Dann machen wir es so, dass wir loslegen. Herzlich willkommen, sehr geehrte Damen und Herren im Stifterhaus. Mein Name ist Sarah Pöringer, für alle, die mich noch nicht kennen, und ich freue mich sehr, Sie heute zu unserer Mittagsveranstaltung, unsere Reihe zum Mittag bei Stifter, begrüßen zu dürfen, hier im ehemaligen Arbeitszimmer Adalbert Stifters. Bevor wir mit dem Gespräch beginnen, möchte ich Ihnen kurz etwas zur Reihe erzählen. Entstanden ist zum Mittag bei Stifter im Rahmen der Kulturhauptstadt 2009. Wie Sie alle wissen, war damals Linz im Zentrum Europas. Heuer steht das Reisen im Mittelpunkt. Unsere Reihe trägt den Titel Zwischen Wegen und Worten – Geschichten übers Reisen. Reisen faszinieren seit jeher der Aufbruch in die Ferne, die Sehnsucht nach unbekannten Orten oder auch das Wiederfinden der Heimat. Sie verbinden Menschen und bleiben eine Konstante, auch wenn sich Transportmittel, Trends und Destinationen ändern. Auch in der Literatur ist das Unterwegssein ein zentrales Motiv von Homers Abenteuerfahrten über Goethes italienische Reise bis zu heutigen AutorInnen, die persönliche Erfahrungen, Begegnungen und Wandlungen literarisch verarbeiten. Dankeschön. Handlungen literarisch verarbeiten. Dankeschön. Genau, und das führt mich auch schon zu unserem heutigen Gast, der uns mit seinem 2024 bei Jung & Jung erschienenen Roman Lauter, der auch für den österreichischen Buchpreis nominiert war, zeigen wird, wie vielfältig Reisen sein können. Mit ihm werde ich über Aufbrüche, Sehnsuchtsorte sowie Heimat und Fremde sprechen. Herzlich willkommen, Stefan Reus. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast und heute bei uns bist. Zu Beginn möchte ich dich ganz kurz unserem Publikum vorstellen. Stefan Reus wurde 1983 in Linz geboren und lebt als Autor und Musiker in Linz, aber auch unterwegs. Du hast mir vorhin erzählt, du warst viele Jahre lang in Berlin. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig sowie in Linz Kunstwissenschaft und Philosophie. Unser heutiger Gast schreibt nunmehr vornehmlich Prosa, hat aber auch schon Lyrik geschrieben, schreibt auch Hörspiele, Texte für Graphic Novels sowie szenisch performative Texte. Mit seinem Roman Triceratops legte Stefan Reuss 2020 ein viel beachtetes Debüt vor, mit dem er für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Und Auszüge daraus wurden bereits mit dem Förderpreis Floriana 2016 und dem Förderpreis der Wuppertaler Literatur Biennale 2018 ausgezeichnet. Ja, und musikalisch ist er als Mitglied von Äffchen und Cracks, Fang den Berg, Mulm und Kasse 4 unterwegs. Und wie ich vorhin schon ganz kurz anglingen habe lassen, hören wir heute aus seinem zuletzt erschienenen Roman lauter. Ja, in deinem Roman findet ja nicht nur eine Reise statt. Du nimmst deine LeserInnen mit nach Kuba, nach Italien und fliegst auch eine potenzielle Bandreise nach Berlin ein. Es klingt auch ganz kurz eine Interrail-Reise an, nach der Trennung der Eltern des Protagonisten Leon sowie eine Residency in Japan. Also die Reisen sind sehr vielfältig. Und bevor wir ins Buch einsteigen, möchte ich dir zwei Fragen stellen. Als Autor hinter dem Roman zuerst ganz offen gehalten, was bedeutet denn Reisen für dich? Schönen guten Mittag von meiner Seite. Reisen. Also es ist persönlich ein sehr wichtiger menschlicher Akt für mich. Es erweitert Horizonte. Und das Schöne ist, viele Leute sagen, sie gehen auf Reisen, um sich irgendwie selbst zu finden. Aber ich finde eher, das wirklich Schöne am Reisen ist, dass man sich im besten Fall verlieren kann. verlieren kann und drauf