Einen schönen guten Abend. Ich darf Sie alle recht herzlich zum zweiten Vortragsabend in unserer Reihe Alte Vorurteile, Neue Gefahr von den Anfängen des Antisemitismus bis heute begrüßen. Es ist eine gemeinsame Veranstaltung der Volkshochschule Linz mit der Johannes Kepler Universität, mit den beiden Geschichteinstituten. Dieses Jahr haben wir beschlossen, dass wir uns dem Thema Antisemitismus widmen. Letzte Woche war Clemens Kaps von der Johannes Kepler Universität und zwar vom Institut für Sozialwirtschafts- und Umweltgeschichte bei uns zu Gast. also von religiös motivierten Anti-Judaismus und ist gekommen bis in die Weimarer Republik, bis in die 20er Jahre zum rassisch motivierten Antisemitismus. Wir haben versprochen, dass wir heute weitermachen bei den 30er Jahren. Dazu darf ich recht herzlich bei uns Frau Professorin Regina Fritz auch an der Uni Wien begrüßen. Herzlich willkommen. begrüßen. Herzlich willkommen. Die Verfolgung und Ermordung, also wir machen weiter bei den Jahren 1933 bis 1945. Die Verfolgung und Ermorden der jüdischen Bevölkerung in den Jahren 1933 bis 1945 ist das Thema heute. Moderiert wird der Abend heute von Professor Markus Gräser vom Institut für Zeitgeschichte und neuere Geschichte. Auch von dieser Stelle ein herzliches Willkommen. Dorf TV nimmt den heutigen Abend wieder auf. Der Vortrag von letzter Woche ist bereits online, also falls wer letzte Woche nicht da war und nachsehen möchte, unter www.dorf.tv.at kann man ihn bereits ansehen. Ja, ich bedanke mich bei Ihnen nochmal fürs zahlreiche Kommen. Schön, dass Sie wieder da sind und gebe nun das Wort an Markus Gräser. Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, auch von mir ein herzliches Willkommen. Ich freue mich, dass Sie auch in dieser Woche wieder an unserer vierteiligen Veranstaltungsreihe teilnehmen, die sich in diesem Winterhalbjahr mit dem Thema Antisemitismus beschäftigt. Und ich freue mich, Ihnen heute Regina Fritz vorstellen zu können, eine geschätzte Kollegin vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, die in ihrem wissenschaftlichen Werdegang die Thematik Judenverfolgung, Shoah, zu ihrem Gegenstand gemacht hat. Frau Fritz hat nach einem Studium in Wien und Berlin eine Dissertation verfasst, die sich mit der Geschichtspolitik in Ungarn nach 1945 mit Blick auf die Shoah und die Judenverfolgung beschäftigt. mit Blick auf die Shoah und die Judenverfolgung beschäftigt. Und sie ist auch bis heute, glaube ich, eine der wenigen Expertinnen im deutschen Sprachraum, die sich intensiv mit der Situation in Ungarn und mit den ungarischen Jüdinnen und Juden beschäftigt hat. Was, da wir Historiker immer darauf angewiesen sind, uns auch mit der Sprache der Quellen auseinanderzusetzen, ja auch gar keine einfache Sache ist, das alles auch in ungarischer Sprache bewältigen zu können. Frau Fritz hat dann eine ganze Reihe von Stationen absolviert, wie das in einer akademischen Karriere so üblich ist und sie war, bevor sie nach Wien gekommen ist, Assistentin am Historischen Seminar der Universität Bern. Sie hat aber in diesen Jahren auch an einem großen Projekt mitgearbeitet, das jetzt gerade auch abgeschlossen worden ist, nämlich das sogenannte Mauthausen Survivor Projekt. Es gibt inzwischen vier umfängliche Bände, in denen eine Forschergruppe über viele Jahre hinweg mit Oral History, das heißt mit Zeitzeugeninterviews der Überlebenden aus Mauthausen gearbeitet hat, um bestimmte Aspekte des KZ-Lebens oder Sterbens, die man nur auf die Art und Weise in Erfahrung bringen kann, dann zusammenzustellen. Das ist wirklich eine große und auch sehr innovative Form der Geschichtsdarstellung geworden und ich kann Ihnen diese jetzt insgesamt vier Bände nur ans Herz legen. Frau Fritz ist also bei uns in Österreich die Spezialistin für die Thematik der Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden. Das ist ein großes Thema und ich äußere jetzt schon meinen Respekt dafür, dass das in einem Vortrag von einer Stunde dargestellt werden kann. Sie wissen alle, wie komplex und natürlich auch belastend diese Thematik ist. Ja, nochmals herzlich willkommen, liebe Regina. Ich darf dich um deinen Vortrag bitten. Sie wissen, wir bekommen erst einen Vortrag und im Anschluss daran werde ich mit Frau Fritz hier oben sitzen und Sie können mit uns diskutieren, Fragen stellen und damit leiten wir dann diesen Abend aus. Bitteschön. Vielen herzlichen Dank für diese freundliche Vorstellung und natürlich auch für die Einladung, für die Möglichkeit, hier heute vortragen zu dürfen, hier in Linz im Rahmen dieser sehr wichtigen Reihe an der Volkshochschule. Ich möchte gerne meinen Vortrag mit einer Stimme beginnen. Und zwar mit einem Bericht aus dem März 1933, also aus den ersten Wochen der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. Die Stimme gehört dem Journalisten Walter Güssling, der am 10. März 1933 in seinem Tagebuch festhielt, was er am 9. bzw. am 10. März 1933 in München wahrgenommen hatte, und zwar am Tag der NS-Machtergreifung in Bayern, nachdem eben wenige Wochen zuvor, wie Sie wissen, Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. Und das ist ein etwas längeres Zitat, aber ich glaube, dass sich sehr vieles an diesem Zitat kulminiert. 10. März. Hinter uns liegt eine Nacht des Grauens. Es war schließlich nicht anders zu erwarten. Die Arbeiterzeitungen zerstört, das Gewerkschaftshaus gestürmt, hunderte von kommunistischen und sozialdemokratischen Führern in Haft. Es ist furchtbar, aber man ist daran schon irgendwie gewöhnt, zumal wenn man die Woche nach dem Reichstagsbrand in Berlin miterlebt hat. Aber dass blutgierige Verbrecher die Wohnungen friedlicher, unpolitischer Bürger stürmen, zumal wenn man die Woche nach dem Reichstagsbrand in Berlin miterlebt hat. Aber dass blutgierige Verbrecher die Wohnungen friedlicher, unpolitischer Bürger stürmen, dass Menschen verschleppt, misshandelt werden, dass diese Banden nichts, aber auch gar nichts heilig ist, das hat es bisher in Deutschland nicht gegeben. Wir versuchen heute wenigstens einen Überblick über die Ereignisse der Nacht zu gewinnen. Eine Schreckensmeldung jagt die andere. Ich kann es schließlich nicht mehr ertragen und gehe. Aber ich soll keine Ruhe haben. Es ist eine der angesehensten Anwälte Münchens, der zugunsten eines verhafteten Freundes das Polizeipräsidium aufgesucht hatte, um dort zu intervenieren. Nachdem er zuerst unmenschlich verprügelt worden war, hetzte man ihn in dem geschilderten Zustand durch die Straßen. Ich weiß seit heute, was sein Pogrom ist. ist. Walter Güssling beschreibt hier einen Moment, in dem sich die Welt innerhalb kürzester Zeit für ihn und für viele seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger verändert hat. Seine Schilderung macht sichtbar, dass nationalsozialistische Erfolgung nicht erst mit Deportation und Konzentrationslagern begann. Sie begann mit Hetze, mit der Aufhebung von Recht und Schutz, mit Verhaftungen, Einschüchterung und mit Gewalt. Und was in diesen Szenen sichtbar wurde, war nicht nur individuelle Brutalität, sondern ein gesellschaftlicher Vorgang, nämlich die öffentliche Markierung einer Gruppe als recht und schutzlos und die symbolische Auslöschung einer alten Ordnung. Denn diese Gewalt, und das ist hier ganz wesentlich, geschah nicht im Verborgenen, sondern ganz öffentlich für jedermann sichtbar. Durch diese öffentlich vollzogene Gewalt sollte Rechtlosigkeit demonstrativ hergestellt werden. Sie richtete sich also nicht allein gegen die unmittelbar Betroffenen, gegen Jüdinnen und Juden, aber auch gegen politisch Andersdenkende oder andere Gruppen, die verfolgt wurden, sondern ebenso an die Mehrheitsgesellschaft, an alle, die zusahen. Als Botschaft an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, wer zur nationalsozialistischen sogenannten Volksgemeinschaft gehört und wer aus hier ausgeschlossen werden sollte, wer also öffentlich gedemütigt und misshandelt werden darf. Ein Vorgang, den wir auch auf jener zeitgenössischen Fotografie erkennen können, die dieses oben beschriebene Ereignis auch festhält. Und es ist diese Fotografie, da sehen wir genau diese Szene, die in diesem Tagebucheintrag auch beschrieben ist. Sie zeigt den jüdischen Anwalt Michael Siegel, wie am herrlichsten Tag durch die Straßen getrieben wird. Menschen sehen zu, fahren mit ihren Fahrrädern an ihm vorbei. SS-Männer üben die Gewalt aus, Polizei und staatliche Institutionen bieten offenbar keinen Schutz mehr. Für die Verfolgten war das ein radikaler und auch oft traumatischer Bruch und auch das wird in dem Tagebucheintrag sehr deutlich. Nicht nur, weil sie Gewalt erlebten, sondern weil die vertraute Welt zerbrach. sondern weil die vertraute Welt zerbrach. Es waren Nachbarn, Kollegen, Bekannte oder auch vertraute Institutionen, auf die man bisher vertraut hatte, die nun zu Verfolgern, zu Profiteuren oder auch zu schweigernden Zuschauern und Zuschauerinnen werden konnten. Und genau auf diese verschiedenen Perspektiven möchte ich in meinem Vortrag fokussieren, auf die Perspektive der Verfolgten, auf jene der Verfolger und auf jene der Umstehenden und auch die der untersten Behörden, also auf lokaler Ebene. Denn die nationalsozialistische Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden wurde zwar durch politische Entscheidungen, Gesetze und Institutionen ermöglicht und vorangetrieben, sie vollzog sich aber mitten in der Gesellschaft. Insgesamt ist das Thema, wie schon auch von Markus Gräser erwähnt, natürlich zu groß und die Forschung dazu zu umfangreich, um das in einer Stunde erschöpfend eigentlich behandeln zu können. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden war eben ein europaweiter Prozess, der sich über mehr als zwölf Jahre erstreckte. Das heißt, in einer Stunde kann man das wirklich nur in sehr groben Linien nachzeichnen. Stattdessen möchte ich auf zwei Fallbeispiele genau fokussieren, die sehr unterschiedliche Phasen der nationalsozialistischen Judenverfolgung sichtbar machen und gleichzeitig auch meine Forschungsschwerpunkte bilden. Erstens richte ich den Blick auf den März 38 in Österreich, auf den sogenannten Anschluss und die unmittelbar einsetzende Gewalt, Demütigungen, Verhaftungen und Enteignungen jüdischer Österreicherinnen und Österreicher. Das ist eben eine Phase, in der die nationalsozialistische Politik vor allem noch auf Entrechtung, Beraubung und erzwungene Auswanderung bzw. Vertreibung abzielte. Der Zweite Weltkrieg hatte noch nicht begonnen und auch die späteren Vernichtungsstätten und die systematische Deportation der europäischen Jüdinnen und Juden waren noch nicht etabliert. Zweitens werde ich auf die deutsche Besetzung Ungarns im Jahr 1944 und die Verfolgung sowie Ermordung der ungarischen Jüdinnen und Juden in einer sehr späten phase der nationalsozialistischen herrschaft nach kriegsausbruch eingehen das ist beispiel zeigt die enorme geschwindigkeit und die radikalität der deportationen im letzten kriegsjahr aber eben auch und das ist hier glaube ich dann ganz wesentlich das zusammenspiel deutscher stellen mit den behörden eines besetzten kollaborationsstaates und auch natürlich teen der Gesellschaft, der Ungarischen in dem Fall, und macht die Handlungsspielräume lokaler behördlichen Instanten sichtbar. Das ist eben ein Zeitpunkt natürlich, als die systematische Ermordung der europäischen Juden im vollen Gange war. Die ungarischen Jüdinnen und Juden war eine der letzten verbliebenen großen jüdischen Gemeinden, die deportiert wurden. Wie wir an Walter Güsslings eingangs zitierten Bericht vom März 1933 bereits deutlich sehen konnten, begann die nationalsozialistische Judenverfolgung nicht erst mit Gesetzen und Verordnungen. Gewalt, Einschüchterung und öffentliche Demütigung waren von Anfang an Teil der neuen politischen Ordnung. Das zeigt die neueste Forschung zur frühen Phase der nationalsozialistischen Herrschaft eindeutig. Ich habe zwei Publikationen mitgenommen, die genau diese Aspekte derzeit eingehen, behandeln. Dabei war diese Gewalt nicht in jedem einzelnen Fall einfach von oben angeordnet, wie beispielsweise der deutsche Historiker Michael Wild herausarbeiten konnte, gestalteten Parteianhänger, SA-Männer, lokale Funktionäre und andere Akteure den politischen Umbruch vor Ort, da es sehr eigenmächtig mitgriffen, den politischen Umbruch vor Ort, da ist sehr eigenmächtig mit, griffen legislative Maßnahmen vor, verschärften sie oder schufen durch Gewalt Tatsachen, auf die dann staatliche und parteiliche Stellen anschließend reagierten. Diese Dynamik von Initiative an der Basis öffentlicher Terror und nachträglicher staatlicher Regelung Basis öffentlicher Terror und nachträglicher staatlicher Regelung war für die nationalsozialistische Herrschaft charakteristisch in vielerlei Hinsicht und nicht nur im Deutschen Reich, wir sehen das eben auch dann in Österreich und auch in anderen europäischen Ländern. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist eine Fotografie und zwar diese, die wir auch auf dem Cover von Hermann Becks Buch sehen können, die heute zu einem der bekanntesten oder bekannteren Bildern der frühen nationalsozialistischen Verfolgung gehört. Vielleicht haben Sie sie auch schon gesehen. Sie wird häufig in Schulbüchern abgedruckt oder auch in Überblicksdarstellungen. Und hier sehen wir die Originalaufnahme. Viele Menschen verbinden diese Fotografie unmittelbar mit den Nürnberger Gesetzen von 1935, weil wir hier eben einen jüdischen Mann sehen und eine nichtjüdische Frau, die einer sexuellen Beziehung bezichtigt und eben, wie wir hier auch sehen, öffentlich gedemütigt werden. Die Aufnahme entstand in Cuxhaven, das ist in Norddeutschland vor der örtlichen NS-Kreisleitung und zu sehen sind der Kinobesitzer Oskar Dankner, ein aus Galicien stammender jüdischer Migrant, der 1922 nach Deutschland gekommen war und Adele Edelmann, seine Mitarbeiterin. Und im Hintergrund um sie herum sehen wir noch das Rollkommando der Marina SA, die hier sie aufgegriffen hat und durch diese Tafeln, die ihnen umgehängt wurde, eben diese öffentliche Amprangelung sozusagen inszeniert. Wie erwähnt, wird ja diese Fotografie oft mit dem Jahr 1935 in Verbindung gebracht, und zwar, weil in diesem Jahr auch die Nürnberger Gesetze verabschiedet wurden, die eben Eheschließungen und auch sexuelle Beziehungen zwischen Jüdinnen und Juden und Nicht-Jüdinnen und Nicht-Juden verbot. Tatsächlich entstand aber das Bild bereits am 27. Juli 1933, also mehr als zwei Jahre vor den Nürnberger Gesetzen. Es zeigt daher nicht die Umsetzung eines bereits geltenden Gesetzes, vielmehr dokumentiert es den Versuch lokaler Nationalsozialisten, ihrer eigenen rassistischen und antisemitischen Ideologie mit Gewalt Geltung zu verschaffen und eine eben als sogenannte Rassenschande diffamierte Beziehung öffentlich zu bestrafen, obwohl ein entsprechendes Reichweitesgesetz zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Also wir sehen hier sehr stark, wie sozusagen diese Initiative von unten auch umgesetzt wird und dann, wie wir dann zwei Jahre später sehen, auch legalisiert wird in Form von gesetzlichen Maßnahmen. legalisiert wird in Form von gesetzlichen Maßnahmen. Antisemitische Gewalt entstand also nicht nur in Ministerien und Behörden, sondern auch auf der Straße, in Städten und Gemeinden, in Betrieben und in Nachbarschaften. Das bedeutet natürlich nicht, dass es sich um unkontrollierte oder vom Regime unabhängige Gewalt handelte. Die nationalsozialistische Führung schuf mit ihrer antisemitischen Ideologie und ihrer Politik den Rahmen, in dem solche Übergriffe möglich und vielfach auch erwünscht waren. Zugleich versuchte sie, Gewalt phasenweise zu lenken, zu begrenzen oder in rechtliche und administrative Verfahren zu überführen. Und gerade dieses Zusammenspiel von lokaler Initiativen, öffentlichem Terror und staatlicher Regelung trug zur fortschreitenden Radikalisierung bei, ein Aspekt, über das eben die Forschung gerade in den 80er, 90er Jahren sehr leidenschaftlich diskutiert hat, natürlich vor allem in Bezug auf die Frage, ob der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden von Anfang an intendiert war. Das ist natürlich dieser Frage auch inhärent. Und vielleicht kennen Sie sozusagen diese zwei Positionen, nämlich die Intentionalisten und die Funktionalisten, die genau diese Fragen sehr leidenschaftlich, wie gesagt, in den 90er Jahren diskutierten. Die Intentionalisten, die wirklich eine direkte Beziehung zwischen Ideologie, Planung und politischer Entscheidung sahen, sozusagen wirklich einen direkten Weg vom Parteiprogramm der NSDAP nach Auschwitz sozusagen. Eine zentrale Position von Hitler und eben die Vorsätzlichkeit betonend. Und die Funktionalisten, die eher von einer Radikalisierung ausgingen, Hans Mommsen hat eben diesen Begriff der kumulativen Radikalisierung geprägt und die sozusagen unterstrichen, dass die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden das Ergebnis einer Reihe lokaler Initiativen war, eines chaotischen Systems und dass man dabei abzielte, darauf die örtlichen Probleme zu lösen. Mittlerweile gibt es eine Annäherung dieser beiden Positionen und man geht von einem Wechselspiel zwischen Intention und Zufall aus. Das heißt, man geht davon aus, dass die Bürokratie die zentrale Rolle spielte, welche der Vernichtung gleichgültig gegenüberstand, aber von einem Führer gelenkt wurde, der seinerseits von den stärksten Überzeugungen getrieben wurde. Also so ein Kompromiss zwischen Radikalisierungstheorie und der Bedeutung der Ideologie. In den Jahren 1933 bis 1938 wurde die Verfolgung zunehmend systematisiert. Bereits im April 1933 begann mit dem Boykott jüdischer Geschäfte und Kanzleien eine öffentlich inszenierte Ausgrenzung. Es folgten zahlreiche Maßnahmen, die Jüdinnen und Juden aus dem Staatsdienst, aus Berufen, aus der Kultur, aus der Bildung und im öffentlichen Leben Schritt für Schritt verdrängten. Wie erwähnt, mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 wurde dann die Entrechtung auch rechtlich festgeschrieben. wurde dann die Entrechtung auch rechtlich festgeschrieben. Jüdinnen und Juden verloren auch dabei wesentliche staatsbürgerliche Rechte und wie gesagt, Ehen und Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen wurden verboten. Kehren wir aber noch einmal zur Fotografie von Michael Siegel zurück. Seine Geschichte zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt, zurück. Seine Geschichte zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt, die ich auch unterstreichen möchte, auch weil sie in der jüngsten Forschung auch zunehmend akzentuiert wird. Jüdische Menschen waren nicht bloß passive Opfer dieser nationalsozialistischen Verfolgung. Sie versuchten vielmehr, unter den sich rasch verändernden und zunehmend gewaltsamen Bedingungen zu handeln, Rechte einzufordern, einander zu unterstützen und die noch vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten zu nutzen. Und diese Möglichkeiten waren natürlich 1933 ganz andere als beispielsweise 1944. Diese Perspektive wurde in der Geschichtsschreibung lange weniger stark berücksichtigt. Im Mittelpunkt standen stattdessen oft die Täter, die Institutionen, Gesetze und vor allem auch die Strukturen der Verfolgung. Und natürlich ist diese Forschung unverzichtbar, denn ohne sie lassen sich die Dimensionen und die Funktionsweisen des nationalsozialistischen Terrors nicht verstehen. Zugleich kann sie aber den Blick darauf verengen, was die Verfolgten selbst taten. Seit mehreren Jahren hat sich die Forschung deshalb stärker den Erfahrungen jüdischer Menschen und ihren Handlungsspielräumen zugewandt. Und hier sehen Sie auch einige dieser Bücher und Sie sehen dabei auch, dass der Fokus auch sehr stark auf das Leben und Lebenswelten sozusagen in den Ghettos und in den Konzentrationslager liegt, weniger sozusagen auf den Alltag im Deutschen Reich sozusagen noch in den 30er Jahren möglicherweise, aber auch da beginnt die Forschung jetzt zunehmend, diese Aspekte auch herauszuarbeiten. zunehmend diese Aspekte auch herauszuarbeiten. Und hier geht es natürlich darum, die Erfahrungen sozusagen und das Leben und das Handeln der Verfolgten sichtbar zu machen. Und natürlich nicht darum, ihre Möglichkeiten zu überschätzen und ihnen Verantwortung für Überleben zuzuschreiben. Ihre Handlungsspielräume waren durch Gewalt, Erträchtung und Verfolgung ja zunehmend eingeschränkt, aber eben nicht gänzlich verschwunden. Menschen suchten Rechtsbeistand, unterstützen Angehörige