Herzlich willkommen. Wir starten in den Nachmittag nach einer hoffentlich entspannten Mittagspause mit ein paar Sonnenstrahlen und ein bisschen Spazierengehen und hoffentlich gut gestärkt. Wir starten mit dem Vortrag von Esther Huthfless. Was kommt, ist vielleicht schon da. Esther Huthfless ist Philosophin, Psychoanalytikerin und Psychotherapiewissenschaftlerin. Esther Huthfless ist Mitglied im Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und die erste Professorin für queerfeministische Psychotherapiewissenschaft und Psychoanalyse an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Lehrt an der Universität Wien und der Wiener Psychoanalytischen Akademie und sie hat natürlich ihre Professur an der SFU in Linz, Verzeihung, aber auch in Wien. Ist der Hutfless Forschungsfelder umfassend psychoanalytische Theorie und Praxis, feministische und queere Ansätze in der Psychotherapie, Psychoanalyse und Psychotherapiewissenschaft, Poststrukturalismus, Posthumanismus, Dekonstruktion, Geschlecht und Sexualität, Trauma, gesellschaftliche Machtverhältnisse und das Unbewusste und psychoanalytische Gesellschaftstheorien. Wir freuen uns auf deinen Vortrag mit dem Titel Was kommt, ist vielleicht schon da? Vorträglichkeit und die Zeitstruktur des politischen im psychoanalytischen Trauma Begriff. im psychoanalytischen Traumabegriff. Vielen Dank, Agnes, für die wunderbare Vorstellung. Ich werde in meinem Vortrag ein bisschen auch anknüpfen an den gestrigen Tag, einerseits auch an Präsentationen der Studierenden, wo es um die konzeptuelle Fragen gegangen ist, wie können wir Future Trauma verstehen, aber auch, glaube ich, werde ich sozusagen Themen, die in Agnes wunderbaren Vortrag und in dem heute von Elisabeth aufgetaucht sind, auch ein bisschen von einem anderen Zugang her nochmal versuchen, mich dem anzunähern. Was für Fortschritte wir machen. Im Mittelalter hätten Sie mich verbrannt, heutzutage begnügen Sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen. Mit diesem Tagebucheintrag vom 11. Mai 1933, Mit diesem Tagebucheintrag vom 11. Mai 1933, wenige Tage nach seinem 77. Geburtstag, reagiert Sigmund Freud auf die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen in Deutschland. Der Satz ist von einem Zynismus getragen, der Distanz schafft, in einem Moment, in dem politische Gewalt und Bedrohung sich bereits abzeichnen. Der Begründer der Psychoanalyse, der die destruktiven Potenziale menschlicher Triebhaftigkeit wie kaum ein anderer analysiert hatte, unterschätzte in diesem Moment die historische Dynamik. Fünf Jahre später musste er ins Londoner Exil fliehen. Vier seiner fünf Schwestern wurden 1942 in Konzentrationslagern ermordet. Im Rückblick in der Nachträglichkeit erscheinen die Scheiterhaufen der Bücher nicht als singuläre Exzesse symbolischer Gewalt, sondern als Vorboten einer sich radikalisierenden Vernichtungslogik. Ich beginne mit diesem historischen Moment an den Anfängen der Psychoanalyse, weil sich in ihm die Zeitlichkeit politischer Katastrophen mit der Zeitstruktur ihrer politischen Wirkung, ihrer psychischen Wirkung verschränkt. Die nationale sozialistische Vernichtungspolitik fiel nicht plötzlich vom Himmel. Sie kündigte sich an in Diskursen, in institutionellen Verschiebungen, in Gesten der Ausgrenzung und Entwertung, in Akten zunehmender Verfolgung und Gewalt. Gerade diese Vorformen, das Scheinbare noch nicht, das dennoch bereits die Wirklichkeit reorganisiert, der Beginn einer sich formenden Gewaltordnung sind es, die später im Modus der Evidenz als Anfang erzählt werden. Doch dieser Wunsch nach einem eindeutigen Beginn ist selbst Teil einer nachträglichen Erzählökonomie. Er beruhigt, indem er Kontinuitäten auf einen Punkt reduziert. Auch unsere Gegenwart konfrontiert uns mit bedrohlichen Erschütterungen und Einschnitten. Politische Ordnungen, die im westlichen Nachkriegseuropa lange als relativ stabil galten, werden brüchig. Autoritäre nationalistische und