kommt, wie fragil eigentlich die eigene Ich-Konstruktion ist und dass man an Dingen festhält, die eigentlich gar nicht so stabil sind und auch nicht so stabil sein sollten, wie es einem meistens vorkommt. Also Reisen im besten Fall ist eine Erweichung der menschlichen Härte. Eine Erweichung der menschlichen Härte, das hört sich sehr schön an. Wir durften uns ja bereits vor zwei Wochen kurz kennenlernen und da habe ich in unserem Gespräch erfahren, dass bei dir ja Reisen auf eine gewisse Art und Weise auch mit deiner literarischen Produktivität verbunden ist. Ich glaube, du hast erwähnt, dass du keiner bist, der gerne zu Hause schreibt, sondern eher unterwegs, also sei es im Kaffeehaus oder doch auch auf Reisen. Was macht denn das Reisen für deinen Schreibprozess so unverzichtbar? Ja, also ich bin ein wandelndes Doppelklischee. Also ich bin nicht nur Kaffeehausliterat und Reiseliterat. Ich kann daheim nicht schreiben oder kaum, wenn es sein muss. Wenn ein Abgabetermin drückt, dann kann ich das schon irgendwie hinbekommen, aber wenn das nicht ist, wenn es kein Korsett gibt, dann muss ich raus, weil sonst steckt die nächste YouTube-Party oder ich muss ganz dringend Wäsche waschen oder was auch immer. Und ich muss raus. Interessanterweise bei mir ist die Ablenkung größer daheim als im Kaffeehaus. Solange er nicht mit mir gesprochen wird, mich stört das gar nicht, dass da Geschirr klappert und die Leute irgendwas reden. Das ist eher so ein angenehmes Hintergrundrauschen und vielleicht sogar Inspiration. Und am besten ist das Kaffeehaus im Ausland oder zumindest nicht in Linz oder in Hottensee, sondern zum Beispiel am Meer. Genau, weil da wird das Bewusstsein durchgelüftet, in meinem Fall. Und ja, da fühle ich mich am offensten wahrscheinlich und am empfänglichsten. Genau. Also ich merke wirklich, auf Reisen oder an Orten, die nicht Heimat im engeren Sinn sind, gelingt mir das meiste. Also ganz viele, die produktivsten Phasen sind immer, wenn ich nicht daheim bin. Genau, zu dem Abgabetermin, den du erwähnt hast, auf den kommen wir später noch zu sprechen. Ich würde aber sagen, wir steigen jetzt in deinen Roman ein. Du hast mir verraten, dass du gleich den Beginn lesen wirst. Also du nimmst uns jetzt mit für kurze Zeit nach Kuba und ich darf dich um deine erste Lesung bitten. Sehr gerne. Ich erspare mir, dadurch, dass es der Anfang des Romans ist, jegliche Vorrede und lege einfach los. Dauert nur fünf Minuten. Ich sah das leichte Blau des Himmels und das schwere Blau der See. Aufgeknöpfte Hemden und hautenge Röcke, balancierte auf dem Malekon zwischen gistumspülten Felsen und einer vierspurigen Straße, während hoch über mir ein Pelikan in der Luft zu stehen schien, hörte das dumpfe Tuten eines Frachters, das die ganze Bucht erfüllte, und für einen Moment verstummten die kläffenden Hunde. und für einen Moment verstummten die kläffenden Hunde. So lange hatte ich über den Begriff der Seele gelacht, bis in meiner Hand die Hand meiner toten Mutter lag, noch nicht kalt, doch schon zu kühl. Ich strich mit meinem Daumen über ein Netz aus feinen Falten, über das Relief der Venen, die Fingerknöchel, vergilbte Nägel. Die Heizung klackte. Irgendwo knisterte ein Radio. Ich saß an einem weißen Bett, übernächtigt und verschwitzt, drückte diese reglose Hand und bat jemandem um Verzeihung, der nicht mehr da war. Mein Vater stand am Fenster mit dem Rücken zu mir. Ich hoffte, dass er weinte, doch ich glaubte es nicht. Nach seinem Anruf hatte ich meine Reise sofort abgebrochen, den Fahrer eines ausgebuchten Busses bestochen, damit er mich im