Ja, dann kommen wir zum zweiten Vortrag der ersten Hälfte von heute Nachmittag. Agnes Steffenson wird uns über Hospicing Modernity etwas erzählen. Mag. Agnes Steffenson, MA, ist psychoanalytische Pädagogin und Sonder- und Heilpädagogin mit einem Master in Global Citizenship Education. Aktuell verfasst sie ihre Dissertation am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung an der Alpenadria UniversUniversität Klagenfurt. Sie ist Universitätsassistentin am Department Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud Privatuniversität Linz und Studiengangsleitung des Baccalaureats Psychotherapiewissenschaft an der SFU in Wien. Außerdem ist sie Obfrau des Vereins für kritische Psychotherapiewissenschaft, VKP, und ihre Forschungsschwerpunkte sind Psychotherapie und Gesellschaft, soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit, Psychotherapie und Pädagogik, Global Citizenship, Gender Studies und qualitative Forschung mit einem besonderen Fokus auf ihre relationale Tiefenhermeneutik. Liebe Agnes, ich darf dich bitten. Wenn wir heute über Zukunft sprechen, dann tun wir das selten unbeschwert. Zukunft sprechen, dann tun wir das selten unbeschwert. Klimakrise, geopolitische Gewalt, autoritäre politische Verschiebungen und soziale Polarisierung sind nicht bloß abstrakte Themen öffentlicher Debatten, sie prägen zunehmend das Alltagsgefühl und die Art, wie Menschen Zukunft imaginieren. Diese oft bedrohlichen Zukunftsbilder strukturieren gegenwärtige Entscheidungen, Beziehungen und Lebensentwürfe, oft lange bevor sich das, was befürchtet wird, tatsächlich ereignet. Zukunft wirkt damit bereits in der Gegenwart. Da wir aber nicht wissen, wie diese Zukunft aussehen wird, nützen wir unsere Vorstellung, unsere Imaginationen und rahmen diese in Erzählungen. Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Wir strukturieren unsere Welt, unsere Erfahrungen und unsere Erwartungen durch Geschichten. Und wir erzählen nicht nur Vergangenes, sondern auch Zukunftiges. Wir entwerfen Szenarien dessen, was kommen könnte. Wir antizipieren Gefahren. Wir stellen uns vor, wie sich gegenwärtige Entwicklungen fortsetzen werden. Dadurch beschreiben wir nicht, wie die Welt ist, sondern wir bringen die Welt und die Zukunft erzählend hervor. Erzählen ist kein kulturelles Beiwerk, keine bloße Form der Unterhaltung, sondern eine zentrale Praxis. Die Autorin Samira El-Uassil bezeichnet Erzählen als eine evolutionäre Superkraft, da Menschen durch das Erzählen Erfahrungen weitergeben und über Raum und Zeit hinweg verfügbar machen konnten. Dadurch war und ist es möglich, kollektives Wissen zu speichern und weiterzugeben, weit über die Grenzen individueller Erinnerung hinaus. Geschichten sind gewissermaßen Archive menschlicher Erfahrung. Doch Narrative leisten weit mehr als bloße Archivierung, sie stiften Sinn. Einzelne Erlebnisse, Affekte oder Brüche werden durch Erzählen in Zusammenhänge eingebettet, mit Bedeutung versehen und interpretierbar gemacht. Gerade dort, wo Erfahrungen widersprüchlich, überfordernd oder fragmentiert sind, erzeugt Narration Kohärenz oder zumindest die Illusion von Kohärenz. Erzählen antwortet damit auf ein zentrales psychisches Bedürfnis, die Welt nicht nur zu erleben, sondern sie verstehbar zu machen. Eine weitere Funktion von Narrativen ist ihre antizipatorische Dimension. Menschen erzählen nicht nur über Vergangenes, sondern immer auch über Mögliches. Narrative entwerfen Zukunft. Sie entwerfen Szenarien dessen, was kommen könnte, was droht oder was erhofft wird. Diese Geschichten strukturieren Erwartungen, bereiten