So, dann gehen wir in die zweite Hälfte dieses Nachmittags und freuen uns auf den Vortrag von Bettina Zehedner. Ist das noch normal oder ist das schon Gewalt? Nämlich der Norm, Resilienz und Parteilichkeit. Doktorin Bettina C. Hettner ist Philosophin und psychosoziale Beraterin im Verein Frauen beraten Frauen, Lektorin am Institut für Soziologie der Universität Wien und ihr aktueller Forschungsschwerpunkt ist geschlechtsspezifische Gewalt mit dem Fokus auf Femizide. Ihre jüngsten Publikationen, da es zum Beispiel zu nennen Worte für das noch nicht Sagbare finden, schreiben als Methode feministischen Empowerments, erschienen in dem Herausgeberband von Andrea Ellmayr, Empowerment, Wissen und Geschlecht in Musik, Theater und Film voriges Jahr erschienen. Und noch das gerade in Druck befindliche Werk Sprechen und Schweigen über Gewalt im Krieg, Briefe von Frauen aus der Ukraine. Liebe Bettina Zetner, ich darf bitten, wir freuen uns auf Ihren Vortrag. Vielen Dank für die Einladung. Ich war ja offenbar tatsächlich bei der Geburt der Idee für den Tagungstitel auch dabei bei Elisabeths wunderbarem Kolloquium, Habilitationskolloquium, genau. Und es wird auch recht grounded jetzt, auch mit Elisabeth gesprochen, dass Philosophie durchaus grounded in Erfahrung sein darf, vielleicht sogar soll. Ja, mein, oh da ist er schon, genau. Der Untertitel lautet dann zum Spannungsfeld von therapeutischer Abstinenz und Parteilichkeit. Mein Arbeitsschwerpunkt ist die psychosoziale Beratung von Frauen, die Gewalt durch Partner oder Ex-Partner erleben. Ich beziehe mich im Folgenden auf heterosexuelle Szenarien und vor allem auf psychische und ökonomische Gewalt. Also Gewaltformen, die oft nicht als solche erkannt oder benannt werden ich beziehe mich viel auf die studie die mein verein in auftrag gegeben hat was wirkt qualitative studie zu gewalt an frauen und das handbuch das daraus entstanden ist und ich möchte in diesem vortrag zeigen wir eine angeblich neutrale oder abstinente Haltung durch ihr Nichtbenennen von Gewalt diese normalisiert und fortführt. Als Alternative plädiere ich für eine feministisch-parteiliche Positionierung, die jede Form von Gewalt als solche benennt und die gewalterleidende Person damit in ihrer Handlungsfähigkeit stärkt. Im besten Fall kann diese klare Haltung dazu beitragen, weitere zukünftige traumatische Erfahrungen zu verhindern. Kurz zur Ausgangslage. Femizide als Spitze des Eisbergs. Sie sehen in der Grafik, auch diese entnommen in unserem Handbuch, dass nur ein wirklich sehr, sehr kleiner Bruchteil aller Gewalt tatsächlich als solche sichtbar angezeigt, benannt und vielleicht sogar verurteilt wird. Ein sehr, sehr kleiner Teil. Also das Dunkelfeld ist natürlich enorm viel größer. Und die Rate an Frauenmorden in Relation zur Bevölkerung liegt in Österreich seit vielen Jahren weit über dem EU-Durchschnitt. Trotz sehr guter Gewaltschutzgesetze. Gewalt beginnt allerdings klarerweise lange vor dem Mord. Gewalttätige Personen testen aus, wie weit sie gehen können. Es beginnt oft mit diffusem Unbehagen, verursacht durch subtile Kontrolle, Besitzdenken, Einschüchterungen, Beschimpfungen, Demütigungen, Drohungen, oft verschärft durch ökonomische oder aufenthaltsrechtliche Abhängigkeit. Vor allem psychische und ökonomische Gewalt wird sozusagen unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung ausgeübt, oft eben nicht als solche solche erkannt benannt und gilt vielfach als normal zum begriff der ökonomischen gewalt hier ein paar beispiele die normalität bleibt oft unsichtbar und sie unhinterfragt wenn