Gang kauern ließ, um so schnell wie möglich von der Schweinebucht zurück nach Havanna zu gelangen, war in Madrid in eine andere Maschine umgestiegen, nach der Landung zum Zug gerannt, ohne auf meinen Koffer zu warten und hätten nicht an diesem Tag tausende Menschen in der Innenstadt protestiert und das Taxi zu einem Umweg gezwungen, wäre ich vermutlich rechtzeitig gekommen. Mit sonnengeröteten Schultern stand ich auf dem Platz der Revolution, der riesig war und schattenlos und menschenleer, schloss die Augen und summte eine Melodie in das Diktiergerät. Westlich des Prado zerstampfte man mit Mörser und Schale Malanga für die Säuglinge, knatterte auf blankpolierten Mopeds durch schmutzige Straßen, verkaufte den Touristen Eintrittskarten für ein Salsa-Festival, das niemals stattfinden würde. Ein Song von Sepultura lockte mich in eine Bar. Ich trank Daikiri nach Daikiri auf der Dachterrasse, nichts ahnend vom Durchfall am nächsten Tag, sah den kleinen Wagen steil gekippt und das W der Cassiopeia als M. kleinen Wagen steil gekippt und das W der Cassiopeia als M. Ich hätte daran denken können, wer mich gelehrt hatte, diese Sternbilder zu sehen. Wer mir gezeigt hatte, wo links ist und wo rechts. Wer mir beigebracht hatte, meinen Namen zu schreiben, die Uhr zu lesen, eine Terz zu treffen. Wer mir mein erstes Instrument geschenkt hatte, ein Glockenspiel mit Klangstäben in den Farben des Regenbogens. Wer mir nach dem Adventkranz singen demonstriert hatte, dass man mit dem Finger durch die Flamme fahren kann, ohne Schaden zu nehmen. Wer mir geholfen hatte, jedem Stofftier ein Löwenzahnblatt als Krawatte an die Brust zu heften. Wer mir Ronja Räubertochter vorgelesen hatte, bis Wildtruden in den Zimmerecken hockten. Auf der anderen Seite des Atlantiks hatte ich selten an meine Mutter gedacht. Umschwirrt von Bienen stieg ich hinab in eine Höhle und entdeckte im Schein der Taschenlampe ein Pferdeskelett, ein unterirdisches Rinnsaal und Blumen, die kein Sonnenlicht zu brauchen schienen. Ich tagträumte von Ogriden, ebenso schwachsinnigen wie boshaften Kreaturen, die in dieser Dunkelheit hausten, keine Lieder kannten. Als ich wieder ins Freie kletterte, sah ich drei Männer mit ausgefransten Strohhüten ein Ochsengespann antreiben. Sie schrien heisere Befehle und schlugen mit der flachen Hand gegen die Flanken weißer Rinder, die mühten sich über ein Zuckerrohrfeld. Für mich war der Findling im Pfarrgarten ein Ei gewesen, so alt wie die Welt, und irgendwann würde ein Drache daraus schlüpfen. In meiner Vorstellung brauchte es zwei kräftige Feen, um eine Tafelkreide hochzuheben. Gäbe es keinen Regen, dachte ich, hätten die Fische das Meer längst ausgetrunken. Meine Mutter trocknete mir die Tränen, die ich über die Nüchternheit der Welt vergoss. Ich sah Steinbrocken aus ziegelroten Äckern ragen und eine Mülldeponie, die kein Ende nehmen wollte. Neben der Fahrbahn brannte das Gras. Der Buslenker wich einer herrenlosen Schafherde aus und ein Krater im Asphalt. Ich fotografierte die fettigen Flecken auf dem Fenster neben mir, Hinterlassenschaften von Reisenden, die ihre Köpfe an das Glas gelehnt hatten, um zu schlafen oder sich mit offenen Augen in die vorbeirauschenden Bambuswälder zu träumen. Ja, danke dir. Wir haben in dieser Textstelle nun einen Protagonisten Leon kennengelernt, der lange Zeit so lebt, als gäbe es kein Morgen, der immer auf der Suche nach Intensität ist und auch auf der Suche nach Orten, die vielleicht größer sind als er selbst. Und er kommt ja dann aus Kuba zu spät zurück, also er kann sich von seiner Mutter nicht