WEBVTT

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00:00:00.000 --> 00:00:10.320
 Guten Abend im Stifterhaus, meine sehr geehrten Damen und Herren. Ich darf Sie heute Abend

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00:00:10.320 --> 00:00:16.980
 begrüßen zu einem Abend, der im Rahmen der Kommunale 2026 steht. Bekanntlich begehen wir

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00:00:16.980 --> 00:00:23.839
 die diesjährige, erst kürzlich gestartete Kommunale unter dem Titel Mut 1626, 400 Jahre

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00:00:23.839 --> 00:00:27.679
 Bauernkrieg in Oberösterreich. Ich weiß nicht, wie es Ihnen

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00:00:27.679 --> 00:00:32.619
 ging, als Sie zum ersten Mal vom diesjährigen kommunalen Thema gehört haben, vielleicht ähnlich

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00:00:32.619 --> 00:00:39.659
 wie mir. Am Anfang stand durchaus etwas Verwunderung, ob der Themenwahl. Dann setzte bei mir jedoch

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00:00:39.659 --> 00:00:51.179
 relativ rasch die Erkenntnis ein, dass ich trotz Studiums der Geschichte und der Germanistik und der Arbeit an einem angesehenen Fachinstitut ehrlicherweise im Grunde alles andere als sattelfest bin in

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00:00:51.179 --> 00:00:56.659
 dieser Thematik. Außer ein paar Schlagworten wie die Frankenburger Würfelspiele oder gegen

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00:00:56.659 --> 00:01:03.039
 Reformation und ein paar Namen wie Stefan Fadinger und Christoph Zeller förderte mein Nachdenken ad

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00:01:03.039 --> 00:01:05.640
 hoc nicht wirklich Bewundernswertes zu Tage.

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00:01:06.519 --> 00:01:11.719
 Freilich hätte das gereicht, um sich irgendwie drüber zu schwindeln, wie man auf gut oberösterreichisch sagt,

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00:01:11.859 --> 00:01:14.739
 aber das ist ja auch nicht Sinn der Sache, wie wir alle wissen.

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00:01:15.519 --> 00:01:19.659
 Und weil es immer schön ist, Neues zu lernen und mehr zu erfahren über Ereignisse,

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00:01:19.659 --> 00:01:28.359
 über die man vielleicht weniger weiß, im Besonderen, um aus dem Vergangenen Lehren zu ziehen für das Gegenwärtige und für das Zukünftige.

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00:01:28.920 --> 00:01:36.859
 Deshalb freue ich mich auf diesen Abend ganz besonders und auch auf kommende Veranstaltungen der Kommunale 2026.

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00:01:37.700 --> 00:01:45.400
 Unser Fokus am heutigen Abend liegt aber natürlich nicht ausschließlich auf den historischen Begebenheiten der oberösterreichischen Bauernkriege,

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00:01:45.920 --> 00:01:54.400
 sondern in erhöhtem Maße auf der Literatur dieser Zeit und der motivischen Transformation in den folgenden Jahrhunderten

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00:01:54.400 --> 00:01:57.959
 bis hin zur zeitgenössischen literarischen Verwendung.

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00:01:58.780 --> 00:02:04.700
 Zu diesem Zweck haben wir sozusagen alle literarischen Register gezogen und damit meine ich natürlich unsere Gäste,

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00:02:04.700 --> 00:02:05.379
 die ich ganz

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00:02:05.379 --> 00:02:10.840
 herzlich im Stifterhaus begrüßen darf. Herzlich willkommen Karin Peschka, Thomas Arzt und Arnold

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00:02:10.840 --> 00:02:27.360
 Klaffenberg. Vielen Dank fürs Kommen. Den Anfang des heutigen Abends wird Arnold Klaffenberg machen und zwar mit einem circa 30 bis 35-minütigen

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00:02:27.360 --> 00:02:33.560
 Vortrag mit dem Titel 400 Jahre oberösterreichische Bauernkriege, ein literarischer Streifzug.

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00:02:34.379 --> 00:02:39.740
 Er ist in Gmunden geboren und studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Salzburg. Er ist freiberuflicher

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00:02:39.740 --> 00:03:05.759
 Kurator und Verlagslektor sowie Literaturwissenschaftler. In letzterer Funktion hat er sich vielfach mit dem Thema der Literatur der Bauernkriege in Oberösterreich auseinandergesetzt, unter anderem für die Stichwörter zur oberösterreichischen Literaturgeschichte des Adalbert-Stifter-Instituts. werden wir zweimal jeweils circa 15-minütige Lesungen von Karin Peschka und Thomas Arzt hören.

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00:03:06.400 --> 00:03:14.599
 Beide sind Ihnen vermutlich bestens als oberösterreichische Landeskulturpreisträger für Literatur bekannt.

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00:03:15.139 --> 00:03:18.000
 Dennoch ein paar kurze biografische Eckdaten.

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00:03:18.439 --> 00:03:26.979
 Karin Peschka, geboren in Linz und aufgewachsen in Everding, ist quasi seit ihrem Romandebüt Watschenmann, das 2014 im Otto

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00:03:26.979 --> 00:03:32.919
 Müller Verlag erschienen war, fester Bestandteil der österreichischen Literaturszene. Davon zeugen

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00:03:32.919 --> 00:03:39.340
 die für Watschenmann verliehenen Preise, deren waren es gleich drei, der Wartholz Literaturpreis,

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00:03:39.439 --> 00:03:47.520
 der Florianer Literaturpreis sowie der Alfa Literaturpreis. Ihre letzten drei Romane, Autolyse Wien 2017,

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00:03:47.520 --> 00:03:56.199
 Putzt euch, tanzt, lacht 2020 und zuletzt Dschomba 2023, die sämtlich im Otto Müller Verlag erschienen

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00:03:56.199 --> 00:04:03.120
 sind, waren allesamt für den österreichischen Buchpreis nominiert. Seit 2023 ist Karin Peschka

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00:04:03.120 --> 00:04:07.180
 oberösterreichische Landepreisträgerin für Literatur und erst im

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00:04:07.180 --> 00:04:15.259
 April wurde ihr der Anton-Wildgans-Preis zuerkannt. Ich glaube, die Verleihung steht noch aus. Thomas

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00:04:15.259 --> 00:04:19.439
 Arzt, geboren in Schlierbach, studierte in Wien, seinem heutigen Wohn- und Arbeitsmittelpunkt,

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00:04:19.439 --> 00:04:28.980
 Theater-, Film- und Medienwissenschaften sowie Germanistik, Philosophie und Psychologie. Seine literarische Arbeit zielt, Sie wissen es, hauptsächlich aufs Theater ab.

