Guten Abend, meine Damen und Herren, liebe Literaturinteressierte. Ich möchte Sie heute ganz herzlich zur Veranstaltung der Grazer Autorinnen-Autoren-Versammlung Regionalgruppe Oberösterreich begrüßen. Der Abend steht unter dem Thema über Generationen erzählen. Konzipiert wurde die Veranstaltung vom Autor Erich Klinger, der auch moderieren wird. Ich begrüße ihn sehr herzlich. Schön, dass du da bist. Erich Klinger hat zum Thema des heutigen Abends drei Autorinnen eingeladen. Ich begrüße Andrea Trumbl, Monika Gentner und Renate Silberer ebenfalls sehr herzlich im Stifterhaus. Applaus Bei der heutigen Veranstaltung geht es um den Blick über Generationen hinweg. geht es um den Blick über Generationen hinweg. Im Zentrum steht das Erzählen, auch über das, was frühere Generationen oft nur zögerlich oder gar nicht angesprochen haben. Es geht darum, dieses Schweigen bewusst zu durchbrechen. Gerade weil die Kriegsgeneration zunehmend verschwindet, darf ihre Geschichte nicht einfach in Vergessenheit geraten. Die Auseinandersetzung damit bleibt notwendig und relevant. Zugleich leben wir auch heute in einer Zeit, in einem Überfluss an Informationen, auch von Fake News und einer ständigen Präsenz von Nachrichten, die oftmals auch als belastend empfunden werden kann. Die drei eingeladenen Autorinnen greifen diese Spannungsfelder auf. Sie richten den Blick auf vergangene und kommende Generationen, auf gesellschaftliche Veränderungen und auf Verschiebungen unserer Lebensrealitäten. Ja, und wenn Sie unseren Ausstellungsraum kennen, wirkt er heute etwas ungewohnt, etwas leer. Das liegt daran, da wir gerade in der Umbauphase sind für unsere kommende Veranstaltung, die Anfang Mai zu Rainer Maria Rilke und seiner Linzer Episode eröffnet wird. Ich wünsche uns allen einen anregenden Abend und darf nun das Wort an Erich Klinger übergeben. Vielen Dank. Danke, Sarah Püringer, für die Einleitung. Danke an alle Beteiligten für die Möglichkeit, diese Veranstaltung durchzuführen, an das Stifterhaus für die Kooperation mit der Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung Regionalgruppe Oberösterreich, an die GAV als finanzielle Trägerin der Veranstaltung und vor allem an die heutigen drei Lesenden. Das mit dem Büchertisch, das hat sich schon fast erübrigt, aber es liegen drei Bücher von Renate Silberer hinten und nach der Veranstaltung werden wir ab etwa 21.30 Uhr in der alten Welt Platz nehmen. 21.30 Uhr deshalb, weil die Küche dann zumacht, also wenn wir dann nichts mehr kriegen. Wer mitgehen möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Videomitschnitt dieses Abends wird es auch geben. Der wird in den nächsten Tagen auf der Internetseite des Stifterhaus abrufbar sein. Und auch dafür danke sehr. Ein kurzer Hinweis in eigener Sache. Ich werde meine Sendereihe Nachspann im Freien Rundfunk Oberösterreich per Ende Juni an Rudolf Habringer weitergeben und als Abschluss wird es am 24. Mai von 18 bis 20 Uhr das Hörstück Who the Hell is James Webb oder wie Henrietta Leavitt den Schlüssel zum Universum entdeckte von Katharina Kain als Welturaufführung live aus dem Studio 1 von Radio Froh geben. Und die dann 65 Folgen dieser Sendereihe sind über das Archiv der Freien Radios nachhörbar unter cba.froh.at. Und mit Katharina Kain bin ich wieder, oder bin ich bei den Generationen angelangt, denn Katharina ist die Tochter von Eugenie Kain und Gust Mali, also Schriftstellerin und Musiker, sowie die Enkelin von Margit Kain und Franz Kain. Über Generationen erzählen wird für mich zusehends facettenreicher, aber auch rätselhafter. Anfangs habe ich diesen Begriff mit jenen Bildern im Kopf verbunden, habe ich diesen Begriff mit jenen Bildern im Kopf verbunden, die entstehen, wenn in Texten von Autorinnen oder in mündlichen Berichten und persönlichen Chroniken Lebensabschnitte vorhergehender Generationen zum Vorschein kommen. Über Generationen erzählen könnte zumindest indirekt Nachwirkung der Lesungen der Preisträgerinnen des leider einmaligen Franz- und Eugenie-Kain-Preis gewesen sein, deren Erzählungen deutliche Bezugspunkte zur Abfolge von Generationen herstellten. Es waren dies Elke Latznia, Marco Dinic und Katharina Braschl, sei an dieser Stelle der Vollständigkeit halber angemerkt. Ein naives Wunschbild von mir, die Geschichte der geretteten Menschheit, die einmal nach den großen Kriegen und der unfassbaren Zerstörung von Ressourcen und Lebensgrundlagen von Generation zu Generation weitergetragen wird, auch in mündlicher Überlieferung. Oder das Erzählen darüber, was vorige Generationen, wenn überhaupt nur in kleinem Rahmen, preisgegeben haben. Das Durchbrechen des Schweigens der Vorderen, das mit dem Aussterben der Kriegsgeneration keinesfalls vom Tisch ist. der Kriegsgeneration keinesfalls vom Tisch ist. Abgesehen vom Übermaß an Informationen, an uns erdrückenden Nachrichten, gibt es ein zu viel an Tatenlosigkeit im Hier und Jetzt. Ich gehöre zu einer anderen vorigen Generation, die aus unter Anführungszeichen Bequemlichkeit, aus zu sehr mit sich beschäftigt sein, teils auch aus existenziellen Sorgen heraus, einiges an Schrecken über die nötige Selbstsicherung hinaus verdrängt. Vieles, was an tatsächlichem Fortschritt über Generationen erreicht, erkämpft wurde, kommt nicht mehr zum Tragen oder ist gefährdet, steht an der Kippe zur Rückkehr in überwunden geglaubte Verhältnisse. ArbeiterInnen, die wie Sklaven gehalten werden, infrage gestellte bröckelnde Rechte, das Recht der Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht darauf, menschenwürdig behandelt, nicht diskriminiert zu werden. Und stets der Blick auf andere, vorhergehende und künftige Generationen, auf Veränderungen, die möglich waren und sind, auf die tektonischen Verschiebungen in Lebensabläufen. Ich habe mich gestern, also am Vortag der Veranstaltung, gefragt, ob und wie ich auf den Tod unserer Autorinnenkollegin Irmgard Perfall hinweisen soll, deren Leben einige Generationen wehrte. Über die am 11. April in ihrem 105. Lebensjahr verstorbene hat Richard Wahl wenige Tage später in seiner Erinnerung an sie unter anderem geschrieben, Schreiben war für Irmgard Perfall eine Leidenschaft, wobei sie es trotz der Leiden des Alters schaffte, noch lange ihrer Passion, wenn auch dosiert und mit stark eingeschränkter Sehkraft, nachzugehen. Aus jeglichem Blickwinkel waren es bei Irmgard Perfall mehrere Generationen, innerhalb deren sie sich bewegte, deren Bestandteil sie auch war. Es waren vor allem auch gesellschaftliche und politische Wandlungen, Veränderungen, Einbrüche und schier Unfassbares an Grausamkeit und Menschenverachtung, die in dieser Zeitspanne vor sich gingen, geprägtes Schweigen und die Fortdauer endloser, maßloser Unvernunft. Womit ich wieder beim thematischen Überbau des heutigen Abends angelangt bin und somit auch dem Erzählen vom und über das Leben der eigenen Generation, der altersbedingten Generationszuschreibung und dem Empfinden bzw. der Zuordnung, die man für sich selbst trifft, welcher Generation man sich zugehörig fühlt, welchen Lebensentwürfen man nachhängt, wo man selbst steht und wie man die Bruchlinien zwischen den Generationen freilegen kann, aber auch das Verbindende, das Überlebensnotwendige. Und in der alphabetischen Reihenfolge lesen jetzt Andrea Trumbl und Monika Gentner, sowie Renate Silberer und Andrea, bitte. sowie Renate Silberer und Andrea, bitte. Ich sage zuerst du Biografisches. Ja, bitte. Andrea