verabschieden. War es für dich von Anfang an klar, dass seine Reise mit diesem verpassten Abschied enden würde? Nein, überhaupt nicht. Aber ehrlich gesagt, es ist schon so lange her, dass ich gar nicht mehr die Abfolge der Textstufen kenne. Aber ich glaube, es war ein relativ später Eingriff. Irgendwann war mir klar, der muss aus seinem Lebensrausch, der noch so postjugendlich ist, er ist ja Punkmusiker und hat auch nichts gegen Drogen und andere Ausschweifungen. Aber irgendwann wurde mir klar, er muss sozusagen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden und er muss Schicksalsschläge oder zumindest einen erleben. Es sind dann zwei große geworden und der erste ist dann der Tod der Mutter gewesen, der ihn sozusagen im wahrsten Sinn des Wortes zurückholt. Du hast es ja schon angesprochen, Leon ist Punkmusiker. Wenn wir in der Handlung etwas weiter gehen, treffen wir dann auf zwei Figuren, die für ihn sehr wichtig sind, auf V und Milena. Das sind seine beiden Freundinnen und seine Bandmitglieder oder Bandkolleginnen und die begleiten ihn ja auf ganz unterschiedliche Art und Weise, kommen aber nach diesem Verlust auch nicht wirklich an ihn heran. Dieser verpasste Abschied von der Mutter, inwiefern beeinflusst das Leon? Also inwiefern kann man sagen, dass er dann die Welt anders wahrnimmt oder wie wirkt sich das dann auch auf seine Entscheidungen, seine Reisen aus? Naja, er wird eben aus seinem rauschhaften Dasein herausgerissen und sie sich plötzlich konfrontiert, nicht nur mit der bloßen Abwesenheit der Mutter, sondern mit Versäumnissen, die er selber geschehen hat lassen und versinkt dann in einer Art von Selbstmitleid kombiniert mit Schuldgefühlen. Wahrscheinlich, weil er bis zu diesem Zeitpunkt ein relativ sorgenfreies Leben geführt hat. Also es hat natürlich so Kleinigkeiten gegeben, aber er hat sich immer stark gefühlt und war dem Leben sozusagen gewappnet. Und das Vorrecht der Jugend oder der verhältnismäßigen Jugend ist ja auch, dieses Gefühl noch haben zu dürfen, man wäre unzerbrechlich und man kann alles erreichen und alles ist verfügbar und alle Türen stehen offen. Und das Gefühl des Erwachsenen-Daseins bricht etwas verspätet dann über ihn herein. Und da muss er sich dann erst seine Strategien zurechtlegen, auch mit Hilfe seiner Freundinnen, um da neuen Boden unter den Füßen zu bekommen. Und nicht immer nur durch das Gefühl der Mächtigkeit, sondern vielleicht auch durch Loslassen oder sich aufgehoben fühlen in der Welt. Diese Unzerbrechlichkeit endet ja mit dieser ersten existenziellen Erschütterung, mit dieser ersten existenziellen Erfahrung. Es geht dann aber weiter und es folgt eine Krebsdiagnose. Also bei Leon wird Hodenkrebs diagnostiziert und daraufhin nimmt er dann auch eine Einladung nach Venedig an, wo er einem alten Freund begegnet, der ihn auch in die Kunst der Meditation einführt. Und diese Reise ist dann aber auch nicht in Venedig zu Ende. Es geht dann weiter. Vielleicht auch, wie dein Pullover schon verrät, das ist ja sehr passend. Und ich würde sagen, wir tauchen jetzt dann auch in deine zweite Lesestelle ein. Ich möchte aber ganz kurz noch darauf eingehen, dass du, glaube ich, in einem Ö1-Interview meintest, dass dein Roman eine Symphonie werden sollte. Also man merkt auch, dass du dich fachlich eben mit Musik beschäftigst. Also es kommen ganz viele Geschwindigkeiten in deinem Buch vor, Tonlagen, Melodien und es gibt auch ruhige und laute Passagen. Also wenn du jetzt dann zu lesen gehst, vielleicht auch darauf achten, dass eben ganz viele unterschiedliche Bilder, Tonlagen und auch