faschistische Dynamiken gewinnen an Einfluss. Demokratische Institutionen geraten unter Druck und werden zunehmend ausgehöhlt. Globale Krisen verschärfen sich. Vieles davon wird als kommend verhandelt, als drohende Entwicklung, als düsteres Zukunftsszenario. Und doch wirkt es bereits jetzt in gesellschaftlichen Affektlagen, in der Ausweitung des vermeintlich Sagbaren und in der Verschiebung dessen, was politischers legitim und akzeptabel gilt. Diese Gleichzeitigkeit des noch nicht und des Schon verweist auf eine spezifische Zeitstruktur des Politischen. Zugleich hält sich in Europa vielfach das Gefühl relativer Sicherheit. Gewalt erscheint als etwas, das anderswo geschieht. Zum Beispiel im Iran, in Afghanistan, in Russland, in der Ukraine oder in den USA. Räumlich und kulturell auf Distanz gehalten. Diese Wahrnehmung ist nicht nur politisch, sondern auch psychisch wirksam. Eine Form der Abspaltung, die Bedrohung als fern imaginiert, damit das eigene Hier als intakt erscheinen kann. damit das eigene Hier als intakt erscheinen kann. Doch für viele ist diese Gewalt längst keine bloße Vorahnung mehr. Körperliche Übergriffe, Bedrohungen und politisch motivierte Hetze, zum Beispiel gegen Lesben, Schwule und Transpersonen, nehmen zu. Ebenso Angriffe auf Frauenrechte. Antisemitische und rassistische Gewalt häufen sich Was als drohende Entwicklung verhandelt wird, ist für Teile der Bevölkerung bereits Gegenwart Auch in Gesellschaften, die sich selbst weiterhin als liberal und stabil begreifen Hier zeigt sich, wie die Rede vom Kommenden selbst eine privilegierte Perspektive markieren kann. Was für manche noch als Möglichkeit erscheint, ist für andere längst gelebte Gefährdung. Die politische Verschiebung materialisiert sich asymmetrisch. Sie trifft nicht alle zugleich und nicht alle in gleicher Intensität. Bestimmte Körper, bestimmte Lebensweisen, bestimmte Zugehörigkeiten, bestimmte Subjekte werden früher und schärfer zum Ziel. Und genau diese Asymmetrie begünstigt die Vereinzelungslogik. Die Gewalt ist bereits da, fragmentiert, lokalisiert, oftmals als Einzelfall bagatellisiert, statistisch verhandelt, medial kurz aufleuchtend und rasch wieder überdeckt. In dieser Vereinzelung liegt eine Strukturbedingung. Sie erlaubt es, das Konvergente als Disparates zu lesen, das Systematische als Zufälliges, das sich Verdichtende als bloße Abfolge isolierter Einzelfälle. und blockierte symbolische Repräsentanz eine Integration des Geschehens verhindern und damit die Möglichkeit, sich dazu handelnd ins Verhältnis zu setzen. Damit lässt sich präzisieren, worin die Gegenwart einer zukünftigen politischen Katastrophe besteht. Ihre Wirksamkeit erschöpft sich nicht im spektakulären Einbruch einer nicht mehr zu übersehenden Katastrophe. Sie realisiert sich vielmehr schon im Modus der Streuung, in vereinzelten Gefährdungen, in scheinbar unverbundenen Ereignissen und zugleich in der affektiven Atmosphäre, die sie miteinander verschränkt. Zum Beispiel als diffuse Angst, als latente Anspannung, als Erschöpfung, als zynische Abwehr oder als melancholische Lähmung. In diesem Sinne ist die Gegenwart kein neutraler Zwischenraum zwischen Vergangenem und Kommenden. In ihr wirken Vergangenheiten fort, die nie vollständig integriert und bearbeitet wurden und Zukunfte, die noch keinen Namen tragen. Das vermeintlich noch nicht Eingetretene ist bereits wirksam, gerade auch in der Form seiner partiellen, fragmentierten Realisierung. Es kann Handlungsbereitschaft und Aktivismus, Lähmung und Erstarrung, Imagination und Abwehr organisieren. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage nach Traumakonzepten auf, die dieser Perspektive Rechnung tragen. Konzepte, die Zukunft nicht nur als Objekt politischer Planung, sondern als gegenwärtig wirksame Instanz der Subjektivierung begreifen und damit als potenziell traumatisch eingefärbte Dimension. Während Trauma in der psychoanalytischen Theorie, Elisabeth hat bereits darauf verwiesen, vor allem über die Struktur der Nachträglichkeit gedacht wird, möchte ich diesem Verständnis das Konzept der Vorträglichkeit an die Seite stellen. Als einen Versuch, mich einem theoretisch noch unzureichend bestimmten und in seiner Tragweite schwer fassbaren Zusammenhang zu nähern. In diesem Sinne werde ich das Konzept der Vorträglichkeit auch bewusst in der Schwebe belassen, entsprechend der Struktur dessen, was es bezeichnet. Mit meinem Fokus auf die Vorträglichkeit verwerfe ich die retrospektive Bearbeitung von Katastrophen nicht, sondern ergänze sie durch eine Analyse der gegenwärtigen Produktion traumatischer Horizonte. Mein Begriff der Vorträglichkeit berührt damit den traumatischen Zeitbegriff, ohne jedoch mit ihm identisch zu sein. Beide teilen eine Struktur zeitlicher Verschiebung. Doch während das Trauma die Überwältigung durch das Gewesene bezeichnet, verweist Vorträglichkeit auf die Affizierbarkeit durch das noch nicht. Politische Traumatisierung ist damit kein punktuelles Geschehen, sondern ein Prozess. Sie kann dort beginnen, wo politische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen Subjekte systematisch marginalisieren, isolieren, entrechten oder ihnen ihre symbolische Anerkennung entziehen. Lange bevor die Katastrophe solche benannt werden kann. Erst wenn wir das Zukünftige als eine psychisch und politisch wirksame Dimension der Gegenwart begreifen, können wir jene affektiven Dynamiken verstehen, die unter Krisenbedingungen Handlungsfähigkeit, Solidarität und Imagination ermöglichen oder eben auch hemmen. und Imagination ermöglichen oder eben auch hemmen. Mit Freud ist das Trauma, wie gesagt, bekanntlich als Struktur der Nachträglichkeit organisiert. Ins Französische wird dieser Begriff der Nachträglichkeit als Aprikot übersetzt. Der etymologische Kern von Q, der plötzliche verletzende Einschnitt, der Schlag, bleibt im Aprikur wirksam. Das Trauma ist also ein Schlag, der seine Bedeutung erst im Nachhinein entfaltet. Das heißt, erst ein späteres Geschehen konstituiert ein früheres als traumatisch und verleiht ihm affektive wie symbolische Bedeutung. Psychische Wirkung fällt damit nicht notwendigerweise mit dem historischen Zeitpunkt des Ereignisses zusammen. Freud verdeutlicht diesen Ansatz im sogenannten Fall Emma aus dem Entwurf einer Psychologie von 1895. Emma aus dem Entwurf einer Psychologie von 1895. Emma leidet unter einer scheinbar unbegründeten Angst, allein ein Geschäft zu betreten. In der Analyse erinnert sie sich zunächst an eine Szene aus ihrer Pubertät. Zwei Verkäufer lachen, sie fühlt sich von ihnen in irgendeiner Form sexuell adressiert und verlässt fluchtartig den Laden. Diese Situation erweist sich jedoch nicht als Ursprung ihrer Angst, sondern als zweite Szene. Sie aktualisiert eine frühere, verdrängte Erfahrung. Als achtjähriges Mädchen war Emma in einem Geschäft einem sexuellen Übergriff ausgesetzt. Die erste Szene bleibt zunächst unsymbolisiert. Sie wurde unter dem Eindruck des Schreckens verdrängt. Erst die zweite Szene in der Pubertät, in der sich Sexualität und der Ort-Geschäft erneut miteinander verknüpfen, reaktiviert auf unbewusste Weise die frühere Erfahrung. In der nachträglichen Verschränkung beider Szenen erhält das ursprünglich unverstandene traumatische Moment eine sexuelle Bedeutung und wird fortan symptomatisch wirksam. Traumatische Symptome entstehen demnach nicht notwendigerweise im Augenblick des Ereignisses selbst, sondern möglicherweise in einer zeitlich verschobenen Konstellation. Das Spätere konstituiert das Frühere neu. Das Frühere bleibt latent, weil seine Bedeutung noch nicht gefunden ist. weil seine Bedeutung noch nicht gefunden ist. Damit ist die Vergangenheit nicht abgeschlossen, sondern offen für spätere Bedeutungsverschiebungen und Zuschreibungen. Genau hier setzt auch meine Überlegung zur Vorträglichkeit an. Wenn psychische Zeit nicht linear verläuft, dann ist die Frage nicht