Guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren im Stifterhaus. Sie haben es vorgezogen, hierher zu kommen, anstatt ins Stadion zum Spiel Österreich gegen Israel. Ein herzliches Dankeschön dafür an dieser Stelle. Ich darf Sie begrüßen zur heutigen Buch- und Verlagspräsentation des Residenzverlages. Was erwartet uns? Es erwartet uns eine kurze Vorstellung des Verlags durch die Programmleitung. Zum einen und zum anderen wird uns ein Autor aus dem Verlag sein neuestes Buch vorstellen. Sie wissen es, Katharina Praschl hätte heute eigentlich auch hier sein sollen, aber sie ist leider erkrankt und kann daher nicht teilnehmen. Dafür, und das entschädigt vielleicht, hat es der Neuroman von Wladimir Wertlieb, der hier vor mir steht und im Februar diesen Jahres erschienen ist, auf die Longlist zum österreichischen Buchpreis geschafft. Einen herzlichen Glückwunsch dazu. Ich darf unsere beiden Gäste begrüßen. Zum einen die Leiterin des Residenzverlags Claudia Romeda und den Autor Vladimir Wertlieb. Herzlich willkommen im Stifterhaus. Danke fürs Kommen. Vor einigen Jahren, genauer von Juli bis Oktober 2021, war hier in der Literaturgalerie des Stifterhauses eine Ausstellung zu sehen, die den Titel trug, Residenz, frühe Jahre eines Literaturverlags. In der Ausstellungsbeschreibung hieß es, Zitat, wie kaum ein anderer Verlag nach 1945 hat Residenz die zeitgenössische österreichische Literatur gefördert und geprägt. Seit Beginn des literarischen Programms in den späten 1960er Jahren entwickelte er sich zur führenden Adresse innerhalb Österreichs für die wichtigsten Autorinnen und Autoren aus diesem Land. Im Mittelpunkt der von Bernhard Judex, Martin Huber und Manfred Mittermeier kuratierten Ausstellung über die frühen Jahre des Residenzverlags in etwa bis 1975 standen zwei für den Verlag ganz zentrale Persönlichkeiten. Zum einen der Gründer des Verlags, Wolfgang Schaffler, und zum anderen der in Linz geborene Autor, Lektor und Berater Rudolf Beyer. Jetzt aber zu unseren Gästen. Zuerst müssen wir natürlich mit der Dame beginnen. Das gebietet die Höflichkeit. Claudia Romeda wurde in Wien geboren. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Hispanistik und war unter anderem als Dramaturgin tätig, beispielsweise am Schauspielhaus Graz oder am Burgtheater Wien. Seit 2010 ist sie in führender Position im Residenzverlag. Bis 2022 verantwortete sie dort als ein Teil einer Doppelspitze die Programmleitung. Seit mittlerweile vier Jahren ist sie die alleinige Geschäftsführerin des Verlags, der seinen Stammsitz in Salzburg hat, aber auch ein Büro in Wien unterhält. Wladimir Werthlieb, im heutigen St. Petersburg geboren, emigrierte mit seiner Familie bereits im Kindesalter im Jahr 1971. Nach mehreren Stationen kam die Familie schließlich 1981 nach Österreich, wo er Volkswirtschaftslehre studierte und 1986 auch die österreichische Staatsbürgerschaft erlangte. Zuletzt war Wladimir Werthlipp 2024 zur Präsentation seines Buches Zebra im Krieg bei uns zu Gast. Heute stellt uns der mehrfach preisgekrönte Autor zu nennen, sind etwa der Anton-Wildgans-Preis 2001, der Preis für Literatur der Stadt Wien 2023 oder der Theodor Gramer-Preis 2024 sein jüngstes, dem Genre des historischen Romans zuzurechnendes Buch vor. Es trägt den Titel Der Jude, der Kaiserin und steht, wie bereits erwähnt, auf der Longlist für den österreichischen Buchpreis. Ich darf Claudia Romeda und Wladimir Wertlieb auf die Bühne bitten und wir freuen uns sehr, dass wir hier im Stifterhaus sein können dürfen. Das Konzept ist durch die Krankheit von der Katharina natürlich komplett umgeworfen. Wir wollten ursprünglich, ich erzähle es eigentlich nur, also es sollte eine Verlagspräsentation werden und die Katharina hat ja ihr Debüt Heimholen bei uns geschrieben, wo sie sich sehr im Moment, in praktischen der Gegenwart, einen historischen Stoff nährt. Sie nährt sich der eigenen Familiengeschichte, die Geschichte von den Donausschwaben und macht sie selbst zu Protagonisten, wie sie da recherchiert. Wladimir Wertlieb hat sich auch ein versierter Autor, der ja schon viele Bücher geschrieben hat, er ist Romancier, er ist Essayist, hat viele Erzählungen geschrieben, hat einen Bekanntheitsgrad schon und hat sich einen komplett anders an einen historischen Stoff angenähert. Ich werde jetzt trotzdem kurz ein bisschen was erst zum Verlag erzählen. Er ist 1956 gegründet worden von Wolfgang Schaffler in Salzburg und war ursprünglich ein Regionalverlag. Also er hat ausschließlich Salzburgensia publiziert. Und 1967 war dann das Schlüsseljahr für den Verlag, wo er praktisch zum ersten Mal Literatur veröffentlicht hat. Da war Hartz Herr Atmen mit dabei, da war Peter Handke mit dabei, Innerhofer. Und seitdem hat sich der Verlag zu einer der bekanntesten österreichischen Literaturverlage entwickelt. bekanntesten österreichischen Literaturverlage entwickelt. Aber neben der Literatur natürlich auch immer wieder Kunstbücher, auch Sachbücher, also in der hohen Qualität. 1982 hat der Hannon Kur ja auch die Musik als Klangrede, als erstes Sachbuch, also für das Musikprogramm geschrieben. Die Riege, wir machen heute auch noch zwischen Tradition und Gegenwart. Es gab ja viele renommierte Autoren und Autorinnen, die bei uns publiziert haben, in der Historie natürlich Barbara Frischmuthis zu nennen, der Inna Hofer, der Gernot Wolfgrober, der Peter Rose, der immer noch bei uns publiziert, dann Gerd Jonke, Peter Handke, Friedrich Gleitner im Sachbuchbereich, Thomas Bernhardt natürlich. In der Gegenwart, wir bauen sehr stark auch Sätzen auf junge Literatur. Begonnen hat bei uns der Clemens Setz, die Milena Fraschardt, die Barbie Markovitsch hat jetzt den Leipziger Buchpreis 1924 bekommen. Also wir sind wirklich, also in dem Sinne einfach stehen wir immer noch für sehr hochstehende und bekannte Literatur. Der Hauptsitz ist in Salzburg. Das Büro, ein Teil des Büros, größtenteils das operative Team sitzt in Wien. Und wir wissen alle, dass es eigentlich ein Privileg ist, Bücher publizieren zu dürfen. Und verstehen uns auch als Autorinnen und Autoren Verlag, also die Autorenbetreuung, dass wir sehr nah am Autor sind, ist uns wichtig, dass wir einen Autor begleiten können und immer wieder in der Auseinandersetzung über Inhalte sind. Also es steckt sehr viel Herzblut in diesem Verlag und so hoffen wir, dass wir, dass ihr Autoren oder dass du dich da auch wohlfühlst, so wie wir arbeiten. Also es ist immer ein sehr intensiver Kontakt. Das Lektorat ist in-house, die Programmleitung macht bei uns die Jessica Bär, die lektorat ist in haus die programmleitung macht bei uns die jessica per die lektoriert auch die bücher und ihr habt ihr dann auch immer eine sehr enge zusammenarbeit der wolfgang schaffler hat einen sehr schönen spruch mit dem er die programmatik des verlags geprägt hat also ein zitat hinterlassen die gesch Geschichte eines Verlages kann nichts anderes sein, als die Geschichte seiner Bücher. Und nach diesem Leitsatz, an den orientieren wir uns heute noch. Und so kommen wir eigentlich jetzt auch gleich zu dir, zu deinem Buch, ja, Wladimir, er ist jetzt auf die Longlist gekommen vom österreichischen Buchpreis der Jude und die Kaiserin. Und du hast dich zum ersten Mal einen wirklich historischen Roman geschrieben. Also das Setting möchte ich kurz erst einmal beschreiben, bevor wir dann mal zur ersten Lesung kommen. Also wir befinden uns jetzt im Jahr 1670 in barocken Wien. Also wir sind umgeben von barocker Pracht, aber auch großer Armut. Natürlich, wir bewegen uns zwischen Hofzeremoniell, religiösem Fanatismus, Aberglauben und politischen Intrigen. Wir sind am Wiener Kaiserhof. Die Protagonistin weiblicherseits ist die junge Kaiserin Margarita Teresa, die sehr jung verheiratet worden ist. Die meisten werden sie eigentlich eher optisch kennen, weil Velázquez hat dieses berühmte Gemälde Las Meninas, die Hoffräulein, wo sie noch eine Infantin war, von ihr gemalt. Also