Klänge vorkommen. Also ich darf dich bitten. einen guten textlichen Hintergrund, weil eben Leon selber ein Musiker ist, der zwar eher dem experimentellen Punk zugetan ist, aber eine klassisch ausgebildete Sängerin als Mutter hat, insofern kein primitiver Drei-Akkorde-Punk ist, sondern sehr wohl weiß, wer Mendelssohn-Bartholdy ist. Genau, und das schlägt sich natürlich, oder ich habe versucht, das niederschlagen zu lassen im Text. Und er kommt eben nach Venedig und wir steigen jetzt ein, nachdem er Venedig verlassen hat. Das hat sich eine Zeit lang sehr gut angefühlt in Venedig verlassen hat. Das hat sich eine Zeit lang sehr gut angefühlt in Venedig und dann bricht es eben auf zu einer rauschhaften Reise quer durch Italien. Der Endpunkt der Reise steht auf meinem Pullover. Und jetzt gibt es eine kurze Passage, die auch dieses rauschhafte Reisen mit abbilden sollen. Das heißt, falls Sie nicht alles sofort verstehen oder die Zusammenhänge sich nicht erschließen, es liegt am Text und es ist wahrscheinlich beabsichtigt. Manchmal kam ich zu einem Bahnhof und hatte bereits ein Ziel. Manchmal nahm ich den nächstbesten Zug, egal wohin er fuhr. Ich stand an Straßenrändern und hielt Kartonschilder hoch. Ich stand in Menschenschlangen und wünschte mich fort. Ich kaufte mir in Turin einen Rucksack, überließ meinen Koffer samt einem Gutteil meiner Kleidung einer Wahrsagerin, wanderte so lange, wie mein Bein es zuließ. Ich versäumte Busse. Ich kurfte auf einer Vespa im Slalom durch eine Pinienallee. Ich ließ meine Finger durch das Seewasser gleiten, die harte Kante eines Ruderbootes in meiner Achsel. Ich streckte meinen Kopf aus dem Fenster des Taxis, schloss die Augen. Die letzten Monate sollten von mir abblättern wie sonnenverbrannte Haut und der Fahrtwind sollte sie mit sich reißen, über Wald und Flur verstreuen auf Nimmerwiedersehen. Es gab einen Tag, an dem ich auf Pappdeckeln lag und das schwache Licht eines Kondomautomaten mir die Nachttischlampe ersetzte. Es gab einen Tag, an dem ich unter einem Luster erwachte, der so breit war wie ein Wagenrad und ich über einen spiegelblank gewischten Korridor in einen Frühstückssalon schlenderte, wo kolorierte Kupferstiche an den Wänden hingen und ein Grammophon knisterte. Über dreckige Zimmer beschwerte ich mich nicht. Wozu? Morgen würde ich ohnehin wieder weg sein. Ich verschickte Fotos von beidseitig abgebrochenen Kleiderhaken, schimmelnden Duschvorhängen und fingerlangen Kakerlaken und zeichnete einen Blitz in die Staubschicht auf der Minibar. Ich folgte ersten Eingebungen und ergriff letzte Möglichkeiten, gab der Versuchung nach, berauschte mich am Tempo, an Tollheiten, silbernen Lippen, Seeluft, Chinar, nur um eine Stunde später von der Tristesse sinnloser Freiheit ins Kissen gedrückt zu werden. Selber Mond, andere Stadt. Ich wollte der bleiben, der nicht bleiben muss, und wünschte mir doch nichts mehr, als dass irgendetwas bleiben darf. Das diffuse Morgenlicht und die graublauen Gassen. Das Mädchen, das die Taubenfeder in den Tautropfen tauchte und die Luft damit beschrieb. Ich wünschte mir, dass alles gewesen sein wird, auch das Vergebliche und Herz zertrümmernde. Ich dachte, alles immer schon vom Ende her, küsste einen bronzenen Dichter nach einer Nacht voll träger Träume, die sich nicht dazu hatten durchringen können, von etwas zu handeln. Setzte mich auf die Hafenmauer, sah die Sonne aus der Ungewissheit hinter dem Horizont auftauchen und hörte bald den Akkord, in dem ich das Glühen der Wolkenbänke aufbewahren wollte, den sanft surrenden Sound, ein langsames Glissando. Das