diese normalität eine heteronormative patriarchale und rassistische ist dann bedarf es der auseinandersetzung mit herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen und den eigenen Verstrickungen in diese. Sozusagen das Patriarchat im eigenen Kopf. Es bedarf des Naming the Norm, die oft gewaltvolle Norm und Normalität als solche zu benennen, um sie bewusst und kritisierbar zu machen. Vielleicht ein winziger Ausblick auf von Esther Huthfless, Barbara Zach, Nicole Burgermeister und Lalita Jamakala'il herausgegebenen Band über die Machtverhältnisse auf der Couch. Ich denke, das wird morgen Thema. Ein unfassbar gutes Buch. Bitte lesen Sie dieses Buch. Das soll bleiben. Zur Haltung der differenzierten Parteilichkeit. Feministische Parteilichkeit ist keine bloße Anwaltschaft. Sie ist eine herrschaftskritische Position und thematisiert Machtverhältnisse. Parteilichkeit bedeutet eine bewusste und explizite Positionierung, denn jedes Wissen ist situiert durch die Position der Sprechenden. Zum Beispiel meine soziale Situation, meine Bildung, meine Erfahrungen, meine Privilegien oder den Mangel an Privilegien. Wie nehme ich wahr, wie bewerte ich? Es gibt für uns keinen gottgleichen Blick von einer Position außerhalb des Systems. Darum ist es notwendig, den eigenen Hintergrund und das eigene Interesse offen zu legen. und das eigene Interesse offen zu legen. Mit der Behauptung von Objektivität und Neutralität wird dagegen häufig versucht, eine Einzelposition als universal gültig auszugeben und die tatsächlichen eigenen Interessen zu verschleiern. Wenn Psychotherapie die ungleichen Bedingungen im Leben von Frauen und Männern ignoriert, besteht die Gefahr, dass sie zum Anpassungsinstrument wird. Zu einem Anpassungsinstrument, das vorgibt, scheinbar objektiv und neutral zu behandeln, in Wahrheit aber eine systemstabilisierende Funktion erfüllt und die bestehenden Ungleichheiten festschreibt. Etwa mit der Annahme, Gewalt durch den Partner wäre ja nur ein momentanes Machtungleichgewicht. Die Frau könnte ja jederzeit einfach gehen. Es gibt schließlich genug Hilfsangebote. Im Gegensatz zur Macht, die auf Zustimmung oder Duldung angewiesen ist, also eine wechselseitige Dynamik darstellt und üblicherweise eben dynamisch ist, auch wechseln kann, kann Gewalt als einseitige Ausübung von Zwang verstanden werden. Ich beziehe mich in dieser Differenzierung auf Hannah Arendt. Der Wille der betroffenen Person wird missachtet und soll gebrochen werden. Der, die Gewalttätige strebt Verletzung, Schädigung und Unterordnung des Opfers an. Dabei kann es sich um eine körperliche oder auch eine emotionale Schädigung handeln. Denn schon mit der Androhung von Gewalt kann der eigene Wille gegen den Willen der anderen Person durchgesetzt werden. Es geht hier nicht um einmalige Affektausbrüche, sondern um wiederholte, angsterzeugende, schädigende und auf Demütigung abzielende zum Beispiel Beschimpfungen, Entwertungen, Einschüchterungen, Beschuldigungen. Auch hier wieder zwei Folien aus dem Handbuch mit Illustrationen, was denn psychische Gewalt alles sein kann. Die Verwechslung von Macht und Gewalt schützt und stärkt die Täterperson und schwächt das Opfer, indem Gewaltverhältnisse eben nicht als solche erkannt, sondern als bloßer Streit oder Konflikt normalisiert werden. Privatsache nennt das mitunter die Polizei und vermerkt dann Streitschlichtung im Akt. Therapeutische Abstinenz und Gewalt. Therapeutische Abstinenz meint primär das Gebot, TherapeutInnen sollen keine privaten, geschäftlichen oder sexuellen Beziehungen mit ihren KlientInnen