das ist einer der bekanntesten Porträts von Velázquez und sie wurde sehr früh dann mit Leopold I. verheiratet, stieß dann auf einen Wiener Hof, musste sich dort auch mal Spanierin zurechtfinden und der zweite Protagonist ist Pedro de Rojas, ob er jetzt real ist oder nicht, das kommen wir dann später dazu, also ist der Leibarzt der jungen Kaiserin, die natürlich viele Aufgaben hatte und die Hauptaufgabe war, natürlich einen Tropenfolger zu zeugen, also zu gebären, nein, zu zeugen musste. Keine Geschlechterverchter verwechselt, bitte. Und das hat natürlich Stress verursacht und der Leibarzt selber war Spanier in dem Buch. Also ist die Figur Pedro de Rojas, ist ein spanischer Leibarzt, dessen Familie jüdisch war und die zum Christentum in Spanien konvertieren mussten. Das ist so sein großes Geheimnis, also er tritt als Christ auf, aber ist dem jüdischen Glauben, also dem praktiziert er dann auch noch für sich. Und damit beginnen wir, dann ist es eigentlich auch schon ein Spannungsfeld. Ich möchte aber jetzt, Wladimir, dass du einmal beginnst, weil wir lernen ja auf sehr ungewöhnliche Art und Weise diesen Pedro de Rojas kennen. Also das ist in der Form, wie du das beschreibst, ist, finde ich, ungewöhnlich, auch wie du es beschreibst, und das Wiener Publikum war das ja in der damaligen Zeit, wie du es beschreibst, ja auch eher skandalös. So ist es. Ja, herzlichen Dank, Claudia, für die schöne Einleitung und auch von meiner Seite. Guten Abend, meine Damen und Herren. Es freut mich, dass ich Ihnen heute auch ein paar Ausschnitte aus meinem Roman vorstellen darf und dass wir dann auch darüber reden werden. Und schade eben, dass auch die von mir sehr geschätzte Kollegin Katharina Braschl heute nicht da ist. Aber ja, fangen wir tatsächlich gleich mit dem ersten Kapitel und dem Beginn des Romans an. Und zwar spielt er es in Wien im November 1668. Er möchte ausatmen, mit den Armen rudern, mit den Füßen strampeln, doch sein Körper gehorcht ihm nicht. Er spürt seinen Herzschlag nicht mehr, fühlt sich verloren, ausgeliefert, hilflos. Nicht einmal die Augenlider lassen sich bewegen. Seine Augen sind offen, sie schmerzen. Das also ist das Ende, denkt er. Ausgerechnet an einem solchen Tag, einem Tag, der wichtiger ist als andere. Shema Israel Adonai Eloheinu Adonai Echad. Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist eins. Er allein weiß, was Recht oder Unrecht ist. Gewiss hat das, was gerade geschieht, seine Richtigkeit. Alles Vergängliche endet zur festgesetzten Stunde an dem Platz, der ihm seit ewigen Zeiten vorherbestimmt war. Die Sonnenstrahlen bahnen sich mühsam den Weg zu ihm hinunter, zersplittern und verlöschen wie Sternschnucken. Das eiskalte Wasser füllt seinen Mund. Für einen kurzen Augenblick glaubt er, es werde sich in Lunge und Magen ergießen, sein Inneres ausfüllen und ihn schließlich wie einen Stein hinunterziehen Er schläft sich in den Schläfen im Hals auf den Lippen und schließt sich an allen wichtigen Stellen seines sündigen Körpers, dem er mehr abverlangt, als es seinem Alter angemessen wäre. Er hat noch einmal Glück gehabt, schwimmt ans Ufer, wo sein Diener kopfschüttelnd, aber mit einem Grinsen im Gesicht auf ihn wartet, bereit, ihn mit einem großen weinroten Handtuch abzutrocknen und frisch anzukleiden. Manuel, sein alter Diener, den er aus Madrid mit nach Wien gebracht hatte, wäre ihm als Begleiter lieber gewesen. Doch der ist zu Hause geblieben. Der Anblick seines Herrn im eiskalten Wasser würde ihn in Panik versetzen. Seinen einheimischen Diener berührt so etwas nicht. Es ist November. Letzte Woche war Martinitag. In den Nächten friert der Matsch, die Pfützen werden zu Eis. Morgens beißt der Frost schon schmerzhaft in die Wangen der Menschen, die hinaus ins Freie müssen und die Pferde verlassen nur unwillig ihren Stall. Die Exkremente in den Sickergruben werden in den frostigen Nächten hart wie Stein, bevor sie im Laufe des Vormittags wieder auftauen und zu stinken beginnen. Der Kaiser und seine Entourage sind in die Stadt zurückgekehrt und haben in der Hofburg ihr Winterquartier bezogen. Seine Majestät komponiert feierliche Lieder für die Adventzeit und verfasst kurze italienische Gedichte. O preiset den Herrn, die den Hofstaat in den Zücken versetzen. Und er? Er geht schwimmen und erstarrt dabei vor Kälte. Ist er denn völlig wahnsinnig geworden? Manche behaupten, er sei ein Zauberer. Andere meinen, sein Geist habe sich nach den schweren Schicksalsschlägen, die er erleiden musste, getrübt, weshalb er seltsame Dinge tue, die seiner Position, seinem Alter und seinem Stand völlig unangemessen seien. Pedro Esteban de Rojas, von den Wienern Peter Rauch genannt, Leibarzt ihrer Majestät Margarita Theresa de Austria, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches, deutsche Königin, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, Markgräfin von Meern, Gräfin von Tirol, Herzogin von Kärnten und der Steiermark etc. etc. etc. nimmt vor den Toren der Stadt regelmäßig ein Bad. Und das zu dieser Jahreszeit unerhört. Ein Skandal. In Begleitung seines Dieners verlässt er die Stadt am späten Vormittag durch das Roten Turm-Tor, entkleidet sich am Ufer des Donauarms bis auf die Unterwäsche, springt ins Wasser und schwimmt eine gute Viertelstunde gegen die Strömung, so dass er nicht fortgetragen wird, sondern etwa dort, wo er ins Wasser gestiegen ist, auch wieder herauskommt. Die Wäscherinnen verbreiten die Kunde von diesem skandalösen Verhalten schon vor einem Jahr. Es sprach sich in der Stadt herum und erreichte bald auch jene, die am anderen Ende der Stadt leben, dort ihr Tagwerk verrichten und äußerst selten, wenn überhaupt, in die Nähe des Roten Turmtores kommen. Die Wiener sind empört. Es weiß doch jeder, dass Baden die Haut durchlässig macht, so dass Krankheiten, Seuchen und böse Geiste in den Körper eindringen können. Für Pestilenz und Schwindsucht, für die gefährliche Kretze und die Malaria, für Satan und seine Teufel und allerlei Formen von Wollus und Hexerei sind die Pforten des Körpers nach einem Bade weit geöffnet. gleichgültig ist, sondern auch jener seiner Mitmenschen, die er anstecken oder der unreifen Kinder, die er durch sein Verhalten und die Entblösung seines Körpers verderben könnte. Pedro lässt das Gerede der Leute allerdings kalt. Der Arzt lächelt, wenn er böse Geschichten über sich selbst oder sonstigen Tratsch und Klatsch vernimmt und meint, die Leute hätten wohl keine anderen Sorgen, als sich über einen Fremden, der sie nichts angeht, das Maul zu zerreißen. An diesem trüben Novembertag, an dem der Spanier von der beißenden Kälte des Wassers überrascht beinahe ertrunken wäre, nimmt er nicht den üblichen Rückweg über die Roten Turmstraße in die Stadt und danach Richtung Hofburg, sondern quert den Donauarm über die hölzerne Schlagbrücke, die in Richtung Krankenhaus der barmherzigen Brüder, Kamelitterkloster und zum Judenviertel im unteren Wert führt. Das allerdings überrascht niemanden. Man weiß, dass der Medikus hin und wieder im Krankenhaus aushilft, wenn schwere Eingriffe anstehen und die ehrwürdigen Brüder nach ihm schicken, hat er doch als Wundarzt in seiner Heimat einen gewissen Ruhm erlangt, der ihm schon vorauseilte, bevor er mit der Reisegesellschaft, welche die Kaiserin aus Spanien ins ferne Österreich begleitete, vor knapp zwei Jahren in Wien eingetroffen ist. Der Arzt, als Arzt hat Pedro eigene Theorien. Er glaubt zum Beispiel nicht, dass eine saubere Haut für Krankheiten durchlässiger ist, als eine mit Fett, Schmutz und Schweiß scheinbar geschützte Körperoberfläche. Vielmehr werde sie durch den Prozess der Reinigung straffer und stärker und könne dadurch Angriffen von außen sogar besser widerstehen. Auf sauberer Haut finde das Ungeziefer keine Nahrung und der nur für menschliche Nasen angenehme Duft locke keine Insekten an. Das Baden im kalten Wasser härte ihn ab, behauptet er, so dass er auch dann gesund bleibe, wenn