Ich freue mich sehr, dass ich hier sein darf. In Grunsdorf war ich tatsächlich noch nie. Ich habe die große Freude, wie die Shakir gerade schon gesagt hat, dass ich sehr oft zu Gast sein darf mit wunderbaren Autorinnen beim Literaturschiff. Was zum einen schön ist, weil ich Orte kennenlerne, an die ich sonst nie kommen würde und ich glaube, das ist sehr, sehr wichtig, was hier passiert und dass das seit fünf, sechs Jahren so kontinuierlich durchgezogen wird von den beiden, weil ich, glaube ich, noch bei keiner Veranstaltung vom Literaturschiff war, wo ich nicht das Gefühl hatte, dass sowohl im Publikum als auch bei den VeranstalterInnen nichts als offene Herzen und offene Geister zugegen sind und auch danach immer noch wahnsinnig schöne Begegnungen stattfinden und dafür kann man gar keinen Dank, der groß genug ist, aussprechen, weil es ist viel in diesen Zeiten. Dankeschön. Ich sitze hier heute Abend mit Marco Dinit. Darüber freue ich mich extrem. Es sind schon einige lobende Worte tatsächlich gesprochen worden heute Abend. Keine lobenden Worte. Doch, doch. Da muss er jetzt durch. Er sitzt neben mir und ich weiß, dass das sicherlich für Autorinnen immer so ein bisschen komisch ist, wenn dann die Moderatorin auch noch Dinge sagt. Ich mache das sonst gar nicht so sehr, weil ich immer denke, eben immer so ein medias res. Bei dem Buch allerdings ist es mir irgendwie ein Anliegen, dass ich ein paar Worte dazu sage. Du kannst dann nachher auch gleich was dazu sagen, wenn du möchtest, wenn das alles ganz schrecklich ist, was ich jetzt sage. Aber tatsächlich, eben das Buch der Gesichter hat mich wirklich schwer beeindruckt und auch sehr getroffen. Dazu vielleicht nachher auch noch ein bisschen mehr. Düsterer Dreh- und Angelpunkt dieses Romans ist ein Tag im Jahr 1942, an dem Serbien für judenfrei erklärt wird. Ausgehend von der Urkatastrophe der Schoah tastet sich Marko Dinic durch acht Kapitel, jeweils einer anderen und einem anderen Protagonisten, einer anderen Protagonistin folgen, sich aber doch immer wieder, wurde gerade schon erwähnt, in der Figur des Isakras treffen. Einem 1910 in Semun, du berichtigst mich, wenn ich was falsch ausspreche, Semun, einem Stadtteil von Belgrad geborenen Juden, der sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen, reich bebilderten Buch, Haggadah begibt, das seine Mutter einst unter den Dielen des bescheidenen Hauses, in dem die beiden miteinander gewohnt haben, als er ein Kind war, versteckt hat und das einen ähnlich wechselvollen Weg wie er selbst vor sich hat. Im Buch, das Buch der Gesichter, heißt es einmal, in seinem Innern herrschten Stillstand und Unrast in einem. Alles, was er kannte, war diese eine, im Ausnahmezustand geborene Welt, in der die Bilder keiner bestimmten Chronologie folgten. Angelegt, das ist nämlich sehr am Anfang, ist hier bereits, dass Isaac in ein Geflecht aus historischen Entwicklungen eingebettet ist, dass Isaac in ein Geflecht aus historischen Entwicklungen eingebettet ist, die aus dem späten 19. bis ins späte 20. Jahrhundert hineinragen und niemand im Lauf der Zeit entkommt, so viel ist relativ schnell klar. Isaac, der sich später Ivan nennen wird, begegnen wir im ersten Kapitel als Kind. Vater Gesa ist im Ersten Weltkrieg verschollen und kehrt nur für einen kurzen unheimlichen Auftritt zurück, vielleicht auch nicht. Mutter Olga, die sich der immer offener zutage tretenden Feindseligkeit gegenüber den Juden in ihrer Heimat Belgrad sehr bewusst ist, versucht mit allen Mitteln, sich und ihr Kind über Wasser zu halten. Wohin sie eines Tages spurlos verschwindet und warum sie ihren Sohn dem Anarchisten Pamilan und Rosa überlässt, ist eines der vielen ungelösten Rätsel, die Marco Dienisch seinem Protagonisten mit auf dessen verschlungenen Weg gibt. Es gehört aber zu den sehr wundersamen Eigenheiten von Das Buch der Gesichter, dass der Autor Marco viele Fallstricke, die dieses selbstgewählte Thema darüber auch gleich noch mehr bereithält, sehr, sehr klug umschifft. Marco Dinic, in Wien geboren, in Serbien aufgewachsen, hat in Salzburg Germanistik und jüdische Kulturgeschichte studiert. Sein Wissen um die oft grausame Geschichte und seine Wahrhaftigkeit als Erzähler und Chronist unausdenkbarer Ereignisse schützen den Roman davor, reines Lippenbekenntnis zu sein. Jedem Satz, jedem lautmalerischen Wortspiel, jeder sorgfältig gebauten Wendung des Romans ist eine Ernsthaftigkeit eigen, ohne die ein solches Projekt unmöglich wäre. All das macht diesen Text beeindruckend in seiner Geradlinigkeit und macht ihn zu einem herausragenden und nicht immer ganz einfachen Leseereignis. Vielen, vielen Dank, Marco Dienitsch und herzlich willkommen nochmal ineseereignis. Vielen, vielen Dank, Marco Dinic und herzlich willkommen nochmal in Grundstopp. Vielen lieben Dank, Dankeschön für die wirklich tollen Worte. Danke sehr. Vielleicht gleich zum Anfang, bevor wir was hören. Wir reden am Anfang ein bisschen, wir hören zwei Stellen aus dem Buch. Letztendlich hat ein auch schreibender Freund zu mir gesagt, ein Stoff, über den ich schreibe, findet mich, nicht ich ihn. Jetzt habe ich mich gefragt, als ich dein Buch gelesen habe, du hast ja auch in Interviews schon davon gesprochen, dass dich eine Dringlichkeit oft leitet beim Schreiben. Jetzt habe ich mich gefragt, welche Dringlichkeit hat dich da erwischt und wann das zu diesem Buch in dieser Form gekommen ist? Also ich glaube, dass Autorinnen und Autoren sich hoffentlich oft von einer Dringlichkeit leiten lassen, sonst würde ich ihnen raten, etwas anderes zu tun. Und die Dringlichkeit, die tatsächlich mich fand, ist sowohl in meiner Kindheit begründet, ich bin an den Ausläufern dieses sozialistischen Jugoslawiens aufgewachsen, in den Milosevic-Jahren, die ja so ein sozialistisch-nationalistischer, also so ein Wusten-Nichts-War. Aber ich bin noch immer mit diesen Partisanengeschichten aufgewachsen, die mir mein Großvater irgendwie dazugespielt hatte. Und ich wollte schon immer irgendwie einen Partisanen-Roman schreiben oder einen Roman über den Zweiten Weltkrieg, weil das gehört sich irgendwie so. Und habe das natürlich als Kind dann irgendwie vergessen. Ein paar Jahre später habe ich tatsächlich diesen Roman geschrieben, aber der hat vieles auch, eine Partisanengeschichte, aber keine so glorreiche, wie in meinen Kindheitstagen geworden ist. Die Geschichte fand tatsächlich mich. Ich habe mit meiner damaligen Partnerin, die Israelin ist, Israel besucht und gleichzeitig ihre Großmutter, die damals schon ziemlich hoch betagt war. Die Hannah war damals 99. da, die damals schon ziemlich hoch betagt war. Die Hannah war damals 99. Und wir saßen da in diesem Kibbutz und haben miteinander geredet. Und irgendwann mal kam, hat sie mich gefragt, junger Mann, woher kommen Sie denn eigentlich? Weil wir haben jetzt so schön hier geredet, aber woher kommen Sie? Und ich war so, ja, ich komme aus Belgrad. Und sie dreht sich irgendwie zu ihrer Enkelin um und sagt, ah, du weißt schon, dass deine Urgroßeltern, meine Eltern in Belgrad ermordet wurden. Und sie wusste es nicht. Und wir waren beide ziemlich baff. Aber da wurde mir auch irgendwie so zum ersten Mal wirklich bewusst, was so ein Menschheitsverbrechen, was der Holocaust ja war, imstande war zu vollbringen, nämlich die unwahrscheinlichsten Biografien zusammenzuführen in dem Moment. war. Wir haben dann später tatsächlich ihre Namen in diesen Todeslisten gefunden und da kam mir zum ersten Mal der Kladovo Transport unter, der in diesem Buch eine große Rolle spielt. Ich werde auch einen Teil daraus lesen. Der Kladovo Transport war ein Transport von über 1100 Wiener Jüdinnen und Juden, die ob der Umstände 38, 39 sich gezwungen sahen, Wien zu verlassen und in Serbien, in besagten Kladovo strandeten und 1941 von den Nazis eingeholt wurden und im Grunde fast zu Gänze ermordet wurden. Also ich glaube von den ursprünglich 1100 bis 200 sind ungefähr 200 hatten überlebt. Die anderen kamen entweder wurden erschossen oder in Gaswegen oder in einem Gaswagen ermordet. Und bei der Recherche zu diesem Klarewot-Transport kam ich auch auf die Tatsache, dass Serbien wahrscheinlich das erste Land in Europa für judenfrei erklärt wurde. Also man ist sich nicht ganz sicher, weil Estland spielte auch eine Rolle. In Estland war es um eine ähnliche Zeit passiert, dass es auch für judenfrei erklärt wurde. Und ab dem Moment kam mir so das Bild, was, wenn ich einen Protagonisten einfach die Straße hinunterspazieren lasse in Belgrad und es ist der Tag, an dem Serbien für judenfrei erklärt wird und es ist der letzte Jude von Belgrad. Wer ist diese Person? Was macht sie? Wohin geht sie? Genau. Und zehn Jahre später. Und ein paar Schreibstunden. Ja, ich habe nur gerade gehört von dieser Kernszene, die du jetzt gerade erzählt hast, von dieser Person, die die Straße entlang geht, als letzte Person ihrer Art quasi in dieser Stadt. Bis zu diesem Buch sind einige Jahre vergangen. Und tatsächlich wird es ja gar nicht so sehr nur über die Person erzählt, sondern um sehr, sehr viele Personen um sie rum, um viele Geschehnisse um diese Person Isaac rum. Jetzt habe ich mich vielleicht vorab noch gefragt, dein letztes Buch davor ist, glaube ich, sechs, sieben