Willkommen bei Literatur im Dorf, Silvana Steinbacher begrüßt Sie herzlich. Eine Frau treibt nach einem Schiffsbrand am Meer liegend und weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Auf einer Holztür verfasst sie sogenannte Gedankenbriefe an den Schriftsteller Hans Christian Andersen, mit dem sie ihr Leben lang kommuniziert und auch sehr gut befreundet war. Das ist so ganz grob umrissen der Inhalt von Stefan Kutzenbergers neuem Roman, die Liste der Lebenden. Ich möchte mich heute mit dem Autor über diesen Roman natürlich und auch über den Reiz dieser Figuren und einiges mehr unterhalten und begrüße jetzt Stefan Kutzenberger sehr herzlich. Freut mich. Ich habe mir ja gedacht, bevor ich überhaupt noch das Buch zu lesen begonnen habe, wie schreibt man eigentlich fiktive Briefe, die Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt sind? Du hast es ja nicht dieser Zeit angeglichen sprachlich, aber wie waren denn da deine Überlegungen? Ja, das war wirklich schwierig. Das war auch ein langer Weg, bis ich dann diese Form der Gedankenbriefe gefunden habe, die es ja an sich nicht geben kann. Also einen Gedankenbrief in dem Sinn gibt es nicht. Aber es gibt natürlich, wie in der Realität, dass man denkt, wie würde ich das in einem Brief formulieren? Und ich glaube, das macht man ja auch im Alltag, heutzutage weniger mit Brief oder mit WhatsApp oder so, dass ich schon vorausdenke, wie würde ich das in einem WhatsApp an die Familie formulieren oder ansonsten. Und genau das ist die Form, die ich mir dann gesucht habe für diesen historischen Roman, weil es ist mein erster historischer Roman. Und bei einem historischen Roman hat man doch noch einmal mehr Verantwortung wie bei einem rein fiktiven Roman, weil man eben die realen geschichtlichen Zeugnisse berücksichtigen muss und auch eine Verantwortung hat, wenn man mit real existierenden Figuren arbeitet. Also basierend auf den Fakten, gell? Genau, in meinem Fall sind natürlich alle schon lange tot. Hans Christian Andersen ist 1875 gestorben, spielt also alles im 19. Jahrhundert, aber trotzdem, gerade wenn man mit solchen Personen arbeitet, die berühmt sind, die viele schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, muss man die auch ernst nehmen und kann da nicht einfach was dazu erfinden. Kann man natürlich auch, aber in meinem Fall wollte ich wirklich so nahe wie möglich an den Quellen bleiben. Und ich habe deshalb wirklich viel recherchiert, fast zu viel eigentlich, drei Jahre lang für diesen Roman recherchiert, studiert, gelernt, gelesen und wollte dann das alles in einen historischen Roman rein pferchen irgendwie. Und es hat aber nicht funktioniert. Also ich habe die ersten 20, 30 Seiten geschrieben und bin dann draufgekommen, das kann man eigentlich niemandem zumuten. Das ist so langweilig. Ich bin selber eingeschlafen beim Lesen, weil es genauso gelungen hat, wie es war. Es hat also genauso geklungen wie jemand, der irrsinnig viel gelernt hat zu einem Thema und das dann weiter transportieren will. Aber Literatur funktioniert ja so nicht. Also auf jeden Fall nicht die Literatur, die ich schreiben will. Literatur soll schweben, soll sich selbstständig machen, soll was Magisches haben und nicht nur dazu da sein, um irgendwie Wissen zu transportieren. Da muss man ein Sachbuch schreiben oder sonst was. Also ich habe gemerkt, das funktioniert überhaupt nicht. Und da ist mir dann diese Idee der Gedankenbriefe gekommen. Weil ich habe selber früher viele Briefe geschrieben und gemerkt, das Briefeschreiben an sich liegt mal als Form. Und ich bin dann draufgekommen, im Brief kann ich diese Gefahr umgehen, dass ich zu viel Wissen transportiere, weil die Figuren aus ihrer beschränkten Sicht ja eh nichts wissen. Also wir haben hier das Schiffsunglück und Henriette Wulf, die Freundin von Hans Christian Andersen, treibt da eben auf dem Atlantik auf einer Tür und hat eigentlich keine Ahnung, was ist gerade geschehen, was passiert, was wird passieren Und sie weiß ganz wenig. Ist da die Gefahr wenig da, dass ich durch mein angelesenes Wissen den Roman ersticke? Also es hat mir noch nie ein Schreibender erzählt, dass er bei seinem Text eingeschlafen ist. Finde ich sehr witzig. Aber du hast ja so viel Zeit investiert, also drei Jahre. Was war denn da so der Reiz an diesem Stoff? Das muss einen ja unglaublich faszinieren und interessieren. Ja, es hat so eins zum anderen geführt. war denn da so der Reiz an diesem Stoff? Das muss einen ja unglaublich faszinieren und interessieren. Ja, es hat so eins zum anderen geführt. Das lese ich mal drei Jahre zum Schiffsunglück der Austria. Aber ich habe durch Zufall erfahren von diesem Schiffsunglück. Ich habe im Leopold Museum in Wien eine Ausstellung kuratiert zu Schriftstellerporträts. Und das war total interessant. Das waren 600 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die porträtiert worden sind, also aus den verschiedensten Zeitepochen Porträts von Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Und die aber dann irgendwie anordnen müssen, dass das eine sinnvolle Ausstellung ergibt. Und ein Porträt davon war auch von Hans Christian Andersen. Und dann habe ich zu ihm recherchiert und habe nur in so einem Nebensatz gelesen, seine Freundin Henriette Wulf ist am 13. September 1858 an Bord der Austria gewesen, die auf dem offenen Atlantik in Flammen geraten ist. Und wie das funktioniert, weiß man nicht, aber in dem Moment habe ich gewusst, das wird mein nächster Roman werden. Interessant, ja. Musenkuss, weiß man nicht. Aber in dem Moment habe ich gewusst, das wird mein nächster Roman werden. Interessant, ja. Musenkuss hätte man früher gesagt. Ja, ja, ja. Ich weiß gar nicht, wie sagt man heutzutage? Inspiration. Also ich habe genau gewusst, das wird mein neuer Roman werden. Und der Reiz dieser Henriette Wulf. Also es ist ja