So, jetzt können wir starten. Guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe literarisch Interessierte. Ich begrüße Sie ganz herzlich im Stifterhaus. Mein Name ist Sarah Pöhringer, für alle, die mich noch nicht kennen, und ich freue mich sehr, dass Sie heute den Weg zu uns gefunden haben. Besonders freut es mich, dass wir im Rahmen einer Verlagspräsentation den Septime Verlag aus Wien bei uns heute zu Gast haben. Wie Sie wahrscheinlich sicherlich dem Leporello entnommen haben, sollte heute eigentlich Jürgen Schütz, der Gründer und Inhaber des Septime Verlags, den Abend moderieren. Leider ist er aber verhindert und hat daher Marlene Gölz gebeten einzuspringen, auch sehr kurzfristig. Wir sind sehr dankbar, dass Marlene Gölz dieses Angebot angenommen hat und den Abend moderiert. Also vielen Dank dafür und dir ein herzliches Willkommen bei uns. Ganz kurz zur Moderatorin des heutigen Abends. Marlene Gölz wurde in Linz geboren und studierte Kunstgeschichte in Wien und Berlin. Sie erhielt unter anderem den Marianne von Wilhelm-Frauen-Literaturpreis der Stadt Linz 2017 sowie den Preis für Kurzbrosa der Akademie Graz 2018. 2025 erschien ihr Debütroman Himmelfahrt bei Septime. Sie ist also mit dem Verlag bestens vertraut. Damit komme ich auch zu unseren Gästen und zu unseren beiden AutorInnen des heutigen Abends. Zunächst darf ich Isabella Breyer begrüßen, die den Roman Cosmo vorstellen wird, der im März dieses Jahres bei Septime erschienen ist. Herzlich willkommen. Ja, im Zentrum des Romans steht Chave, die seit Jahrzehnten an einem Institut arbeitet, das sich der enzyklopädischen Erinnerungsarbeit widmet. Gedanken und Gefühlswelten von Menschen sollen rekonstruiert, archiviert und vor dem Vergessen bewahrt werden. Als Chave eine Audiotatei mit dem Titel Gespensterprotokolle erhält und deren Urheberin kurz darauf verschwindet, macht sie sich im Jahr 2048 auf den Weg nach Kosmo, einer wie verzauberten Ortschaft in Griechenland. Ganz kurz zur Autorin. Isabella Breyer wurde in Gmünd geboren und wuchs in Wels auf. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie. Sie arbeitete unter anderem als Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, verbrachte regelmäßige Aufenthalte in Südmexiko und schreibt Lyrik und Prosa. Ebenso begrüßen möchte ich heute Abend Gregor Fink, der aus seinem im August 2025 erschienenen Roman Streunende Hunde lesen wird. Herzlich willkommen. Auch hier kurz zum Inhalt. 30 Jahre nach dem Tod seines Vaters begegnet Paul ihm plötzlich nachts wieder. Sein Leben gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Während seine Routinen und sein bisheriges Selbstbild zu zerbrechen beginnen, gerät er immer tiefer in eine Krise, bis er schließlich an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Gregor Fink wurde in Klagenfurt geboren. Nach Stationen in Lüneburg und Hamburg lebt und arbeitete er heute als Kommunikationsberater in Klagenfurt und Wien. Er beschäftigt sich schon lange mit Literatur und mit Worten. Mit 15 Jahren gewann er seinen ersten Poetry Slam. Und seither veröffentlicht er regelmäßig Texte in Anthologien und Literaturzeitschriften und ist auch in der Literaturvermittlung aktiv. Das war es jetzt soweit von meiner Seite. Ich wünsche uns alle einen anregenden Abend mit Isabella Breyer und Gregor Fink und darf nun das Wort übergeben. Danke. Ja, schönen guten Abend auch von mir. Ich habe, wie Sie gehört haben, eine besondere Aufgabe heute, nämlich Jürgen Schütz zu vertreten und darf den Septime Verlag vorstellen. Im Anschluss haben wir dann das Vergnügen, Isabella Breyer und Gregor Fink zu lauschen, die aus ihren neuen Romanen lesen werden. Septime wurde 2009 gegründet von Jürgen Schütz. Das erste Buch war eine Anthologie mit Namen wie Roberto Bolaño und Julio Cortazar. Beide Texte erschienen bei Septime erstmals auf Deutsch. Und so ist der Septime Verlag auch bekannt für Romane aus der ganzen Welt. Jan Kerstad, Ryo Murakami, José Luis Peixoto. Bis heute finden sich in jedem Programm, sowohl Frühjahr als auch Herbst, internationale Titel. Auch werden sehr viele Debütromanen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz publiziert. Insgesamt zehn bis zwölf Bücher jährlich. Septime ist immer zu Gast auf den großen Buchmessen mit eigenem Stand seit 2011. Mit Start der James Tiptree Junior Werkausgabe, das sind zehn Bände plus eine Biografie, war September 2011 erstmals bei Dennis Scheck. Ich habe eine Ausgabe mitgenommen. Dennis Scheck schrieb damals, ich bin mir ziemlich sicher, dass man im 22. Jahrhundert Tiptree lesen wird, wie wir heute Kafka. Es lohnt sich, da mal reinzusehen. Und für die bis heute weltweit einzige Werkausgabe von James Tiptree Jr. wurde Verleger Jürgen Schütz mehrmals als Best Publisher of Europe nominiert. Schon bald nach der Gründung gab es zahlreiche Nominierungen und Preise. Jürgen Schütz ließ mir da eine ansehnliche Liste zukommen. 2013 war September erstmals auf der Hotlist mit das Casting von Ryu Murakami. Im selben Jahr gab es den Anerkennungspreis für Literatur Niederösterreich für Isabella Feimer, die ebenso auf der Shortlist des Literaturpreis Alpha war mit Der afghanische Koch. Ebenfalls 2013 Shortlist Literaturpreis Alpha Valerie Fritsch, die ihr Debüt bei Septime verlegte. 2014 Anerkennungspreis Niederösterreich Gudrun Büchler. Der Kurt Laswitz-Preis für die beste Übersetzung ging an Margot Jane Wonkin, auch wieder für James Tiptree für die Biografie. Septime-Autor Tobias Sommer fährt zum Bachmann-Preis, ist auch ein Höhepunkt 2014. 2015 dann Schortlis Literaturpreis Alpha, Isabella Feimer wieder. 2016 Hotlist mit Die Gehörlosen von Rodrigo Ray Rosa. 2017 Shortlist-Literaturpreis Alpha, Paul Auer und im nächsten Jahr Jürgen Bauer. 2021 Hotlist mit Das perfekte Grau von Salih Jamal. 2021 Hotlist mit Das perfekte Grau von Salih Jamal. 2023 österreichischer Buchpreisdebüt ging an Drama von Arad Tabiri und Septime startete mit der Pascal Garnier Werkausgabe in 14 Bänden. Von den sechs bereits erschienenen Romanen landete man zehnmal auf der Krimibestenliste des Deutschlandfunk, davon dreimal auf Platz 1. 2024 stand Verena Dolovae auf der Shortlist des österreichischen Buchpreises mit ihrem Debüt Dorf ohne Franz. 2025 stand Philipp Krömer auf der Hotlist mit Kumari. Und 2026 hofft man, dass Isabella Breyer eine Nominierung für den österreichischen Buchpreis erhält. Ich darf Sie nun ganz herzlich begrüßen. Wir beginnen mit Isabella Breyer. Sie wurde ja bereits vorgestellt von meiner Kollegin Sarah Püringer. Heute präsentierst du uns deinen sechsten Roman mit dem Titel Cosmo. Das Wort kommt aus dem altgriechischen Kosmos und meint unter anderem den gesamten Kosmos, alles was existiert. Bereits Titel und Untertitel verweisen auf Großes. Bereits Titel und Untertitel verweisen auf Großes. Cosmo, eine Investigations-Expeditionsdokumentation, Aufzeichnungen aus der Temporary Eternal Collection oder im gemeinsamen Handlungsraum drehe ich Licht ab und Zeit zurück und öffne alle möglichen Fenster. Wir befinden uns im Jahr 2048. Die Hauptfigur Chave ist 62 Jahre alt und Archivarin. Seit fast 30 Jahren ist sie bei Temporary Eternal Collection beschäftigt und um der Tatsache der Endlichkeit und des Vergessens entgegenzutreten, arbeitet sie anhand von Protokollen Gedanken und Erinnerungen auf, kontextualisiert und archiviert diese. Doch wozu das alles? Eine Frage, die sie zunehmend plagt. Zitat, es bleibt erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit man über Generationen hinweg nicht tat, was zu tun gewesen wäre, obwohl man es wusste. Ja, warum unternimmt man nichts gegen etwa die Klimaveränderung, obwohl reichlich Daten und Fakten auf dem Tisch liegen? Anonym wird ja eine Audiodatei mit dem Titel Gespensterprotokolle zugespielt, die aus dem Jahr 2020 stammen. Eingesprochen hat diese Luise, mit der Chave mittels Spezialtelefongespräch Kontakt aufnimmt, bis Luise 2023 ganz plötzlich verschwindet. Aus Protokollen geht hervor, dass Luise Kontakt zu einer Autorin namens Xenia hatte. In ihren Texten erzählt Xenia von einem griechischen Ort namens Kosmo. Chave beschließt, ihm nachzugehen und plant eine Investigationsexpedition, eine Reise quer durch die Zeit von 2048 ins Kosmo des Jahres 2023. Warum tut sie das? Um herauszufinden, was aus Luise geworden ist? Sie alle, Chave, Luise und Xenia, teilen die Suche nach etwas, ohne dieses Etwas genau zu kennen. Die eine sammelt und will verstehen, die andere verschwindet und die dritte schreibt. Was sie teilen, ist eine gewisse Sehnsucht und das Gefühl, in ihrer Welt ohnehin nicht ganz dazugehören. Kosmos oder das Reiseziel wird zur konstanten Projektionsfläche und zum zentralen Schauplatz der Geschehnisse. Doch auch dieser Ort wechselt immer wieder sein Aussehen und