Jahre her. Sechs Jahre, ja. Das ist im Verlagswesen und im Buchwesen quasi eine Ewigkeit. Also ist mir dann so aufgefallen beim nochmal nachschauen und ich weiß, dass Verlage ganz oft dann sagen, dass wenn das erste Buch sich halbwegs gut verkauft, das nächste muss dann spätestens zwei Jahre später am Start sein, weil sonst ist es zu spät, dann interessiert es niemanden mehr. Ich meine, sich sechs Jahre Zeit zu nehmen ist fast schon eine Unmöglichkeit, aber in der Form wahrscheinlich, wie du vielleicht auch recherchieren musstest, wolltest, arbeiten musstest, wolltest, wahrscheinlich eine Unabdingbarkeit. War das deinem Verlag klar, als du an sie mit der Idee herangetreten bist? Oder wie war so der Ablauf? Wie darf ich mir das vorstellen? Als ich Ihnen von dem Projekt erzählte, waren Sie irgendwie sehr ohr, weil natürlich der Schollner Verlag, aber auch der Hansa Verlag, also als Verlag von Alexander Tischmer und Daniel Lokisch, aber auch von südosteuropäischen Autorinnen und Autoren durchaus natürlich, also wenn ich jetzt an die Reparatur der Welt denke, von, jetzt ist mir sein Name entfallen tatsächlich, kommt noch, ein Roman, der auch 2019 erschien, zur selben Zeit wie mein erster Roman, der auch im Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien spielt, der auch im Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien spielt, waren sie natürlich sehr interessiert an dem Thema. Klar, weil diese Region nicht nur wichtig ist für Europa, sondern auch sehr wichtig für Österreich. Also wir sind viel näher und nicht nur über die Donau verbunden, sondern auch haben mittlerweile enge Familienbündnisse. Jugos als gedacht und für ein zweites Buch eigentlich ein Irrsinn. autofiktion die ja der erste roman irgendwo war wobei ich mehr denke es mehr fiktion auch wenn ich hier mit versatzstücken spiele und wollte wirklich irgendwie so ins erzählen rein also wirklich eine eine eben auch erzählungen klassische erzäh, fast schon am jugoslawischen Realismus, also Andrzej, Zanianski, geschulte Erzäh. Also einfach nicht irgendwie so dort stehen bleiben, wo man eh schon irgendwie sich, wo es eh schon so konform ist, sondern einfach sich weiterentwickeln. Und dann ist irgendwie so daraus das entstanden, was ich eher so weniger als einen, auch wenn es natürlich eine Geschichte gibt, die man lesend sich selbst eher ganz ruhig eine Geschichte gibt, die man lesend sich selbst eher Ganz ruhig. Alles gut. Ah, es kommt ein SMS. Wow, das habe ich sehr lange nicht mehr gehört. Ist ja fast schon irgendwie Flaschenpost. Und auch wenn es eben diese Geschichte gibt, die ich versichern kann, sehr gut aufgelöst wird, ist irgendwie so dieses Buch lebt von seinen vielen Gesichtern. einem Ort und man geht von da zu da und es sind viele Geschichten und viele Orte und viele und ja, das ist ja, ich hoffe, ich habe die Frage irgendwie. Ja, fast. Nein, aber was ich mich, weil du jetzt gerade schon Bräuglisches Wimmelbild ansprichst, ich habe mich dann gefragt, Schakir hat es vorhin auch schon gesagt, man kann es auch als Kurzgeschichten lesen, am Ende gehört aber das schon alles zusammen und man findet ganz viele Motive, Schakir hat es vorhin auch schon gesagt, man kann es auch als Kurzgeschichten lesen. Am Ende gehört aber das schon alles zusammen und man findet ganz viele Motive. Das ist sehr, sehr genau gearbeitet. Am Anfang findet es ja am Ende wieder. Wenn man sehr genau liest, wenn man mehrfach liest, man findet immer wieder neue Verbindungen durch diese acht Kapitel. Und ich habe mich dann schon gefragt, wie arbeitest du tatsächlich? Weil ich glaube, dass die Zugänge sehr unterschiedlich sind. Also wie hast du den Überblick auch behalten? Also bist du so jemand, der dann ganz, ich sag mal so ganz klein plottet und genau weiß, wann was kommt? Oder hast du dich in dem Fall wirklich so ein bisschen ich sag mal so rummeandern lassen und geschaut, welche Personen dir vielleicht auch begegnen? Also wer quasi aus diesem, ich sag mal so Fluss der Geschichte, dem wir da irgendwie an dessen Ufer wir uns da entlang begeben, wer vielleicht so seinen Kopf ab und zu rausstreckt oder wer dir da vielleicht auch am Ufer begegnet und wessen Geschichte du auch folgen magst, weil wir sind, du hast vorhin gesagt, Partisanen, war immer so eine Idee, die du hattest, wir folgen in einem Kapitel einem Partisanen, in einem anderen begegnen wir dann einem Doppelgänger, von dem wir nachher auch gleich was hören. Manchmal dem Isaac, dann diesem Anarchistenpaar. Also so, wann haben dich die angesprungen oder gab es irgendwie so, hast du manchmal auch, bist du manchmal Menschen begegnet, wo du gedacht hast, die begleite ich jetzt länger und dann waren es plötzlich ganz andere oder wie behält man da den Überblick beim Schreiben? Also ich bin kein großer Plot, also ich sitze nicht da und entwerfe den Plot am Reißbrett, definitiv nicht. Ich mag es mir, die Figuren zu erschreiben, deshalb kann ich Ihnen auch nichts sagen, was ich die halbe Zeit da tue, beziehungsweise was die Figuren selbst da tun. Es ist wirklich tatsächlich irgendwie so dieses Unbewusste beim Schreiben oder ich nenne es jetzt mal das Unbewusste, also wovon man sich leiten lässt, ist sehr spannend, also auch sehr spannend für mich, weil es mir immer wieder neue Aspekte der eigenen Figuren vor Augen führt, die ich vorher nicht kannte. Gleichzeitig ist, gleichzeitig. Gleichzeitig können sie sich Buch der Gesichter als einen Zitatenteppich aus den unterschiedlichsten Ecken und Enden der jugoslawischen, aber auch der deutschsprachigen, aber auch der internationalen Literatur vorstellen. Es war mir sehr wichtig, bestimmte Aspekte dieser Zeit einfach darzustellen und für die jeweiligen Aspekte mir ein oder zwei Figuren herauszusuchen. Eben der anarchistische Widerstand gegen die österreichische Besatzung im 19. Jahrhundert in Bosnien. Genauso wie zum Beispiel das serbische Mitläufertum und Nazikollaborateure bis hin zu wirklich irgendwie so ganz aus der fantastischen Literatur Lateinamerikas, die mich sehr beeinflusst hat, stellen eben, die wir auch hören werden, aus der Perspektive eines Hundes. Mein Gott. Ich habe auch genauso, hatte auch genauso dieses Fakt. Also, ich glaube, es war sehr wichtig für mich, gerade wenn es sich um einen Roman vor so einem historischen Setting handelt, war es sehr wichtig für mich, die Geschichte zu kennen, also die große Geschichte, auch wenn in diesem Roman unter Anführungsstrichen einfache Leute, Bäuerinnen und Bauern, Arbeiterinnen und Arbeiter, kleine Beamte gezeigt werden, von denen immer die Frage ist, wie die große Geschichte auf sie einwirkt. war es zum Beispiel wichtiger zu wissen, gab es zu der damaligen Zeit Wachstischdecken? Wie kann ich diese Zeit erfahrbar machen? Wie kann ich sie auf einer sinnlichen Ebene auch irgendwie erfahrbar machen? Und wie wirkt so etwas auf eine der Figuren, die ich mir dann nach und nach erschreibe? Vielleicht noch kurz, weil du hast gerade schon das historische Roman angesprochen. Ich glaube, man hat schnell das Missverständnis, wenn man es noch nicht gelesen hat, glaube ich, dass wir uns da in einem historischen Roman bewegen. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass es ein historischer Roman ist. Ich auch nicht. Sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, also sehr in der Jetztzeit eigentlich verankert, obwohl wir natürlich sehr, sehr viel erfahren über zum Teil schon weit zurückliegende Vergangenheit, die uns aber, glaube ich, immer noch sehr angeht. Also es war auch nie dein, also ist dir das dann so passiert oder quasi eben nicht in so eine Falle zu gehen, das ein oder andere Mal zu historisieren oder ist das was, was man gar nicht so steuern kann? Die Frage, die mich einfach umgetrieben hat, war, wie kann ich als Nachgeborener über ein solches Verbrechen schreiben? Daniel Okisch, einer meiner literarischen Ziehväter, von meinen vielen Ziehvätern und Müttern, hat gesagt, dass die zukünftige Schriftstellerinnen-Generation sich auch daran wird messen müssen, wie sie zu der Realität der Lager des 20. Jahrhunderts, ob der sowjetischen Lager, ob der Lager der Nationalsozialisten, die ja niemals immer von, also da geht es ja nicht immer so, da waren die Deutschen, da waren die Österreicher. Das sind ja Verflechtungen, die bis in Familienbünde reingehen, auch lokal. Also da gibt es lokale Kollaborateure und so weiter. Also das ist ja ganz kompliziert. Und bis man sozusagen bei den Verbrechen anlangt. sagen wir mal, bei den Verbrechen anlangt? Und wie sieht so ein Post, ich nenne es Post-Memory, also nach diesem Begriff von Marianne Hirsch, wenn man den jetzt akademisch benutzen möchte, aber wie sieht so ein Schreiben der Nachgeborenen, die jetzt nicht das direkt erlebt haben, aus? Und die Antwort ist halt Buch der Gesichter. Zumindest meine, genau. Also vorläufige. Und ich würde es auch eben nicht als historischen Roman, sondern das ist eigentlich ein Roman vor historischem Setting, der aber Fragen, wie wir mit Geschichte und Geschichten auch, also man sie vielleicht nicht vermuten würde, mit eingebaut, Anekdotisches bis hin eben zu auch dieser großen Geschichte und wie wir damit umgehen und das wäre genau die Antwort. Ich glaube, es ist