schon auch eine gewisse Diskrepanz eigentlich von vornherein zwischen den beiden. Weil Hans Christian Andersen kommt ja aus einer eher niederen Klasse. Sie war die Tochter einer höheren Klasse und sie haben sich kennengelernt, weil er ja bei dem Vater vorstellig wurde. Was war der Reiz dieser Frau eigentlich? Einerseits, dass ich noch nie von ihr gehört habe. Ich dachte, Rete Wulf. Dann habe ich ein bisschen recherchiert und bin dann draufgekommen, die war eigentlich eine ganz wesentliche Figur, oder ihre Familie zumindest, war eine ganz wesentliche Familie im Geistesleben von Kopenhagen zu jener Zeit. Und dann habe ich weiter recherchiert und bin draufgekommen, sie selbst war eine ungemein starke Frau, moderne Frau. Sie war wahrscheinlich die am weitest gereiste Däne in ihrer Generation, war dreimal in Amerika, in den karibischen Inseln. Dänemark hat damals eine Kolonie gehabt in der Karibik, dort war sie auch ein paar Mal. Sie war unglaublich modern denkend. Sie ist eben deshalb ausgewandert, weil sie gesagt hat, das verzopfte Europa interessiert sie überhaupt nicht mehr. Mit diesen komischen Königen und Kriegen, die es da gibt und die arme Masse, um die sich kein Mensch kümmert. Sie möchte nach Amerika, um dort für den Sozialismus zu kämpfen, um für den Feminismus zu kämpfen, um für die Befreiung der Sklaven zu kämpfen. Sie hat genau mit diesem Auftrag, hat sie gesagt, sie verzichtet auf ihr behütetes Leben in einer der reichsten dänischen Familien und beginnt völlig neu in Amerika, mit 53 Jahren. So eine Entscheidung ist ja auch keine Selbstverständlichkeit. Also vor allen Dingen in der Zeit, wo eine Frau doch, das beschreibt sie ja auch immer wieder, so in diesem engen Korsett gefangen war. Genau, und je mehr ich mich beschäftigt habe, desto mehr habe ich gewusst, die Frau hat ein Buch verdient. Und das ist bedenklich eigentlich, dass es noch keine Biografie zu ihr gibt. Also in Dänemark auch nicht, auch nicht auf Dänisch. Ist wahrscheinlich eh typisch für unsere Geschichtsschreibung. Alles, was man über sie weiß, weiß man über den Umweg Andersen. Sie ist halt die Freundin von Hans Christian Andersen und über Andersen gibt es schon ein paar Artikel zu ihr. Aber meine Hauptquelle waren dann die 500 Briefe, die veröffentlicht worden sind zwischen Hans Christian Andersen und Henriette Wulf. Und wenn man 500 Briefe von jemandem liest, lernt man den schon ganz gut kennen. Ich habe das Gefühl, ich habe sie sehr plastisch formiert. Also Briefromane sind ja eigentlich eine recht beliebte Gattung auch bei Schriftstellern und Schriftstellerinnen, habe ich den Eindruck. Gibt es einige Beispiele auch, Also Johann Wolfgang von Goethes, die Leiden des jungen Werthers und Fieberkopf von Bauer zum Beispiel. Was ist so der Reiz? Also ich denke mir, es birgt ja auch Schwierigkeiten, zum Beispiel so wie in deinem Fall. Da sind ja nur Briefe, also ausschließlich. Du musst alles ausschließlich durch die Briefe mitteilen. Ja, also bei mir war es genau diese Beschränkung eben, die den Reiz ausgemacht hat. Und das war so der Motor des Ganzen. Durch die Beschränkung ist das Ganze erst so wirklich in Bewegung gekommen. Und das Interessante ist ja, dass man dann aus der Ich-Perspektive zweimal berichtet und auch dadurch so schön beweisen kann, dass die Welt immer nur Interpretation der jeweiligen Person ist, dass es keine Wahrheit gibt. Und darum glaube ich, habe ich mir bei meinem ersten Versuch, der dermaßen gescheitert ist, dass ich es selber nicht lesen habe können, immer so schwer getan mit dem allwissenden Erzähler. Weil es, glaube ich, auch mir widerspricht, meiner Weltsicht widerspricht, dass es eine eindeutige Wahrheit gibt, eine eindeutige Interpretation des Geschehenen. Und durch den Briefroman, durch die zweimalige Ich-Perspektive, die aber völlig unterschiedlich ist, sieht man, es gibt keine reale Realität. Es gibt nur Annäherungen an die Wirklichkeit und Interpretationen der Wirklichkeit. Und darum ist mir das auch viel leichter gefallen, im Endeffekt dann in dieser Form zu arbeiten. Es sind ja auch diese, ich nenne es jetzt einmal in Anführungszeichen Randfiguren, die haben ja auch tatsächlich gelebt, wie zum Beispiel diese Johannes Triber und einige andere, die an Bord waren und die auch der Andersen gekannt hat, zumindest in deinem Buch. Und auch diese Hansi lernt ja auch die Jette, wie Andersen sie nennt, kennen. Also wenn wir jetzt bei dieser Figur der Hansi bleiben, die habe ich sehr reizvoll gefunden, weil die war so ein Gegenpol. Das war so eine erfrischende junge Frau, die gleich einmal die Jette duzt, was eigentlich eine Ungeheuerlichkeit ist zur damaligen Zeit. War das für dich auch so ein Gegenpol, als Gegenpol gedacht? Genau, ja. Das war eindeutig so gedacht. Einerseits ist sie Österreicherin, das hat mir gefallen, dass wir auch das Habsburger Reich drinnen haben, Wien als Stadt. Zweitens ist sie jung, sie ist knapp über 20, also ist dadurch schon einmal frischere Persönlichkeit als die 53-jährigen Andersen und Wulff. Und dann ist sie noch aus einer ganz unterprivilegierten Bevölkerungsschicht. Du hast ja richtig gesagt, Hans-Christian Andersen kommt auch aus einer ganz armen Schicht, aus Halbweise, aus der Provinz in Dänemark. Der Vater war Schuster, also aus ganz armen Verhältnissen kam der. Aber er hat sich nach oben gearbeitet. Er ist, glaube ich, dann schon mit 14 selbstständig gewesen. Genau, er ist mit 14 nach Kopenhagen und hat gesagt, ich werde berühmt werden. Und er war total eigenartig, weil er immer aus der Provinz kommt. Keiner hat seinen Akzent überhaupt verstanden, seinen Dialekt. Er hat so lange Arme, lange Beine gehabt. Er muss eine ganz komische Figur gewesen sein. Aber gerade weil er so witzig ausgeschaut hat, ist er aufgefallen und man hat ihn dann schon gekannt in Dänemark. Das ist eben der, und