und Gemeinden, organisierten Hilfe, bemühten sich um Ausreise oder versuchten, ihren Alltag unter diesen neuen Bedingungen aufrechtzuerhalten. So ging auch Michael Siegel im Auftrag eines Mandanten, nämlich Max Uhlfelder, der ebenfalls jüdische Abstammung war, zur Hauptpolizeiwache, um eine Anzeige aufzugeben. Der Michael Siegel, den wir eingangs gesehen haben auf der Fotografie. Und zwar, weil er am Vorabend NS-Sturmtruppen die Fenster des Kaufhauses und seinen Mandanten zerstört hatten. Das heißt, er wollte hier intervenieren. Darin zeigt sich, dass er, wie viele andere Menschen zu diesem frühen Zeitpunkt, noch davon ausgehen konnten oder zumindest hofften, dass Behörden, Angesetze an Verfahren und Formen staatlicher Ordnung gebunden sein, eine Hoffnung, wie wir gesehen haben, auch sehr rasch zerschlagen wurde. Siegel wurde nicht trotz seiner Intervention misshandelt, sondern gerade, weil er es gewagt hatte, sich einzusetzen und gegen das Unrecht vorzugehen. Was wir hier also sehen, ist das, was früher ein legitimer Gang zu einer Behörde oder der Versuch gewesen wäre, einem Freund, einem Angehörigen oder einem Mandanten beizustehen, unter der nationalsozialistischen Herrschaft als Provokation behandelt und mit Gewalt bestraft werden konnte. Fünf Jahre später, im März 1938, begegnet uns diese Erfahrung auch in Österreich. Der Anschluss Österreichs brachte zahlreiche politische, wirtschaftliche und soziale Umwälzungen mit sich und veränderte das Leben der hier Lebenden, etwa 186.000 bis 200.000 Jüdinnen und Juden, fundamental. Durch eine Vielzahl an antijüdischen Maßnahmen wurden sie aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt und zwar in einer Geschwindigkeit, die selbst die im Deutschen Reich lebenden Jüdinnen und Juden bis dahin nicht gekannt hatten. Dort hat man eben diese Maßnahmen fünf Jahre lang schrittweise quasi eingeführt und in Österreich wurden sie in wenigen Wochen umgesetzt. Gleichzeitig erlebten die Jüdinnen und Juden in Österreich eine Welle ungehemmter antisemitischer Gewalt. Noch in der Nacht, bevor die Wehrmacht die Grenze zu Österreich überquert hatte, begannen die Gewalttätigkeiten gegen Jüdinnen und Juden. Viele Juden wurden verhaftet, auf offener Straße misshandelt und gedemütigt, jüdische Geschäfte wurden geplündert und verwüstet. Ältere Männer wurden dazu gezwungen, bis zur Erschöpfung Estesierübungen zu machen oder sie wurden angehalten, Schaufenster zum Beispiel von jüdischen Geschäften zu beschmieren. NSDAP-Mitglieder und SA-Männer drangen in Privatwohnungen ein, verschleppten Vermögenswerte und demolierten Einrichtungsgegenstände. Eines jener antijüdischen Demütigungsaktionen, die den öffentlichen Raum der ersten Märzwochen in Wien, aber auch andernorts in Österreich prägten und zum sogenannten Sinnbild der Anschlusspropagrome wurden, waren die sogenannten Reibpartien. In deren Rahmen wurden jüdische Männer und Frauen in aller Öffentlichkeit gezwungen, von den Gehsteigen und von den Wänden politische Parolen oder antisemitische Schmierereien zu entfernen. Und eines dieser Reibpartien möchte ich hier kurz mit Ihnen diskutieren. möchte ich hier kurz mit Ihnen diskutieren. Sie fand in Wien-Erdberg in der Hagenmühle Gasse 30 statt, drei Tage nach dem Anschluss. Und zwar aufgrund eines Volksgerichtsprozesses nach 1945 wissen wir relativ viel über dieses Ereignis und vor allem auch über die Akteure und Hintergründe dieses Gewalterereignisses. Eines der Opfer, Rudolf Stern, den wir auch hier auf dieser Fotografie sehen, der genau dieses Ereignis sozusagen festhält, er ist hier mit der Nummer 5 gekennzeichnet, schilderte das Geschehen in einer eiderstaatlichen Erklärung vor dem Volksgericht. in einer eiderstattlichen Erklärung vor dem Volksgericht. An einem der ersten Tage nach der Nazimachtergreifung erschien in unserem Geschäft eine Figur mit Hakenkreuzbinde am Arm und forderte mich auf, mich mit Kübel und Reitbürste zu versehen und ihm zu folgen. Andere Handlanger der Nazis erschienen gleichzeitig in sämtlichen jüdischen Geschäften unserer Umgebung mit gleichen Einladungen. Als ich vor dem Realgymnasium Wien 3, Hegenmüllergasse ankam, sah ich dort meine Freunde Heinrich Scherater, er hat das selbst quasi hervorgehoben in seiner Erklärung, und Heinrich Safirstein, Söhne von Kaufleuten aus den Häusern Schlachthausgasse 16 und Erdbergstraße 156, sowie die Herren Löwenherz, Neumann und Halpern. Auch sie hatten Kübel und Bürsten. Im Gänsemarsch wurden wir durch die Reihe der spalierstehenden, interessierten Zuschauer in die Häuser geführt, um unsere Kübel mit Wasser zu füllen, was wir im Laufe der darauffolgenden Arbeit häufig wiederholten. Die kleinen Neros jener Zeit und die hunderte von Zuschauern kamen gut auf ihre Rechnung, während der Sternjud, der Scharatejud und so weiter nach der Reihe auf der Straße niederknieten und jene mühselige Arbeit begannen, die mit Ölfarbe auf dem Straßenbelag gemalten Parolen für die unterdrückte Volksabstimmung abzureiben. Straßenbelag gemalten Parolen für die unterdrückte Volksabstimmung abzureiben. Die Akten erlauben auch Einblicke in die Gruppe derjenigen, die diese Aktionen initiierten und durchsetzten. Es handelte sich um lokale Mitglieder der NSDAP und SA, vielfach bereits in der Verbotszeit als sogenannte illegale Aktiv, wie beispielsweise auch Josef Brettschneider, der quasi hier vor dem Volksgericht angeklagt wurde und in dessen, also quasi im Kontext seines Verfahrens auch diese eidesstattliche Erklärung verfasst wurde. Er war 1911 geboren, 1929 der HJ beigetreten und zwei Jahre später dann der NSDAP. Und er war in der Umgebung als lokaler Nazi bereits vor 1938 bekannt. In den Aussagen ist bereits vor 1938 auch von regelmäßigen Treffen der lokalen NS-Anhängern im nahegelegenen Gasthaus Haas die Rede, das einer der Zeugen als Gasthaus zum Rittenreich auch bezeichnet. Und auch das ist ganz typisch, das sehen wir in sehr vielen anderen Volksgerichtsakten, diese Vernetzung, die sozusagen wirklich vor Ort lokal stattfindet, in vielen Fällen in Gasthäusern organisiert sich die lokale NS-Szene bereits vor 1938 und plant von hier aus Aktionen und setzt sie dann auch um. Ein unverzichtbares Element dieser öffentlich inszenierten Reitpartien waren aber auch die Umherstehenden, die Zuschauer und natürlich auch die Passantinnen. natürlich auch die Passantinnen. Zeitgenössische Quellen wie Tagebücher, Erinnerungsberichte, aber auch Fotografien bezeugen, dass die Zuschauermenge keineswegs nur passiv beobachtete. Teile der Bevölkerung verhöhnten die Opfer, beteiligten sich an der Beschimpfung oder drängten sich um das Geschehen. Einige griffen auch aktiv ein, indem sie einen Kreis bildeten und sich an den Hand hielten. Das sehen wir hier sehr genau, wenn wir auf die Zuschauermenge hinten schauen, wie sie sich an den Hand halten und damit auch jegliches Entkommen der Gedemütigten zu verhindern suchten. Manche schauten schweigend zu, ohne einzugreifen. Andere gingen daran auch vorbei, sahen vielleicht kurz zu und drehten sich dann wieder weg, wie zum Beispiel auch die Nicht-Jüdin Anna Margo, die auch dieses Volksgerichtsverfahren gegen Brettschneider angestrengt hatte. Sie war mit einem jüdischen Mann verheiratet und erinnerte sich dann in ihrer Befragung an eines dieser sogenannten Reimpartien. Ich sah Menschen versammelt und habe mich auch hingestellt. Da sah ich WSA-Leute, Dr. Kawa, das war ihr Hausarzt, beim Haus herausgezehrt haben. Ich sah, dass der Dr. Carver bleich und blutig war. Er blutete an der rechten Wange. Ich ging dann weg, weil ich nicht wollte, dass er, also der Dr. Carver, mich sieht. Anna Margos Reaktion, die sich aus persönlicher Betroffenheit und Scham vom Geschehen abwandte, war nur eine von vielen. Andere gingen aus Gleichgültigkeit oder aus Einschüchterung vorbei. Nur vereinzelt sind Reaktionen des offenen Protests oder der Hilfe überliefert. Aber was wir auf jeden Fall sehen, dass diese Ereignisse über den Ort hinaus Wirkung zeigten oder wirkten. Die spontanen, nicht zentral gesteuerten antisemitischen Exzesse und der Terror in Österreich nach dem März 1938 stellten das nationalsozialistische Machtapparat vor eine Herausforderung. Einerseits begrüßte es den öffentlich wirksamen Ausbruch des Antisemitismus unter anderem als Herrschaftsinstrument, das in der Lage war, revolutionäres Gewaltpotenzial zu kanalisieren und andererseits versuchte es, ihn in geordnete Bahnen zu lenken und unter seine Kontrolle zu bringen. Schließlich stellte er das Monopol auf legitime Gewaltanwendung infrage, wie auch Gerhard Botts in seiner großen Monografie zum Anschluss herausgearbeitet hat. Insbesondere die sogenannten wilden Arisierungen, also die wirkürliche Besetzung und Plünderung jüdischer Wohnungen oder auch Geschäftslokale stießen auf missfallende NS-Behörden, da dadurch ja dem Staat auch erhebliche Vermögenswerte verloren gingen oder entzogen wurden. So war also der Staat zunehmend darum bemüht, jüdische Vermögenswerte von oben kontrolliert auf behördlichen Wegen anzueignen. Und dazu wurde dann im April 1938 eine Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden über 5.000 Reismark eingeführt und im Mai dann die sogenannte Vermögensverkehrsstelle eingerichtet, die jüdische Klein- und Mittelbetriebe prüfte und ihre Arisierung beziehungsweise Liquidierung organisierte und auch überwachte. Was wir hier auch gut sehen, dass antisemitische Ideologie und wirtschafts- und sozialpolitische Interessen eng aneinandergriffen, ein Aspekt, auf das eben nicht zuletzt Gutz Ali beispielsweise oder Christian Gerlach in ihren Forschungen vielfach hingewiesen haben. Als Reaktion auf die massive Gewalt, die mit dem Anschluss und den folgenden Ereignissen einherging, verließen 60.000 Jüdinnen und Juden etwa Österreich. Viele versuchten bereits in der Nacht vor dem Anschluss einen Weg zu finden, um das Land zu verlassen und bestiegen bereits am 11. März um Mitternacht einen Zug Richtung Prag. Aber der Großteil der Reisenden wurde dann aufgrund fehlender Visa an der tschau-slowakischen Grenze an der Einreise gehindert und musste nach Wien wieder zurückkehren. Auch an der Grenze zu den anderen Nachbarländern wurden strenge Kontrollen eingeführt, sodass es ohne einen ausländischen