auf Handlungsoptionen vor und geben Orientierung im Angesicht von Ungewissheit. Narrative machen Zukunft vorstellbar, bevor sie real wird oder gerade dort, wo sie real noch nicht greifbar ist. Zukunftsnarrative strukturieren Gegenwart, indem sie Erwartungen, Ängste und Hoffnungen formen, beeinflussen sie Wahrnehmung, Emotionen und Handeln im Hier und Jetzt. Was wir über die Zukunft erzählen, wirkt zurück auf das, was wir heute für möglich, notwendig oder unvermeidlich halten. Vor diesem Hintergrund kommt literarischen und medialen Zukunftsnarrativen eine besondere Rolle zu. Sie verdichten gesellschaftliche Deutungen von Zukunft in erzählerischer Form. Während Eutopien Möglichkeitsräume eröffnen, bündeln Dystopien kollektive Befürchtungen, Ohnmachtserfahrungen und Warnungen. Gerade dystopische Erzählungen adressieren gesellschaftliche Krisen und können als psychische Resonanzräume für das betrachtet werden, was im Rahmen dieser Forschungstage als Future Traumas in unseren Fokus rückt. Dystopien handeln auf den ersten Blick von der Zukunft, tatsächlich aber analysieren und verdichten sie die Gegenwart. Sie machen sichtbar, was im Alltag oft fragmentiert, abstrakt oder verdrängt bleibt. Machtverhältnisse, Gewaltlogiken, Spaltungen und die emotionalen Kosten, die diese Strukturen für Individuen und Gemeinschaften haben. Dabei geben sie keine Auskunft über die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Entwicklungen, sondern vielmehr über die Gegenwart, die im Zukunftsszenario analysiert beziehungsweise kritisiert wird. Dystopien sind also nicht als Prophezeiungen konzipiert, sondern kritisieren die gegenwärtigen Verhältnisse. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Dystopien ist damit keine Analyse einer möglichen Zukunft, sondern ermöglicht eine Analyse der Gegenwart und der in ihr virulenten Ängste und Hoffnungen. Die Begeisterung für Dystopien ist laut dem Pädagogen Alexander Sperling gerade dann besonders groß, wenn sich gesellschaftlich ein Gefühl des Kontrollverlusts einstellt. Dieser Kontrollverlust bezieht sich auf die Zunahme von Bedrohungen, die Menschen gemacht sind, auf den zunehmend beschleunigten Alltag und den Verlust utopischen Denkens. Die Dystopie bietet durch die narrative Verdeutlichung und Konkretisierung diffuser Ängste Orientierung. Dystopien benutzen die Zukunft als Bühne, um Gegenwart zu kommentieren, zu kritisieren und zuzuspitzen. Gerade Dystopien sind deshalb so wirkmächtig, weil sie nicht einfach irgendeine Fantasie erzählen, sondern eine Art Vergrößerungsglas auf aktuelle Machtverhältnisse setzen. Wenn eine Dystopie uns eine totalitäre Ordnung, allgegenwärtige Überwachung, eine extrem ungleiche Verteilung von Ressourcen oder eine gewaltförmige Staatslogik zeigt, dann will sie nicht sagen, so wird es kommen. Sie sagt eher, schaut her, das was ihr heute schon kennt, ist hier nur konsequent weitergedacht. Genau darin liegt die kulturtheoretische Bedeutung dystopischen Erzählens. Es ist eine Kritikform, die übertreibt, verdichtet, zuspitzt, um Strukturen freizulegen, die in der Normalisierung der Gegenwart oft verdeckt bleiben. Auf psychischer Ebene externalisieren Dystopien diffuse Ängste. Sie liefern Bilder, Szenen, konkrete Systeme, die das Unfassbare anschaulich machen. Das kann entlastend wirken, weil es etwas Ungewisses, eine Form bekommt. Gleichzeitig kann es diese Ängste auch intensivieren, weil das Bild plötzlich zu gut passt. Ein wichtiger gesellschaftskritischer Aspekt von Dystopien ist, dass sie strukturelle Gewalt sichtbar machen. Sie zeigen Gewalt nicht nur als