alle haben über ihn gelacht. Aber er hat es dann geschafft, dass er sich wirklich vorgearbeitet hat. Er hat gleich am ersten Tag, wir haben ja ein bisschen Zeit, oder? Ja, ja, ja. Wir Zeit, oder? Ja, ja. Ich werde Ihnen das erzählen, weil es wirklich witzig ist. Er kommt als 14-Jähriger als blinder Passagier mit einer Postkutsche aus der Provinz nach Kopenhagen. Und genau in dieser Nacht, in der er da ankommt, sind antisemitische Krawalle in Kopenhagen. Und in Dänemark kann man sich da in der Hinsicht eigentlich wenig vorwerfen. Die waren eigentlich immer recht treu und aufgeschlossen ihrer jüdischen Bevölkerung gegenüber. Auch im Zweiten Weltkrieg, wo Dänisch dann von den Deutschen besetzt war, hat die Bevölkerung den Juden geholfen zu flüchten und hat sich sehr solidarisch erklärt damit, mit dieser Bevölkerung. Aber nicht in dieser Nacht. Das ist eine der wenigen Nächte, wo es antisemitische Ausschreitungen gegeben hat. Und Andersen ist das erste Mal in seinem Leben in der Hauptstadt und er sieht eben, da werden Leute durch die Straßen getrieben, Schaufenster brennen, in der Stadt werden also auch Sachen zerschmettert und so. Und der hat sich überhaupt nicht ausgekannt. Gab es da eine Auslösung? Das ist irgendwie über Deutschland gekommen. In Deutschland hat es das schon gegeben. In diesem Jahr immer verschiedene Städte und plötzlich hat es Kopenhagen auch erreicht. Die Hep-Hep-Nacht wird es dort genannt. Und nachdem der 14-jährige Andersnehm noch nie in einer großen Stadt war, hat er geglaubt, so geht es halt zu in dieser Stadt. Aber er hat schon Angst bekommen und ist dann einfach in irgendein Hotel rein und hat gesagt, er braucht ein Zimmer. Und hat dann dort übernachtet und blöderweise war das ein teures Hotel. Und er hat in der einen Nacht sein gesamtes Erspartes hergegeben. Also am nächsten Tag munter geworden und hat wirklich gar nichts mehr gemacht. Und er hat sich aber nicht unterkriegen lassen. Er dachte, na gut, erst will er Künstler werden. Und er geht ins Staatstheater. So wie wenn er in Wien ins Burgtheater gegangen wäre. Und sagt, hallo, da bin ich, darf ich Schauspieler werden? Und die schauen ihn ein wenig an und denken, was will der? Der spielt halt was vor. Und dann redet er irgendwas und die verstehen ihn kaum, weil der eben so einen starken Dialekt gehabt hat, dass er sagt, nein, das geht nicht, du kannst nicht Schauspieler werden. Und er war dann recht hart im Nehmen und hat gesagt, na gut, dann werde ich Balletttänzer. Und geht zur Ballettabteilung und sagt, hallo, kann ich Balletttänzer werden? Die sagen, na ja, tanzen Sie doch etwas vor. Und dann hüpft er halt so irgendwie herum und weit und breit nichts mit Ballett zu tun. Und die sagen, na ja, was will der so? Aber er war selbstbewusst anscheinend. Ich war selbstbewusst. Er hat gesagt, na, das geht nicht. Und er hat noch immer gesagt, gut, dann werde ich Sänger. Geht in die Opernabteilung, sagt, darf ich etwas vorsingen? Sagen, okay, singen wir etwas vor. Und er hat etwas vorgesungen und, dann werde ich Sänger. Geht in die Opernabteilung, sagt, darf ich was vorsingen? Sag ich, okay, sing was vor. Und er hat das vorgesungen und anscheinend war das schön. Und ich sage, du kannst im Knabenchor mitsingen. Und dann ist er im Knabenchor aufgenommen worden und hat eine Wohnung bekommen und das hat gereicht, dass er zwei Jahre lang da irgendwie sich übers Wasser halten können hat, bis er in den Stimmbruch gekommen ist. Und dann war das vorbei mit der Knabenchor-Karriere. Und er ist wieder ganz am Anfang gewesen. Und dann hat er gedacht, na gut, dann werde ich halt Schriftsteller. Oder so ist das, wenn man gar nichts mehr wird, wird man Schriftsteller. Und er hat es wieder gleich gemacht. Er hat einfach ganz oben angefangen. Er hat gedacht, wer ist die wichtigste Figur im literarischen Leben von Kopenhagen? Und da ist er auf die Familie Wulff gekommen. Aha, und wieso war er die wichtigste? Der Admiral Wulff hat einen literarischen Salon gehabt und war Shakespeare-Übersetzer. Also dadurch war er sehr wichtig und durch den Salon vor allem hat er immer ein Netzwerk von literarischen Menschen in Kopenhagen oder in ganz Dänemark gehabt. Also da war recht, wenn man es modern ausdrückt, ein ganz modern denkender Netzwerker, der junge Andersen schon. Genau gewusst, wenn ich dorthin gehe, werden die meisten Leute da sein. Aber den Mut muss man sich vorstellen, gell? Also irgendwie. Ist schon toll, oder? Und er war eben noch immer, er war 16, noch immer komischer, lange Arme, komische Figuren, noch immer eigenartiger Ak Arme, komische Figuren, noch immer eigenartiger Akzent. Und er geht hin und sagt, hallo, darf ich was vorlesen? Und ich sage, ja, lies etwas vor. Und hat dann Gedichte vorgelesen, alle haben nur gelacht. Das muss ja total lächerlich gewesen sein, also sie haben nicht mit ihm, sondern über ihn gelacht. Aber haben das so lustig gefunden, dass sie gesagt haben, ja, komm wieder. Und dann ist er nächste Woche wiedergekommen und ist so weitergegangen, bis dann die junge Tochter des Admirals gesagt hat, du Papa, aber hör einmal genau hin, der ist nicht so schlecht. Das ist schon gut, was der uns davor ertragt. Und das war eben Henriette Wulf. Die waren gleich alt, die waren beide 16, 17 Jahre alt in der Zeit. Und Admiral Wulf hat sie dann überzeugen lassen und hat gemeinsam mit einem anderen Gönner, der Familie Collin, die Lateinschule für Anderson ermöglicht. Also das heißt, sie war dann schon eigentlich auch karriereentscheidend oder lebensentscheidend. Also eine ganz wichtige Figur für sie. Ohne sie hätte er wahrscheinlich nie die Matura machen können und hätte dann auch einfach keinen Zugang gehabt zu dieser Welt. Weil du den Colin erwähnst, ich fand das Ganze wirklich recht interessant, weil der Colin überbringt ihm ja dann die Liste, also die