der beste Zeitpunkt, um schon mal reinzuhören in den ersten Teil, den du uns heute liest. Ein auf einen männlichen Vorfahren zurückgehender Name. Und obgleich Zrnjanski recht behalten mag und wir unmöglich wissen können, wer wir waren, woher wir kamen, wie wir unsere Namen erhielten und warum gerade diese, Zugehörigkeit stimmen mag, kann mit Sicherheit behauptet werden, dass der Nachname jenes Milovan Mirko Dinic, von dem im Folgenden die Rede sein wird, auf einen gewissen Dina zurückzuführen ist, der sich im Alter von 34 Jahren gezwungen sah, sein Dorf im Süden Serbiens zu verlassen, um bei der Schlacht von Zer im Großen Krieg mit einer Kugel in den Eigeweiden zu enden. Dass Dinas Familie, deren ursprünglicher Nachname nicht überliefert ist, dessen Tod zum Anlass nahm, selbigen in Dinic umzuändern, soll hier lediglich als anekdotische Randbemerkung zu einer lokalen Geschichte dienen, deren Hauptfigur gleich in seiner neuen Börgerader Wohnung aufwachen wird dürfen. Es war, als hätte ein Schrei Mirko Dinic geweckt. Er zuckte auf und griff sich an den Schädel, der königlich schmerzte. Durch das ostwärts ausgerichtete Fenster, das er über Nacht geöffnet hielt, war Hitze in das Schlafzimmer geströmt, dessen Wände grell erleuchtet waren von den einfallenden Sonnenstrahlen. Obwohl er etwas mehr als drei Wochen in der neuen Wohnung lebte, ärgerte sich Mirko nun, die Gardinen der Vorbesitzer abgenommen zu haben. Zwar warteten deren Sachen immer noch darauf, von der Müllabfuhr abgeholt zu werden, dennoch fand er keine Muße, den ganzen Kram, den er sorgfältig in einer Ecke des Wohnzimmers aufgetürmt hatte, freizulegen und nachzuschauen, wo die Vorhänge verstaut waren. Er war sich nicht einmal sicher, ob es bei seinem Einzug Vorhänge gegeben hatte. Das einzige, was Mirko mit Gewissheit sagen konnte, war, dass die Müllabfuhr seit einer Woche zu spät war. An seinem Gaumen klebte noch der Schleim seines gestrigen Rausches, den er mit der Zunge fexte. Dann stand er auf und wankte hinüber zum Kleiderständer, von dem er einen braunen Anzug, ein beiges Hemd und eine weinrote Fliege nahm. Er legte die Sachen sorgfältig aufs Bett und strich sie mit einer routinierten Handbewegung glatt. Dann ging er ins Badezimmer, wo er anfing, sich für die Arbeit zurechtzumachen. Gleich darauf fiel ihm jedoch ein, dass er sich heute freigenommen hatte, woraufhin er den Anzug zurück auf den Ständer hängte und, nun halb rasiert und nur in Unterhosen gekleidet, das Schlafzimmer verließ. Im Wohnzimmer blieb er eine Weile gedankenverloren in der Tür stehen, bevor sich seine Augen an die immer noch fremde Umgebung gewöhnten. Außer einem Sofa aus dunkelbraunem Leder, das er aus seinem alten Haus mitgenommen hatte, das er aus seinem alten Haus mitgenommen hatte und den Sachen der ehemaligen Besitzer, die er aus Gründen des Gewissens mit einem weißen Laken abgedeckt hatte, war das riesige Wohnzimmer leer. Der einzige Zierrad, den sich Mirko erlaubte, war ein gegenüber dem Sofa hängendes Bild von General Nedic, das er abends gerne betrachtete. Um die übrige Einrichtung wollte er sich rechtzeitig kümmern. Auch Jalia, das Viertel, in dem sich seine neue Wohnung befand, war leer, woran sich Mirko bereits gewöhnt hatte. Es war ihm nicht sonderlich schwer gefallen, die Tatsache anzunehmen, dass er nicht mehr im Haus seiner Kindheit lebte, das seine selige Mutter ihm hinterlassen hatte. Zugegeben, er vermisste die täglichen Spaziergänge durch den Korsutnjak-Wald, die ihn manchmal sogar bis nach Borovo brachten, wo es die beste Milch in ganz Serbien gab. Allerdings war es immer schon sein Wunsch gewesen, im Zentrum von Belgrad zu leben, was er jetzt auch tat. Trotzdem oder gerade deshalb sah er sich gezwungen, nach dem Rechten zu sehen, bis ein Käufer für das Haus gefunden wurde und weil er seit seinem Einzug nicht mehr dort gewesen war, hatte er sich heute freigenommen. Er musste zumindest so tun, als ob ihn das alles berührte. Mircos Kopfschmerzen drohten pathetisch zu werden. Er schlierte über den Fußboden, der mit teurem Parkett ausgelegt war, das im Licht der frühen Stunde glitzerte. Dabei verfolgte ihn der Anblick der mit weißem Tuch verdeckten Sachen der Vorbesitzer wie ein Gespenst durch das Zimmer, das sechs mal sechs Meter maß. Ohne dass er es wagte, in jener Ecke zu blicken, hielt Mirko bei der Küchentür inne und tat so als prüfe er die Fugen des Türrahmens. Natürlich brauchte ein erwachsener Mann, noch dazu ein Beamter des Staates, keine Angst zu haben vor dem, was sich dort unter den Laken versteckte. Immerhin war er, Mirko Dinic, es gewesen, der das ganze Zeug mit der ihm angeborenen Pädanterie für den Abtransport geschlichtet hatte. Eine mit Kleinkram, Geschirr und Kleidung vollgeräumte, äußerst kunstvoll verzierte Truhe, auf der biblische Motive eingelassen waren. Drei ebenfalls mit Kleidung vollgepackte Koffer aus feinstem Leder, ein aus Nussbaumholz gefertigter Schrank, dessen Spiegel ihn aus irgendeinem teuflischen Grund entweder zu dicklich oder zu kränklich oder zu hässlich oder viel zu klein oder ohne Schnurrbart darstellte. Zwei Kommoden, acht Gemälde von unterschiedlicher Größe, ein Hutständer, zwei Kelimme, ein echter Perseteppich, fünf Kisten voll mit Büchern, etliche Schellackplatten samt Plattenspieler, Schuhe und Anzüge, die ihm sogar passten. Nichts von all dem hatte Mirko für sich behalten, worauf er mächtig stolz gewesen war. Dass er nun in seinem eigenen Wohnzimmer stand und sich dermaßen fürchten musste, empfand er als frechert Sondergleichen. »Wie du siehst, ist sie jederzeit bestellen konnte, oder dem Parkett, das in den Fugenrändern aufgequollen war. Er ärgerte sich vielmehr über den guten Käse, der wegen der Hitze genauso schlecht geworden war wie der Rinderrücken, den er von seinem Vorgesetzten mit einem soldatischen Gute-Arbeit-Dinic erhalten hatte. Erhalte. das er vorgestern hatte wegwerfen müssen. Dann setzte er sich an den Küchentisch und ging sofort daran, seine Kopfschmerzen zu behandeln, indem er das halbvolle Glas Marillenschnaps hinunterkippte, das er gestern Abend neben einer frisch angebrochenen Flasche hatte stehen lassen. Da Mirkos Gläser immer halbvoll waren, schenkte er sich gleich ein Ganzes ein und kippte auch dieses hinunter. Selbstverständlich mussten es Gläser sein, er hatte seiner seligen Mutter versprochen, niemals aus der Flasche zu trinken. Bevor er jedoch ein weiteres Glas einschenkte und es leertrank, zog er sich die Socken über, die er gestern Abend in der Küche ausgezogen hatte, woran er sich nicht mehr erinnern konnte. Daraufhin schenkte er sich noch ein Glas ein, um sich, als er dieses ausgetrunken hatte, zwei weitere einzuschenken, die er schnell hintereinander und in einem Zug austrank. Weil er danach endlich wieder klarer denken konnte, schenkte er sich ein weiteres Glas ein, an dem er zweimal nippte, bevor er es hinuntergoss. Auch am nächsten Glas nippte er, im Glauben, die Fruchtigkeit des guten Schnapses genießen zu können, aber der Pegel, den er wie das Brot zum Essen brauchte, verdammte ihn dazu, das Glas erneut leer zu trinken und ein neues einzuschenken, welertrinken, das zu spielen ihm nach so vielen Wochen des Einschenkens und Leertrinkens große Qualen bereitete, geschah es, dass er die Kontrolle zu verlieren drohte, weshalb er sich noch ein Glas einschenkte und es hinunterkippte. Unterdessen war es gerade einmal zehn geworden, was er an seiner Armbanduhr ablass, die sich zwischen den vielen Flaschen versteckt hatte. Er zog die Uhr von neuem auf und ging, die Finger seiner rechten Hand zu Hilfe nehmend, im Kopf die Anzahl der Stunden durch, die er für seinen Weg von Jalia bis zur Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 8 brauchte, in deren Nähe sich sein altes Haus befand. Danach trank er einen Schnaps, der seltsamerweise schärfer schmeckte als jene, die er davor getrunken hatte. Darin erkannte Mirko eine Mahnung, aufzustehen und in das Badezimmer zu gehen, was er auch wankend vollbrachte. Nachdem er rasiert war, begab sich Mirko zurück ins Schlafzimmer, um sich anzukleiden. Obgleich Hemd, Hose und Weste, die er angezogen hatte, nicht zueinander passten, gab es in der Wohnung keinen Spiegel, der diesen Missgriff hätte begradigen können. Oder aber es gab diesen einen, am Schrank der Vorbesitzer angebrachten, seinem Aussehen jedoch äußerst feindlich gesinnten Spiegel, in den zu blicken er sich verboten hatte. in den zu blicken er sich verboten hatte. Überhaupt war ihm dieser Haufen, der in seinem Wohnzimmer der überfälligen Entsorgung harte, unheimlich geworden. Jedes Mal, wenn Mirko an den Sachen vorbeiging, kam es ihm vor, als höre er Stimmen unter dem Laken flüstern. Die Wörter, die sie dunkel leierten, waren in Wahrheit Formeln gewesen, die ihn zu sich herbeiriefen. Einmal hatte er geglaubt, ein gequältes, aber gleichmäßiges Schreien darunter vernommen zu haben. Und als er das Laken lüftete, griff eine Hand nach seinem Gesicht, sodass er schweißgebadet in seinem Bett erwachte. Dabei hätte Mirko schwören können, dass sich das Laken bewegt hatte, so auch jetzt, da er sich anschickte, die Wohnung zu verlassen. Er schaffte es noch, im Vorbeigehen am Bild von General Nedic stehen zu bleiben und sich zu