Kein gutes Zeichen zum bevorstehenden Einzug der Polizei in Hitlers Geburtshaus. Das Völkerrecht zerbröselt vor unseren Augen, wenn ein widerlicher Autokrat zuweilen andere Autokraten mit an sich geächtetem Krieg vom Typus Epic Fury überzieht, erntet er selbst von sogenannten lupenreinen Demokraten bedenklichen Applaus. So wird das voraufklärerische primitive Recht des Stärkeren, dessen mit dem größeren Knüppel, schleichend mehr und mehr legitimiert. Die regelbasierte Weltordnung, mit allem Recht kritikwürdig, man denke nur an das jahrzehntelange ökonomische Wüten der WTO, und doch ein Strohhalm gegen die Barbarei ist auf den Hund gekommen. Oft frage ich mich besorgt, in welche Zukunft meine Enkel zehn und vier Jahre alt hineinwachsen müssen. Überall verschwimmen Grenzen, wenngleich Grenzen ganz anderer Natur, die zwischen den Staaten nämlich zunehmend befestigt und undurchlässiger werden. Warnungen vor dem, was uns wahrscheinlich bevorsteht, verhallen meist ungehört, für differenziertere Wahrnehmungen bleibt medial immer weniger Platz. Dass eine solche, die ich mir in diesen Wochen auf Anfrage erlaubte, beträchtlichen ja weltweiten Widerhall fand, war deshalb trotz des Hintergrundes eine veritable Überraschung für mich. Der Hintergrund des Hintergrundes ist kein geringerer als Adolf Hitler, der Hintergrund selbst sein Geburtshaus in Braunau, dessen Anziehungskraft in vielerlei Hinsicht trotz Fassadenumgestaltung ungebrochen scheint. Agence France-Presse kontaktierte mich wegen des unmittelbar bevorstehenden Einzugs der Polizei in Hitlers Geburtshaus. Mein Roman Herzfleischentartung, der rund um zwei NS-Lager im Bezirk Braunau kreist, erschien in Frankreich im renommierten Verlagshaus Actes Sud und thematisiert unter anderem gewissenhaft ausgeübte kriminalpolizeiliche Dienstleistungen, die darin bestanden, den Kommandanten und die Wachmannschaft des zentralen Zigeuner-Anhaltelagers von Oberdonau, also Oberösterreich, zu stellen, das auch als Wirtschaftsbetrieb geführt wurde. Schlechte Ernährte, gut bewachte Sinti schufteten gegen gutes Geld als Zwangsarbeiter etwa für die Wassergenossenschaft Ibenweitmoos zur Entzumpfung riesiger Moorgebiete und für die Gemeinde St. Pantaleon zur Errichtung eines Schießstandes samt Zufahrtsstraße. Dafür zuständiger Verwaltungschef war ein SA-Sturmführer. Nein, systematisch gemordet wurde nicht in diesem Reichsgaulager. Man verlor sein Leben höchstens, weil es keine Medikamente geben durfte, wenn etwa die krupöse Lungenentzündung ausbrach. Auch Kinder kamen zu Tode. Heinrich Neudorfer, Lagerkommandant und hochgestellter Kriminalpolizist, diagnostizierte etwa auf dem Totenschein einer Fünfjährigen zum Beispiel Herzkollaps. Einen Arzt beizuziehen, ersparte er sich in allen Fällen. Nein, systematisch gemordet wurde dort nicht, doch es war die Polizei, die den Viehwaggontransporter internierten in die Vernichtung im besetzten Polen, zumindest auf den ersten Etappen sorgsam begleitete. Allein mehr als 250 Kinder und Jugendliche wurden aus Braunau auf diese Weise in den Seuchentod oder ins Gas im besetzten Polen geschickt. Nach gut einjähriger Skelettierung im Massengrab verarbeitete eine eigens errichtete Knochenmühle, die meisten der 5000 österreichischen Roman Sinti, zu Dünger. Es war wohl kein Zufall, dass ein Kriminalbeamter gleichen Namens wie der Lagerleiter nun wieder in Diensten der Polizei der Republik Österreich nach dem Krieg als Fachmann für die Opferfürsorgeansprüche der wenigen Überlebenden Sinti herangezogen wurde. Alles lange her, gewiss, aber erst im Vorjahr erreichte mich eine Zuschrift aus Adelaide in Australien, Absenderin, die Tochter eines Linzer Sinto, der nach der Ermordung fast der gesamten Verwandtschaft gleich nach dem Krieg mit 16 dorthin aufbrach und mit Mitte 90 immer noch dort lebt. Im Namen ihres Vaters bat sie um Dokumente zu jenen Verwandten, denen ich eines der akribisch recherchierten Porträts in meinem zweiten Buch zum Thema »Schauplatzwunden« widmete, das sie gelesen hatten. Die Tante des alten Mannes, zum Beispiel Albini Rosenfels, nahm über das Braunauer Lager ihre sieben Kinder in den eigenen Tod mit. Eine andere Tante, Zwangsarbeiterin in den Hermann-Göring-Werken, überlebte, wurde aber weder als NS-Opfer anerkannt, noch bekam sie die von den Nazis eingezogenen Schaustellergeschäfte der Schwester abgegolten. Jener mit dem Lagerleiter namensgleiche Kriminalpolizist fungierte dabei als Experte der