Zeitung, wo die Liste der Lebenden eben drinnen ist. Liste der Lebenden eben drinnen ist. Und Andersen, obwohl er diese Liste ersehnt hat schon, aber er zögert dann. Und es sind ja in deinem Buch vier Personen, von denen er weiß, dass die drinnen sind. Und er stellt dann so Gedankenausflüge an. Also es könnten die zwei sein oder die zwei sein oder die zwei sein von diesen vieren. Also es könnten die zwei sein oder die zwei sein oder die zwei sein von diesen Also kennst du dieses Gefühl auch, dass man sozusagen seine Fantasie auflassen kann? Ja, also das ist eigentlich der Grund, warum ich schreibe. Also mir macht es dann am meisten Spaß, wenn die Literatur sich verselbstständigt und plötzlich was passiert, was ich nie geplant gehabt habe. Und dann wird es magisch wirklich. Es gibt schon so Momente, wo man fast gläubig wird und sagt, da muss die Literaturgöttin dahinter stehen, weil die Literatur dann einfach besser wird, als man selber ist. Und das sind schon schöne Momente. Da kann man echt so ein Heil kriegen, das dann Wochen teilweise anhält, wenn so etwas passiert ist. Also das ist der eigentliche Grund, warum ich schreibe, aber man kann das nicht erzwingen. Das wird dann halt häufiger, wenn man erfahrener wird, dass passiert oder passiert nicht. Und gerade die Stelle, die du erwähnt hast, ist so entstanden. Dass Anderson plötzlich eben das Ganze zum Anlass nimmt, um das zu einem fast literarischen Spiel zu machen. Also er erfährt, dass er vier Leute an Bord kennt und davon haben zwei erlebt. Und er sagt, wenn er nicht erfährt, wer diese zwei sind, dann kann er durch seine Literatur das noch beeinflussen. Also bei diesem Buch wird es wahrscheinlich nicht so gewesen sein, weil da doch eine vorgegebene Struktur ist, aber ist es dann auch so bei anderen Büchern oder also Romanen von dir, ist es da so, dass du nicht genau weißt, wo es dich da hintreibt? Oder hast du eine ganz fixe... Nein, ich habe so ganz vage Vorstellungen. Also vom Inhaltlichen her auch. Ich habe so vielleicht ein Bild von mir, wo ich weiß, meistens ist der Anfangspunkt irgendwie so ein Bild, wo ich weiß, da könnte man beginnen. Und dann ein Gefühl, in welche Richtung es gehen könnte. Aber sehr, sehr vage das Ganze. Und das war wahrscheinlich auch das Problem, warum ich das so lange gebraucht habe, bis ich das Buch in die richtige Form gebracht habe. Weil hier, wie du richtig sagst, die Struktur oder die Handlung zumindest vorgegeben war. Weil alle Figuren, die vorkommen, sind historische Figuren und alles, was passiert, ist tatsächlich passiert. Es ist dann nur die Kombination und was ich erfunden habe, ist, dass Andersen eben vier Leute an Bord gekannt hat. Aber er hätte alle vier kennen können, aber das habe ich nicht beweisen können. Nein, klar. Mir hat das einmal sehr gut gefallen, da hat der Robert Schindl zu mir gesagt, manchmal biegt eine Figur ab und man weiß nicht warum. Kennst du das auch? Genau, warum. Also kennst du das auch, oder? Ja. Also dass jemand, wo du das Gefühl hast, na jetzt, der nicht mehr oder so irgendwie in der Richtung. Genau. Und eben wie gesagt, ich glaube, darum geht es eigentlich beim Schreiben. Also dieser Brand der Austria wurde eigentlich wenig thematisiert, ist mir aufgefallen. Also ich wusste davon jetzt nichts, muss ich sagen, bevor ich das gelesen habe. Ist das dann von der Titanic deiner Meinung nach überlagert worden? Ich glaube, dass die Titanic eben auch damals schon so wirklich ein mediales Welterreignis war, dass das im 20. Jahrhundert die Schiffskatastrophe ist, an die wir denken, wenn wir Schiffskatastrophe sagen. Aber im 19. Jahrhundert war die Austria die größte Schiffskatastrophe ist, an die wir denken, wenn wir Schiffskatastrophe sagen. Aber im 19. Jahrhundert war die Austria die größte Schiffskatastrophe, eine der größten Schiffskatastrophen, aber die medial am meisten verbreitete. Das war zum Recherchieren nicht so schwer, weil damals eben sehr, sehr viel darüber geschrieben worden ist und das kann man heutzutage digital auch alles finden. digital auch alles finden. Also das war gar nicht so schwer, da auch Zeugen, überlebende Berichte zu finden und da habe ich das zusammengestoppelt und relativ gut wirklich jeden einzelnen Tag diese Überfahrt und das Brandes zu rekonstruieren. Und das Eigenartige ist eben, dass das Schiff Austria heißt, Aber hat mit Österreich eigentlich gar nichts zu tun. Ist eine Hamburger Reederei gewesen. Und die hat ihre Schiffe nach Königsreichen benannt. Und eines hat eben zufällig Austria geheißen. Ich möchte jetzt ein wenig auch zu deiner Person kommen und dann wieder zurückkehren zu diesem Buch. Du bist in Linz aufgewachsen und hast dann eine enorme Vielfalt eigentlich. Du hast, glaube ich, Gitarre studiert und Fagott am Bruckner Konservatorium, dann auch noch Sozialwirtschaft und dann vergleichende Literaturwissenschaft und lehrst das jetzt auch an der Uni Wien. Du bist also sozusagen wirklich sehr, sehr nahe dran an den Jungen, also an den Studentinnen und Studenten. Fällt dir da ein anderer Zugang zur Literatur auf, den du vielleicht noch hattest früher oder jetzt auch immer noch? Ja, gerade in den letzten Jahren hat sich das sehr verschoben. Bei mir geht es um Literatur. Du hast das tä schon gemerkt. Das ist für mich wirklich etwas Magisches. Und das sind diese Momente. Und auch beim Lesen finde ich, man soll viel mehr Leserinnen und Leser geben, die sich wirklich beschäftigen damit. Also mir kommt vor, es gibt viel mehr Schreiber und Schreibende als Leser. Ja, teilweise erscheint es mir auch so. Jeder schreibt, keiner liest. Aber bei mir geht es auch bei der Lektüre. Es geht um diese magischen Erlebnisse. Es geht um die ganz große Literatur, die die Kraft hat, die Welt zu verändern. Und wenn man so ein magisches Leseerlebnis hat, das sind halt große Momente echt im