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00:04:29.660 --> 00:04:33.779
 Mit Karin Peschka verbindet ihn, dass sein Debüt, nämlich das Drama Grillenpaz,

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00:04:33.920 --> 00:04:37.360
 das 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurde,

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00:04:38.000 --> 00:04:41.879
 sozusagen das dramatische Pendant zu Karin Peschkas Broser-Debüt war.

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00:04:41.879 --> 00:04:45.800
 Seither sind zahlreiche hochgelobte Theaterstücke, aber auch

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00:04:45.800 --> 00:04:52.160
 ein Libretto und Hörspiele entstanden. Hier im Stifterhaus hat Thomas Arzt seine beiden Romane

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00:04:52.160 --> 00:05:00.699
 Die Gegenstimme von 2021 und Das Unbehagen von 2025 präsentiert. Beide sind im Residenzverlag

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00:05:00.699 --> 00:05:09.600
 erschienen. Seit 2025 darf sich auch Thomas Arzt Oberösterreichischer Landeskulturpreisträger für Literatur nennen.

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00:05:10.500 --> 00:05:20.079
 Nach den beiden Lesungen wird mein Kollege und stellvertretender Institutsleiter des Adalbert Stifter Instituts Georg Hofer die Gäste nochmals für eine Podiumsdiskussion auf die Bühne bitten.

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00:05:20.220 --> 00:05:35.100
 Ich wünsche uns viele Erkenntnisse heute Abend und darf an Arnold Daffenberg übergeben. Danke.

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00:05:38.660 --> 00:05:39.500
 Danke für die einführenden Worte, meine Damen und Herren.

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00:05:47.420 --> 00:05:53.459
 Bevor wir zu dieser literarischen Spurensuche aufbrechen, reisen wir zurück in die Geschichte. Zunächst zu Ereignissen, die noch 100 Jahre weiter zurückliegen als jene für Oberösterreich so

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00:05:53.459 --> 00:06:09.600
 bedeutsamen von 1625-1626. Auch geografisch wechseln wir die Gegend. Die Zeitreise führt uns in das Jahr 1524 in den Schwarzwald nahe der

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00:06:09.600 --> 00:06:16.399
 Schweizer Grenze, wo sich Bauern in der Landkraftschaft Stühlingen gegen ihre Feudalherren

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00:06:16.399 --> 00:06:26.459
 erheben. Dieses Ereignis markiert den Beginn des Deutschen Bauernkrieges. Dabei handelt es sich um soziale Unruhen und kämpferische

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00:06:26.459 --> 00:06:35.660
 Auseinandersetzungen, die ökonomische, religiöse, aber auch rechtliche Ursachen haben. Neben der

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00:06:35.660 --> 00:06:49.120
 bäuerlichen Bevölkerung sind auch andere Schichten der Gesellschaft involviert, darunter Handwerker, Bürgerliche oder Bergknappen. Rasch weiten sich die Konflikte zum Flächenbrand

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00:06:49.120 --> 00:06:55.779
 aus, der den Südwesten und Mitteldeutschland erfasst. Auf österreichischem Gebiet sind vor

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00:06:55.779 --> 00:07:04.000
 allem Tirol mit dem Trentino, Salzburg sowie Teile der Steiermark betroffen. In Oberösterreich

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00:07:04.000 --> 00:07:05.660
 beschränken sie sich auf einzelne

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00:07:05.660 --> 00:07:13.819
 Regionen, vor allem eben auf den Attergau und das Enztal südlich von Steier. Da wie dort scheitern

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00:07:13.819 --> 00:07:21.100
 die Aufstände und werden blutig niedergerungen. Ende des 16. Jahrhunderts flammen bäuerliche

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00:07:21.100 --> 00:07:26.620
 Unruhen im Müllviertel auf, die sich auf das Land ausdehnen und niedergekämpft

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00:07:26.620 --> 00:07:33.740
 werden. All diese Ereignisse schlagen sich in der heimischen Literaturproduktion zunächst kaum

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00:07:33.740 --> 00:07:41.019
 nieder. Im 20. Jahrhundert, bei Versuchen, historische Traditionslinien zu konstruieren

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00:07:41.019 --> 00:07:46.000
 und sich weltanschaulich auf ein geistiges Erbe zu berufen, bezieht man sich

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00:07:46.000 --> 00:07:57.279
 schriftstellerisch auf jene Epoche. Was nun die Geschehnisse von 1625-1626 angeht, verfügt die

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00:07:57.279 --> 00:08:06.660
 Literaturgeschichte über eine reiche Überlieferung. Im Grunde sind Verfassernamen und Texte zu den oberösterreichischen Bauernkriegen

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00:08:06.660 --> 00:08:15.259
 in sämtlichen Gattungen vertreten. Erzählungen und Romane, Gedichte und Balladen, Bühnenstücke,

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00:08:15.819 --> 00:08:30.379
 Lieder oder Satiren verarbeiten einen dramatischen historischen Stoff, der bis heute nachhalt, der immer wieder im Sinne eines Landes, Heimat oder Volksbewusstseins

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00:08:30.379 --> 00:08:38.179
 identitätsstiftend wirken sollte, der aber auch mythisch verklärend sein konnte, moralisierend,

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00:08:38.940 --> 00:08:46.279
 demagogisch oder abwertend, der als warnendes Exempel oder zu pädagogischen Zwecken herangezogen wurde.

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00:08:47.919 --> 00:08:55.059
 Doch wovon handeln diese Texte eigentlich? Das grundlegende Konfliktpotenzial, an dem sich die

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00:08:55.059 --> 00:09:01.879
 Bauernkriege entzünden, liegt in der gegenreformatorischen Politik Kaiser Ferdinands II.,

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00:09:01.879 --> 00:09:08.820
 der seit 1619, also zum Kaiser gekrönt worden war, im Land regiert. Bis dahin

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00:09:08.820 --> 00:09:16.360
 hat er radikal und erfolgreich die Rekatholisierung der Steiermark, Kärntens und Kreins betrieben und

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00:09:16.360 --> 00:09:25.120
 setzt das jetzt im Erzherzogtum Obter-Ens fort. Dessen Einwohnerinnen und Einwohner sind inzwischen mehrheitlich protestantisch geworden.

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00:09:26.480 --> 00:09:35.399
 Hinzu kommt, dass Oberösterreich offiziell im März 1621 an den Bayernherzog Maximilian I.,

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00:09:35.399 --> 00:09:41.279
 Anführer der katholischen Liga im Dreißigjährigen Krieg, zum Ausgleich für seine finanziellen

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00:09:41.279 --> 00:09:46.419
 Auslagen verpfändet und von dessen Truppen besetzt worden ist.

