In seiner Schrift LTI, Linguatere Cimperi, die Sprache des Dritten Reiches, führte der Romanist und Literaturwissenschaftler Viktor Klemperer akribische Aufzeichnungen über den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten im Dritten Reich und notierte an einer Stelle, der Narzissmus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang. Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mir überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht ist, Worte können sein wie winzige Arsen-Dosen. Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. So weit das Zitat Klempers. Von einer Sprachvergiftung in der Gegenwart ist zu berichten, die seit Jahren im deutschen Sprachraum etwa von der deutschen AfD, in Österreich von der FPÖ um ihren Cheffabulierer Herbert Kickl ausgeht. Auf Parallelen zwischen der Rhetorik der FPÖ und dem NS-Vokabular wurde bereits ausführlich hingewiesen. Besonders gern behilft sich Kickl, der ehemalige Redenschreiber Jörg Heiders, in seinen Auslassungen mit Komposita, also zusammengesetzten Hauptwörtern, eines seiner beliebtesten Mittel, um politische Gegner in aller Kürze zu denunzieren. Durch Kombination mit den Begriffen Terrorismus, Diktatur, Raub oder Verrat ergeben sich massentauglich klingende Begriffe wie Klimaterroristen, Tugendterrorismus oder Tugenddiktatur, Pensionsraub etc. Mit konsequenter Sprachvergiftung erhöht Herbert Kickl seit Jahren seinen Stimmanteil bei Umfragen. Sprachvergiftung erhöht Herbert Kickl seit Jahren seinen Stimmanteil bei Umfragen. An dieser Stelle sei aber die Aufmerksamkeit auf einen seiner Stellvertreter als Bundesparteiobmann gelenkt, auf den seit 2015 als Landeshauptmann-Stellvertreter in Oberösterreich agierenden Manfred Heinbuchner, der medial als gemäßigtes Gegenstück zum Bundesparteiobmann wahrgenommen wird. Heimbuchners Diktion unterscheidet sich von der Herbert Kickls höchstens in Nuancen, auch seine Ausfälle finden in der Regel in vollen Bierhallen statt. Auffällig wird Heimbuchner abseits seiner eigentlichen Agenten bei Auftritten und Kampagnen, die sich pauschal gegen vor allem migrantische Gruppen der Bevölkerung richten. 2015, als während der sogenannten Flüchtlingskrise Zehntausende Schutz in Österreich suchten, äußerte sich Heimbuchner bei einer Rede in Wels mit folgender Aussage. Diese Sozialtouristen, die wollen sich doch nur die Rosinen rauspicken und wenn die kommen, dann zahlt man ihnen die Dolmetscher und die Grundversorgung dazu und das müssen dann unsere Frauen, die vorher von denen sexuell belästigt worden sind, zahlen mit unseren Steuermitteln. Ich will, dass die Österreicher ihr Land wieder zurückbekommen. Zitat Ende. Die Formulierung unser Land zurückholen wird in der politischen Landschaft häufig als Slogan benutzt, primär von der AfD, ähnlich aber auch in den USA von Anhängern Trumps. Der Landeshauptmann Stellvertreter Oberösterreichs insinuiert, dass ihm offenbar das sein Land weggenommen worden wäre und lässt in seiner Suade auch keinen Zweifel daran, wer daran schuld sei. Er unterstellt die aus Kriegsgebieten geflüchteten Menschen, dass es sich um Sozialtouristen handele. Seit zehn Jahren hat Heimbuchner kaum eine Gelegenheit ausgelassen, seine Vorhaltungen in vielerlei Variationen in unzähligen Wiederholungen, ich spreche mit Glemperer, in Sprach- und klimavergiftender Absicht vorzubringen. Als im Jänner die Kronenzeitung gegen sogenannte Spitalstouristen aus dem Ausland, auch hier wieder ein Kompositum, polemisierte und anführte, dass in Österreich 22 Millionen Behandlungen für Flüchtlinge und Zuwanderer durchgeführt wurden, übernahm die Landes-FPÖ unter Heimbuchner diese Meldung wolle und mit ihr übrigens auch gleich die ÖVP. Österreichische Gastpatienten warten lassen, aber Asylwerber sofort behandeln. Nicht mit uns, so lautet