Leben. Und genau die möchte ich erkunden. Da möchte ich dann auch herausfinden, warum ist das so großartig. Also beim Lesen auch, oder? Beim Lesen, ja. Ich sehe mich schon sehr auch als Lesender, nicht nur als Schreibender. Und diese Kraft und Leidenschaft der Literatur ist für mich das Wichtigste. Und in den letzten paar Jahren kommt mir vor, dass das bei meinen Studierenden überhaupt keine Rolle mehr spielt. Also da geht es nur mehr um Theorie eigentlich. Es geht um Theorie, um Literaturtheorie, es geht um Genderfragen, es geht um politische Korrektheit, postkoloniale Sichtweisen. So letztes Jahr habe ich zum Beispiel Heart of Darkness von Joseph Conrad gelesen. Für mich einer der Schlüsseltexte des 20. Jahrhunderts. Er ist genau 1900 erschienen. Und Joseph Conrad beschreibt da von einer ganz speziellen Erzählperspektive. Es erzählt jemand etwas, was ein anderer erzählt, der das auch nur so vage miterlebt hat. Und es löst sich so in einem albtraumhaften Nebel auf, die ganze Geschichte. Und es geht um eine Schifffahrt den Kongo-Fluss hinauf in das Zentrum Afrikas, der Heart of Darkness. Und es hat dann in den 80er Jahren von afrikanischer Seite so Interpretationen gegeben, die gesagt haben, das ist eigentlich sehr rassistisch, wie er das darstellt, dass eben der Heart of Darkness, das Herz der Finsternis, dass das ganze Negative in Afrika verortet wird und das Helle immer dann das Europäische ist. Und auch wie die Afrikaner dargestellt werden, die Afrikanerinnen, dass das eigentlich eine sehr rassistische Darstellung ist. Und das habe ich dann auch mit den Studierenden besprochen, wie das so ist. Wollte dann aber schon weitergehen und erstens einmal zeigen, dass es im Jahr 1900 geschrieben worden ist. Das ist nämlich auch sehr ausschlaggebend. Und dass das wirklich am Höhepunkt des Imperialismus war und der Roman aber extrem antiimperialistisch ist. Also wirklich alle negativen Seiten der Ausbeutung Afrikas schon aufzeichnet. Aber dass er das N-Wort verwendet, ist logisch im Jahr 1900. Und das ist nicht verziehen worden. Aber er sagt das N-Wort. Ja, das hat man halt damals gesagt. Ja, aber wir können das nicht. Und dann haben wir ein Semester lang über das gestritten. Wir sind nicht dorthin gekommen, wohin ihr wollt, dass das ein unglaublich neues Erzählswerk ist. Wie er das erzählt hat, ist dermaßen großartig und hat eigentlich den Weg für das 20. Jahrhundert eröffnet. Aber so weit sind wir nicht gekommen, weil es denen völlig egal war, wie das literarisch erzählt wird. Das ist traurig. Das ist schon schade. Ich hatte mal so eine Diskussion auch bei Gabriel Garcia Marquez und wo dann meine Gesprächspartnerin eben meinte, das ist eben die Rolle der Frau ist da sehr problematisch und ich konnte sie nicht überzeugen, dass ich sage, bitte schau mal, woher er kommt und in welcher Generation er ist. Also ich finde, diesen Kontext muss man ja schon auch immer sehen. Eindeutig. Und das spielt ja auch im 19. Jahrhundert. Im Endeffekt ist die Ursula Buendia die einzige Konstante im 100 Jahre Einsamkeit und ist eh die absolute Heldin des Romans. Aber genau bei Gabriel Garcia Marquez haben wir nicht einmal über die Stellung der Frau diskutiert, das war ein anderes Semester. Da ist auch das Wort Chitano, also Cigarro, vorgekommen. Da ist mir auch wieder an dem einen Wort hängen geblieben und ich hab gesagt, warum steht da Cigarro? Dann hab ich gesagt, na gut, das ist eine Übersetzung, auf Spanisch steht Chitano und Chitano ist nicht negativ konnotiert. Das ist ein Wort, das kann man in Spanisch verwenden. Und darum darf das Gabriel Casiamarquez sowieso verwenden, weil es in den 60er Jahren geschrieben worden ist. Aber man kann es auch heute noch verwenden. Aber wir sind dann an der deutschen Übersetzung hängen geblieben, warum dieses Wort da kommt. Das ist schade. Und das meine ich. Da geht es nicht mehr um Literatur. Das ist ein Zugang, ich tue mir echt schwer damit. Aber man soll eben nicht stehen bleiben. Man muss eben versuchen, die nächste Generation schon zu verstehen. Ich habe aber viel dazugelernt auch dadurch. Du hast ja auch Studienaufenthalte gehabt, glaube ich, in Lissabon und auch noch in einigen anderen Städten. Wie sehr hat dich denn das eigentlich geprägt, was dich als Schriftsteller betrifft? Ja, es ist interessant. Mein vorletzter Roman, Kilometer Null, ist ein Lateinamerika-Roman. Und da sehe ich nicht viel reinkommen, was ich damals erlebt habe. Interessant, man weiß ja nie, was eigentlich dann kommt und was im Leben übrig bleibt. Und was einen dann inspiriert zu irgendeiner Geschichte. Und da sind sehr viele von meinen Erlebnissen der 90er Jahre mit eingeflossen. Aber eigentlich war ich immer ein bisschen zu spät mit meinen Studienaufenthalten, weil das war erst zur Zeit, wo ich schon Doktorarbeit geschrieben habe. Und das Dissertationsschreiben ist halt ein bisschen eine einsame Geschichte. Das waren so Forschungsstipendien. Ich habe das immer sehr, ich habe das eigentlich zu ernst genommen. Ich war immer sehr, sehr brav und habe dann halt meine Zeit in den Bibliotheken verbracht, aber wenig Leute kennengelernt und auch wenig die andere Uni kennengelernt in dem Sinn. Das ist ein bisschen schade. Das hätte ich gerne erlebt, einmal so wirklich studieren mit anderen Leuten, um eine andere Uni kennenzulernen. Also weil du die Kilometer Null erwähnt hast und du hast ja dann noch Friedinger und Joker Man. Aber das sind doch eigentlich Bücher im Gegensatz zu der Liste der Lebenden, wo sehr, sehr viel mehr Spannung drinnen ist. Also meine ich jetzt gar nicht abwertend. Also wo es dir auch um Spannung, also jetzt gut formuliert, um Action gegangen ist. Ist das jetzt eine Zäsur oder würdest du es nicht so bezeichnen? Es ist schon etwas anders, weil ich ganz bewusst in Kilometer Null, nachdem die ersten drei Romanen