Pass fast unmöglich wurde, das Land zu verlassen. Während die Nationalsozialisten im März 1938 die Emigration noch zu unterbinden suchten, förderten sie die Flucht von Jüdinnen und Juden ab Mai 1938 aktiv, unter der Voraussetzung, dass die Emigrationswilligen ihr Vermögen in Österreich zurückließen. Und so standen die verschiedenen antijüdischen Maßnahmen, Drohungen, Verhaftungen, antisemitische Gewaltakte oder auch KZ-Verschickungen, zum Teil auch damit in Zusammenhang den sogenannten Auswanderungsdruck zu erhöhen. Das heißt, man hat jemanden in Konzentrationslager eingeliefert und aus dem KZ wieder entlassen, wenn er ein Visa vorweisen konnte, ein Einreisevisa in ein anderes Land. vorweisen konnte, ein Einreisevisa in ein anderes Land. Um die erzwungene Emigration zu beschleunigen, wurde im August 1938 im Palais Rothschild die sogenannte Zentralstalle für jüdische Auswanderung eingerichtet unter der Führung von Adolf Eichmann, die die Vielzahl an Institutionen und Ämter, die für eine Emigrationsbewilligung konsultiert werden mussten, unter einem Dach zusammenfasste. Während in Wien der bürokratische Prozess der Auswanderung optimiert wurde, sank aber im Ausland die Bereitschaft, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Zu groß war die Angst, die mittellosen Flüchtlinge, deren Enteignung durch die NS-Behörden eben zu einer Voraussetzung gemacht wurde, damit sie das Land verlassen, könnten die öffentliche Fürsorge zu stark belasten und eben auch gesellschaftliche oder auch innenpolitische Spannungen hervorrufen. Also die Angst sozusagen vor einem wachsenden Antisemitismus. Viele Staaten erließen Einwanderungsverbote oder erschwerten die Einreise durch Visapflicht und strenge Grenzkontrollen. Nach dem Wiener Vorbild entstanden dann später vergleichbare Zentralstellen in Berlin, Prag und Amsterdam. Also das wurde zu einem Modell sozusagen. Und mit Kriegsbedingungen verengten sich dann aber die Möglichkeiten der Ausreise nochmal. Grenzen wurden geschlossen, Visa und Transportwege immer schwerer zugänglich, während durch die deutsche Eroberung im Osten und Westen die Zahl der unter nationalsozialistischer Herrschaft geratenen Jüdinnen und Juden massiv anstieg. Als das nationalsozialistische Regime im Oktober 1941 die Auswanderung von Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich grundsätzlich verbot, endete diese Politik der entzwungenen Emigration als vorrangige Verfolgungsstrategie. Mit dem Überfall auf Polen im September 1939 gerieten etwa zwei Millionen polnische Jüdinnen und Juden unter nationalsozialistische Herrschaft. polnische Jüdinnen und Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft. Vor allem im sogenannten Gouvernement wurden sie ab 1940 in Ghettos gesperrt. Moment. Hier sieht man ein bisschen sozusagen einen Teil der großen Ghettos, insgesamt gab es 400 Ghettos auf polnischem Gebiet und im Gesamteuropa 1150, so ungefähr nach neuesten Schätzungen. Diese Ghettos waren Orte extremer Not. Sie kennen sicherlich die Berichte oder auch Fotografien der Überbelegung, Hunger, Krankheiten und auch eine sehr hohe Sterblichkeit, die eben den Alltag prägten. Aber, und auch darauf weist, wie gesagt, die neueste Forschung auch verstärkt in Orte des jüdischen Lebens, Orte der Kultur, der Bildung. In einigen Ghettos gab es sogar ein Archiv, wo man versucht hat, sozusagen das jüdische Leben festzuhalten. Einerseits das jüdische Leben, das verloren gegangen ist durch die Verfolgung, aber auch das jüdische Leben im Ghetto selbst zu dokumentieren. Und das sind natürlich heutzutage ganz wertvolle Quellen für uns Historiker. Zugleich dienten diese Ghettos der Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft. Gleich dienten diese Ghettos der Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft. Manche Ghettos entwickelten sich zu ganz wichtigen Standorten für Werkstätten, Betriebe, die dann für die deutsche Kriegswirtschaft produzierten. Ein ganz bekanntes Beispiel ist ja Lodz, Schlitzmannstadt, wo Chaim Rumkowski, sozusagen der Judenrat, wirklich ganz stark seine Politik so darauf ausgerichtet hat, mithilfe der Zuführungsstellung von Arbeitskraft das Leben dieses Ghettos möglichst lange zu erhalten und dafür auch sehr fatale Kompromisse eingegangen ist mit den nationalsozialistischen Behörden. Und seine Politik, wie wir wissen, war nicht erfolgreich. 1944 ist Litzmannstadt dann liquidiert worden, also das Ghetto. Eine entscheidende Radikalisierung brachte der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Drückten Einsatzgruppen von SS und Polizei vor, die zunächst vor allem jüdische Männer und kommunistische oder kommunistisch geglaubte Funktionäre und andere als politische Gegner diffamierte Menschen ermordeten. Sehr rasch weiterte sich aber dann diese Gewalt auch auf jüdische Frauen, Kinder und auch auf ältere Menschen aus. Und ganze jüdische Gemeinden wurden dabei ermordet bei Massenerschießungen. Was wir hier sehen, ist, dass dieses systematische Massenbord bereits hier begonnen hat und nicht erst mit der Einrichtung der sogenannten Vernichtungslager. Viele dieser Verbrechen fanden unmittelbar vor Ort statt, in den besetzten Gebieten Osteuropas. Timothy Snyder hat genau deswegen diese Teile Europas als Bloodlands bezeichnet, die Gebiete, die von nationalsozialistischer, aber auch von sowjetischer Gewalt besonders betroffene Regionen Osteuropas. Damit hat er eben den Blick auch auf die Massenerschießungen und die lokalen Tatorte im besetzten Osten gerichtet, womit eben auch deutlicher wurde, dass der Holocaust nicht allein in institutionell organisierten Vernichtungsstätten stattfand, sondern eben mitten in Dörfern, in Städten, in Landschaften, oft unter den Augen oder mit Wissen, teilweise auch unter der Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Im Herbst 1941 setzte zugleich eine neue Phase der Verfolgung im Deutschen Reich ein. Seit September mussten Jüdinnen und Juden im Reich den gelben Stern tragen. Seit September mussten Jüdinnen und Juden im Reich den gelben Stern tragen. Diese öffentliche Kennzeichnung verschärfte ihre Ausgrenzung und erleichterte ihre Kontrolle, bereitete auch die beginnenden Deportationen vor. Ab Oktober 1941 wurden Menschen aus dem Reich dann systematisch in Ghettos, Lager und in andere besetzte Städte im Osten deportiert. in Lager und in andere besetzte Städte im Osten deportiert. Die Wannsee-Konferenz im Januar 1942 diente dann nicht dem erstmaligen Beschluss der Vernichtung, was auch eine Zeit lang unter Historikern diskutiert wurde. Der Massenmord hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst begonnen. Hier koordinierten vielmehr Vertreter der Ministerien, Partei, SS und Polizei die europaweite Deportations- und Vernichtungspolitik. In den folgenden Monaten wurden die Ghettos dann zunehmend liquidiert, wie man das nannte. Ihre Bewohnerinnen und Bewohner wurden in Vernichtungsstätten deportiert und ermordet. Dämmertumstätten deportiert und ermordet. Hier beispielsweise in Treblinka oder im Belzec Sobibor, sozusagen die Lager der sogenannten A Zeit bestehende Häftlingsgesellschaft. Die große Mehrheit der Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Nur kleine Gruppen jüdischer Gefangenen mussten unter Zwang arbeiten, und zwar vor allem bei Arbeitenden, die mit dem Mordprozess in Verbindung standen. Aber auch sie wurden regelmäßig ermordet und durch neue Arbeitsgruppen ersetzt und entsprechend gering ist die Zahl der Überlebenden oder war die Zahl der Überlebenden. So sind zum Beispiel aus Belzec nur drei Überlebende bekannt aus Sobibor und Treblinka, auch nur einige Dutzend Menschen, die und zwar hatten sie überlebt, weil ihnen im Zusammenhang mit den Aufständen in Sobibor und Treblinka 43 die Flucht gelungen war. Die geringe Zahl von Zeuginnen und Zeugen trug wesentlich dazu bei, dass diese Orte nach 1945 lange weniger präsent waren als Auschwitz. Auschwitz war im Jahr 1940 zunächst zur Inhaftierung polnischer politischer Gegner, Widerstandskämpfer und Angehöriger der polnischen Intelligenz errichtet worden. Mit dem Ausbau des Lagerkomplexes und insbesondere dann mit der Einrichtung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ab 1941 wandelte sich dann die Funktion dieses Lagers. wandelte sich dann die Funktion dieses Lagers. Auschwitz wurde zunehmend zu einem zentralen Ort der Deportation, Zwangsarbeit und Ermordung europäischer Jüdinnen und Juden. Und hier sehen wir natürlich auch noch die anderen Lager, die wichtigsten Lager sozusagen in Europa und quasi auch wichtige Deportationswege. Und sie zeigen, glaube ich, auch nochmal unterstreichen, auch nochmal diese Bedeutung, die Auschwitz im Zusammenhang mit der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden gespielt hat. Seine größte Bedeutung als Ort der Vernichtung gewann Auschwitz dann im Jahr 1944. In diesem Jahr trafen dort Deportationszüge aus zahlreichen Teilen Europas ein, den besetzten Polen, dem Deutschen Reich, aus dem Protektorat, Böhmen und Meeren, aus der Slowakei, Frankreich, Niederlande, Belgien, Italien und Griechenland. Und die größte Gruppe unter den 1944 Deportierten bildeten die ungarischen Jüdinnen und Juden. 