bekreuzigen. Aber das zu einer Maske geratene Antlitz, das er daraufhin am Laken sich abzeichnen sah, ließ ihn aus seiner eigenen Wohnung flüchten. Draußen brauchte Mirko eine Weile, um sich von dem Schreck zu erholen, der ihm widerfahren war. Davon überzeugt, dass das Trugbild, das er gesehen hatte, unmöglich mit seinen Trinkgewohnheiten zu tun haben konnte, nahm er einen Schluck aus dem Flachmann, den er immer dabei hatte. Er spürte den Alkohol in seinen Schläfen pochen und der Schweiß, der aus seinen Poren zu rinnen begann, schirmte ihn von der Hitze ab, deren Knecht die Sonne unerbittlich auf die Stadt herniederbrannte. Er ging einige Schritte die Zara-Uroscher-Straße hinauf und machte bei einem Gebäude halt, das vom letztjährigen Bombardement stark beschädigt war. Alle Fenster, die er mit bloßem Auge erkennen konnte, waren zerbrochen. mit bloßem Auge erkennen konnte, waren zerbrochen. Der an den Laibungen sich entlangfressende Ruß zeugte von einem Feuer, das im Inneren des Gebäudes gewütet haben musste. Einer der zwei Zwiebeltürme lag in Trümmern vor dem Eingang des mit grober Stuckatur versehenen Baus, dessen Fassade in farblich voneinander abgetrennten Reihen roten Ziegels und weißen Steins gemauert worden war. Genau dieser sogenannte maurische Stil war es, der Mirko, seitdem er in Jallia wohnte, täglich vor diesem Gebäude innehalten und es bewundern ließ. Dass König Petter 1907 persönlich den Grundstein für selbiges gelegt hatte, konnte ein kleiner Beamter wie Mirko Dinic natürlich nicht wissen. Auch nicht, dass es einen großen Hammer gegeben hatte, den der König dreimal gegen den Grundstein schlug, nachdem er folgende Worte vorausgeschickt hatte. Ich lege den Grundstein diesem heiligen Tempel im Wunsch, dass der allmächtige Gott unseren mosaischen Brüdern gute Gesundheit und alles Glück schenke, welcher der Heimat und dem König zugute kommen sollen. Hätte Mirko nämlich gewusst, dass das Gebäude, das er so sehr bewunderte, die sephardische Synagoge Bet Yisrael war, hätte er es mit Sicherheit nicht bewundert. Jedenfalls schlenderte er ahnungslos die Straße hinauf, an deren oberem Ende er nach links abbog und bis zum Königsplatz spazierte. Hier wollte er kurz zur Ruhe kommen, bevor er weiter zum Terrasierplatz musste, wo sich die Haltestelle der Straßenbahnlinie 8 befand. Vor der philosophischen Fakultät setzte er sich auf eine Bank und legte seine Beine sorgfältig über Kreuz, indem er auf die Bügelfalte seiner Hose achtete. und das Luftholen fiel ihm bei dieser Hitze außerordentlich schwer. Gleichzeitig wurde er der vielen Menschen gewahr, deren Körper nach und nach in Erscheinung getreten waren. In den drei Wochen, in denen er in Jallia lebte, hatte sich Mirko dermaßen an ein Viertel ohne Menschen gewöhnt, dass er nun mit ihrer Anwesenheit haderte, ja mit ihrer bloßen Existenz. Ein Beispiel hierfür war ein in seiner unmittelbaren Nähe stehender Mann, dessen Melone und imposant gezwirbelter Schnurrbart auf Mirko durchaus Eindruck machten. Allerdings störte ihn der Qualm der Zigarre, die der Mann in seiner Rechten hielt und beinahe gierig paffte. Mirko bat ihn höflich, die Zigarre auszudrücken, was jenen allenfalls amüsierte, ohne dass er seiner Bitte Folge leistete. Diese Unverschämtheit ließ Mirko keine andere Wahl, als sich nach einem Ordnungsbeamten umzuschauen, aber er fand nur eine zum dunklen Fleck geronnene Blutlache am Gehsteig, an der sich unzählige Fliegen labten. Um den Fleck herum lagen Taschentücher verstreut, an denen weiteres Blut klebte. Daneben entdeckte er Zigarettenstummel, Papierschnipsel und noch mehr Taschentücher, Essensreste, Karamellpapier, Ölflecken, Kot. Je länger er auf dem Boden starrte, umso deutlicher trat der Schmutz der Großstadt hervor, den Mirko weniger den Befreiern als den serbischen Kommunalarbeitern übel nahm. Er ärgerte sich über die eigenen Landsleute, die es nicht schafften, Ordnung in dieses Börgerat zu bringen. Angewiedert von dem, das zu sehen er gezwungen war, stand er so auf, dass alle, die in seiner Nähe waren, die Empörung, die er zur Schau stellte, zu spüren bekamen. Dann setzte er seinen Weg Richtung Terrasierplatz fort. Dankeschön. Danke. Das Kapitel, aus dem du vorgelesen hast, heißt Doppelgänger. Da müssen wir jetzt natürlich trotzdem kurz drüber reden. Habe ich mir schon fast gedacht. Wer ist da wessen Doppelgänger eigentlich? Oder ist das Doppelgängermotiv für kein ganz Neues? Das gibt es in der Literaturgeschichte in unterschiedlichsten Gattungen durch alle Jahrhunderte etc. Ich würde es auch unbedingt. Ich würde es auch wollen, wenn ich Romane schreiben könnte. Es ist immer was Unheimliches, was man nicht genau weiß. Wie tue ich damit? Man weiß selber, wie es einem geht, wenn man irgendwo jemand trifft, der einem unheimlicherweise ähnlich sieht. Das macht so einen ganz komischen Riss in der Realität. Wessen Doppelgänger ist da wo unterwegs? Oder können wir es eigentlich gar nicht so sagen? Oder ist es eher eine Angst, die der Doppelgänger ist vielleicht? Ja, der Doppelgänger hat eben so etwas sehr Psychologisches. Das ist irgendwie so eine Urangst des Menschen, vielleicht irgendwie sich selbst irgendwo wiederzuerkennen. gleichzeitig spiele ich natürlich auch auf einer sprachlichen Ebene damit. Ich bin ja auch nebst dem, dass ich ein serbischer Schriftsteller bin, bin ich auch ein österreichischer Schriftsteller und ich muss auf der sprachlichen Ebene und sehr oft kamen Leute zu mir und waren so ah, Herr Dienitsch oder Marco, jedes Mal, wenn ich Mirko lese, lese ich Marco und ich war so, sehr gut. Dann kommt man auch so auf einer lautlichen Ebene dem Doppelgänger nahe. Gleichzeitig ist Mirko Dien Dinic natürlich auch Ausdruck. Ich antworte eigentlich auf diese Frage. Thomas Gottschalk. Jetzt bin ich gespannt. Thomas Gottschalk hat mal in einem Interview gesagt, hätte ich zu der damaligen Zeit gelebt, ich wäre ja einer von den Guten gewesen. Und dann war ich so, ja okay, gut, mein lieber Thomas, du hast offensichtlich nicht kapiert eine Sache, nämlich wie die Beschaffenheit von totalitären Systemen, wie zum Beispiel Hannah Arendt sie uns beschrieben hat, wie diese ist. Hannah Arendt, das ist sehr verkürzt, beschreibt Totalitäre so, dass die Menschen, die in ihnen leben, immer gleichzeitig Opfer und Täter sein können. Das Denunziantentum ist diesem System stark eingeschrieben. Wir sehen das jetzt gerade in Amerika live, wie das wieder sozusagen Fahrt aufnimmt. Und Mirko Dinic ist im Grunde eine Antwort auf die Frage, was hättest du denn damals gemacht, Marco Dinic? Antwort auf die Frage tatsächlich, was hättest du denn damals gemacht, Marco Dinic? Und gleichzeitig auch die Verkörperung dieses Systems, weil er wird ja auch irgendwo zum Opfer. vorwegzunehmen. Und das ist natürlich auch von diesem Prinzip geleitet. Es gibt ja natürlich auch und ich finde es schade, dass gerade auch solche Gestalten, die ja wichtig sind irgendwie für das, dass sie so die basischsten Sachen tatsächlich nicht verinnerlicht haben, was mir natürlich auch irgendwo zeigt, dass unsere Erinnerungskultur doch irgendwo stark stark versagt hat, wenn auch so große, also große Geschlechter, so Thomas Gottschalk ist natürlich, aber er ist eine Stimme, auf die die Leute hören. Und da sollte er auch in Verantwortung gezogen werden. Genauso wenn ich mit Leuten rede, die sagen, ach, mit diesem alten Thema, da will uns ja eh wieder jemand eine Schuld aufbürden. Und dann denke ich mir auch bei Leuten, die so etwas sagen, dass da auch die Erinnerungskultur versagt hat. Weil es geht ja gar überhaupt nicht darum, irgendjemanden die Schuld aufzubürden, wofür man ja wirklich jetzt nichts kann. Also so wirklich nicht. Aber dass man die Geschichten so aufbereitet und so auch erzählt, dass man sich durchaus irgendwo verantwortlich fühlt, zu fragen, was ist denn damals passiert? Wie ist es damals passiert? Und ganz offen auch mit diesen Geschichten jenseits von irgendwelchen Schuldkulten, die es ja nicht gibt, also das wäre ja lächerlich, zu verstehen. Und das ist natürlich sehr komplex, das gebe ich auch gernelich, zu verstehen. Und das ist natürlich sehr komplex, das gebe ich auch gerne zu, aber da gibt es noch, glaube ich, viel zu tun in der Vermittlung von wie Geschichte überhaupt funktioniert und wie Geschichte überhaupt vermittelt gehört. Und Mirko Dinic ist eine Ausformung dessen. So viel sei vielleicht verraten, weil man hat sich jetzt vielleicht gefragt, bei der Stelle, die du gelesen hast, was hat das jetzt mit zum Beispiel Isaac zu tun, der ja so die Person ist, der man dann doch durch alle Kapitel freut. Jetzt ist man plötzlich bei jemand ganz anderem. So viel sei verraten, die zwei werden in dem Kapitel oft die ein oder andere Art natürlich zusammentreffen unter nicht besonders schönen Umständen. Hattest du manchmal, ich fand es jetzt sehr schön, dass du gerade auch darauf angesprochen hast, wie hätte ich quasi, oder wie wäre ich vielleicht damit umgegangen? Ich kann nicht davon ausgehen, dass ich mich damals mit Ruhm bekleckert hätte oder so und vielleicht das auch in Zukunft nicht tun werde. Und die zwei da aufeinandertreffen, hattest du so bei dem Ausgestalten mancher, nennen wir sie vielleicht so for lack of