absurderweise einen Helden namens Stefan Kutzenberger gehabt haben, bei Kilometer Null dachte ich, ich kann nicht mehr lebenlang Stefan Kutzenberger Romane schreiben und habe den Kutzenberger umgebracht. Dadurch bin ich jetzt da gestanden ohne meinen Helden und habe etwas anderes suchen müssen. Aber das wollte ich eben auch unbedingt machen, ich wollte etwas anderes schreiben. Und dann ist es dieser historische Roman geworden. Und die Spannung hier ist eben, welcher der vier Leute, die Anderson kennt, überleben und welcher nicht. Aber sonst ist ja eigentlich schon alles vorgegeben, weil wir wissen, Anderson sitzt in Kopenhagen und sie treibt auf einem Brett. Auf einem Brett, ja. Und dann ist eben die Frage, überlebt sie das oder nicht. Aber es stimmt, es ist dann mehr eine Betrachtung, es ist so ein bisschen eine Rückschau auch des Lebens betreffend und die Frage, soll man im Leben nicht mutiger sein? Im Endeffekt ist es dann eine Geschichte, eine Liebesgeschichte über Hans Christian Andersen und Henriette Wulff und die Frage, warum haben sie sich gegenseitig nie die Liebe gestanden? Ja, also das ist, er spricht ja sehr, sehr oft auch, also so, als wenn er sich es immer wieder versichern müsste, von seiner schwesterlichen Freundin. Das fällt schon auf, dass er das sehr, sehr oft erwähnt. Genau. Und dadurch ist es eben jetzt nicht eine Thriller-Spannung oder eine Krimis-Spannung, aber es ist eben diese Spannung von großen Lebensfragen. Wann ist der Zeitpunkt da, dass man mal was tut und vielleicht einmal auch die Gefühle offenbart. Ja, und die Henriette Wulf hat ja noch so die letzten Nächte, auch noch Liebesnächte mit dem Kapitän, hat aber dann doch irgendwie sehr bedauert, dass sie so nie den Mut gehabt hat, sich Liebe einzugestehen, entweder zu Andersen oder auch sexuelle Liebe einzugestehen? Genau, die beiden in Wirklichkeit höchstwahrscheinlich sind beide als Jungfrau gestorben. Und bei Hans Christian Andersen war es ganz eigenartig, es war ein selbst auferlegtes Zölibat. Er hat mit sich als junger Schriftsteller einen Pakt geschlossen und hat gesagt, wenn er seine sexuelle Unschuld bewahrt, bewahrt er sich auch den unschuldigen Blick auf die Welt. Und er war der Meinung, nur wenn er einen reinen Blick auf die Welt hat, kann er auch reine Literatur schaffen. Das ist jetzt real. Das ist real. Das kann man in seinen Tagebüchern nachlesen und auch in einem Roman, wo er das thematisiert hat. Er braucht einen reinen Blick auf die Welt, um reine Literatur zu schaffen. Und darum hat er mit sich einen Pakt geschossen. Er hat gesagt, er wird seine Unschuld nie verlieren, dafür aber die Kraft bekommen, reine Literatur zu schaffen. Und nachdem seine Karriere relativ schnell vorangeschritten ist, ist ihm dann fast zu riskant geworden, diesen Pakt zu brechen. Weil er dachte, wenn das jetzt stimmt und er bricht den Pakt, dann plötzlich ist es vorbei mit der Literatur, geht es an. Also das heißt, er ist dann doch bestätigt worden, in diesem Pakt, in seiner eigenen Theorie. Also diese Kutzenberger Romane, ich komme dann wieder auf Andersen zurück, aber du scheinst ja dann auch nicht abergläubisch gewesen zu sein, wenn du ihn umbringst, ja, literarisch. Aber Andersen hat schon ein sehr unangenehmes Gefühl gehabt, weil er ja in einem seiner Werke auch über einen Schiffsbrand geschrieben hat. Also das kommt einige Male auch vor. Genau, das stimmt auch. Das ist eine allererste Erzählung, die er veröffentlicht hat. Also das kommt einige Male auch vor. Genau, das stimmt auch. Es ist eine allererste Erzählung, die er veröffentlicht hat. Da geht es um ein Schiff, das auf offenem Meer in Brand gerät und alle sterben. Und das habe ich in den Tagebüchern nicht gefunden, dass er dann an das gedacht hat. Aber diese Erzählung war wirklich so eine erste Erzählung und im Buch jetzt denkt er, boah, was ist, wenn alles meine Schuld war, wenn ich diesen Schiffsbrand herbeigeschrieben habe. Weil es eben oft so ist, dass, ich glaube Literatur ist immer irgendwie prophetisch und auch anders passiert es manchmal, dass etwas schreibt, was dann realisiert wird. Literatur ist prophetisch, meinst du? Ich glaube, dass jede Literatur automatisch prophetisch ist, ob sie will oder nicht. Inwiefern? Weil sie Möglichkeiten, also Robert Musil spricht von Möglichkeitssinn, dass der Möglichkeitssinn gleiche Berechtigung hat wie der Realitätssinn. Es ist nicht eines wahrer wie das andere. Und ich glaube, dass es irgendwo damit zu tun hat, dass Literatur eben Möglichkeiten aufmacht, die jetzt aber nicht weniger wahr sind als das Realgeschehene. Und wenn man diese Möglichkeiten eben verbalisiert und zwischen Buchdeckeln real werden lässt, dann ist es, glaube ich, nur eine Frage der Zeit, bis die Realität das einholt. Da wird es eben wieder fast metaphysisch, dass Literatur eben durch ihre Logik, wo wir vorher darüber gesprochen haben, dass sie ihre eigenen Wege geht, dass sie irgendwie den Weg der Realität schon vorzeichnet, ob sie will oder nicht. Also bei mir ist zweimal so passiert. Bei Joker Man schreibe ich über Donald Trump. Und ich habe das Buch begonnen, da war Donald Trump Präsidentschaftskandidat gegen Hillary Clinton. Und ich habe irgendwie aus einer Idee heraus begonnen, ein Buch zu schreiben, Und ich habe irgendwie aus einer Idee heraus begonnen, ein Buch zu schreiben, wo Stefan Gutzenberger den Auftrag bekommt, Donald Trumps Wahl zu verhindern. Und ich schreibe das und das hat irrsinnig Spaß gemacht beim Schreiben, aber ich wusste, das ist völlig sinnlos, das kann ich nie veröffentlichen, weil Trump wird ja sowieso nicht Präsident und in ein paar Monaten ist der vergessen. Und dann schreibe ich halt weiter und plötzlich wird der Typ Präsident. Das gibt's doch nicht. Und dann schreibe ich dann noch so ein Bob Dylan-Geheimgesellschaft rein und plötzlich