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00:09:52.840 --> 00:09:53.559
 Unter den Protagonisten ragt der bayerische Stadthalter Adam Graf von Herbersdorf hervor,

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00:10:02.519 --> 00:10:06.759
 ein Konvertit und Karrierist aus einem steirischen Adelsgeschlecht. Er hat am 15. Mai 1625 den Widerstand der Bauern gegen die Einsetzung eines katholischen Geistlichen in

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00:10:06.759 --> 00:10:13.600
 Frankenburg bzw. die Belagerung des dortigen Schlosses mit einem Strafgericht auf dem

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00:10:13.600 --> 00:10:20.299
 Haushammerfeld bei Vöcklermarkt zu brechen versucht. Ein weiterer Streitpunkt ist das

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00:10:20.299 --> 00:10:29.159
 kaiserliche Reformationspatent vom 10. Oktober 1625, denn es fordert von der Bevölkerung bis

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00:10:29.159 --> 00:10:37.980
 Ostern 1626 katholisch zu werden. Als im Mai dieses Jahres bei einer Rauferei in Lempach im

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00:10:37.980 --> 00:10:47.419
 Müllviertel mehrere bayerische Soldaten erschlagen werden, eskaliert die Lage. Unter Stefan Fadinger, einem Bauern aus Parz bei

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00:10:47.419 --> 00:10:53.820
 St. Agatha, dem Anführer der Bauerntruppen des Hausruck- und Traunviertels, sowie dem Wirt

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00:10:53.820 --> 00:10:59.940
 Christoph Zeller, der die Bauernscharen des Mühl- und Machlandviertels befehligt, erobern die

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00:10:59.940 --> 00:11:07.460
 aufständischen Verbände fast das ganze Land. Das Kriegsklöck wendet sich nach der Belagerung von

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00:11:07.460 --> 00:11:16.659
 Linz, wo Fadinger Ende Juni 1626 verwundet wird und wenig später stirbt. Bei den Schlachten im

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00:11:16.659 --> 00:11:21.580
 Herbst bereiten Regimenter des bayerischen Generalissimus Gottfried Heinrich Graf zu

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00:11:21.580 --> 00:11:26.679
 Pappenheim den Bauern eine vernichtende Niederlage. Soweit die

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00:11:26.679 --> 00:11:35.740
 historischen Hintergründe. Gleich nach dem Krieg muss das sogenannte Fadingerlied entstanden sein,

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00:11:36.500 --> 00:11:42.480
 das in 55 Strophen die Ereignisse aus Sicht des katholischen und damit siegreichen Lagers

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00:11:42.480 --> 00:11:46.299
 schildert. Es dürfte aus dem süddeutschen Raum stammen,

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00:11:46.399 --> 00:11:53.580
 der Verfasser ist unbekannt. Ein schön lustig und kurzweiliges Bauernlied, so der Originaltitel,

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00:11:54.559 --> 00:11:59.779
 gilt als das bedeutendste Beispiel der damals in Umlauf kommenden Propagandaschriften,

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00:12:00.659 --> 00:12:06.019
 die je nach konfessioneller Zugehörigkeit oder Partei die Begebenheiten darstellen.

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00:12:07.299 --> 00:12:14.580
 Oft geraten sie zur Karikatur, indem sie den Gegner verhöhnen oder verachtenswerte Züge betonen,

96
00:12:15.399 --> 00:12:21.399
 etwa den Bauern unterstellen, niederträchtig, dumm, gierig oder brutal zu sein.

97
00:12:22.779 --> 00:12:26.500
 Das Lied prangert Fadinger als den eigentlichen Verursacher und Schuldigen

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00:12:26.500 --> 00:12:33.879
 der Tragödie an. Er habe die Bauern zum Aufstand verführt. Diese akzeptieren schließlich ihre

99
00:12:33.879 --> 00:12:41.220
 Unterwerfung, während Fadinger für seine Anmaßung in der Hölle schmoren muss. Der Aufstand erscheint

100
00:12:41.220 --> 00:12:50.279
 als lächerlich und grundlos. Eine Deutung, die umso leichter fällt, weil die realen Umstände, die zum Krieg geführt haben, ausgeblendet sind.

101
00:12:51.059 --> 00:12:55.759
 Herbersdorf und Pappenheim hingegen, die Sieger, werden gerühmt.

102
00:12:57.419 --> 00:13:06.840
 Zu den oberösterreichischen Bauernkriegen äußert sich im 17. Jahrhundert in seinen autobiografischen Schriften Johannes Beer,

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00:13:07.340 --> 00:13:12.600
 ein Gastwirtssohn aus St. Georg im Attergau, dessen Familie aus Glaubensgründen in die

104
00:13:12.600 --> 00:13:20.059
 Reichstatt Regensburg ausgewandert ist. Beer hat es in das protestantische Herzogtum Sachsen-Weißenfels

105
00:13:20.059 --> 00:13:29.799
 verschlagen, wo er als Schriftsteller, Hofkomponist und Bibliothekar wirkt. Geboren 1655 hat er die

106
00:13:29.799 --> 00:13:36.600
 kriegerischen Zeitläufe in seiner Heimat nicht mehr erlebt, doch Bär schöpft aus der persönlichen

107
00:13:36.600 --> 00:13:46.159
 Erinnerung und ihm zugetragenen Anekdoten. Eine Episode dürfte aus seiner Schulzeit bei den Benediktinen in Lambach herrühren, wenn er schreibt.

108
00:13:47.240 --> 00:13:54.620
 Als ich noch ein Knab von acht bis neun Jahren war, saß ich einstmals zu Lambach, nix bei der Marktschule.

109
00:13:55.240 --> 00:14:04.000
 Da erzählte ein alter Bauer, wie er auch unter dem Haufen der Rebellierenden gewesen und am Buchberg das festmachende Mus gefressen hätte.

110
00:14:06.879 --> 00:14:13.100
 und am Buchberg das festmachende Mus gefressen hätte. Da wären ihm manches Mal von den kaiserlichen Soldaten so viel Kugel in den Busen geschossen worden, dass er nicht viel anders

111
00:14:13.100 --> 00:14:21.279
 heimgekommen, als hätte er Haselnüsse eingekauft. Manche Erinnerungen mögen vage oder auch

112
00:14:21.279 --> 00:14:26.820
 fehlerhaft sein, doch das Urteil ist unmissverständlich. Bär lehnt den

113
00:14:26.820 --> 00:14:31.879
 kriegerischen Aufruhr der Bauern ab und stuft deren Kampf um Freiheiten und Rechte seinen

114
00:14:31.879 --> 00:14:40.500
 gefährlichen Akt der Selbstermächtigung ein. Zitat, ich sage, ein Bauer nützt dem ganzen Land,

115
00:14:41.000 --> 00:14:48.360
 solange er bleibt bei seinem Stand. Doch wann er wird zum Edelmann, so laufe weg, was laufen kann.

