Ja, sehr geehrte Damen und Herren, ich darf Sie herzlich begrüßen. Mein Name ist Johann Bacher und ich habe die ehrenvolle Aufgabe, Ihnen zu Beginn einen kurzen Überblick über das heutige Programm zu vermitteln. Im Zentrum steht das Buch Josef Finster – Eine Recherche Bad Ischl, Linz, Dachau, Flossenbürg, das Waltraud Kanonier-Finster und Meinrad Siegler geschrieben haben. Mit beiden verbindet mich eine lange Freundschaft und gemeinsam geben wir seit zehn Jahren die Marie-Jauda-Edition heraus und das ist auch der Grund, warum mir diese Aufgabe heute zuteil wurde. In dem heute präsentierten Buch geht es um die Lebensgeschichte eines Mannes, der 1900 in Linz in bescheidenen, einfachen Verhältnissen geboren wurde. Die Nationalsozialisten stempelten ihn zum Berufsverbrecher und 1941 verstarb er im Konzentrationslager Flossenbürg. Das Buch führt uns, führt Sie heute dann in die Randzonen von Linz in den 1920er, 1930er Jahren und beschreibt die Lebensverhältnisse, die Lebenssituation in den Barackensiedlungen, die errichtet wurden, um die Wohnungsnot in Linz zu lindern. Das Buch, wenn Sie es anschließend kaufen, Sie werden es sehen, basiert auf einer Vielzahl von Quellen, die die beiden in jahrelanger Arbeit mühsam recherchiert haben. Von Josef Finster selbst, dem Proponenten des Buches, gab es kaum Quellen dazu. Waltraud ist allerdings die Großnichte von Josef Finster. Sie hat an der Johannes Kepler Universität Linz Soziologie studiert und arbeitete anschließend am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck. Meinrad Ziegler, ebenfalls Soziologe, er war an der Universität Linz tätig. Beiden, und ich glaube, das zeigt auch dieses Buch sehr gut, ist es wichtig, aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Verhältnisse das Leben von Menschen prägen. Das ist nun deshalb ein Anliegen, damit voreilige Schlussfolgerungen, einfache, simple Schuldzuweisungen an Personen vermieden werden. Gleichzeitig aber, glaube ich, geht es auch darum, und das zeigt auch dieses Fallbeispiel sehr deutlich, aufzuzeigen, dass Menschen trotz widriger Lebensumstände versuchen, ein selbstbestimmtes, ein eigenes Leben zu führen. Verleger, Eigentümer des Verlages ist Alexander Döck-Göderin. Er ist nicht nur Verleger, sondern betreibt auch die Buchhandlung Kulturdirektion, die letztes Jahr als Buchhandlung des Jahres ausgezeichnet wurde. Nochmals Gratulation Alexander und möchte die Gelegenheit nützen. Bevor wir vielleicht auf das Buch zu sprechen kommen, was waren die Motive, einen Verlag zu gründen? Ja, das ist jetzt so auf die Schnelle gar nicht zu sagen. Wir haben Zeit. Ja, ja, ich glaube, die Maria denkt da anders. Ja, ja, ich glaube, die Maria denkt da anders. Wie so oft in meinem Leben war das eigentlich weder beabsichtigt noch dann wirklich Sinn ergeben am Anfang. Das hat sich erst dann mit der Reihe, mit den ersten Veröffentlichungen herausgestellt, dass das durchaus funktioniert. was ein großes Erstaunen war. Und nichtsdestotrotz sind wir nach wie vor ein sehr kleiner, also nicht zu sagen winziger Verlag. Wir sind jetzt, glaube ich, beim achten Buch angelangt und veröffentlichen so etwas wie ein, zwei Bücher pro Jahr. Also das ist an und für sich vernachlässigbar. Und vielleicht anschließend, warum gerade dieses Buch? Was waren die Motive, dieses Buch herauszugeben? Was hat dich da besonders gereizt? Ja, wir haben die beiden Autorinnen schon erwähnt in Zusammenhang mit den Jahoda Büchern, da waren sie bei uns zu Gast. Ich konnte sie kennenlernen, auch kann man auch sagen befreundet und ich habe so diese entwicklung des buches ja auch mitverfolgt und ich habe das sehr spannend gefunden wie du schon erwähnt hast diese diese sehr dürftige datenlage dieses doch dochale Leben, das man da 80 Jahre später nachspürt, dass da doch ein sehr flüssig zu lesendes, sehr packend zu lesendes Buch entstanden ist, dass diese marginalen Daten, die wir haben, ausführlich deutet. Und jetzt leben wir doch in einer Zeit, wo wir es schon fast gewohnt sind, dass alle weltbewegenden Probleme in einem 38-Sekunden-YouTube-Video, die erklärt werden. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kommen wir doch zum Schluss, das kann es doch nicht sein. Die Sachen sind, wie ein Bundeskanzler mal gesagt hat, manchmal kompliziert. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kommen wir doch zum Schluss, das kann es doch nicht sein. Die Sachen sind, wie ein Bundeskanzler mal gesagt hat, manchmal kompliziert. Und man muss der Sache schon auf den Grund gehen. Und ich glaube, das ist eines der wichtigsten Sachen, dass wir uns die Sachen erklären lassen. Und das ist ein gutes Beispiel von einem Buch, das in die Umstände in Oberösterreich, vor allem Linz, erklärt. Wie war das Leben damals? Wie hat das dazu geführt, dass diese Leute auch so unter die Räder gekommen sind? Da geht es ja um eine Gruppe der Tagelöhner, das ist überhaupt so eine Gruppe, die oft vergessen, oft übersehen worden sind. Und das waren Herrscher von Leuten, die in den Häusern gearbeitet haben, gekocht haben, geputzt haben, die Leute rumchauffiert haben, aber auch in der Landwirtschaft. Die Mägde und die Knechte, die waren alle prekär. Die haben alle oft nicht gewusst, was ist am nächsten Tag. In der Industrie, das waren große Teile der Bevölkerung haben so gelebt, waren ein Josef-Fenster. Und war oft nur Glück oder Unglück, Banalitäten, die dein Leben bestimmt haben. Jetzt hast du schon meine zweite Frage indirekt beantwortet, nämlich was die Motive waren, genau dieses Buch auch mit herauszugeben. Herzlichen Dank. Vielleicht noch kurz, was ist die nächste Publikation, die geplant ist? Ja, wir arbeiten jetzt schon sehr lange an dem Skizzenbuch von Viktor Schauberger. Das war ein Wasserforscher, eh auch aus Bad Ischl, so der Begründer des Granderwassers, um das mal so platt zu sagen. Da veröffentlichen wir jetzt so fast 70 Jahre nach seinem Tod zum ersten Mal Originalschriften, Originalskizzen von ihm. Das nächste wird dann sein vom Rainer Crispel, auch wieder ein Linz-Bezug. Der Musikarbeiter, der auch hier lang in der Kapo und in Wien in der Arena in unzähligen Bands mitgespielt hat. Da kommt seine Lebensgeschichte und seine Freundschaft zum Hacke, dem