seine Bestimmung. Aus verschiedenen Perspektiven, Realitäts- und Zeitebenen entwirft Isabella Breyer ein anspruchsvolles literarisches Fixierbild. Sie beherrscht alle Spielarten und reizt erzähltechnische Möglichkeiten aus, was sich formal unter anderem in Text-in-Text-Passagen, mal unter anderem in Text-in-Text-Passagen, Textstreichungen und umfangreichen Fußnoten abbildet. Auf absurde, kritische, aber auch humorvolle Weise nähert sich die Autorin schwer greifbaren Phänomenen wie Träumen, Erinnerungen und Emotionen, je nach Protagonistin in einer anderen Sprache. Von Wortgewaltigen, sich über eine halbe Seite erstreckenden Sätzen, über konventionelleren Sprachgebrauch bis hin zu den poetischen, gedichtgleichen Überschriften der Gespensterprotokolle. Ein Beispiel daraus, und damit möchte ich enden, morgen wird einer meiner Blicke womöglich Mögliches suchen und oder das Weite. Isabelle, ich hoffe, dass diese Zusammenfassung in etwa dem entspricht, worum es in deinem Roman geht. Wir haben beschlossen, mit einer Lesepassage zu beginnen und werden dazwischen dann ein Gespräch führen. Ja, herzlichen Dank, Marlene, für die einleitenden Worte und auch für die wirklich gelungene Zusammenfassung des doch komplizierten Plots und auch mancher Geschehnisse in den Texten. Im Text, ich beginne der Verständlichkeit wegen, auch beim Anfang, betrifft Investigations-, Expeditions-, Dokumentation. Ich, Chave M., bisherige Angestellte bei Anamnesis, langjährige Expertin der Temporary Eternal Collection, reiche hiermit meine Kündigung und den versprochenen Bericht ein. Vor Start der Spezialreise wurde ich gebeten, nach der Rückkehr ein Homepage-tauglich designtes Dossier vorzulegen. Homepage tauglich designtes Dossier vorzulegen. Darin sollten sowohl die Themenkomplexe sämtlicher Recherchen als auch maßgebliche Fortschritte meiner Erforschung der Entstehungs- und Entwicklungsprozesse der Gespensterprotokolle, deretwegen der Aufenthalt auf der Peloponnese ursprünglich initiiert worden war, in kompakter Form skizziert werden. Man sprach von einer Mindestzeichenanzahl von 20.000. Zu meiner Verteidigung sei angemerkt, von einem Maximum war keine Rede und von einer Direktive, die besagt, dass man nicht detailliert schildern, analysieren und reflektieren, Erinnerungen pflegen und Zeugnis ablegen sollte, wüsste ich nichts. Nun ist mir klar, dass das vorliegende Konvolut jeden üblichen Rahmen sprengt. Dies hat seine Gründe. Was sich in all den Monaten ereignete, übertrumpfte in Sachen Unglaubwürdigkeit, jede Megaloman, exzessive Fiktion, mitunter war es, als träumte ich. Aber eins nach dem anderen, denn ich will Schritt für Schritt von den Begebenheiten erzählen, die ich in Kosmo oder Fels mit Schlange erleben durfte. oder Fels mit Schlange erleben durfte. Und ich möchte dadurch, dass ich zu Papier bringe, was sich zutrug, noch einmal so tun, als dächte ich tatsächlich, auf diese Weise einen vernünftigen Beitrag dazu zu leisten, dass all das vielschichtig Lebendige erinnert werden wird. Das Wirkliche und das Mögliche, das, was sich in Worte fassen lässt und das, was sich entzieht. JWM, Zone 3, im Süden der hiesigen Satellitenstadt, Dezember 2048. Wir kommen zum zweiten Kapitel mit dem Titel Anmerkungen zu Theorie und Praxis der Maßnahmen zur Rettung des unrettbar Flüchtigen im Rahmen von Anamnesis respektive der Temporary Eternal Collection. Eternal Collection. Die zur zu berichteten Spezialreise führende Geschichte begann mit Luises Protokollen, beziehungsweise dem Anklicken einer mir anonym zugesandten Audiodatei und einem der viel zu vielen Kommentare meiner damaligen Supervisorin. Nein, ich, Chave, korrigiere. Was ich erzählen will, fing damit an, dass ich dachte, es sei an der Zeit, mit allem Schluss zu machen. Und ich setze es hier und da in die Gegenwart, weil es zwar vorbei ist, aber nie aufgehört hat, gegenwärtig zu sein. Hier habe ich zum Beispiel Hefte voller Notizen aus etlichen Etappen jener oftmals geleugneten oder schön geredeten Krise und in einer derselben bahnt sich die Reise nach Kosmo an, deretwegen ich nun diese Investigations-Expeditions-Dokumentation erstelle. Investigations-, Expeditions-, Dokumentationen erstelle. Jede minimale Regung schrieb ich damals auf, auf jegliche Nichtigkeit mehr als je zuvor. Schon beim Akt des Protokollierens oder spontanen Interpretierens dachte ich mir, wozu der Schwachsinn? Fußnote 8. Auch das kritzelte ich, zumeist als Fußnote oder in Klammer aufs Papier. So biss ich die Schlange in den Schwanz und ich hackte in ihr ab, verfluchte jedes abgegriffene Bild, jedes unangetastete. Nichtsdestotrotz vermutete ich, dass etwas in mir Mut maßte, man könnte Bedeutsames oder gar Wesentliches versäumen, wenn eine vermeintliche Kleinigkeit einfach vergessen werden würde. Und wer weiß, ob das nicht stimmt. Ich wollte, ich wäre eine andere in einer anderen, meinetwegen vorsintflutlich modernen Welt. Ich wünschte, ich wäre eine, die multitaskingklug, so scharfsinnig wie intensiv ihre Stunden zubringt, ohne das Leben auf Teufel komm raus festhalten und, fast drängt es mich zu denken, widersinnigerweise durchsitzieren, noch lebendiger machen zu wollen. Oder besser, mit der Bereitschaft, das Gegenwärtige, das dem Gegenwärtigen weicht, das dem Gegenwärtigen weicht, loszulassen. Es entgleitet uns ja doch zwangsläufig. Und ich hatte und habe kein Glück mit meinen erbärmlichen Versuchen, die Momente und ihre potenziell unendlichen Verbindungen, Glück mit meinen erbärmlichen Versuchen, die Momente und ihre potenziell unendlichen Verbindungen, die Wirklichkeiten und die Möglichkeiten, gleichsam in einer geschützten Zone, die zum Intersubjektiv-Realen gehören könnte, sofern man sie wahrnehme und wiederholend oder sich aneignend bestätigte, im mehrfachen Wortsinne aufzuheben oder systematisießen oder zu hauchen. Genau das wäre unsere Aufgabe. Die Erhaltung und Verbreitung dessen, was erhalten und verbreitet werden kann. Die Konservierung, Kontextualisierung und Kultivierung. Anamnesis folgt dem ambitionierten Grundprinzip der Vergänglichkeit, ein pfiffiges Schnippchen zu schlagen. Nichts Geringeres als die Maxime der Ewigkeit soll unser Engagement antreiben. als die Maxime der Ewigkeit soll unser Engagement antreiben. Wir werden entlohnt, um bestimmten Bewusstseins- und Unbewusstseinsgebilden, als hätte Bach an einem besonderen Körper den leibgebundenen Komplex von Erinnerungen, Stimmungen, Gefühlen, die mit dem Tod des jeweiligen Ich beziehungsweise Organismus verblassen würden, nicht nur einen frischen Anstrich zu verpassen, sondern sie sozusagen vorm Verschwinden zu retten, mit Blut zu versorgen, mit Vitalität voll zu pumpen, zum Weiterleben zu erwecken. mit Vitalität vollzupumpen, zum Weiterleben zu erwecken. Wir stehen im Dienst eines umfassenden, idealistisch bis visionär geprägten, in seiner konkreten Vorgangsweise materialistisch gewappneten, methodisch ausgefeilten Erinnerungsethos. Sowohl bezüglich der Geschehnisse und ihrer belegt behauptbaren Relationen, als auch der Modi der Modifikationen res Eifer der 50 Wochenstunden meines beruflichen Einsatzes an der Richtschnur der Überwindung endgültiger Endlichkeit orientierte, hütete mich davor, meine mich insgeheim immer wieder und immer wieder wie zum ersten Mal erschütternden Zweifel an der Sinnhaftigkeit unseres Tuns vor der Kollegenschaft zu offenbaren. Die Frage, die mich seit einigen Jahren und seit kurz vor der Reise nach Kosmo mit heftig gestiegenem Unbehagen umtrieb, laut zu stellen. Warum das alles? Selbstverständlich maße ich mir auch jetzt, nach meinem Kündigungsaussusspruch nicht an, aus dem Stehgreif antworten zu können. Eine ernsthafte, halbwegs differenzierte Replik würde jede Menge empirische Erhebungen und darauf bezogene Studien benötigen. Und dies erfordert Zeit und Ressourcen, über die ich nicht verfüge, wahrscheinlich niemals verfügen werde. nicht verfüge, wahrscheinlich niemals verfügen werde. Jedenfalls tat ich lange mein Bestes, um nicht zu verzagen oder gar zu resignieren. Und so erfüllte ich meinen Leistungssoll in der Sammlung meinem Commitment gemäß aufs äußerste Pflichtbewusst. Ich kümmerte mich um gefundene wie angeworbene Protokolle, nahm Zeitzeugnisse vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen unter die Lupe, begutachtete Zusammenhänge. Konkret beschäftigte ich mich in der Sparte der sogenannten Temporary Eternal Collection mit der Analyse, Bewahrung, Instandhaltung oder Wartung von Sprachprodukten gegenwärtig lebender oder innerhalb der letzten Dekaden verstorbener menschlicher Individuen. Jedenfalls bereitete ich jährlich, je nach Umfang und Dichte des zu verewigenden Materials, bis zu zwei Handvoll Gedanken- und Gefühlswelten auf. Ich möchte mich nicht aufplustern, wenn ich konstatiere, dass