116
00:14:49.039 --> 00:14:57.019
 Dann er versteht kein höflich Wort, schmeißt immer zweimal auf ein Ort, setzt nicht gern auf und schiebt

117
00:14:57.019 --> 00:15:13.340
 doch Kegel und bleibt ein extra grober Flegel. Sobald der Bauer lacht, so nimm den Spieß, geh auf die Wacht. Sobald er weint, sprich Bonadies, verlass die Wache samt dem Spieß.

118
00:15:14.960 --> 00:15:25.460
 Damit springen wir ins 18. Jahrhundert, da ist es etwas ruhiger bis ins ausgehende 18. Jahrhundert im Zeitalter der österreichischen Aufklärung.

119
00:15:26.500 --> 00:15:32.059
 Schriftsteller jener Ära verwenden den Geschichtsstoff der oberösterreichischen Bauernkriege,

120
00:15:32.059 --> 00:15:36.460
 um Positionen und Ideale des Josefinismus zu vermitteln.

121
00:15:37.460 --> 00:15:42.940
 Es entstehen Läuterungs- oder Lehrstücke, welche die fortschrittliche Haltung Josef II.

122
00:15:43.559 --> 00:15:49.120
 in sozialen oder kirchenpolitischen Fragen sowie seine humane Gesinnung loben.

123
00:15:50.080 --> 00:15:56.919
 Dagegen missbilligen sie die Erhebung der Bauern als illegitimen Angriff auf die Staats- und Gesellschaftsordnung.

124
00:15:59.039 --> 00:16:04.200
 1781, als der Kaiser sein Toleranzpatent erlässt und die Leibeigenschaft beendet,

125
00:16:05.360 --> 00:16:13.039
 als der Kaiser sein Toleranzpatent erlässt und die Leibeigenschaft beendet, erscheint das Bühnenstück Stefan Fädinger oder der Bauernkrieg des Wiener Schriftstellers Paul Weidmann. Ort der

126
00:16:13.039 --> 00:16:19.840
 Handlung ist Linz während der Belagerung durch die Bauern im Sommer 1626. Doch interessanter als

127
00:16:19.840 --> 00:16:32.879
 der Inhalt des Stücks erscheint die Sicht der historischen Vorgänge durch die Brille des josefinischen Zeitgeists. Weidmann legt den Aufruhr als Rebellion aus, die den Rechtsfrieden

128
00:16:32.879 --> 00:16:38.899
 störe und das letztlich von Gott gewollte Ständesystem, das geltende Herrschaftsprinzip,

129
00:16:39.320 --> 00:16:52.220
 in Frage stelle. Der Anführer der Bauern wird schuldig, weil er dagegen aufbegehrt. Darum muss er bestraft werden und Pappenheim, dem Verteidiger geltenden Rechts, unterliegen.

130
00:16:53.440 --> 00:17:03.799
 Im Sterben erkennt Fedinger seine Verblendung. Zur Warnung erzählt er Aesops Fabel von den Gliedern des menschlichen Körpers, die dem Magen ihren Dienst verweigern.

131
00:17:07.200 --> 00:17:14.980
 menschlichen Körpers, die dem Magen ihren Dienst verweigern. Indem er schließlich an Gehorsam, Treue und Eintracht appelliert, die nötig seien, damit das übergeordnete, zusammenhaltende Ganze

132
00:17:14.980 --> 00:17:21.359
 funktionieren könne, gibt er sich als ein gebesserter, durch Einsicht gereifter Mann

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00:17:21.359 --> 00:17:29.000
 zu erkennen. Fedinger durchläuft gleichsam eine Sozialisation zum aufgeklärten Menschen.

134
00:17:29.759 --> 00:17:35.059
 Zwar verliert er sein Leben für diese Einsicht, er stirbt jedoch moralisch rehabilitiert.

135
00:17:36.920 --> 00:17:42.059
 Die Historiografen und Literaten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

136
00:17:46.019 --> 00:17:53.240
 Hälfte des 19. Jahrhunderts fassen die oberösterreichischen Bauernkriege überwiegend als ein negatives oder trauriges Ereignis der Landesgeschichte auf. Weiterhin trüben Vorurteile

137
00:17:53.240 --> 00:17:59.720
 und Klischees, Stereotype, Bilder oder auch Tabus den Blick auf jene Epoche, dominiert der

138
00:17:59.720 --> 00:18:07.079
 katholische oder monarchisch-habsburgische Standpunkt. Ein anschauliches Beispiel für jene Haltung ist die

139
00:18:07.079 --> 00:18:15.480
 Ballade Stefan Fadinger von 1829 aus der Feder des Enser Schriftstellers Karl Adam Kaltenbrunner.

140
00:18:15.480 --> 00:18:22.920
 Sie legt Fadingers Tod bei der Stürmung von Linz als Gottesurteil aus, das den bäuerlichen Tyrannen

141
00:18:22.920 --> 00:18:25.799
 niederstreckt und will eine Rache des Himmels

142
00:18:25.799 --> 00:18:33.700
 erkennen, den Fadingers Vermessenheit erzürnt hätte. Während der Romantik findet der Stoff

143
00:18:33.700 --> 00:18:40.079
 Eingang in die Sagenbildung, insbesondere die Vorfälle auf dem Haushammerfeld scheinen geeignet

144
00:18:40.079 --> 00:18:47.079
 für literarische Texte, die ihre Wirkung aus dem Heroischen und Legendären beziehen. Vor

145
00:18:47.079 --> 00:18:54.599
 dem Hintergrund des Unruhejahres 1848 gewinnt das Thema an Bedeutung für Publikationen mit

146
00:18:54.599 --> 00:19:02.500
 patriotischem Gedankengut. Auf die gescheiterte bürgerliche Revolution reagiert der in Linz

147
00:19:02.500 --> 00:19:06.940
 wirkende, aus Hohenfurt gebürtige Jurist Franz Isidor Broschko

148
00:19:06.940 --> 00:19:14.440
 mit seiner Schrift Der erste Bauernkrieg im Lande Österreich ob der Enz, wo er Parallelen zwischen

149
00:19:14.440 --> 00:19:22.059
 beiden Ereignissen sieht. Zur Jahrhundertmitte setzt sich der aus Wels stammende Autor und

150
00:19:22.059 --> 00:19:32.619
 Mediziner Friedrich Wilhelm Arming mit den Bauernkriegen auseinander. Seine Historienromane Die Wielinger und Stephan Fadinger zeigen die

151
00:19:32.619 --> 00:19:40.039
 Bauern als Kämpfer für das Luthertum und gegen die bayerische Pfandherrschaft. Arming, der wohl

152
00:19:40.039 --> 00:19:47.160
 auf den Erfolg der Revolution gehofft hat, flieht nach der Niederwerfung im Oktober 1848 aus Wien.