nur, wie ein späteres Ereignis im Sinne der Nachträglichkeit ein früheres umkodiert, sondern auch, wie ein noch nicht, ein unbekanntes die Gegenwart bereits strukturiert. In dieser Perspektive erscheint das Unbewusste nicht als bloßer Speicher verdrängter Inhalte, sondern als dynamischer Ort nachträglicher und vorgreifender Bedeutungsproduktion. Seine Zeitlichkeit wäre weniger als Abwesenheit von Chronologie zu verstehen, denn als eine Eigenzeitlichkeit, in der Latenz, Aktualisierung und Antizipation ineinandergreifen. Vorträglichkeit macht sichtbar, dass das Unbewusste nicht nur das Verdrängte bewahrt. Sie verweist auf die affektive und symbolische Wirksamkeit einer Zukunft, die noch nicht mit voller Wucht eingetreten ist und doch bereits die Gegenwart reorganisiert. An dieser Stelle möchte ich auf Hans Keilsons Konzept der sequentiellen Traumatisierung zurückgreifen. zeigt Keilson, dass traumatische Belastung nicht auf ein singuläres Ereignis reduzierbar ist, sondern sich in zeitlich gestaffelten Phasen entfaltet. Er unterscheidet ausgehend vom Beispiel des Holocaust mehrere Phasen, die nicht nur historisch aufeinander folgen, sondern psychodynamisch ineinandergreifen. Erstens die Phase zunehmender Entrechtung und gesellschaftlicher Ausgrenzung. In ihr vollzieht sich der schrittweise Verlust bürgerlicher Rechte, sozialer Anerkennung und des institutionellen Schutzes. Das Subjekt lebt unter Bedingungen wachsender Unsicherheit. Vertrauen in staatliche und soziale Strukturen erodiert, Zugehörigkeit wird prekär, Zukunftsperspektiven verengen sich. Hier verdichtet sich die zuvor latente Bedrohung zur offenen Gewalt. Deportationen, Internierung, Zwangsarbeit lagerhaft, physische und psychische Misshandlung bis hin zur systematischen Vernichtung. Die Gewalt wird totalisierend. Sie betrifft nicht nur einzelne Lebensbereiche, sondern zielt auf die physische und symbolische Auslöschung. Drittens, die Phase nach dem Kriegsende. Sie ist keineswegs bloß eine Phase der Befreiung, sondern bildet eine eigene traumatische Sequenz. Die Rückkehr in zerstörte soziale Ordnungen, der Verlust von Familienangehörigen, Rückkehr in zerstörte soziale Ordnungen, der Verlust von Familienangehörigen, Schuld- und Überlebenskonflikte, mangelnde Anerkennung des erlittenen Unrechts sowie erneute Integrationsanforderungen oder Ausgrenzungen und Diskriminierung konfrontieren die Betroffenen mit einer paradoxen Situation. Das Ende der Verfolgung bedeutet nicht das Ende der psychischen Belastung. Vielmehr werden frühere Erfahrungen neu gerahmt, reaktiviert oder in anderer Weise wirksam. Diese drei Sequenzen, die von Keilson beschrieben werden, sind nicht isolierte Abschnitte, sondern bilden eine Prozessstruktur, in der jede Phase die vorangegangene affektiv neu kodiert, wobei zugleich jede vorherige Phase die psychischen Bedingungen für die folgende schafft. Resilienz ist in diesem Sinne mit Keilsohn auch kein vorgängiger stabiler Schutzfaktor, sondern ist selbst auch sequenziell bedingt und wesentlich von den sozialen Bedingungen der einzelnen Phasen abhängig. Konzept der Nachträglichkeit. Er beschreibt eine Prozessform, die es erlaubt, das Davor und das Danach als sich wechselseitig strukturierend zu verstehen. Trauma ist damit nicht nur ein verspätetes Verstehen des Gewesenen, es ist sequenzielle Verdichtung. Ausgehend von meinem Nachdenken über Vorträglichkeit könnte man anfügen, die frühe Phase führt nicht notwendig zur absoluten politischen Katastrophe, wohl aber konstituiert sie jene vorträgliche Struktur, in der politische Radikalisierung und traumatische Wirksamkeit möglich werden. und traumatische Wirksamkeit möglich werden. Sequenzielle Traumatisierung enthält somit eine Vorträglichkeit, die zur Nachträglichkeit werden kann, aber nicht werden muss. Und doch reorganisiert jede Sequenz das Feld des Kommenden, ebenso wie das des Gewesenen. Politisch bedeutsam wird diese Überlegung dort, wo sichtbar wird, dass