aufnehmen, sowie sich mit Informationen über die eigene Person und das eigene Privatleben zurückhalten. So weit, so klar, so wichtig. Wird therapeutische Abstinenz allerdings als Neutralität verstanden, so ist diese beim Thema Gewalt eine gefährliche, meiner Ansicht nach, und kontraproduktive Illusion. Denn jede vermeintliche Neutralität angesichts seines Gewaltverhältnisses wirkt als implizite Parteinahme für die gewaltausübende Person, stärkt diese durch Nichtansprechen und schwächt die gewalterleidende Person, indem sie die ausgeübte Gewalt eben nicht problematisiert. Ein Sich-Heraushalten bedeutet im Fall von Gewalt diese gut zu heißen und kann eine Form von Victim-Blaming darstellen, indem die Gewalt erlebende Person damit alleingelassen eine Mitverantwortung für die ihr angetane Gewalt erhält. Angst vor dem Benennen von Gewalt kann auf beiden Seiten, Klientinnen-Seite, Therapeutinnen-Seite, einen konstruktiven Umgang mit dem Thema erschweren. Gewalt ist sowohl als Erlebte und Erlittene wie auch als Ausgeübte meist stark schambesetzt und das Ansprechen soll darum behutsam erfolgen, um nicht sofort Abwehr auszulösen. Oft ist dabei die Idee hinderlich, sobald Gewalt thematisiert wird, müsse sofort gehandelt werden. Das ist nicht unbedingt der Fall. Manchmal ermöglicht erst das Sprechen und explizite Reflektieren über Gewalt, verschiedenste Handlungsoptionen abzuwägen und die für sich selbst und die konkrete Situation Richtige zu entwickeln. Solange aber das Kernproblem keinen Namen hat, sondern darum herum laviert, bagatellisiert oder umgedeutet wird, als bloßer Streit, Konflikt, Macht, Ungleichgewicht, ist es für die gewalterleidende Person extrem schwer, sich adäquat abzugrenzen und zu schützen. Die gewalterlebende Person braucht einen Ort, wo sie offen sprechen kann, ohne gleich mit Interventionen und Maßnahmen bedrängt zu werden, aber sehr wohl ein Gegenüber hat, das klar signalisiert, ich stehe auf ihrer Seite und verurteile diese Gewalt. Und ganz wichtig, sie sind nicht schuld an der Gewalt, die sie erleben. Diese Positionierung und Haltung eröffnen der erzählenden Person den Raum tatsächlich über ihre Handlungsmacht und auch über deren Grenzen zu reflektieren. Genauso wichtig wie das Bewusstwerden über die eigene Handlungsfähigkeit ist es für die gewalterleidende Person, sich einzugestehen, dass sie den Partner eben nicht ändern, retten oder sein Verhalten steuern kann. Verhalten steuern kann. Sprache ist unser Instrument und wir wollen sehen, wie Benennen wirken kann. Alles Material kommt von der Klientin. Wir unterstützen sie beim zur Sprache bringen und Worte finden für ihr Erleben. Meiner Erfahrung nach kann es enorm entlasten und erkenntnisförderlich wirken, einen Begriff für ein bisher nur vage empfundenes Unbehagen zu entwickeln. Beispiele für dieses wirksame Auf-den-Begriff-Bringen sind empowernde Selbstbezeichnungen wie queer, non-binary, genderfluid oder auch ein Wort wie mental load, das als Werkzeug dienen kann, um eine problematische Arbeits- und Verantwortungsverteilung innerhalb einer Beziehung zu benennen. Das vorher Unbenannte wird fassbar, die Verwirrung klärt sich auf, die Selbstbeschuldigung kann beendet werden. Dadurch entsteht neue Handlungsfähigkeit. Die klare Benennung von Gewalt ist auch deswegen unumgänglich, weil sie das notwendige Gegengewicht zur Negierung, Umdeutung oder Verharmlosung durch die gewaltausübende Person bildet. Denn diejenige Person, die Gewalt ausübt, leugnet sehr häufig ihr eigenes Verhalten, spricht der betroffenen Person ihre Wahrnehmung ab. Gewaltausübende