Dann kommen wir zu unserem letzten Vortrag dieses halben Tages und erwarten Gerhard Burdas Vortrag mit dem Titel Die Zeit heilt alle Wunden. Privatdozent Mag. Dr. Dr. Gerhard Burda ist Philosoph, Psychotherapiewissenschaftler, Lehranalytiker der analytischen Psychologie und Gründungsmitglied des Vereins für kritische Psychotherapiewissenschaft VKP. Mitglied des Vereins für kritische Psychotherapiewissenschaft, VKP. Er verbindet klinische Praxis mit Kultur und medienteoretischer Reflexion und fragt nach den epistemischen und ethischen Voraussetzungen psychotherapeutischer Erkenntnis. Seine zahlreichen Publikationen formierten eine eigenständige Position im psychotherapiewissenschaftlichen Diskurs und bewegen sich an der Schnittstelle von Ontologie, Psychoanalyse und Medialität. Lieber Gerhard, ich darf dich bitten und ich freue mich schon sehr auf deinen Vortrag. Ja, vielen Dank für die nette Begrüßung. Wenn ich die Vorträge ein bisschen Revue passieren lasse, die ich heute gehört habe, dann geht mir der Begriff, es geht um Bewusstsein für die verschiedensten Dimensionen des Traumas durch den Kopf. Und bevor ich mit meinem Vortrag beginne, möchte ich vielleicht zwei Motive mit Ihnen teilen, die mich dazu bewogen haben, das so zu Papier zu bringen. Das eine sind die überall merkbaren Spaltungen, die durch die Gesellschaft gehen, die unsere Nationen betreffen, aber auch einen geopolitischen Umkreis betreffen. Und das Zweite ist eine Erfahrung, die einige Jahre zurückliegt, bevor der Lockdown begann. Am letzten Abend vor dem Lockdown hatte ich mit einem Jazzquartett ein Konzert und es waren kaum mehr Leute da, weil alles schon irgendwie niederging. Was spannend war, dass zum selben Zeitpunkt eine japanische KI einen Meteoriten entdeckt hatte, der ganz knapp an der Erde vorbeigeschrammt ist, von dem niemand etwas wusste. Also eine ganz andere Form von Traumatisierung, die im Raum stand, plötzlich von der niemand etwas wusste. Mir fällt noch ein Erlebnis ein, auf einem Kongress, einem internationalen Kongress, damals in Montreal, Ich mache ein Erlebnis ein auf einem Kongress, einem internationalen Kongress damals in Montreal. Ich kam aus einem Treffen mit First Nation Healer von der Tundra bis in die Great Plains hinein. Und die Botschaft an uns westlich sozialisierte Therapeutinnen war, seid froh, dass ihr nicht wisst, welches Leid euren Generationen, euren Vorfahren widerfahren ist. Also Internkultur ist das Lebendige in unserer Kultur. Wir sind in einem sehr luxuriösen und bevorzugten Umfeld aufgewachsen, meiner Generation nach dem Krieg und alles Nachfolgende. Uns ist vieles verloren gegangen. Wir stellen vieles als selbstverständlich hin, was nicht so selbstverständlich ist. Und ich denke, was wir gerade tun, ist, wir räumen diese Vergangenheit langsam in den Mittelpunkt, versuchen die verschiedensten Positionen neu zu durchdenken, zu verstehen, welche Fantasien im Hintergrund wirksam sein müssen, dass gewisse Positionen überhaupt formuliert werden können. Patriarchat und was weiß ich alles. Gut, ich beginne mal. Die Zeit heilt alle Wunden. So lautet eine geläufige Redewendung. Doch sie ist nur bedingt wahr. Zeit lässt Verletzungen verblassen, aber sie bringt auch neu hervor. Manche Wunden heilen, andere strukturieren ganze Lebensgeschichten. Eine These lautet, Trauma ist nicht nur ein punktuelles oder episodisches Ereignis oder eine klinische Störung, es gehört zur Grundstruktur menschlicher Existenz. Es gibt eine Dimension von Trauma, die unverfügbar ist. Ich nenne sie mal die vertikale Dimension von Trauma. Und es gibt Formen von Trauma, die aus dem Umgang mit dieser Unverfügbarkeit entstehen. Diese horizontale Traumatisierung ist veränderbar. Menschen sind einer existenziellen Offenheit ausgesetzt, die sie nie vollständig