man mich als brillante Sammlungsexpertin schätzte. Emsig erledigte ich mein Pensum zur vollsten Zufriedenheit des gesamten Personals. Oft machte ich Fleißaufgaben des Interesses am Thema wegen, nur der Rest von Tamtam interessierte mich nicht. Wahrscheinlich hielt ich mich freiwillig von den Machtebenen fern. Freilich kann es sein, dass da nichts freiwillig geschah, dass es sich stattdessen um ein soziologisch zweifellos aufzudröselndes Geflecht strukturierender Strukturen, inklusive Mechanismen von Selbstexklusion handelt, die via habitus mit der Beschaffenheit sozialer Hierarchien korrelieren bis kooperieren. Gewiss ist es imaginabel, dass meine kläglichen Gewissheiten wie die anderer Akteurinnen und Akteure allesamt oder größtenteils Unsinn darstellen. Dass man sich in Luises Worten durch und durch belügt und betrügt, indem man so tut, als wäre es primär die eigene Entscheidung, sich dort zu befinden, wo man sich befindet, nämlich, was mich betraf, an der Peripherie, der Peripherie, der Peripherie, beziehungsweise maximal im Kopf, kompromisslos in der Welt. Wie dem auch sei, Luise, die erst perplex, dann misstrauisch reagierte, als ich Kontakt zu ihr aufnahm, Fußnote 12, im mir übermittelten Mail mit der MP3-Datei, er bitte um Sichtung bzw. Aufnahme in die Temporary Eternal Collection eine Telefonnummer angegeben und anschließend, als sie endlich Vertrauen zu fassen schien, bei Gott und der Welt schwor, mich und die Sammlung gar nicht zu kennen und mir die Tonaufnahme nicht zugeschickt zu haben, Fußnote 13, Luise berichtete mir, sie wäre der Aussage oder Andeutung am Ende der ihrerseits instigter von eingesprochenen Gespensterprotokolle gemäß am Platz der Platanen kollabiert. Nach dem Erwachen hätte sie ihren Audio-Rekorder nicht mehr vorgefunden, das Gerät müsse gestohlen worden sein. Also diese Luisa beharrte darauf keinen Vortrag halten, nicht leibhaftig in Erscheinung treten zu wollen. Sie teilte mir ihre derartige Events anbelangende Aversion unverblümt mit. Obwohl ich eine simple Absage sofort akzeptiert und nicht etwa lästig nachgehakt hätte, ließ sie sich nicht davon abhalten, ihre Reaktion ausschweifend zu begründen. Zwar stehe sie nicht ungern im Mittelpunkt, aber ausschließlich, wenn sie nicht dabei bzw. mit der jeweiligen Farce keinesfalls persönlich konfrontiert sei. Selbstverständlich hätte sie nichts dagegen, dass man sie auszeichne mit dem Protokollantinnenpreis, solange sie nicht vor Ort sein, den Unfug nicht erdulden müsse. Über die Resonanz freue sie sich ungemein. Die Vorstellung bei der Verleihungsskala des Protokollantinnenpreises nicht anwesend sein, keinem redseligen Landesfürsten oder Laudator die Hand schütteln, keinem gefeierten oder aufstrebenden Schauspieler, bei der vor empirisch widerlegbaren Illusionen nur so strotzenden Rede zum Schwurbelthema Kunst lauschen, keine Dankesworte ins Mikro sprechen, keine Blumen entgegennehmen, keinem Fotografen zulächeln, an keinem Sektkelch nippen zu müssen, sondern an einer abgelegenen Bucht nackt im Meer zu schwimmen oder verschwitzt durch Steppen zu trecken, während man allein und ungestört durch intakt anmutende Natur wandert, sich auf ganzheitliche Weise geborgen fühlt, ohne jene verträumte Befindlichkeit gleich emphatisch vermerken, wieder in die oftmals verblendete und verblendende Sphäre der Schriftlichkeit pferchen zu müssen, entspräche ihrer Vorstellung von einer Art Erfolg, die jemandem wie ihr sowohl grundsätzlich gefallen, als auch zuträglich sein möge. Zum einen setze sie sich nicht gern in Szene, zum anderen habe sie es lieber gemütlich und am allerliebsten ziehe sie unbeobachtet los. Schwärme aus, ohne im Vorhinein definiertes Ziel, Ergebnis offen. So formulierte sie es zu Frühlingsbeginn. Luises Frühling 2023, in dem es noch Landesfürsten und aufstrebende Schauspieler und überkandidelte Feierlichkeiten zwecks Verleihung irrelevanter Preise gab, kreuzte sozusagen meinen Frühling 2048. überkandidelte Feierlichkeiten zwecks Verleihung irrelevanter Preise gab, kreuzte sozusagen meinen Frühling 2048 beim siebten und letzten Spezialtelefongespräch, das wir vor meiner Reise nach Kosmo geführt hatten, kurz bevor sie von heute auf morgen nicht mehr zu erreichen gewesen war. Ergebnis offen, dem weiten Horizont entgegen. Unabhängig davon, dass Luise zum einen offenkundig der sie prägenden Zeitdimension und deren bald obsoleten Charakteristika verhaftet gewesen seien und zum anderen das Prestige des von Anamnesis seinerzeit aus Langeweile initiierten, von ihrer Seite so bescheiden wie vermessen abgelehnten Protokollantinnenpreises erheblich überschätzt haben dürfte. Intuitiv bildete ich mir ein, hinter das üppige Gestrüpp aus Eitelkeit und Sensibilität blicken zu können und zu sehen, was rundherum florierte. In anderen Worten, ich glaubte wirklich und wirksam zur Welt hin. Viel brauche es nicht, um immerhin nicht hoffnungslos verzweifelt zu sein. Was wolle man mehr? Ja, vielen Dank für die interessante Lesepassage. Wir merken, wir haben es mit einem hochkomplexen, experimentellen Buch auch, würde ich meinen, zu tun. Vielleicht eingangs die Frage, wie bist du auf diese Idee gekommen, deinen Roman in Cosmo spielen zu lassen? Was bedeutet Cosmo für dich? Und ja, vielleicht ist das unsere Einstiegsfrage. Also du weißt ja, diese Fragen nach den Ideen, auch von deinem eigenen Schreiben, das sind immer Prozesse. Das heißt, wenn ich jetzt irgendeinen Zeitpunkt hernehme, dann kann das durchaus sein, dass das gelogen wäre. Es ist sozusagen ein Prozess. Es waren mehrere Monate, in denen ich an mehreren Plots hin und her überlegte und dann schließlich zur Konklusio kam, dass das im Grunde eine Geschichte wird. Cosmo ist für mich in erster Linie eine Projektionsfläche. Wir starten mit Java, die aus dem Jahr 2048 ins Jahr 2023 reist. Darf ich kurz einhaken, warum 2048? Hat das eine spezielle Bedeutung oder ist es nur wichtig, dass es in der Zukunft spielt? Letzteres am ehesten, aber natürlich 1984, aber einfach nahe Zukunft, darum ging es. Also es könnte genauso 2047 sein, 2051, das spielt nicht die maßgebliche Rolle. Und die Projektionsfläche Cosmo eignet sich für vieles. Es eignet sich zur Darstellung, zur Veranschaulichung von heutigen gesellschaftspolitischen Problematiken. Aus dem Jahr 2048 reist sie in dieses Touristische. heutigen gesellschaftspolitischen Problematiken. Aus dem Jahr 2048 reist sie in dieses touristische, also sie versucht, Luise zu finden, weil sie die Gespensterprotokolle aufnehmen möchte, in die Temporary Eternal Collection und landet dann in einem touristischen Kosmo. Was dann aber passiert ist, dass nichts gewiss ist, also dass sie diese Ortschaft beständig ändert. Wir kommen dann auch in andere Zeiten, es gibt Probleme bei der Zeitreise, sie findet niemanden, der das für sie korrigieren bzw. reparieren kann. Und in diesen einzelnen Kosmo-Wirklichkeiten, als Kosmo-Möglichkeiten, werden Sujets, werden Themen verhandelt. Dieses Kosmo, kann man sich das als konkreten Ort vorstellen? Ja, schon. Also Griechenland. Genau. Also als konkreten Ort nicht das einen, der so existiert. Ja, aber in Anlehnung als Bild, das man vielleicht vor Augen hat beim Lesen. Schon, genau. Eine Mischung aus bestimmten Ortschaften, die ich bereist habe und auch gewissen Traum-Kosmo-Vorstellungen. Kosmo bedeutet ja auch alles, was ist. Und du beginnst im Archiv, wo man ja vielleicht auch das Bestreben hat, alles, was ist, zu sammeln. Was hat Chave an Charakteristiken, was bringt sie mit an Eigenschaften, um die ideale Archivarin zu sein? Sie arbeitet immerhin seit fast 30 Jahren in diesem Archiv und nachdem du selbst Philosophie studiert hast und auch an diversen Instituten tätig warst, kann ich mir vorstellen, dass es da auch private Berührungspunkte gibt. Bist du vertraut mit dem Thema? Überschneidungen bezüglich dieses Interesses unbedingt. Also dieses Interesse, dass Jave hat, sämtliches Flüchtiges aufheben zu wollen. Also diese Bibliothek von Babel sozusagen als Motiv, das war schon Motiv bei Grapefruits, dass nichts verloren geht. Also alles, was ist, alles, was gewesen ist, wird nie nicht gewesen sein. Diese Vorstellung, all diese Kleinigkeiten, bei denen man sentimental, nostalgisch werden könnte, natürlich bei vielem freut man sich auch, aber etwas zu sammeln, auch für ein größeres Ganzes, von dem man jetzt überhaupt noch nicht weiß, wie das später mal ausschauen könnte. Ja, und auch wo das hinführt. Genau, ein enzymopädisches Sammeln mit Lust und Leidenschaft und ohne zu werben. Diese Lust und Leidenschaft spürt man bei deinem Schreiben, wenn ich das so sagen darf, oder du hast schon Spaß dran, diese Welten zu entwerfen und diesen unfassbaren Kosmos fast. Jetzt ist mir der Faden verloren gegangen, ich hätte eine