begreifen sich sehr oft vorrangig als Opfer und stellen sich als solche dar. Diese Verleugnung der eigenen Handlungen, das war nicht so, das bildest du dir ein, du bist ja verrückt, niemand wird dir glauben und die Beschuldigung der Betroffenen, du hast mich provoziert, stellen selbst gewaltvolle Strategien dar. Es ist darum unerlässlich, im Rahmen einer Beratung oder Therapie, die Manipulationen, den sogenannten Brainwash oder das Gaslighting eines gewalttätigen Partners buchstäblich Schicht für Schicht abzutragen, wie einen Haufen Schutt, um die Selbstwahrnehmung und die Urteilskraft der Betroffenen wieder zu ermöglichen. Ich erinnere an den Unnamming-Begriff von Agnes Steffenson. Ein Zitat aus unserer Studie, Zitat P4, aber je mehr ich erzählt habe, umso leichter ist es mir gegangen. Es war so wie Steine, die da irgendwie abrollen, weggehen. Sich selbst wieder ernst nehmen und sich zu trauen, die eigenen Empfindungen überhaupt wieder zu spüren, sind essentielle Schritte im therapeutischen Prozess und wirken präventiv im Sinne besserer Fähigkeit zum Selbstschutz. Ein Satz wie, aus meiner Sicht ist das, was Sie erzählen, psychische Gewalt, ist eine starke Intervention, an der sich abgearbeitet werden kann. Wird die Aussage zu früh im Prozess geäußert, wird sie möglicherweise als zu heftig erstmal abgewehrt. Allerdings habe ich sehr viel öfter erlebt, wie enorm die Erleichterung der Klientin war, endlich einen Namen für den eigenen Leidenszustand zu haben und durch eine klare Positionierung Stärkung zu erfahren. Nämlich die Positionierung, dieses Verhalten ist nicht normal. Es gibt möglicherweise Gründe dafür, aber keine Rechtfertigung. Sie sind nicht schuld an der Gewalt, die sie erleben und sie haben das Recht, sich zu schützen und zu wehren. Sehr oft habe ich von Klientinnen den Wunsch gehört, Zitat, das hätte ich gebraucht, dass das mal einer als Gewalt benennt, was ich erlebe. Oder auch, hätte mich doch mal jemand gefragt, ob ich Gewalt erlebe. Schweigen reproduziert Gewalt. In diesem Sinne können Neutralität oder Abstinenz von PsychotherapeutInnen auch als ignorierende Gesten und Akte missbraucht werden. Wir alle wollen die massive patriarchale Gewalt im Herzen unserer Geschlechterarrangements nicht wahrhaben. Auch im psychotherapeutischen Setting wird diese zum Selbstschutz vor der eigenen Konfrontation immer wieder durch durch Verschweigen unsichtbar gemacht von beiden Seiten. Klientin, Therapeutin. Die Tatsache, dass in Liebesbeziehungen so häufig Gewalt ausgeübt wird, ist schwer erträglich. Die Vorstellung, dass das eigene Zuhause, die eigene Partnerschaft, der statistisch wahrscheinlichste Ort ist, an dem Frauen und Mädchen verletzt und manche auch getötet werden, ist schwer auszuhalten. Umso wichtiger ist es, hier keine falsch verstandene und als Kälte erlebte Gleichgültigkeit im Gewand von Abstinenz zu praktizieren. Das Credo von Psychotherapie, die Arbeit am Selbst, geht ins Leere, wenn Gewalt nicht erkannt und benannt wird. Es wird dann nicht über konkrete Schutzmaßnahmen gesprochen, sondern es werden immer wieder aufs Neue Möglichkeiten des Umgangs mit dem gewalttätigen Verhalten besprochen. Polemisch gesagt, wie die Frau es besser aushält. So formulieren das Ratsuchende auch selbst oft als Anliegen an Beratung oder Therapie. Wie halte ich es besser aus? Sagen Sie mir das. Das Erleiden von Gewalt kann eine existenzielle Beschämung bedeuten, sodass die beschämte Person nicht über das Erlebte sprechen kann. Wenn auch alle anderen Personen in ihrer Umgebung nicht darüber sprechen, wenn nicht