1944 Deportierten bildeten die ungarischen Jüdinnen und Juden. Nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 wurden innerhalb weniger Wochen etwa 437.000 Menschen aus der ungarischen Provinz nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten von ihnen wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Damit wurde Auschwitz-Birkenau zum zentralen Tatort der Vernichtung der ungarischen Jüdinnen und Juden. Um zu verstehen, wie diese Deportationen in einer derartigen Geschwindigkeit und Ausmaß innerhalb von sechs Wochen möglich wurden, müssen wir auf die politische Situation in Ungarn und auf die deutsche Besetzung des Landes im März 1944 zurückblicken. Die Deportation der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn und auf die deutsche Besetzung des Landes im März 1944 zurückblicken. Die Deportation der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn und der von ihm annektierten Gebieten begann zu einer Zeit, als die überwiegende Mehrheit der europäischen Jüdinnen und Juden bereits ermordet worden war. Zu einem Zeitpunkt, als sich die militärische Niederlage, und ich glaube, das ist auch hier ganz wesentlich, des Deutschen Reiches bereits deutlich abzeichnete. Schon kurze Zeit nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen führte die neu eingesetzte ungarische Kollaborationsregierung jedoch in Zusammenarbeit mit deutschen Stellen zahlreiche Maßnahmen ein, die in den deutsch kontrollierten Ländern Europas teilweise bereits seit Jahren angewandt worden sind. Doch war mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Ungarn das Schicksal der Juden noch nicht notgedrungen entschieden, und das ist ganz wesentlich. Denn die Erfahrungen aus anderen europäischen Staaten hatten gezeigt, dass die Durchführung der Ghettoisierung und der Deportation ohne Mitwirkung einheimischer Organe nicht möglich war. So rettete zum Beispiel das bewusste Wegschauen von Polizei und Küstenwache einige tausend Juden in Dänemark das Leben, die auf diese Weise nach Schweden fliegen konnten. In den rumänisch besetzten Gebieten wurden Juden Opfer systematischer Verfolgung, aber die rumänische Führung zog ihre frühere Zustimmung zur Deportation der Juden im rumänischen Kernland 1942 wieder zurück. Und auch in Frankreich weigerte sich das Kollaborationsregime zunächst, die einheimischen Juden aus dem Deutschen Reich, also die einheimischen Juden dem Deutschen Reich zu übergeben, während aber die französische Polizei bei der Verschleppung ausländischer Jüdinnen und Juden bereitwillig kollaborierte. Und auch das ist ganz wesentlich, das sehen wir in sehr vielen Ländern, dass vor allem auch als erster Schritt staatenlose und ausländische Juden deportiert werden in den einzelnen Ländern. Bei seiner Arbeit in Ungarn war das Sondereinsatzkommando unter der Führung von Adolf Eichmann, das nach Ungarn gekommen war, um diese Deportation und auch die Ghettoisierung zu organisieren, also auf die ungarische Verwaltung, Gendarmerie und Polizei angewiesen. Auch weil man zu dem Zeitpunkt nicht so viele militärische Kräfte beispielsweise in Ungarn binden wollte. Entschuldigen Sie. Wie schon erwähnt, befinden wir uns schon sehr kurz eigentlich vor Kriegsende. Das heißt, Militär wird woanders benötigt. Und auch das ist wesentlich. Das Sondereinsatzkommando unter Eichmann bestand aus lediglich etwas über 100 Personen, wobei in dieser Zahl auch die Sekretäre und sogenannte Spezialisten für Deportationen waren, die sich seit Jahren an der Verfolgung der Mordung der Juden in Europa beteiligt hatten. Das heißt, hier war man auf Hilfe angewiesen und das Sondereinsatzkommando sollte eben auch nur den ungarischen Behörden beratend zur Seite stehen. Und das sehen wir auch in sehr vielen Dokumenten, wo entweder niemand quasi aus dem Sondereinsatzkommando bei einer ganz wichtigen Besprechung auch über Ghettoisierung anwesend war oder wenn, dann eben nur mit einer Person repräsentiert. dass die ungarische Exekutive, allen voran das Innenministerium sowie die Gendarmerie und Polizei bereit war, mit den deutschen Behörden zu kooperieren. Mehr noch, durch ihr Drängen trugen ungarische Akteure der Judenverfolgung maßgeblich zur Beschleunigung der Ghettoisierungs- und Deportationsmaßnahmen bei. So konnte das Eichmann-Kommando aufgrund der maßgeblichen ungarischen Unterstützung einen großen Teil seiner Ziele innerhalb weniger Wochen erreichen. Vom 5. April 1944 an unterlagen ab dem Alter von sechs Jahren alle in Ungarn lebenden Juden und Jüdinnen der Kennzeichnungspflicht durch einen gelben Stern an der Kleidung. Gleichzeitig begannen die ungarischen Behörden mit der Beschlagnahme von Radios, Telefonen, Autos und schließlich des gesamten jüdischen Vermögens. Am 16. April 1944 verpflichtete die ungarische Regierung per Verordnung alle Juden dazu, ihre Vermögenswerte anzumelden. Und gerade diese Enteignung als Aspekt war hier natürlich eine ganz wesentliche, weswegen auch die ungarische Regierung ein großes Interesse hatte, die Jüdinnen und Juden zu deportieren, weil er damit Zugriff auch auf dieses Vermögen erhoffte. Durch die Erweiterung der Definition, wer als Jude galt, traf der schrittweise Ausschluss aus dem wirtschaftlichen Leben auch zahlreiche Konvertiten. Und darauf wollte ich auch kurz zu sprechen kommen, weil auch das ein Aspekt ist, auf das die Forschung in den letzten Jahren auch zunehmend fokussiert. Konvertierte also die von den antijüdischen Bestimmungen auch lange, jetzt zum Beispiel Ungarn, ausgenommen gewesen waren und dann durch die neuen Bestimmungen nun darunter fielen. Viele wandten sich mit verzweifelten Briefen an das Innenministerium und auch an kirchliche Repräsentanten und baten um Ausnahmeregelung. Und einen solchen Brief habe ich hier noch mitgenommen von Iboja Gerece aus dem Komitat Pest, also in der Nähe von Budapest, in Neukirch, hat sie gelebt, die seit ihrer Kindheit im christlichen Glauben aufwuchs. Sie schreibt einen Brief an einen Priester. Nachdem der Radio wurde jetzt mein Fahrrad abgeholt und ich musste es der Polizei aushändigen. Nun fordern sie auch noch die Schreibmaschine, die wir im Sommer für meinen Verlobten gekauft haben. Tagtäglich kommen Polizisten wegen irgendetwas vorbei und sprechen in einem Ton mit mir, als ob ich der letzte Gauner oder der Bandit wäre. Gestern drohte ein Polizist, er würde mich internieren lassen, wenn ich nicht innerhalb von zehn Minuten den Stern annähe. Ich ging zu seinem Vorgesetzten und bat ihm um Nachsicht, bis ich meine Sache geklärt habe, da ich ja keine Jüdin sei. Alles vergeblich, obwohl das auch die ganze Stadt weiß. Ehrlich gesagt, nie hätte ich mir träumen lassen, dass einmal so etwas passieren würde. Ich kann es noch immer nicht begreifen. Aber wenn es nun einmal so ist, warum trifft es mich, obwohl ich mit Juden doch nie etwas zu tun hatte? Am 7. April 1944 gab das Innenministerium die streng geheim gehaltene Anordnung heraus, die Juden in Ungarn vom Rest der Bevölkerung abzusondern und in regionale Sammellagern unterzubringen. Und gerade diese Ghettoisierung in Ungarn zeigt ganz eindrücklich die Handlungsspielräume, die dabei einzelne Behörden hatten. Es fehlten zentrale Direktiven, und das ist nicht nur typisch für Ungarn, sondern auch für viele andere Länder bei zahlreichen Fragen der Ghettoisierung und so hatten örtliche Entscheidungsträger einen erheblichen Handlungsspielraum und konnten eben die verordnete Ghettoisierung radikaler oder auch gemäßigter umsetzen. Dabei hatte auch die örtliche Bevölkerung in mehreren Komitaten Einfluss auf die Entscheidung, wo das Ghetto eingerichtet wurde. So wurde beispielsweise von zahlreichen Nichtjuden Wohnungen von Juden beansprucht, die eigentlich in den Bereich der Ghettos gefallen wären. Oder es gab Klagen von nichtjüdischen Personen, deren Häuser im Bereich der Ghettos gefallen sind, dass man sie also davon dass das Ghetto außerhalb der Wohnbezirke, in vielen Fällen in stillgelegten Fabriken oder Wirtschaftsgebäuden eingerichtet wurde, wo dann eben auch schlechtere Lebensbedingungen herrschten und lagerähnliche Bedingungen. Und diese Handlungsspielräume sehen wir auch daran, dass nicht alle Gettos beispielsweise abgesperrt waren. Es gab welche, die man auch verlassen durfte. Es gab auch Ghettos, wo wirklich nur sogenannte Judenhäuser, auch in Wien haben wir dieses Beispiel, Sammelwohnungen und so weiter eingerichtet wurden. Und in Ungarn gab es auch Ortschaften, wo die jüdische Bevölkerung bis zur Deportation in ihren Häusern weiter wohnen durfte, so zum Beispiel in der südungarischen Stadt Hodmesü Vasharhej. Dort gelang es dem stellvertretenden Bürgermeister Pal Berecz, die Ghettoisierung bis zur Deportation der örtlichen Jüdinnen und Juden unter dem Vorwand hinaus zu zögern, dass er keine geeignete Stelle für das Ghetto finden könne. Das heißt, hier sehen wir ganz eindeutig diese Handlungsspielräume auf lokaler Ebene. Besonders in den von Ungarn annektierten Gebieten war die Situation in den Ghettos katastrophal, wo die örtliche jüdische Bevölkerung oft unter lagerähnlichen Bedingungen untergebracht wurde, nicht selten unter freiem Himmel. Und dieser provisorische Charakter der Ghettos lässt erkennen, dass zahlreiche Bürgermeister in Ungarn sie als kurzzeitige Übergangsstationen in die Deportation ansahen. Allerdings, und auch das ist hier wesentlich, stand bei dem deutschen Einmarsch im März 1944 noch nicht fest, ob und in welchem Ausmaß die Juden in Ungarn deportiert werden. Ich habe das eingangs schon erwähnt. Und dass sozusagen die Endlösung, die sogenannte Endlösung der europäischen Judenfrage auch Ungarn einschließen sollte, darüber hat man zwar schon auf der Wannsee-Konferenz, ist man sich sozusagen schon einig gewesen, also schon im Januar 1942, aber zwischen 1942 und 1944 hatten sich die Rahmenbedingungen geändert. Und hier geht es natürlich auch um die Kriegsproduktion. Jüdinnen und Juden im Reich eingesetzt werden sollten. Und in den Dokumenten, die uns vorliegen, wird quasi in den Dokumenten aus April beispielsweise noch in erster Linie von der Deportation dieser 100.000 Jüdinnen und Juden, arbeitsfähigen Juden gesprochen. Erst Ende Mai und Anfang Juni ändert sich dann hier sozusagen auch die Sprache und hier dürfte irgendwann die endgültige Absprache getroffen worden sein, zwischen den Deutschen und der ungarischen Regierung, alle Juden in Ungarn zu deportieren. Und wir wissen, dass diese Deportationen dann im Sommer 1944 eingestellt wurden, aber auf ungarischen Druck hin. Im Winter wurden sie wieder aufgenommen. Auf jeden Fall begann diese erste Deportationswelle dann am 15. Mai 1944, wobei die Mehrheit der Deportierten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kam, wo drei Viertel, also 320.000 der Deportierten sofort nach ihrer Ankunft vergast wurde. Das Ausmaß dieser Deportationen wird nicht nur in Statistiken, in Transportlisten, behördlichen Dokumenten sichtbar. Es zeigt sich auch in scheinbar kleinen Quellen, in Briefen, in Postkarten oder kurzen Nachrichten, die mitten von Entrechtung, Ghettoisierung und Deportation entstanden sind. Und eine solche Quelle habe ich Ihnen mitgenommen. Ich habe vor einigen Jahren eine umfangreiche Quellenedition zur Verfolgung und Ermordung der ungarischen Jüdinnen und Juden erarbeitet und in Zusammenhang mit