andere längst dahinsiechen. so dass er auch dann gesund bleibe, wenn andere längst dahinsiechen. Außerdem stärke es die Seele und den Willen und vertreibe sündige Gedanken, die von den wesentlichen Dingen des Lebens ablenken. Die anderen Ärzte lachen ihn aus, wenn er versucht, ihnen seine Überlegungen nahezubringen. An seinen Ansichten verkünden die geschätzten Kollegen offen, erkenne man den Quacksalber, den Scharlatan, den Schwätzer niedriger Herkunft, der kein Doktor, sondern bestenfalls ein Handwerker sei, ein Wundarzt, der bei seinem Vater, einem ehemaligen Söldner, Fachmann für Amputationen und Meister des Zusammenflickens von im Kampf zerfetzten Fleisch in die Lehre gegangen war, aber niemals eine Universität von innen gesehen habe. mal seine Universität von innen gesehen habe. Ja und dann spaziert er Richtung heutiger Leopoldstadt, die damals noch nicht so hieß, sondern das hieß im Inneren Wert und dort trifft er dann auch auf einen Pater, einen Freund, den er dort hat und dem er manchmal auch hilft. Aber diesmal hat er ganz eigene Vorstellungen und er kommt nicht hin, um ihm bei einer Operation zu helfen, sondern er braucht seine Hilfe. sondern er braucht seine Hilfe. Wladimir, jetzt mal eine Frage, wie bist du eigentlich auf diesen Stoff gestoßen? Warum hast du dich für diesen Stoff, für diesen historischen Stoff entschieden? Du hast ja noch nie in der Form einen historischen Roman, der so weit zurückliegt. Du hast dich mit so einer Thematik in der Form, also wir waren überrascht, wie du uns erzählt hast zum ersten Mal davon, dass du dich diesem Thema mal widmest, also 1670, wir sind am Wiener Hof, also jetzt hier gerade nicht, jetzt waren wir in der Donau, aber... Ja, das hat, da gibt es ein paar Gründe, also die ich gerne anführen werde. Also einer geht wirklich sehr, sehr weit zurück in meine Jugend. Also als ich Migrant und ziemlich einsam in Österreich war, als Jugendlicher bin ich gern als Schüler in Museen gegangen, unter anderem ins Kunsthistorische Museum und habe dort die Bilder betrachtet, unter anderem auch dieses Bild von der Margarita Teresa, von dem du ja schon berichtet hast. Also meine Mutter scherzt oft und sagt, sie wundert sich, warum ich überhaupt noch gerne in Museen gehe, denn mein Vater war so begeistert von der Malerei und er hat mich als Kind immer überall in Museen geschleppt, als ich noch ganz klein war. Stundenlang, gleich drei Museen hintereinander. Und sie hat sich gedacht, das würde mir sozusagen die Liebe zur Malerei austreiben und ich würde nie mehr ein Museum von innen aufsuchen, wenn ich einmal erwachsen bin. Aber das kam dann anders. Also ich habe wirklich meine Liebe zur Malerei entdeckt und im Speziellen eben auch zu Velázquez. Und Velázquez war natürlich auch bei uns in der Schule immer ein Thema, auch im Kunstunterricht. Man hat schon von ihm gehört und von seinen Bildern und das waren eben diese Infanterbilder, aber niemand hat jemals darüber berichtet, wer war eigentlich diese Infanta, was hat sie gemacht und wie ist überhaupt ihr Leben verlaufen. Und erst viel später habe ich begonnen zu recherchieren und habe dann festgestellt, dass diese arme Frau eine Prinzessin zwar sehr privilegiert war, eine Prinzessin, zwar sehr privilegiert war, aber bei ihrer, glaube ich, sechsten Schwangerschaft im Alter von 21,5 Jahren verstorben ist, dass sie ihren Onkel geheiratet hat, der gleichzeitig auch ihr Cousin war, weil die Habsburger ja alle sozusagen durchaus, ohne an die Konsequenzen zu denken und ohne auch zu wissen, welche Konsequenzen das haben könnte zu jener Zeit, immer einander geheiratet haben. Also die Verwandten, die Cousins und Cousinen wurden miteinander verheiratet und waren dann natürlich auch entsprechend krank, klarerweise, weil sie alle miteinander verwandt waren und eben auch diese junge Frau. Aber das hat sie nicht erkannt, sondern sie hat für ihre Fehlgeburten, für die zahlreichen, die sie hatte, dann die Juden verantwortlich gemacht, so katholisch, wie sie als spanische Prinzessin zur Zeit der Inquisition erzogen wurde. Und sie war dann sehr dahinter, dass die Juden auch aus der Umgebung von Wien, also aus dieser Judenstadt, die ihm wertbestanden war, vertrieben wurde. Sie war also sehr stark dahinter. Also das war sozusagen der historische Hintergrund, der mich sehr, einerseits sehr angerührt hat, aus mehreren Gründen, weil mir diese junge Frau so leid tat und weil das auch so ein moderner Stoff ist, obwohl das ein historischer Roman ist, aber man kann den auch als fernen Spiegel sehen und erkennen, wie viel auch an Vorurteilen, an Klischees, an Übertragungen, auch was die Suche nach Sündenböcken betrifft, was die Suche nach Sündenböcken betrifft, wie viel von dem, was wir heute erleben oder was Teil unserer Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts oder der unmittelbaren Gegenwart ist, der sehr unmittelbaren auch, Hunderten präsent war und wie stark diese Kontinuität nicht über ein paar Generationen, sondern über Dutzende von Generationen erkennbar ist. Und darauf hinzuweisen und mit diesem Roman auch einen fernen Spiegel, vielleicht einen Zerspiegel, vielleicht auch die Gegenwart etwas verfremdenden, aber dadurch umso deutlicher machenden Spiegel zu erschaffen, das war dann schon mein Ansporn, diesen Roman zu schreiben. Was dann noch dazu kam, war natürlich der 7. Oktober 2023 mit dem Massaker der Hamas in Israel und auch dem Gaza-Krieg, der dann gefolgt ist, der das Ganze für mich in gewisser Weise noch viel aktueller und virulenter gemacht hat. Und das war jetzt so der Grund, warum du jetzt sagst, ich bin jetzt in der Vergangenheit, weil da irgendwie auch schon was gezeigt wird, was im heutigen irgendwie auch stattfindet. Du hast ja ähnlich wie Velázquez, der ja auch immer mit Vexir-Spielen arbeitet, also du, was ist sein, was ist schein, also hast du das ähnlich gebaut in deinen Romanen, man weiß nicht genau, was ist historisch verbrieft, Margarita Teresa, ja, der Hof ist ja. Pedro de Rojas? Ist eine fiktive Figur, ist ein Konverso, aber durchaus eine fiktive Figur, die vielleicht exemplarisch für viele andere steht, weil es gab solche Menschen, es gab relativ viele Konversos in Spanien, also wahrscheinlich sind sehr viele Spanier auch heute noch jüdischer Herkunft, ohne es zu wissen. Spanier auch heute noch jüdische Herkunft ohne es zu wissen. Das ist sozusagen eine Annahme, die ich jetzt nicht erfunden habe, sondern die auch von Historikerinnen und Historikern vertreten wird, weil ja schon im 14. Jahrhundert viele Juden dazu gezwungen wurden, zum Christentum zu konvertieren und viele blieben dann im Geheimen Juden und haben diesen jüdischen Glauben dann auch heimlich ausgeübt und viele haben das dann auch aufgegeben und sind dann sozusagen aufgegangen in der christlichen Gesellschaft. Und er ist eben auch einer, der so noch im Geheimen und aus Angst vor der Inquisition kann er das natürlich nicht offen machen und als Leibarzt der Kaiserin und der früheren Prinzessin hätte er sowieso sogar als Konverso, dessen jüdische Herkunft bekannt ist, ohne dass man weiß, dass er noch das Judentum praktiziert. Sogar allein schon die jüdische Herkunft wäre ein Hindernisgrund gewesen, dass er eine Karriere macht in der Gesellschaft. Also sozusagen der Aria-Nachweis war keine Erfindung der Nazis, sondern wurde schon in Spanien des 16. Jahrhunderts, also so ungefähr 100 Jahre vor der Zeit, die ich beschreibe, erfunden. Das war sozusagen diese Limpieza di Sangre, also sozusagen die Reinheit des Blutes musste man, also sehr bezeichnend eigentlich, schon fast ein Nazi-Ausdruck. Und das 400 Jahre bevor es die Nazis gab. Also das sind Dinge, die bei uns ja auch zum Teil gar nicht bekannt sind. Aber die Figur ist erfunden und sein Anliegen ist, diese Juden von Wien zu retten. Also deshalb lässt er sich jetzt auch von einem Pater, der macht ihn mit einem Juden bekannt, der ihn dann in dieses jüdische Ghetto hineinschmuggelt