Geschrei der Möwen gab mir die Idee einer Rhythmik ein. Ich übersetzte mir das Glitzern des Wassers in ein Geriesel hoher Töne und die Adria-Frachter in satte Basstrommelschläge. Ich notierte eine Melodie auf der Rückseite einer Fahrkarte. Jede Note war Bestandteil eines aussichtslosen Unterfangens. Der Zerfall der Wirklichkeit dauerte an. Manchmal träumte ich davon, ein Theaterstück zu unterbrechen, die Spielenden und das Publikum des Saales zu verweisen, um danach allein, ungestört, durch das Bühnenbild zu wandeln. Es gebe keine Handlung mehr, keine überraschende Wendung, kein Drama, nur eine Anordnung von weißen Steinen. Strahlig gestreifte Portellen hafteten an der Kaimauer. Im bunten Sortiment des Eissalons gab es schon mittags tiefe Gräben, geschürft von Löffeln aus Edelstahl. Knorriger Blauregen wandte sich um die schmalen Säulen des Cafés und der Hund auf der Schwelle wirkte ausgestopft. Im Park am Vorplatz des Bahnhofs schliefen schutzbefohlene unter Gold glänzenden Folien. Eine Dame in Lila drehte langsam ihren Lippenstift heraus. Ein Bub zog seinen Spazierstock aus dem Müll und ließ ihn über die Vergitterung in der Kellerfenster rattern. Auf meine Pizza legte sich der Staub, den die Baumaschinen aufgewirbelt hatten. Ich erkannte ionische Säulenkapitele in den dünn geschnittenen Champignons und im Brokkoli die Bäumchen, zwischen denen Vaters Modelleisenbahn hindurchgesaust war. Ich erkannte in gefleckten Bananenschalen das Fell von Geparden. Ich erfreute mich an den wilden Blumen neben dem Gleis und schlief im Zug an der Schulter eines sanftmütigen Fremden. An den Gott meiner Mutter glaubte ich schon lange nicht mehr, und die Leerstelle, die er hinterlassen hatte, ließ ich verwuchern. Berauscht von den Farben und Düften der Kräutergärten kehrte ich zum Fluss zurück, in dem in brauner Plastikglatzhose ein Fliegenfischer stand, ein Vater, die Füße seines Kindes wusch, auf einem Felsen eine Frau ihr langes rotes Haar kämmte. Muss ich mir Sorgen machen? Nein, musst du nicht. Bist du dir sicher? Nein, aber danke, Milena, dass du bist, wie du bist. Abends betrank ich mich unter einer Kiwi-Laube mit dem glücklosen Fliegenfischer, spielte auf seiner Hammond-Orgel einen alten Björksong, verfolgte die Schatten der Wolken auf den gewaltigen Berghängen, bis es dunkel wurde. Die Äste waren angeschwollen, hatten die Rinde zum Platzen und das weißgelbe Fleisch zum Vorschein gebracht. Die Platane verstellte mir den Blick auf den Mond, ließ mich wissen, dass sie sich vor dem Mond befand und der Mond hinter ihr. Nichts war selbstverständlich, auch nicht, dass die Dinge sich zueinander ins Verhältnis setzen. Der Raum bot mir ein Zuhause, einen Platz im großen Gefüge. Die Zeit lehrte mich das Fürchten. Vio hatte mich immer dafür ausgelacht, aber ich ertrug das Ticken eines Metronoms nur, wenn sich Musik darüber legte. An der Steilküste Liguriens zwischen grünen Bergen und dem offenen Meer drängten sich pastellfarbene Häuser. Ich saß auf einer Anhöhe unter einem Bambusdach, sah das Blut der Maulbeeren an den Händen der Kinder und currygelbe Nikotinflecken an meinen. Die Möwen legten sich in den Wind, der weiter unten den Staub der Küstenpfade aufwirbelte. Hatte ich früher einen schönen Ort gefunden, nahm ich mir vor, noch einmal hierher zurückzukehren. Nun dachte ich mir, vielleicht bin ich zum letzten Mal hier. Ich wurde von der Polizei verscheucht, als ich mit erhobenem Daumen an der Autobahnauffahrt stand und von zwei alten Damen zu einer Rundeskoper und einem Stück Zitronekuchen eingeladen. Ich schlich mich in einen