einmal die Psychotherapeutin darüber zu sprechen vermag oder bereit ist, multipliziert sich die Unfähigkeit des Benennens und Bezeugens und damit auch die Scham. Zu fragen ist also auch nach den Schamgefühlen der Therapeutin, des Therapeuten. Warum fällt es womöglich auch ihr oder ihm schwer, Gewalt anzusprechen oder nachzufragen? Möglich auch ihr oder ihm schwer Gewalt anzusprechen oder nachzufragen. Giselle Pellicot fordert, die Scham muss die Seite wechseln. Wie schaffen wir das als ganze Gesellschaft, als gesamte Kultur? Ein deutliches Ergebnis der qualitativen Studie, was wirkt gegen Gewalt an Frauen 2022, ist eben die hilfreiche Wirkung der Benennung und der parteilichen Positionierung. Auszugsweise möchte ich wieder zwei Zitate nennen. Für mich als Betroffene war das Aufmerksam machen in der Frauenberatung, dass das Gewalt ist, was ich erlebe, bahnbrechend für meine Zukunft. Zweites Zitat, ich fühle mich verstanden und ernst genommen und das war bisher noch nie der Fall. Sehr viele Frauen erzählen in der Frauenberatung zum ersten Mal über die Gewalt, die sie erleben. Viele halten jahrelang, jahrzehntelang die Fassade einer heilen Familie aufrecht. Allerdings wurden, selbst wenn die Frauen von gewaltvollen Erfahrungen erzählten, diese häufig nicht als solche ernst genommen, sondern in Frage gestellt, verharmlost, umgedeutet, nicht selten auch im Rahmen von Beratung oder Therapie. Die Klientinnen berichten von Sätzen wie, ja was haben Sie denn dazu beigetragen, dass es dazu gekommen ist? Es sind immer beide Partner zu gleichen Teilen verantwortlich. Da gehören schon immer zwei dazu. Oder sogar, Sie haben sich diesen Partner ausgesucht, weil Sie etwas lösen müssen. Und damit war nicht die Trennung vom Gewalttäter gemeint. Das Nichtbenennen der Gewalt bestärkt die Frau oft in der Meinung, sie wäre selbst schuld an dem, was ihr passiert. Sie müsse nur mehr oder besser an sich arbeiten, dann würde ihr Partner sich nicht mehr von ihr provoziert fühlen, nicht mehr wütend auf sie sein, sie nicht mehr anschreien, kontrollieren, bedrohen. Das ist ein Trugschluss. Zu glauben, man könnte das Verhalten des Partners steuern. Im Extremfall führt dieser Glaube zum Femizid. steuern. Im Extremfall führt dieser Glaube zum Femizid. Wir erleben in Beratungen und Psychotherapien mit Betroffenen von Gewalt eine quälende Suche nach Möglichkeiten, die Beziehung erträglich zu machen. Es ist schon sehr, sehr schwierig, das, was passiert, überhaupt anzusprechen, es sich einzugestehen. Ganz schnell wird mit der Suche nach dem eigenen Teil der Verantwortung am Beziehungsgeschehen weitergedacht. Oft stellen Betroffene sich selbst und den TherapeutInnen die Frage, wie muss ich mich verhalten, damit er nicht wieder aggressiv wird. Sich mit der eigenen Verantwortlichkeit für die Situation und der Schuld an einer misslingenden Beziehung zu beschäftigen, ist Teil einer typisch weiblichen Sozialisation. Beziehung zu beschäftigen, ist Teil einer typisch weiblichen Sozialisation. Denn typisch weibliche Sozialisation legt den Fokus auf Beziehungserhalt und Bindung anstatt auf Autonomie. Den Blick von der Schuld für das Verhalten des Partners auf die Verantwortung für das eigene Leben zu richten, ist oft schwierig und schmerzhaft. Denn mit diesem Schritt zerbricht nicht selten eine ganze Lebenskonstruktion, in der die Beziehung und die Familie das zentrale Element darstellen. Innere Glaubenssätze wie, ich darf mich doch nicht vom Vater meiner Kinder trennen, ich darf doch die Familie nicht zerstören, wirken hinderlich. Manche Frauen schaffen