und dort outet er sich auch als Konverso und hat eben eine aberwitzige Idee. Die aberwitzige Idee, ich glaube, das kann ich jetzt schon verraten, weil sonst ist die nächste Stelle, vielleicht die nächsten Stellen dann auch nicht so verständlich, aber soweit, glaube ich, kann ich es verraten. Die abewitzige Idee besteht darin, dass er eine jüdische Hebamme, die Esther, überredet, für die Kaiserin tätig zu werden als Hebamme, weil sie ist eine sehr bekannte in Wien, auch sehr geschätzte Hebamme und er ist sich sicher, dass der Kaiser da auch nichts dagegen haben wird. Hauptsache es wird ein männlicher Nachkomme geboren. Weil bis jetzt hat die Kaiserin einfach zu viele Fehlgeburten gehabt und sie bringt dann eine Tochter zur Welt. Aber es ist eben halt nur eine Tochter unter Anführungszeichen. Das war damals nicht so wichtig. Schon wichtig, weil man sie verheiraten konnte mit jemandem Wichtigen, aber noch wichtiger wäre natürlich ein männlicher Thronfolger und da soll eben diese Esther helfen. und sie ist nicht offiziell dort, aber er bringt sie dort, er schmuggelt sie hinein und er hofft dann, dass das die Kaiserin dann milde stimmt, wenn eine Jüdin ihr hilft, einen Thronfolger zu gebären, dass dann die Juden verschont werden. Das ist sozusagen der Plot, das ist der Hintergedanke. Hast du schon weit vorgegriffen jetzt? Ja, nein, das ist der Plot. Ich meine, du baust ein wirklich sehr gutes Spannungsfeld auf, einfach weil es unglaublich gefährlich ist, auch für Petra de Rojas, so in dieser Nähe, in dieser Position als Leibarzt von einer Kaiserin zu sein, die auch ähnlich, also sie haben ja alle Innen- und Außenwelten, sie schwanken ja alle zwischen Macht und Ohnmacht. Ja, also die Macht von Peter de Rojas ist das Wissen, er steht eigentlich für Progression, für Vernunft, für Weiter, für Fortschritt in der Medizin, kommt mit neuen Thesen, die nicht anerkannt sind noch in der Medizin in Wien am Wiener Hof. Und also eher als verrückt gelten auch Hygiene und so weiter, also alle möglichen Vorschläge, die er da bringt. Und dadurch, dass er aber ein heimlich praktizierender, also an seinen jüdischen Glauben festhält und ein heimlich praktizierender Jude ist, begibt er sich immer in dieser Lebensgefahr, weil seine Kaiserin ist tatsächlich eine streng katholisch aufgewachsene junge Frau, die auch zwischen einerseits politischer Macht hat, das ist ihre Macht, aber auch eine gewisse Ohnmacht, weil sie muss einen Grundfolger gebären, die aber auch durch ihre Erziehung, und da kommen wir dann zur nächsten Passage, also sehr stark auf Disziplin, Selbstbeherrschung und auch Unterordnung war die ausgerichtet. Aber sie hat natürlich, wenn sie darauf kommen würde, weil sie sucht natürlich auch einen Sündenbock für das, was sie an Fehlgeburten hat. Das sind für sie die Juden, deswegen will sie sie aus Wien vertreiben. Und in nächster Nähe der Mann, der vielleicht helfen kann, ist heimlich ein Jude, ohne dass sie es weiß. Daraus entsteht dieses ganze Spannungsfeld. Du hast aber, das ist das Tolle an diesem Roman, neben dem, was sehr oft gegenwärtige Themen ausverhandelt werden, wie Sündenböcke entstehen, wie Gerüchte manchmal zu vermeintlichen Wahrheiten werden, wie Religion und Politik auch ineinander greifen und wie gefährlich das sein kann und wie gefährlich das sein kann und wie gefährlich es auch ist, wenn Menschen gezwungen sind, ihre Identität zu verbergen. Das sind die Themen, die sich durchziehen, aber der Roman ist ja das, was jetzt einmal, was der Wladimir macht, auch sehr stark, also wirklich oft ausgesprochen singlich. Also du hast viel Ironie und auch wirklich schwarzen Humor. Also das ist das, was diesen Roman dann auch wirklich sehr prall macht. Aber wir kommen zur, du hast jetzt Pedro de Rojas einmal vorgestellt in dieser Szene, wo er, glaube ich, schon ganz gut einmal so in seiner Charakteristik so ein bisschen erscheint. Aber jetzt kommen wir zu Margarita der Riese zu der Stelle. ein bisschen so erscheint, aber jetzt kommen wir zu Margarita der Riese zu der Stelle. Und sie ist tatsächlich 1670 erst 17 Jahre alt. Und ich glaube, was du jetzt liest, erzählt dann auch wirklich sehr viel über sie. Ja, also ich beginne mit einer ganz kurzen Passage zuerst, Ich beginne mit einer ganz kurzen Passage zuerst, die in der Gegenwart dieser ausgehenden 1660er Jahre spielt. Und zwar zur selben Zeit wie die erste Szene, die ich vorgelesen hatte. Und dann springe ich noch zurück in ihre frühe Kindheit. Die Tür zur Margarita Theresas Empfangsraum ist von innen mit weinrotem Stoff verkleidet. Wann immer die Kaiserin diese Tür ansieht, muss sie an das Blut ihres verstorbenen Kindes denken. Damals sah sie das Blut und hatte ihren Wahn, ihrer Verstörung und ihrem Schmerz plötzlich die Tür vor Augen, die aus ihren Privatgemächern hinausführt. Seitdem durchlebt sie innerlich jedes Mal jenen entsetzlichen Tag, wenn sie diese Tür sieht, aber sie wagt es nicht, die Stoffverkleidung entfernen oder austauschen zu lassen. Jetzt sitzt sie auf einem weinroten Kanapé und starrt auf die weinrote Tür. Jetzt sitzt sie auf einem weinroten Kanapé und starrt auf die weinrote Tür. Das Atmen fällt ihr schwer, ihr Krop es nur in der Wiener Residenz still sein kann. Diese gespenstische, vollkommene Lautlosigkeit unterstreicht den düsteren Prunk des muffigen alten Schlosses, das der Kaiser, seine Familie und der Hofstadt wiederbezogen haben, nachdem im Februar dieses Jahres der gerade erst fertiggestellte neue Trakt der Hofburg bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Der Kaiser war so betrübt, wie seit dem Tod seiner Lieblingshündin Fortissima nicht mehr. Die Kaiserin ist überzeugt, dass an diesem Brand wie an allen anderen Unglück, das ihr und jenen, die ihr lieb und teuer sind, widerfahren ist, die verfluchten Juden schuld sein. Wie kann der Kaiser nur diese Gottesmörder in seiner Nähe dulden? Bis jetzt hat er nur hundert von ihnen ausweisen lassen und sein braves Volk daran gehindert, die Juden statt in Brand zu setzen. Diese Juden, Krämerseelen, geldgierige Ausbeuter und Wucherer, die ehrlichen Christen ins Unglück stürzen. Wie konnte der Großvater des Kaisers ihnen ein ganzes Viertel mit all den damit verbundenen Privilegien überlassen? In Kastilien und Aragon wurde diese Brut vor fast 200 Jahren davongejagt oder zur Konversion gezwungen und Gott belohnte das Land daraufhin reichlich. Das maurische Granate wurde noch im selben Jahr erobert, Amerika entdeckt, ein Weltreich gegründet, der wahre katholische Glaube gegen allerlei Ketzer verteidigt, vor allem aber in der neuen Welt und nach Ostindien getragen. Das Land war gesäubert worden und wurde somit rein. Früher war Spanien ein obskurer Flecken Erde am Rande Europas, heute ist er größer und mächtiger, als es das Römische Reich oder das mongolische Imperium jemals gewesen waren. Ja und jetzt beginnt sie sich zu erinnern, was sie so in ihrem Leben erlebt hat, vor allem noch als kleines Kind, als vierjährige, vier-, fünfjährige. als Vierjährige, Vier-, Fünfjährige, Fünfjährige. Ihre Mutter war nämlich eine österreichische Prinzessin, die ihrerseits aus Wien kommend, in sehr, sehr jungen Alter, auch von 15, 16 Jahren, nach Spanien verheiratet wurde, nämlich mit ihrem Vater, also mit Margareta Theresias Vater. Und ihr Ehemann, der Leopold, das ist der jüngere Bruder ihrer Mutter. Also es ist kompliziert. Ein Erlebnis hatte sich die Prinzessin im besonderen Maße, also damals noch Prinzessin natürlich in Spanien, eingeprägt. Sie musste damals fünf Jahre alt gewesen sein. Wenn sie die Augen schloss, sah sie es immer wieder vor sich. Es war mittags an einem heißen Sommertag, doch die Fenster des großen Speisesaals, in dem oft hochrangige Gäste empfangen wurden, waren fest verschlossen. Es war stickig, heiß und sie war müde. Sie war mit ihrer Mutter, ihrem Kindermädchen und der Dienerschaft in diesem großen Saal allein. Das Mittagessen wurde