153
00:19:48.500 --> 00:19:54.779
 Angesichts von Restauration und Neoabsolutismus sieht er im Habsburger Reich keine Zukunft für

154
00:19:54.779 --> 00:20:08.599
 sich. Beide Romane erscheinen noch, ehe Arming 1851 nach Amerika auswandert. Ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, so etwa bis zur Jahrhundertwende,

155
00:20:09.460 --> 00:20:16.240
 bessert sich das zwiespältige Verhältnis zu dem emotionalen Thema der Bauernkriege merklich. Für

156
00:20:16.240 --> 00:20:28.380
 diese Entwicklung dürften mehrere Gründe verantwortlich gewesen sein. Zum einen die immer größer werdende zeitliche Distanz zu den Ereignissen von 1625-1626,

157
00:20:29.279 --> 00:20:35.079
 zum anderen die Beruhigung und das Zurücktreten des konfessionellen Wettstreits zwischen Katholiken

158
00:20:35.079 --> 00:20:43.079
 und Protestanten, deren Existenz faktisch zu jener Zeit längst abgesichert ist. Vor allem aber üben

159
00:20:43.079 --> 00:20:46.400
 die intensivierte wissenschaftliche Erforschung und zunehmende

160
00:20:46.400 --> 00:20:53.319
 Objektivierung positiven Einfluss aus und helfen, das überkommene Geschichtsbild zu revidieren.

161
00:20:54.799 --> 00:21:01.680
 Die neu gewonnenen historiografischen Erkenntnisse fließen zum Teil in die Dichtungen ein, wobei die

162
00:21:01.680 --> 00:21:06.539
 Untersuchungen namhafter Landeskundler, allen voran Felix Stieve und Julius

163
00:21:06.539 --> 00:21:14.599
 Trünnert, wichtige Anhaltspunkte liefern. Gleichzeitig wirkt das Gedankengut ganz unterschiedlicher

164
00:21:14.599 --> 00:21:21.579
 weltanschaulicher Strömungen ein, denen die Autoren anhängen. Karl Schalk etwa, ein Niederösterreicher,

165
00:21:22.220 --> 00:21:28.240
 baut in seinem Trauerspiel Der Student, 1894 erschienen, den Glaubens- zum

166
00:21:28.240 --> 00:21:34.680
 Daseinskampf aus und siedelt ihn in einem Spannungsfeld von Kapitalismus, Sozialismus und

167
00:21:34.680 --> 00:21:41.579
 Christentum an. Schillernde Hauptfigur ist ein Theologiestudent. Er schwingt sich zum Wort und

168
00:21:41.579 --> 00:21:53.299
 Anführer der oberösterreichischen Bauern auf, deren Aufstand als eine sozial-revolutionäre Bewegung erscheint und opfert sein Leben den unterdrückten Menschen im Land.

169
00:21:54.359 --> 00:22:06.619
 Das Theaterstück, das wohl am genauesten die damaligen Erkenntnisse der Historiografie widerspiegelt, dürfte Stefan Fadinger Tragödie aus dem oberösterreichischen

170
00:22:06.619 --> 00:22:15.079
 Bauernkriege von 1903 gewesen sein. Verfasst hat es der In-Viertler Gustav Streicher im modernen

171
00:22:15.079 --> 00:22:21.859
 naturalistischen Stil, angelehnt an Gerhard Hauptmanns Florian Geier. Folglich bezieht

172
00:22:21.859 --> 00:22:25.640
 sich Streicher auch auf eine zentrale Gestalt des deutschen Bauernkrieges

173
00:22:25.640 --> 00:22:32.380
 von 1525, also den fränkischen Reichsritter Geier, der versucht hat zu vermitteln zwischen

174
00:22:32.380 --> 00:22:37.700
 den Bauern und der Obrigkeit, der sich dann später selber auf die Seite der Bauern schlägt

175
00:22:37.700 --> 00:22:42.779
 und unter dubiosen Umständen ums Leben kommt.

176
00:22:42.779 --> 00:22:47.680
 Hingegen unternimmt der in Linz aufgewachsene Lehrer und Sozialdemokrat Alfred

177
00:22:47.680 --> 00:22:53.680
 Grohmann den Versuch, in Blankversen einen oberösterreichischen Wilhelm Tell zu erschaffen.

178
00:22:54.680 --> 00:22:59.720
 Der Schweizer Freiheitskämpfer ist aber weniger historisch verbürgt, sondern eher als eine

179
00:22:59.720 --> 00:23:07.640
 legendäre Figur zu begreifen. Folgerichtig sieht Grohmann seinen Stöffel-Fadinger nicht so sehr als eine

180
00:23:07.640 --> 00:23:14.619
 geschichtsgetreue Wiedergabe, denn als ein historisches Szenario, in dem deutsch-nationale

181
00:23:14.619 --> 00:23:28.500
 Ideen anklingen, genauso wie der Kulturkampf im Deutschen Reich in der Ära Bismarcks Spuren hinterlässt. Im Jahr 1907 bringt der Stelzhammerbund das volksmutartliche Epos

182
00:23:28.500 --> 00:23:35.440
 der oberösterreichische Bauernkrieg heraus. Niedergeschrieben hat es Norbert Hahnrieder,

183
00:23:35.980 --> 00:23:41.880
 Pfarrer im Putzleinsdorf und gilt als die poetisch anspruchsvollste Leistung zum Thema.

184
00:23:43.339 --> 00:23:46.740
 Das Werk besteht aus 14 Gesängen, die chronologisch die

185
00:23:46.740 --> 00:23:53.380
 historischen Ereignisse von der Wahl Fadingers zum Bauernführer bis zu seinem Tod bei Ebelsberg

186
00:23:53.380 --> 00:24:01.440
 vorstellen. Dass die Kernbotschaft Versöhnung und Verzeihen lautet, mag angesichts des geistlichen

187
00:24:01.440 --> 00:24:09.480
 Schöpfers nicht verwundern, aber vor dem Hintergrund der Entstehungszeit des geistig-gesellschaftlichen Klimas

188
00:24:09.480 --> 00:24:15.299
 wirkt es erstaunlich fortschrittlich und offen, fast schon ökumenisch und visionär,

189
00:24:15.299 --> 00:24:18.400
 wenn Hahnrieder Stephan Fadinger sagen lässt,

190
00:24:19.059 --> 00:24:27.779
 eine Zeit wird kommen für Leute, die gar keinen Sinn mehr haben für einen Streit. Der zwischen Bruder und Bruder wird

191
00:24:27.779 --> 00:24:31.380
 geführt. Der Protestant und der Katholik

192
00:24:31.380 --> 00:24:35.299
 werden ohnehin noch werden und gar nicht zuletzt fest

193
00:24:35.299 --> 00:24:39.000
 zusammenhalten, dass kein Dritter nicht bröst.