ein entsprechendes Posting der ÖVP. Ein Faktenchecker gab, dass im besagten Zeitraum 800 Millionen Leistungen von den Spitälern erbracht wurden. Angesichts dieser Zahlen bedeuten 22 Millionen Leistungen in gerade einmal 2,75 Prozent der Gesamtleistungen. Berechnungen zeigten, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich sogar ein Überschuss bei den Sozialversicherungszahlen von mehr als fünf Milliarden Euro ergab. Wenige Tage später forderte die FPÖ Oberösterreich die Errichtung einer eigenen Krankenversicherungskasse für nicht-europäische Migranten mit primärer Eigenfinanzierung. Weitere Überschriften von Facebook-Postings auf der Seite von Manfred Heimbuchner. Zuwanderer kosten mehr und zahlen weniger ein. 6.000 Klinikbesuche jeden Tag auf unsere Kosten. Unsere Beiträge für unsere Leute. So kann es nicht weitergehen. Die Bundesregierung muss sich wieder auf die Österreicher konzentrieren. Schweinefleisch in der Schulkantine, ja. Unser Land, unsere Regeln. Nein, aus Rücksicht auf Muslime. Migranten belasten unser Gesundheitssystem und kosten Unsummen. Die Massenimmigration bedroht unsere Art zu leben. Ich zitiere als einzige Replik auf diese Vorwürfe das Post einer Frau. Ich bin fast mein Leben lang in Österreich. Es ist meine Heimat. Ich komme aus einem Drittstaat, arbeite, zahle Steuern und Abgaben und bin ein vollständiges Mitglied der Gesellschaft. Ich habe die österreichische Staatsbürgerschaft nicht. Wenn die FPÖ das durchsetzen will, dann fordere ich alle Abgaben, die ich an Leistungen in die Kassen gezahlt habe, zurück. Das gilt nicht nur für mich, sondern auch für viele Personen aus meinem Umfeld. Als ich selber auf den Kronenzeitungsartikel mit einem Faktencheck reagierte und hinwies, dass die Zahl der Leistungen für Ausländer unter 3% betrug, antwortete mir eine Person aus meinem persönlichen Umfeld, bezahlen müssen trotzdem alles die Österreicher. mit dem Hinweis, dass bei uns 1,73 Millionen erwerbstätige Menschen mit Migrationshintergrund in die Krankenkassen einzahlen. Ich ergänzte meine Angabe mit dem Hinweis, dass der Anteil der Sozialhilfe am Sozialbudget, bei denen auch etliche Menschen mit Migrationshintergrund betroffen sind, aber nicht nur sie, bei uns um die 1% Betrage. Anders ausgedrückt, dass 99 Prozent des Sozialbudgets der restlichen Bevölkerung verbleiben. Die Antwort meiner Bekannten, trotzdem, Rudi, es sind leider schon zu viele hier bei uns. Dieses trotzdem scheint mir ein gefühlter Befund zu sein, dagegen kein Argument und kein Faktencheck mehr anzukommen scheint. In den letzten Wochen hat mich eine erhellernde und gleichzeitig deprimierende Lektüre begleitet. Das Buch Zerstörungslust des deutschen Soziologenpaars Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey, die untersuchten, warum in modernen Demokratien eine politische Haltung entsteht, die letztlich demokratische Institutionen zerstören will. Die Autoren nennen dieses Phänomen demokratischen Faschismus. Versiert und fundiert und mit Studien abgesichert führen die Autoren aus, wie die Polykrise der Gegenwart, Klimawandel, Kriege, Pandemien, Migrationsbewegungen zu einem Gefühl der Ohnmacht, zu einem Gefühl der Allgegenwärtigkeit sozialer Verluste bei einem Teil der Bevölkerung führten, den sich der Populismus rechter Parteien zu eigen macht. Diese Ohnmachts- und Verlustgefühle und damit verbundenen Abstiegsängste würden vor allem und vehement durch Stereotype Fantasien und Deportationsfantasien auf eine einzige Gruppe projiziert, die der Migranten. In einem Abschnitt ihres Buches beschreiben die Autoren Elemente der faschistischen Rhetorik der 30er Jahre, in der Ansprüche wie Wahrheit, Zurechenbarkeit und Verantwortung subversiv unterlaufen würden. Sie manifestieren sich in einer, Zitat, nihilistischen Postfaktizität, in der die Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktion wahr und falsch nicht mehr existiert. Hannah Arendt hielt dieses Element für das zentrale Element einer totalen Herrschaft. Faschistische Dispositionen zeigen sich auch vor allem in Allegorien und vagen Anspielungen. In den Postings des Herrn Heimbuchner sind diese eindeutige Schuld- und Verantwortungszuordnungen deutlich ablesbar. Schuld sind die Migranten. Wenn diese weg wären, ja was wäre dann? 50 Prozent des Pflegepersonals hierzulande haben Migrationshintergrund. Manfred Heimbuchner im O-Ton bei seiner Rede am vergangenen Aschermittwoch in Ried im Innengreis. Remigration oder Ausschaffung, wie was am Ende heißt, liebe Freunde, das ist mir wurscht. Hauptsache die Mörder, die Vergewaltiger, die Belästiger, die Drogendealer und die Sozialschmarotzer verschwinden aus unserer schönen Heimat, liebe Freunde. In ein Posting des Herrn Heimbuchner und seiner FPÖ ist diese Unbestimmtheit und die Imagination der Andeutung deutlich spürbar. Einmal geht es um die Migranten, dann um die Asylwerber, dann um Sozialhilfeempfänger, wobei die Relation zur Gesamtbevölkerung stets ungenannt bleibt. Seine Beschuldigung geht pauschal gegen Menschen mit migrantischem Hintergrund. Entschuldigung geht pauschal gegen Menschen mit migrantischem Hintergrund. Ohne dieses Mitschwingen einer Stimmung gegen alles Fremde wäre seine Aussage trivial, ja überflüssig. Wir leben in einem Rechtsstaat. Jeder Mörder, Vergewaltiger, jeder Drogendealer würde bei uns vor einem Gericht verurteilt werden. In der Drohung des Verschwindens aus unserer Heimat klingt die von Amlanginger und Nachtwey konzentrierte Härte die Deportationsfantasie durch. Amlinger und Nachtweys Analyse gegenwärtiger faschistischer bzw. präfaschistischer Denkstrukturen der Gegenwart ist überzeugend. Wenn es um mögliche Lösungsansätze geht, bleiben die Autoren leider reichlich abstrakt. Der Versuch aber, etwa auf Faschistinnen pädagogisch aus einer Haltung moralischer Überlegenheit einzuwirken, sei müßig. Zitat Das Aufdecken von Widersprüchen ist letztlich eine Geste der epistemischen Überlegenheit. Die Selbstgewissheit, dass allein die anderen die Wahrheit verdrehen, dass ein vormals intaktes Wahrheitsregime von rechten Kräften zerstört wird, sodass es nun mittels Faktenchecks oder ähnlichem repariert werden muss, ist selbst postfaktisch und liberal-autoritär. Was bedeutet das für mich als Bürger mit äußerst bescheidener Machteinfluss? Wie und wo mit Menschen in Dialog treten, die ganz anders denken? Wie Hetzreden, pauschalen Verleumdungen, wie der Sprachvergiftung entgegentreten. Eine Anmerkung zuletzt. Manfred Heimbuchner entstammt einer sudetendeutschen Familie. Sein Vater Lambert wurde 1941 geboren und erlebte wohl als Kind die Ankunft in einem der oberösterreichischen Flüchtlingslager. Oberösterreich hatte zu Kriegsende 950.000 Einwohner. Kurzfristig kamen 1,1 Millionen Flüchtlinge dazu, von denen 120.000 in Oberösterreich blieben und sich unter vorerst schwierigen Bedingungen eine Existenz aufbauten. Diese 120.000 bildeten damals 11 Prozent der Bevölkerung. Unter den Vertriebenen befanden sich 16.000 Sudetendeutsche. Ein Zahlenvergleich zur Gegenwart. Oberösterreich hat heute 1,5 Millionen Einwohner, derzeit leben 6.721 Afghanen hier sowie 6.000 Menschen aus Syrien. Der Anteil dieser Volksgruppen beträgt 0,45 bzw. 0,4 Prozent der Bevölkerung. Der Historiker Michael John merkte einmal an, dass beinahe in jeder dritten oberösterreichischen Familie ein Migrationshintergrund gegeben ist. Wir kommen sozusagen von überall her. Vielleicht verbirgt sich in Manfred Heimbuchners Satz, ich möchte, dass wir unsere Heimat wieder zurückbekommen, auch ein nie ausgesprochener Schmerz und der nie erfüllte Wunsch seines aus dem Sudetenland vertriebenen Großvaters.