kriegt Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur. Und da dachte ich mir, wenn die Realität eh macht, was ich schreibe, dann schreibe ich einfach weiter. Und dann habe ich eben diesen Schock am Ende geschrieben. Also bitte schreib das nächste Buch darüber, dass es überhaupt keine Kriege mehr gibt. Ja, und das habe ich mir genau so gedacht. Das muss man eigentlich positiv anwenden, diese Superpower. Wirklich, weil wenn du diese Fähigkeit hast, die hat ja fast niemand. Im echten Leben kann ich nicht immer irgendwas vorhersagen. Aber ich glaube, in der Literatur, das ist der Literatur immanent, dass sie irgendwie mehr fühlt, als vielleicht der Alltag es tut. Im Joker-Man ist es dann so witzig, am Schluss ist dann ein Showdown und Gutzenberger steht Donald Trump im Weißen Haus mit einer Giftspritze in der Hand gegenüber. Und Gutzenberger kriegt dann plötzlich ein Moralisch und dann sagt, naja, er kann nicht mehr Menschen töten, das geht nicht. Und er geht dann unverrichteter Dinge wieder raus. Und ich kriege bis jetzt noch böse E-Mails von Leserinnen und Lesern, die sagen, alles ist deine Schuld, du hättest zuflächen müssen. Ja, ich enthalte mich. Weil du jetzt eben auch die Politik angesprochen hast. Wir sind ja jetzt in einer Zeit, die wirklich einiges uns auferlegt. Uns eigentlich nicht, aber wirklich sehr vielen Menschen in der Welt. aber wirklich sehr vielen Menschen in der Welt. Wie sehr spürst du da den Drang, eigentlich auch eventuell politisch dich zu äußern? Nein, das spüre ich nicht. Ab und zu vielleicht einen kleinen Kommentar in einem Essay. Ich habe schon ein paar Essays geschrieben für Feuilleton, für das deutschsprachige Feuilleton, aber immer nur sehr allgemein. Ich würde nie öffentlich so zum Ukraine-Krieg oder zum Gaza-Krieg oder so eine Stellung beziehen, weil mir das auch zu blöd ist, wenn man schon voraussagen kann, wie die Antworten sein werden. Es ist so eine polarisierte Welt, wo eh alles total unüberraschend ist. Wenn jemand A sagt, kommen die Antworten B, C, D, E und alles kann man ganz genau voraussehen, wie es ist. Also ich habe mir so, meine Essays sind eben sehr gut gemeint, dass ich immer versuche, die Polarisierung zu überwinden, Brücken zu überwinden, auf das Gemeinsame hinzuweisen. Aber sogar das ist schon polarisierend. Wenn man dann die Forumsdiskussionen anschaut, wie man da böse beschimpft wird, wenn man sagt, es wäre vielleicht gescheit, wenn wir miteinander reden. Also ich bin da zu zart beseitigt, glaube ich. Also könnte man das nicht antun, das in eine politische Diskussion mitzuwerfen. Ja, da hat sich irgendwie schon was verändert. Ich habe einmal so diesen Ausdruck gehört, den finde ich sehr passend, die Rottweiler-Gesellschaft. Also irgendwie, das kommt mir auch vor. Es geht so aufeinander zu, es wird nur gebissen und geschluckt. Also es ist ganz eigenartig. Hans-Gerhard Sanderson hat etwas ganz Schönes gesagt. Er war sehr technikgläubig, interessanterweise, obwohl er so ein romantischer Schwerer in der Geist war, aber er war anderer verfolgt, wie das Transatlantik-Kabel für Telegrafie gelegt worden ist. Das war genau in der Zeit, in der auch die Geschichte spielt. Und das erste Kabel ist im Sommer 1858, also nur ein paar Wochen bevor dieses Unglück passiert ist, ist das erste Transatlantik-Kabel verlegt worden, von Neufundland bis Irland. Das war an der kürzesten Stelle. Und es hat ein paar Minuten funktioniert. Ein paar Minuten lang hat man kurz telegrafieren können zwischen Amerika und Europa. Und dann ist das halt irgendwo gerissen. Man hat es nicht mehr weiterverwenden können. Aber man hat gewusst, es ist technisch möglich. Man schafft das. Und Andersen hat dann gesagt, in dem Moment, wo die Welt durch ein Kabel verbunden ist, in dem Moment wird es aufhören, Kriege zu geben. Das finde ich so schön von der Überlegung. Er sagt, in dem Moment, wo wir miteinander kommunizieren können, rund um die Welt, in dem Moment gibt es keinen Grund mehr, Kriege zu führen, weil wir ja eh miteinander reden können, rund um die Welt, in dem Moment gibt es keinen Grund mehr, Kriege zu führen, weil wir ja eh miteinander reden können. Ja, ja. Ist das nicht schön? Ja, es ist sehr schön. Ist das nicht traurig, wo wir sind? Nein, ich meine, diese Überlegung ist ja bis zu einem gewissen Grad auch logisch. Wenn man reden kann, braucht man sich nicht den Kopf einschlagen. Aber umgekehrt, heutzutage sind wir bis in den letzten Winkel der Welt miteinander vernetzt und wir haben es nur immer nicht gelernt. Ich nehme an, weil du gesagt hast, dass du das so lange recherchiert hast, hast du dir die Märchen auch noch einmal alle angeschaut? Ja, genauso wie die meisten von uns. Eine Handvoll Märchen gekannt. Festliche Entlein, was gibt es? Kaisersneue Kleider, Prinzessin auf der Erbse, das Mädchen mit dem Schwefelhölzchen. Also man kennt ein paar, die mehrjungfrau ich habe auch gekannt aber wird dann ist alle gelesen gab 186 gibt es wirklich sehr viel mehr und vor allem habe aber die romane gelesen die mir besonders gefallen und ein roman nur ein spielmann spielt sogar zum ganz wesentlichen Teil in Wien. Und diese Wien-Kapiteln habe ich dann auch aufgenommen. Die Liste erleben wir im Spiel auch in Wien. Linz kommt kurz vor, weil Anderson sechsmal in Linz war. Ah, wirklich? Und Linz irrsinnig geschätzt hat. Sie hat mir so einen Zwischenstopp nach Wien genommen und hat dann echt geschrieben im Tagebuch, eigentlich gefällt dem Linz viel besser als Wien. Die Luft ist viel besser, das heißt, ich weiß nicht genau, wie die Luft geschrieben wird. Naja, wer weiß, wie das damals war. Und der Donaustrom, das hat ihn so fasziniert, wie der Donaustrom da ums Eck kommt und durch Linz durchfließt. Er ist dann zum ersten Mal in seinem Leben mit der Pferdeeisenbahn hier gefahren und hat gesagt, das ist wie Schweben, das