Drummer und Schlagzeuger von Texter und Sevens You. Und so ein bisschen Sozialgeschichte, Lebensgefühl, Leinster, 70er, 80er Jahre. Das sind so die nächsten zwei Projekte. Ja, da freuen wir uns schon auf die nächsten Projekte. Viel Erfolg, gutes Durchhalten. Ich hoffe, dass Sie jetzt einen Einblick gewinnen konnten in dem Rahmen, in dem Kontext, in dem das Buch entstanden ist. Sie können im Anschluss an die Lesung das Buch käuflich im Foyer erwerben und auch Alexander, Meinrad und ich stehen für weitere Fragen gerne zur Verfügung. Wir kommen nun zur Lesung. Die Lesung wird etwa eine Viertelstunde dauern. Maria Hofstetter wird aus dem Buch lesen. Ich glaube, Maria Hofstetter brauche ich nicht näher vorstellen. Sie ist uns allen bekannt aus zahlreichen Filmen und Bühnenstücken. Sie hat auch seit vielen Jahren an den Lesungen aus unseren Marie-Jahuda-Büchern mitgewirkt. Sie glaubt, wie sie letztes Jahr bei der Verleihung des Axel-Korte-Preises an Sie in Ihrer Dankesrede zum Ausdruck brachte, an die positive Wirkung, an die emanzipatorische Wirkung von Bildung. Deshalb ist es hier in Lesungen immer ein besonderes Anliegen, nicht nur zu unterhaltend, sondern auch bildend zu wirken. Musikalisch begleitet wird die heutige Lesung von Toni Burger. musikalisch begleitet wird die heutige lesung von toni burger toni burger hat eine ausbildung eine klassische ausbildung an der geige und ein wirklich umfassendes überre vorzuweisen orchesteraufnahmen solo-konzerte cd und cd aufnahmen und Plattenaufnahmen zum Beispiel mit Georg Tanzer, Konstantin Wecker oder Otto Lechner, Hörbücher mit Wolfram Berger. Er lebt derzeit als freischaffender Musiker im Ausseerland und wird heute für diese Buchpräsentation neue Kompositionen mit einem sehr starken Bezug zum Buch vortragen. einem sehr starken Bezug zum Buch vortragen. Bevor ich Ihnen nun, sehr geehrte Damen und Herren, eine anregende Buchpräsentation wünschen darf, möchte ich mich auch im Namen des Präsentationsteams noch bei der Tribüne Linz sehr herzlich bedanken. Erstens für die Möglichkeit der Buchpräsentation in diesem Rahmen und zweitens für die technische Unterstützung bei der heutigen Buchpräsentation. Wir hoffen sehr, dass die Bemühungen der Tribüne Linz erfolgreich sein werden, den Standort hier aufrecht zu erhalten und wir auch in Zukunft weiterhin unsere Bücher präsentieren können. Auch Ihnen, sehr geehrte damen und herren noch mal danke für ihre teilnahme wir bleibt es nur mehr vorhang auf Thank you. L'artiste de l'artiste ¦ © transcript Emily Beynon ¦ Musik Die Eltern Josef Finsters kamen aus dem Salzkammergut. Der Vater Leopold wurde in Bad Ischl als uneheliches Kind geboren. Sein Vater heiratete nach der Geburt die Mutter und legitimierte damit den Sohn. den Sohn. Leopold war Tagelöhner, hatte keine Ausbildung, keine feste Stelle und arbeitete als Hilfsarbeiter dort, wo es Arbeitskräfte brauchte. Er ehelichte Anna Aigner, die auch aus Bad Ischl kam. Sie war Dienstmarkt bei einem Wirt. Zwei Söhne wurden geboren, Leopold und Franz. geboren, Leopold und Franz. Im 19. Jahrhundert hatte das Salzkammergut eine Umstrukturierung erfahren. Ab 1850 wurde bei der Salzgewinnung mehr und mehr Kohle statt Holz zur Befeuerung der Sudpfannen verwendet. Die Kohle kam aus dem Hausrück und konnte neuerdings mit der Eisenbahn in das innere Salzkammergut transportiert werden. Damit verbunden war ein Niedergang der Holzproduktion und der Traunschifffahrt. Viele Arbeitsplätze gingen verloren. Holzknechte hatten früher zwei Drittel der Arbeitskräfte in der Salzproduktion gestellt. Allerdings standen viele von ihnen nicht im kaiserlichen Dienst, sondern wurden von Holzmeistern gedungen. Damit verblieben für sie die schlechtgestellteren und unsicheren Arbeitsplätze. Vor dem Hintergrund dieses wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs übersiedelte die Familie nach Linz. Dort gelang es Josefs Vater, die unsichere Existenz als Tagelöhner im Salzkammergut mit einer Stelle als K&K-Postamtsdiener in Linz zu verbessern. Josef war der dritte Sohn der Familie. Er wurde im Februar 1900 bereits in Linz geboren. Die nun fünfköpfige Familie wohnte am Stadtrand in der Niederreitstraße zur Miete, in einer Wohnung mit Küche, Zimmer und Kabinett. Die sozialen Bindungen an das Salzkammergut und Bad Ischl blieben erhalten. Das ist typisch für Angehörige der unteren Schichten, deren Situation noch nicht gefestigt ist. Leopold und Franz, die älteren Brüder von Josef, heirateten in Bad Ischl. Auch ihre Ehefrauen kamen von dort und stammten aus Familien von Tagelöhnern. Josef besuchte acht Jahre eine Volksschule in Waldeck. Die Schule hatte nur fünf Klassen, sodass Schüler von zwei Schulstufen in einer Klasse zusammengefasst waren. Kinder aus besseren Kreisen wurden gegenüber jenen des niederen Standes oftmals bevorzugt. Mitschülern fiel auf, dass Kinder, die wohlhabende Eltern hatten, im Unterricht kaum etwas gefragt wurden, dennoch aber immer in die nächste Schulstufe aufstiegen. 1914 begann der Krieg. Er veränderte das Leben in der Stadt. Es war eine hektische Zeit der Mobilmachung. Linz war Garnisonsstadt. Die großen öffentlichen Hallen und Säle, auch die Schulen, dienten zur Unterbringung der Truppen, aber auch unverbaute Felder an der Peripherie verwandelten sich in Heerlager. Josef hatte nach der Schule keine berufliche Ausbildung absolviert. Die Gründe dafür kennen wir nicht. Die Bedingungen, eine Lehrstelle zu bekommen, waren in den Kriegsjahren wohl wenig aussichtsreich gewesen. Dazu kam, seine soziale Herkunft hatte ihn mit nur knappen Ressourcen ausgestattet. Den Zugezogenen fehlte es an sozialen Beziehungen, um alle Söhne bei Handwerkern oder in Betrieben unterzubringen. Das Wehrdienstalter war schon im Dezember 1914 auf 18 Jahre gesenkt worden. Josef kam im Februar 1918 zur Musterung und meldete sich freiwillig zum Militärdienst. Begeisterung für den Krieg kann in dieser Phase der Kriegsmüdigkeit und des allgemeinen Chaos bei der Demobilisierung der Truppen eher ausgeschlossen werden. Möglich, dass er eine Zukunft in der Laufbahn eines Soldaten sah. Schließlich gehörte man in einer militärischen Einheit auch ohne Ausbildung zu einem besonderen Stand mit besonderen