serviert, Salzhering mit einer scharfen Soße, dazu ein Stück Brot. Und da sie Hunger hatte, aß sie in kurzer Zeit ihren Teller leer und wischte ihn danach mit Brot aus. Als sie fertig war, schob sie den Teller beiseite und streckte die Hand aus, um nach einem Becher mit Wasser zu greifen, der direkt vor ihr stand. Es war ein hoher Becher aus Kristall, in welches das königliche Wappen eingraviert war. Der Becher war bis zum Rand mit Wasser gefüllt und an der Oberfläche schwammen drei Eiswürfel, ein wertvolles Gut, das der Eiskammer des Schlosses im tiefsten Keller entnommen worden war. Margarita Theresas Durst war groß, doch bevor sie nach dem Wasserglas greifen konnte, schlug ihr die Mutter auf die Finger und schob das begehrte Gefäß von ihr weg, so dass sie es mit kurzen Armen und kleinen Händen nicht mehr erreichen konnte. Das Kind schaute die Mutter fragend an. Ich habe Durst, sagte es. Das weiß ich schon, Zwergerl, sagte die Mutter, aber jetzt wirst du still sitzen und warten. Die Mutter war Österreicherin und wenn sie mit ihrer Tochter allein war oder nur Personen, auf deren Loyalität sie zählen konnte, zugegen waren, sprach sie in ihrer Wiener Mundart. Das Wiener Kauderwelsch hörte man bei Hofe in Madrid nicht gern und so war die Liebe der Königin zum derben Dialekt ihrer ursprünglichen Heimat nur einem engen Kreis von Eingeweihten bekannt. Später, als Margarita Teresa selbst nach Wien kommen sollte, würde sie behaupten, Deutsch kaum zu verstehen. Einer der vielen kleinen und etwas größeren Lügen, mit denen sie eine Schutzmauer um sich selbst aufbauen würde. Aber wieso, fragte das Kind auf Spanisch und fügte auf Wienerisch hinzu. Ich will aber was trinken, ich verdurste. Lern dich zu beherrschen, Zwergerl, erklärte die Mutter. Du wirst einmal selber herrschen, wenn du das noch erlebst. Wer herrschen will, muss sich selbst beherrschen können. Du bist nicht irgendein Mederl, vergiss das nie. Hand nach dem Wasser aus, das sich verlockend nahe vor ihren Augen befand und doch nicht nahe genug, um es erreichen zu können, ohne vom Stuhl auf den Tisch zu klettern. Ein solches Verhalten aber wäre ganz und gar ungehörig, um nicht zu sagen skandalös, für eine wohlerzogene kleine Prinzessin gewesen. Außerdem musste sie ihrer Mutter gehorchen. Wie lange, fragte sie noch einmal. Bis ich es sage, erklärte die Königin und wechselte plötzlich wieder zurück ins Spanische. Du wirst still sitzen, still und ruhig, mit geradem Rücken und gestrecktem Hals, so wie es sich für eine junge Prinzessin ziemt. Margarita Teresa schluckte ihre Tränen hinunter. Du musst lernen, das Leben zu ertragen. Das Leben aber kann eine Qual sein, so wie jetzt gerade. Du aber musst anderen stets ein Vorbild sein. Das ist deine Bestimmung. Die Prinzessin wimmerte leise. Sei sofort still, sagte die Mutter und das Kind verstummte. Die kleine Margarita Teresa saß und wartete, wie es ihr die Mutter befohlen hatte. Sie saß und wartete und zählte im Geiste von 60 rückwärts. Das schaffte sie mit ihren fünf Jahren schon, denn sie war ein aufgewecktes, vor allem aber fleißiges Kind, das gute Lehrer hatte. Sie konnte lesen und schreiben, beherrschte die Zahlen und hatte gelernt, einfache Melodien auf einer Flöte wiederzugeben, zu tanzen und Gedichte aufzusagen. Sobald sie bei der Zahl 0 angelangt war, begann sie erneut von 60 rückwärts zu zählen. Dann lenkte sie ab, doch vergaß sie nach einiger Zeit, wie viele Minuten vergangen waren, seit sie zu zählen begonnen hatte. Der Stuhl war für Erwachsene gedacht, weswegen ihre Füße in der Luft baumelten. Wie es die Mutter von ihr erwartete, hielt sie den Rücken gerade und streckte den Hals durch, so dass ihr Körper die Stuhllehne nicht berührte. Die Eiswürfel waren längst geschmolzen, doch das Wasser war, davon war die Prinzessin überzeugt, weiterhin kalt. Ihr Mund, ihre Zunge, ihr Rachen taten weh. Ihr war, als brennten sie wie Feuer, während sie im nächsten Augenblick austrockneten. Bald würde ihr ganzer Körper schrumpfen, grau werden und zu Staub zerfallen. Jemand mit einem Besen und einer Kehrschaufel würde herkommen, ihren Staub zusammenkehren und auf den Friedhof tragen. Für einen Schluck Wasser hätte sie ihr halbes Leben hergegeben, doch sie biss sich auf die Lippen, schwieg und wartete und weinte innerlich jene Tränen, die sie nach außen niemals zeigen würde, solange ihre Mutter sie beobachtete. Statt ihrer weinte ihr Kindermädchen, das abseits am anderen Ende des Saals auf einem Kanapé saß und wartete. Das Kindermädchen wusste, dass es sich niemals einmischen durfte, wenn ihre Majestät die Königin geruhte, ihre Tochter zu erziehen. Ein falscher Blick oder gar eine unbedachte Bemerkung von ihr und die Königin würde sie mit schimpf und schande aus dem schloss ja für immer aus der stadt davonjagen königin marianne die austria wie sie in spanien genannt wurde konnte aufbrausend und unberechenbar sein sie war stark köpfig ließ sich selten etwas sagen und binach benahm sich oft selbst wie ein großes kind marianne war erst 21 Jahre alt, während ihr Gemahl, König Philipp IV. von Spanien, fast 30 Jahre älter war. Eine grün glänzende Fliege kreiste langsam um das Wasserglas. Wenn sie dem Wasser zu nahe kam, verscheuchte sie die Mutter mit einem Fächer. Die Fliege gab nicht auf, versuchte immer wieder erfolglos ihr Glück, so wie die Mutter sie immer wieder geduldig mit der gleichen Bewegung ihres Fächers wegscheuchte. Rechts und links des Tisches standen zwei junge Lakaien in bunten Livreen und warteten. Sie waren verschwitzt, sahen müde und durstig aus. Wenn Sie es aushalten, werde ich es auch aushalten, dachte die kleine Prinzessin. Sie müssen bestimmt viel länger warten, bis sie etwas trinken dürfen. Die Prinzessin suchte den Blickkontakt zu den Lakaien, versuchte ihnen zuzulächeln, doch deren Blicke waren starr, ausdruckslos und blieben die ganze Zeit geradeaus gerichtet. Es schien, als würden sie niemanden anschauen, als seien sie blind und taub oder als seien sie gar keine echten Menschen, sondern eine durch Hitze und Durst erschaffene Halluzination. Als die Prinzessin spürte, dass ihr schlecht wurde, als sie Kopfweh bekam, als ihr so schwindelig wurde, dass sie sich kaum mehr aufrechthalten konnte, schob ihre Mutter das Wasserglas wieder zu ihr und sagte, trink. Doch das Kind schüttelte den Kopf. Trink, wiederholte die Mutter lachend. Komm, Zwergerl, es ist vorbei, du bist ein tapferes Mederl, trink. Doch das Mederl schüttelte trotzig und noch vehementer als zuvor den Kopf, rutschte vom Sessel hinunter und lief mit letzter Kraft aus dem Raum. Das ist sehr eindrücklich. Margarete Teresa ist ja an sich eine sehr schwierige Figur. Sie ist antisemitisch, sie kann auch manchmal grausam sein, sie weiß um ihre Macht, also ist dessen ihr auch bewusst. Du siehst das aber aufgrund, auch irgendwie, du erzählst das ganz, ganz sehr viel im Rückblick über die Erziehung, also erzählt und so weiter. Wie wichtig war es, dass du sie nicht einfach nur als Bösewichtigen irgendwie darstellst in diesem Roman, sondern sehr wohl irgendwie erstens meine Ursachenforschung, aber auch innerhalb der 1670er Gegenwart irgendwie vielschichtiger erzählst? Naja, erstens war sie keine Bösewichtin. Also es gibt nicht allzu viele Berichte über ihr Innenleben. Berichte über ihr Innenleben. Also das ist nicht so leicht wirklich interessante Informationen über sie zu finden, die quasi über so Hagiografien hinausgeht und darüber, was sozusagen über sie geschrieben wurde, formal und wie es in der Barockzeit üblich war, in einer ganz bestimmten Form und Sprache, die aber nicht persönlich war. Aber nach all dem, was ich nachrecherchieren konnte und auch wenn man ihre Bilder betrachtet, dann war das wirklich eine sehr arme, überforderte Frau, ein Kind de facto, das niemals Kind sein durfte und das in irgendeiner Weise versucht hat, die äußerst komplexe Welt um sich herum zu erklären. Also sie als Bösewächtin zu schildern, als böse