, das ist nicht der allergrößte Berg der Welt, also geht schon, ist schon. Danke für das Schlusswort geht schon. Das finde ich wirklich gut. Ich hoffe, dass es Ihnen so geht wie mir, wir haben ein bisschen überzogen, aber mir ist es kurz gewesen. Nutzen Sie die Gelegenheit, verwickeln Sie die beiden Autorinnen noch in kurze Gespräche, während Sie die Bücher signieren lassen. Vielen Dank für den Büchertisch. Danke ans Stifterhaus für die technische Betreuung, für die super Einleitung. Und dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend. Schön, dass Sie hergefunden haben. Andere Menschen, dann mit so einer Tuse. Danke. Auch ich möchte noch ganz kurz die Gelegenheit nutzen und mich bei unseren Gästinnen bedanken, bei Mieze Medusa, Dominika Meindl und Anna Dreska. Danke, dass ihr heute hier wart. Genau, auf dem Büchertisch ist schon hingewiesen, er befindet sich hinten am Ausgang, ist in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Neugebauer zustande gekommen. Sie können dort gerne die Bücher erwerben, die vorgestellt wurden und sicher auch signieren lassen. Vielen Dank.