Pflichten und Rechten. Er wurde in ein K&K-Infanterieregiment eingegliedert, aber wegen des Kriegsendes noch im selben Jahr abgerüstet. Ein paar Monate später meldete er sich neuerlich freiwillig und trat am 1. Juni 1919 in die Bayerische Reichswehr ein. Diese war nach der Niederschlagung der Retterepublik gegründet worden. Bereits nach drei Monaten wurde das Dienstverhältnis wieder beendet, die Reichswehr aufgelöst. ¦ ¦ Thank you. © transcript Emily Beynon In den sozialen Verwerfungen der Nachkriegsjahre geriet der junge Mann mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Erstmals geschah das im Zusammenhang mit den Linzer Hungerdemonstrationen. Es gab in Linz und Oberösterreich ernsthafte Probleme bei der Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Lebensmitteln. Es fehlte an allem, an Mengen ebenso wie an Qualität. Es fehlte an allem, an Mengen ebenso wie an Qualität. Die Bauern lieferten gewässerte und entramte Milch, gleichzeitig blühte der Schleichhandel. Auch politisch spitzten sich die Auseinandersetzungen zu. Es kam zu Demonstrationen und Plünderungen. Am 10. Mai 1920 eskalierte die Situation. Am frühen Nachmittag versammelte sich auf dem Linzer Hauptplatz eine größere Menschenmenge. Es drängten sich Männer, Schulkinder, halbwüchsige Burschen, Frauen mit und ohne Kinder wegen. Sie kamen aus unterschiedlichen sozialen und politischen Lagern. Später hieß es, dass Jugendliche in schlecht bezahlten Stellungen oder ohne Arbeit den harten Kern der Demonstranten gebildet hätten. Gegen Abend versuchten einige Burschen, die Wachstube in der Rathausgasse zu stürmen. Sie wollten Demonstranten befreien, die bereits verhaftet worden waren. Es entstand ein Tumult, Gedränge und immer wieder wurde geschrien, Abzug Schmiere, auslassen müsst ihr sie, Abzug Wache. Dazu pfiffen und johlten die Burschen. Die Wachleute verteidigten sich mit blanker Waffe. Sicherheitswachleute und Gendarmen versuchten den Platz zu räumen. Sie wurden beschimpft und ausgepfiffen. Und in der angespannten Situation fiel ein Schuss. Woher er kam, konnte bei späteren Nachforschungen nicht geklärt werden. Die Volkswehr eröffnete das Feuer auf die Menge. Es gab sieben Tote, sechs Männer und eine Frau. Sie hatten Schusswunden im Bauch und Unterleib. Weitere 24 Personen erlitten teils schwere Verletzungen. Sie waren vor allem an den Beinen getroffen worden. Auch auf Seiten der Wachmannschaften gab es Opfer. Vier Männer wurden schwer verletzt, 32 leicht, aber keine Toten. 14 Tage später wurde Josef von einem Wachmann an der Donau-Lände verhaftet. Dieser glaubte, in Josef einen der Burschen erkannt zu haben, die die Wachstube stürmen wollten. Bei der Gerichtsverhandlung gab er als Zeuge an, Josef Finster habe sich in dem Geschiebe als besonderer Aufhetzer hervorgetan. Bei dem Lärm waren die einzelnen Worte, die Finster Josef gerufen habe, nicht zu verstehen. Aber er könne mit Bestimmtheit sagen, dass er einer der größten Schreier gewesen sei. Er erkenne ihn an seinen Gesichtszügen und seiner Statur, in Zweifel an seiner Identität, sei ausgeschlossen. Die Frage, wie es möglich gewesen sein soll, in der aufgeheizten Situation und inmitten des Gedränges einer empörten Menge, sich eindeutig eines Menschen zu erinnern, wurde in der Verhandlung nicht aufgeworfen. Weitere Zeugen gab es nicht. Josef gab zu, am 10. Mai auf dem Hauptplatz gewesen zu sein, bestritt jedoch seine Beteiligung an dem Aufruhr. Vermutlich wurde er einfach von der Empörung der Menge angesteckt und mitgerissen. Es war der politische Kontext, der sein Verhalten in einem anderen Licht und als gefährlich erscheinen ließ. In Polizeiberichten war von kommunistischen Umtrieben im Hintergrund der Demonstration die Rede. Das Gericht verurteilte Josef als einen der maßgeblichen Grandalierer der Ausschreitungen zu vier Monaten strengen Arrests wegen öffentlicher Gewalttätigkeit. Und das, obwohl niemand konkret sagen konnte, mit welchen Worten er dort die Menge angeblich aufgehetzt hätte. Josef empfand das Urteil als nicht gerecht und die Vorstrafe als unüberwindbares Hindernis bei der Suche nach einer Arbeitsstelle. Zweimal versuchte er, die Strafe tilgen zu lassen. Ohne Erfolg. In den folgenden Jahren misslangend Versuche, einen Lebensweg einzuschlagen, der sich immer an Gesetz und Ordnung orientiert hätte. 1921 starb Josefs Mutter. Seine beiden Brüder waren bereits verheiratet und lebten in eigenen Haushalten. Josef wollte es ihnen nachtun. Er heiratete Adele Lang, eine 18-jährige Dienstmarkt aus Linz. Die Verbindung ging von Beginn an schief. Es stellte sich heraus, dass die junge Frau keinen Sinn für eine Haushaltsführung besaß. Außerdem demütigte sie Josef, indem sie sich mit anderen Männern vergnügte. Es gab Streit und es kam zur Trennung. Im katholischen Österreich gab es damals noch kein ziviles Eherecht. Entsprechend dem Kirchenrecht galt die Ehe grundsätzlich als unauflöslich, aber es gab die Möglichkeit einer gesetzlichen Trennung von Tisch und Bett. Josef stellte einen solchen Antrag an das Landesgericht Linz. Musik Dieser Ehe entstand kein Kind. Beide Teile sind österreichische Bundesbürger und war der letzte gemeinsame Aufenthalt in Linz. Meine Frau hat mir von Anbeginn unserer Ehe die Wirtschaft nicht ordentlich geführt. Anbeginn unserer Ehe, die Wirtschaft nicht ordentlich geführt. Sie blieb auch tagsüber im Bett liegen. Und wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, fand ich fast nie etwas zum Essen vor, obwohl ich ihr meinen Lohn, der damals etwas über 100 Schilling betrug, zur Wirtschaftsführung übergab. Meist setzte sie mir Kaffee, Schmarrn oder dergleichen vor. Sie wusch mir nicht einmal die Wäsche und besserte mir meine Kleidung nicht aus. Aus den angeführten Gründen und auch deshalb, weil sich die Notwendigkeit herausstellte, dass auch meine Frau in Arbeit gehe, kam es zu häufigen Auseinandersetzungen. Bis mich meine Frau im April 1923 verließ mit der Begründung, dass sie es bei mir nicht aushalten könne, weil ich auf einer ordentlichen Wirtschaftsführung und Einstellung des liederlichen Lebenswandels bestand. Seit die Beklagte mich verlassen hat, steht sie mit verschiedenen Männern in intimen Beziehungen. Ende 1923 trat die Beklagte