a better word, also weil man es vielleicht nicht anders beschreiben kann, dieser Kurzgeschichten, die die Kapitel sind, manchmal Angst, dass du den Isaac verlierst? Oder ist er dir verloren gegangen? Und hattest du Tricks oder so, um den wieder reinzukriegen in eine Handlung? Weil in dem Fall denkt man sich, wie kommt der? Also ich habe mich auch manchmal gefragt bei manchen Kapiteln, wie kriegt der die Kurve? Ja, ganz stark. Gerade beim nächsten Kapitel, das ich lesen werde, da war es ganz stark. Das ist ja, glaube ich, irgendwo der Nachteil dieses Schreibens, dass eben nicht am Reißbrett, wo der Plot oder die Geschichte nicht am Reißbrett, also wo der Plot oder die Geschichte nicht am Reißbrett entworfen ist, sondern wirklich sich so aus dem Psychologie und aus dem sicherschreiben kommt, dass die Figuren tatsächlich irgendwie so ein Eigenleben entwickeln und dann irgendwann mal eckt man irgendwo an und denkt sich, was ist denn hier los? Warum geht hier nichts weiter? Was ist denn da? Und man dann draufkommt, ah ja klar, weil das entspricht ja überhaupt nicht dieser Figur, dass sie so handelt. Sie müsste eigentlich das und das machen und dann fällt es wieder zusammen. Aber das ist halt so ein, ich meine, Buch der Gesichter, so wie sie es vor sich haben, das ist die siebte Version dieses Romans. Der wurde immer wieder durch der, also so, und das war wirklich und der letzte Teil, tatsächlich, der letzte Teil, den ich geschrieben habe, war das berüchtigte Hundekapitel von dem Allemmer. Das ist mir tatsächlich ganz, ganz spät eingefallen und Ruth Klüger sei Dank, aber wie so vieles habe ich tatsächlich in der, die Auswege aus diesem Labyrinth, dass das Buch der Gesichter auch ist, also das ist dieses Rätsel, dass der Ausweg aus diesem Rätsel war, wie immer auch die Literatur, für die ich immer dankbar sein werde. Da vielleicht gleich anknüpfen, das habe ich vorhin nicht vergessen zu fragen, aber ich komme sicherlich zu einem Punkt und der ist jetzt da, weil du die Literatur ansprichst, wir haben vorhin auch schon über Erinnerungsliteratur gesprochen, was du ganz bewusst machst und das finde ich tatsächlich auf eine Art mutig, kannst du auch gleich sagen, ob du es mutig findest oder nicht, wenn man vor jedem Kapitel stellst du einen Auszug aus einem anderen Buch, aus einem Roman, aus einer Form von Erinnerungsliteratur. Da sind große Namen dabei. Du hast Tischmar schon erwähnt. Ganz am Anfang, bevor wir überhaupt ins Buch reingehen, treffen wir Leo Perutz, ein auch Schollnei-Autor zu seiner Zeit. Also insofern, das sind viele, ich sage mal, Wege, die du aufmachst. Und ich habe mich dann gefragt, also hattest du manchmal so ein bisschen Angst oder vielleicht auch genau das Gegenteil? Vielleicht war es eher eine Lust, auch zu erkunden. Das sind ja alles VorgängerInnen und wir alle stehen ja immer so auf den Schultern von jemandem. Und keiner schreibt, ohne dass man nicht anderes gelesen hat. Also in uns kommt dann immer ganz viel zusammen, bevor was aus uns rauskommt bei Schreibenden. Und jemand sagt, das ist anmaßend. Weil in Wirklichkeit finde ich es total schön zu sagen, ich bin ja nicht allein damit, irgendwie darüber zu schreiben, mir gewahr zu werden, wie du gerade auch gelesen hast. Wir wissen nie so genau, wer wir sind. Und da gibt es ja schon zumindest Versuche, keine Antworten, aber Versuche darüber zu schreiben. Und wo hast du dich da vielleicht auch verortet? Oder hattest du mal Angst, dass jemand sagt, was macht der da? Glaubt der, er kann sich in die Reihe stellen oder so? Nein, aber es ging gar nicht darum. Es ist vielleicht irgendwie so die Frechheit, so ein bisschen gegen den Markt auch irgendwie so ein bisschen anzugehen und zu sagen, hey, Autofiktion, weil Autofiktion ist ja jetzt das Stichwort autobiografische. Ich würde es eher so als autobiografisches erzählen, weil Autofiktion ist dann, würde ich behaupten, ein bisschen was anderes, aber so dieses autobiografische Erzählen, was natürlich auch sehr viele Leute und sehr viele Stimmen, die wir bisher nicht gehört haben, ermächtigt hat, aber ich gehe hier bewusst wieder so zurück aus einem Verständnis, einem Literaturverständnis, wie ich es irgendwie beigebracht bekam, nämlich dass Literatur eben ihrem Namen nach genau das ist, Literatur. Und Literatur entsteht aus Literatur. Und da geht es eigentlich gar nicht mal so sehr darum, mich sozusagen schon zu zeigen, aus welcher Tradition ich komme. sehr darum, mich in sozusagen schon zu zeigen, aus welcher Tradition ich komme und welche Tradition ich auch zu überwinden versuche, aber auch gleichzeitig irgendwie diese Autorinnen und Autoren, Friederike Manner, Alexander Tischmer, deren Zeit irgendwie vermeintlich oder Kisch auch, diese Leute werden nicht mehr gelesen, leider, und einfach auch den Leuten gleichzeitig auch ein bisschen eine Literaturliste mitzugeben und mit mir auch gemeinsam und über dieses Buch der Gesichter auch diese Literatur sich anzueignen und sie zu feiern und diese Leute nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und diese Leute nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und gar nicht mal so sehr dieses, ich schreibe mich jetzt da hier in eine Tradition rein, sondern eher den Leuten wieder zu zeigen, hey, nein, unser Handwerk ist auch, nicht nur das autobiografische Schreiben, sondern unser Handwerk ist auch sehr stark, nicht nur von unserer, alles ist von unserer Biografie geprägt, auch dieses Schreiben, aber sehr, sehr viel von unserem Lesen, weil Schreiben und Lesen ist das Gleiche, für mich, also so und für viele meiner Kolleginnen und Kollegen und wir sind vor allem auch Leserinnen und Leser und das sollte nie vergessen werden. Das passt ganz gut noch zu einer Frage, die ich noch habe, oder vielleicht zu einer Anmerkung, wo mich auch deine Gedankengänge interessieren würden, bevor wir zu dem berüchtigten Hundekapitel kommen. Also, weil du gerade, also Schreibende sind auch immer Lesende, was mich jetzt, also es gibt ein Kapitel im Buch, das mich wirklich extrem bewegt hat, also für mich persönlich, so das Herzstück ist. Das heißt jetzt nicht, dass es das für andere sein muss. Es ist dieses eine Kapitel, in dem du quasi Briefformen gewählt hast oder so eine Art von persönlichen, also da schreibt jemand an seinen Bruder, weil du auch Autofiktion erwähnt hast. Also dieses sich selber einschreiben, was jetzt sehr lange sehr populär war und auch immer noch ist, dass Autoren, Autorinnen in irgendeiner Form in ihren Büchern vorkommen. Das ist sehr umstritten, ob das nun literarisch wertvoll ist oder nicht. Da wird sogar über Literatur-Nobelpreisträgerinnen gerichtet. die da schreibt, ist eben eine, es gibt auch am Anfang dieses Kapitels eine Fußnote, in der so ein bisschen, ich sage mal so, angedeutet wird, da könnte es eine biografische, einen biografischen Zusammenhang in der Familie Dinic geben. Das ist natürlich Fiktion grundsätzlich und soll auch gar nicht so sehr das Thema sein. Ist es das? Es ist ja oft dann das Missverständnis, dass dann viele sagen, oh, da hat er jetzt irgendwie in seiner eigenen Familie was gefunden. Aber viele, viele haben das. Es ist ja oft dann das Missverständnis, dass dann viele sagen, oh, da hat er jetzt irgendwie in seiner eigenen Familie was gefunden. Aber viele, viele haben das. Ja, eben. Und Dinec am Ende veröffentlicht er einen Brief seines Onkels. Unglaublich. Ja, aber es ist wirklich, es ist so aus einem vermeintlichen Onkel Perspektive an den Vater geschrieben und ich finde, es ist ein unglaublich erschütterndes Kapitel. Also wir begegnen da Isaac, dieser Hauptperson, als schon alten Mann, auf den dann dieser Onkel trifft, der dann selber, auch das ist nicht zu viel verraten, der selber sterben wird, nämlich im Krieg, glaube ich, dieser Onkel. Und zwar sehr jung sterben wird. Im Jugoslawien-Kapitel, in 2.92. Genau, und das hat mich so betroffen tatsächlich. Im Jugoslawien-Kadett, in den 92. rückt so ein Grauen ganz nah an einen als Leser oder Leserin ran. Ist das was, was dir schon ein, zwei Mal begegnet ist als Reaktionen darauf, dass vielleicht gerade da Leute nochmal einen anderen, oder LeserInnen vielleicht nochmal einen anderen Ansatzpunkt für sich haben? Weil es wirklich, also ich finde, das fährt so ganz, ganz tief rein, weil wir nämlich ja so oft glauben, wir sind abgekoppelt von dem Ganzen und dann kratzt man einmal an der Oberfläche der eigenen Familie und schon sieht es ganz anders aus. Ich glaube, was dieses Kapitel einfach so auch für mich besonders macht und ist, dass wir es hier eigentlich mit einer Person zu tun haben, die, wie auch meine Onkel, also ein Mechaniker, der eigentlich nichts mit Schreiben zu tun hat, der eigentlich nichts mit irgendwelchen, aber der sich gezwungen sieht, diesen Brief zu schreiben, damit er gewisse Sachen, also er hat, entschuldigen Sie mein Französisch, er hat einen Scheiß gebaut und jetzt muss er sich da wieder, er muss irgendwie die Dinge gerade rücken und um diese Dinge gerade zu rücken, ist er gezwungen, diesen Brief zu schreiben. Und wir sehen hier eine Person, die schreibend, und in diesem Kapitel geht es eigentlich sehr stark um die Vermittlung dessen, was wir eigentlich als Schreibende tun, was