gute Frage gehabt, genau wie im Archiv. Genau. Ist es die Idee, das Flüchtige festzuhalten, auch etwas, was dich als Schriftstellerin reitet, sage ich mal? Also bist du eine, die... Ja, sicher auch. Leider schreibe ich nicht Tagebuch. Am Abend desselben Tages ist mir das dann immer zu fad, zu langweilig, weil ich das noch so frisch schaffe, als ich gerade erlebt habe. Aber in der Lyrik zum Beispiel kommt schon auch viel Persönliches vor, natürlich abstrahiert, aber über Figuren würde ich sagen. Also nicht jetzt unbedingt mein eigenes Leben, sondern über Figuren das Thema als solches interessiert mich sehr. Und Lyrik eignet sich bei dir, um auch Flüchtigeres festzuhalten oder ein schnelleres Schreiben? Ja, es braucht, was wir vorher eben schon diskutiert haben, oder wir haben kurz darüber gesprochen, also ich unterrichte ja auch in der Erwachsenenbildung, deutsches Fremdsprache, deutsches Zweitsprache und wenn ich da sehr viele Unterrichtsstunden habe, ist es schwierig, an einem komplizierten Plot weiter zu tüfteln. Und in diesen Zeiten schreibe ich hauptsächlich Lyrik. Nicht immer, also man kann es generalisieren, aber ja, weil es braucht andere oder braucht bestimmte andere Lebens- und Arbeitsverhältnisse nicht, die Fibrosa sehr wohl benötigt. Sie sind auf der Suche nach etwas, ich habe es eingangs erwähnt, man weiß nicht genau, wohin das alles führt. Ergebnisoffen ist auch so ein Wort, das du verwendest. Ist es auch, wir kennen das vielleicht als alle, die in der Geisteswissenschaft tätig sind oder auch die selber schreiben, diese Getrieben von dieser detektivischen Lust, zum Beispiel die Frage, was ist mit Luisa passiert, aber was ist sonst noch so? Die Idee, etwas Großen auf die Spur zu kommen. Genau. Und Chave ist ja wirklich mit Leib und Seele Sammlungsexpertin der Temporary Eternal Collection, dieses Instituts Anamnesis, das sie wieder das eine Institut weiß nicht, was das andere macht und eines dieser Institute, Metamorphosie, pervertiert sozusagen dann die nach besten moralischen Maßstäben gesammelten, flüchtigen Reize der Temporary Eternal Collection und auch eben die Werke, die Sprachprodukte der Menschen. Du stellst auch die Frage, auch die Frage kennen wir vermutlich alle, wozu das alles? Und verknüpfst damit auch gesellschaftspolitische Kritik, weil die Frage ist ja berechtigt. Also Fakten liegen auf dem Tisch, warum handeln wir nicht danach? Ich habe kürzlich ein Interview gehört mit Anton Zeilinger, dem Physiker, und er meinte auf die Frage, was passieren muss, um endlich ins Handeln zu kommen, was gewisse Fehlentwicklungen betrifft. Wir müssen uns nur trauen zu glauben, was wir wissen. Das fand ich eigentlich sehr eingängig und ja, die Daten haben wir, die Fakten haben wir, die Archivarbeit ist geleistet oder wird laufend geleistet und du bist ja selbst auch politisch aktiv im Sinne von, also im Klappentext steht, in feministischen Initiativen, antirassistischen Bewegungen. Das heißt, es ist ein nächster Schritt auch für dich vielleicht als Autorin, oder drängt dich die Frage, wozu das alles und wann ist der Punkt, wann muss ich ins Handeln kommen? Ja, auf jeden Fall, als Autorin klar. Und auch die Chave ist ja eine solche Person, weil sie bemerkt, dass sie zwar alles Mögliche sammeln, nach bestem Wissen und Gewissen, nach State of the Art, beziehungsweise in die Zukunft hinein, die dann wahrscheinlich mit diesen Sammlungsereignissen Nimmerdes wird machen können, was sich die Leute von der Temporary Eternal Collection eigentlich vorstellen. Also ein tatsächlich enzyklopädisches Bereitstellen von verschiedensten Gefühls- und Gedankenhaushalten. Es geht ja immer um die Fakten hinaus und um die Tatsachen, sondern was sie sammeln, sind ja, sie nennen es Gedanken- und Gefühlshaushalte, Bewusstseins- und Unbewusstseinsgebilde. Das heißt, wie die Menschen wahrnehmen. Es wäre unglaublich spannend, ich habe mir eh gedacht, so ein Text, aber solche Texte gibt es ja auch schon, sie zu überlegen in einer U-Bahn, bei einer Lesung, was sie in den einzelnen Köpfen tut und nicht nur, was gerade die Menschen denken, sondern wie sie denken, wie das alles vernetzt wird. Also das können sie sammeln. Das ist etwas, was wir natürlich in dieser Weise nicht machen können. Ist ja auch interessant, das ist ja nicht nur der Gefühlshaushalt des Protokollierten, sondern auch die Gefühle der Archivarien spielen mit. Genau, genau. Wie geht sie damit um? was wertet sie aus? Ja, sie sucht aus. Also sie sucht mit anderen Mitarbeitenden aus, welche Sprachprodukte menschlicher Individuen, also nicht KI generiert und so weiter, eben aufgenommen werden. Und sie sucht nach, also aus, wenn sie sich die Frage stellt, was an diesem Geschriebenen geht über das jeweilige Private hinaus, was geht über das Verfassersubjekt hinaus. Also was hat einfach, und im Grunde ist das das meiste, das meiste geht darüber hinaus und das meiste zeigt etwas von der Zeit, in der wir leben und von einer Zeit, die eben bestimmten Direktiven folgt oder die eine bestimmte gesellschaftspolitische Realität aufweist. Es ist ja dann auch eine Kunst für sich, das Gesammelte zu strukturieren, zuzuordnen, zu vernetzen. Und da wollte ich dich auch noch fragen, deine Arbeit als Autorin, vielleicht lässt du uns noch ein bisschen in die Schreibwerkstätte blicken. Wie behält man den Überblick bei diesen verschiedenen Raum- und Zeitebenen, den verschiedenen Blickwinkeln der Protagonistinnen, wie ist dir das gelungen, das so ineinander zu verschränken? Im Laufe des Prozesses verleiht man sich das ein, würde ich sagen. Wenn einem die, ich spreche jetzt allgemein, also bei mir war es halt bei diesem Buch so, wenn die Figuren mir nahe kommen und der Stoff die ganze Zeit präsent ist, also das ist jetzt nicht nur etwas, was ich mache, wenn ich am Schreibtisch bin, sondern die begleiten mich dann ja auch, wenn ich durch die griechischen Dörfer spaziere oder so und dann wird das automatisiert einverleibt. Am Anfang natürlich gibt es schon die Überlegung, passt das eine zum anderen. Aber das sind verschiedene Textbausteine, die du dann montierst oder die du dann ineinander schiebst? Ja, wenn bestimmte Impulse mir sagen, okay, das ist eine gute Idee und dann probiere ich es auch. Geht es auf oder nicht? Manchmal scheitert es und dann gehe ich es wieder auseinander. Aber ich glaube nämlich, dass am Anfang diese Xenia-Texte waren, wirklich zu Beginn, und die sind halt jetzt nur, also die sind jetzt zusammengekürzt worden und sind nur ein Bruchteil dessen, was sie im Buch lesen lässt. Ich habe schon angesprochen, diese unterschiedlichen Textsorten. Sehr schön sind diese Überschriften der Gespensterprotokolle, die eigentlich Gedichten gleichen. Überschriften der Gespensterprotokolle, die eigentlich Gedichten gleichen. Hattest du die vorher schon oder kamen auch die wie selbstverständlich dazu? Da hatte ich einige schon und einige, glaube ich, habe ich auf ähnlichen Reisen geschrieben, in deren Rahmen ich auch an dem Roman gearbeitet habe. Und so kam es dazu. Okay, dann bedanke ich mich ganz herzlich. Wir hören noch eine letzte Stelle, eine kurze Passage aus den Gespensterprotokollen. Und ja, bitte. Danke auch für die Fragen und so weiter und für die Anmoderation. Ich lese jetzt nur eine kurze Partie aus dem schon angesprochenen Skript Xenias, aus Luises Gespensterprotokollen, der deswegen die Protagonistin Chave nach Kosmo gereist ist. Es ist ein Text im Text im Text. Abschnitt 1. Im Karawan ist das selbst ein Laut, der nach mir schnappt, wenn ich schrecklich hungrig bin und suchend nach seinem Gaumentaste. Zaungast und Zeugin, Xenia Skript. muss man den Mischwald passieren und jenen Schottersteig wählen, der einer wie mich bei entsprechenden Lichtverhältnissen zunächst Glauben macht, ein forderndes, aber überschaubares Stück von Hügeln über Hügeln vor sich zu haben. Umständlich und im Zickzack zieht der Pfad hinauf, zur linken von Pinien und Kiefern, zur rechten von einem Olivenhain begrenzt. Erst versteht man nicht, weshalb man den Eindruck gewinnt, sich dem vorhin anvisierten Ziel viel zu langsam zu nähern. Man staunt übers Gefühl, wie in Zeitlupe voranzukommen, denn man bewegt sich doch in angemessener Geschwindigkeit. Man rätselt herum, kapiert nicht, woran's liegt. Bald darauf gibt man sich geschlagen, nimmt was auch immer hin. Die Strecke dehnt sich, die Sonne glüht. Oder es nieselt, schauert, wettert, fängt an zu blitzen. Mag sein, dass man sich trotz der widrigen Umstände mittendrin ausgiebig wundert. Ernsthaft zu fragen, warum, lässt sich besser verschieben. Auf nachher, im Sitzen, im Schatten, vorm Niederschlag geschützt. Es dauert Stunden, bis man das Plateau mit den erdfarbenen Würfelhäusern erreicht. Verfallen sind sie, leer. Am Ende muss man durchs blumengeschmückte Festungstor an den verwitterten Mauern mit ihren moosbewachsenen Kanonen aus vielleicht venezianischer Epoche vorbei. Schon wandert man eine Eukalyptusbaumallee entlang. Öffnet sie sich, gibt sie den Blick auf einen mosaikgepflasterten Platz frei. Seine Platanen beschirmen ihn. Das Ast- und Blattwerk wölbt sich wie eine Decke über die von spektakulär gekrümmten Zedern und Kermeseichen, durch und um wucherte Kapellenruine, die ovale Freifläche und die rundherum stehenden Bauten. Dankeschön. Danke. Ja, und nach Isabella Breyer darf ich Gregor Fink auf die Bühne bitten. Ja, auch hier werde ich einen kurzen Abriss geben des Inhalts und im Anschluss wirst du dann aus deinem Manuskript lesen. Dazwischen werden wir wieder ein Gespräch führen. Und ja. Wie lange muss man aushalten, bis Aufgeben zu einer Möglichkeit wird? Diese und viele weitere existenziellen Fragen stellt sich und anderen Paul, der Protagonist in Gregor Finks' Debütroman Streunende Hunde. 