194
00:24:41.680 --> 00:24:43.440
 Mögen die schriftstellerischen

195
00:24:43.440 --> 00:24:49.599
 Arbeiten jener Zeit ganz unterschiedlich ausfallen und bezüglich ihrer künstlerischen Qualität schwanken,

196
00:24:50.400 --> 00:24:53.480
 ein Befund zieht sich als roter Faden durch die Texte.

197
00:24:54.240 --> 00:25:01.200
 Längst haben sich die oberösterreichischen Bauernkriege fest etabliert als ein Thema und literarischer Stoff,

198
00:25:01.759 --> 00:25:06.740
 für den sich Schriftsteller und Publizisten des politisch Rechten wie des

199
00:25:06.740 --> 00:25:13.000
 linken Lagers interessieren. Das Spektrum wird gleichsam auf den intellektuellen Kampfplatz

200
00:25:13.000 --> 00:25:20.720
 getragen, um dort die Schärfe und Wirkmächtigkeit des ideologischen Rüstzeugs zu erproben. Dass die

201
00:25:20.720 --> 00:25:25.579
 literarische Beschäftigung im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts einen Anstoß erhält,

202
00:25:26.279 --> 00:25:33.640
 hängt nicht zuletzt mit dem öffentlichen Gedenken und Erinnern von 1925-26 zusammen,

203
00:25:34.599 --> 00:25:38.819
 als sich die oberösterreichischen Bauernkriege zum 300. Mal jähren.

204
00:25:39.460 --> 00:25:45.759
 Die sicher umfangreichste Produktion entfaltet der aus Ried im Ingreis stammende Karl Itzinger.

205
00:25:46.740 --> 00:25:49.740
 Sein erfolgreichstes Werk ist das Frankenburger Würfelspiel,

206
00:25:49.740 --> 00:25:57.539
 das er als massentaugliches Freiluftstück anlässlich der Errichtung des Denkmals auf dem Haushammerfeld konzipiert hat.

207
00:25:58.480 --> 00:26:08.099
 Grundlage bildet sein Roman Der Bauerntod, der 1933 unter dem Titel Das Blutgericht am Haushammerfeld neu als

208
00:26:08.099 --> 00:26:15.019
 erster Teil der Trilogie Ein Volk steht auf erscheinen soll. Darin benennt Itzinger die

209
00:26:15.019 --> 00:26:21.279
 vom Kaiser geforderte Gegenreformation sowie Herbersdorfs Grausamkeit als die eigentliche

210
00:26:21.279 --> 00:26:27.880
 Ursachen für den Aufstand. Der Autor verpflichtet das Idealbild einer

211
00:26:27.880 --> 00:26:34.559
 bäuerlichen Bevölkerung, die offenbar instinktiv zwischen richtig und falsch zu differenzieren weiß

212
00:26:34.559 --> 00:26:41.980
 und bereit ist, viel zu erdulden sowie für die eigene Überzeugung, für Glaubensfreiheit zu

213
00:26:41.980 --> 00:26:46.279
 kämpfen. Bei der Textproduktion steht Itzinger der Linzer

214
00:26:46.279 --> 00:26:53.660
 Hauptschuldirektor Franz Wiesenberger zur Seite, der als ein Kenner der Materie gilt. Ferner greift

215
00:26:53.660 --> 00:26:58.799
 er auf Quellen aus dem Landesarchiv zurück, sowie auf wissenschaftliche Publikationen,

216
00:26:58.859 --> 00:27:07.779
 die er auswertet. Sprachlich lässt sich Itzinger von der Urkundendiktion inspirieren. Sehen wir uns dazu seinen Roman

217
00:27:07.779 --> 00:27:16.299
 »Es muss sein«, der 1936 als zweiter Band der Trilogie »Ein Volk steht auf« erscheint, etwas näher an.

218
00:27:17.759 --> 00:27:26.559
 Bereits dessen Untertitel »Der Kampf eines deutschen Bauernvolkes um Freiheit, Glaube und Heimat ist programmatisch.

219
00:27:27.680 --> 00:27:31.279
 Zeitlich nach dem grausigen Geschehen auf dem Haushammerfeld angesiedelt,

220
00:27:31.740 --> 00:27:36.660
 zeichnet Itzinger die Ereignisse zwischen dem Fanal von Lemberg und Fadingers Tod nach.

221
00:27:38.160 --> 00:27:47.099
 Einleitend schon führt er Feindbilder ein, auf denen die Argumentation aufbaut. So der Befund, dass die protestantischen Seelsorger

222
00:27:47.099 --> 00:27:54.740
 durch ungeeignete Katholische ersetzt worden seien. Zitat, der heute noch ungeweihte Bischof

223
00:27:54.740 --> 00:28:02.299
 von Passau hat Wellische, Italienische, Geistliche ins Landl gebracht, von denen die mehreren nicht

224
00:28:02.299 --> 00:28:06.839
 einmal in unserer deutschen Sprache reden können. Auch der Linzer

225
00:28:06.839 --> 00:28:13.319
 Dechern ist ein Wellischer und ein Fresssack und ein Saufhaus obendrein. Hab mir auch sagen lassen,

226
00:28:13.319 --> 00:28:20.039
 dass es mit den römischen Geistlichen nirgends schlechter und ärgerlicher zugehen könnte als

227
00:28:20.039 --> 00:28:26.680
 wie im Landl Ob der Enz, wo in den Pfarrhöfen oft mehr Kinder gefunden werden,

228
00:28:27.039 --> 00:28:28.740
 wie in den ehelichen Haushalten.

229
00:28:31.140 --> 00:28:34.859
 Als eine gespaltene Persönlichkeit erscheint Herbersdorf,

230
00:28:35.740 --> 00:28:38.559
 dessen fragwürdiger Charakter mit seiner Abstammung

231
00:28:38.559 --> 00:28:43.500
 und damit in Zusammenhang gebrachten Rassemerkmalen zu erklären versucht wird.