Trumbl, 1976 in Lienz, aus Tirol geboren, aufgewachsen in Kölschach-Mauten in Kärnten. Sie studierte deutsche Philologie und vergleichende Literaturwissenschaft in Wien mit Abschluss als Magistra der Philosophie. Lebt seit 2014 in Linz mit zwei schulpflichtigen Kindern und Mann. Steht zwar nicht da, aber es stimmt ja, oder? Ja. Ist Mitglied der IG Autorinnen und Autoren des österreichischen Schriftstellerverbandes und der Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung. Und die Gedichte von Andrea Trumbel wurden ins Englische, Russische, Ukrainische und Bosnische übersetzt. Preise und Stipendien gab es im Laufe der letzten Jahre etliche. Die letzten Preise erwähne ich jetzt den Kärntner Kulturpreis der Stadtwerke Klagenfurt 2024 oder den Theodor-Körler-Preis 2019, einige Projektstipendien, Kunstförderstipendien oder einen Werkszuschuss aus dem Jubiläumsfonds der Literar-Mechaner. Teilnahme an Literaturfestivals, zuletzt an der Floriana, der Biennale für Literatur 2020 und vorher, unter anderem an den Tagen der Poesie in Sarajevo oder am Meridian in Tschernowitz. Das ist allerdings schon 14 Jahre her. Und die Publikationen zuletzt, wir haben das Dasein geübt, Zürich, Scheidecker und Spieß 2025 mit Bildern des Schweizer Malers Paul Seegesser. Und da gab es auch eine Radiosendung dazu mit Gedichten von dir im Dezember 2025, wenn ich das jetzt richtig recherchiert habe. Und auch mit Musik von Komponistinnen. von Komponistinnen und weitere Publikationen, die einverleibten Roman, wie in der Edition Atelier 2015, Narziss und Narzisse, ebenfalls Roman, Atelier, Edition Atelier 2014 und die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint so schön Wien-Artelier, Edition Atelier 2013 und regelmäßige Beiträge in Zeitschriften und Anthologien, so wie im Radio Ö1. Aber bevor ich die jetzt lese und was, die Frage, gibt es irgendwelche speziellen literarischen Projekte, an denen du gerade arbeitest? Oder wie schaut dein literarischer Arbeitsalltag derzeit aus? Also es gibt eher kleinere Sachen, so Kurzgeschichten oder Gedichte. Was Größeres habe ich eher weggeschoben, weil der Alltag mit den zwei schulpflichtigen Kindern nimmt mich halt schon ein bisschen her. Gibt es von deiner Seite her Lesungstermine in nächster Zeit, die wir jetzt praktisch vorab ankündigen können? Also ich habe jetzt nichts gefunden im Vorhinein, aber vielleicht gibt es eben ein Geheimwissen, das ich nicht habe. Nein. Nein. Nein. Dann würde ich einfach sagen, du lest jetzt, welchen Text wirst du heute lesen? Genau diese Frage ist auch noch zu stellen. Also in meinem Text geht es um Eduard Bichl. Der Eduard Bichl war ein erfolgreicher Bergsteiger und ein Antisemit. Er war der Vorsitzende der Sektion Austria des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins und 1921 hat er im Alpenverein den ARIA-Paragrafen eingeführt, durch den Jüdinnen und Juden vom diese haben sich danach eben selbst organisiert und die Sektion Donauland gegründet. Und diese Sektion Donauland wurde dann 1938 generell ganz verboten. Also wichtig ist auch noch, dass es in den Karnischen Alpen, also in der Gegend, wo ich eigentlich herkomme, da gibt es eine Hütte beim Wolaiasee und diese Hütte hat bis zum Jahr 2002 Eduard-Bichl-Hütte geheißen und erst 2002 wurde diese Hütte in Wolaiasee-Hütte umbenannt. Unter Tieren Josef Braunstein, Karl Hans Richter, Hugo Rohorn, Ernst Lieblich, Paul Fabri, Nelly Schick, Fritz Benedikt, Alfred Doktor, Oskar Glatz, Anna Rosenberg, Emanuel Reubrunn, Julius Stefanski, Richard Zeller, Emil Hoffmannsthal, Heinrich Klang, Juli Matz, Viktor Goldberg. Im Herrgottswinkel des Schweinestalls hing der Segen schief. Eduard Bichl zog seine Bergschuhe an und stellte sich im Schweinestall zwischen die Schweine, die aufgeregt um ihn herumliefen. Bichl stand in strammer und gebieterischer Haltung mitten im Schweinekot. Die Farbe des Schweinekots war dieselbe von Bichls Knickerbocker. Auch seine Bergschuhe und sein Schnauzbart waren braun. Auch seine Bergschuhe und sein Schnauzbart waren braun. Im Schweinestall übte Bichl mit Seil, Helm und Karabiner für den Klettersport. Dabei stolperte er immer wieder über die Schweine und über den Schweinekot und fluchte dabei derb. Wollen die sich doch tatsächlich beschweren, schimpfte Bichl unruhig vor sich hin. Dabei habe ich immer gesagt, dass hier aufgearbeitet wird. Aber der, der hier wirklich aufräumt, bin sowieso nur ich und sonst niemand. Das ist mein Aria-Paragraf. Ich bin der Herrweg der Berge und wer noch nicht sattelfest im Gebirge meiner Macht ist, dem werde ich einheizen. Bichl ging mit seinen schweren Bergschuhen im Schweinestall auf und ab, auf und ab. Ein Schwein wich nicht rechtzeitig aus. Bichl trat es grob, sodass es aufheulend losgrunzte und sich nicht mehr beruhigte. Wir aufarbeiten, wir aufarbeiten, Wir aufarbeiten, wir aufarbeiten, grunzten die Schweine im nicht ganz korrekten Sprachgebrauch im Chor. Bichl lachte laut auf. Sie aufarbeiten, schrie er lachend. Dann wurde er ernst und bedrohlich. Wollen wir meine Hütte wegnehmen? Mir, dem niemand nachkommt, denen werde ich es schon noch zeigen. Bichl versuchte nun mit Keil, Karabiner und Seil an der Wand wie auf einem Berg hochzuklettern. Dabei wurde er durch die grunzenden Schweine irritiert. Er sprang auf den Boden und landete im Schweinekot. Ihr blöden Schweine verrotten sollt ihr, fluchte er laut, sodass sich die Schweine nur noch leise grunzen trauten, fast in gebeugter Haltung. Wir aufarbeiten, wir aufarbeiten. Bichl schimpfte weiter vor sich hin, während er sich am Seil hochzog. Die mit ihren Wir-Summer-Lustig-Steigen und mit ihren Wir-Summer-Deppert-Wegen sollen doch scheißen gehen. Wo wären wir ohne meinen Weg in der Dachstein-Südwand und ohne meinen Weg in der Planspitze-Nordwand im Gehäuse? Genau bei diesen Wir-Summer-Deppert-Wegen wären wir genau da. Wir-Summer-Deppert, Wir-Summer-Deppert, grunzten nun die Schweine überzeugt, doch Bichl widersprach ihnen vehement. Wir sind nicht Deppat, wir nicht, beteuerte er. Ein österreichisches Brillenschaf stürmte in den Schweinestall, die Schweine quietschten aufgeregt und liefen wild durcheinander. Im Hintergrund ertönte genau zu dem Zeitpunkt, als das Schaf den Stall betrat, Reinhard Fendrichs I am from Austria. Wieso wird hier nicht aufgearbeitet, blökte das Schaf in die Runde. Überall liegt noch der braune Dreck herum. Ich bin schon ganz fleckig wie eine Kuh. Eduard Bichl schaute überrascht von der Wand, an der er hochgeklettert war, herunter, nahm seinen ganzen Mut zusammen und ließ sich auf den Boden fallen. Der Schweinedreck spritzte in alle Himmelsrichtungen, als Bichl mit seinen schweren Bergschuhen im Schlamm landete. Dreckspritzer überall. Bichl, du bist unverbesserlich, schimpfte das Schaf und lachte dabei nervös. Eigentlich mochte das Schaf den Bichl. Bichl war das, von dem das Schaf träumte zu sein. Ein Mann. Darüber hinaus hatte Bichl Macht, Macht über die dummen Schweine im Stall, während er selbst immer um Aufmerksamkeit kämpfen musste. Die Schweine grunzten unverständlich vor sich hin, während sich Bichl am Kopf kratzte und dabei die Augen schloss. Ein Anblick, den das Schaf sehr beeindruckte. Was willst du eigentlich auf der Wand? fragte das Schaf und wirkte nicht so, als würde es sich für die eigene Frage interessieren. Bichl zeigte stolz mit dem Zeigefinger in die hinterste Ecke des Gebälks auf ein paar versteckte