Republik. Seine zynische Ablehnungsbegründung ist überliefert. Für die vielen Dokumente, die ich in Kopie nach da und an gehen ließ, erreichten mich im Gegenzug Fotos der Ermordeten, die der alte Mann sein ganzes Leben sorgsam gehütet hatte. So viel zur häufigen Forderung aus den Tiefen des gesunden Volksempfindens, man möge die Vergangenheit doch endlich ruhen lassen. Ich nutzte das Interesse der gut vorbereiteten Mitarbeiterin von Agence France-Presse um vor dem Braunauer Hitlerhaus auf die Frage nach meiner Haltung zum Einzug einer Polizeidienststelle, wie schon öfter auf den Umstand zu verweisen, dass die Polizei nicht von ungefähr gern als Ordnungshüterin tituliert, jedem Staatswesen für diesen Zweck zur Verfügung stehen muss, auch einem Repressiven. Dies sei ein Faktum und als solches keineswegs kritikwürdig. Faktum und als solches keineswegs kritikwürdig. Gerade im Bezirk, damals Kreis Braunau, hat sie sich während der Nazi-Herrschaft auch im Lagerkontext als absolut verlässlich bewährt. Und die Kontinuität nach dem Krieg reichten so weit, dass sich der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit schon 1948 bemüßigt fühlte, die untergeordneten Dienststellen wie die Bevölkerung vor neuerlich herumziehenden Zigeunern zu warnen, die sich so wörtlich oft als KZler ausgeben würden. Offenbar reichte es nicht aus, dass die Sinti-Minderheit im Land zu 90 Prozent ermordet war. Soweit die Voraussetzungen es zuließen, so der Generaldirektor weiter, sei in jedem Fall die Möglichkeit, eine Außerlandschaffung zu prüfen. Da die Betroffenen, etwa die Ravensbrück-Überlebende Rosa Winter, nach der Ausbürgerung durch die Nazischergen nun staatenlos waren, ganz gleich, ob sie aus Königswiesen stammten oder aus Hochburgach, war diese Möglichkeit auch meist gegeben. Zumindest mit meinem Schlüsselsatz, eine Polizeistation ist deshalb problematisch, weil die Polizei in jedem politischen System das, was der Staat will, zu schützen hat, fand ich mich als bald weltweit zitiert, von FAZ und Spiegel angefangen, bis hin zu Blättern aus Ländern wie der Türkei, Argentinien oder Pakistan, deren Bevölkerung berätte Lieder zu singen, weiß über diesen von mir skizzierten Umstand. Erstaunlich. Weitere Interviews etwa mit der Londoner Times folgten. Dass ich mich als einziger halbwegs bekannter Autor mit Hauptwohnsitz im Bezirk Braunau mit all diesen Fragen seit langem beschäftige, hat zu dieser globalen publizistischen Präsenz meiner Erläuterungen nur wenig beigetragen. Vielmehr ist es zwar das zwar lächerliche, aber nach wie vor wirksame, symbolische Gewicht des Geburtshauses eines unerreichten Spitzenverbrechers, der am Ort als Kleinkind lebte und, wie es ein Braunauer Bezirkshauptmann einmal deftig formulierte, bloß seine Windeln vollschiss. Die Fassadenneutralisierung, O-Ton, Innenministerium und die Polizeidienststelle ändern daran rein gar nichts. Um einem Missverständnis vorzubeugen, ich ziehe die demokratische Ausrichtung der österreichischen Polizei nicht in Zweifel, warum sollte ich? Es ist unerlässlich, dass es sie gibt. Ihre Arbeitsbedingungen verschärfen sich in einer zunehmend von Aggression und Rechtsbrüchen aller Art gekennzeichneten Gesellschaft mit jedem Tag. Viele untadelige Beamte versehen engagiert ihren Dienst, aber es gilt, dass es wiegt, was es hat. Allein in diesem noch jungen Jahr wurden wiederholt Fälle bekannt, die förmlich nach ernsthaften Konsequenzen schreien. Ich erinnere an das Landesverwaltungsgericht Kärnten, das jüngst klargestellt hat, die offizielle Begründung für den rechtswidrigen, übergriffigen Polizeieinsatz auf dem Gelände des NS-Gedenkhohrs Perschmannhof sei aus der Luft gegriffen. Angebliche Anzeigen und Beschwerden aus der Bevölkerung wegen illegalen Kampierens der gemaßregelten Konten nicht vorgelegt werden, es hat sie nie gegeben. Ein anderes Beispiel, zwei hochrangige Wiener Polizisten wurden vor drei Wochen suspendiert, weil sie für einen wegen betrügerischer Krida verurteilten Immobilieninvestor gegen Bezahlung illegal Daten abgefragt haben sollen. Derweil gilt noch die Unschuldsvermutung. Ausgerechnet die Polizei in Sittlerhaus einzuquartieren, ist jedenfalls ein bedenkliches Signal. Ganz von der Hand zu weisen ist es ja nicht, dass bald einmal Kräfte in diesem Land das Sagen haben werden, die, wie sie im Bierzelt unverhohlen verkünden, andere Seiten aufziehen möchten, was auch die Exekutive vor neue Aufgaben stellen würde. Danke.