kontrollieren können. Wir wissen nicht, warum wir sind. Wir wissen nicht, wohin wir gehen und wir können die Bedingungen unseres Daseins nicht vollständig bestimmen. Diese Offenheit ist produktiv. Sie ermöglicht Kreativität, Beziehung, Kultur. Zugleich ist sie verstörend. Sie enthält einen Moment aus Überwältigenden. Seit jeher versuchen Menschen mit dieser Spannung umzugehen. In Mythen, Religionen, Wissenschaften, politischen Ordnungen, in Kunst und Therapie, aber auch mittels Symptomen. Kultur selbst kann als eine Antwort auf existenzielle Überforderung verstanden werden. In der Spätmoderne verschärft sich diese Situation. Traditionelle Bindungen verlieren an Selbstverständlichkeit. Das Individuum erscheint frei, doch diese Freiheit gibt leicht in Normierung. Selbstoptimierung wird zum Imperativ. schlägt in Zwang um. Wenn wir also fragen, was beim Trauma verhindert werden kann und was nicht, müssen wir zwischen dem unvermeidbaren Moment existenzieller Unverfügbarkeit und seinen historischen, kulturellen und relationalen Ausformungen unterscheiden. Um diese Unterscheidung systematisch zu entfalten, möchte ich im Folgenden ein Vier-Ebenen-Modell vorstellen. Wir nehmen einen Gesamtzusammenhang von vier Durchdringungsebenen an. Mit Durchdringung meine ich die Grundmodalität des Existierens als eine Differenz für sich, die es immer nur in Verbindung mit anderen geben kann. Die anderen schreiben sich in uns auf vielfältige Weise ein. Wir schreiben uns ebenso in sie ein. Das betrifft zunächst den mitmenschlichen Kontext, geht aber weit darüber hinaus ins Nicht- und Unmenschliche. Das Gesamte stellt eine Sinnstruktur dar. Sinnstruktur bezeichnet die Art und Weise, wie wir uns im Leben einrichten, wonach wir uns orientieren, woran wir glauben und was wir hoffen. Die vier Ebenen sind durch eine transversale, das heißt durch alle Ebene verlaufende Grunddynamik von Verbindung und Trennung strukturiert. Die erste Ebene. Die erste Ebene betrifft das, was uns vorauslegt und uns widerfährt. Ich bezeichne sie als existenziell apophatische Ebene, kurz D1. Hier geht es um die ursprüngliche Anrufung durch das Leben selbst. Wir finden uns vor in einem Körper, im Bewusstsein, im Affekt, im Traum, im Hunger, in Sexualität, in Gewalt und in Tod. Diese Dimension ist nicht gewählt. Sie geschieht. Sie widerfährt. In der natürlichen Einstellung erleben wir vieles ohne nachzudenken als real. Doch D1 ist mehr als bloße Faktizität. Sie besitzt eine Wirkmächtigkeit, die sich unserem Zugriff entzieht. Rudolf Otto hat für diese Erfahrung den Begriff des Numinosen geprägt. Ein gleichzeitiges Erschrecken und Faszinieren. Ein Staunen und Schaudern angesichts von etwas, das größer ist als wir selbst. Diese Erfahrung ruft Fragen hervor. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was bedeutet das alles? Die Antworten darauf entstehen jedoch erst auf der nächsten Ebene D2. Doch zuvor eine Analogie. Jacques Lacan beschreibt das Unbewusste als Resultat einer frühen Verführung. Das Kind ist auf andere angewiesen, versteht aber nicht vollständig, was diese von ihm wollen. Es übersetzt die Botschaften der Bezugsperson, aber nie vollständig. Ein Rest bleibt unübersetzbar. Dieser Rest wird verdrängt und bildet das Unbewusste. Das Unbewusste kommt vom Anderen. Das ist übrigens ein schönes Beispiel für Durchdringung. Wenn man das jetzt existenziell umformuliert, dann bedeutet das, dass der Mensch gewissermaßen vom Leben verführt wird. Er wird vom Leben zum Leben verführt, ohne zu wissen warum. Er ist angerufen, ohne den Absender zu kennen. Darauf muss er antworten. Kollektiv wie individuell. Die Antwort und damit Bedeutung entsteht immer erst im Nachhinein. Wenn wir die Ebene der Eins strukturtheoretisch fassen wollen, stoßen wir auf ein zentrales Moment. Das