Streben, die wie ein Hakenkreuz angeordnet waren. Was ist dort, wollte das Schaf wissen, das etwas kurzsichtig war. Edelweiß, erklärte Bichl feierlich. Das Schaf drehte sich zu den Schweinen, die sich im eigenen Dreck suhlten. Was macht ihr da, brüllte es so laut, dass selbst Bichl zusammenzuckte. Da dreht man euch einmal den Rücken zu und schon wälzt ihr euch im Dreck, anstatt aufzuräumen. Wir aufarbeiten, wir aufarbeiten, grunzten die Schweine entschuldigend. Eduard Bichl fing an, im Schweinestall Liegestütze zu machen. Dabei stützte er seinen gestreckten Körper mit den Armen und schaute starr auf den Boden. Um den Schweinekot nicht anschauen und riechen zu müssen, schloss er seine Augen und versuchte, nicht mehr zu atmen, was ihm jedoch im Zuge der Kraftanstrengung nicht gelang. Seine gespreizten Finger wurden immer mehr zu einer Faust, Ausdruck unterdrückten Ärgers. Ich befehle allen körperliche Ertüchtigung, sofort, fuhr er die Schweine und das Brillenschaf an, die zuerst nicht verstanden, was Bichl von ihnen wollte. Dann begriffen sie, stellten sich in Reihe und blb auf und begannen zu jodeln. Nicht jodeln, schrieb Bichl, doch dem Schaf gefiel das Jodeln so sehr, dass es nicht aufhören konnte und schauderhaft weiter jodelte. Bichl richtete sich auf, klatschte den Schmutz von seinen Händen und stellte sich ungeduldig vor das Schaf. Nicht jodeln, das ist ein Befehl. Bichl hielt sich mit beiden Händen die Ohren fest zu, dabei hatte er einen kleinen Kotklumpen an der Handinnenseite vergessen. Dieser hing nun braun und schuldig an Bichls rechtem Ohrläppchen. Nicht jodeln, das ist ein Befehl, grunzten auch die Schweine im Chor. Als das Brillenschaf jodelnd aus dem Schweinestall verschwand, schaute Eduard Bichl verstohlen über seine Schultern, drehte sich um und machte dabei die beiden Bundknöpfe und den Reißverschluss seiner Knickerbocker auf und ließ dann die Hose bis zu seinen Wadeln rutschen. Die Schweine schauten ungläubig auf seinen Schwanz, mit dem Bichl auf dem Boden des Schweinestalls urinierte. Dabei pfiff er ein bekanntes deutsches Volkslied. Just in dem Moment zog vor dem Schweinestall eine Fronleichnamsprozession vorbei, blieb kurz stehen und ging gebete-murmelnd weiter. Mittlerweile war es draußen dunkler geworden und das Brillenschaf wieder in den Schweinestall zurückgekehrt. Es hatte zwei Speck und einen Krammelknödel mitgebracht. Den Krammelknödel warf Eduard Bichl den Schweinen zu, die sich sofort um das größte Stück davon stritten und sich gegenseitig bissen. Die beiden Speckknödel stopfte sich Bichl alleine in den Mund. Dabei grinste er wie ein Firmling. Die besten Knödel sind die mit Speck, schwärmte er und schaute dabei zu den Schweinen, während ihm der letzte Bissen beinahe im Hals stecken blieb. Beste Knödel, beste Knödel, grunzten die Schweine einfältig, müde und mit blutigen Rüsseln. Nach dem Essen rülpste Bichl, wie man ihn gelehrt hatte, unterdessen lagen die Schweine bereits schlafend auf dem Boden zwischen dem eigenen Kot. Manche lagen auch mittendrin. Hin und wieder gehnte ein Schwein und ließ sich dabei ein herzhaftes Grunzen in der Stille der Dämmerung zurück. Eduard Bichl wurde währenddessen zur Schattengestalt seiner selbst und schlief schnarchend ein. Das Brillenschar versuchte zu schlafen. Bis auf vereinzelte Grunzer der Schweine und das Schnarchen Bichls war im Schweinestall alles idyllisch und nichts mehr zu hören. Alles wirkte friedlich, nur der einsame Heiligenschein, der vom Schweinestall weit entfernt sich selbst genügte, trübte die Nacht. Alles wirkte in sich gekehrt, bis die Tür zum Schweinestall aufging. Rund 3000 Jüdinnen und Juden schauten mit ihren Eisenkoffern in der Hand durch die offene Tür in den Schweinestall, wo alle in einen hundertjährigen Dornröschenschlaf gefallen zu sein schienen. Das Brillenschaf erwachte. Bergheil grüßte es den rund 3000 Jüdinnen und Juden zu. Bichl schaute auf, während die Schweine weiterschliefen. Schleicht euch, wir arbeiten gerade eure Geschichte auf, rief Bichl angewidert und gehnte dabei kräftig. Schleicht euch, wir aufarbeiten, schleicht euch, wir aufarbeiten, grunzten nun auch ein paar Schweine, die aufgewacht waren, im Chor. Die rund 3000 Jüdinnen und Juden schlichen sich aber nicht, sondern versuchten, durch die offene Tür in den Schweinestall zu kommen, während Jean d'Arc mit Axt und Lanze dem einsamen und weit entfernten Heiligenschein entstieg, der, nachdem sie im Hanisch beim Schweinestall angekommen war, wie ein Scheiterhaufen zu brennen begann. Mittlerweile waren auch die restlichen Schweine aufgewacht und versuchten, sich zu orientieren. Die Geschichten schienen sich im Schweinestall zu vermischen, was die Schweine irritierte. Mit einer für ihn nicht benennbaren Bedrohung im Nacken griff Eduard Bichl nach seinem Keil, der neben ihm im Dreck lag, doch ein Schwein schnappte in diesem Augenblick nach seiner Hand und biss sie blutig, um an den Keil zu kommen, mit dem es sich gegen Jean d'Arc und die rund 3000 Jüdinnen und Juden wehren wollte. Dabei schrie es erbärmlich. Jean d'Arc und die rund 3000 Jüdinnen und Juden schauten das Schwein an, doch niemand rückte ihm an den Leib. Doch niemand rückte ihm an den Leib. Es blieb zitternd mit dem Keil zwischen den blutig verschmierten Hauern gegen die Wand gedrückt, an der Eduard Bichl zuvor hochgeklettert war. Auch die anderen Schweine fürchteten sich enorm vor den rund 3000 Jüdinnen und Juden mit ihren Eisenkoffern und der Frau in Rittergestalt. Einzig das österreichische Brillenschaf schien nicht verängstigt zu sein. Es stellte sich in die Mitte des Schweinestalls und begann zu sprechen. Doch niemand hörte ihm zu, während es von seinen Aufarbeitungen erzählte und diese Aufarbeitungen aufzuzählen begann. Da das Schaf von den anderen nur noch ignoriert wurde, wurde es sehr wütend und unter dem Fell ganz rot vor Zorn. Das Brillenschaf schrie, schimpfte und blökte aufgebracht, bis sein Hals schmerzte und sich die Schweine auf das Brillenschaf stürzten, während Eduard Bichl Unverständliches schrie und die wilden Tiere auf diese Weise auseinanderbringen wollte, was ihm jedoch nicht gelang und sich die Tiere fast zerfleischten. Unterdessen machten die rund 2000 Jüdinnen und Juden auf dem Absatz kehrt und gingen mit ihren Eisenkoffern und mit Jean d'Arc kopfschüttelnd, aber zufrieden aus dem Schweinestall ins Freie. Noch nie war der Sternenhimmel über ihnen so schön wie in dieser Nacht gewesen, als um sie herum alle Zeiten und Räume und Bilder ineinander fielen, dann wieder auseinander, ineinander, auseinander, peng. Danke. Спасибо. Danke, Andrea. Ich war auf das Höhlenkind vorbereitet, aber das macht ja nichts. Hätte auch gut gepasst. Aber so ist es halt. Auch das Brillenschaf. Hat das Brillenschaf dann eigentlich überlebt? Monika Gentner, geboren 1960 in Wien, lebt und arbeitet dort als Autorin und Germanistin. Dann gab es längere Aufenthalte in Paris und Los Angeles. Du warst Journalistin, Redakteurin und Deutschlehrerin und bist schon im Ruhestand, und Deutschlehrerin und bist schon im Ruhestand, aber Unruhestand wahrscheinlich auch, weil du ja noch tätig bist, schreibend bist, aktiv bist. Studium der Germanistik an der Universität Wien mit Masterdiplom 2026, also kann man da jetzt noch gratulieren, schon, ist noch nicht so lange her, 2026, freie Schriftstellerin. Du schreibst ausschließlich Prosa, zahlreiche Lesungen, Publikationen in