Campingplatz ein, übernachtete im Zelt einer tschechischen Buchhalterin, die mir mit einem Feuerzeug die Haare an meinen Oberarmen abfackelte, marschierte am nächsten Morgen durch einen vier Kilometer langen Arkadengang zu einem Heiligtum, um mitzuerleben, wie das Fell einer Kuh im Schatten die Farbe von Rost annahm. Straßenkünstlerinnen tanzten mit Spazierstock und Melone zu französischen Chansons, als gäbe es keine Mars-Missionen, keine Trollfarmen, keine Rasenmäher-Roboter. Jedes Mal, wenn die Tür geöffnet wurde, brach die Musik lautstark aus dem Lokal. Das Schwarzlicht trieb die Graffiti aus den Wänden heraus und ließ alles Weiße erstrahlen. Papier, Zähne, die Schuppen auf den Schultern. Die Bewegungen der Tanzenden wurden vom Stroboskop in Einzelbilder zerhackt. Mögen wir alle Elefantentode sterben, lebenssatt die Stunde erkennen. Es ist gut, dass ich hier war. Es ist gut, dass ich jetzt gehe und uns in die Wellen legen, unter einen alten Baum, an ein Herz, das uns gewollt hat. unter einen alten Baum an ein Herz, das uns gewollt hat. An einer Raststätte kurz nach Bologna sah ich, wie Fernfahrer ihre Pornohefte tauschten und im Kuppelmosaik des arianischen Baptisteriums zu Ravenna Jesu Penis von den Fluten des Jordans umspült. Vor jeder Schiebetür machte ich eine Wischbewegung mit der Hand, als wären mir die Dinge hörig. Ich stand um Mitternacht vor einem haus und nippte limoncello vernahm das schnarrn der zikaden und sei jenseits der felder aber hunderte lichter ferner ortschaften flimmern und bald war es als ob das schnarrn und das flimmern zusammengehörten, das Geräusch der Unsichtbaren und das lautlose Bild. Es schnarrten die Lichter. Als ich meine Zigarette in ein Glas fallen ließ, in dem sich Regenwasser gesammelt hatte, zischte es. Und ich fragte mich, was es war, das da zischte, dieses Es, von dem die Sprache behauptete, es existiere. Man könnte Leons Reisen fast wie eine Klammer in seinem Leben verstehen. Also diese existenziellen Erlebnisse, die ihn einerseits zurückholen mit dem Tod der Mutter, aber auch wieder in die Ferne treiben mit seiner Hodenkrebsdiagnose. Du hast schon ein bisschen die Motive angesprochen, vielleicht nicht Selbstfindung, sondern sich selbst verlieren. Ich wollte noch auf das Thema Reisen als Privileg kommen. Es ist ja auch ein Privileg, die Kontakte zu haben, die finanziellen Mittel zu haben, sich einer langen Reise zu stellen. Denkst du, dass diese innere Form der Reise für Leon möglich ist, weil er sich diese äußere Reise auf gewisse Art leisten kann oder würde dieses sich selbst verlieren oder selbst finden auch ohne Koffer und Flugzeug für ihn möglich sein oder Zug in deinem Fall? ein Flugzeug für ihn möglich sein oder Zug in deinem Fall? Das ist eine komplexe Frage. Natürlich, also niemand muss reisen. Man kann sehr glücklich werden, ohne sein Dorf jemals zu verlassen. Ich glaube, es ist einfach ein bisschen eine Typfrage und natürlich auch eine Frage der Möglichkeiten. Leon selbst ist ja nicht reich, aber er hat das Glück, die richtigen Leute zur richtigen Zeit kennengelernt zu haben und mit einem für ihn erträglichen Job ein gewisses Auskommen zu haben. Aber er ist ja nicht reich. Er muss sich sein Leben schon auch einrichten, damit er reisen kann. Nichtsdestotrotz ist er natürlich in Österreich, hat einen gewissen Bildungsgrad, ist noch dazu weiß und männlich und dementsprechend hochgradig privilegiert, hat auch keine nennenswerte körperliche Beeinträchtigung und so weiter. Jetzt habe ich die Frage vergessen. Ob du denkst, dass sich selbst verlieren, Trauer, Bewältigung