zu einem gewissen Mörtenhummer in nähere Beziehungen, die nicht ohne Folgen blieben. Sie hat in den ersten Monaten des Jahres 1924 in der Frauenklinik abortiert. Da ich mit der Beklagten seit 1923 nicht mehr geschlechtlich verkehrte und sowohl die Beklagte als auch Mörtenhummer den Ehebruch eingestanden haben, mache ich diesen Scheidungsgrund Es dauerte fünf Jahre, bis Josefs Antrag auf Trennung von Tisch und Bett stattgegeben wurde. Musik ¶¶ © transcript Emily Beynon Die 20er Jahre waren in Österreich alles andere als golden. Für viele herrschte Armut und Hunger. Einfaches Leben zu bewältigen war mit Last und dauernder Mühe verbunden. Josef dürfte von unterschiedlichsten Gelegenheitsarbeiten gelebt haben. Immer wieder unterbrochen durch Arbeitslosigkeit. In größeren Städten stellte sich Arbeitslosigkeit anders dar, als in der bekannten Studie über die Arbeitslosen vom Marienthal Anfang der 1930er Jahre beschrieben. Die Untersuchung beschreibt ein arbeitsloses Dorf nach der Schließung einer Fabrik mit Spinnerei, Weberei und Druckerei, die fast alle Familien ernährte. In einer Stadt werden ständig Hilfskräfte für diese und jene Arbeiten gebraucht. Arbeitslose leben in Nachbarschaften und gemeinsamen Milieus mit Beschäftigten und über solche Kontakte laufen Informationen. Wo gibt es Möglichkeiten für Aushilfsarbeiten? Wer sucht Leute für kurzfristige Dienstleistungsjobs? So können sich Arbeitslose und Ausgesteuerte über Wasser halten. Vor allem dann, wenn sie keine Familie zu ernähren haben. Wenn bei Behörden oder amtlichen Formularen die Beschäftigung abgefragt wurde, gab Josef unterschiedlichste berufliche Tätigkeiten an. Selten bezeichnete er sich als arbeitslos. an. Selten bezeichnete er sich als arbeitslos. Die Liste der von ihm genannten Berufe war vielfältig und deutete auf aktuelle oder kürzlich ausgeführte Beschäftigungen hin. Bauarbeiter, Hilfsarbeiter, Malergehilfe und Maler, Kutscher, Reisender und Vertreter, Kraftfahrzeuglenker und Chauffeur. Wie viele andere Ausgesteuerte reagierte er auf die Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt mit dem Versuch, sich selbstständig zu machen. Er gründete eine eigene Handelsagentur und bot unterschiedliche Dienstleistungen an. Dienstleistungen an. Bis zum Jahr 1933 stand er mehrfach wegen minderer Delikte vor Gericht. Das Strafgesetz unterschied je nach Schwere der Tat zwischen Verbrechen, Vergehen und Übertretung. Bei Josef handelte es sich zumeist um Übertretungen, also um minderschwere Delikte, die bei Bezirksgerichten verhandelt wurden. Es ging um Armutskriminalität, um Diebstähle, Veruntreuungen oder Betrügereien, bei denen der Schadenswert geringfügig war, keine Waffe verwendet und keine Gewalt ausgeübt wurde. und keine Gewalt ausgeübt wurde. Die Stadt hatte nicht nur das Problem der Arbeitslosigkeit. Wohnungsnot gab es schon seit dem Ersten Weltkrieg. Die Stadtregierung setzte Notmaßnahmen. Nicht mehr gebrauchte Kasernen adaptierte man zu Wohnzwecken und brachte Wohnungslose in bereits bestehenden Barackenlagern aus dem Krieg unter. Viele dieser Baracken waren in einem erbärmlichen Zustand. Josef wohnte in den 1920er Jahren an ständig wechselnden Adressen, teilweise in einer der Linzer Barackensiedlungen. Dann übersiedelte er in die Dörflinger Straße 13. Die Adresse gehörte ebenfalls zu einer Parakensiedlung. Josef hatte sich mit Josefa Mach zusammengetan, die dort wohnte. Sie war in Ibernschitsche in der Nähe von Brünn geboren und dort noch heimatrechtlich zugehörig. Amtlich wurde Josef als ihr Lebensgefährte und Josefa als häuslich, das heißt ohne Beschäftigung, geführt. Josef hatte drei Kinder. Bei allen Kindern enthalten die Geburtsscheine von einer Hebamme ausgefüllt, denn vermerkt unehelich. In den Zeilen für den Eintrag des Vaters fehlen die Angaben. Alles deutet aber darauf hin, dass Josef der Vater eines 1937 geborenen Mädchens ist. Wegen der unehelichen Kinder steht Josef Vermach unter amtlicher Aufsicht. Eine Fürsorgerin merkt nach einem Hausbesuch im Oktober 1937 an, dass der Kindsvater Josef Finster 29 Wochen bei der Fürsorgearbeit bedienstet war. Über den Zustand der Wohnung wird berichtet. Zweiräumige Wohnung, der Säugling schläft im Bett der Mutter. Die beiden anderen Kinder haben ihre eigenen Schlafstellen. Finster nächtigt alleine in der Küche, Wohnung ist ganz gut eingerichtet, Vormund ist die Mutter. Erstmals in Josefs Geschichte sind da Anzeichen eines zwar ärmlich und bescheidenen, und bescheidenen, aber geregelten Lebens. Er hat eine Partnerin, hat ab und an Arbeit und lebt in einem Haushalt mit Kindern. Im Februar 1939 kam ein weiteres Mädchen zur Welt. Allerdings war er bei der Geburt seiner zweiten Tochter nicht mehr in Linz. Im Juni 1938 wurde er in Vorbeugungshaft genommen, der SS übergeben und in das Lager Flossenbürg deportiert. Thank you. ¶¶ ¶¶ © transcript Emily Beynon ¶¶ ¶¶ Am 12. März 1938 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Österreich. Am Linzer Hauptplatz versammelten sich 60.000 Menschen, die Adolf Hitler sehen wollten. Mit diesem Ereignis änderte sich Josefs Leben von Grund auf. Es bekam plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Er wurde zum Objekt einer neuen Politik der Kriminalitätsbekämpfung, die für ihn letztlich tödlich endete. Wie hat der Nationalsozialismus die Lebensumstände an den Rändern der Stadt verändert? Es gab Versprechungen der neuen Machthaber. Die Arbeitslosigkeit sollte beseitigt, die Bewohner der Baracken an der Dörflinger Straße am Hühnersteig und in der Katzenau, wo Josef zu Hause war, sollten umgesiedelt werden. Österreich wurde sofort in den Vierjahresplan einbezogen, der für das gesamte deutsche Reich Geltung hatte. Für Linz bedeutete das nicht nur die Errichtung großer Industrieprojekte wie das nach Hermann Göring benannte Hüttenwerk. Die Stadt hatte darüber hinaus eine Sonderstellung. Hitler betrachtete sie bekanntlich als seine Heimatstadt und hatte große Pläne für deren Ausbau. Schon im Mai 1938 begannen die Bautätigkeiten. In kürzester Zeit gab es tatsächlich keine Arbeitslosen mehr. Dieser Umstand wird gerne von jenen erzählt, die meinen, am Nationalsozialismus sei nicht alles schlecht gewesen. Diese Erzählung hat aber große