Anthologien und Zeitschriften, darunter in Kolik, Die Brücke, Die Rampe, Störfeuer, weiß nicht, zuletzt Amerika Schablone im Podium 2 2025. Du bist Mitglied der IG FEM, Interessensgemeinschaft feministischer Autorinnen des österreichischen Schriftstellerverbandes und der GAV, Grazer Autorinnen-Autoren-Versammlung, mir ist etwas aufgefallen, so von wegen generationsübergreifende Geschichte jetzt bei deinen Mitgliedschaften. Da sind ja auch Generationsfragen und Entwicklungen sichtbar. Also die IG FEM, die Interessensgemeinschaft feministischer Autorinnen, hier ist für Autoren kein und für die Zuordnung Frau, Mann, sprengende Personen noch kein Platz. Der ÖSV, also der österreichische Schriftstellerverband, hat sich inzwischen zur sperrigen, aber korrekten, andere würden sagen der Korrektheit angenäherten Form Grazer Autorinnen-Autorenversammlung entwickelt. Wie bringst du das sprachlich unter einen Hut oder unter deinen Hut? einen Hut? Es sind einfach verschiedene Interessenstränge, die ganz gut abbilden, was ich mache und machen möchte. Einerseits eben die Betonung des Feministischen, andererseits aber doch dieser Anspruch, Teil der literarischen Welt als solche zu sein, mit dem Schriftstellerverband und ein Stück weit auch politisches Engagement in der GAF. Und diese Mitgliedschaft im Schriftstellerverband ist schon eine jahrzehntelange? Relativ alt, ja. Und IGFM ist auch schon? Nein, die IGFM gibt es noch nicht so lange. Gibt es noch sieben, acht Jahre, oder? Ja, Maximum. Ja, Maximum, ja. Und in der GAF bin ich auch schon sehr lange, seit 1984. Ja, überschlagsmäßig 42 Jahre. Ja. Gut, da kannst kannst du sehen lassen die kaffee ist ja auch in der größte verband von autorinnen und autoren in österreich abgesehen ist von der ig autorinnen und autoren aber das ist ja gewerkschaft der autorinnen und autoren ja also dachverband gibt es deinerseits irgendwelche Lesungstermine oder irgendwelche speziellen Projekte, die du jetzt gerade in der Reißen hast, sozusagen auf Oberösterreich gesprochen? Ja, über die möchte ich nicht sprechen, weil aus dem umgelegten Eier spricht man nicht. Und Lesungstermine gibt es leider keine weiteren. Geplanten im Moment. Oder irgendwelche Radioauftritte? Nein, nichts in Sicht. Nein. Ich sage, die letzte Publikation war das Amerika-Schablone im Podium. war das Amerika Schablone im Podium. Und ich warte auf eine Wahl des Schlosses Solitude bei Stuttgart, ob es einen Artist in Residenz dort geben wird. Was wäre das für ein Zeitraum? Sechs Monate. Das würde dich mit Freude erfüllen, nehmen wir an. Ja. Kennst du Stuttgart? Ein bisschen, ja. Mein Mann stammt aus der Gegend dort. Aha. Gut. Erst lasse ich dich in Ruhe. Und nachdem sich das jetzt so ergeben hat, dass ich sitzen bleibe, bleibe ich jetzt bei dir auch sitzen, außer es stört. Nein, nein, überhaupt nicht. Bitte. Mein Text heißt Saure Milch. Saure Milch, saure Milch, saure Milch, saure Milch. Jeden Morgen und Abend. Morgen und Abend brachte sie ihm saure Milch, die er nicht mochte. Sie war noch jung, aber nicht hübsch. Trotz ihrer kaum 40 Jahre war ihr Haar grau und dünn, ihr Gesicht verhärmt, ihre Figur dürr. Sie arbeitete viel in ihrem Weingut und aß wenig. Alles andere hätte er ihr zum Vorwurf gemacht, er, von dem Zwischenfall ihr mitunter nicht klar war, ob er ihr Vater oder ihr Ehemann war. Ehemann, sie kicherte bitter in sich hinein, als ob sich je ein Mann für sie interessiert hätte. Da war nichts, nichts, außer dem Zwischenfall mit Heinrich, dem Postboten. Schnell waren sie in die Scheune geschlüpft, wo er sie eilig zwischen Holzstapeln nahm, folgenlos, von dem ihr mitunter nicht klar war, ob das ein Glück oder Unglück war. Der Vater, der nun nur mehr klapprig auf der Ofenbank saß, den ganzen Tag. Ja, mit dem Vater war nicht mehr viel los, wie sie sagte. Der Vater hätte es akzeptieren müssen. Platz war genug da und Heinrich auch. Sie nannte es das Erlebnis. Schön war es nicht. Jeden Morgen dasselbe, zeitig aufstehen, sich waschen, sich anziehen, dem Vater beim Aufstehen sich waschen, anziehen, helfen. Die Küche mit dem Holzofen heizen, jetzt im Winter, das Frühstück herrichten, Kaffee, Haferschleim, Tee und saure Milch. Danach mit dem Fahrrad in den Weinberg fahren oder auf die Obstwiese oder in den Garten gehen, dort arbeiten. Jeden Morgen, jeden Tag dasselbe. Das Kind, sie hätte sich eines zugetraut, der Vater hätte es akzeptieren müssen, Platz war genug und Heinrich auch. Etwas Junges hätte dem Haus gut getan. Und so wäre dann ein Erbe da für das Weingut. Oder eine Erbin. Heinrich hätte sie ja nicht gleich heiraten müssen. Selbstständig war sie schon. Das Unverheiratete hätte den Vater geärgert und Heinrich auch. Gut so. Aber zahlen für das Kind hätte Heinrich schon müssen. Das schon. Es gab kein Kind. So blieb es jeden Morgen dasselbe, sich waschen, sich anziehen, dem Vater beim Aufstehen sich waschen, anziehen, helfen. Die Küche mit dem Holzofen heizen, jetzt im Winter, das Frühstück herrichten, Kaffee, Haferschleim, Tee und saure Milch. Danach mit dem Fahrrad in den Weinberg fahren oder auf die Obstwiese oder in den Garten gehen, dort arbeiten. Jeden Morgen, jeden Tag dasselbe. Der Vater, der nun nur mehr klapprig auf der Ofenbank saß, den ganzen Tag, ja, mit dem Vater war nicht mehr viel los, wie sie sagte. Der Vater, ein Kriegsveteran ohne Krieg, den er jetzt nach Hause trug. Tu das, lass jenes. Sie konnte es nicht mehr hören. So war das in der Familie Dürnsteiner, seit die Mutter nicht mehr lebte. Sie geriet nach der Mutter. Graue Haare, ein verhärmtes Gesicht, dürr. Es war zu viel Arbeit. Mit dem Fahrrad in den Weinberg fahren oder auf die Obstwiese oder in den Garten gehen dort arbeiten. Die Mutter hasste Zigarettenrauch. Die Tochter ging gern in den Garten und rauchte und stand am Gartenzaun und schaute den Zügen nach, die fremde Orte brachten. Wohin bloß? Warum wohl? Die Züge waren ihr Synonym für Sehnsucht. Und Blumen. Der Vater fand die Blumenverschwendung. Ja, sie kaufte sie trotzdem, vor allem Rosenstöcke, denn in der Verschwendung ging die Sehnsucht auf. Manchmal musste sie ins Reformhaus am Bahnhof und sah sich den Bahnhof an, die Anzeigetafeln und dachte daran, von ihr aus diesem Leben einfach zu verschwinden. Mann von hier aus diesem Leben einfach zu verschwinden. Was wurde dann als Vater und ging nach Hause, in den Weinberg fahren oder auf die Obstwiese oder in den Garten, dort arbeiten. Heinrich steckte die Post in den Postkasten vor dem Haus, sie sahen einander kaum mehr, wozu auch. Sie kam gegen Mittag ins Haus zurück, sah nach Vater, der nun nur mehr klapprig auf der Ofenbank saß, kochte eine schnelle Suppe. Nach dem Essen schliefen beide kurz auf der Ofenbank Dann Weinberg oder Obstwiese oder Garten zum Arbeiten An Tagen mit schlechtem Wetter arbeiten im Haus So wurde es diesmal erneut wieder Frühling Die Schneeglöckchen blühten auf und die Butterblumen und die Krokusse und webten einen Teppich über den Garten, denn in der Verschwendung ging die Sehnsucht auf. Eines Tages, sie kam von der Obstwiese, hatte Heinrich auf sie gewartet. Guten Tag und lass mich in Ruhe, warf sie ihm entgegen. Das ist es nicht, antwortete er. Ihr habt einen Brief aus Amerika und einen Assess. Gib her und lass mich in Frieden. Was steht darin, fragte er. Das geht dich gar nichts an. Sehr freundlich, meinte Heinrich und verschwand. Sie legte die Briefe in ihr Zimmer, ging in die Küche