232
00:28:44.420 --> 00:28:46.440
 Zugleich erscheint auch er als ein

233
00:28:46.440 --> 00:28:53.900
 Opfer der römischen Kirche. Zitat, mir ziemt, er ist ein Mensch, bei dem Verstand und Kraft nicht

234
00:28:53.900 --> 00:29:01.599
 bis zum letzten Langen. Seine Natur ist zwiespältig. Etwan hat er dies von seiner Mutter, die eine

235
00:29:01.599 --> 00:29:07.519
 windische Slowenin, gewesen. Er ist von den Jesuitern vor neun Jahren

236
00:29:07.519 --> 00:29:13.000
 katholisch gemacht worden. Im Glauben soll er recht eifrig sein, wiewohl er die römischen

237
00:29:13.000 --> 00:29:19.539
 Geistlichen nicht ausstehen mag. Muss wohl allerhand gelten, sonst wäre er vor zwei Jahren

238
00:29:19.539 --> 00:29:26.140
 nicht Graf geworden. Möchte aber doch nicht in der Haut vom Stadthalter stecken. Er hat viel Feind und

239
00:29:26.140 --> 00:29:34.539
 viel Schulden und ist heute der bestgehassteste Mann im Landl Ob der Enz. Die Schuld an der sich

240
00:29:34.539 --> 00:29:40.519
 zerstörerisch auswirkenden Fremdherrschaft im Land wird aber nicht den Bayern zugewiesen, mit denen

241
00:29:40.519 --> 00:29:46.680
 man, ich verwende bewusst diese Diktion, Sprach- und blutsverwandt ist, sondern nur der

242
00:29:46.680 --> 00:29:53.079
 Papstkirche und ihren Institutionen wie Bischöfen und Orden, genauso wie der in den Dienst von

243
00:29:53.079 --> 00:29:59.859
 Unterdrückung und Zwangsbekehrung gestellten ausländischen Soldateska. Jene sei an sich schon

244
00:29:59.859 --> 00:30:05.819
 eine Bedrohung für die einheimische Bevölkerung. Ich bringe jetzt hier eine Stelle aus einer Zusammenkunft von Bauern,

245
00:30:05.900 --> 00:30:10.720
 wo ein Bauer beschreibt, wie er hier die kroatischen Soldaten erlebt hat.

246
00:30:10.880 --> 00:30:14.900
 Zitat, recht arg treiben es die kroatischen Reiter,

247
00:30:15.319 --> 00:30:18.339
 die durch Stehlen und Rauben, durch Stechen und Schänden.

248
00:30:18.900 --> 00:30:21.640
 Ich habe mir sagen lassen, dass viele Soldaten,

249
00:30:21.839 --> 00:30:23.839
 die grauslich Franzosenkrankheit haben,

250
00:30:24.519 --> 00:30:26.880
 ein jedes junge Weibsbild fallen sie an.

251
00:30:27.480 --> 00:30:31.460
 Könnt's euch vorstellen, wie unser gutes Landlerblut versaut wird?

252
00:30:32.180 --> 00:30:37.099
 Möcht nicht sehen, wie die Nachfahrer ausschauen in 50 oder 100 Jahr.

253
00:30:39.500 --> 00:30:47.440
 Vom Wesen her modelliert Itzinger seinen Stephan Fattinger als eine Führergestalt, die charismatisch,

254
00:30:47.859 --> 00:30:54.819
 naturbegabt, nicht geistig verbildet und, ganz wichtig, durch eine Wahl vom Volk legitimiert

255
00:30:54.819 --> 00:31:02.119
 ist. Er gerät zum Volkshelden. Die Bauern aber werden im Stich gelassen, hintergangen und verraten,

256
00:31:02.559 --> 00:31:09.380
 wobei der Verrat fremdmotiviert ist, weil er von Rom und von Verleiteten aus dem eigenen Volk betrieben würde.

257
00:31:10.200 --> 00:31:18.619
 Selbst die Gewehrkugel, die Fattinger beim Umreiten der Linzer Stadtmauern aus dem Landhaus trifft, ist bei Itzinger derartig motiviert.

258
00:31:19.019 --> 00:31:23.720
 Das zeigt ein eindrückliches Bild, das an den Verrat Jesu durch Judas erinnert.

259
00:31:23.720 --> 00:31:27.559
 Ein Jesuit weist auf Fattinger, den die Salven

260
00:31:27.559 --> 00:31:35.660
 treffen sollen. Das historische Geschehen verankert Itzing in einem größeren Kontext. Demnach sind die

261
00:31:35.660 --> 00:31:40.700
 Vorgänge in Oberösterreich nicht bloß ein regionalgeschichtliches Ereignis, sondern sie

262
00:31:40.700 --> 00:31:49.400
 werden als Teil bzw. Fortsetzung jener Bewegung gesehen, die knapp ein Jahrhundert zuvor das Deutsche Reich erschüttert hat.

263
00:31:50.319 --> 00:31:57.359
 Wolf Madelseder, ein steirer Bürger und Eisenhändler, charakterisiert in Roman Fattinger so.

264
00:31:58.339 --> 00:32:04.019
 Ein Kämpfer ist er gewesen fürs reine Gotteswort und um das deutsche Recht.

265
00:32:04.819 --> 00:32:07.900
 Dazu hat ihn gedrängt sein deutsches Blut.

266
00:32:08.799 --> 00:32:16.019
 Er hat die Bauernschaft geweckt und nachher auch geführt. Untadelig war sein Leben und sein Sterben.

267
00:32:16.880 --> 00:32:27.619
 Die Liebzer Heimat und zu seinem Stand hat ihn so groß beseelt, dass er gar oft sein Haus und Hof, sein Weib und Kind und auch sich selbst darauf vergessen

268
00:32:27.619 --> 00:32:35.460
 hat. Ein Bauer ist er nur gewesen, aber den Adel hat er getragen in seinem Blut und seinem ganzen

269
00:32:35.460 --> 00:32:42.900
 Wesen. Hier fallen die Stichwörter zu jener Ideologie, auf der dieser Roman und Itzingers

270
00:32:42.900 --> 00:32:47.099
 Werke zu den oberösterreichischen Bauernkriegen grundsätzlich fußen,

271
00:32:47.680 --> 00:32:53.420
 zur völkischen Lehre von Blut und Boden mit der ihr innewohnenden Idee vom Bauernadel

272
00:32:53.420 --> 00:32:58.819
 sowie zu jenem Geschichtsbild, das im Nationalsozialismus propagiert werden sollte.

273
00:32:59.740 --> 00:33:03.440
 In diesem Licht besehen werden die Bauernkriege zum Volkstumskampf.