einzelnes Ereignis, sondern als Ordnung, als Gesetz, als Struktur, als scheinbar normale Verwaltung des Lebens. Gerade dadurch lassen Dystopien erkennen, wie sehr Macht sich in Körper, Beziehung, Sprache und Alltagspraktiken einschreibt und wie leicht Menschen sich an die schleichende Normalisierung struktureller Unterdrückung gewöhnen, besonders wenn ihr Überleben davon abhängt. struktureller Unterdrückung gewöhnen, besonders wenn ihr Überleben davon abhängt. Die Trilogie Die Tribute von Panem von Susan Collins stellt ein solches dystopisches Narrativ dar. Sie wurde in den Jahren 2008 bis 2010 veröffentlicht, 2020 und 2025 durch zwei Prequels ergänzt und äußerst erfolgreich in vier Teilen von 2012 bis 2015 auch als Filme in die Kinos gebracht. Die Geschichte spielt in einer Zukunft im Land Panem, das auf den Ruinen Nordamerikas errichtet ist. Panem ist eine Gesellschaft, die sich durch extreme Ungleichheit, permanente Angst und ritualisierte Gewalt stabilisiert. Panem besteht aus einem Kapitol, in dem die Privilegierten ein dekadentes Leben führen und den Distrikten, in denen die Ressourcen erarbeitet werden, die vor allem das luxuriöse Leben im Kapitol erst ermöglichen. Das Kapitol hält die Distrikte nicht nur durch militärische Macht in Schach, sondern durch ein jährliches Spektakel, das Kinder zu TrägerInnen dieser Gewalt macht, die Hungerspiele. Für die Hungerspiele werden alljährlich zwei Tribute aus jedem Distrikt ausgelost, Kinder zwischen 12 und 17 Jahren, die einander in der Arena so lange bekämpfen, bis nur noch eines dieser Kinder übrig bleibt und die Spiele überlebt. Diese Spiele sind mehr als ein Instrument der Unterdrückung, sie sind eine Form organisierter Zukunftsbedrohung. Kinder wachsen mit dem Wissen auf, dass sie als Tribute ausgelost werden können. Gewalt ist nicht Ausnahme, sondern antizipierter Bestandteil des Alltags. Zukunft ist nicht offen, sie ist besetzt. Die Protagonistin Katniss Everdeen lebt in genau diesem Spannungsfeld. Ihr Handeln ist weniger von großen politischen Visionen geprägt als von Sorge, Verantwortung und Überleben. Sie meldet sich freiwillig als Tribut für die Hungerspiele, um ihre Schwester zu schützen. Ihr Widerstand entsteht aus Fürsorge, nicht aus heroischem Pathos. Und gerade dadurch wird sie gegen ihren Willen zur Projektionsfläche kollektiver Hoffnungen und Ängste. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich jedoch, dass der Sturz des Kapitols nicht automatisch eine befreite Zukunft hervorbringt. Gewalt, Propaganda und Manipulation setzen sich fort, nur unter anderem Vorzeichen. Die Tribute von Panem verweigert damit ein einfaches Erlösungsnarrativ. Die Geschichte endet nicht mit der Rettung der Welt, sondern mit einem Rückzug aus der Logik permanenter Gewalt und Unterdrückung. Ich möchte die Tribute von Panem nicht als bloße Illustration gesellschaftlicher Missstände lesen, sondern als ein Narrativ, das etwas Grundsätzliches über unser Verhältnis zur Zukunft erzählt. Die Dystopie macht sichtbar, wie Gesellschaften durch Angst vor dem Kommenden strukturiert werden können und welche psychischen Konsequenzen das hat. Wenn Dystopien Gegenwart zuspitzen und zugleich psychische Resonanzräume für diffuse Zukunftsängste schaffen, dann lässt sich die Tribute von Panem als exemplarisches Narrativ lesen, in dem genau diese Mechanismen auf besonders eindrückliche Weise inszeniert werden. Herrschaft als Spektakel, Gewalt als System, Überleben als Anpassungsleistung und Widerstand als etwas, das nicht nur politisch, sondern auch psychisch einen Preis hat. Die Trilogie, die