Lücken. Für den Umbau der Stadt reichten die lokalen Arbeitskräfte bei weitem nicht aus. Es brauchte zusätzliche Menschen für Bauarbeiten, für Management und für Verwaltung. Bis 1945 wuchs die Bevölkerung der Stadt um 80.000 Menschen. Viele kamen freiwillig, ebenso viele unfreiwillig. Wie wurde der Zustrom an Zugezogenen mit Wohnraum versorgt? Die Hälfte davon kam in neu errichteten Wohnungen unter, zum einen in den sogenannten Hitlerbauten, die wir alle kennen, zum anderen in den neuen Siedlungshäusern. zum anderen in den neuen Siedlungshäusern. Allerdings, die Projekte zum Wohnungsneubau mussten schon 1940 kriegsbedingt zurückgenommen werden. Es sollten nur mehr begonnene Wohnhäuser fertiggestellt werden. Die andere Hälfte der Arbeitskräfte bestand aus sogenannten Gemeinschaftsfremden, wie es hieß. Das waren Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Sie waren nicht freiwillig gekommen. Zusätzlich zu den alten Notstandsquartieren entstanden für sie neue Barackensiedlungen. Alleine die Hermann-Göring-Werke errichteten 18 Lager für rund 14.000 Personen an verschiedenen Standorten. Auf dem Gelände des heutigen Wirtschaftsförderungsinstituts in Niedernhardt, im Lissfeld und am Werksgerände St. Peter selbst. Linz wurde also unter der Herrschaft des Nationalsozialismus nicht von seinen Baracken befreit, sondern in eine noch monströsere Barackenstaff verwandelt. Die Folgen des fieberhaften Anwachsens der Stadt betrafen keineswegs nur die Lebensverhältnisse in den Randzonen. Alle Bereiche des täglichen Lebens waren betroffen. Am Ende des Jahres 1940 zählte der Linzer Oberbürgermeister Leo Sturmer extreme Fälle des Wohnungselens in einem internen Bericht auf. Zehn und mehrköpfige Familien wohnten in einem einzigen Kellerraum. Tuberkulöse Kinder schliefen mit Vater und Mutter in einem Bett. Geschiedene Ehegatten hausten in einem Raum, wobei fallweise der neue Ehegatte im selben Raum wohnte. Fronturlauber wussten nicht, wo sie schlafen sollten. Aus Deutschland zugezogene Beamten fanden nur schwer Unterkunft. Wohnungssuchende klagten, dass infolge der Feuchtigkeit der Wohnung Lebensmittel und auch Möbel zugrunde gehen würden. Und wörtlich heißt es in dem Bericht, es gelang wohl ein paar tausend Wohnungen zu errichten oder einige unentbehrliche Verkehrswege zu bauen oder auszubessern. Doch blieb der Bau der Schulen, Krankenhäuser, die Erneuerung oder Erweiterung der Versorgungsbetriebe zurück. Nun aber sind die Dinge so weit gediehen, dass die Leistungskapazität erschöpft und die Versorgung der Bevölkerung mit den unentbehrlichen Gütern ernstlich infrage gestellt ist. Alle Mangelerscheinungen nähern sich ihrem Höhepunkt. Der Wohnungsstandard eines Drittels der Bevölkerung liegt auf einem Tiefstand sondergleichen. Für die Kinder ist kein Platz in den Schulen, für die Kranken kein Raum in den Spitälern. Die Verkehrswege und Verkehrsmittel reichen nicht aus, um die Schaffenden zeitgerecht von und zu ihren Arbeitsstätten zu befördern. Das Handwerk ist nicht im Entferntesten in der Lage, den Aufträgen nachzukommen. Die Gas-, Milch- und Fleischversorgung der Bevölkerung ist ebenso in Frage gestellt wie die Stromversorgung, da die Kapazität der bezüglichen Versorgungsstationen erschöpft ist. So viel zur Erzählung von der Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Hitler und seinen Staat. Sie hatte also schon in den ersten Jahren der NS-Herrschaft eine kaum wahrgenommene, kaum thematisierte Kehrseite. ¦ © transcript Emily Beynon Für den vorbestraften Josef Finster verwandelte sich eine andere Maßnahme der Nationalsozialisten zur sogenannten Pflege der Volksgemeinschaft in eine existenzielle Bedrohung. Hitler wollte für Ruhe und Ordnung sorgen und das Verbrechertum gnadenlos bekämpfen. In der NS-Ideologie beruhten die Vorstellungen über das Verbrechertum auf zwei Überzeugungen. Erstens, der Verbrecher hatte einen bestimmten sozialen Ort, er kam aus den sozialen Unterschicht. Viele aus dieser Klasse würden nicht oder nicht genügend arbeiten, hatten ungewöhnliche Lebensformen oder Lebensanschauungen und kamen regelmäßig mit dem Gesetz in Konflikt. Zweitens, der verbrecherische Mensch ist unverbesserlich. Er spiele immer wieder dasselbe Spiel. Seine Eigenschaften sind biologisch oder sozial vererbt. Diese beiden Vorstellungen sind keine Erfindungen des Nationalsozialismus. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine neue Richtung in der Kriminologie. Diese begann sich besonders für den Täter zu interessieren. Man ging nicht mehr davon aus, dass Täter grundsätzlich einen freien Willen hätten. Sie konnten sich in dem nach gar nicht für oder gegen eine Tat entscheiden. Der typische Verbrecher in dieser neuen Kriminologie sei durch eine abnormale Persönlichkeit bestimmt. Sein Verhalten werde von Anlagen oder Umweltfaktoren gelenkt. Der größte Teil aller Straftaten werde von berufsmäßig handelnden Verbrechern verübt. Jene, die gelegentlich kriminell handeln, seien praktisch zu vernachlässigen. Erfolgreiche Kriminalpolitik müsse sich im Kampf gegen das Berufsverbrechertum bewähren. Ausgehend von diesen Vorstellungen meinten die Nationalsozialisten, öffentliche Sicherheit durch präventive Maßnahmen gegen vermeintlich Kriminelle herstellen zu können. In Deutschland wurde schon im November 1933 das sogenannte Gewohnheitsverbrechergesetz eingeführt. Bei diesem ersten Instrument war die Entscheidung, wer in Haft genommen werden konnte, noch in gerichtliche Verfahren eingebunden. Die Polizei konnte erst auf richterliche Anordnung handeln, aber das Regime radikalisierte sich rasch. wurde die Kriminalpolizei ermächtigt, vorbei an allen rechtsstaatlichen Verfahren gegen sogenannte Berufsverbrecher und sogenannte Asoziale vorzugehen. Ein Erlass des Chefs der Sicherheitspolizei zu einem neuen Polizeirecht macht deutlich, worum es ging. Dort hieß es, der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei hat der Polizei die Aufgabe gestellt, die vorbeugende Abwehr aller das Volk und den Staat gefährdender Bestrebungen durchzuführen. Dazu gehört auch die vorbeugende Verhütung von Straftaten gegen einzelne Volksgenossen, gegen das Volksvermögen und gegen die Volkskraft. Die polizeiliche Vorbeugungshaft