und machte sich einen Kaffee. Wir essen heute später, beschied sie dem Vater Barsch. In ihrem Zimmer drehte sie die Briefe unschlüssig. Wir essen heute später, beschied sie dem Vater Barsch. In ihrem Zimmer drehte sie die Briefe unschlüssig. Von einem Notar aus S., von einer Friederike Watzier aus Boston. Beides sagte ihr nichts. Sie beschloss, den Notarbrief zuerst zu öffnen. Ihr Englisch war nicht gut. ein paar Brocken aus der Schule halt. Der Notar schrieb, sie möge anrufen, einen Termin vereinbaren und in seine Kanzlei kommen, um die Erbschaftssache des verstorbenen Reinhard Watzsi zu regeln. Sie ging zurück in die Küche, setzte Kartoffeln auf und fragte den Vater so beiläufig wie möglich, wer Reinhard Watzsi war. Mein Bruder, der Lump, sagte Vater, ich wusste nicht, dass du einen Bruder hast. Hast nicht viel versäumt. Er ist statt in den Krieg nach Amerika. Was ist mit ihm? Er ist gestorben. Recht so, meinte der Vater ohne Bedauern. Ich soll einen Notar in S. anrufen, um seine Erbschaftssache zu regeln. Hm, meinte der Vater. Anhören kannst du es dir ja, aber unterschreibe nichts. Hörst du? Sie rief den Notar an und vereinbarte einen Termin. Ich muss nach S fahren. Fährst du halt? Erstmals ging sie zum Bahnhof und kaufte sich eine Fahrkarte. Nur für die Hinfahrt. Sie wusste nicht, wie lange der Termin dauern würde. Sie wusste nicht, wie lange der Termin dauern würde. Zum Termin zog sie ihr bestes Kleid an und verständigte die Nachbarin, die würde nach dem Vater sehen. In einer Stadt um ein Vielfaches größer als S war schon S um ein Vielfaches größer als N ihre Heimatstadt. In S angekommen nahm sie ein Taxi in die Notariatskanzlei. Die Empfangssekretärin und der Notar grüßten sie freundlich. Die Empfangssekretärin und der Notar grüßten sie freundlich. Der Notar führte sie in sein Zimmer und bat sie, sich zu setzen. Er las ihr verschiedene Dokumente vor und besprach mit ihr deren Inhalte. Wenn sie richtig verstand, hatten Vater und sie nach Abschluss aller Verkäufe eine Millionendollarsumme geerbt. Reinhard Watzsi hatte sehr erfolgreich mit Immobilien und Wertpapieren spekuliert. Der Notar fragte, ob sie das Erbe annahm. Sie fragte nach versteckten Problemen. Der Notar sagte, die vorhandenen Immobilien müssten verkauft werden, das seien die Verkaufspreise ungewiss. Deshalb könne man jetzt die Erbschaftssumme nicht genau feststellen. Sie fragte nach den Kosten. Die würden von der Erbschaftssumme abgezogen. Der Notar fragte, ob sie das Erbe annahm. Sie erbart sich Bedenkzeit. Sie wolle die Angelegenheit mit ihrem Vater besprechen. Ein zweiter Termin war nötig, auch kurzfristig, der Notar stünde zur Verfügung. Danke, auf Wiedersehen. Sie setzte sich in ein nahes Kaffeehaus und atmete tief durch. Das klang ja wie im Märchen. Der bisher unbekannte Onkel aus Amerika tauchte auf und verschenkte Millionen. Was würde sie als Millionärin tun? Sie suchte in ihrer Handtasche Zigaretten und fand den zweiten Brief, den aus Boston, Friederike Watzsi. Sie riss ihn auf. Friederike Watzsi schrieb auf Deutsch, Liebe Familie Dürnsteiner, mein Vater ist verstorben. Er vermacht mir und euch je die Hälfte seines Vermögens in Immobilien und Aktien. je die Hälfte seines Vermögens in Immobilien und Aktien. Falls ihr den Wunsch habt, mich und diese kennenzulernen, kommt bitte nach Boston. Ich selbst bin schon älter und reise nicht gern. Vor Ort könnt ihr euch bestimmt das beste Bild machen. Sie atmete tief durch. Die Erbschaft schien ihre Richtigkeit zu haben. Was würde sie als Millionärin tun? Nicht zurück nach innen. Obwohl es dort schön war. Weite Wiesen, Weinberge und grüne Hügel und viel Sonne das ganze Jahr. Dort waren aber auch die verhärmten, dürren Männer und Frauen, die mit ihren Arbeitsschürzen verwachsen schienen, wo die Arbeit nie ausging, das Umgraben und Mähen, das Schneiden und Spritzen, das Ernten und Holzsägen und Häckseln und Verräumen und Verheizen und Umgraben und Mähen und so weiter und so fort. Fort wollte sie, denn in der Verschwendung ging die Sehnsucht auf. Sie rief die Nachbarin an, ob sich diese noch einen weiteren Tag um den Vater kümmern würde. Ja, kein Problem. Termin am nächsten Tag? Ja, kein Problem. Sie buchte ein Hotelzimmer in S, wie ein Internet, auf ihrem Handy. Sie fragte den Notar, ob man die Erbschaft teilen könne. Die Hälfte für den Vater, die Hälfte für sie. Ja, kein Problem. Sie nahm die Erbschaft an und beauftragte den Notar mit der Abwicklung aller Formalitäten, einschließlich der Erbschaftssteuer, der Anlage zweier Bankkonten und dem Finden einer Pflegerin für den Vater. Ja, kein Problem. Die solle darauf achten, dass die Milch nicht sauer war. Sie bat ihn, ihren Vater über alle Schritte zu verständigen und ihm zu sagen, dass sie vorläufig nicht zurückkommen würde. Ja, kein Problem. Dann buchte sie ein Handyticket nach B. Dreieinhalb Stunden Bahnfahrt, denn in der Verschwendung ging die Sehnsucht auf. nach und ist man im P. Die Metro-Stationen Abess und Blanche befanden sich jeweils 350 Meter entfernt und boten direkte Verbindungen zum Triumphbogen und dem Bahnhof Saint-Lazare. Sie würde einen Monat lang die Stadt genießen und sich eine kleine Eigentumswohnung mit Balkon suchen. Schließlich fand sie eine im zentralen achten Bezirk in der Lavenue Montaigne. Der Straßenname gefiel ihr außerordentlich. Ein Essay, ein Versuch, das war wohl ihre ganze Zukunft. Sie wollte in Ruhe über ihre Zukunft nachdenken. Vater rief mehrmals täglich an. Sie konnte sich sein Toben vorstellen. Sie hob nicht ab. Manchmal meldete sich der Notar. Der Verkauf der amerikanischen Immobilien liefe gut, ob sie welche behalten wolle. Sie fragte, wie Friederike Watzsi versorgt sei. Sehr gut, beruhigte sie der Notar. Sie versprach ihm zurückzurufen, was sie nicht tat. zurückzurufen, was sie nicht tat. Sie stattete ihre Wohnung liebevoll aus, teilte Friederike Watz malen und fragt, ob sie im Modell sitzt. Ja, aber nicht nackt, sagt sie. Danke. Danke sehr, Monika. Renate Silberer, bitte. Es hat das Brillenschaf die saure Milch erwischt. Das ist spannend, wie sich das noch weiterentwickelt mit dem Brillenschaf und mit der sauren Milch. Bei der Magistra Renate Silberer, 1975 in Braunau am Inn geboren, lebt mit der Familie in Linz. Wie groß ist die Familie? Also ein Teil der Familie sitzt ja da, wenn man das so sagen darf. Zwei Kinder, also meine Tochter und ein Sohn, der jünger ist und mein Mann. Also unvermeidlich der Name der Mann, ja. Du hast Erziehungswissenschaften und Heilpädagogik an der Universität Wien studiert und beteichnest dich seit 2010 als freie Autorin. Und seit vier Jahren bist du Psychoanalytikerin in freier Praxis. Es gibt etwas, was ich dazu gefunden habe. bist du Psychoanalytikerin in freier Praxis. Gibt es etwas, was ich dazu gefunden habe, dass es da momentan im Rahmen eines internationalen Publikationsprojektes um das Thema Macht und Machtmissbrauch in Schulen geht? Ist das noch aktuell? Ja, aber das ist erst quasi so ein Anfangsprojekt. Also das wird noch ein bisschen dauern, bis das erscheinen wird. Also du warst in den letzten Monaten, Jahren oder warst damit befasst? Nein, das ist so ein internationales Publikationsprojekt, wo man sich beteiligen kann, also mit einer quasi mit einem textbeitrag gut weiter jetzt zu deinem auszeichnungen da gibt es auch einige beginnend mit dem staatsstipendium für literatur des bundesministeriums für Unterricht, Kultur