für ihn auch zu Hause möglich wäre? Wenn er nicht die Möglichkeit hätte, müsste es ja. Müsste er sich dem stellen. Aber es ist quasi müßig zu fragen, ob es genauso gelingen wird. Das ist irgendwie sein Weg. den er gewählt hat und den er sich auch leisten kann. Aber wenn er es sich nicht leisten könnte, dann würde er es nie erfahren. Ja, wir werden es nicht erfahren. Es gibt ja lauter zwei, wer weiß. Ja, ja, mal schauen. Mit Blick auf die Uhr kommen wir dann schön langsam zum Abschluss. Doch was wäre eine Mittagslesung, wenn nicht mindestens einmal der Name unseres Hausherrn fallen würde, Adalbert Stifter? Seine Reisen waren wahrscheinlich weniger Abenteuer im klassischen Sinne, sondern vielmehr gründliche Erkundungen der Welt, sei es eben bei sommerfrischen Aufenthalten in Kirchschlag, auf Inspektionsreisen oder Fahrten nach Wien. Die Transportmittel waren damals noch andere. Er reiste meist mit der Kutsche. Wenn er schneller gehen musste, nutzte er das Schiff auf der Donau. Du hast ja kürzlich auch eine Donauschifffahrt unternommen und planst, diese literarisch in deinem nächsten Roman zu verarbeiten. Möchtest du uns noch ganz kurz etwas darüber berichten? Ja, gerne. Das ist der Grund, wieso ich unglaublichen Stress habe. Nein, also ich habe, was haben wir jetzt, also Ende Mai, also genau, Ende Mai bis Anfang Juli letzten Jahres habe ich eine Bootsfahrt auf der Donau unternommen, nicht auf einem Kreuzfahrt- oder Ausflugsschiff, sondern wir waren zu viert auf einem kleinen Schiff, Schrägstrich großen Boot, wir sind zu viert von der Schlögener Schlinge ans Schwarze Meer gefahren. Hat ungefähr einen Monat gedauert, zwei von uns mussten das Schiff wieder zurückbringen. Die waren fast 80 Tage unterwegs. Ich bin aber ausgestiegen in Rumänien und habe den Landweg zurückgenommen. Genau, und es war natürlich eine sehr eindrückliche Reise, wie man sich vorstellen kann. Neun verschiedene Länder, unglaublich viele Sprachen, politische Situationen, viele sprachen politische situationen die sich gegenseitig übertroffen haben in wie soll man sagen beschissenheit vielleicht ist das fachwort was ich gesucht habe ja die die donor die sich verändert die tiere die die Pflanzen, es war ein unglaublicher Regen an Impressionen und ich habe mich dann natürlich entscheiden müssen, dass ich das als Basis nehme für einen Roman. Der soll im Herbst erscheinen und ist auch schon zu teilen fertig. Dann freuen wir uns auf die Teile, die du noch schreiben wirst und dafür alles Gute. Mit dem Wissen, dass im ersten Stock die für die Mittagsreihe obligatorische Suppe auf uns wartet, möchte ich mich bei dir, Stefan Reuss, herzlich für deine Zeit und die Einblicke in deine Arbeit bedanken. Danke Ihnen allen fürs Kommen und danke für die Moration. Ja, wir würden uns freuen, dich vielleicht bald wieder im Stifterhaus begrüßen zu dürfen, vielleicht im Herbst zur Präsentation deines neuen Romans. Freuen würden wir uns auch, wenn wir Sie, liebe Damen und Herren, bald wieder willkommen heißen dürfen, vielleicht im Rahmen unserer nächsten Mittagslesung am 30. April mit Anna Weidenholzer. Gerne aber auch zu einer Abendveranstaltung. Das Programm liegt bei uns im Heft auf. Nehmen Sie sich das gerne mit. Stefan Reuss hat sich übrigens für eine Karotten-Ingwer-Suppe entschieden, zubereitet von der Postkantine. Ob Stifter sich auch so entschieden hätte, sei dahingestellt. Wie man weiß, war er ja kulinarisch durchaus ambitionierter und fleischlastiger unterwegs. Ich freue mich jedenfalls über die Wahl und in diesem Sinne vielen Dank fürs Kommen und Mahlzeit.