autoritäre Transformationen sich selten als singulärer Bruch vollziehen. Sie manifestieren sich zunächst als Serie gradueller Verschiebungen, die zunächst vielleicht marginal erscheinen können, dann normalisiert werden und schließlich eine Gegenwart hervorbringen, in der das Ungeheuerliche als scheinbar folgerichtiger Vollzug erscheint. Vorträglichkeit könnte in diesem Kontext auch auf die Sensibilität für Sequenzen verweisen. Für die Art und Weise, wie das noch nicht bereits als Atmosphäre, als Normverschiebung, als veränderte Adressierung in Erscheinung tritt. Sie meint die Fähigkeit, jene frühen Phasen als strukturell bedeutsam zu erkennen, bevor sie sich irreversibel verdichten. Diese Überlegungen lassen sich metapsychologisch weiter präzisieren. Jean Laplanche verwendet den Begriff des Avant-Coup des Vorträglichen, um jene ersten unassimilierbaren Einschreibungen zu bezeichnen, die vom Anderen ausgehen und in seiner entwicklungspsychologischen Perspektive in der frühen Eltern-Kind-Beziehung verortet sind. Ich zitiere Laplanche. Ich zitiere Laplanche. Die rätselhafte Botschaft des Erwachsenen stellt das Vorträgliche, l'avant coup, dar. Zitat Ende. Das Nachträgliche ist mit Laplanche eine Antwort auf dieses l'avant coup, also auf diese vorgängige fremde Einschreibung. Vorträglichkeit meint hier nicht Antizipation im Sinne bewusster Erwartung, sondern eine vorausliegende Adressierung, die erst später übersetzt werden kann. Auch politisch lassen sich solche Einschreibungen denken. Kulturelle Verschiebungen, symbolische Entwertungen, affektive Spannungen, die Subjekte bereits affizieren, bevor sie benannt, also übersetzt und symbolisiert werden können. Timo Stork, auf den ist auch schon verwiesen worden, schärft diesen Gedanken, indem er mit Jean-Paul Sartre zwischen einer gegenwärtigen Zukunft und einer zukünftigen Gegenwart unterscheidet. Die gegenwärtige Zukunft, das sind unsere Szenarien, Bilder und Prognosen, stets gebunden an das Imaginäre der Gegenwart. Die zukünftige Gegenwart hingegen bleibt prinzipiell unbestimmbar. Vorträglichkeit meint hier nicht Prognosefähigkeit, sondern strukturelle Bezogenheit auf eine zukünftige Gegenwart, die das Erleben bereits affiziert, ohne greifbar zu sein. Der Psychoanalytiker Michael Parsons spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Forward Gaze oder einer wie er es nennt Dynamic Avocou. Er bezeichnet damit die unbewusste Reorganisation der eigenen Verfügbarkeit für das, was kommen wird. Ich zitiere, The future is hidden, unknowable, full of secrets. It is not homely and familiar. Working to fulfill the potential of one's being involves exposing oneself psychically to the unknownness of the future. Zitat Ende. Unknownness of the future. Zitat Ende. Vorträglichkeit bezieht sich hier weder auf Angst noch auf Katastrophenfantasien oder Prognosen, sondern meint eine Struktur der Offenheit gegenüber dem noch nicht. Lebendig bleibt so Parsons, wer nicht nur seine Vergangenheit neu deuten und integrieren kann, sondern wer psychisch verfügbar bleibt für jene Desorientierungen, die die Zukunft bringen mag. In die Postkarte denkt Jacques Derrida Zeit nicht als lineare Abfolge von Präsenzpunkten, sondern als Struktur der Sendung. Eine Botschaft ist nie schlicht präsent, sie ist unterwegs. Sie kann ankommen, sich verspäten, fehlgeleitet werden oder ihr Ziel ganz verfehlen. Jede Sendung trägt die Möglichkeit ihres Nichtankommens in sich. Übertragen auf politische Gewalt hieße das, es gibt kein notwendiges Eintreffen der Katastrophe, aber auch keine Garantie ihres Ausbleibens. Und gerade deshalb verlangt die Sendung eine Haltung der Aufmerksamkeit. Casey Carrott weitet die Struktur der Nachträglichkeit des Traumakonzepts auf Geschichte und kollektive Gewalt aus. Mit dem Begriff der unclaimed experience beschreibt sie das Trauma als eine Erfahrung, die im Moment ihres Geschehens nicht vollständig angeeignet oder verstanden werden