soll das schärfste Mittel der Polizei sein, die Gemeinschaft vor dem Verbrecher und dem Assozialen zu schützen. Schutzhaft war bekanntlich das Instrument, mit dem die politischen Gegner bekämpft wurden. Die Vorbeugungshaft diente der Verfolgung unangepasster aus den unteren Klassen, der sogenannten Berufsverbrecher und Assozialen. Als Berufsverbrecher galt, wer Straftaten aus Gewinnsucht beging und mindestens dreimal entweder zu Zuchthaus oder zu Gefängnis von mindestens sechs Monaten rechtskräftig verurteilt wurde. Assozialer war, wer ohne Berufs- oder Gewohnheitsverbrecher zu sein, durch sein assoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet. Diese beiden Paragraphen sind Gummi-Paragraphen. Gegen alle Unliebsamen und Unbequemen können sie gerichtet werden. Sie schufen auch einen Rahmen aus Wiederholungstätern, triebhafte, stets gefährliche Berufsverbrecher zu konstruieren. Die kriminalpolizeiliche Praxis kümmert sich bei ihren praktischen Verhaftungsaktionen allerdings wenig um diese Verordnungen. Nehmen wir Josef Finster. Er war aus sozialen Gründen tatsächlich Wiederholungstäter, aber niemals hatte er eine Strafe von sechs Monaten abgebüßt. Die Strafe wegen der angeblich maßgeblichen Beteiligung an den Hungerdemonstrationen von 1921 betrug nur vier Monate und lag 18 Jahre zurück. Für alle anderen Delikte saß er nur für einige Tage oder gar Stunden in Haft. Wäre es nach den formalen Bestimmungen gegangen, hätte Josef nicht verhaftet werden dürfen. Die Kriminalpolizei handelte willkürlich. Möglicherweise hatte sie bei ihren Aktionen gegen die sogenannten Berufsverbrecher auch eine Quote zu erfüllen. Es wäre irreführend, sich den Kampf des Dritten Reiches gegen sozial Schwache nur als offensiv-aggressive Strategie vorzustellen. Nicht zuletzt sollten auch Funktionäre und die Bevölkerung ein Stück weit dafür gewonnen werden. Es würde dem Wohle und dem Schutz der Volksgemeinschaft dienen, wenn sogenannte Gemeinschaftsfremde und damit mögliche Gefährder in Gewahrsam kommen. Es gab also auch eine sanfte Strategie der Repression. Diese ging von einer helfenden, aufbauenden Haltung aus, voller Sympathie und Sorge um die bedauernswerten Menschen. Aber zur Rettung der Gemeinschaft seien schmerzende Eingriffe gegenüber den angeblich Minderwertigen unvermeidbar. Wie klingt dieser sanfte Sozialrassismus? Am 14. März 1940 war Dr. Walter Gross, Arzt und Leiter des Rasspolitischen Amts der NSDAP in Linz. Vor Vertretern der Partei und Wehrmacht hielt er im gefüllten Festsaal des Linzer Kaufmannischen Vereinshauses, einen Vortrag mit dem Titel Rassenpolitik im Krieg. Gross sprach über die sogenannte Ausmerzung Assozialer als Teil der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik. Ich weiß, dass wir hier in diesem Raum unter uns sind. Das heißt, unter Parteigenossen, die irgendwie an verantwortlicher Stelle in der Arbeit stehen. Und denen ich deshalb auch mal Dinge sagen kann, die weder in die Zeitung gehören, noch auf der Straße ausgetratscht werden. auf der Straße ausgetratscht werden. Nun ein Wort über das, was in unserem eigenen Volk ausgemärzt werden muss. Es sind zwei Kategorien von Menschen. Einmal die Erbkranken im Sinne des Gesetzes, das heißt die Menschen, die ohne Schuld und ohne irgendein eigenes Vergehen unbegreiflich für sie mit diesem Schicksal belastet sind, erbkrank zu sein. Das heißt, Träger von erblichen Anlagen, die sie im Laufe ihres Lebens unfähig zu einer vollen Leistung für die Nation machen. Ein solcher Erbkranker ist kein schlechter Mensch. Ein solcher Erbkranker ist nicht Gegenstand unserer Angriffe oder unseres Sportes. Ein solcher Herdkranker ist ein armer Teufel, der genauso anständig ist wie du und ich, zu dem eben bloß ein unbegriffliches Schicksal diese Last auf die Schultern gelegt hat. Er versagt irgendwo und irgendwann im Leben und deshalb dringt ihn das Gesetz, freigeläugig auf Nachkommen zu verzichten, das heißt sich der Sterilisierung zu unterziehen. Neben der Gruppe der Erdkranken, die sterilisiert werden aufgrund des Gesetzes, stehen nun aber erdlich belastete Menschen, die nicht erdrrank und trotzdem ärztlich denkbar unerwünscht sind. Das sind die vorhin schon genannten Asozialen. Asozial, verwechseln Sie bitte nicht mit dem ähnlich klingenden Wörtlein Unsozial. Legen Sie es als vorgekommen, das die auseinandergehalten hat. Da hat man gesagt, ein Betriebsführer, der einem seiner Angestellten einen Urlaub verweigert hat oder um zwei Tage gekürzt, das ist ein Asozialer. Da sah man im Hintergrund bereits das lange Messer, das da gewetzt wurde. Und so geht es nun auch nicht. Der Betriebsführer ist nicht asozial, er ist unsozial. Das ist eine Frage der Haltung, der Erziehung, der Ordnung, der Einordnung. Den soll man an den Schliff packen und soll ihm rechts und links hinter die Ohren hauen, wenn es nötig ist. Und soll ihm beibringen, was er für soziale Pflichten hat. Aber man soll ihn nicht sterilisieren. Wohingegen wir sterilisieren wollen, sind Asozialen. Aber meine Parteigenossen, wohlverstanden, wir wollen. Im Augenblick ist das in Deutschland leider noch nicht Gesetz. Für uns ist wichtig, dass dieser Kreis der Asozialen nicht ein Gelegenheitendeffekt, nicht ein Erziehungsschaden ist, sondern ausgesprochen familiär und örtlich auftritt. Ich bitte, das zur Kenntnis zu nehmen und besonders denen zu sagen, die in der praktischen Fürsorgearbeit stehen oder in der karitativen Arbeit stehen und sehr oft noch unter den Gedanken von vorgestern leiden, in der Meinung, das wären alles Umweltschäden. So ein armer Mensch, der wäre eben verdorben durch die Umwelt und müsste nun durch anständige Behandlung auf den rechten Weg gebracht werden. Das ist nicht wahr. Der asoziale Personenkreis ist ein typisch biologisch umschriebener Personenkreis mit charakteristischen ärztlichen Merkmalen und mit der Sendenz immer seinesgleichen als Partner, als Sexual- und Zeugungspartner zu suchen. Das ist wichtig. In jedem Arbeitshaus in Deutschland finden sich einzelne Menschen, von denen sagt man ja, die kosten uns eine Riesenstange Geld, aber wir geben uns die größte Mühe, die zu bessern und auf den richtigen Weg zu bringen. Und dann sagen wir, um Gottes Willen, weshalb