Person, das war sie wahrscheinlich nicht. Sie war ein Mensch wie alle anderen, hat verschiedene Facetten gehabt, sicher auch sehr negative Seiten, aber auch sehr positive Seiten. Und für mich natürlich als Autor wäre es ganz und gar uninteressant, sie so holzschnittartig und eindimensional zu schildern, und eindimensional zu schildern, sondern für mich war es natürlich auch spannend zu verstehen, wie sind solche Menschen so geworden, wie sie waren und warum haben sie das getan. Ich meine, sie war ja auch nicht eine, die gefordert hätte, dass die Juden jetzt gefoltert und verbrannt werden. Sie war einfach dafür, dass sie vertrieben werden, was schlimm genug ist. Aber es gibt schon Bösewichte auch in diesem Roman, aber das sind eher Nebenfiguren. Da kann man das machen und bei Hauptfiguren wäre es ja auch ganz langweilig. Wo siehst du für dich die Grenze zwischen historischer Recherche und dichterischer Freiheit? Wo siehst du für dich die Grenze zwischen historischer Recherche und dichterischer Freiheit? Bei der Glaubwürdigkeit. Also für mich ist wichtig, dass der Rahmen authentisch und stimmig ist. Also eine Geschichte fällt mir ein, die ist vielleicht sehr bezeichnend. Der berühmte Filmemacher Axel Korte, den viele von Ihnen wahrscheinlich kennen, sicher kennen, der wunderbare Filme gedreht hat, auch Filme, ich glaube den Radetzky Marsch, also diesen Film gemacht und es war ihm absolut wichtig, dass zum Beispiel, wenn eine Szene im Jahr 1912 spielt, dort nicht im Hintergrund ein Auto vorbeifährt, das erst ab dem Jahr 1913 produziert wurde. Darauf hat er geachtet, obwohl wenn man sich jetzt sozusagen Hollywoodfilme anschaut, auch jene, wo dann nicht, also sich Leute im alten Rom mit einer Zigarette herumlaufen, das ist offensichtlich ein Unsinn, sondern Leute auch, die sich bemühen, einigermaßen authentisch zu bleiben, die werden sagen, naja, wer wird da schon den Unterschied erkennen? Wir alle wissen ungefähr, wie die Autos ausgesehen haben vor dem Ersten Weltkrieg, außer ein paar Experten wird ja niemand erkennen, wenn das 1912 spielt, ob das Auto jetzt 1913 oder 1914 hergestellt wurde. kennen, wenn das 1912 spielt, ob das Auto jetzt 1913 oder 1914 hergestellt wurde. Aber Axel Korthy war klar, wenn er das einmal einreißen lässt, dann wird so ein Film wie ein schlecht lektorierter Roman, ein schlecht lektorierter Text. Das geht ja auch den sozusagen den Laien, also den Leserinnen und Lesern geht das auch so. Die lesenen dann einen roman der schlecht lektoriert sind und die merken es nicht gleich aber die merken schon irgendwas stimmt da nicht irgendwas stört mich eigentlich ein guter roman aber was ist da los ja und genau so ist es hier und und axel korte hat das erkannt also der hat dann wirklich dafür gesorgt dass wirklich natürlich radetzky-Masch, erfundene Figuren, historisch kann man sich Freiheiten nehmen, aber diese Dinge müssen stimmen, die Kostüme müssen stimmen, die Rahmenhandlung muss stimmen, die dürfen keine Sprache verwenden, die man damals nicht verwendet hat, die dürfen keine Ausdrücke verwenden, die es damals nicht gegeben hat. Und das war schon mein Anliegen, dass diese Dinge authentisch sind. Sonst haben wir natürlich einige Freiheiten erlaubt, das ist schon klar. so wie du auch Wien beschreibst. Also es ist einerseits der Prunk komplett irgendwie nachvollziehbar, aber auch die Armut oder die Stadt, wie sie riecht, die Geräusche, also man glaubt wirklich, man ist so ein bisschen so mit dabei. Also da musst du wirklich komplett, da hast du wahrscheinlich dich gut eingelesen, weil es ist tatsächlich eher sinnlich auch, wie man diese Stadt erlebt. Also auch die Armut, sowie auch den Reichtum. Und das ist sehr nuanciert, wie du das machst. Ich habe mich bemüht. Man muss natürlich auch sagen, dass auch jeder historische Roman letztlich das menschliche Drama beschreibt. Das sozusagen in allen Epochen bis zu einem gewissen Grade auch ähnlich war. Ich meine, die Menschen, die damals gelebt haben, waren ganz anders und uns doch sehr ähnlich auf eine bestimmte Weise, weil sie haben einfach dieselben Gefühle, dieselben Leidenschaften, dieselben Sehnsüchte gehabt, denselben Schmerzempfunden, waren vielleicht etwas weniger schmerzempfindlich, wenn man bedenkt, was sie alles so beim Zahnarzt erleben mussten zu jener Zeit, wird ja auch beschrieben bei mir im Übrigen. Aber sonst konnte ich mich schon auch auf meine persönliche Fantasie und auch auf meine Lebenserfahrung auch ein bisschen verlassen, wenn ich ins 17. Jahrhundert reise. Ja, ein zweites Element ist tatsächlich für dich, es ist, also das Buch behandelt sehr viele ernste Themen, ja, und auch du stellst dem aber oft immer wieder so groteske Situationen oder auch fast körperlichen Humor irgendwie gegenüber. Wie stark brauchst du den Humor, um diese ernsten Themen für dich als Autor zu verwenden? Also ist das für dich ein Gegenpol, damit du damit umgehen kannst oder damit du das erträglicher machst, weil es geht ja tatsächlich immer um Leben und Tod? Ich glaube nicht, dass ich das wirklich bewusst mache. Also der Humor, der fällt mir einfach zu und der findet einfach Eingang in meine Texte. Und der findet einfach Eingang in meine Texte. Also ich bin kein, ich sehe mich eigentlich nicht als witzig-kabarettistischen Menschen, der das bewusst macht. Es gibt Kabarettisten, die überlegen sich die Pointen und die gehen da auf die Zunge. Du schreibst doch nicht auf Pointe, das habe ich jetzt nicht damit gemeint. das habe ich jetzt nicht damit gemeint. Ja, ja, ich schreibe nicht auf Pointe erstens und ich schreibe auch keine bewusst humorvollen oder satirischen Texte, sondern wenn ich sage, so jetzt schreibe ich was Lustiges, jetzt will ich was Lustiges schreiben und das wird jetzt eine lustige Szene, dann wird sie nicht lustig, sondern die wird zu programmatisch oder die wird einfach albern oder die wird dann einfach zu plump, die wird dann zu derb. Also manchmal werde ich dann ein bisschen zu derb, wenn ich witzig sein will. Also ich schreibe einfach so, wie ich mir die Szene vorstelle und dann, wenn ich sie lese, dann denke ich, aha, das ist ja ganz witzig, wieso ist das so gekommen und freue mich darüber. ist das so gekommen und freue mich darüber. Der Humor ist wahrscheinlich auch notwendig, um überhaupt über diese Dinge schreiben zu können, weil meine Themen sind ja in der Tat eigentlich bei allen Büchern ernste Themen und auch persönliche Themen, auch wenn es nicht um mich persönlich geht, aber sie sind in irgendeiner Weise immer, wie für andere Autorinnen und Autoren im Übrigen, auch in gewisser Weise immer persönlich. Und wahrscheinlich brauche ich auch den Humor, um diese Welt überhaupt zu ertragen. Auch wenn man meine Biografie oder die meiner Familie oder sich überhaupt eingedenkt dessen, was um uns herum passiert. Wenn es mir gelingt, freue ich mich. Vielleicht wäre ich anders, wären das bierernste Texte geworden, vielleicht wären sie dann auch nicht schlechter, aber mir würden sie halt weniger gefallen. So gefallen sie mir besser, wenn sie auch humorvoll sind manchmal. Ja, das merkt man. Also wir machen jetzt auch einen ganz großen Sprung nach vorne. Du hast das eigentlich schon ein bisschen vorweggenommen. Es kommt jetzt eine dritte Figur dazu. Es ist die Esther. Es ist eine jüdische Hebamme, die Peter de Rojas an den Hof holt, damit der Margareta Teresa bei der Schwangerschaft, damit sie ihm hilft und damit will sie natürlich auch benutzen, wo er sagt, sie ist zwar Jüdin, also sie kann dir helfen und versucht damit irgendwie auch die Vertreibung der Juden aus Wien zu verhindern. aus Wien zu verhindern. Und du kommst jetzt in dem Passage, wo du auch dann lesen wirst, Petrus selbst kommt aber immer stärker selbst in Gefahr. Es entstehen die ersten Gerüchte über ihn, also dass er eben seinen jüdischen Glauben praktiziert. Man erzählt, dass er in seinem Keller jüdische Schriften und einen Gebetsschal aufbewahrt