meiner Ansicht nach weit mehr als ein Jugendbuch ist, bietet ein erzählerisches Modell gesellschaftlicher Spaltung, das zentrale Dynamiken moderner Macht- und Herrschaftsverhältnisse sichtbar macht. Die Stärke dieses Narrativs liegt weniger in seiner Zukunftsfantasie als in seiner präzisen Gegenwartsdiagnose. Panem fungiert dabei als verdichtetes Gesellschaftsmodell, in dem Spaltung nicht als Nebeneffekt, sondern als strukturierendes Prinzip organisiert ist. Die Gesellschaftsordnung von Panem ist radikal asymmetrisch aufgebaut. Auf der einen Seite steht das Kapitol, ein Ort von Überfluss, technologischem Fortschritt, ästhetischer Exzentrik und scheinbarer Sicherheit. Auf der anderen Seite stehen die Distrikte, voneinander getrennte, funktional spezialisierte Räume der Produktion, des Mangels und der permanenten Kontrolle. Diese Gegenüberstellung ist keine bloße Kulisse, sondern Ausdruck einer klaren politischen Logik. Nähe zur Macht bedeutet Zugang zu Ressourcen, Distanz bedeutet Verzicht, Abhängigkeit und Disziplinierung. Bei einer Revolution der Distrikte in der Vergangenheit wurde ein Distrikt, Distrikt 13, komplett ausgelöscht, zumindest ist das das Narrativ, das in Panem erzählt wird. Diese Auslöschung von Distrikt 13 fungiert als kollektives Trauma und gleichzeitig als permanenter Drohhorizont. Sie markiert die Grenze des Sag- und Denkbaren. Widerstand ist möglich, aber existenziell gefährlich. Die Zerstörung dieses Distrikts ist nicht nur ein historisches Ereignis, sondern ein symbolischer Akt, der die Ordnung Panems stabilisiert, indem er Angst in die gesellschaftliche Struktur einschreibt. Zentral für diese Ordnung sind die Hungerspieler selbst. Sie verbinden ritualisierte Gewalt, mediale Spektakel und Disziplinierung zu einem hochwirksamen Herrschaftsinstrument. Gewalt folgt festen Regeln, wird inszeniert, kommentiert und bewertet. Dadurch wird sie normalisiert und zugleich entpersonalisiert. Als mediale Spektakel transformieren die Hungerspiele reale Gewalt in Unterhaltung. Leiden wird ästhetisiert, Tod narrativ gerahmt, Empathie selektiv gelenkt. Das Kapitol konsumiert die Spieler, während die Distrikte gezwungen sind, sie mitzuerleben. Diese mediale Logik verhindert Solidarität und erzeugt zugleich Identifikation, Konkurrenz und Schuld. Die Spieler disziplinieren nicht nur durch Angst, sondern durch Beteiligung. Alle sind Teil des Systems, wenn auch unter radikal ungleichen Bedingungen. Ein zentrales Merkmal von Panem ist die systematische Spaltung der Gesellschaft. Nicht nur zwischen Kapitol und Distrikten, sondern auch zwischen den Distrikten selbst. Diese horizontale Spaltung ist politisch höchst funktional. Angst wird instrumentalisiert, indem sie nicht nur nach oben, sondern auch nach neben angerichtet wird. Andere Distrikte erscheinen nicht als potenzielle Verbündete, sondern als Konkurrenten im Kampf ums Überleben. Diese Logik erzeugt stabile Wir-gegen-Sie-Dynamiken. Allerdings verschieben sich die Bezugspunkte dieses Wir ständig. Je nach Bezugsrahmen formiert sich dieses Wir innerhalb eines Distrikts oder löst sich auf, wenn es um das eigene individuelle Überleben im Angesicht der Spiele geht. Ein übergreifendes gesellschaftliches Wir kann unter diesen Bedingungen nicht entstehen. Spaltung wird so zur Voraussetzung der Ordnung, nicht zu ihrem Problem. Strukturelle Ursachen werden dabei konsequent unsichtbar gemacht. Hunger, Armut und Gewalt erscheinen nicht als Resultat politischer Entscheidungen oder ökonomischer Ausbeutung, sondern als naturalisierte Gegebenheiten. Die Verantwortung wird individualisiert. Das