denn? Hast du nicht selber gesagt, dass der Vater selbst so ein solcher Gauner und Verbrecher ist? Und auch irgendwo Zeit seines Lebens in Anstalten zwangsweise beschäftigt werden musste, weil er nichts tat. Und dann ist immer der Heinwandwand der Fürsorgerin oder des Anstaltsleiters von gestern. Ja, der Vater, das ist schon richtig, aber es könnte ja sein, dass dieses Kind nun von der Mutter her wertvolle Erbanlagen hat, die gerettet werden müssen. Eine Parteiginuss ist Quatsch. Eine anständige und auch nur durchschnittlich brauchbare und tüchtige Frau verbindet sich nicht mit seinem charakteristisch asozialen. Und das Kind, dessen Vater als bekannter Landstreicher und Asozialer in den Nüsten steht, hat garantiert eine Mutter gleicher Wertigkeit bzw. Unterwertigkeit. Und in solcher Wahnsinn Geld und Arbeitskraft darauf zu vergeuden, um das Produkt von zwei solchen minderwertigen Stolchen mit viel Mühe und Liebe und Betreuung vielleicht doch noch einigermaßen auf den rechten Weg zu bringen. Nein, was hier Not tut, ist zweierlei. Erstens, die vorhandenen asozialen Individuen hart anzupacken. Das ist eine Aufgabe der Polizei. Und zweitens, dafür zu sorgen, dass diese vorhandenen asozialen Individuen nicht neue erzeugen. Bekanntlich sind sie überdurchschnittlich bruchtbar gewesen von jeher. Hier ist eine biologische Maßnahme, nicht mehr eine polizeiliche notwendig. Hier ist Ausschaltung aus dem Gattgang erforderlich. Aber wenn die nicht mit Gesetz geht, dann werden wir sie eben mit entsprechender Handhabung des Gesetzes einführen und durchführen müssen. Dafür ist aber notwendig, meine Parteigenossen, dass man den asozialen Personenkreis kennt. Es ist aber notwendig, meine Parteigenossen, dass man den asozialen Personenkreis kennt. Und deshalb ist das, was auch hier im GAU jetzt vor dem politischen Abzug in Angriff genommen wird, eine asoziale Kartei, eine dringende Erfordernis. Wir können nicht an strenge Maßnahmen herangehen, wenn wir nicht wissen, wen diese Maßnahmen treffen sollen. Ein Großteil der Linzer Bevölkerung reagierte euphorisch auf die Machtergreifung Adler-Phültlers und den vermeintlichen sozialen Aufstieg der Stadt. Abseits davon ereignete sich in der Nacht des 14. Juni 1938 eine groß angelegte Verhaftungsaktion der Linzer Kriminalpolizei. Die Aktion fand nicht nur in Linz statt. Die Aktion fand nicht nur in Linz statt. In ganz Österreich wurden mitten in der Nacht mehrere hundert Männer in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen. Es gab keinen aktuellen Tatverdacht und keinen Haftbefehl. Alle waren wegen unterschiedlichster Straftaten vorbestraft, hatten ihre Haftstrafen jedoch bereits abgebüsst. Josef wurde um 3.45 Uhr in seiner Wohnung in der Linzer Dörflinger Straße 13 aufgegriffen und in das Polizeigefängnis in der Mozartstraße eingeliefert. Wie der polizeiliche Überfall auf Josef im Detail vor sich ging, ist nicht dokumentiert. Aber wir wissen von einem überlebenden Zeitzeugen, der im Rahmen derselben nächtlichen Polizeiaktion in Wien verhaftet wurde, wie es gewesen sein könnte.... Im Jahre 1938, nach der Machtübernahme durch die Naziregierung in Österreich, wurde ich Mitte Juni 1938 um vier Uhr früh in meiner Wohnung durch drei Polizeibeamte verhaftet. Ich wurde aus der Wohnung meiner Mutter, wo ich auch mit meiner Frau wohnte, rausgeholt mit der Begründung, ziehen Sie sich an und folgen Sie uns zum Polizeirevier in die Juchgasse. Auf mein Befragen, was denn los sei, wurde mir kurz zur Antwort gegeben, es handele sich nur um eine Auskunft, in längstens einer Stunde sei ich wieder hier. Da ich mich keiner Schuld bewusst fühlte, ging ich ganz ruhig mit den drei Beamten auf das Polizeirevier. Ich sagte noch zu meiner Frau und zu meiner Mutter, sie sollen sich keine Sorgen machen, wie sie ja selber hörten, käme ich ja bald wieder zurück. Doch es sollte anders kommen. Ich wurde auf der Polizei in eine Zelle gegeben, wo schon 20 Personen drinnen waren und die alle mit der Selbstbegründung von ihrer Wohnung von der Polizei abgeholt wurden, wie bei mir zu Hause. Wir warteten den ganzen Tag über und auf unser wiederholtes Fragen, was denn eigentlich los sei und weshalb wir eigentlich hier seien, wurde uns keine Auskunft gegeben. Auch unsere Angehörigen bekamen keine Auskunft. So verging auch noch die ganze Nacht in ewiger Ungewissheit über unser Schicksal. Am folgenden Morgen wurden wir mit dem Polizeiauto in das Polizeirevier Promenade im 9. Bezirk gebracht und dort sickerte schon das Gerücht durch, dass wir nach Dachau kommen, weil wir Nazi-Gegner seien. Am späten Nachmittag, so um 6 Uhr, wurden wir wieder auf das Auto aufgeladen und zur Abfahrseite Westbahnhof gebracht. Da waren wir aber schon auf circa 500 Personen angestiegen. Nun begann erst der richtige Leidensweg für uns alle, denn nun wurde es zur Gewissheit, dass wir in das KZ Dachau gebracht werden. Die Abfahrseite des Bahnhofes, wo unser Zug stand, war durch eine Kompanie SS Totenkopf abgesperrt. Und wir wurden wie Schlachtvieh in die Waggons verfrachtet. Wir mussten je zehn Mann in einem Abteil sitzen, Hände auf den Knien und mit hocherhobenen Kopf und offenen Augen immer in das Licht an der Decke sehen. Wer sich mit dem Kopf anlehnte oder wer die Augen geschlossen hielt, wurde sofort von dem Posten, der vor der offenen Tür stand, mit dem Pistolenschaft oder von den immer durchgehenden SS-Offizieren mit der Reitpeitsche ins Gesicht geschlagen. In München wurden wir sofort in bereitstehende Güterwaggons umgeladen und fuhren sofort die kurze Strecke nach Dachau direkt ins Lager. Wir hatten bei dieser kurzen Fahrt bereits 13 Tote, die man willkürlich auf der Fahrt erschossen hatte. Möglich, dass sich die Abläufe bei den Verhaftungen und der Deportation in Linz von jenen in Wien unterschieden haben. Vielleicht gaben die Linzer Beamten eine Begründung, warum sie Josef verhaftet haben und er nach Dachau transportiert werden sollte. Vielleicht auch nicht. Nicht zu wissen, warum einem die Gewalt, der man ausgesetzt ist, widerfährt, stößt einen in eine bodenlose Unsicherheit, steigert ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Andererseits, was hätten ihm die Polizisten sagen sollen? Dass eine Verhaftung