dieser Quellenrecherche auch dieses Dokument gefunden. Es ist ein Brief und zwar von den Schwestern Ilona und Olga Itzkovic aus der kaparte ukrainischen Bereksa, also Berechove, heute gehört das zu Ukraine, aber damals war es eben ungarisch besetzt. Und es ist ein Brief, den sie an ihren Bruder im April 1944 adressieren, der sich im Arbeitsdienst befand. Es war also ein militärischer Dienst, aber eigentlich ohne Waffen. Und darin informieren sie ihn über ihren Umzug in das örtliche Ghetto. Und sie schreiben, bis 50 Kilo dürfen wir an Gepäck mitnehmen. Und auch das ist zum Beispiel etwas, was wir bei vielen anderen Ghettos sehen. Manchmal durften die Personen, die in die Ghettos kamen, alles mitnehmen, was sie tragen konnten, was sie tragen wollten. Manchen Ghettos waren 50 Kilo erlaubt, in anderen Ghettos noch weniger. In manchen Ghettos waren 50 Kilo erlaubt, in anderen Ghettos noch weniger. Und das hat natürlich auch wesentlich dazu beigetragen, wie dann diese Lebensbedingungen an diesen Orten waren. Wir alle drei werden uns starken Mutes fest in unserem Glauben und gesund auf den Weg machen. Sollten wir uns auf unergründlichen Ratschluss des Schicksals hin nicht mehr wiedersehen, wünschen wir dir, dass du glücklich bist. Ich hoffe, wir werden noch Augenzeugen unseres beiderseitigen Glücks. Glaube, Liebe, Hoffnung halten uns jetzt am Leben. Mut und Ausdauer ist unsere Losung. Bis zum Wiedersehen, wir küssen dich in heißer Liebe und denken an dich. Den Brief platzierten sie an einer öffentlichen Stelle. Es war keine Zeit mehr, um sie zu verschicken, was ja auch zeigt, wie schnell hier diese Ghettoisierung umgesetzt wurde und sie legten ein Begleitschreiben dazu und zwar dieses, lieber Unbekannter, ich bitte dich darum, diesen Brief an meinen Bruder Elamir Itzkovic nicht zu zerreißen, er ist jetzt an der Ostfront, seine Lagernummer K673, sondern ihn mit den beiden Zetteln ihm nach seiner Heimkehr zu übermitteln oder ihn in dieses Versteck zurückzulegen. Die Ohrringe und den Ring, das haben sie wahrscheinlich, also wahrscheinlich mal dazugelegt, kannst du behalten. Wenn du diese Bitte erfüllst, soll der Herr dich dafür segnen und wenn du es nicht tust, so soll er dich strafen. Gott soll uns alle schützen. Es grüßt Olga Itzkovic. Die biografischen Recherchen ergaben, dass Elamir Itzkovic den Brief seiner Schwester nie erhielt. Er gilt seit Sommer 1944 im Arbeitsdienst als vermisst. Und auch die anderen, alle in diesem Brief erwähnten Familienangehörigen, kehrten nicht aus der Deportation aus Auschwitz-Birkenau zurück. kehrten nicht aus der Deportation aus Auschwitz-Birkenau zurück. Seine drei Schwestern Olga, Ilona Paula und auch seine Mutter Etel wurden vermutlich alle in Auschwitz-Birkenau kurz nach der Ankunft ermordet. Die groß angelegten Selektionen in Birkenau überlebten lediglich 100.000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn. Und zwar von dieser ersten Deportationswelle, die in der deutschen Kriegswirtschaft eingesetzt wurden. Ein Teil der zur Arbeit selektierten Menschen erhielt eine Lagernummer tätowiert und verblieb im Lagerkomplex Auschwitz, aber die meisten wurden nicht registriert, sondern innerhalb weniger Tage in andere Lager weitertransportiert. Und zwar wurde die Mehrzahl bei Rüstungsarbeiten unter Tage beschäftigt. Zum Beispiel erreichte auch ein erster Transport mit 7.000 Personen das Lagerkomplex Mauthausen im Mai und Juni 1944. Ein kleiner Teil der Transporte aus Ungarn, das wissen wir wahrscheinlich, wurde nicht nach Auschwitz geleitet, sondern gelangte direkt in das österreichische Durchgangslager Straßhof an der Nordbahn. Die dort ankommenden 15.000 Jüdinnen und Juden wurden in Zwangsarbeitslagern in Raum Wien eingesetzt. Wobei, und das ist hier besonders, die Familien meist nicht getrennt wurden. Die als arbeitsfähig eingestuften Männer und Frauen wurden in der Landwirtschaft, in der Industrie oder auch beim Bau von Schützengräben eingesetzt, während die Kinder und die ältere Personen in den Lagern bleiben durften. Ein großer Teil dieser jüdischen Zwangsarbeiter gelangte dann erst nach der Evakuierung dieser Lager im Frühjahr 1945 in den nationalsozialistischen Konzentrationslagerkomplex, zum Beispiel eben auch nach Mauthausen, aber auch nach Bergen-Belsen oder Theresienstadt. Mit der Befreiung der Lager im Frühjahr 1945 endete die nationalsozialistische Herrschaft. Auschwitz-Birkenau war bereits am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee befreit worden und im April und Mai folgten dann die anderen Lager im Mauthausen. Doch für viele kam diese Befreiung zu spät. Sie waren zuvor auf den Todesmärschen oder in den Lagern ermordet worden oder starben in den letzten Kriegstagen oder sogar noch Tage oder auch Wochen nach der Befreiung an den Folgen von Hunger und Krankheit. Der Weg in den Holocaust war also komplex und verlief über Jahre hinweg über Ausgrenzung, Entrechtung, über erzwungene Auswanderung, Enteignung, Ghettoisierung, Zwangsarbeit, Aportationen und schließlich systematischer Massenmord. Ebenso unterschiedlich waren die Erfahrungen der Verfolgten. Sie hingen davon ab, in welchem Land sie lebten, wann dieses unter deutscher Herrschaft oder deutschen Einfluss geriet und ob ihnen der Flucht gelang. Alter Geschlecht, soziale Stellung, Staatsangehörigkeit und familiäre Beziehungen konnten den Verlauf der Verfolgung maßgeblich beeinflussen. Die nationalsozialistische Verfolgung war dabei nicht allein das Werk einiger weniger Entscheidungsträger in Berlin. Sie setzte die Mitwirkung zahlreicher Institutionen und Personen voraus, von lokalen Verwaltungen, Polizeibehörden, Unternehmen, Besatzungsbehörden und vielen weiteren Stellen. Und sie wurden in vielen Teilen Europas durch Kollaboration, durch Wegsehen oder auch durch Gleichgültigkeit begünstigt. Nach der Befreiung entschieden viele Überlebende den Weg in die Emigration zu wählen. Sie querten nicht nochmal zurück, da sie erzwungenermaßen ohnehin vor einem Neuanfang standen. Das soziale Umfeld aus der Zeit vor der Verfolgung gab es in vielen Fällen nicht mehr. Berufswege waren unterbrochen worden, Familien und Freunde großteils ermordet worden. Und auch die in ihre Heimatdörfer oder Städte zurückgekehrten, Jüdinnen und Juden fanden ihre Wohnungen oder Häuser oft zerbombt, geplündert oder von neuen Mieterinnen und Mietern oder auch Bewohnerinnen bezogen vor. Und hier wollte ich noch gerne einen Auszug aus dem Roman von Imre Kertes mitnehmen, dem Nobelpreisträger aus Ungarn, der diese Szene, finde ich, sehr gut beschreibt, wie er aus der Deportation wieder heimkehrt und an seiner Wohnungstür klopft. Es ist eine Frau, eine fremde Frau, die aufmacht. Und er schreibt, sie fragte, wen ich suche. Und ich sagte zu ihr, ich wohnte hier. Nein, sagte sie, hier wohnen wir. Und wollte die Tür schon wieder beschließen. Was ihr aber nicht gelang, da ich den Fuß dazwischen gestellt hatte. Ich versuchte ihr zu erklären, das sei ein Irrtum, denn von hier sei ich weggegangen und es sei ganz sicher, dass wir hier wohnten. Sie hingegen versicherte mir, ich täuschte mich, weil ohne jeden Zweifel sie hier wohnten. Ich denke, die Szene macht hier sehr deutlich, auch dort, wo Menschen überlebt hatten, war eben eine Rückkehr in die Welt vor der Verfolgung kaum möglich. Am Ende waren etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden. Ganze Familien und Gemeinden, religiöse Traditionen, kulturelle Netzwerke und auch Lebenswelten wurden zerstört. Vielen Dank. Applaus Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Regina, ich darf mich sehr herzlich bedanken für diesen Vortrag. Ich glaube, es ist dir gelungen, diese furchtbare Komplexität auch sehr anschaulich zu machen, mit Blick auf die Beispiele und auf die Fotografien, die du genannt hast. Und ich denke, das ist ja auch ein Feld in der Forschung zum Nationalsozialismus, in dem wir in den letzten Jahren oder vielleicht in den letzten ein, zwei Jahrzehnten tatsächlich enorme Fortschritte gemacht haben. Insofern, als wir im Unterschied zu vielen früheren Darstellungen weggekommen sind von der relativen Anonymität dieses Geschehens. Das heißt, wir haben heute so viele Geschichten und Erfahrungen, über die wir als Historiker reden können, sodass dieses Geschehen eigentlich in einer Plastizität vor uns steht, wie das vor zwei oder drei Jahrzehnten gar nicht möglich gewesen wäre. Ich glaube, das ist immer wieder beeindruckend, wenn man sich heute mit dieser Thematik beschäftigt, wo immer man hinleuchtet. Wir haben ausreichend Quellen, um tatsächlich auch einfach Schicksale und Geschichten erzählen zu können. Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, wie immer gibt es die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Beiträge zu liefern zur Thematik des heutigen Abends. Ich würde mich freuen, wenn Sie etwas sagen wollen, warten Sie bitte, bis Katja Fischer mit dem Mikrofon bei Ihnen ist, weil dann können wir Sie alle sehr gut hören. Wer möchte eine Frage stellen oder eine Bemerkung machen? Bitte schön. Es ist in Ihrem Vortrag bereits angeklungen, dass in den besetzten Ländern die lokalen Behörden durchaus mitgespielt haben bei diesen Deportationen. Der Beweggrund war aber vielfach finanzieller Natur, ökonomischer Natur, weil die Deutschen ja die besetzten Regierungen, Ländern mit hohen Tributzahlungen belastet hatten. Und aus dem Vermögen der deportierten Juden konnten sie einen Teil dieser Abgaben leisten. Und das ist ein Grund, warum es vielleicht unterstützt wurde. Ja, also ich denke, dieser ökonomische Aspekt, der hat natürlich eine große Rolle gespielt. In Ungarn sieht man sehr deutlich, dass die Behörden, und ich meine auch in Österreich, versucht man ja dann genau dann einzugreifen, wenn dieses Vermögen quasi unkontrolliert verloren geht. Also dass hier auf behördlichen Wegen versucht wurde, auf dieses Vermögen zuzugreifen. Aber was zum Beispiel die neue Forschung oder auch die Forschung natürlich zu Ungarn sehr deutlich gezeigt hat, ist, dass das Interesse an diesem Vermögen sehr groß ist, aber am Ende ist das alles viel zu chaotisch und es geht ihnen viel mehr Vermögen verloren, als sie sich das vorgestellt hätten. Und hier spielen also jetzt gerade in den besetzten Ländern