und so weiter. Und das kann natürlich sein Todesurteil bedeuten. Und das ist jetzt gerade in einer Situation, Esther ist eine sehr pragmatische, nüchterne, kluge Frau. Die Esther. Ja, und doch von der Charakterzeichnung her. Manchmal ist sie auch quasi ein Opfer ihrer eigenen Wut und ihrer eigenen Gefühle, aber tendenziell ist sie eher eine nüchtern denkende und berechnende Frau, weil sie hat auch drei Kinder. und berechnende Frau, weil sie hat auch drei Kinder. Sie ist Witwe, die Ehe war nicht glücklich, der Mann kam dann, der war Bäcker, der kam bei einem Unfall ums Leben und sie ist jetzt allein, sie wohnt bei einem Verwandten in diesem jüdischen Ghetto und muss auch diese Kinder großziehen. Ghetto und muss auch diese Kinder großziehen und insofern muss sie nüchtern sein, weil sie weiß, dass sie auch als alleinstehende Frau zu jener Zeit, in der das spielt, äußerst exponiert und äußerst gefährdet ist und als Jüdin auch noch. Aber ich würde dich bitten, dass du jetzt in den dritten Teil kommst, von der Lesung, wo denn damit werde ich... Genau, ja, also wir machen jetzt einen Sprung nach vorne, wie schon gesagt. Inzwischen sind wieder eineinhalb Jahre vergangen, da passiert einiges in der Zeit und die Kaiserin hat wieder eine Fehlgeburt erlitten, sie ist dann wieder schwanger, aber die Hebamme hilft ihr zwar, aber irgendwie geht die Sache nicht weiter und alle Beteiligten werden immer verzweifelter und auch der Leibarzt, der kommt jetzt zu ihr in der folgenden Szene, ist auch die Hebamme da und die Hebamme und der Arzt kommen sich auch näher, also sie kennen sich inzwischen schon sehr gut. Und die Kaiserin empfängt ihren Arzt und die jüdische Hebamme im Bett liegend. Sie hat nur ein Nachthemd und einen Unterrock, aber weder Korsett noch Unterwäsche an, ist weder geschminkt, frisiert noch gepudert. Ihre Haare sind zerzaust, sie riecht nach Schweiß und nach Verzweiflung. Also man sieht, da ist einiges passiert. Esther wirft Pedro einen Blick zu, der mehr sagt als tausend Worte. Das ungeborene Kind, also wie gesagt, sie ist wieder schwanger, ist in großer Gefahr. Man muss weder eine gute Hebamme noch ein brillanter Arzt sein, um das zu erkennen. Außer der Kaiserin sind noch eine Dienerin, die treue Donia Isabel, seine Hofdame, und die junge Hofdame Katharina von Roschitz im Zimmer. Die Dienerin steht in einer Ecke und wartet auf Anweisungen. Die beiden Damen sind mit ihren Stickereien beschäftigt, mit routinierter Geschicklichkeit sticken sie Blumenmuster, Initialen und abstrakte Verzierungen in Taschentücher, halten sich im Hintergrund und senken den Blick, wenn Pedro sie anschaut. Ja, dann steht die Kaiserin auf, die geht auf ihn zu, sie führen da ein längeres Gespräch und dann setzt sie sich, dann hebt sie sich wieder von ihrem Lehnstuhl, geht zu ihrem Bett zurück, legt den weinroten Umhang, den sie sich vorher angezogen hatte, aber nicht ab, setzt sich auf die Bettkante, schaut Esther an und sagt auf einmal, erheitert euch das, worüber wir gerade gesprochen haben. Was, stammelt die Hebammen? Nein, wieso? Ihr habt ein Grinsen im Gesicht.« »Ich grinse nicht.« »Doch, ihr grinst.« »Nein.« »Wie könnt ihr es wagen, mir zu widersprechen?« Die Kaiserin ist aufgestanden und starrt Esther mit weit aufgerissenen Augen an, ohne zu blinzeln. »Ich bitte um Verzeihung, Majestät.« Die Hebamme senkt den Kopf, um den Blicken der Kaiserin auszuweichen. »Zieht eure Schuhe aus,, fordert sie die Kaiserin auf. Wie bitte, murmelt Esther, hebt den Kopf wieder und schaut der Kaiserin direkt ins Gesicht. Zieht eure Schuhe aus, los, ich möchte sehen, ob ihr einen Huf habt. Ich hatte gehört, Juden haben auf einem Fuß einen Huf, weil sie mit dem Teufel im Bunde sind. Nun schauen alle im Raum abwechselnd die Kaiserin und die Hebamme an, entgeistert, fassungslos. Pedro verstört und traurig, die beiden Hofdamen durchaus neugierig darauf zu erleben, was nun passiert, die Dienerin eher gleichgültig. Ich habe keine Hufe, ich bin weder eine Stute, eine Ziege, eine Kuh oder der Teufel, noch bin ich mit ihm in Bunde, ich bin auch keine Hexe. Esther hat sich aufgerichtet und schaut der Kaiserin direkt und herausfordernd in die Augen. Hat sie sich in ihrem Leben nicht oft genug wie Dreck behandeln lassen? Zu oft. Los, die Kaiserin hält den Blickstand. Los, zieht eure Schuhe aus oder ich lasse sie euch ausziehen. Zu oft. holt aber trotzdem den Satz, zieht die Schuhe aus, ich bitte euch, Esther. Was würdet ihr denn tun, wenn ich tatsächlich einen Huf hätte, Majestät, fragt Esther. Und es ist nichts Respektvolles oder Unterwürfiges mehr in ihrer Stimme. Was würdet ihr tun? Ärger, Provokation, Wut. Es ist aus, denkt Pedro. Alles bricht zusammen. Er hat das Bild einstürzender Häuser und Brücken vor Augen, sieht tote Pferde, Blut und brennende Juden. Katharina von Röschitz und Donja Isabel halten den Atem an. Ihre Stickereien sind ihnen in den Schoß gefallen und von dort auf den Boden gerutscht. Ich würde nichts tun. Ich wäre froh, sagt die Kaiserin. Ich habe noch nie einen menschlichen Huf gesehen. Esther bückt sich, zieht ihre Schuhe aus, zieht ihre Röcke, den Außenrock und den Unterrock hinauf. Seht her, sie streckt zuerst den rechten und dann den linken Fuß aus. Katharina von Röschitz, Donja, Isabel und Pedro atmen erleichtert auf, während die Kaiserin sichtlich enttäuscht ist. Sie bittet die Dienerin, ihr einen Becher mit Wasser zu bringen. Als ihr dieser gereicht wird, betrachtet sie eine Zeit lang die Oberfläche, ohne aber auch nur einen Schluck daraus zu trinken, schaut dann Esther mit einem noch neugierigeren Blick als zuvor an und fragt, Könnte ein Unwetterherr zaubern? Nein. Oder zumindest einen Regen? Nein, ich bin keine Hexe. Ich habe gehört, dass jüdische Hexen und die Hexen im ketzerischen England einen Regen herzaubern können, wenn sie ihre Strümpfe ausziehen. ausziehen. Esther sieht sie fragend an, die anderen schweigen. Wo soll das enden, fragt sich Pedro. Zieht eure Strümpfe aus, Esther, befiehlt die Kaiserin. Dann sehen wir, was passiert. Esther zögert. Los, ausziehen, runter damit, befiehlt die Kaiserin. Steht auf und sagt, noch ungeduldiger als zuvor, könnt ihr keinen Regen herzaubern oder könnte er das doch? Esther zögert weiterhin. Sie weiß, dass sie keine Wahl hat. Ihr Schicksal, das ihrer Kinder und aller Menschen, die ihr lieb und teuer sind, einschließlich Petros, hängen davon ab, wie sie sich jetzt verhält. Weigert sie sich, dem Wunsch der Kaiserin nachzukommen, wird man sie dazu zwingen, wird man ihr Schmerzen zufügen und sie noch mehr demütigen, als sie ohnehin schon gedemütigt und erniedrigt hat. Trotzdem zögert sie. Vielleicht, weil sie bis jetzt in vergleichbaren Fällen viel zu selten gezögert hat. Doch welcher Fall ist denn schon mit einem anderen vergleichbar? Ich möchte nicht in deiner Haut stecken, liebe Esther, denkt Pedro. Oh, wie froh ich doch bin, nicht du zu sein und wie sehr bewundere ich deinen Mut. Sind Frauen nicht eigentlich viel mutiger als Männer, obwohl sie doch gemeinhin als das schwache Geschlecht bezeichnet werden? Wie seltsam ist die Welt doch eingerichtet. Was für ein erbärmliches Schauspiel, denkt Fräulein Katharina von Röschitz. Ich verachte Juden, ich finde sie abstoßend, aber erniedrigt man sich nicht selbst, wenn man sie so behandelt? Etwas Regen würde jetzt eigentlich nicht schaden, denkt Donia Isabel. In den letzten drei Wochen war es so unglaublich trocken. Diese Luft tut mir nicht gut, sie ist schlecht für meine Haut, sie lässt mich älter aussehen. Außerdem trocknet mein Hals aus. Abends und am Morgen muss ich viel husten, meine Nase rinnt, ich habe Schmerzen und das Sprechen fällt mir schwer. Das wird ja wohl nicht am Schnupftalbach liegen, oder? Ich müsste dringend pinkeln, denkt die Dienerin. Ich müsste dringend pinkeln, denkt die Dienerin. Soll ich, solange die Kaiserin abgelenkt ist, in die hintere dunkle Ecke des Zimmers gehen und das, was sich in