30 Jahre sind seit dem Tod seines Vaters vergangen, als Paul plötzlich nachts von ihm Besuch bekommt, was er von seiner Frau Jana, mit der er in einer Wohnung am Rand einer nicht näher benannten Stadt lebt, zunächst versucht zu verbergen. Bis er ihr am Telefon gesteht, jemand dringt in mein Leben ein, nachts, nur nachts. Paul beginnt sein Leben zu hinterfragen und scheitert immer sichtbarer an dem Versuch, nach außen etwas darzustellen, was im Inneren schon längst zerbrochen ist. Paul ist Angestellter in einem Bürokomplex, den er als Zwinger bezeichnet. Durch die Tage kommt er mit einem geheimen Vorrat an Wein und Tabletten. Zitat, blau war Freude, rot war Panik, weiß war nur für den Notfall. Als sein Kollege Jürgen ohne Vorwarnung entlassen wird und Paul nach einem gemeinsamen Besäufnis einen Autounfall hat, gerät sein Alltag aus den Fugen. Im Krankenstand trifft er sich mit einem Obdachlosen namens Fisch, dessen Lebenserfahrung für Pauls Sinnsuche und weitere Lebensgeschichte prägend sein wird und mit Hagen, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verbindet. Auch Hagen, dessen Leben so perfekt aussieht, steckt in einer Krise. Zitat, immer wieder frage ich mich, ob ich meine Chance vertan habe. Das macht mich wahnsinnig, denn ich weiß, dass ich den Rest meines Lebens so tun werde, als wäre ich damit zufrieden. Die Angst, den Verstand zu verlieren, kennt Paul nur zu gut. Wenn er vor dem Spiegel steht, in dem er schlägt oder zugedröhnt im Park liegt. Zum Glück ist Diana, die ihm Halt gibt oder noch Halt gibt. Immer wieder kehrt sein Vater zurück, zuerst nachts, später auch tagsüber. Zitat, du glaubst, es sind nur die Nächte, aber es sind auch die Tage, sagt dieser. Mit dem Tageslicht werden im Laufe des Romans auch die zunächst surrealen und angstbesetzten Begegnungen zwischen Vater und Sohn weniger bedrohlich, ihre Dialoge länger und vertraulicher. Und je mehr Paul seinen Vater ins Licht treten lässt, mit ihm zu leben versteht, desto näher scheint in all der Verzweiflung die Erlösung zu sein. In einer atemlosen Expedition, wie Karl Markus Gauss es nannte, erkundet Gregor Fink das Niemandsland zwischen Tag und Nacht, äußerer Darstellung und innerer Selbstwahrnehmung. Eine Reise, die Paul schließlich zurück an den Ort seiner Herkunft führt. Nicht ohne an der Hand genommen zu werden von Fisch, der am Rand der Gesellschaft steht, Hagen, seinem Jugendfreund und Jana, seiner großen Liebe. Und so ist auch dieses Buch zu einer großen Liebeserklärung an das Leben geraten. Lieber Gregor, ich würde dich bitten, mit deiner Textstelle zu beginnen. Chapeau, liebe Marlene, ich habe das Gefühl, ich verstehe zum ersten Mal das, was ich geschrieben habe, weil du das so wunderschön zusammengefasst hast. Guten Abend, ich muss zugeben, ich bin wahnsinnig aufgeregt und sehr verlegen heute Abend und das hat zwei Gründe. Der erste Grund ist meine 77-jährige Mama. Meine Mama hat seinerzeit in Linz studiert und schwärmt seit damals von dieser Stadt. Als ich mein Buch herausgebracht habe, hat meine Mutter gesagt, bitte, du musst unbedingt im Stifterhaus lesen. Also diese Lesung wird auf Video aufgenommen, liebe Mama, ich bin in Linz, ich habe Zeugen, ich bin im Stifterhaus, du hast vieles richtig gemacht. Ich habe Zeugen, ich bin im Stifterhaus, du hast vieles richtig gemacht. Der zweite Grund ist, und zur Verteilung meiner Mutter, wenn mein Vater sie nicht gezwungen hätte, in den 70ern nach Klagenfurt zu ziehen, würde sie immer noch in Linz wohnen. Der zweite Grund ist, das Stifterhaus ist für mich mit Abstand das bedeutsamste und erfolgreichste Literaturhaus in Österreich. Das muss man wirklich so sagen. Ich habe viel Kontakt zu anderen Literaturhäusern in Österreich aus beruflichen Gründen und sehr oft werde ich dafür nicht gemacht, weil ich immer sage, macht es doch einfach das Gleiche wie im Stifterhaus, dann wird es gut gehen. Ich möchte auch sagen, dass ich vor einiger Zeit die Gelegenheit hatte, der Frau Dr. Dallinger das auch zu sagen. Und da habe ich gesagt, Frau Dr. Dallinger, das was Sie in Linz machen ist wirklich sehr beeindruckend und die wunderschöne Reaktion, wie aus der Pistole geschossen war, na na, das bin nicht nur ich, wir sind ein ganzes Team. Und das ist eine Ausnahmeerscheinung in Österreich in dieser Szene und das merkt man auch, wenn man dieses Haus betritt. Das geht bis zu Ihnen, Frau Püringer, bei der Betreuung im Vorfeld, die sehr charmant ist und für die ich mich auch bedanken möchte. So, jetzt genug der schönen Worte, jetzt beginne ich zu lesen. Unbedingt. Schon vor deiner Geburt gibt es dich. Du bist der Gedanke deiner Eltern, der Schmerz deiner Mutter, das Gesicht deines Vaters, das gemeinsame Blut. Du bist beide. Sie haben dein Leben in die Hand genommen, es war klein und warm. Danach dauert es Jahre, wenn du Glück hast, Jahrzehnte. Du erfährst, dass man im Leben nicht eine Taste drückt, um die glücklichen Momente zu speichern, um sich nachts, wenn man nicht schlafen kann, im dunklen Schlafzimmer davon blenden zu lassen. Du wirst nie auf die Angst vorbereitet sein, die in deinem Körper wühlt. Vielleicht bist du blind geworden oder taub. Du musst etwas tun, etwas sehen oder hören. Du springst unter die Dusche, du wäschst den Gestank dieser Welt ab, so gründlich du nur kannst. Das Wasser muss heiß sein, sehr heiß. Du stellst dir vor, wie die Moleküle dir in dir haften, verdampfen. Du stolperst über dein Schicksal und bleibst liegen. Wie lange muss man aushalten, bis Aufgeben zu einer Möglichkeit wird? Aber sie, sie werden es ignorieren, dein großes, lautes Ausrufezeichen, deinen unaufhörlichen Seiltanz über dem Abgrund deiner Vergangenheit. Denn das Leben hat nur eines im Sinn, Wunden zufügen. Also lüg sie an, lüg sie an, wenn sie dich fragen, wie es um dich steht, deine brüchige Stimme, aus der man dein ganzes Leben heraushört, würde es nur jemanden interessieren. Dann trinkst du gegen die Nacht an, während deine Frau ein neues Körperöl ausprobiert, mit dem sie dich im Schlafzimmer verführen wird. Es wird ein gieriges, grobes Ineinander, ein verschwitztes, klebriges Greifen, unterbrochen von sanften, ungenauen Schlägen. Zu schnell liegst du wieder neben ihr, du atmest nicht, nein, du keuchst. Der wundgeküsste Mund in ihrem Gesicht, halb offen und feucht, als hätte sie einen Satz nicht zu Ende gesprochen. Du hoffst, dass sie etwas sagt, erzählt nicht von sich, sondern von dir, aber sie schläft ein. Am Morgen wachst du auf und erkennst alles wieder. Es ist das Gleiche wie an den Tagen in den Wochen zuvor. Die zerzausten Haare des Menschen, der neben dir liegt, das wenige Licht, das es durch die Vorhänge des Schlafzimmerfensters schafft. Die Packung Schmerzmittel, die auf dem Nachtkästchen liegt. Der kalt gewordene Kamillentee, den du dir jeden Abend hinstellst, aber doch nie trinkst. Du fragst, wie lange schon? Aber richtig wäre, wie lange noch? Und du bekommst keine Antwort. Nicht einmal ein Nicken oder ein Kopfschütteln, dein Leben hat aufgehört mit dir zu sprechen, denn du hast schon längst aufgehört zuzuhören. Du gehst ins Bad und siehst dich im Spiegel, der dich vom Kopf bis zu den Knien zeigt und du bist der, der du nie werden wolltest. Du willst mit der Faust in den Spiegel schlagen, aber du hast Angst vor dem Schirm in deiner Hand, vor dem Blut, vor dem Lärm. Komm schon, Angst kannst du doch, wenn sonst nichts, dann das. Sie zieht dir die Kraft aus den Gliedern, sie verdirbt den Geschmack in deinem Mund, sie zerstört. Du wirkst wie jemand, der auf Schläge wartet, aber wer soll es tun, wer will dich schon schlagen? Dann blickst du wieder in den Spiegel und siehst das kleine Kind, diesen Jungen. Du erkennst ihn an seinen Augen. Du elender Feigling, du elender kleiner Feigling, schrei, schrei endlich und schlag zu, schlag doch endlich zu. Und das machst du. Du schlägst in dieses Gesicht mit einer Kraft, auf die du seit 30 Jahren gewartet hast. Endlich siehst du das Blut, das Blut deines Vaters, das Blut deiner Mutter. Du spürst die Wunde, du spürst sie, aber sie tut nicht weh. Und du schlägst noch einmal zu, dein Lächeln wird breiter, blutiger, es wird ein Lachen, du nimmst den Raum. Deine zerbissenen Lippen schmecken nach Eisen, nach kaltem Metall. Und dann greifst du in den Schrank unter dem Waschbecken zwischen den Putzmitteln nach der Dose mit Gras. Ich bin bei dir, sagst du. Lass uns unserer Toten gedenken. Deine Hände sind schneller als deine Gedanken, sie wissen früher, was du willst. Der erste Zug ist bitter, im Schneidersitz wippst du vor und zurück. Du erinnerst dich. Du hast reagiert. Zum ersten Mal hast du reagiert. Du hörst wieder die Stimme deines Vaters. Er sagt, wir werden eins, wenn wir wollen. Und du antwortest, diese Nacht kannst du haben, aber mein Leben gehört mir. 4.45 Uhr. Woher komme ich, wenn ich morgens aufwache? Ich zählte bis drei, aber das reichte nicht. Ich zählte bis zehn, dann gab ich auf. Jana würde noch eine Stunde schlafen. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, zur Hälfte in den Kissen versunken. Ich war schon länger wach, überwand mich aber nicht aufzustehen. In letzter Zeit waren diese Minuten zwischen Träumen und Wachen für mich kaum auszuhalten. Mein Schlaf war eine Höhle, ausgepolstert mit weichen, warmen Fantasien. Ich suchte nach einem Wort. Jana würde es wissen, ihr fielen immer die Wörter ein, nach denen ich umständlich in meinem Gedächtnis kramte und die ich meistens erst im Internet fand. Dann fiel es mir ein. Ich war satt, Alltagssatt, Menschensatt. Wie reizvoll es wäre, der Welt zu entgleiten, leicht zu werden, den Boden unter den Füßen zu verlieren, atmen, nicht um Luft zu holen, sondern um einen Teil des Ganzen in sich aufzunehmen. Hagen hat einmal gesagt, das meiste, was wir tun, seien Pflichten oder Gewohnheiten, die wir aneinanderreihen. Den freien Willen verlieren wir. Nein, wir bekommen ihn abgewöhnt, sagte ich. Hagen. Er war weder Pflicht noch Gewohnheit. Er war seit meiner Kindheit Inventar. Ich schielte mich vorsichtig und langsam aus unserer Bettdecke. Nur Janas Fuß ragte hervor. Ihre Fußnägel waren schwarz lackiert, etwas, das sie nur tat, weil ich sie darum gebeten hatte. gebeten hatte. Ich mochte ihre Füße, ihre Zehen, aber nach 15 Jahren waren wir lange genug zusammen, dass wir uns zwischendurch Mühe geben wollten, um aufeinander neugierig zu bleiben. Ich schlich auf bloßen Füßen ins Badezimmer, um keine Geräusche zu verursachen, die Jana hätten wecken können. Blinklings tastete ich nach dem Lichtschalter, das Licht am Ende des Tunnels der Nacht. Ich wartete kurz, um nicht geblendet zu werden. Ich öffnete die Augen und sah mich. Ich sah im Spiegel meinen weißen Körper, der so ungeübt wirkte, wie er war. Aus den Beinen meiner Pyjama-Hose ragten schmale, bleiche Füße hervor. Die Sonne schaffte es nicht bis in meine Wohnung, in mein Büro, in meine Wochentage. Ich war farblos. Das unrasierte Gesicht verstärkte den vernachlässigten Eindruck. Der Bund meiner Unterhose schnitt seitlich in das Fett auf meinen Hüften. Ich trat näher zum Spiegel, um mein Gesicht besser zu sehen. Mein Bauch berührte die weiße Keramik des Waschbeckens. Als ich mich nach vorn beugte, lag mein Bauch auf dem Rand und machte bei jeder Bewegung seltsame Geräusche. Vor ein paar Jahren hatte mich Janas Verlangen nach mir mit meinem Äußeren versöhnt, aber das war mit der Zeit abgeflaut. Früher hatte ich gedacht, dass mein Aussehen eine Eigenschaft war, die zu mir gehörte. Inzwischen wusste ich es besser. In einem alternden Körper eingeschlossen zu sein, wurde für mich mit der Zeit zu einer Tragödie. Ich schämte mich. Angeblich gibt es Menschen, die völlig frei sind von Scham. Aber wie kann man so leben? Ohne Grenze, ohne Hindernis. Ich wollte in meine Höhle zurück. Ich glaubte noch immer, dass Blut an mir klebt und suchte meinen ganzen Körper ab. Nichts. Die blauen Flecken an meiner Hand stammten von dem Training, das ich ein paar Tage zuvor mit Hagen gemacht hatte. Kampfsport wird dir guttun, uns beiden, hat er gesagt. Das stärkt die Männlichkeit, hat er gesagt. Ich? Ich wollte nur etwas kaputt machen, selbst wenn es sich dabei um mich handelte. Ich wollte tagsüber mit den Schmerzen etwas zudecken, was nachts noch mehr weh tat. Denn seit ein paar Tagen war er wieder da. Zuerst war er nur eine Stimme in meinem Kopf, dann ein Gesicht in meinem Raum, schließlich alles. Kopf, dann ein Gesicht in meinem Raum, schließlich alles. Alles, was vor mehr als 30 Jahren begraben worden war, saß wieder vor mir. Das alles und mein toter Vater. Auf dem Nachttisch stand ein alter digitaler Wecker, dessen rote Ziffern 1.31 Uhr anzeigten. Wenn du mich wirklich finden willst, dann auch hier, sagte ich in den leeren, dunklen Raum hinein. Obwohl die Bedingungen völlig andere waren, hoffte ich, dass er kommen würde, deshalb bemühte ich mich, wach zu bleiben. Ich wollte schon aufgeben, doch da war etwas, das ich nicht benennen konnte. Eine Silhouette, die ich zwar nicht sehen, jedoch wahrnehmen konnte. Neben dem Wecker lag die Tageszeitung von gestern, die für mich ein Beweis war, dass die vertraute Welt draußen weiter bestand. Plötzlich griffen große altersfleckige Hände danach. Ich sah die tiefen Furchen seiner Handfläche, die mich als Kind so beeindruckt hatten. Ich hatte ihn damals gefragt, was ich tun müsse, um auch solche Hände zu bekommen und er hatte geantwortet, arbeiten und alt werden. Ich sah ihn verschwommen wegen meiner Tränen oder weil meine undeutlichen Erinnerungen nicht mehr Einzelheiten hergaben. Aber ich sah seine Augen klar genug, um ihn zu erkennen. Die sonnengegerbte Gesichtshaut, die graumilierten Haare und der immer noch zornige Blick. Ich wollte ihm endlich die Fragen stellen, die ich im Laufe der Jahre gesammelt hatte. Aber ich sah ihn nur an und wartete. Ich versuchte, seinen Blick zu verstehen, aufgeregt und verzweifelt zugleich. Wo warst du? fragte ich ihn. Ich könnte dich dasselbe fragen. Du schuldest mir noch etwas, sagte ich zu ihm. Was denn? Zeit, gemeinsame Zeit. Ich schulde dir nur Ehrlichkeit und ehrlich werde ich sein. Als ich seine Stimme hörte, erinnerte ich mich an dieses Donnern, wenn er sprach, aber noch viel mehr, wenn er nicht sprach. Dieses Klangbild seines Lebens, das ich in seiner Stimme abgezeichnet hatte. Es stimmte ganz einfach nicht, dass jeder ersetzbar ist, denn manche Menschen wären im Tod zu einer Abwesenheit, die beinahe greifbar ist. die beinahe greifbar ist. Ich erinnerte mich an einen Samstag im Mai, an das Aufwachen, an das Öffnen einer Zimmertür, an das Kind, das von seiner Mutter an das Totenbett des Vaters gebracht wird, an Menschen und ihre Stimmen, die fehl am Platz sind, an das Gesicht, das seine Farbe verloren hat, an die Hände, die einfach nur da liegen, Hände, von denen das Kind immer geglaubt hatte, dass man damit die ganze Welt zu fassen bekam oder die Welt zumindest ein Stück beiseite rückte. Kind an den Schultern gepackt und ihm stolz erklärt, dass es, wenn es so weiter wachsen würde, einmal so groß werden würde wie er. Der Tag, der alles verändert, ist nur ein Augenblick. Der letzte Tag am Ende eines Lebens. Die Unerträglichkeit der Metapher Totenstille. Das Ungleichgewicht der Kraftlosigkeit, Gedanken wie Verstümmelungen, die so dunkel sind, die das Licht aus dem eigenen Leben verdrängen. Dieses Abgenutzte, es wird nie wieder wie früher sein, das sich in einem einzigen Augenblick in das Leben eines Kindes drängt und keinen Platz mehr lässt. Noch wusste dieses Kind nichts von der Nacht, viele Jahre später, in der ein junger Mann im Rausch umherirrend an die Wände seiner Wohnung die Fragen schreibt, die er seinem Vater so gerne gestellt hätte und viel zu spät bemerkt, dass er sich gar nicht in seiner Wohnung befindet, sondern erst im Treppenhaus. Es wusste nicht, dass dieser junge Mann zehn Jahre später zum ersten Mal sagen wird, dass es von diesem Moment an keine Kindheit mehr gab, sondern nur ein Leben, das darauf wartete, gelebt zu werden. Und es begriff noch nicht, dass ein Weggehen nicht immer in einem Stichlassen ist, dass dieser Tod Raum geschaffen hat, den es als Mann sonst nie bekommen hätte und dass Schmerz nicht nur kräfteraubend ist, sondern auch bewusstseinsverändernd, ja, bewusstseinserweiternd sein kann. Ja, vielen Dank, Gregor, für die erste Lesepassage. Du hast mit Streunende Hunde ein sehr persönliches Buch geschrieben. Vielleicht kannst du uns kurz schildern, wie es zu dem Entschluss gekommen ist, genau darüber, über einen Verlust, über diese Vater-Sohn-Beziehung zu schreiben. über