System selbst entzieht sich der Kritik, indem es die Aufmerksamkeit auf Konflikte zwischen den Beherrschten richtet. Eine weitere, oft weniger beachtete Spannungslinie verläuft zwischen Mensch und Natur. In Panem ist Naturverbundenheit eng mit Rückständigkeit, Armut und Gefahr verknüpft. Die Distrikte, insbesondere jene, die näher an natürlichen Ressourcen leben, erscheinen roh, unzivilisiert, bedroht und bedrohlich. Natur ist hier kein Ort der Regeneration, sondern ein Raum des Mangels und der Unsicherheit. Charakteristisch für diese Denkweise sind klare Dichotomien. Zivilisiert versus wild, fortschleichheit und Gewalt, indem sie sie als notwendige Schritte auf dem Weg des Fortschritts darstellen. Die systematische Ausbeutung von Ressourcen, Körpern und Lebensräumen bildet dabei das ökonomische und symbolische Fundament der Ordnung Panems. Aus dieser Perspektive lässt sich die Tribute von Panem als Narrativ lesen, das nicht nur politische Unterdrückung zeigt, sondern die tief eingeschriebene Spaltungslogik moderner Gesellschaften offenlegt. Zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Menschen, zwischen Mensch und Natur. Die koloniale Moderne, die Grundlage dessen ist, was weithin als rationale Lebensführung gerahmt wird, ist ein Kennzeichen gegenwärtiger Gesellschaften des globalen Nordens. In Panem werden die Strukturen der systematischen Ungleichheit auf die Spitze getrieben. Eine Gesellschaftsordnung, die auf Spaltung, struktureller Gewalt und Unterdrückung beruht, wirkt sich auch auf die Psyche der in ihr lebenden Menschen aus. In die Tribute von Panem wird eine traumatisierte Gesellschaft beschrieben, traumatisiert durch die Vergangenheit, aber auch traumatisiert durch das, was in der Zukunft geschehen wird. Zukunft verliert ihre Offenheit, sie ist kein gestaltbarer Möglichkeitsraum mehr. Affekte, körperliche Reaktionen, die Gestaltung von Beziehungen und Lebensentscheidungen orientieren sich nicht an der Gegenwart, sondern an der konkret antizipierten bedrohlichen Zukunft. Der Begriff Pre-Traumatic Stress Disorder wurde von der US-amerikanischen Psychiaterin Lise van Susteren in Bezug auf den Klimawandel ab 2015 geprägt. Zeitgleich verwendete der US-amerikanische Literatur- und Kulturtheoretiker Paul K. St. Amor den Begriff Pre-Traumatic Stress Syndrome unter Bezugnahme auf künftige Kriege. erweitern damit klassische Traumamodelle, die von einem bereits eingetretenen traumatisierenden Ereignis ausgehen, um eine zeitlich vorverlagerte Traumatisierung, die sich auf die antizipierte Zukunft bezieht. Zukunft wird dabei als unausweichlich und bedrohlich empfunden, der der Mensch und seine Psyche ohnmächtig ausgeliefert ist. Damit verändert sich die Zeitstruktur. Zukunft und Gegenwart überlagern sich, wodurch die Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird, weil Entscheidungen nicht mehr von aktuellen Gegebenheiten ausgehen, sondern von der als bedrohlich antizipierten Zukunft. Zeit wird psychisch neu organisiert, wodurch die Antizipation, der Blick in die Zukunft selbst traumatisierend wirkt. Dystopische Narrative wie die Tribute von Panem liefern Erzählungen von dieser bereits verlorenen Zukunft. Sie zeichnen sich durch eine kritisch-politische Perspektive auf die Gesellschaft aus und entwerfen ein Bild, das sich klar von der Gegenwart unterscheidet, indem sie die Schwierigkeiten und Herausforderungen der Gegenwart überhöhen, gleichzeitig aber auch in dem Zukunftsentwurf zeigen, wie gefährdet die gegenwärtige Gesellschaft ist. Sie liefern somit Resonanzräume für Future Traumas, indem sie diffuse