und Kunst 2009. Dann gab es Talentförderungsprämie für Literatur des Landes Oberösterreich, den Rauriser Förderungspreis, einige Projektstipendien, das Jubiläumsfondsstipendium der Literar-Mechaner und zuletzt 2022 den Kunstförderpreis der Stadt Linz und das Künstlerische Stipendium des Landes Oberösterreich. Veröffentlichungen, die Bücher liegen hinten im Büchertisch, Reste einer Sprengung, Gedichte, April 2024, Edition Melos Wien, Hotel Weitblick, Roman März 2021, Kremayer und Scheriau, Verlag Wien und Das Wetter hat viele Haare. Erzählungen August 2017, ebenfalls Kremayer und Scheriau, Beiträge in Anthologien. Scheriau, Beiträge in Anthologien, gibt es Facetten, einige Texte, die in den Facetten in den letzten 14 Jahren veröffentlicht wurden, in verschiedenen Ausgaben, ebenso im Jahrbuch Österreichischer Lyrik, weiters Beiträge in Literaturzeitschriften, Kolik, Lichtungen, Salz, die Rampe, Eroste, Post und Dumm. Und bei dir habe ich jetzt noch eine spezielle Frage, die nichts mit Literatur zu tun hat, die man wieder finden muss. Was passiert deiner Meinung nach, wenn Menschen sich nicht mehr ausdrücken können, wenn ihnen die Worte und das emotionale Vorstellungsvermögen fehlen? Ich glaube, dann gibt es eine große Krise. Also dann ist es, glaube ich, eine Riesenkrise. Und es ist dann, glaube ich, schwierig, zu sich selbst zu finden. Und es ist dann, glaube ich, wichtig, dann wieder einen Weg zu sich zu gehen. Hast du den Eindruck, dass viele der derzeit handelnden Menschen oder Politiker, Politikerinnen, Mächtige, irgendwie zu sich selbst gefunden haben oder einen Zugang zu sich selber haben? Und zu den anderen, wie schaut es mit der Empathie aus? Ist das irgendwie wahrnehmbar für mich, für die, dass das nur irgendein Wert ist, der gesellschaftlich akzeptiert wird oder ist das jetzt schon mittlerweile vom Tisch, wenn wir das nicht mehr brauchen? Die Ellbogen reichen aus? Also ich glaube, dass ziemlich viele Wahnsinnige in der Politik aktuell das Sagen haben. Und Empathie ist, glaube ich, nicht im Moment ein gefragtes Gut, leider. Also das teile die Ansicht von dir. Ich glaube, es ist mehr der Egoismus und das Eomane, das vorherrscht. Und ich finde, der Donald Trump zum Beispiel, der sagt ja jeden Tag etwas Verrückteres. Und ja, schrecklich. Aber ich habe auch das Gefühl, ich lasse dich gleich lesen, keine Sorge, Aber ich habe auch das Gefühl, ich lasse dich gleich lesen, keine Sorge, dass es für mich war eigentlich schon vor 40 oder 45 Jahren, da habe ich mir schon den Gedanken gehabt, wie wichtig es ist, dass sie Menschen ausdrücken können. Und das muss jetzt nicht irgendwie geschliffene Sprache sein, das kann der tiefste Dialekt sein, das können ganz naive Zeichnungen sein, irgendeine kleine Botschaft, ein Gesang, der vielleicht vollkommen amelodisch ist, aber trotzdem irgendwie, solange Menschen die Möglichkeit haben, sich auszudrücken, gibt es eine Möglichkeit, dass sie sich entfalten können. Und wenn sich jemand nicht mehr ausdrücken kann oder nur mehr sich in irgendwelche Phrasen verhängt oder nur mehr mit Wut reagiert auf etwas, also wenn man nicht mehr auf das draufkommt, was eigentlich mit einem selber los ist, dann ist man in einer gewissen Weise verloren und auf der anderen Seite wird man zur Wand und Zeitbombe, habe ich so das Gefühl. Aber das war jetzt zu viel des Guten, glaube ich. Ich weiß nicht, ob das jetzt angekommen ist, was ich gemeint habe. Ich bin mir auch nicht sicher, aber es passt aber ganz gut, finde ich, was du gesagt hast zu den Textprojekten, aus denen ich etwas vorlesen möchte. Passt das, finde ich, was du gesagt hast, zu den Textprojekten, aus denen ich etwas vorlesen möchte. Passt das, wenn ich da etwas sage? Du kannst mir nicht Fragen geben. Ich lese aus zwei aktuellen Arbeiten etwas vor. Das eine ist ein Essay, also es ist ein Auszug aus einem Essay, da geht es um die Autorin und Bildhauerin Rose Silberer. Die ist 1873 in Wien geboren und 1942 in Theresienstadt ermordet worden. Sie ist eine eher eigentlich vergessene Künstlerin und Schriftstellerin. Und der versuche ich mich anzunähern, einfach weil wir auch denselben Familiennamen tragen. Und sie hat ihre Texte hauptsächlich geschrieben zum Ersten Weltkrieg oder im Ersten Weltkrieg und hat so aus einer weiblichen Perspektive zum Krieg geschrieben. Und der zweite Text, den ich vorlesen werde, da geht es um die Luce Irigaray. Das ist eine französische Psychoanalytikerin und Philosophin. Die hat einen sehr spannenden Vortrag, also den kann man nachlesen, in die 80er Jahre gehalten. Der heißt Körper an Körper mit der Mutter und in ihren Arbeiten, also sie ist feministische Analytikerin, die Begründerin vom Differenzfeminismus und der zweite Text, der bezieht sich dann auf ihr Körper an Körper mit der Mutter, also das war ein Text zum Thema Frauen und Wahnsinn und es ist halt so, und ich finde, das passt auch gut zusammen, weil sowohl die Rose Silberer als auch die Luce Irigaray die weibliche Perspektive sehr stark irgendwie einbringen in ihre Arbeiten und das Weibliche oft was Ausgespartes ist in unserer Kulturgeschichte oder ja was Verdrängtes. Und der Essay heißt Verschleierungen. Bücher, notiert die Bildhauerin und Dichterin Rose Silberer im Dezember 1917, sind Gefährten in Zeiten der Bitterness. Sie schließen sich auf, teilen sich mit, werden dir zum Freund, 1917 sind Gefährten in Zeiten der Bitterness. Sie schließen sich auf, teilen sich mit, werden ja zum Freund. Wenn so manche Freundschaften während des Krieges in Brüche gegangen sind, bricht das Buch nur die Einsamkeit. Es bittet Schutz. Wie kann man unverbrüchlich bleiben angesichts dieses Krieges, fragt sie und geht mit einem Bekannten durch die Wiener Innenstadt. Die beiden sind auf dem Weg zu Josef Popper-Lünkeos. meint, in der Lage ist, das beinahe Unmögliche zu schaffen. Die Steinmasten des Stephansdoms etwa, die aufgerichtet und zueinander gefügt mehr sind als nur Stein. Dieses Meer, dieses Meer, Rose, erträgt den Krieg nicht mehr. Am 1. April 2022 gehen die schrecklichen Bilder der ukrainischen Stadt Pushto durch die internationalen Medien. Die Fotos stammen vom russischen Militär. Sie bezeugen entsetzliche Massaker, die russische Truppen während ihrer einen Monat andauernden Besatzung verursacht hatten. Sichtbar sind tote Körper von Zivilisten, Frauen und Kindern, verstümmelt, verbrannt mit Spuren von Folter und Vergewaltigung. Auf den Straßen liegen Leichen, in Kellern von Häusern, in eilig ausgehobenen Massengräbern. In den russischen Medien werden die Fotos als ukrainische Provokation bezeichnet. Die ukrainische Seite hätte die Tötungen inszeniert. Mit dem Ziel, die russischen Streitkräfte zu diskreditieren, wird berichtet. Am 18. April wird die Brigade der in Busta eingesetzten Separatisten von Präsident Putin zur Ehrengarde ernannt. Und die internationale Öffentlichkeit muss sich eingestehen, ja, auch im 21. Jahrhundert mitten in Europa sind Genozid, Folter und Massenmorde möglich. Und die Täter werden als Nationalhelden gefeiert. Rose und ihr Bekannter, der in ihrem Buch Stimmen in der Wüste namenlos bleiben wird, begegnen an jenem Tag in der Vorweihnachtszeit 1917 auf den Straßen Wiens verwundeten Soldaten. Und Rose möchte ihnen sagen, verzeiht uns. Ich fiebere, sagt sie stattdessen zu ihrem Freund, wie alle Tage vorher seit dem Ausbruch des Krieges. Ich fiebere in dem Gedanken, es ist Krieg und niemand hat