notwendig sei, weil er eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstelle? Dass er als gefährlicher Berufsverbrecher angesehen werde und sie ihre Arbeit im Rahmen der vorbeugenden Verbrechungsbekämpfung erledigen würden? Nach einigen Tagen Zwischenaufenthalt im KZ Dachau überstellte man Josef in das Lager Flossenbürg. Flossenbürg gehört zu jenen Lagern, die den wirtschaftlichen Interessen der NS dienen sollten. Die Bauvorhaben der Nationalsozialisten waren mit einer riesigen Nachfrage nach Materialien verbunden. Um diesen Bedarf zu befriedigen, gründete die SS die Deutsche Erde und Steinwerke GessenbH. Die Häftlinge sollten als Arbeitskräfte in den Konzentrationslager genutzt werden. Der Plan war, mittels Zwangsarbeit, Hunger, Willkür, Schikane und unter Inkaufnahme der Vernichtung von Menschen Gewinne zu erwirtschaften. Als Josef in Flossenbürg eingeliefert wurde, hatte er wenig persönliche Habe bei sich. In die Karteikarte wurde eingetragen eine Mütze, einen Rock und eine Hose, ein Hemd, eine Unterhose, Schuhe und Strümpfe. eine Hose, ein Hemd, eine Unterhose, Schuhe und Strümpfe. Das war vermutlich die Bekleidung, die er rasch übergezogen hat, als ihn die Kriminalpolizei eine Viertelstunde vor vier Uhr früh in der Dörflinger Straße aus dem Bett geholt hatte. Was er sich schon im Gehen noch mitnehmen hatte können, waren das Zigaretten-Etui und Feuerzeug. Die Verhaftung lag 17 Tage zurück. Das Etui wird bei der Ankunft im Lager schon leer gewesen sein. Auch diese Utensilien wurden protokolliert. Eine Tätigkeit, die bisher in seiner Liste von Tätigkeiten noch niemals aufgeschieden war. Unter der Rubrik Anschluss wurde auf der Karte Josefa Mach als Braut vermerkt, allerdings später wieder gestrichen und handschriftlich durch Name und Adresse seines ältesten Bruders Leopold ersetzt. seines ältesten Bruders Leopold ersetzt. Es gibt von Josef nur ein weiteres Dokument aus dem Konzentrationslager. Eine Niederschrift zu seiner Ehe mit Adele Finster. An einem frostigen Jännertag besuchte ein Amtsgerichtsrat Schönberger mit einem Justizassistenten Heiden vom Amtsgericht Wien-Florezdorf, den Häftling Josef Finster. Dieser sollte als Auskunftsperson zum gerichtlichen Antrag von Adele Finster auf Scheidung der Ehe befragt werden. Das Nationalsozialistische Gesetz zur Vereinheitlichung des Rechts der Eheschließung und der Ehescheidung beseitigte die in Österreich geltenden Regelungen für Ehen nach kirchlichem Recht. Adele wollte die bislang nur von Tisch und Bett getrennte Ehe vollständig lösen. Offenbar gedachte sie sich neuerlich zu verheiraten. dich lösen. Offenbar gedachte sie sich neuerlich zu verheiraten. Das Gericht hatte nun zu prüfen, ob die Ehegatten sich nach der Trennung wieder verbunden haben. War das nicht der Fall, konnte die Scheidung ausgesprochen werden. Um dem Scheidungsantrag Adeles Genüge zu tun, reisten zwei Beamte 500 Kilometer von Wien in das Konzentrationslager Flossenbürg. Laut der Niederschrift vom 12. Jänner 1939 im KZ Flossenbürg bestätigte Josef, dass eine Wiedervereinigung zwischen ihm und seiner Ehefrau nach der erfolgten Trennung von Tisch und Bett nicht stattgefunden hatte. Die Unterschrift auf diesem Dokument ist das letzte Lebenszeichen von Josef. Er war ein Mann mit schmächtiger Statur, 1,62 Meter groß. Drei Jahre lang überlebte er die Arbeit in den Steinbrüchen. Josef starb am 30. November 1941 um 9 Uhr an Herzschwäche. So die Behauptung der SS. Laut Karteikarte des Konzentrationslagers Flossenbürg wurde sein Nachlass, An der Steilkarte des Konzentrationslagers Flossenbürg wurde sein Nachlass, vermutlich das Zigarettenetui und Feuerzeug, fünf Tage nach seinem Tod nicht an den Bruder, sondern an die Kriminalpolizei Linz gesendet. © BF-WATCH TV 2021 Schwarzes Lager mit Schnee bespritzt wie Kalk wie Kalk, Flockenkericht röckelt aus den grauen Wolken, Tollwütig jagt der Wind inzwischen den Baracken. Du mitleidloser Mord. Wenn mich dieser Husten nasse Kälte. Der Häftling ringt nach Luft, am ganzen Leib geschüttelt. Ach, kalt, so kalt. Ach, wo ist die Wärme von daheim? so Thank you. Terima kasih telah menonton! © transcript Emily Beynon © transcript Emily Beynon Terima kasih telah menonton! Die Geschichte von Josef Finster erweitert unser Wissen über die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern. An seinem Fall werden die systematische Inhaftierung, Deportation und Ermordung der sogenannten Berufsverbrecher nachvollziehbar. Die vorbeugende Verbrechungsbekämpfung, angeblich zum Schutz der Gesellschaft vor fantasierten Verbrechermenschen vollzogen, war ein Unrecht. Tausende von Vorbestraften wurden ohne Anlass verhaftet und in die Konzentrationslager verbracht. Von dort kehrten nur wenige lebend zurück. lebend zurück. In der Erinnerungspolitik werden sie noch kaum als Opfer des Nationalsozialismus wahrgenommen und anerkannt. Es gab lange Jahre die Praxis, manche Häftlingsgruppen zu diskriminieren, zwischen wirklichen und falschen Opfern zu unterscheiden. Hinter dieser Praxis verbirgt sich eine höchst idealistische Haltung. Es ist irreführend und falsch, sich menschliche Würde als großartige, ernste, feierliche Angelegenheit vorzustellen. Zur Menschlichkeit gehört auch Chaos und Formlosigkeit, Feigheit und Tapferkeit, sich selbst und andere zu enttäuschen. Zur Menschlichkeit gehört der Versuch, über sich selbst hinauszuwachsen und besser zu werden. Ein Opfer muss nicht perfekt sein, um Mitgefühl und Gerechtigkeit zu verdienen. sein, um Mitgefühl und Gerechtigkeit zu verdienen. Die Frage ist, wem wollen wir in der Erinnerungskultur gedenken? Helden oder konkreten Menschen? Das alltägliche Menschsein sollte eigentlich nicht als endlose Prozession von Dumthaftigkeit betrachtet werden. Wir haben davon gesprochen, dass es von Josef keine persönlichen Zeugnisse gibt und wir uns bei den Nachforschungen nur auf amtliche Dokumente stützen konnten. Wir kennen nur die Sicht der Behörden auf ihn, nicht aber seine eigenen Wahrnehmungen auf die Welt, sein Leben und die Ereignisse, die ihm zugestoßen sind. Das hat vielleicht aber auch etwas Gutes. Josef kann so umso besser seine Aufgabe erfüllen, ein exemplarischer Fall zu sein, der für viele andere steht. Applaus