Vorstellungen in konkrete Bilder verwandeln. Katniss Everdeen, die zentrale Figur aus die Tribute von Panem, ist in dieser beständig von Gewalt bedrohten prätraumatischen Welt keine klassische Heldin, sondern sie wird zur Heldin aus ihrer Fürsorge und Verantwortung für ihre Familie heraus. Nach dem Tod des Vaters übernimmt sie früh die Care-Arbeit für die traumatisierte Mutter, für die jüngere Schwester, für das Überleben der Familie insgesamt. Diese Verantwortung ist als direkte Folge der soziopolitischen Ordnung Panems nicht gewählt, sondern aufgezwungen. Kettnis Widerstand speist sich aus Sorge. Sie meldet sich freiwillig zu den Hungerspielen, um ihre Schwester zu schützen, nicht um das System zu stürzen. Widerstand entsteht hier aus der Unmöglichkeit, Fürsorge unter gewaltförmigen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Gerade darin lässt sich Fürsorge als Gegenlogik zur Gewaltordnung Panems verstehen. Panems verstehen. Während das System auf Spaltung, Konkurrenz und Entwertung von Leben basiert, operiert Fürsorge relational, verbindend und lebensschützend. Fürsorge unterläuft die Logik der Spiele, weil sie den anderen nicht als Rivalen, sondern als Schützenswertes gegenüber wahrnimmt. In einer prätraumatischen Gesellschaft, in der Zukunft permanent bedroht ist, wird Fürsorge damit zu einer stillen, aber radikalen Form des Widerstands. Das eigentlich Traumatisierende liegt hier nicht im gegenwärtigen Moment der Gewalt, sondern in der Gesellschaftsordnung, die systematisch Zukunft in Bedrohung verwandelt. Diese Gesellschaftsordnung lässt sich als Zuspitzung jener Krisen lesen, die gegenwärtig unsere eigene Gesellschaft durchziehen. Entscheidend ist dabei die Perspektive, diese Krisen nicht als zufällige Störungen eines ansonsten funktionierenden Systems zu begreifen, sondern als Produkt der kolonialen Moderne selbst. Die koloniale Moderne basiert auf zwei eng miteinander verschränkten Grundannahmen. Der Vorstellung der Überlegenheit des Menschen über die Natur und der Überlegenheit bestimmter Menschen über andere Menschen. Natur wird als Ressource gedacht, die beherrscht, ausgebeutet und optimiert werden kann. Gesellschaftliche Unterschiede werden hierarchisiert, legitimiert und naturalisiert. Diese Logik der Separabilität ist mitverantwortlich für die gegenwärtige Polykrise, die die Verflechtung ökologischer, sozialer, ökonomischer und psychischer Krisen umfasst. Separabilität schreibt sich in das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln der Gesellschaft ein, führt zu Wettbewerb, Besitzakkommodation und Individualisierung von psychischer Gesundheit. Bei den dominanten Gruppen führt diese Logik im Kontext der Polykrise zu einem Verlust von Verbundenheit, zu gesteigerter Angst vor dem Verlust von Privilegien, zu Gefühlstaubheit und einem damit verbundenen Verlust des Zugangs zu den eigenen Emotionen. Marginalisierte Gruppen werden hingegen entlang dieser Separabilitätslogiken verändert und pathologisiert. Zentrale Versprechen der Moderne geraten zunehmend ins Wanken. Das Fortschrittsversprechen, die Idee, dass morgen notwendigerweise besser sein wird als heute, verliert seine Überzeugungskraft. Kontrolle erweist sich als Illusion angesichts komplexer, nicht linear steuerbarer Systeme. Sicherheit wird brüchig, weil Bedrohungen nicht mehr klar lokalisierbar sind. Und vor allem zerfällt die Vorstellung einer linearen Zukunft, in der sich Gegenwart, Entwicklung und Verbesserung sinnvoll aufeinander beziehen lassen. An die Stelle dieser Versprechen tritt die Erfahrung dessen, was sich als unlebbare