ihn verhindert. Meine trüben Gedanken verbinden mir die Augen. Ihr Begleiter versucht, Trost zu spenden. Der Schmerz würde verschwinden, sagt er, höre sie erst Lyncheus, denn mit klaren, einfachen Worten, wie mit Zaubersprüchen, könne er das Leid des Kriegs, die Qual des Elends bannen und die zukünftigen Generationen würden sich, ja müssten sich, hoffnungsfroh nach ihm richten. Als der Alte vom Berge, als ein wundertätiger Einsiedler, erscheint er ihr in Gedanken und Vorfreude breitet sich aus. Die russische Philosophin Oksana Timofeeva schreibt in ihrem 2023 erschienenen Essay Pushta ist ein Spiegel. Um Pushta als Realität zu begreifen, einschließlich der Bedingungen, dass so etwas möglich ist, müssen wir uns eingestehen, dass Busta keine Ausnahme ist und nicht aufgrund einer Singularität ein Skandal, sondern einer der Namen für etwas, das sich immer wieder in der Geschichte der Menschheit wiederholt. Was geschieht, wenn wir Bilder von gefolterten und ermordeten Menschen betrachten, ist eine phantasmatische Begegnung von einem, der betrachtet mit dem, was betrachtet wird. Es gibt Szenen, die Entsetzen hervorrufen oder einen abstoßen, die wir lieber nicht sehen. Weshalb wir dazu tendieren, sie sofort wieder zu ersetzen, was leichter zu akzeptieren ist. Wir müssen Pushta also als einen Zerspiegel betrachten, in dem sich die heutige Menschheit nicht wiedererkennen will. Wir erstarren vor der eigenen, angstauslösenden Projektion des unmenschlichen Anderen als vermeintlicher Ursprung des Bösen. Die Bilder von Pushta zeigen mit den Worten Slawej Zizek die Ursache des für unser Menschsein konstitutiven Schreckens, den unmenschlichen Kern des Menschseins und damit die Dimension dessen, was die deutschen Idealisten Negativität und und freut den Todestrieb-Nannten. Ja, schreibt Timofeyewa weiter, Pushta ist ein Spiegel, aber ein Spiegel wovon? Anders ausgedrückt, was ist der Gegenstand des Todestriebs, der in Pushta auf die Bühne des Kriegstheaters kommt? In der Folge zitiert sie die Aussage des russischen Schauspielers Ivan Ochlobustin, der für seine pro-putinistischen Ansichten bekannt ist. Russland wird immer siegen. Selbst wenn das Unmögliche geschieht und wir verlieren, heißt das, dass die ganze Welt mit uns verlieren wird. Da wird nur noch ein großes Zero sein. Und wir sind bereit für diese Apokalypse. Alle Menschen sind sich einig. Und ihr habt keine Ahnung davon, in welchem Ausmaß. Einstimmig. Wir werden alle töten. Wir brauchen keine Welt, in der es keinen Sieg für uns gibt. Das ist so geil. Wir sind jetzt alle so aufgeregt. Was für ein Glück. So Gott will. Wir werden die ganze Welt in die Luft jagen. Wir werden alle töten. In dieser Begeisterung für das Töten und den Tod aller manifestiert sich der Todestrieb in Reihenform. Man muss, schreibt Timofey Jeva weiter, von einem Fall von Psychose sprechen. Einer gleichermaßen individuellen wie kollektiven Psychose. Die apokalyptischen Träume der regierungsfreundlichen Intelligenzia führen die Militärs als reale Schauspieler im Kriegstheater auf, in der blutigen Szene von Busta. Aus dem Gesicht des Kreises wird ihnen ein großer innerer Friede entgegenstrahlen. Das schenke ich ihnen als das Beste, dass jemand existiert, der den Mut hat, es auszusprechen, mit dem Krieg vorzubeugen und der Armut gegenzusteuern wäre. Es wird sie über die böse Aktualität hinwegtragen. Rose und ihr Bekannter setzen sich. Lünkeus liegt auf dem D-Wan. Wegen einer chronischen Erkrankung ist es ihm nicht möglich aufzustehen. Rose wird später notieren. Ich weiß nicht mehr, wovon wir sprachen. Vielleicht von den paar hundert Menschen, die es noch in der Welt gibt, die anderes wollen. Aber jetzt schweigen. Der Schlachtenlärm tönt laut. Es mussten wohl gute, liebe jetzt schweigen. Der Schlachtenlärm tönt laut. Es mussten wohl gute, liebe Worte gewesen sein, denn ich ging unbewusst gestärkt die Stufen hinunter, als wir das Zimmer mit den Bildern Mozarts und Konfuzios verließen. Aber wie sollte mir das über den Krieg hinweg helfen, dachte ich bekümmert. Dann nahm ich den nächsten Tag die Bücher von Lyncheus. Ich blätterte sie durch und las, und las dann ohne aufzuhören, tagelang. Als ich im Lesen innehielt und mich zu sammeln, erkannte ich, warum man mich zu ihm gebracht hatte. Damit ich mich an seine freundliche Ruhe erinnere, wenn mich Ungeduld erfasst und Bitterkeit überrollt. Bis jetzt, bis zum Krieg ging ja alles ungefähr hin. Man war, aber stellte sich blind. Nichts war ganz offenkundig. Der Krieg hat aufgedeckt und es ist furchtbar, in diesem Hass zu leben. Während ich versuche, Rose zu folgen, denke ich an eine Stelle in die Helle Kammer, in der Barz beschreibt, wie er angesichts eines Porträts seiner selbst eine Art Schwindel, so etwas wie die Angst vor der Aufdeckung, verspürt und ich schaue hinaus in den Regen. Wie leicht einem die Themen entwischen und wie schwer der Versuch ist, sie zu durchdringen. Seit Jahren sammle ich Notizen. Rose, der Krieg, die Geschichte, Erinnerungen. Ich will über Rose schreiben. Beginne, breche ab, folge einer anderen Spur. Lässt sich ein Text abstecken, maßnehmen, dreiecken? Ich möchte zusammenfügen das lose, verstreute. Vielleicht ist das Untersagte. Ich suche in diesem Zettelzustand. Es ist, als lege ein Wissen außerhalb meiner Reichweite. Dennoch, da ist dieses flüchtige Gefühl am Morgen nach dem Aufwachen noch irgendwo im Dazwischen. Dieses Gefühl einer Möglichkeit und mein Verlangen danach. Aufdecken. Es ist nicht bekannt, ob Rose Silberer die Schriften von Sigmund Freud kannte. Ich vermute es. In der Art und Weise, wie sie in ihren Texten das Wort unbewusst verwendet, scheint es, als wäre sie mit der Psychoanalyse vertraut gewesen. Zwei Jahre vor Roses Begegnung mit Linkeus, den sie euphorisch als großen Reformer, als Lehrer zukünftiger Generationen bezeichnet, befasst sich Sigmund Freud in einem Essay mit den Wirkungen des Ersten Weltkriegs. Wie soll man einem Täter entgegentreten, lautet eine Frage und Freuds Argumentation ist darauf gerichtet, das Unakzeptable zu verstehen, den grenzenlosen Egoismus, die Mordgelüste gegenüber allen, die uns schädigen und kränken, die Gleichgültigkeit gegenüber den Leidenden, die Schadenfreude, die Hassbefriedigung. Er wirbt dafür, diese Impulse als Wahrheit über das Menschsein anzuerkennen, sie darüber hinaus als Teil einer normalen Konstitution zu akzeptieren. Nicht aus Gründen der Mitmenschlichkeit, sondern weil sich für ihn am raschen Zusammenbruch der Zivilisiertheit im Krieg zeigt, wie gefährlich die Leugnung der Existenz und Macht dieser egoistischen und aggressiven Impulse ist. Sie wollen die unbequeme Wahrheit vertieren, so fordert er es in den letzten Sätzen in zeitgemäßes über Krieg und Tod. Roses Leben, roses Schreiben. Es lässt sich nicht außerhalb des Krieges denken. Ich versuche mich anzunähern, versuche mich im Knüpfen eines Geflechts, möchte, dass es trägt, möchte Fäden sichtbar machen. Es sind Grenzziehungen, zu denen es mich zieht. Ohne Folge steht manches da, schreibt Rose. Lücken sind oft zwischen zwei Gedanken. Übergangslos Eingeflochtenes blüht auf unter Klagen und Eruptionen. Erschütterungen. Elena Ferrante bezeichnet jenen Teil von uns, der sich der Reduktion auf Worte oder andere Formen entzieht, der in Augenblicken der Krise die ganze Ordnung, in die wir uns stabil gebettet glaubten, auf sich selbst reduziert und auflöst, als Frantumalia. und