ist Selbstdifferenz. Das heißt, nichts ereignet sich hier als geschlossene Einheit. Alles geschieht in einem Prozess wechselseitiger Durchdringung und Differenzierung. Auch das Subjekt entsteht nicht als identische Substanz, sondern als Differenz für sich in einem medialen Prozess mit anderen. Es gibt kein Selbst ohne Bezug auf anderes. Und dieses andere ist nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich wirksam. Das drückt sich etwa in inneren Anrufungen aus. in sich, in die sich anderes eingeschrieben hat und einschreibt. Das Subjekt ist, könnte man sagen, singulär-plural zugleich, in Bezug auf außen wie nach innen. Zunächst könnte man meinen, diese Ebene sei rein mechanisch wie ein Naturgesetz. Wenn alles nur als Selbstdifferenz geschieht, wo bleibt dann nur als Selbstdifferenz geschieht, wo bleibt dann Individualität, wo bleibt das eigene? Entscheidend ist nun, auch das Gesetz dieser Ebene unterliegt der Selbstdifferenz. Es kann nicht seine eigene Ausnahme sein. Würde es sich selbst ausnehmen, wäre es widersprüchlich. Auch das Gesetz ist Selbstdifferenz. Es könnte daher in D1 ganz anderes entstehen als das, was wir nur als Selbstdifferenz erfassen können. Das bedeutet, diese Dimension ist offen. Sie ist nicht vollständig bestimmbar. Sie ist endimensional. Und genau hier liegt ihr apophatischer Charakter. Sie entzieht sich jeder abschließenden positiven Bestimmung. Man kann nicht einmal sagen, was sie nicht ist. Darin liegt ihre Unverfügbarkeit. sondern als etwas, bei dem sich das mediale Feld überschreitet. Das Feld zieht sich gewissermaßen zusammen und überschreitet sich dabei. Die Urform des Subjekts entsteht hier als Trajekt. Das ist ein Begriff, den ich mit Thomas gemeinsam kreiert habe, und zwar aus dem Zusammenspiel dieser beiden Wörter Trans, also als Überschreitung, und Trare, Kontrahre zusammenziehen. Doch das Subjekt ist mehr als das. Es ist zugleich ein unverfügbares Subjekt, das sich seinen eigenen Ursprung nicht vollständig aneignen kann. Ein unverfügbares Moment bleibt immer, nach außen wie nach innen. Und genau dieses unverfügbare Moment ist entscheidend, wenn wir von Würde sprechen, sei es Menschenwürde oder im Sinne einer weiter gefassten Schöpfungswürde. Hier in der Eins liegt das, was ich die vertikale Dimension von Trauma nennen würde. Ich komme zur zweiten Ebene. Die zweite Ebene, die zwei, ist die Ebene der kollektiven Ordnungssysteme, der Ontologien, der Weltmodelle. Hier werden Antworten auf existenzielle Anrufungen von D1 formuliert. Was dort als Numinose Überwältigung erscheint, wird hier symbolisch verarbeitet. Das geschieht in Riten, in Mythen, Religionen, Wissenschaften, politischen Ordnungen, moralischen Systemen. Sie alle strukturieren die Wirklichkeit sprachlich, symbolisch, performativ. Eine zentrale Operation dieser Ebene ist die Unterscheidung von sakral und profan. Das ursprünglich Überwältigende wird aufgeteilt. Es wird gebändigt, indem es strukturiert wird. Und paradoxerweise geschieht das durch Wiederholung. Gewalt wird rituell reinszeniert, um reale Gewalt kontrollierbar zu machen. Es entsteht eine profane Sphäre mit einem ideologischen Überbau. Kulturen sind in diesem Sinne auch Traumarchive. Sie tragen Spuren von Gewalt in sich, selbst dort, wo sie sich als human oder aufgeklärt verstehen. Der Anthropologe Maurice Bloch hat diesen Zusammenhang mit dem Begriff der Rebounding Violence beschrieben. Gesellschaften zirkulieren um Gewalt, indem sie sie symbolisch transformieren. Sie entstehen im Durchgang durch ein Todesfantasma. Das heißt, im Hintergrund jedes Gesetzes steht ein Moment von Setzung und Setzung ist nie völlig gewaltfrei. Die zweite Ebene der Ordnungssysteme. gewaltfrei. Die zweite Ebene ist die Ordnungssysteme. Ordnungssysteme bilden sekundäre Ur-Szenen, die