Zukunft beschreiben lässt. Gemeint sind Zukunftsentwürfe, die zwar denkbar und prognostizierbar sind, aber affektiv kaum integrierbar sind. Zukunfte, in denen ökologische Lebensgrundlagen zerstört, soziale Sicherungssysteme überfordert und politische Ordnungen instabil geworden sind. Diese Zukunfte erscheinen nicht mehr als Raum der Gestaltung, sondern als etwas, dem man ausgeliefert ist. Das Weltsystem der kolonialen Moderne erfüllt seine Versprechungen nicht mehr. Die Bildungswissenschaftlerin Vanessa Machado de Oliveira bezeichnet den gegenwärtigen Prozess als das Sterben der kolonial-modernen Weltanschauung, ohne dass bereits ein alternatives System bereitsteht, die dadurch entstehende Lücke zu füllen. Vanessa Machado de Oliveira sieht die Lösung nicht darin, das alte System zu reparieren, sondern es beim Sterben zu begleiten. Hospicing Modernity. Aus seinen Fehlern zu lernen und es zu verabschieden. Es geht um eine Haltung, in der nicht vorschnelle Entwürfe eines neuen Modells angestrebt werden, sondern um eine Haltung der bewussten vorschnelle Entwürfe eines neuen Modells angestrebt werden, sondern um eine Haltung der bewussten Verabschiedung. Hospicing ist kein aktives Tun im klassischen Sinn, sondern ein Dableiben im Nichtauflösbaren. Es anerkennt, dass es reale Verluste gibt von Sicherheiten, Selbstbildern, Zukunftserwartungen, die nicht kompensiert werden können. Trauerarbeit wird hier zentral, allerdings ohne Heilsversprechen. Es geht nicht darum, dass am Ende alles gut wird, sondern darum, das Ende als Ende anzuerkennen, ohne daran zu zerbrechen. Aus dieser Perspektive lässt sich eine Parallele zu Katniss Everdeen erkennen. Am Ende von Die Tribute von Panem verweigert sie sich sowohl dem alten Gewaltregime des Kapitols als auch der Versuchung, selbst Teil eines neuen moralisch legitimierten Gewaltapparats zu werden. Ihr Rückzug von der politischen Bühne ist kein Scheitern und kein Eskapismus, sondern eine ethische Entscheidung. Sie entscheidet sich gegen die Reproduktion jener Logiken, die sie überlebt hat. Nicht der Sieg steht im Zentrum, sondern die Verweigerung weiterer Instrumentalisierung von Leben. Diese Verweigerung entspricht der Haltung des Hospicing. Kein neues Versprechen, kein heroischer Neubeginn, kein jetzt erst recht. Stattdessen eine bewusste Begrenzung von Gewalt, ein Rückzug aus Erlösungsnarrativen und die Anerkennung dessen, was nicht mehr tragfähig ist. Zentral sind in diesem Zusammenhang zwei Schlüsselbegriffe. Unlearning und Unnumbing. Unlearning bezeichnet das schrittweise Verlernen jener Denk-, Fühl- und Handlungsmuster, die die koloniale Moderne hervorgebracht hat. Insbesondere Kontrollfantasien, moralische Überlegenheitsansprüche und lineare Fortschrittslogiken. Ann Nambing meint die Wiederzulassung von Affekten, die lange abgewehrt oder betäubt wurden. Trauer, Schuld, Ohnmacht, Angst. Nicht um in ihnen stecken zu bleiben, sondern um wieder affektiv ansprechbar zu werden. Damit wird Hospicing Modernity zu einer Haltung, die weder aktivistisch noch resignativ ist. Sie eröffnet einen Zwischenraum zwischen Handeln und Lassen, zwischen Hoffnung und Desillusionierung, zwischen Zukunft und Abschied. Wenn Future Traumas nicht als individuelle Fehlverarbeitung, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Krisen und prätraumatischer Bedingungen verstanden werden, dann steht Psychotherapiewissenschaft vor der Aufgabe, ihr eigenes Selbstverständnis zu reflektieren. Drei Leitfragen können dabei Orientierung geben. Erstens, wie werden Zukunftsbilder im therapeutischen Raum sichtbar? Zukunft