unsere eigentliche Arbeit ist. Nämlich zu verstehen, was um uns herum passiert und das irgendwie sprachlich einzuordnen. passiert und das irgendwie sprachlich einzuordnen. Und ich glaube, der Ton, den ich für diese Person getroffen habe, ich glaube, das ist das, was mich persönlich, das ist auch eines meiner Lieblingskapitel, weil ich glaube, dass mir der Ton dieses Menschen einfach sehr gut gelungen ist. Und dieses Tasten nach Wahrheit, was auch immer das bedeuten mag, nach Wahrheit oder vielleicht nach Wirklichkeit. Also das ist ja auch niemals, also was ist Wahrheit, was ist Wirklichkeit? Und er im Grunde letzten Endes eigentlich nur scheitern kann. Und dieses Scheitern ist dann irgendwie, oder beziehungsweise die Erkenntnis am Ende ist tatsächlich erschütternd. Also so und jetzt muss ich, jetzt bin ich berührt. Nein, nein, weil ich wirklich dieses Kapitel und aber eben es rührt eigentlich an dem, was wir, was, weil eben man fragt sich natürlich in der Gesellschaft und auch zu Recht, was machen diese Künstler eigentlich? So auch gerade in Österreich, im Land der Künstlerinnen und Künstler und ich finde, in Österreich sind wir gesegnet mit so guten Schriftstellerinnen und Schriftstellern, so guten Künstlerinnen und Künstlern und man darf zu Recht auch da stolz drauf sein, weil sie auch irgendwo fast schon ein fünftes Korrektiv im Land sind. Neben dem Journalismus und neben den Gewaltenteilungen sind die Künstlerinnen und Künstler dieses Landes auch immer bewiesen, dass sie auch ein Korrektiv sein können. Und dieses Kapitel geht wirklich genau da rein, was unsere eigentliche Arbeit ist. Dass wir irgendwie das Privileg haben, das große Privileg haben, uns hinzusetzen und darüber nachzudenken, was zum Teufel eigentlich hier vor sich geht um uns herum. Ob egal, ob es jetzt eine schöne Dorfgeschichte ist, bis hin zum, weiß ich nicht, großen Roman im großgeschriebenen Gestus. Alles, da findet alles Platz, finde ich, in diesem Spektrum. Was zum Teufel um uns rum passiert, ist ein gutes Stichwort, um uns vielleicht Malka zu nähern. Genau. Gut, ich werde nicht... Ja, ich will nur kurz, weil eben es klingt ein bisschen, warum schreibt der Mensch aus der Perspektive eines Hundes? Ich wollte irgendwie über diesen Kladovo-Transport schreiben, wie ich ihn letztens vorhin erwähnte, dieser Kladovo-Transport schreiben, wie ich ihn vorhin erwähnte, dieser Kladovo-Transport der 1100 Wiener Jüdinnen und Juden, die da deportiert wurden nach psychologischen, also dieses Herantasten. Ich hatte eine Figur in diesem Roman und ich habe diese Figur, ich habe den Satz geschrieben, sie war eine Isak zugelaufene Wiener Person. Also ich habe es nicht so hingeschrieben, aber jetzt nur neutral wollte ich es. Und dann war ich so zugelaufen. Mein Gott, das sagt man ja gar nicht zu Menschen, sondern das sagt man eigentlich, ein Hund läuft einem zu. Aber ich habe es beiseite gelegt, weil diese Person zu schreiben war irgendwie, fühlte sich wie eine Übertretung an. Es war alles, es hat nichts gestimmt. Sie war viel zu wütend und viel, es war irgendwie viel zu, ach, keine Ahnung. Und dann, paar Monate später, ich habe dieses Kapitel immer noch nicht geschrieben und es ist das letzte Kapitel, ich muss dieses Kapitel schreiben, lese ich bei Ruth Klüger, die in Weiterleben, und ich hatte das große Privileg, auch bei Ruth Klüger zu studieren, ein Semester lang. Als sie im Frauenlager Auschwitz war, ist sie ihrer Zieschwester, sie waren nicht Schwester, aber sie sind sich im Frauenlager Auschwitz begegnet und dann schreibt sie in Weiterleben, ja, sie ist mir damals zugelaufen. Und im nächsten Satz schreibt sie, komisch, zugelaufen, das ist ja kein Wort für einen Menschen, das ist ja ein Wort für einen Hund, was schreibe ich denn hier? Und in dem Moment war ich so, ah ja, okay, es ist tatsächlich ein Hund. Ruth Klüger hat es mir gerade gesagt, es ist eigentlich ein Hund. Und es ist nicht irgendein Hund, sondern es ist Alexander Tischmas Hund. Was meine ich damit? sondern es ist Alexander Tishmas Hund. Was meine ich damit? Alexander Tishma in seinem Buch Blam, dessen Titel auch in dem Buch nachklingt, schreibt über die letzten Tage der jüdischen Gemeinde von Novi Sad und wie die Jüdinnen und Juden in der Synagoge zusammengetrieben werden, bevor sie abtransportiert werden. Und vor der Synagoge versammeln sich die Hunde ihrer Besitzer, weil sie ihre Witterung aufgenommen haben und nachdem sie dann abtransportiert werden, bleiben die Hunde auf diesen Gleisen zurück und verlieren die Witterung ihrer ehemaligen Herrchen und Frauchen. Und im Grunde erzähle ich die Geschichte eines dieser Hunde weiter. Das Tier hatte ein Bewusstsein. Es hauste in der Spitze seines Schwanzstumpens, der wegen des Traums, den das Tier hatte, noch vor dem Aufwachen zu wedeln begann. Was es geträumt haben mochte, wäre hier vermessen zu sagen, immerhin wird dieses Buch von einem Menschen geschrieben. Aber es darf davon ausgegangen werden, dass es von Fressen geträumt haben dürfte, denn das Tier, das gleich aufwachen wird, war eine Hündin aus der Familie der Rauhaardackel und die Hündin hatte seit Tagen nichts gefressen. Gleich beim Aufwachen fuhr das Bewusstsein in alle Sinne der Hündin, die ihre verkrusteten Augenlider schlecht aufbekam. Dafür war ihren Ohren, als hätte sie einen jener schrillen, für das empfindliche Trommelfell äußerst schmerzhaften Laute vernommen, der nur vom Maul eines Menschen herrühren konnte. Der Schrei hatte die Hündin aus ihrem Schlaf aufhorchen lassen. Sie riss das Maul auf und streckte im Liegen die Beinchen aus, von denen das hintere Linke immer noch lahmte. Dann hob sie die Schnauze und ging daran, allen Gerüchen nachzuspüren, die ihr vertraut waren. Menschen, der von allen Petar gerufen wurde, oder der nach Zahnfäule beißende Atem jenes Milan gerufenen Menschen, der öfters in ihr Zuhause kam, um sie hinter den Ohren zu streicheln. Auch der äußerst schwierig zu erschnüffelnde Muff jener Menschen, die alle Rosa riefen, streifte die Spitze ihrer trockenen Nase und schließlich der Geruch ihres neuen Gefährten Ivan, der manchmal auch Isaac gerufen wurde, je nachdem wer von den anderen Menschen gerade nach ihm rief. Der Geruch von Ivan Isaac also, der der Geruch von Tränen war, die auch ein Tier kannte. Je länger die Hündin schnüffelte, umso stärker irritierte der am Dachboden umherwirbelnde Staub ihre empfindliche Nase und sie musste dreimal hintereinander niesen. Dann lehnte sie ihr Köpfchen zurück auf den Boden und winselte wie ein Dackel. Je weniger Zeit, je neues Zuhause war. Ovale Dinge, an denen der Geruch von Pferden in gleichem Maße klebte wie an runden, spitzen, eckigen, kantigen oder rechteckigen Dingen, denen noch Gerüche von Erde, Holz, Leder, Gras, Heu, Kot, Blut, Menschen, Hunden, Kühen, Ochsen, Kälbern, Ratten, Mäusen, Hühnern, Hähnen, Fledermäusen anhafteten, die sich allesamt zum Bild eines Dachbodens fügten, wie die Hündin ihn sah. Daneben, und das war der eigentliche Auslöser gewesen, am Dachboden zu leben, anstatt auf dem Fetzen, den Milan ihr im Vorraum hingeworfen hatte, daneben umwehte ein Geruch von zu Papier gemachtem Holz ihr neues Zuhause. Dieser Geruch entwich den Dingen, die Menschen für gewöhnlich Bücher riefen, und diese Bücher gerufenen Dinge lagen in allen Ecken und Enden des Dachbodens verteilt. Das wiederum veranlasste das Bewusstsein, das im Körper der Hündin hauste, sich an das frühere Zuhause zu erinnern, in dem es fünf seiner sieben mal sieben Jahre gelebt hatte. Denn die Erinnerung, die das Bewusstsein hatte, war eine an die Augen der früheren Gefährtin, der Hündin, deren Ruf von den vielen neuen Rufen bereits verdrängt worden war. Genauso wie die Augen ihres neuen Gefährten Ivan Isaac, waren auch die Augen ihrer früheren Gefährtin immerzu auf die Bücher gerufenen Dinge gerichtet gewesen, als gäbe es in ihnen etwas zu fressen. Es war diese Erinnerung, die streng genommen ein Wiederholen war, die ein Schlupfloch zwischen ihrem früheren und ihrem neuen Zuhause hatte entstehen lassen. Während es die Hitze, die hündisch geworden war, mit der Zunge wegzuhecheln suchte, wanderte das Bewusstsein der Hündin von Augen, Ohren und Nase zu Rachen, Speiseröhre und Magen, wo Hunger und Durst die Beinchen zwangen aufzustehen. Weil der Hündin bewusst war, dass Isaac Ivan bald mit Wasser kommen würde, begann sie den Dachboden nach Fressbaden auszuschnüffeln. Sie tapste und schlich und schlang ihren langen, sich flach machenden Körper unter diese und jene Dinge von einer Seite des Raumes zur anderen und retour. Kurz hatte die Nase eine Witterung aufgenommen, die von einem Marder oder einem Marder-ähnlichen Tier stammen musste. Aber der herbe Gestank, der sich in einem Winkel des Dachbodens festgesetzt hatte, war schnell einem anderen gewichen, der den Vorlieben des Magens eher entsprach. Also stahl sich die Hündin in jene Ecke des Raumes, in der etliche Ratten schon den Nacken von ihr zerknackt bekommen hatten und fand einen am Boden sich windenden Tausendfüßer, den sie mit einem Schleck verschlang. Das Eiweiß, das dadurch in ihren Kreislauf gelangte, verlieh der Hündin Kraft, die sie für ihre weitere Suche nach Fressbarem brauchte. Doch das Bewusstsein entschied, die