gibt es natürlich auch unterschiedliche Akteure, die ein Interesse haben, an diese Vermögenswerte ranzukommen. Also jetzt nicht nur sozusagen das besetzte Land, Ungarn jetzt in dem Fall, sozusagen das Kollaborationsregime, die Regierung, sondern auch deutsche Stellen versuchen an dieses Vermögen zu kommen. Und da gibt es wirklich dann auch große Auseinandersetzungen. Ich bin jetzt natürlich keine Wirtschaftshistorikerin, aber wie weit dieses Vermögen dann zur Deckung von irgendwelchen Tributen genutzt worden wäre, ist mir zum Beispiel jetzt im Zusammenhang mit Ungarn nicht als ein Argument, bislang auch von Götz Ali und Christian Gerlach, die eigentlich genau auf solche Fragen ihren Fokus gelegt haben, bislang nicht untergekommen. Ja. Ja, vielen Dank auf jeden Fall für den Vortrag. Meine Frage bezieht sich konkret auf diese eine Quelle, zu der damit Ihr Bruder da diesen Brief geschrieben hat. Wie hat die überlebt, diese Quelle? Das ist eine sehr gute Frage. Also offenbar hat es jemand gefunden und es nicht zerritzen und nicht weggeschmissen. Und irgendwie hat die Quelle quasi den Weg ins Archiv gefunden. Es befindet sich im jüdischen Archiv in Budapest. Und es gibt sehr viele solche vergleichbaren Quellen, ganz viele Briefe, die auch zum Beispiel aus den Deportationszügen geworfen werden oder eben beiläufig irgendwo schnell niedergelegt werden in der Hoffnung, dass sie jemand findet und es weiterleitet. gab es eben keine Möglichkeit, das einer überlebenden Familienangehörigen weiterzugeben. Und daher hat das irgendwie direkt den Weg quasi ins jüdische Museum dann gefunden, irgendwann nach 1945. Andere befinden sich dann in Familienarchiven beispielsweise. Aber ganz viele sind bestimmt auch verloren gegangen und einfach nicht übermittelt worden. auch verloren gegangen und einfach nicht übermittelt worden. Ja, gibt es dort an der Ecke? Frau Fritz, Sie haben also darauf hingewiesen, dass Sie ja doch einige Zeit in Ungarn auch geforscht haben. Welchen Eindruck haben Sie da gewonnen? Und welche Kenntnisse, ja doch einige Zeit in Ungarn auch geforscht haben. Welchen Eindruck haben Sie da gewonnen und welche Kenntnisse? Wie hat man sich in Ungarn mit dieser Thematik befasst in den letzten Jahrzehnten? Gibt es da Beiträge, die auch für die Forschung jetzt auch bei uns, wenn ich das so sagen darf, wertvoll sind? Ja, also sagen wir mal so, im Osten Europas war Ungarn wirklich quasi nach 1945 ein Land, das sich relativ früh beginnt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, aber vor allem im Rahmen von Quelleneditionen. Und Randolph Braham, ich weiß nicht, ob Sie den kennen, ein amerikanischer Historiker, hat auch eine sehr umfangreiche Monografie zur Verfolgung und Ermordung der ungarischen Jüdinnen und Juden geschrieben, noch vor dem Systemwechsel. In Ungarn selber beginnt dann die historische Forschung erst so richtig nach 89, 90. Auch davor gibt es natürlich schon auch wichtige Werke, aber dann gibt es wirklich nochmal einen starken Impuls. In den letzten Jahren hat sich aus politischen Gründen ist die Forschung in diesem Zusammenhang jetzt gerade in Ungarn sehr stark zurückgegangen, weil sie auch nicht finanziert wurde. Aber es sind tatsächlich sehr viele, sehr wichtige Arbeiten entstanden, aber vor allem auch im Ausland. Es sind sehr viele Historikerinnen und Historiker an ausländische Universitäten gegangen und haben dort quasi zum Holocaust in Ungarn gearbeitet und wirklich auch mit sehr neuen, modernen Fragestellungen, wie das sozusagen auch wirklich für die westliche Forschung mittlerweile sehr inhärent ist. Genau. Also insofern hat sich auf jeden Fall viel getan und ich hoffe vor allem, dass jetzt in den nächsten Jahren sich da einiges tun wird. Also da gibt es auch schon ein erstes Netzwerk an jungen Forscherinnen und Forschern, die sich vor wenigen Wochen erst gebildet hat und die sich jetzt quasi auch angenommen hat, dieses Thema auch viel stärker in Ungarn bekannt zu machen und wieder die Forschung auch anzuregen. Das Problem ist dort auch, es gibt eigentlich keine Lehrstühle mittlerweile, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Also da ist jetzt wieder viel Aufholbedarf. Und wenn ich eine Frage vielleicht anschließen darf, wie schaut es da in der öffentlichen Erinnerungskultur aus? Also gibt es sichtbare Zeichen der Erinnerung in Ungarn an dieses Geschehen? Gibt es sichtbare Zeichen der Erinnerung in Ungarn an dieses Geschehen? Ja, also ich finde auch eines der eindrücklichsten Mahnmale oder Denkmäler stehen in Budapest, und zwar das sogenannte Schuhdenkmal an der Donau. Ich weiß nicht, vielleicht kennt die eine oder andere unter Ihnen dieses Denkmal. mal, es sind sehr viele Jüdinnen und Juden dann gerade dann im Winter 1944, 1945 an der Donau von dem Veilkreuzland, also es war eben eine faschistische Partei in Ungarn erschossen worden und dort hat man an der Donau, am Donauufer Schuhe quasi aus Metall gegossen, aufgestellt, sozusagen leere Schuhe quasi aus Metall gegossen, aufgestellt, sozusagen leere Schuhe. Nachdem, genau, also sozusagen auch symbolisch dieses Fehlen auch unterstreichen die Personen, die sozusagen nicht mehr da sind. die sozusagen nicht mehr da sind. Dieses Denkmal ist, ich glaube, 2014 herum, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ungefähr aufgestellt worden. Es gibt ja in Ungarn auch ein Holocaust-Museum, also wirklich auch ein institutioneller Versuch, sich diesem Thema auseinanderzusetzen. Das waren aber natürlich auch Anstrengungen, die noch auch quasi in diesen sozialistischen Regierungsperiode auch unternommen wurden. Unter der nationalkonservativen Regierung gab es dann eher auch Denkmalsetzungen, die aber dann sehr umstritten und sehr problematisch waren. Also das war 2014, ich glaube, das Schuhdenkmal war 2004. Aber 2014 gab es ein Denkmal, das aufgestellt wurde, das sogenannte Besatzungsdenkmal. Das stellt Ungarn in der Figur des Erzengels Gabriel dar da mit einem abgerissenen Flügel. Hinten ist der deutsche Reisadler, der sozusagen hinterhältig, hinterrücks Ungarn befällt, womit natürlich auch gerade dieser Aspekt der ungarischen Kollaboration und Mitbeteiligung vollkommen ausgeblendet wird. kommen, ausgeblendet wird und das hat dann auch zu sehr viel Kritik und zu einer sehr starken öffentlichen Auseinandersetzung in Ungarn geführt und das Positive daran war, dass es ein Gegendenkmal aufgestellt wurde aus der Zivilgesellschaft heraus, eigentlich schon bevor dieses Denkmal überhaupt aufgestellt wurde, als schon die Pläne dieses Denkmals bekannt wurden, hat man versucht, diesen öffentlichen Platz zu besetzen. Man hat dort Fotografien und andere Gegenstände platziert und dadurch auch diese individuelle Erfahrung auch versucht, sichtbar zu machen. Und auch die ungarische Kollaboration, in dem Dokumente beispielsweise dort aufgehängt wurden. Und das Interessante ist, also ich weiß jetzt nicht, wie es jetzt seit den Wahlen dort jetzt genau ausschaut, seitdem war ich dort nicht, aber noch vor kurzem bestand dieses Gegendenkmal und trat in gewisser Weise mit dem Denkmal, der dann tatsächlich auch aufgestellt wurde, in gewisser Weise in so einen Dialog. Also es zeigt, finde ich, sehr stark auch diese sehr polarisierte Auseinandersetzung mit diesem Thema. Also einerseits ein Teil der Bevölkerung, der wirklich diesen Kollaborationsaspekt sehr stark negiert und sagt, das waren die Deutschen, wir waren besetzt, wir waren Opfer und ein anderer Teil der Bevölkerung, die sehr stark diese Kollaboration hervorhebt und sagt, wir haben sehr stark dazu beigetragen, dass so viele Menschen deportiert und ermordet werden konnten. Ja, gibt es noch Wortmeldungen? Da haben wir nochmal eine, aber erst da, okay. Gibt es noch Wortmeldungen? Da haben wir noch mal eine, aber erst da. Okay. Ich wollte nur sagen, wie kann das passieren, dass jetzt wieder so viel Gegenwind kein Zusammenhalt, sondern mehr... Jo, ihr seid schuld. Ihr habt die Bankenkrise 2008 oder wann das war und jetzt habt ihr 2015 den Ausländerhaus da reingebracht oder so Sachen, was gerade nicht passieren könnte. Ihr seid überrascht, wie es so in Richtung wird. Ja, ich verstehe Ihre Frage sehr gut, weil das ist auch die Frage, die mich auch beschäftigt. Ich glaube, sehr vieles, gerade auch wenn man diese frühen Jahre 1933 und die Gewalt und dieses Zuschauen und auch Geschehen lassen irgendwie betrachtetachtet auch vielleicht die internationale öffentliche... Genau, also das ist auch ein ganz interessanter Aspekt, dieser Nachbarschaftsaspekt. Das zeigen nämlich diese Volksgerichtsakten beispielsweise sehr deutlich, die ich im Zusammenhang mit diesen Anschlussprogrammen auch angeschaut habe. Es ist in sehr vielen Fällen die unmittelbare Nachbarschaft, die hier gegeneinander aktiv wird. Also es sind Einzelne, wie gesagt in vielen Fällen sogenannte Illegale, wie gesagt in vielen Fällen sogenannte Illegale, die sich schon vor 1938 vernetzen, die auch schon in der Umgebung als Nationalsozialisten bekannt sind, die dann 1938 dann diese Situation nutzen und anfangen sozusagen ihre eigenen Nachbarinnen und Nachbarn gegen sie vorzugehen. Und ich finde dann auch die Dynamik übrigens nach 1945 sehr interessant vor den Volksgerichten. In vielen Fällen sagen die Nachbarn ja zuerst gegen den Nachbarn der Angeklagte es aus und mit der Zeit ziehen sie dann diese Aussagen zurück. Und ich glaube, da geht es dann auch sehr stark um dieses Zusammenleben und um diese Frage, wenn diese Personen jetzt freigesprochen werden oder wieder zurückziehen in die Wohnung. ich muss mit denen ja wieder zusammenleben. Also ich denke, diese Dynamiken sind auch sehr interessant und müssen auch noch beforscht werden, denn sie wirken und haben natürlich gesellschaftlich sehr stark gewirkt. Ja, jetzt haben wir dann da und dann Sie. Sie haben erwähnt, dass in den besetzten Teilen Ungarn, Sie haben konkret Transkarpatien angesprochen, die Situation schlimmer war für die Juden als im restlichen Ungarn, soweit es möglich ist. Trifft es dann auch auf Siebenbürgen und die Teile Jugoslawiens zu, beziehungsweise waren das dort die jeweiligen ungarischen Zivilverwaltungen oder war das militärische Verwaltung oder auch die deutsche Armee, die da treibend diese Situation schlimmer