taucht in Therapien oft indirekt auf, in Entscheidungslähmungen, in Verzicht auf Wünsche, in Schuldgefühlen gegenüber kommenden Generationen. Diese Phänomene sind nicht einfach Symptome, sondern Träger von Zukunftsnarrativen. Therapeutische Verantwortung bedeutet hier, diese impliziten Zukunftsbilder ernst zu nehmen, sie gemeinsam zu explorieren und ihre Herkunft zu befragen. Welche gesellschaftlichen Diskurse sprechen hier mit? Welche Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft haben sich eingeschrieben? Zweitens, wie können Spaltungsmuster reflektiert werden? Future Traumas gehen mit inneren und äußeren Spaltungen einher, zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen individueller Selbstverantwortung und struktureller Ohnmacht, zwischen denen, die noch handeln und denen, die aufgegeben haben. Psychotherapie läuft Gefahr, solche Spaltungen ungewollt zu reproduzieren, etwa wenn Anpassungsfähigkeit, Resilienz oder positives Denken implizit als Norm gesetzt werden. Eine verantwortliche Haltung würde stattdessen danach fragen, wie diese Spaltungen entstanden sind und wem sie dienen. Drittens, wie kann Trauer kollektiv gedacht werden? Viele der Verluste, um die es bei Future Trauma geht, sind keine privaten Verluste. Es geht um den Verlust von Zukunftsvorstellungen, von Weltbildern, von Sicherheiten, die kollektiv geteilt wurden. Psychotherapie ist traditionell stark auf individuelle Trauerarbeit ausgerichtet. Hier stellt sich die Frage, ob und wie Trauer auch als geteilte gesellschaftliche Erfahrung im therapeutischen Raum anerkannt werden kann, ohne sie zu individualisieren oder zu pathologisieren. Die Perspektive auf Future Traumas erfordert von Psychotherapie einen Raum des Aushaltens von Unsicherheit, Ambivalenz und Nichtwissen. Sie hält offen, was offen ist. Psychotherapeutische und psychotherapiewissenschaftliche Verantwortung bedeutet dann, diese Prozesse des Übergangs zwischen einem Nicht-Mehr und einem Noch-Nicht zu begleiten, Pathologisierungen kritisch zu hinterfragen und anzuerkennen, dass Zukunft selbst zu einer traumatischen Erfahrung wird. Future Traumas sind aus dieser Perspektive Ausdruck eines kollektiven Übergangszustandes, in dem vertraute Zukunftsbilder verloren gegangen und moderne Versprechungen brüchig geworden sind. Psychotherapie ist in diesem Kontext eine begleitende Praxis in Zeiten einer gesellschaftlichen Transformation. Hospicing Modernity wird damit zu einer psychotherapeutischen und psychotherapiewissenschaftlichen Haltung. Es heißt, gleichzeitig das Unrettbare auszuhalten und Platz für das Unvorstellbare entstehen zu lassen. Was uns die Tribute von Panem vor Augen führt, ist eine Welt der Future Traumas. Kinder wachsen mit einer explizit bedrohlichen Zukunft auf. Ihr Lebenslauf ist von vornherein durch Angst, Kontrolle und Gewalt gerahmt. Das Narrativ berührt das, was wir als Future Trauma beschreiben können. Die Gegenwart wird von einer als bedrohlich imaginierten Zukunft organisiert und doch verweigert die Geschichte ein triumphales Zukunftsversprechen. Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung entsteht keine klare Zukunftsaussicht. Stattdessen bleibt Offenheit. Ketnis entscheidet sich nicht für ein neues Heilsprojekt, sondern für eine begrenzte, verletzliche Form des Weiterlebens, für Beziehung, für ein Leben ohne große Erzielung. Vielleicht liegt darin eine Form des Hospicing. Nicht die Rettung einer Welt, nicht die Konstruktion einer neuen Zukunftsvision, sondern das widerständige Aushalten des Übergangs zwischen einem Nicht-Mehr und einem Noch-Nicht.