die ursprüngliche Selbstdifferenz weiter ausbilden. Ich führe einen neuen Begriff ein, den Begriff der Ur-Szene. Eine Ur-Szene besteht strukturell aus drei Elementen. Aus einem Raum, das kein psychischer Raum, sozialer Raum, ethischer Raum sein, aus einem Gesetz und einem subjektiven Freiheitsgrad, der vom Gesetz und der Qualität des Raumes abhängt. Das Gesetz strukturiert den Raum und weist dem Subjekt eine Position und einen Handlungsspielraum zu. Innerhalb dieser Position bewegt sich Freiheit. Was ein Subjekt ist, Identität, Rolle, Werte, entsteht in dieser Struktur und wird relational über die Ebene D3 weitergegeben. Subjektivität ist hier kein innerer Kern, sondern das Resultat von Subjektivierungen. Und Subjektivierungen sind kollektive Normierungen. Weitere Ausformerung von Selbstdifferenz, die es schon auf der 1 gab. Entscheidend ist nun, die Inhalte von Ordnungssystemen sind veränderbar. Das ist wichtig für Politik, für die Wissenschaft, für Psychotherapie. Ihre formale Struktur, nämlich die Momente von Verbindung und Trennung, ist es nicht. Veränderung bedeutet daher nicht Auflösung von Struktur, sondern Neubildung von Verbindungs- und Trennungsverhältnissen. Neubildung von Ur-Szenen, das ist ganz wichtig in der Therapie. Auch Therapie ist in diesem Sinn kein Rückgang zu einem ursprünglichen Selbst, sondern die Bildung einer neuen Ur-Szene und damit eines neuen Selbst- bzw. Sinnverhältnisses, das nicht nur das Subjekt betrifft, sondern auch den sozialen, politischen Raum und das Gesetz. Hier auf T2 geht es also um die horizontale Dimension von Trauma. Horizontal entsteht Trauma dort, wo Ordnungssysteme rigid werden, wo Gesetze nicht mehr schützen, sondern dominieren, wo Räume nicht mehr offen sind, sondern einsperren. Und hier liegt der Bereich tatsächlicher Veränderbarkeit. Das betrifft auch klinische Bilder. Wenn wir die Ebenen unterscheiden, wird zum Beispiel der Unterschied zwischen Neurose und Psychose deutlicher. Bei der Neurose hat eine Differenzierung durch die zwei stattgefunden. Das Gesetz ist wirksam geworden. Doch das Verhältnis zwischen Eigenem und Anderem, zwischen Innen und Außen bleibt dabei konflikthaft. Die Neurose ist eine gespannte Selbstdifferenz. Bei der Psychose ist die Situation grundlegend anders. Hier bricht die vermittelnde Funktion der Ordnungssysteme weg. Die Verbindung zu D2 löst sich. Was folgt, ist eine Verbindung ohne Trennung. Innere Anrufungen werden als von außen kommend erlebt. Gedanken ersbrochene Selbst- und Weltgefüge wird neu aufgebaut, allerdings ohne stabile Differenzstruktur. Man könnte sagen, die Psychose ist eine traumatische Überwältigung durch D1, ein Durchbruch nominoser Gewalt, auf den mit der Errichtung eines eigenen psychotischen Ordnungssystems reagiert wird. Der Numinose-Charakter kehrt zurück, jedoch ungebändigt. Es entsteht ein sakral-profanes Gefühl eigener Art, mit eigenen Gesetzen, eigenen Bedeutungszentren, eigenen Anrufungen, die auch nach außen gehen, zum Beispiel an heilende Berufe. Paradoxerweise zeigt sich hier auch Freiheit in ihrer Fragilität und angesichts äußerster Fragilität. Das psychotische Subjekt versucht das zu ergreifen, was es ergriffen hat. Doch es fehlt die Einsicht in eine Grenze, in das, was nicht vollständig verfügbar ist. Reflexion ist eingeschränkt. Alles erscheint als unmittelbar zugänglich. Hier wird deutlich, warum D2 so entscheidend ist. Ordnungssysteme führen Differenz ein. Sie ermöglichen Distanz. Wo diese Distanz fehlt, wird das Feld total und das Subjekt instabil. Was hat das für ethische Konsequenzen? Die Psychose ereignet sich nicht im luftleeren Raum, sie geschieht in einem sozialen Gefüge. Deshalb ist sie nicht nur individuelles Schicksal, sondern auch eine Frage kollektiver Verantwortung. Diagnosen sind notwendig, aber