hat ihn so fasziniert. Und ich glaube, es stimmt, wenn man sich vorstellt, auf einer rumpeligen Landstraße quer durch Europa zu fahren und dann plötzlich fahren wir auf Schienen, das muss ja wirklich wie Schweben sein. Das war für ihn etwas völlig Neues. Und er hat dann auch wieder gesagt, das ist die Zukunft. Und dann war dann die Eisenbahn war es doch. War das dann eigentlich eine Zäsur für ihn, wie die Henriette Wulf nicht mehr gelebt hat? Oder weiß man da irgendetwas? Weil das war doch so eine sehr, sehr entscheidende Freundin von ihm. Dann ist eigentlich diese Freundschaft ganz plötzlich weggefallen. Genau, das versucht mein Roman, was das für ihn bedeutet, dass sie da viel weg ist, auch wenn sie nur ausgewandert wäre, das wäre auch ganz hart für ihn. Und da ist das Buch auch eine Antwort drauf, weil in den größten Biografien, die es gibt, so Andersen, und nachdem er so ein wichtiger Autor ist, gibt es große, gelehrte Biografien. Aber da spielt es ja 1858, wo Hein Henriette Wulf nach Amerika geht und weg ist, keine Rolle. Und ich habe dann gedacht, das gibt es doch nicht. Das muss ihn doch irgendwie erschüttert haben. Das muss ihn doch beeinflusst haben. Und ich habe dann in seinen Tagebüchern und Briefen nachgeschaut. Und da kommt schon vor. Aber da schreibt er mehr oder weniger, es ist so schrecklich, ich mag nicht drüber schreiben. Und darum ist es so ausgespart. Und dann habe ich gedacht, wenn es eine Leerstelle ist, dann muss ich die füllen. Und das ist eben das Buch dann geworden. Klick, also wie es eben da war mit der Henriette Wulf oder soll es wieder ein Briefroman werden oder was hast du schon so eine ein bisschen einen Weg, wie es weitergeht? Ja, ich schreibe gerade dran, soll ich bald, eigentlich nächstes Jahr schon wieder der nächste Roman erscheinen. Und das ist ein Krimi und ich überlege jetzt gerade wieder die Form, ob ich es nicht noch vielleicht wieder Richtung Briefraum mache. Aber die Story ist recht witzig, ich habe einen Roman aus dem Spanischen übersetzt von einem baskischen Autor. Und der hat mir erzählt, dass er kommt aus einer Familie von Fischern und in den Romanen kommt das auch vor. Und er hat erzählt, diese Fischer gibt es im Baskenland eben schon seit dem Mittelalter. Und die sind immer sehr, sehr weit nach Norden gefahren. Bis nach Schottland und teilweise sogar bis nach Island. Und in Island war es immer eine Sensation, wenn die spanischen Fischer kommen, die baskischen Fischer kommen. Und die isländischen Frauen haben sich anscheinend immer recht gefreut, dass da so fern exotische Männer kommen und es sind da auch Beziehungen und Kinder entstanden und die isländischen Männer haben sich weniger darüber gefreut, dass die Frauen da mit diesen Spanien-Sachen beginnen und deshalb hat es in Island dann das Gesetz gegeben, man darf Pasken umbringen. Und das war irgendwie aus der Früh der Neuzeit der Gesetz, dass man darf Pasken umbringen, wenn sie da das Land betreten. Und mein Schriftstellerfreund hat mir erzählt, dass dieses Gesetz vergessen worden ist. Und das hat es bis in die 80er Jahre gegeben, dass man Paschke umbringen darf. Und erst dann hat das irgendwer gefunden und dann ist es gestrichen worden. Ah ja, na ja, Wahnsinn. Und ich habe es dann Krimi geschrieben, wo das die Pointe ist. Also du krebst auch gerne diese historischen Fakten aus. Ja, eigentlich nicht, aber das sind eben so die Punkte, wo plötzlich wieder irgendwas geht. Das ist doch so absurd, das soll ein Roman werden. Und das ist die Pointe in meinem Krimi. Das ist ein Krimi mit anderen Toten, aber eigentlich kann man den Mord nicht sühnen, weil im Gesetz steht, ein Basket darf getötet werden. Ich möchte jetzt gegen Ende noch einmal zurückkommen, weil du nach Linz, wo du ja eben aufgewachsen bist und die ersten 18 Jahre verlebt hast, aber du hast jetzt auch im Linzer Stifterhaus eine Reihe. Genau, das ist sehr schön. Ich bin so froh überhaupt über diesen Linz-Kontakt. Die Linzerinnen sind so treu in der Kultur. Immer wieder bekomme ich Aufträge und bin oft hier eingeladen. Das ist für mich ganz schön, dieser Bezug zum Marmertland. Und das Linzer Stifterhaus hat eine Reihe mit mir, die heißt Reden wir über. Und da ladet das Stifterhaus Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein, die über Sachen mit mir auf der Bühne reden, die im normalen Literaturbetrieb, in den normalen Leseformaten nicht vorkommen. Also das heißt, die Schriftsteller oder Schriftstellerinnen lädst du nicht ein? Genau, bis jetzt hat das Stifterhaus die Einladung übernommen. Ich weiß nicht, wenn ich den Vorschlag habe, ob das akzeptiert wird, werden wir mal sehen. Aber die Idee ist dann einfach, dass die dann Themen vorschlagen. Ah, die Themen kommen auch von Ihnen und du bist sozusagen Moderator in dem Fall. Genau, dann bereite ich mich darauf vor und dann moderiere ich das im Gespräch. Und das finde ich schon gut, weil so schön es ist, diese Lesetouren, Lesereisen, Leseformate, aber immer nur Neuerscheinungen zu präsentieren, ist ein bisschen wenig, finde ich, weil das literarische Leben so viel mehr Möglichkeiten und so viel mehr abdeckt auch. Und in dem Format wird eben versucht, reden wir über und dann darf die Schriftstellerin ein Thema vorschlagen, was sie glaubt, dass zu wenig behandelt wird. Und das sind ja, was ich so gesehen habe, keine Herrenthemen, also es ist auch über die Toilette gesprochen worden, unter anderem. Wir haben die Liebe, Talent, die Toilette. dann wünsche ich dir viel viel erfolg ja auch also was den neuen roman betrifft was auch die anderen aktivitäten betrifft und das war eben heute stefan kurzenberger zu gast bei Literatur im Dorf. Wir haben gesprochen über sein neues Roman, die Liste der Erlebenden, erschienen im PIKUS Verlag. Silvana Steinbacher wünscht Ihnen noch einen schönen Tag und machen Sie es gut. you