diese Vater-Sohn-Beziehung zu schreiben? Also ich glaube ja grundsätzlich, dass man als Künstler nur persönliche Dinge machen und schreiben kann auch. Ich glaube, dass Kunst immer sehr persönlich ist. Und die Frage hat sich mir eigentlich nie gestellt, worüber ich mein erstes Buch schreibe. Es war mir immer klar, dass ich ein Stück weit mich meinen Dämonen auch stellen will. Nicht um die Leser damit zu belästigen, sondern einfach, weil ich glaube, dass Kunst immer die größtmögliche Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit ausleben und ausdrücken muss. Und das wäre bei mir nur möglich gewesen, indem ich über dieses Thema schreibe. Vielleicht kurz zur Erläuterung. Gregor Fink hat selbst früh seinen Vater verloren. Ich glaube, das kann man zumindest als autobiografischen Zug des Romans sehen. Näher möchte ich da jetzt gar nicht darauf eingehen, es sei denn, du möchtest das. Es ist schon ein bisschen ein abgegriffenes Wort, es ist schonungslos, aber es ist ein schonungsloses Buch. Zu Beginn schreibst du Angst kannst du doch und du hast dich vielleicht auch im Schreiben dieser Angst gestellt. Ich musste während des Lesens ein bisschen an Oscar Wildes' Dorian Gray denken. Wir sehen dieses Gesicht immer wieder im Spiegel, in das er schlägt, das zum Teil von Scherben zerschnitten wird. Und zu Beginn von Dorian Gray hat Oscar Wilde ein Zitat angefügt, wer unter die Oberfläche geht, tut es auf eigene Gefahr. Wie gestaltete sich der Prozess des Schreibens, der einem Interview, habe ich das entnommen, ein sehr langer war, für dich? Viel glücklicher und fröhlicher, als man es vielleicht glauben könnte, wenn man dieses Buch liest oder wenn man davon hört, wovon dieses Buch handelt. Weil ich habe dieses Buch nie als Selbsttherapie oder sowas betrachtet. Im Gegenteil, ich habe dieses Buch überhaupt erst schreiben können, als ich mit diesem Thema im Frieden war. Und mit diesem Schmerz, der einen sicher immer sein ganzes Leben begleiten wird. Also jeder hat hier wahrscheinlich schon mal einen Menschen verloren. Das ist etwas, das begleitet einen sein ganzes Leben. Aber in erster Linie sollte es eigentlich ein Plädoyer für die Liebe sein, dieses Buch. Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker und ich glaube zutiefst an die Kraft der Liebe. Egal, ob es die Selbstliebe ist, die freundschaftliche Liebe, die erotische Liebe. Ich glaube, dass es nichts Bedeutsameres gibt, das man als Mensch empfinden und auch erfahren kann als die Liebe und auch nichts Heilsameres. Und auch im Laufe des Buches spielt die Liebe eine große Rolle. Die Liebe von Paul zu seiner Jana, die brüchig ist, brüchiger wird und in Wirklichkeit aber der einzige Anker ist, den der Paul in seinem Leben hat. Und daher ist es mir immer wieder wichtig zu betonen, das ist kein Therapiebuch, was ich sowieso nicht glauben würde, dass es funktioniert, sondern es ist wirklich ein Buch, erstens darüber zu schreiben, was wäre, wenn man einem Menschen, den man verloren hat, nochmal begegnen könnte. einem Menschen, den man verloren hat, nochmal begegnen könnte. Was würde man tun? Was würde man fragen? Was würde man schimpfen, fluchen, mitteilen? Und zum Zweiten wirklich auch ein Buch, das diese große Bedeutsamkeit der Liebe, die ich empfinde, auch irgendwie vielleicht literarisch zum Ausdruck bringen sollte. Das ist auch ein zentrales Thema, nämlich auch die Selbstliebe vor allen Dingen, weil Paul sich ja im Laufe des Romans verliert und langsam wieder ein bisschen zu sich zurückfindet, würde ich meinen. Zu diesen Dialogen, ich habe mich gefragt, ja, was würde man tun? Man begegnet nachts einem geliebten, verstorbenen Menschen. Wie gestaltet sich dieser Dialog? Und hattest du, wie war das für dich? War dir klar, wie diese Gespräche laufen? Weil es ist nicht so, dass konkrete Fragen zwingend gestellt werden. Also man formuliert als Leserin, mir ging es so, schon Fragen, aber es gibt nicht diese eine Antwort. Sehe ich das richtig? Das Erstaunliche für mich beim Schreiben war, dass ich völlig die Kontrolle über das verloren habe, was passiert. Und ich habe auch völlig die Kontrolle über das verloren, was gesprochen worden ist. Dieses Buch hat irgendwann einmal die Idee von einem Handlungsstrang gehabt und ich habe dann relativ schnell gemerkt, das kannst du komplett knicken, weil die tun gerade alle das, was sie selber wollen und die sprechen gerade das, was sie wollen und ich kann jetzt nur versuchen, irgendwie einzufangen. Klingt jetzt furchtbar platt und klingt jetzt nach so einer Schriftstellerattitüde, aber es ist wirklich mein Erleben in diesem Buch gewesen. Daher ist es dann auch letzten Endes viel weniger autobiografisch, dass man das auch zutrauen könnte. Es hat einmal bei einer Lesung eine Dame hergekommen und hat gesagt, um Gottes Willen, sind Sie jetzt clean, weil in diesem Buch Drogenverkommen, ich bin in meinem Leben noch nicht einmal gekifft, aber es ist einfach für diese Geschichte zuträglich. Aber es ist natürlich, diese Fragen, diese einzelnen Fragen braucht es vielleicht gar nicht. Vielleicht geht es gar nicht, es ist auch vielleicht auch, dass einzelne Fragen ja so sehr im persönlichen Erleben jedes einzelnen Menschen sind, dass es gar nicht gut gewesen wäre, die auszuformulieren. Ja, den Eindruck hatte ich auch. Man vermisst es auch nicht. Ich dachte, als Urfrage schwebt vielleicht fast so ein biblisches Zitat über all dem, so, warum hast du mich verlassen? Das ist sicher das, was, also das 13-jährige Ich hat diese Frage sicher sehr lange gestellt und die kann man auch immer stellen, wenn man jemanden verliert. Ich glaube aber auch, dass dieses Buch darauf hinausläuft, dass man den Menschen in Wirklichkeit nicht verliert, weil es das Kostbarste, was man im Nachklang nach dem Verlust eines Menschen empfinden kann, sind die Erinnerungen. Also es gibt ja nichts Schöneres, als wenn man jemanden vermisst, auch bei lebenden Menschen übrigens, man vermisst ja auch manchmal lebende Menschen, es gibt ja nichts Schöneres, als wenn man jemanden vermisst, auch bei lebenden Menschen übrigens, man vermisst ja auch manchmal lebende Menschen, es gibt ja nichts Schöneres, als dass man sich an jemanden erinnert und diese Erinnerungen auch kultiviert ein Stück weit. Aus diesem Paul muss etwas herausbrechen und vielleicht meinst du auch das mit dem Kontrollverlust beim Schreiben es sind fast surreale Wege, die er geht, was er erlebt. Und es ist sehr innerlich getrieben. Und so stelle ich mir auch den Schreibprozess vor. Kann man das so sagen? Also diese Figur des Paul orientiert sich nicht mehr nach außen, er verliert die Kontrolle, er kann nicht mehr so funktionieren in dieser auch durchaus kapitalistischen Welt, es ist auch gesellschaftskritisch, was du schreibst. War dir das ein Anliegen, auch darauf hinzuweisen, also wer funktioniert, wer erfüllt dieses als ob am besten, ist ja auch immer wieder Thema. Riesengroßes Thema und vielen Dank, dass du das fragst. Es gibt in meinem Buch den Obdachlosenfisch und es war mir ein riesengroßes Anliegen, diesen Fisch unterzubringen. Es gibt ein reales Vorbild, es hat einen Obdachlosen in Hamburg gegeben, wo ich lange Zeit gelebt habe, der hat Fischgeisen. Aber warum ich es unbedingt im Buch haben wollte, ist, ich flaniere ganz gern. Ich gehe ganz gern durch Städte spazieren, um nachzudenken, um abzuschalten. Und was mir immer wieder auffällt, ist, die Qualität und die Achtung, mit der man als Gesellschaft den Menschen begegnet, erkennt man ja immer daran, wie begegnet man den Schwächsten, den sogenannten Außenseitern, eine Begrifflichkeit, die ich furchtbar finde, weil es gibt de facto keine Außenseitern, denjenigen, die halt nicht innerhalb dieser engen Normen stattfinden können, die wir als Gesellschaft haben. Und ich bin sehr viel in Städten Europas unterwegs beruflich. Und man erkennt es sehr schnell, wie finden Obdachlose in dieser Stadt zurecht. Und ich glaube, dass man mit dem größtmöglichen Respekt Obdachlosen gegenüber treten sollte. Und grundsätzlich jedem Menschen, der es schwer hat im Leben, gegenüber treten sollte. Weil es so wahnsinnig schnell gehen kann. Das zeigst du auch oft. Genau, es kann so wahnsinnig schnell gehen. Auch ich habe in meiner Biografie sehr oft sicher nur Glück gehabt, dass Kurven nicht zu eng waren, um hinauszufliegen oder so. Und das war mir einfach wichtig, dass so etwas vorkommt in meinem Buch. Eine letzte Feststellung vielleicht oder Interpretation oder auch Frage. Du bist sprachlich und inhaltlich sehr direkt. Du nennst die Dinge beim Namen und formulierst auch Wahrheiten, auf die Paul gestoßen ist. Ich kann mir vorstellen, dass du auf viel Resonanz gestoßen bist selbst und dieses Buch imstande ist, den einen die andere wach zu rütteln. Drückt mich