sie sind nie neutral. Sie stehen immer in einem bestimmten Ordnungssystem und sind ideologisch gefärbt. Das psychotische Subjekt darf daher nicht mit seiner Diagnose identifiziert, nicht darauf reduziert werden. Denn selbst im extremsten Bruch bleibt ein unverfügbares Moment von Subjektität und damit Würde erhalten. Ich komme zur dritten Ebene, zur Ebene der personalisierten Relationierung. Die frühe Beziehungsebene D3 ist der Ort, an dem D2, die Ordnungssysteme, relational verinnerlicht wird. Das Kind begegnet keinem neutralen Anderen, sondern einem bereits subjektivierten Anderen, einem Elternteil, der selbst durch Ordnungssysteme, Normen, Ideale und unbewusste Konflikte geprägt ist. Der Elternteil hat eine eigene Geschichte mit Anrufungen. Subjektivierung wird hier verkörpert und in Form von äußeren Anrufungen weitergegeben. Diese werden zu inneren Anrufungen. Ein besonders instruktives Beispiel dafür ist Freud's Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Narzissmus. Dazu gibt es ein schönes Buch von Isolde Karim, Die Qualen des Narzissmus. Der primäre Narzissmus bezeichnet in Zustand früher Selbstbezogenheit. Im sekundären Narzissmus wird die libidinöse Besetzung wieder auf das Selbst zurückgeführt unter dem Einfluss von Idealen. Der Narzissmus ist gewissermaßen eine Schnittstelle von Außen und Innen. Entscheidend ist nun, das Ich-Ideal ist nicht rein innerpsychisch, es ist zugleich sozial vermittelt. Es ist Erbe früher Beziehung und Träger kollektiver Normen. früher Beziehung und Träger kollektiver Normen. Damit wird deutlich, die Anrufung des Subjekts erfolgt nicht nur von außen, sondern auch von innen. Doch dieses Innen ist bereits durch das Außen strukturiert. Und darin liegt eine Fahle. Das Ich-Ideal verspricht etwas Paradoxes. Es suggeriert, der ursprüngliche Zustand von Ganzheit könne wiederhergestellt werden, wenn nur die richtigen Anforderungen erfüllt werden. Damit entsteht ein struktureller Zirkel. Anpassungen an äußere Normen streben nach Einzigartigkeit, permanente Selbstmodifikation, chronische Unzufriedenheit. Im Über-Ich erscheint dieser Prozess als Anpassungsdruck an Normalität, im Ich-Ideal erscheint er als Zwang zur Besonderheit. Das Tragische ist, Einzigartigkeit wird zur Norm und genau deshalb kann sie nie eingelöst werden. Und hier entsteht ein fruchtbarer und furchtbarer Boden für Scham, Schuld, Aggression und für Retraumatisierung. D3 ist also der Ort, an dem äußere Anrufungen aus D2 zu inneren Anrufungen werden. Und diese inneren Anrufungen können rigider sein als jede äußere Autorität. Traumatisierung entsteht hier nicht nur durch reale Gewalt, sondern durch internalisierte Ideale, die keine Grenze kennen und gewaltsam sind. Und gerade in spätmodernen Selbstoptimierungskulturen wie dieser Mechanismus massiv verstärkt. Individualität wird verordnet und genau das bedarf einer Reflexion, weil es nicht möglich ist. Damit komme ich zu T4, zur Ebene der Individualisierung. Die Spannung zwischen Individualität und Kollektivität endet nicht beim Individuum, nicht mit D4. Sie skaliert. Auf geopolitischer Ebene zeigt sie sich bevorzugt als Polarisierung. Auf der einen Seite steht die Idealisierung eines souveränen, autonomen Subjekts, losgelöst von relationalen Bindungen. Hier wird Freiheit mit Entbindung verwechselt. In extremen Ausprägungen entstehen technokratische oder libertäre Zukunftsentwürfe, die demokratische Aushandlungsprozesse als hinderlich betrachten und Machtkonzentration legitimieren. Auf der anderen Seite steht die Tendenz, Identität primär kollektiv zu definieren. Hier wird Zugehörigkeit zum moralischen Maßstab. Das Individuum tritt hinter Gruppenzuschreibungen zurück. Beide Positionen regieren auf dieselbe Grundspannung, aber sie lösen sie nicht. Beide verschieben eine