es erst durch die Identifikation mit ihren Kindern, diesen Schritt zu wagen. Erst wenn offensichtlich wird, dass die Kinder an der gewaltvollen Situation leiden, gibt es ausreichend Grund, etwas an der Situation zu ändern. Allerdings dienen Kinder auch häufig als Rechtfertigung, sich nicht aus einer Beziehung zu lösen, wenn die Frau noch nicht zu gehen bereit ist. Wenn die Frau noch nicht zu gehen bereit ist. Hier ist die Verleugnung der Betroffenheit und Schädigung der Kinder durch die Gewaltsituation oft erschreckend drastisch. An dieser Stelle ein ganz kurzer Exkurs zur institutionellen Ebene. Paartherapie, Mediation, Familiengerichtshilfe, Eltern- und Erziehungsberatung. All die Institutionen, die durch die Psychologisierung der Familienrechtsverfahren aufgerufen werden als Unterstützung zur Konfliktlösung, bieten ein weites Feld für die Fortsetzung dieser Dynamik. Eine Person, die Gewalt durch ihren Partner erlebt, kann in seiner Anwesenheit nicht frei sprechen, denn draußen bzw. zu Hause geht die Gewalt weiter. Das erzählen uns Frauen sehr häufig auf unsere Frage, ob sie die erlittene Gewalt denn zum Thema gemacht haben. In der Mediation, bei der Familiengerichtshilfe. Ich habe mich nicht getraut darüber zu sprechen, weil wenn ich das erzähle, geht es nach der Sitzung noch viel schlimmer weiter. Und es würde mir ohnehin niemand glauben. Exemplarisch eines von zahllosen Beispielen aus der Frauenberatung zur Veranschaulichung. Ein Mediator sagte zur Frau, ja wenn jemand schreit, müssen sie schon nachgeben, sonst schaden sie ihrem Kind. Am Tag nach der Mediation meinte der vierjährige Sohn zur Mutter, der Papa hat gesagt, wenn du dich nicht im Zimmer eingesperrt hättest, dann hätte er dich auch nicht geschlagen. Warum hast du den Papa geärgert? Wir sehen, Manipulation wirkt auch auf die nächste Generation. Kurzer Exkursende. Warum wird also in so vielen Therapien so wenig über erlebte Gewalt gesprochen? Neben der Angst könnte eine Hürde sein, dass der Übergang von einem bloßen Macht-Ungleichgewicht hin zur Gewalt oft schwierig zu definieren ist. Für die Klientin ebenso wie für die Therapeutin. Einige Beispielsätze zur Illustration. Immer wenn ich versuche zu erklären, wie es mir geht, wird er noch wütender. Da sage ich lieber nichts mehr, sonst wird es nur noch schlimmer. Er gibt mir das Gefühl, alles falsch zu machen und nichts wert zu sein. Manchmal denke ich, dass er recht hat und ich an allem schuld bin. Ich treffe meine Freundin nicht mehr, weil er nicht will, dass ich mit anderen über unsere Beziehung rede. Oder auch, wenn mein Mann wüsste, dass ich hier über ihn spreche, wenn er das erfährt, dann passiert was. Oder ganz schlicht, ja klar kontrolliert er mein Handy. Oft ist der Punkt, ab dem das Beziehungsgeschehen als gewaltvoll zu bezeichnen ist, kaum auszumachen. Oft ist der Punkt, ab dem das Beziehungsgeschehen als gewaltvoll zu bezeichnen ist, kaum auszumachen. Schleichend entwickeln sich Dynamiken wie die eigenen Bedürfnisse zurücknehmen, sich anpassen, nicht dagegen zu reden, sich vorrangig in den Partner einfühlen und auch bei unangenehmem Verhalten still zu bleiben, hin zu expliziter Gewalt. Eben wiederholt, systematisch angsterzeugend, schädigend. Der Schritt zu psychischer Gewalt wird oft lange nicht wahrgenommen, weil dieses Verhalten auch im sozialen Umfeld noch oft als Normalität gilt. Meine letzte Folie richtet darum den Blick auf uns selbst zurück. Welches Verhalten finden wir selbst noch normal? Welches finden wir grenzwertig? Und welches finden wir eindeutig gewaltvoll? Vielen Dank.