auflöst als Frantumalia. Ihre Symptome sind Tränen, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Übelkeit, Panikschübe. Die Mutter von Ferrante beschrieb damit, wie es war, wenn sie sich durch widersprüchliche Eindrücke bedrängt und innerlich zerrissen fühlte. Dann sagte sie, sie habe Frantumalia. Sie verwendet es auch als Wort für Todesangst, für den Horror davor, dass Ausdrucksmöglichkeiten blockiert werden, weil plötzlich Stimmorgane versagen und alles tropfend und raunend davonfließt aus einem Körper, der immer wieder zum Ding wird, wie ein Ledersack, aus dem Luft und Flüssigkeiten entweichen. Frantumalia ist auch die Bezeichnung für eine instabile Landschaft, die in Trümmern liegt, ein Lagerhaus der Zeit ohne die Ordnung einer Geschichte oder einer Erzählung. Frantumalia als Gefühl eines Verlustes. Ordnungen. Roses Versuch, Zuversicht und Möglichkeiten in die Welt zu flechten, ihre Suche, die sich im Material zeigt, das sie hinterlassen hat. Wie Verborgenes ins Offene gelangen kann, welche Zusammenhänge sichtbar werden können und welche Trennungen. Ihr Abdecken wird zu einem Entdecken. einem Entdecken. Also das Material, das von Rose Silberer zur Verfügung steht, sind einige Bücher und sie hat ein Opernlibretto geschrieben und ich finde das ist sehr spannend, einfach so ein Frauenleben wieder zu entdecken, das eigentlich irgendwie verschwunden ist und im Verborgenen ist. Der nächste Text, wo es um Körper mit der Mutter geht, von Luce Régaret, den beginne ich mit einem Zitat von Irigaray. Die Lippen fliegen als Vögel über die Erde und die Meere, schwebend durch das Wort. Der Text heißt Alphabet der Augen. Die Not ist wendig, der Himmel hungrig. Zwei Lippen, eine Scham in deinem Mund, die gespaltene Zunge verstreuter Rede. Das Schweigen ist ein Einwand, eine Wand. Du willst dich in der Sprache absichern, doch das Alphabet deren sieht erst wolken überschuss dann den regen der sich ein gräbt in das verknöcherte holz wand sind oder ein körper beginnt manchmal wenn du dich im spiegel betrachtest ist deine mutter schon da du willst du aus dir herausholen, doch sie blickt dir entgegen, unerbittlich, die Augen eisig. Wie schon die Mutter vor ihr, ist sie der eigenen Worte beraubt, der eigenen Zunge entledigt. Die Kälte dieses Schweigens überträgt sich seit Generationen von der einen zur anderen. Sie belagert auch dich. Du willst das Eis in dir zum Schmelzen bringen. Nur wenn es taut, kann etwas aus dir herausfließen, wenn du sprichst. Die Augen, die du mit dir bringst, ein Seeweg zu den Dingen. Ein Weg von, ein Hinzu. Die Sehnsucht, die Suche. Lässt du sehen, die Sprache, die Augen, die Dinge, mit beweglichem Blick. Andere unter den Wörtern ruhende und manchmal öffneter Mund. Die längste Ausdehnung deines Körpers sind die Haare. Wenn du sie schneidest, wachsen sie nach, sind von Neuem da, wandelbar. Wird aus jedem Haar ein Wort, im Riss zwischen dir und der Welt. Himmel spiegelt sich im Gras, Nebel mit Auge, Staude mit Auge. Nach dem Regen die Rede, du fällst in die Wörter, die Wärter fallen in dir. Du fällst in die Wörter, die Wärter fallen in dir. Wehe Waldhaarausfall, die Zunge in Aufruhr, Wortgeflechte in deinem Haar. Die Stimme der Mutter birgt die Sprache des Vaters. Du bist durch ihren Körper gegangen, ein fließend fern der Erinnerung, Kern aus Klang, Lautkette, Sinnkette. Mutter sprach dich, lange bevor du geboren wurdest. Im Traum tritt dir dein noch nicht Erschaffenes vor Augen. Zerrbilder Wünsche zwischen Sagbarkeit und Unsagbarkeit taumelt die Zunge auf dem Boden des Mundes. Nach dem Traum übergeben sich die Geheimnisse deiner Augen. Der Zunge redlich sucht sie einen Auslauf in den Sprachschichten. Findet die Nester des Unsagbaren oder sind es deren Schatten? Wie das Gaumensegel sich zündelt, entzündet, erst ein Zittern, dann ein Aufstand. Die Zunge will das lose Bündeln, doch nicht alles, was das Auge sieht, kann Sprache werden. Andere unter den Wörtern treibende und manchmal bricht der Mund. Du bist unter anderem eine Komposition aus Traumgeschehen und Fragmenten, Du bist unter anderem eine Komposition aus Traumgeschehen und Fragmenten, denn sich daraus entworfenen Richtungen. Eben lag doch ein Tuch auf deiner Schulter. Da dachtest du an Federn, an Flügel, an Weben und Werden. Feder sein, Flügel sein, ein Vogel vielleicht. Federn, wie das Haar, das aus dir herauswächst. Federn, wie Efeu, das sich über Baumstämme rankt, widerständig und anpassungsfähig. Manchmal wächst es eine Mauer entlang. Schon bist du bei einem Haus. Es passiert immer in der Nähe eines Hauses. Jemand hat den Nussbaum gefällt, du näherst dich einem Gedicht und sagst, ich werde den Nussschnaps vermissen, das Rütteln der Zweige, die Vogelnester und den langen Schatten des Baumes. Nach innen gerichtete Worte sind gewichtiger als Steine, ein nahendes Versinken, der Hals schmerzt, Konversion statt Konversation. Die Kehle wird Abgrund, dein Flüstern unhörbar für die seit jeher festgeschriebenen Codes. Das Durchbrechen des vorgefertigten Rastors, eine Regung. Zwischen Schweigen und Wort werden Wünsche Bewegung. Schneller als Vögel brechen sie auf in alle Richtungen. Ein diffuses Tasten im Alphabet, das dahintreibende Augen. Deine Lippen berühren einander. Selbst entzünglich enthauptet sich die Sprache im Meer der elastischen Wörter, werden aus deinem Flüstern Flüsse, andere unter den Wörtern fließende. Und dann sagt der Mund. Der Rest, eine offene Wunde. Da ist ein Rascheln zwischen den Lippen unter der Sprache. Die andere ist die Frau in der Mutter, sagt ihre Garée. Wie nimmt diese andere Sprache wahr und was gehört zum Augenblick ihres Aufbrechens, wenn die Lippen fliegen als Vögel? Wenn die Lippen fliegen als Vögel. Denn welches Wort unter den Wörtern wäre keines, das aufbricht? Wünsche sind schneller als Vögel. Auf ihnen treiben die Gedanken. Meere bleiben Meere. Das Wort klingt nahezu wie Erde, breitet sich in dich aus im Mundinnenraum. Mund in den Raum. Dort baust du deine Zelte auf Klängen, mächtige Sprechlager. In ihnen soll die andere wirksam werden. Sie wird die Lager durchstoßen, sie wird durchlauten, durchfremden, durchsprechen, durchflüstern, fließen. Es wird etwas zu hören sein und die Zelte werden blühen. Danke. Danke. Danke sehr, Andrea Trommel, Monika Gentner, Renate Silberer. Danke an das Publikum und meinerseits war es das für heute. Bis auf das, dass wir noch ein schönes Foto machen sollten von uns vieren. Oder nehmen wir die Frau Püringer auch dazu. Nummer 5. Vielleicht auf der Bühne kurz. Oder möchtest du vorher die nächste Veranstaltung gleich? Vor dem Foto auch noch ein herzlicher Dank von mir und auch im Namen des Stifterhauses an die Grazer Autorinnen-Autorenversammlung Regionalgruppe Oberösterreich, insbesondere an Erich Klinger, Andrea Trumbl, Monika Gentner und Renate Silberer, die heute eine Brücke zwischen den Generationen geschlagen haben. Ich möchte Sie auf unsere nächste Veranstaltung hinweisen. Besuchen Sie uns gerne wieder am Donnerstag, wenn Karl Hohensinner seinen Atlas der Familiennamen auf Inga vorstellen wird. Die Buchpräsentation beginnt um 19 Uhr, also eine halbe Stunde früher als üblich. Ja, das war es jetzt von meiner Seite. Vielen Dank auch Ihnen, liebes Publikum, fürs Kommen. Bis bald wieder im Stifterhaus. Sie können auch noch gerne bei uns bleiben, im Literaturcafé ein Getränk zu sich nehmen und den Abend ausklingen lassen. Herzlichen Dank.