kann. Historische Katastrophen werden demnach häufig nicht im Augenblick ihres Eintretens erfasst, sondern gewinnen ihre Bedeutung erst später. In Zeuginnenschaft, in der Literatur, die über diese Ereignisse produziert wird, in verschiedenen Symptomatiken. Das Trauma erscheint als verspätete Lesbarkeit eines Ereignisses, das sich zunächst der symbolischen Integration entzieht. Trauma ist damit nicht nur ein klinisches, sondern auch ein epistemologisches Phänomen. Es stellt die Frage, wie Sinn oder Geltung zugänglich sind und werden, wenn sie gerade in ihrer partiellen Unverfügbarkeit bestehen. Diese Problematik wiederholt sich im Begriff der Vorträglichkeit, jedoch unter veränderten Vorzeichen. Nicht mehr das Vergangene, sondern das Kommende entzieht sich seiner unmittelbaren Lesbarkeit. Vor diesem Hintergrund lässt sich von Vorträglichkeit sprechen als jener Struktur, in der eine mit Stork und Satre zukünftige Gegenwart das gegenwärtige Erleben bereits formiert, ohne gewusst werden zu können. Das Traumatische kündigt sich an, bevor es dafür einen Namen gibt, bevor es benannt werden kann. Damit verschiebt sich auch die Frage nach dem Ursprung politischer Gewalt. Der Wunsch, den Anfang zu identifizieren, jenen Punkt, ab dem alles wirklich gefährlich oder schlecht oder böse wurde, gehört selbst einer nachträglichen Logik an. Politische Transformationen vollziehen sich, wie gesagt, nicht notwendigerweise als singulären Bruch. Sie erscheinen als Serien, als Schwellen, als graduelle Verschiebungen. Es sind Prozesse, die sich senden und es ist eine Gesellschaft, die sich dazu verhält, indem sie hört oder überhört. In dieser Perspektive gewinnt auch Sigmund Freud's Tagebucheintrag vom Mai 1933 eine andere Bedeutung. Weniger als individuelle Fehleinschätzung, denn als Ausdruck einer Zeitstruktur, in der das Kommende noch im Modus des Vereinzelten erschien. Fragmentiert und dadurch kulturell distanzierbar. Hier hält der Gedanke der Sequenzialität besonderes Gewicht. Wie Keilson gezeigt hat, ist der sichtbare Bruch meist nicht der Anfang, sondern die Spitze einer traumatischen Abfolge. Verantwortung beginnt daher nicht erst im Moment der Katastrophe, sondern im Umgang mit Vorzeichen und Verschiebungen. Vorträglichkeit meint damit kein prophetisches Wissen Sie bezeichnet eine spezifische Haltung zur Zeit Die Bereitschaft, die Wirksamkeit des Noch-Nicht-im-Jetzt anzuerkennen Sie verlangt Sensibilität für die unheimliche Qualität des Zukünftigen Für das, was sich ankündigt, ohne sich festlegen zu lassen. Das Politische entscheidet sich damit nicht allein im Ereignis, sondern eben im Umgang mit Anzeichen. Ob Vereinzelungen isoliert oder als Konstellationen erkannt werden können, ob jene Asymmetrien ernst genommen werden, durch die Gewalt früher bei manchen Körpern und Leben ankommt als bei anderen und ob Verantwortung erst dort verortet wird, wo die Katastrophe unbestreitbar geworden ist. Wenn Zeit, psychoanalytisch gesprochen, weder linear noch geschlossen, sondern nach- und vorträglich verschränkt ist, dann wird auch Politik zur Frage einer Zeitkompetenz. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, was kommt, sondern wie hören wir auf das, was sich bereits ankündigt. Zwischen alarmistischer Gewissheit und zynischer Abwehr eröffnet sich ein dritter Raum. Ein Raum lebendiger Aufmerksamkeit. Er ist weder naiv-hoffnungsvoll noch fatalistisch, sondern die Bereitschaft, Sendungen zu lesen, auch wenn sie keine klare Adresse tragen. So berührt das Politische erneut die Frage des Traumas. Wenn das Traumatische nicht nur nachträglich, sondern auch vorträglich wirksam ist, entscheidet sich seine Gewalt in der Weise, wie eine Gesellschaft auf das reagiert, was sich ankündigt. Trauma ist dann nicht nur Erinnerung an eine Katastrophe, sondern Ausdruck einer Zeitordnung, in der Verantwortung früher beginnt, als die Katastrophe sichtbar wird. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.