mein Eindruck oder hast du dieses Feedback bekommen? Es ist ein sehr berührendes Buch, muss ich sagen. Vielen Dank. Es hat. Also es hat teilweise gewisse Amplituden gegeben bei den Reaktionen. Ich darf mich überhaupt nicht beschweren, es waren wirklich großartige Reaktionen dabei. Es war vor allem für mein, und das habe ich unterschätzt, für mein privates Umfeld war es nicht so ganz leicht, dieses Buch zu lesen. Da musste ich mich dann Gesprächen stellen, die ich so nicht erwartet habe, weil eben diese von mir sehr ehrlich gemeinte Äußerung, dass es nicht autobiografisch oder nur peripher autobiografisch ist, da tue ich mir leicht, das zu äußern, aber wenn das jemand liest, der mir nahe steht, beginnt dann diese Behauptung zu bröckeln, habe ich bemerkt. Und grundsätzlich ist es das größtmögliche Kompliment, das man als Künstler bekommen kann, wenn es Resonanzen gibt, wenn es Reaktionen und Erregungen auch gibt. Also das habe ich alles als unglaublich demütig angenommen. Okay, das freut uns. Ich habe gelernt, man soll sich nur an das positive Feedback halten. Ich darf dich um die zweite und letzte Lesestelle ersuchen und damit wäre dann, das wäre auch der Abschluss unseres Abends. Montag, ich glaube Vormittag, denn die Zeit ging mir verloren. Menschenausstattung benutzt, im Schlafzimmer verteilt, an Tagen, die dich in Hoffnungen gedrängt, ungeduldig werden lassen. Es gibt sie nicht, nicht mehr. Das Alter frisst sich in die Oberflächen der Möbel, der Wände, der Gesichter, der Körper. Es ist erst zufrieden, wenn es auf Blut gestoßen ist. Aber du blutest nicht, das hast du nie. Du leerst dich aus in jeden einzelnen Tag hinein. Bei deinem Anblick überkommt den Mann im Spiegel Mitleid. Nichts Trostloseres als deine gebrauchte Unterwäsche auf den kalten Fliesen des Badezimmerbodens. Deine aufgeweichte Haut wird wieder trocknen, aber dein aufgeweichtes Herz wird labrig weiterschlagen, bis es aufhört, an dich zu glauben. Und dann? Dann wird es niemanden geben, der deine Geschichte zu Ende erzählt, dessen Augen feucht wären, wenn er sich an deine Nähe erinnert, der am frühen Nachmittag im Halbrausch vor sich auf dem Tisch Fotos von dir auflegt, um nicht allein in die Nacht hineinzudrinken, der darauf hofft, dich wiederzusehen im nächsten Leben, dass es doch gehen muss, denn nur für dieses eine kannst du dich nicht verschwendet haben. Leben, dass es doch gehen muss, denn nur für dieses eine kannst du dich nicht verschwendet haben. Also, wir werden uns wiedersehen und wir werden uns gegenseitig die Tränen aus dem Gesicht wischen. Als der Taghimmel am Abend zurückwich, hinterließ er einen dunklen, leeren Raum, in dem jede Helligkeit von Menschenhand befohlen wurde. Meine Orientierung tastete sich vorsichtig durch Schatten, die alles definierten. Straßen, Gassen, sogar die Nachtmenschen, die sich anders als am Tag bewegten, die füreinander posierten. Es waren keine natürlichen Bewegungen, sondern gewollte Gesten, die uns, die anderen provozieren sollten. Immer wieder erstarrten sie in ihren Posen, damit sie ja nicht übersehen wurden. In ihren Augen Mutwille, der drohte, versprach, log. Später, zu einem bestimmten Zeitpunkt in dieser Nacht, würde es wichtig sein, dass ich nüchtern war und in meinem Kopf Platz geschaffen hatte, um den letzten Tag auszuradieren, nicht nur zu verdrängen, um anzuhalten. Es war kein Dialog, der zwischen zwei Menschen, sondern zwischen zwei Zeiten stattfand, verboten so unwirklich, dass er als unmoralisch galt. Er war nicht vorgesehen. Aber was war vorgesehen? Ich war längst kein Teil mehr dessen, was die Tagmenschen Leben nennen. Nicht atmen, nicht essen, nicht trinken. Nur denken, nur träumen. Ich wollte verrückt werden, diesen Verstand wegwerfen, der für mein Leid verantwortlich war, der mich Fragen stellen ließ, die nie beantwortet wurden. Kein Leben blieb davon unerreicht. Nicht in ihren selbstzufriedenen Wohnzimmern, in denen satt gegessen und beiläufig geliebt wurde. In ihren Schlafzimmern, wo Einschlafsex ein abgenutztes Ritual geworden war und keiner derjenige sein wollte, der es beendete. Küsse waren blutleere Berührungen, geübte Lieblosigkeiten wie Schuldscheine, die eingelöst wurden. In Gesprächen soufflierte man sich gegenseitig. Es waren jeden Tag die gleichen Sätze, die gleichen Wörter, die gleichen Gesten. Die ganze Stadt lag auf dem Rücken und spreizte die Beine. Was würden Sie antworten auf die Frage, wie lange noch? Wie lange noch dieses Leben, dieses erkaltete, verstummte, sich immer und immer wiederholende Leben, was würden sie antworten? In der Nacht wartete ich, bis ich diese Stimme hörte, für die ich so viele Fragen hatte. Dienstag. Das Wohnzimmer war voll mit den Gerüchen der vergangenen Nacht. Das Ragout, das ich gekocht und auf zwei tiefe Teller aufgeteilt hatte, hing noch in der Luft. Auch der Geruch seiner Zigaretten, die immer in seinem Mundwinkel beinahe zu einem Körperteil geworden waren. Vieles hatte mit der Zeit seine Klarheit verloren, diese Bilder aber nicht. Und ich verstand, warum. Bernstein tropfen, die jeden Widerhall in die Ewigkeit zwangen. Für einen endlosen Moment veränderte sich die Zeit und die Realität legte sich in Falten. Ich sah mich selbst. Ich war er und er war ich. Aus den Dampfgierlanden über meiner Teetasse waren die Rauchschwaden seiner Zigarette geworden, die den Raum zwischen uns undeutlich machten. Ich benutzte meine linke Handfläche als Untertasse, wobei ich die Tasse immer wieder anhob, weil sie zu heiß war. Zwischen uns bestand das stillschweigende Einvernehmen, dass nur wenige Themen es verdienten, wieder aufgenommen zu werden. Aber das war gestern und vorgestern und in den Nächten davor. Etwas hatte sich zwischen uns verändert. Das war er also, dieser Augenblick, in dem man dachte, etwas zu sein, was man danach nie mehr sein würde. Der Tag, der dein Leben verändert, ist nur ein Augenblick. Ja, das ist er, sagte er, als hätte er meine Gedanken gehört, als wären es unsere gemeinsamen Gedanken gewesen. Das ist endlich das Ende deiner Unschuld. Du glaubst, es sind nur die Nächte, aber es sind auch die Tage. Alles, alles verändert sich. Jeder einzelne deiner Gedanken wird sich verändern, wird dich belügen, dich betrügen. Und weißt du warum? Weil dein ganzes Leben Lüge und Betrug ist. Du lebst dein Leben nicht. Du wartest es ab. Wenn du Ehrlichkeit willst, dann musst du etwas dafür tun. Dann musst du selbst ehrlich werden. Mittwoch, Tag. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Jedes Mal, wenn er ausatmete, konnte ich die verbrauchte Luft aus seinen Lungen riechen und schmecken. Seine Haut war von unzähligen kleinen Linien gezeichnet, die um die Augenwinkel zu tiefen Falten wurden. Seine Haare hingen ihm in die Stirn. Die trockenen Lippen waren aufgesprungen und verkrustet. Die dunklen Augenringe, links deutlicher als rechts, fielen mir zuletzt auf. Ich blickte in rot geederte Augen. Was fühlte ich? Hass? Liebe? Oder Gleichgültigkeit? Ich hob meine Hand und streichelte langsam über sein Gesicht. Zärtlich. Von einer Wange zur anderen. Sanft zeichnete ich die Konturen seiner Nase und seiner Lippen nach. Obwohl es nicht schön anzusehen war, fühlte es sich schön an. Seine Haut wurde an meiner weicher. Ich lächelte, was zur Folge hatte, dass er es auch tat Ich atmete tief ein und langsam aus Ich wollte, dass sich unser Atem vermischt Es war ihm nicht unangenehm, denn der Ausdruck in seinem Gesicht wurde freundlicher Ich stieß meinen Kopf in seine Richtung Einmal, zweimal, dreimal. Erst dann zerbrach der Spiegel, erst dann schnitten die Scherben in meine Stirn, erst dann sah ich mein Blut in seinem Gesicht, während ich es in meinem spürte. Es gab mich wirklich. Dankeschön. Herzlichen Dank. Ja, vielen Dank nochmal an Isabella Breyer und Gregor Fink und Ihnen herzlichen Dank fürs Kommen. Genau, und auch herzlichen Dank an dich, Marlene, fürs Einspringen und das Moderieren. Und natürlich auch im Namen des Stifterhauses herzlichen Dank an Isabella Breyer und Gregor Fink für die Lesungen und das Gespräch. Ja, die meisten von Ihnen werden wahrscheinlich schon unseren Büchertisch hinten am Ausgang bemerkt haben. Dort können Sie gerne die vorgestellten Bücher erwerben und sich diese auch signieren lassen von unseren Gästen. Ich möchte Sie auch noch einladen, uns diesen Donnerstag wieder zu besuchen. Um 19.30 Uhr haben wir einen Abend zu unserer Reihe Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945, dieses Mal zu Gregor von Rezzori. Genau, das war es von meiner Seite. Sie können gerne noch etwas bei uns bleiben. Das Literaturcafé hat noch geöffnet. Also Sie können den Abend gerne bei einem Getränk ausklingen lassen. Ich würde mich freuen, Sie bald wieder hier im Stifterhaus begrüßen zu dürfen. Vielen Dank. Applaus