neu gewonnenen Kräfte zu sparen und die Hündin legte sich hin, um zu ruhen. Aber kaum war sie eingeschlafen, weckte sie ein aus dem Licht durchfluteten Teil des Dachbodens kommendes Beben, das Ivan Isaks Schritte verursachten. Aus dem Unterschlupf, in dem die Hündin lag, versuchten ihre Augen das Gesehene, das den Gefährten beim Sitzmachen zeigte, zu einer Auskunft zu verarbeiten, die dem weiteren Vorgehen des Bewusstseins dienen sollte. Allerdings kam der von den Schnauzharden ausstrahlende Instinkt dem Bewusstsein zuvor, als die Nase einen Geruch witterte, der nahhaftes versprach. Die Hündin schnellte zwischen den Dingen hervor und stürzte sich auf den Brei, der aus Isaac Ivans Maul gekommen war. Zwar schmeckte das geleckte Bitter und das Geschluck der verätzte ihren Rachen bis hinunter zum Magen, aber der Schwanzstumpen wedelte wild, was nur eines bedeuten konnte. Mehr. Jedoch kam der gierenden Zunge ein Wasserstrahl dazwischen, der das Fressen unter ihren Pfoten wegspülte. Das veranlasste die Hündin, deren Bewusstsein den Verlust verkraften musste, sich winselnd im Kreis zu drehen, bevor die Schlucke Wasser, die Ivan Isak hier von oben gab, das aufgebrachte Gemüt beruhigten. Dann erschien die große, aber zärtliche Hand, an die sich Schnauze, Köpfchen und Körper schmiegten und das Bewusstsein ließ die Hündin, die einfach nur Dackel sein wollte, für einige Augenblicke in Ruhe. Die Hündin bellte um Isak Ivans Aufmerksamkeit, die wieder einmal streunen gegangen war. Hündin bellte um Isak Ivans Aufmerksamkeit, die wieder einmal streunen gegangen war. Die großen, von fauligem Furchtstunk überzogenen, aber zärtlichen Hände hoben sie hoch und legten ihren Körper auf die angewinkelten Beine, wo ein Spiel der Lipkosungen begann, bei dem sich das Bewusstsein zurück in die Spitze des Schwanzstumpens zog. Der Schlaf, der daraufhin einsetzte, mochte so lange, wie die Jagd auf einen Marder im flachen Terror gedauert haben. Die Hündin maß alle Distanzen, die sie zu laufen hatte in Marderjagden. Dann meldete der von den Schnauzhaaren ausstrahlende Instinkt dem Bewusstsein eine Veränderung, die den Geruch des Gefährten betraf. Die Hündin öffnete die Augen und wurde des weichen und flachen Untergrunds der Pritsche gewahr, auf der ihr Körper lag. Irritiert, ob des Umstands nicht mehr auf den Beinen des Gefährten zu liegen, befahl das Bewusstsein, den Beinchen zu ruhen. Stattdessen witterte die Nase bei Ivan Isak einen Geruch, der so stark war, dass er nur Entschlossenheit bedeuten konnte. Das machte die Hündin neugierig, weil Entschlossenheit eine Regung war, die sie von der Marderjagd kannte. Sie verglich alle Regungen, denen sie ausgeliefert war, mit Marderjagden. Was ihrem äußerst beschränkten Bewusstsein jedoch Anstrengung bereitete, war Isaac Ivan selbst, der am anderen Ende des Dachbodens vor einem anderen Ivan Isaac stand, der dieselben Bewegungen vollzog wie dieser, der jenem in die Augen blickte. Das verwirrte die Hündin insofern, als dass sie von einem Augenblick zum nächsten der andere Isaac Ivan verschwand, bevor auch jener, der übrig war, ohne sie zu streicheln, den Dachboden verließ. Das Konzept eines Spiegels blieb der Hündin verborgen. Kurz darauf stellte sich das Rückenfeld der Hündin auf und der Instinkt jagte sie zurück zur Pritsche, auf der sie vorhin gelegen war. Ich bin gesprungen. Dass die Nase, die plötzlich am Dachboden erschienene Rosa, nicht gerochen hatte, überraschte das Bewusstsein, dessen Erinnerungsgabe beschränkt war. Seit es nämlich im Körper der Hündin lebend, im neuen Zuhause lebte, hatte das Bewusstsein, das auch die Geschicke der Nase lenkte, Schwierigkeiten gehabt, Rosas von Feuchtigkeit durchzogenen Muff zu verinnerlichen, der dermaßen dünn war, dass er in die Welt der Toten gehörte. Das hielt die Hündin jedoch nicht davon ab, auf die Pritsche zu springen und sich von Rosa, die zu ihr geschunkelt war, liebkosen zu lassen. Gewiss geschah das, was sich zwischen Fell und Berührung entlud, in Erwartung von etwas Fressbarem, aber das Bewusstsein hatte sich an die Enttäuschung gewöhnt, dass es im neuen Zuhause täglich ausgesetzt war, und als die Hündin von Rosa wieder nur Wasser zu trinken bekam, befahl das Bewusstsein, dem Weinchen zu ruhen. Für mehr reichte die Kraft des Körpers, in dem es hauste, nicht aus. Doch der Schlaf, der das Bewusstsein befallen hatte, wehrte nur so lange wie die Stille, die aus dem Hinterhalt von einem Schrei erwürgt wurde. Das Bewusstsein flutete alle Sinne auf einmal und richtete die Schnauze, die zu beißen begann, auf Überleben aus. Alles von der Hündin Gesehene, Geschmäckte, Gerochene, Ertastete, Erfühlte war rot. Bis die Schneidezähne Rosas Fleisch fanden und die Hände, die sie schlugen, ihren Körper losließen. Danach sah das Bewusstsein keinen anderen Ausweg, als vom Dachboden zu flüchten. Dafür war der Schmerz, der der Haut der Hündin widerfahren war, zu schmerzhaft gewesen. Zwar hatte sie die Schläge, die sie von Rosa bekommen hatte, genauso vergessen wie die Flucht ins Freie, wo sie sich zitternd unter einem riesigen, rechteckigen Ding versteckte. Jedoch war der Hunger des Magens stärker als die Furcht des Bewusstseins und die Schnauze fing an, den Hof nach Fressbarem auszuschnüffeln. Wie lange dieses Schnüffeln gedauert haben mochte, ist schwer in Marderjagden auszudrücken. Aber die Hündin hatte auf ihrer Suche vier Käfer, eine Nacktschnecke, Grasfasern und eine Pfütze gefunden, deren trübes, schlammiges Wasser die vor Hitze ausgetrocknete Zunge befeuchtete. Indes befahl das Bewusstsein der Hündin, in Riechweite des neuen Zuhauses zu bleiben. Obgleich es jeden Schlag sieben mal sieben gespürt hatte, konnte ein dermaßen kleines Bewusstsein unmöglich nachtragend sein. Außerdem durften die vielen neuen Gerüche, die die Nase im letzten Jahr gesammelt hatte, nicht verloren gehen wie bei dem früheren Zuhause, dessen Gerüchen, so schien es, für immer verloren gegangen waren. Denn eines muss über das Wesen dieser Hündin gesagt werden. Sie war weniger ein gewöhnliches Bewusstsein in einem gewöhnlichen Dackel, als vielmehr ein Konzept, das Ähnlichkeiten mit einem Schwamm aufwies. Gewiss hatten sich die Beinchen, die gerade Hof und Umgebung abliefen, an die Gegebenheiten des neuen Zuhauses gewöhnt. Hauses gewöhnt. Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass dieselben Beinchen auf die vielen Trampelfade, Gassen, Straßen, Abkürzungen und Trottoirs des dritten Wiener Gemeindebezirks auf Erdberg geeicht waren. Das konnten die Menschen, die in ihrem neuen Zuhause lebten, natürlich nicht ahnen. Schließlich hatte die Hündin keine Sprache, um die von ihren Beinchen abgelaufenen Wege mitzuteilen. Nur die Unterseiten ihrer Pfoten wären imstande gewesen, die ganze Geschichte ihrer siebenmal sieben Jahre zu erzählen. von Rillenverstünde, die den Pfoten der Hündin eingekerbt waren. Dann hätte diese jemand ein Muster der 6.887 Spaziergänge erkannt, die sie dreimal täglich vom Rabenhof über den Kardinalnagelplatz und die Rüdengasse bis hinunter zum Donaukanal und Retour geführt hatten. Oder es war Freitag und die frühere Gefährtin ließ die Hündin, wie an anderen Freitagen auf, im Innenhof eines von Wohnhäusern umstandenen Gebäudes stehen, das sich in der unteren Viaduktgasse 13 befand. Sehr zum Ärger jenes Rabbi gerufenen Menschen, der die frühere Gefährtin andauernd ermahnte, den Dackel während der Gottesdienste zu Hause zu lassen. An anderen Tagen, wenn sich in der früheren Gefährtin eine Sehnsucht nach Geselligkeit regte, wäre die Hündin die gesamte Heimburger Straße bis hinunter zur Landstraße Hauptstraße gelaufen, welche weiter zum Hauptzollamt führte, wo das Bewusstsein zwischen Fleisch und Viktualienmarkt kurz aussetzte, bevor es an den Ausläufern des Stadtparks vorbei am Stubenring die Hochheit über die Nase wiedererlangte. Den restlichen Tag hätte die Hündin, ermüdet und vom Geklimper der ovalen Dinge die Menschen Tassen riefen, gestresst, zwischen angewinkelten Beinen verbracht, deren zugehörige Arme im Kaffeehaus mit Papier raschelten. Anschließend wäre das von einem Pferd gezogene rechteckige Ding angerollt gekommen, um Hündin und Gefährtin auf dem Weg zurück zum Fiakerdörfel vor der Haustür abzusetzen. Zurück in der mit Büchern vollgeräumten Wohnung, die ihr früheres Zuhause war, hätte die Gefährtin noch ein letztes Mal Dora gerufen und die Hündin wäre am Fuße des Bettes, in das sich die Gefährtin jeden Abend alleine legte, friedlich eingeschlafen. Obgleich die Grenzen des überaus kleinen Hirns auch die Grenzen des Bewusstseins waren, hatte sich der Rückseite der Augen und dem Häutchen des Trommelfells vieles von dem eingenarbt, was das bisherige Leben der Hündin ausmachte. Etwa das leicht nasale Simmeringer Deutsch, in dem sie die Befehle ihrer früheren Gefährtin empfing, deren Hände Arbeiterinnenhände waren, das Trillern der Stadtbahnen des Hauptzollamts über dem Stimmengewirr der unzähligen Menschen, deren Beine in alle Himmelsrichtungen ausscherten, die Stille der rechteckigen, moosbewachsenen Dinge, die Menschen Grabsteine nannten am Zentralfriedhof in Wien, dessen Pfade den Pfoten am liebsten gewesen waren, oder das Klappern der Pferdehufe im Wechsel mit dem Hupen der Automobile