mir angesammelt hat, langsam in den dort stehenden Topf abfließen lassen? Oder soll ich noch warten? Die Kaiserin mag nicht, wenn die Dienerschaft in ihrer Gegenwart pinkelt. Doch die Blase ist voll und lange lässt sich das Wasser nicht mehr zurückhalten. Währenddessen denkt die Kaiserin darüber nach, welche Bedeutung es für sie hätte, wenn die Jüdin tatsächlich Regen herbeizaubern würde. Sie schaut zum Fenster. Draußen ist es trüb, bewölkt, für die Jahreszeit zu kalt, aber wie schon seit Tagen trocken. Wenn die Jüdin die Strümpfe auszieht, wird es bestimmt keinen Regen geben. Es sieht nicht nach Regen aus und es riecht nicht nach Regen. Die Jüdin hat keine Hufe, sondern ganz normale menschliche Füße. Sie hatte bis jetzt nichts Böses getan, sondern ihr vielmehr gute Dienste geleistet. Zieht bitte die Strümpfe aus, macht mir die Freude, Ester, wiederholt die Kaiserin ihre Bitte, diesmal mit ruhiger Stimme und setzt sich wieder an die Bettkante. Wir wünscht Majestät, sagt Ester, doch bin ich keinesfalls eine Zauberin, das werdet ihr so gleich feststellen. Ich schließe mit mir selbst eine Wette ab, überlegt sich die Kaiserin, einer Eingebung folgend. Wenn die Jüdin ihre Strümpfe auszieht, ohne dass es daraufhin regnet, dann ist sie keine Hexe und es wird alles gut. Ich bringe einen gesunden Knaben zur Welt, mache meinen lieben Onkel, den Kaiser, den ganzen Hof und das ganze Reich sowie mein Heimatland Spanien glücklich und werde mit der Zeit von all meinen Krankheiten kuriert. Mein Kropf wird abheilen, meine Schwäche, meine Kopfschmerzen und Fieberschübe werden schwinden. Ich werde ausreiten und auf die Falkenjagd gehen, singen und tanzen, selber musizieren und komponieren wie mein lieber Gemahl und ich werde immer tief durchatmen können, ohne dass mir etwas den Hals zuschnürt oder als hätte mir jemand einen Seidenschal in den Schlund hinabgestopft. Wenn es jedoch zu regnen beginnt, ja, nachdem die Jüdin ihre Strümpfe ausgezogen hat, bedeutet das Unglück und Tod und Niedergang und alles bricht zusammen. Ich wette aber, dass die Jüdin keinen Regen herzaubern wird. Es darf keinen Regen geben. Sogleich bereut sie dieses törichte Spiel mit dem Schicksal. War es nicht Satan selbst, der es hier eingeflüstert hat? Sind Wetten und Spiele denn keine Sünden? Soll die Jüdin tatsächlich ihre Strümpfe ausziehen? Margarita Theresas Herz beginnt zu rasen. Ihr Kropf bereitet ihr Schmerzen und das Atmen fällt ihr immer schwerer. Haltet ein, möchte sie der Hebamme zurufen, aber es ist zu spät. Esther bückt sich, greift mit beiden Händen unter ihre Röcke, streift ihre Strümpfe von Beinen und Füßen ab, weiß sind sie aus feiner Schafswolle gefertigt, knüllt sie zusammen und legt sie neben der Kaiserin auf das Bett. Bitte sehr, wie befohlen, sagt sie. Und was nun, fragt sie, soll ich noch etwas ausziehen? Die Kaiserin antwortet nicht. Sie schaut sich um. Nichts geschieht. Katharina von Röschitz und Donia Isabel bücken sich und heben ihre Stickereien auf. Die Kaiserin atmet durch und schließt die Augen. Pedro seufzt erleichtert. Die Dienerin pinkelt unauffällig in den Topf. Esther wartet, versucht ihr inneres Beben zu unterdrücken, stellt sich vor, sie sei gar nicht in diesem Raum, sondern zu Hause bei ihren Kindern. Und genau in diesem Augenblick hören die Kaiserin und mit ihr auch alle anderen ein leises Rauschen, das von draußen dringt. Alle schauen Richtung Fenster und sehen und hören, wie plötzlich dicke Regentropfen, wie aus dem Nichts kommend, immer schneller und immer lauter gegen die Fensterscheiben prasseln. gegen die Fensterscheiben prasseln. Danke, Wladimir. Danke auch für diesen Roman. Du hast tatsächlich, obwohl es ein komplett fremdes Setting für uns ist, sehr viele gegenwärtige Themen darin literarisch verarbeitet. Und das berührt auch sehr. Und das berührt auch sehr. Also das ist, weil man dann tatsächlich so in diesen Wien aus dem Jahr 1670, also die Themen hat, die man eigentlich heute auch wieder verhandelt. Und ja, es ist ein großartiger Roman geworden. Danke. Der Wladimir hätte auch gerne, wenn Publikumsfragen sind, würde sie gerne beantworten. Also das wäre jetzt die Möglichkeit und ich will jetzt einmal das Gespräch auch eröffnen mit Ihnen. Gibt es irgendwelche Kommentare oder Fragen? Zum Roman oder auch zu anderen Themen? Zum Roman oder auch zu anderen Themen, ja. Gut, dann, was wäre jetzt meine Abschlussfrage? Die Abschlussfrage, ich habe jetzt nicht damit gerechnet, dass jetzt keine Fragen kommen. Was ist für dich die Zusammenfassung, die Quintessenz, abgesehen von Aberglaube, Antisemitismus oder so wie immer mit Vorurteilen, die Verquickung, Religion, Politik, ist für mich irgendwie aber auch dieses Macht- und Ohnmacht-Spiel. Also ist das für dich auch etwas sehr Tragendes oder wie siehst du die Fäden von deinen einzelnen Figuren, weil die ja beide, alle eher ambivalent sind und mit beiden Spielen, also ist das ein Leitfaden für dich auch? Auch, ja, also ist das ein Leitfaden für dich auch? Auch, ja, also Macht und Ohnmacht und dieses Ausgeliefertsein an bestimmte Gegebenheiten, die von außen kommen oder auch von innen und Menschen in eine bestimmte Richtung drängen oder treiben, das gehört zu den Leitmotiven auch meines Schreibens, nicht nur in diesem Roman, aber in diesem Roman auch, was noch auch ein vielleicht Quintessenz oder ein Leitfaden war für mich, trotz sozusagen des historisch tragischen Settings, dass es sowohl damals als auch später, als auch heute, es immer wieder auch Menschen gibt, die dieses System der Ohnmacht, des Niedergangs oder des Bösen, wenn man das so ein bisschen pathetisch ausdrücken wollte, zu durchbrechen verstehen. Also auch hier, es gibt dann auch wieder Nichtjuden, die Juden helfen. Also auch schon zu der Zeit, es gab sie, ganz sicher gab es diese Menschen und sie werden auch hier beschrieben. Und es gibt dann trotz allem irgendwo auch einen Ausweg für bestimmte Menschen. Und es gibt Menschen, die dann anders denken, in allen Epochen und in allen Zeiten. Und das ist eben das, was eben dazu führt, dass wir schließlich auch als Menschheit nicht komplett untergehen. Und ich glaube, Kunst und Kultur kann das auch zeigen und kann auch der Ansporn dafür sein, sich zu bemühen, etwas entgegenzusetzen, Widerstand zu leisten gegen das, was im Augen vieler Menschen vermeintlich sowieso unüberbrückbar oder unverrückbar oder unabwendbar ist. Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Danke dir. Das ist wirklich ein sehr schönes Schlusswort gewesen. Ich weiß jetzt nicht, wie ich fortsetzen soll. Also vielen lieben Dank, Claudia Romeda und vor allem leider mir wert für die Vorstellung des Verlags und des historischen Romans der Jude der Kaiserin. Wenn Sie historische Romane mögen, dann gibt es das Buch hinten zu erwerben. Es liegt dort auch auf das Buch von Katharina Braschl. Wenn Sie historische Romane nicht mögen, dann kann dieses Buch Sie umstimmen und dazu verleiten. Bewundernswert vor allem die sprachliche Eleganz, aber auch, es wurde angesprochen, der sehr intelligente und feine Humor, den Wladimir Wertlieb an den Tag legt. Bei uns geht es am Sonntag weiter, sehr ungewöhnlich, mit dem Tag des Denkmals. Meine Kollegin Claudia Lehner wird um 14 Uhr durch diese Ausstellung führen und dazu sprechen. Rainer Maria Rilke, ich bin von Herzen gerne hier. Und es wird eine Lesung geben um 14.45 Uhr von Franz Froschauer aus Rilke-Texten. Das reguläre Programm setzt fort am Dienstag, wenn Michael Kölmeier seinen neuen Roman Mein privates Glück hier vorstellen wird. Zu guter Letzt, Sie wissen das vielleicht schon, wenn Sie jetzt öfter hier waren, wir haben eine Spendenbox hinten, der Eintritt im Stifterhaus ist frei. Wenn Sie was reinschmeißen, dann bleibt er hoffentlich auch frei. Wir werden dann evaluiert von Seiten des Trägers des Stifterhauses. Ich bedanke mich für Ihr Kommen und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Vielen Dank. Danke.