gesunde Balance von Verbindung und Trennung. Wenn Individualität absolut gesetzt wird, entsteht Isolation. Gesellschaftlich gesehen entsteht das Paradoxon einer asozialen Sozietät. Wenn Kollektivität absolut gesetzt wird, entsteht Konformitätsdruck. Das weist auf eine negative Ursinnung hin. Das Subjekt merkt gar nicht, unter welchem Gesetz es steht. In beiden Fällen werden horizontale Traumatisierungen verstärkt. Es kommt zu Entwertungen, zu Ausschluss, zu moralischer Polarisierung, zu Feindbildung. Das Grundproblem liegt nicht auf einer der beiden Seiten, sondern in der Verabsolutierung, in der Idealisierung der eigenen und Dämonisierung der anderen Position. Und hier ist es wichtig einzusehen, dass beide Positionen Kollektivierungen sind, die Individualität verhindern. Es geht um rigide Gesetzmäßigkeiten. Was verloren geht, ist die Einsicht, dass Singularität nur in Pluralität existieren kann und Pluralität nur durch singuläre Differenz lebendig bleibt. Reife Struktur verlangt eine Balance von Singularität und Pluralität. Hier zeigt sich noch einmal die Bedeutung der vertikalen Dimension. Wenn die existenzielle Unverfügbarkeit von der Eins nicht anerkannt wird, versuchen politische Systeme sie zu kompensieren oder zu korrumpieren. Durch Unterwerfung, durch totale Kontrolle oder totale Identifikation. Es sind Versuche, das Unverfügbare verfügbar zu machen. Und genau hier entstehen neue kollektive Traumadynamiken. Politische Polarisierung ist eine Form horizontaler Traumadynamik. Ich fasse kurz zusammen. Auf D1 geht es um das Unverfügbare, das uns widerfährt. Es ist der Bereich vertikaler Traumatisierung. D2 ist das System, hier geht es um Ordnungssysteme, die dieses Unverfügbare deuten. Hier entsteht der Boden für horizontale Traumatisierung. Auf die 3 wird diese Ordnung relational verinnerlicht. Äußere Anrufungen werden zu inneren. Und die 4 bietet uns die Möglichkeit, das alles reflexiv zu beantworten. Trauma ist nicht nur ein episodisches Ereignis, sondern hat eine strukturelle Dimension. Die vertikale Dimension ist nicht aufhebbar. Veränderbar sind symbolische und relationale Ordnungen. Etwas ist bisher zu kurz gekommen. Das ist die Zeit und auf sie möchte ich abschließend kurz eingehen das vier ebenen modell kann als selbst und als sinnstruktur aufgefasst werden das haben wir bereits ausgeführt das betrifft das individuum ebenso wie das kollektiv es handelt sich um eine verschränkung von singulären undem. Das Modell kann darüber hinaus aber auch als Zeitstruktur verstanden werden, als Verschränkung von subjektiv erlebter, kollektiver und existenzieller Zeitlichkeit. Weiterführend ist dabei eine Unterscheidung, die Unterscheidung von mediatisierter und medialisierter Zeit. Bei D203 geht es um mediatisierte Zeit, um Zeitpunkte, Zeitabschnitte, um Daten, um Identitäten und Kausalität. Hier herrschen konservative Zeitschleifen vor. Zeit ist rückläufig, konservierend, wiederholt Vergangenes. Erinnern wir uns hier an Freud's Todestrip-Theorem und den Wiederholungszwang. Dem können wir Zeit als Medium selbstdifferenter Prozessualität gegenüberstellen. Zeit ist hier Medium des Prozesses von Selbstdifferenzierung, der Vollzug des Fortschreitens eines endimensionalen Feldes, in dem Ereignisse stattfinden. Da haben wir Zeit in ihrer medialisierten Form. Zeit ist hier proleptisch, auf eine Zukunft hingeöffnet, die in ihrem Vollzug liegt und vorwegnimmt, was über eine vorliegende mediatisierte, das heißt fixierte Form zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Offene hinausweist. Medialisierte Zeit bindet die Vier zurück an die Eins, ans Offene und an Individualisierung. Das Subjekt fällt nicht nur in die Zeit, sondern vollzieht sich als selbstdifferente Zeit selbst, allein und durch alle Ebenen hindurch. Dankeschön.