gerufenen Dinge, die Erstere von der Straße zu verdrängen suchten, das Gebrüll der Polizisten, dass das Gebrüll der Frontmilizionäre, dass das Gebrüll der Faschisten war, deren Lied der Jugend aus allen Mäulern dröhnte, bis es von dem Lied »Es zittern die morschen Knochen« geradezu unmerklich abgelöst wurde. Das war damals, als jene, die sich Österreicher riefen, von einem Sonnenaufgang zum nächsten anfingen, sich Deutsche zu nennen. In der Erinnerung des Bewusstseins, dass die Erinnerung der Augen und Ohren der Hündin war, war das die Zeit der Unzahl sich hebender Arme gewesen. Dann, das Bewusstsein wusste nicht, wann es geschah, setzte das große unerträgliche Gebrüll ein, das bis zum Verlust ihres früheren Zuhauses größer und unerträglicher werden sollte. Was die Augen damals sahen, waren jene Menschen, die sich Deutsche riefen, wie sie jene, die sich Juden riefen, zwangen, sich aus dem Fenster zu stürzen, während andere, die sich ebenfalls oder nur manchmal oder auch gar nicht Juden riefen, ihre Beamten- und Kaufmannsposten, Greislereien, Fleischereien, Amten- und Kaufmannsposten, Greislereien, Fleischereien, Krämerläden, Banken, Arztpraxen, Schneidereien, Fabriken, Reise- und Architekturbüros, Kaffeehäuser, Uhrmachereien, Zeitungen, Anwaltskanzleien, Friseur- und Tapezierläden, Apotheken, Schlossereien, Trafiken aufgeben mussten, um für die Deutschen schwere Dinge von einem Ort zum anderen zu schleppen. Einmal bemerkte die Hündin bei einem ihrer seltenen Spaziergänge im Augarten Juden in langen schwarzen Gewändern, wie sie unter Schlägen ihre Körper bis zur völligen Erschöpfung bewegten. Dabei schrien sie, Juder, Verrecke, was anders klang als die Schreie der Deutschen, wenn sie zu wiederholten Male jene, die sich Juden riefen, dazu nötigten, die Bordsteine mit Zahnbürsten zu schrubben. Oder die Deutschen befallen Juden, sich Tafeln umzuhängen, mit denen sie andere Deutsche davor warnten, bei Juden einzukaufen. So auch ihre frühere Gefährtin, die nach diesem Ereignis viele Tage weinend in ihrem Bett verbrachte, bevor sie wieder in die Heugasse 20 musste, wo die Hündin das flehentliche Rufen der Gefährtin vernahm. Ja, Herr Rahm, nein, Herr Rahm, gewiss, Herr Rahm, bevor die Wohnung, die das frühere Zuhause war, in ad weniger Stunden verlassen werden musste, bevor es weiter in die Markaurelstraße 5 ging und von dort aus weiter nach Bratislava, Dankeschön. den Geruch ihrer früheren Gefährtin verlor, deren Ruf sie längst vergessen hatte. Dankeschön. Danke dir für den Auszug aus dem Kapitel. Ich finde das extrem eindringlich. Ich habe noch zwei abschließende Fragen. Das eine bezieht sich tatsächlich jetzt auf das, was wir gerade gehört haben. Ist diese Hündin, die ja eigentlich nur Hündin sein will, wie es einmal heißt, und sonst nichts, oder dieses Bewusstsein, dass nur Hündin sein wird, will, aber natürlich gezwungen ist, das alles mitzuerleben, eigentlich so die purste Geschichtsschreiberin, die man sich vorstellen kann oder vielleicht genau das Gegenteil? Der Erstleser dieses Romans, ein guter Freund von mir, Buchhändler in München, Simon Schadlop, falls Sie mal in München sein sollten, Buch und Töne, toller Buchladen. Und er hat gemeint, als er das Buch las, dass die Hündin die Funktion eines Stolpersteins in diesem Buch erfüllt. Also die Hündin ist ja keine, wie das Buch sagt, es ist eigentlich weniger Hündin, sondern sie ist in einer Zeit, in der es keine Erinnerungskultur gibt, in der es keine Erinnerung gibt, sondern in einer Zeit, in der alles stattfindet, ist sie die Zeugin. In einer Zeit, in der es noch keine Zeugen geben kann, weil alle noch Verfolgte sind. Und in ihr bündelt sich sozusagen dieses gesamte Wissen über die Shoah, dass wir heute, also so habe ich mir das so vorgestellt. Und sie ist irgendwie auch aus diesem Widerspruch geboren. Imre Kertes, der Holocaust-Überlebender, berühmte Romancier, hat einmal eben so auf diesen Widerspruch hingedeutet, dass wir haben auf der einen Seite dieses Menschheitsverbrechen und auf der anderen Seite haben wir die vielen Bibliotheken, die dieses Menschheitsverbrechen hervorgebracht hat. Dieses Wissen, dieses enorme Wissen, was so ein Schrecknis hervorbringen kann. was so ein Schrecknis hervorbringen kann. Und die Hündin ist auch aus dem geboren worden. Also wie gesagt, sehr eindrücklich und ich verstehe tatsächlich das. Es gibt, glaube ich, kaum eine Rezension, keine Besprechung, die ich bisher gesehen habe oder auch Gespräch, dass ich mir ein bisschen angeschaut habe mit dir, wo Malka, die Hündündin nicht in irgendeiner Form erwähnt wird oder wo das nicht ganz zentral ist. Tatsächlich insofern hat es die Wirkung, glaube ich, auch tatsächlich. Ja, es war komplett verrückt, dieses Kapitel zu schreiben. Glauben Sie mir, ich stand davor und war so, um Gottes Willen, Dienitsch, was machst du da? Kannst du nicht aus der Perspektive eines Hundes, aber ich glaube, es ist mir recht gut gelungen, diesen Hund irgendwie einzufangen und die Leute mögen halt, die Leute mögen, aber ich glaube, es ist mir recht gut gelungen, diesen Hund einzufangen und die Leute mögen halt, die Leute mögen, glaube ich, Tiere und ich glaube, es geht ja am Ende des Tages um die Vermittlung von Geschichte und neue Wege der Vermittlung von dieser Geschichte. Und genau. Ganz zum Abschluss. Ich komme auf das eine Kapitel zurück, über das wir schon kurz gesprochen haben, diesen Brief oder dieses Versuchen, sich an die eigene Geschichte ranzuschreiben, sich gewahr zu werden, was da eigentlich passiert ist, mit Wahrheiten fertig zu werden. Da heißt es, und als er fertig ist, also er bezieht sich in dem Fall auf Isaac, den der Onkel, der vermeintliche Onkel trifft, als er fertig ist, da zerbricht etwas. Ich habe nicht gewusst, was es ist, aber ich habe es gespürt. Tief in mir drinnen habe ich gespürt, da ist etwas nicht richtig. Nie wieder wird es ganz werden. Und jetzt habe ich mich gefragt, wirklich auch die letzte Frage für den Abend, nie wieder wird es ganz werden. Es wird niemals wieder ganz, egal wie viel man schreiben, lesenend verbringt. Oder hast du eine Antwort, ob es irgendwie eine Ganzheit wieder geben kann? Oder leben wir einfach zertrümmert weiter? Ich glaube, ich ja, einer der Gründe, wieso ich die deutschen Romantiker innen immer mochte, obwohl das ja mittlerweile verpönt ist zu sagen, weil sie irgendwie so der Vorhof der Nazis sein sollen oder wie auch immer. Natürlich spiegelt sich vieles. Aber sie haben die Literatur immer als Fragment begriffen und ich glaube, so ist irgendwo auch das Leben. Wir können dieses Ganze, auch wenn es irgendwas in uns gibt, das nach so einem Ganzen strebt oder nach einem Ganzen vielleicht irgendwie so eine Sehnsucht hat, aber unsere Erinnerungen sind ja vielleicht auch nicht unsere Erinnerungen. Oder unsere Erinnerungen sind ja nur ein Abglanz dessen, was wir erlebt haben. Vielleicht haben wir es ja, zum Beispiel, ich war vor zehn Jahren das erste Mal seit sehr, sehr langer Zeit im Großelternhaus, die haben ein sehr kleines Haus gehabt im Süden Serbiens, Bauernhaus. In meiner Vorstellung war das, in meiner Erinnerung war das so riesig, riesiges Haus. Das ist ein kleiner, 15 Quadratmeter Raum war das, das ist wirklich so ein arme Leutehaus. Und in meiner Erinnerung war das immer riesig gewesen und von dem her ist, glaube ich, kann auch irgendwie so unser Erzählen, genauso wie unser Leben, niemals dieses irgendwie so Ganze, auch wenn wir danach irgendwie streben und versuchen es einzufangen und insofern glaube ich, ist das Wichtigste, dass wir unsere Geschichten erzählen, unsere Geschichten auch aufnehmen, für unsere Enkelkinder und dann für unsere Kinder und dann später, damit sie auch unsere Stimmen nach wie vor haben und dass wir irgendwie auskommen, miteinander auskommen vor allem, das ist das Wichtigste. miteinander auskommen vor allem. Das ist das Wichtigste. Darum geht es am Ende. Ich beschließe den Abend hiermit jetzt. Vielleicht als letzte Anmerkung noch. Es gibt das Buch von Marco oder beide Bücher von Marco natürlich hier zu erwerben. Ich empfehle das wirklich wärmstens. Denken Sie an Weihnachten. Immer an Weihnachten denken. Und weil du gerade gesagt hast, eben manches ist in der Erinnerung sehr, sehr viel größer. Und wenn man dort ist, Bücher sind erstmal sehr klein, aber glauben Sie mir, wenn Sie sich in diesen Raum begeben, der das Buch der Gesichter ist, dann wird der ganz groß. Und deswegen unbedingt kaufen. Das ist ein kleines Wunder, was hier passiert ist. Und danke für diese... Das ist so ein Buch, wie Clarice Lispector sie mal beschrieben hat, so schön. Ein Buch, in dem man sich einrichtet wie in einem Haus. Da lebt man jetzt für eine Zeit lang. Also von dem her, wenn Sie sich darauf einlassen möchten. hören, dass sie uns gelauscht haben. Ich konnte ihre Ohren hören. Und jetzt wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Abend. Wir sind noch da. Du wirst sicherlich auch signieren, wenn man das möchte. Und wir kommen jetzt ins Gespräch. Hast du mal dieses Befehl leer, oder? Ja, und damit danke an Kronstorf und an den Ort hier und natürlich ans Literaturschiff. Danke für die Gastfreundschaft. Danke. Danke dir. Danke Steffi für die tolle Moderation.