gemacht hat? Ja, also es ist wie in vielen anderen europäischen Ländern, fokussiert sozusagen die Deportation oder auch die Ghettoisierung in einem ersten Schritt immer gegenüber Jüdinnen und Juden, die als fremd empfunden werden. Das ist zum Beispiel auch in Frankreich der Fall, wo zunächst die ausländischen Jüdinnen und Juden deportiert werden. Und in Ungarn sieht man das sehr deutlich, dass gerade in diesen annektierten Gebieten, das sind Gebiete, die irgendwann zu Ungarn gehört haben, dann nach 1918 verloren gegangen sind und dann im Rahmen der sogenannten Wiederschiedsprüche oder auch durch Kriegshandlungen wieder an Ungarn zurückgefallen sind. genau richtig sagen, sind das eben auch in Siebenbürgen, Transkarpatien und so weiter Gebiete. Und da sehen wir, dass dort als erster Schritt die Ghettoisierung beginnt und auch als es darum ging, quasi die Behörden, also die ungarischen Behörden, zentralen Behörden in Budapest, Behörden, zentralen Behörden in Budapest, wo sie darüber zunächst verhandelt haben, welcher Teil und wie groß soll sozusagen die Personengruppe sein, die deportiert wird, sprechen sie zunächst über diese annektierten Gebiete und die im Kernungarn, die sind erst später, also Ende Mai, Anfang Juni dann, ist dann auch von ihnen die Rede. Also das heißt, dass man zunächst tatsächlich mit diesen Jüdinnen und Juden beginnen will und auch beginnt tatsächlich, also wie gesagt, dort beginnt man mit der Ghettoisierung, dort beginnt man mit den Deportationen und die Situation ist dort auch in vielen Fällen katastrophal, auch weil ihnen vielleicht die Praxis fehlt sozusagen und die Anzahl der Überlebenden auch entsprechend sehr gering, wie auch bei diesem Brief sehr deutlich wurde. Aber es sind auch dort trotzdem ungarische Behörden tatsächlich, die hier auch an der Organisation der Deportation zunächst sich sehr stark hervortun. zunächst sich sehr stark hervortun. Ich möchte noch ganz kurz zu der Dame was sagen, die diese Frage gestellt hat. Ist es nicht so, dass ein gewisser latenter Antisemitismus immer da ist und es dann nicht nur kleine Ereignisse sind, wo sich die Leute dann gegenseitig hochschaukeln. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, das war schon vor 2015, bin ich hier in Oberösterreich gefragt worden, wie kannst denn du geboren sein? Hat der Hitler deine Eltern vergessen? Nein, hat er nicht. Er hat nur meine Großmutter und meine Mutter nicht gefunden. Ich werde gefragt, wie kannst du jüdisch sein? Du schaust überhaupt nicht, du schaust arisch aus, weil ich blaue Augen habe und relativ helle Haare. In Wien ist es mir passiert, dass Arbeitskollegen nicht wussten, dass ich jüdisch bin. Und erst als sie dann meinen Davidstern gesehen haben, haben die ganzen Sex gefragt, seit wann bist du ein Jude? Sage ich nur, seit Geburt. Und das ist halt immer schon so da. Und es genügen dann Ereignisse, manchmal kleinere, manchmal große, wie zum Beispiel der 7. Oktober. Und dann peitscht es das gegenseitig hoch. Und die Flüchtlingskrise hat noch zusätzlich einen gewissen muslimischen Antisemitismus mit importiert. Und der kommt jetzt zum latenten österreichischen, der eh schon immer da ist und immer da sein wird, noch dazu. Das ist halt das Problem, das wir haben. Und wenn man zu den Leuten sagt sagt das ist aber eigentlich antisemitisch ich bin doch kein Antisemit ich doch nicht, wie kommst du auf die Idee und wenn man zu den Leuten sagt das was du über Israel sagst ist antisemitisch weil du meinst die Juden die in Israel leben nein, nein und die Kritik wird wohl noch erlaubt sein ja, gerechtfertigte Kritik ist erlaubt, aber der Unterschied zwischen gerechtfertigter Kritik und Verleumdung und Diffamierung Israels ist halt sehr groß. Und ich denke mir, die Leute kennen Israel nur aus den Fernsehnachrichten und machen sie dann selber zum Experten und haben aber in Wirklichkeit nicht sehr viel Ahnung, wie die Situation wirklich ist. Und das ist das Problem, dass einfach ein gewisser Antisemitismus immer da war und immer da sein wird. Und ich kenne Juden in Wien, die packen schon wieder ihre Koffer. Das ist das Problem. Ich glaube, dazu muss ich gar nichts hinzufügen. Ich glaube, dazu muss ich gar nichts hinzufügen. Der Antisemitismus ist nach 1945 nicht verschwunden und die Herausforderungen, die mit den zurückgekehrten Jüdinnen und Juden zu kämpfen hatten, neben all dem Erleben, was sie erlebt haben, und damit umgehen zu müssen, das zeigt auch dieses Zitat von Kertis auch nochmal sehr deutlich, also dass der Antisemitismus ja dann auch in vielen Fällen nochmal verstärkt wurde, dadurch auch, dass viele Personen vom Holocaust profitiert haben beispielsweise und dann kam man sozusagen als Überlebende zurück und man hat quasi einen Anspruch vielleicht gestellt auf die Wohnung, in der man jetzt aber eingezogen ist. Und sozusagen auch dieses schlechte Gewissen in gewisser Weise, mit dem man dann auch konfrontiert war, das hat hier sicher nochmal verstärkt gewirkt. Aber ich glaube, dass die nächsten Vorlesungen ohnehin sich mit dem Antisemitismus nach 1945 beschäftigen werden. Ja, vielen Dank. Das gibt mir Gelegenheit, an der Stelle schon darauf hinzuweisen, dass wir den nächsten Vortrag in zwei Wochen haben. Nächste Woche sind Herbstferien, da macht die Volkshochschule auch Herbstferien. Aber in zwei Wochen wird Isolde Vogel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes genau diese Thematik aufgreifen, nämlich Antisemitismus in Österreich nach 1945. Also genau diese Latenz oder manchmal vielleicht auch mehr als Latenz, die wir im Grunde genommen in Österreich hatten, ähnlich wie in Deutschland auch. Das heißt, bestimmte Dinge sind manchmal nicht mehr sagbar gewesen im öffentlichen Raum, aber im privaten immer. Und vieles war auch abbildbar. Also das heißt, wir haben tatsächlich eine durchgehende, leider eine durchgehende Geschichte des Antisemitismus, die nicht irgendwie unterbrochen wird durch die Ereignisse, sondern sie bleibt. Und darüber wird in zwei Wochen Isolde Vogel zu uns sprechen, auch anhand von vielen Bildzeugnissen. Darauf hat sie sich ein bisschen spezialisiert. Das heißt, wie im visuellen Bereich tatsächlich auch Antisemitismus dann doch wieder abbildbar ist. Vielleicht würde ich da noch kurz ergänzen, dass nicht nur im Stillen zu Hause diese antisemitische Haltung geäußert wurde, sondern gerade im Osten Europas gibt es ja nach 1945 auch noch weitere Pogrome. Also das hört ja mit 1945 ja nicht auf, in Polen beispielsweise. Aber auch in Ungarn gab es Pogrome mit Todesopfern auch. Also die Gewalt ist weiterhin auch da und die Gewaltbereitschaft und auch dieser christliche Antisemitismus mit all diesen Vorstellungen des Ritualmords und so weiter, das finden wir auch noch nach 1945. Und was wir eben nach 1945 auch haben, sind Leute wie, da ist dieses Kertes-Beispiel ja wirklich sehr gut, die sich einfach während der Zeit der Verfolgung etwas angeeignet haben. Und wir kennen da ja auch viele andere Beispiele. Es wurde ja Besitz versteigert. Das heißt, die Nachbarn haben dann einfach ersteigert, was noch da war in der Wohnung. Und da kann man einfach immer davon ausgehen, das haben sie gemacht, weil sie im Grunde wussten, explizit oder implizit, dass die Person nicht mehr zurückkehrt. Das ist, glaube ich, immer das Entscheidende. Das macht man eigentlich nur dann, wenn man sich sicher sein kann, dass niemand mehr an der Tür klingelt und sagt, das ist doch meine Wohnung oder das ist doch mein Wintermantel. Wieso hast du den jetzt? Das ist, glaube ich, immer das, was da das Erschreckendste daran ist, weil in dem Moment ist greifbar, dass Sie eigentlich auch, was immer Sie wissen, real wissen, aber Sie gehen davon aus, Sie kommen nicht zurück. Ja, wir haben immer noch ein bisschen Zeit, wenn Sie noch etwas fragen möchten, wenn Ihnen noch etwas auf den Lippen liegt. Bitte schön. Haben Sie sich bei Ihren Nachforschungen auch mit der Rolle der Wiener Polizei befasst? Und zwar nämlich, es war ja bekannt, auch Eichmann, die hat nämlich insofern einen unter Anführungszeichen Vorteil gehabt, die hatten aus der Monarchie noch immer exzellente Archive bzw. Karten, Identitätskarten in der Bevölkerung, wo immer auch vermerkt war, die Religion. Und da waren sie spezialisiert. Und später dann hat sich das sehr ausgewirkt. Sie haben ja dann, was ja heutzutage nicht vorstellbar ist, sie führen einen Krieg, den sie gewinnen wollen. Und große, wichtige Teile der Armee haben nichts anderes zu tun, als zu unterstützen die Nachforschungen. Also gerade in Griechenland zum Beispiel, an den ganzen Inseln und so weiter. Und da war ein von Eichmann, der hat die Erfahrung gehabt damit. Das war es. Haben Sie da irgendwas festgestellt? Das ist ja hochinteressant. Wir haben jetzt die Ausstellung von einem Innenministerium, die auch jetzt in Braunau war, interessanterweise, und die haben dann auch dort gesagt, das ging auch über das DÖF, glaube ich. Es war interessant, dass das jetzt zum Beispiel nach 81 Jahren erst angesprochen wird, dieser Themenkreis. Ist Ihnen da was aufgefallen? Also ich habe nicht zur Polizei geforscht, muss ich sagen. Aber tatsächlich gibt es da mittlerweile einige Arbeiten. Also auch schon vor diesem vom Innenministerium Auftrag gegebene Projekt Aber tatsächlich gibt es da mittlerweile einige Arbeiten. Also auch schon vor diesem vom Innenministerium Auftrag gegebenen Projekt gab es Projekte zur Wiener Polizei oder zur Polizei allgemein und natürlich gerade auch zu diesen Kontinuitäten und zu diesem Wissenstransfer. Genau. Ja. Transfertransfer, genau. Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich sehe keine weitere Wortmeldung, wenn ich niemanden übersehen habe. Dann möchte ich an der Stelle unsere Veranstaltung für heute schließen mit einem herzlichen Dank noch einmal an Regina Fritz für den Vortrag und die Bereitschaft mit uns über das zu reden, was sie vorgetragen hat. Und ja, ich erinnere noch einmal daran, wir setzen fort in zwei Wochen mit dem schon erwähnten Vortrag von Isolde Vogel über den Antisemitismus in Österreich nach 1945. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch in zwei Wochen alle wieder zu uns kommen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten Nachhauseweg.