274
00:33:03.440 --> 00:33:05.599
 Es geht um nichts Geringeres als

275
00:33:05.599 --> 00:33:13.700
 um die Bewahrung nationaler Eigenart und Selbstbehauptung. Die Deutungshoheit über die

276
00:33:13.700 --> 00:33:20.799
 oberösterreichischen Bauernkriege beanspruchen aber auch Schriftsteller, die der Sozialdemokratie oder

277
00:33:20.799 --> 00:33:26.400
 dem Kommunismus nahestehen. Ein kleines Beispiel, das unmittelbar von Itzingers

278
00:33:26.400 --> 00:33:32.519
 Frankenburger Würfelspiel angeregt worden sein dürfte, ist das ebenfalls Open-Air-Aufzuführende

279
00:33:32.519 --> 00:33:40.019
 Ein Spiel vom Bauernkrieg von Gustav Slekow, das 1926 in Pänchen proletarische Feste,

280
00:33:40.440 --> 00:33:47.500
 Gedichte und Dramen für Arbeiterfeste publiziert worden ist. Der Grazer Slekow muss damals in Linz

281
00:33:47.500 --> 00:33:53.440
 gelebt haben und als Funktionär aufgetreten sein, seine Vita verliert sich aber im Dunkel der

282
00:33:53.440 --> 00:34:01.259
 Geschichte. Die Reigenstruktur des nur fünfseitigen Spiels erinnert an den mittelalterlichen Totentanz.

283
00:34:02.259 --> 00:34:47.239
 Der Tod führt die Stände hinter sich her, die Bauern sind Vorläufer des proletarischen Kampfes Zitat die Verstummten aus ihren Banden reißt. Nicht Himmelsglaube wird sie erhöhen, aus eigener Kraft

284
00:34:47.239 --> 00:34:54.599
 wird die Freiheit erstehen. Nur der Arbeitwille, die Arbeit schafft frei, die Menschheit aus Not

285
00:34:54.599 --> 00:35:03.539
 und Tyrannei. In den 1930er Jahren bis zur Mitte der 1940er unter den gesellschaftspolitischen

286
00:35:03.539 --> 00:35:05.780
 Verhältnissen des Austrofaschismus sowie

287
00:35:05.780 --> 00:35:12.800
 Nationalsozialismus haben freilich Autoren des rechten Flügels die Oberhand. Neben Karl Itzinger

288
00:35:12.800 --> 00:35:18.960
 und Josef Hies, einem Wanderlehrer des Deutschen Schulvereins Südmark, zählen der Journalist und

289
00:35:18.960 --> 00:35:29.679
 Dichter Karl Hans Watzinger, der Dramatiker Hermann Heinz Ortner, der Südböme Hans Watzlik sowie der Schriftsteller Richard Neudorfer zu deren Vertretern.

290
00:35:30.619 --> 00:35:36.739
 Neudorfer, der aus Rüstorf bei Schwanenstadt kommt, beschäftigt sich im Roman Unterm Frohnjoch

291
00:35:36.739 --> 00:35:43.360
 mit der eingangs erwähnten zweiten oberösterreichischen Bauenerhebung der Jahre 1594 bis 1597.

292
00:35:48.300 --> 00:35:55.159
 Bauenerhebung der Jahre 1594 bis 97. Tatsächlich ist das Werk eine im historischen Kleid versteckte Kritik an den klerikalen Machtverhältnissen des Ständestaats. Dagegen schenkt der aus Bad

293
00:35:55.159 --> 00:36:00.280
 Kreuzen gebürtige Hermann Heinz Ortner dem oberösterreichischen Bauernführer seine

294
00:36:00.280 --> 00:36:06.400
 Aufmerksamkeit. In Stephan Fadinger inszeniert er dramaturgisch effektvoll einen

295
00:36:06.400 --> 00:36:11.400
 nächtlichen Disput zwischen Fadinger und Herbersdorf bei einem frei erfundenen Treffen.

296
00:36:12.320 --> 00:36:18.380
 Verständigung und Barmherzigkeit haben keine Chance, weil beide Männer um ihre jeweiligen

297
00:36:18.380 --> 00:36:27.079
 Glaubensgrundsätze nicht verhandeln. Ortner figuriert mit Fadinger einen Idealtypus des nationalsozialistischen deutschen

298
00:36:27.079 --> 00:36:34.460
 Helden und Anführers, der sein Leben für Glauben, Volk und Heimat gibt. Diesen Gedanken verschärft

299
00:36:34.460 --> 00:36:43.000
 Ortner 1941 in der adaptierten Fassung des Stücks »Der Bauernhauptmann noch«. Nach dem Zweiten

300
00:36:43.000 --> 00:36:48.539
 Weltkrieg, und damit komme ich zum Schluss, scheint die literarische Konjunktur

301
00:36:48.539 --> 00:36:55.400
 der oberösterreichischen Bauernkriege gebrochen. Das Thema findet aber bescheidener als zuvor seine

302
00:36:55.400 --> 00:37:05.960
 Fortsetzung. 1976 zur 350-Jahr-Erinnerung richtet Oberösterreich eine Landesausstellung im Linzer Schloss bzw. in

303
00:37:05.960 --> 00:37:13.159
 Scharnstein aus. Die Gemeinde St. Agatha beauftragt den Lehrer und Schriftsteller Karl Martin Eckmeier

304
00:37:13.159 --> 00:37:19.480
 mit dem Stück »So wolle Gott uns gnädig sein«, musikalisch unterlegt vom Everdinger Komponisten

305
00:37:19.480 --> 00:37:26.519
 Fridolin Dallinger. Das Freilichtspiel schildert Leben und Sterben des Bauernhauptmannes. Es wird bis

306
00:37:26.519 --> 00:37:34.440
 heute von einem Leinensemble regelmäßig dargeboten. Das Linzer Landestheater führt am 2. September

307
00:37:34.440 --> 00:37:44.059
 76 Helmut Eders Oper Der Aufstand, ein Auftragswerk der oberösterreichischen Landesregierung, erstmals

308
00:37:44.059 --> 00:37:47.320
 auf. Für das Libretto zeichnet die damals schon

309
00:37:47.320 --> 00:37:53.019
 in Leonding bei Linz lebende Schriftstellerin Gertrud Fusenegger verantwortlich, die sich

310
00:37:53.019 --> 00:37:58.900
 zeitgleich in einem Essay für die oberösterreichischen Heimatblätter mit den Bauernkriegen beschäftigt.

311
00:37:58.900 --> 00:38:06.059
 Dem Musiktheater sollte es vorbehalten bleiben, den Stoff ins 21. Jahrhundert zu führen.

312
00:38:07.039 --> 00:38:14.440
 Am 8. Februar 2014 hat in Linz die Oper Fadinger oder die Revolution der Hutmacher ihre Premiere,

313
00:38:14.440 --> 00:38:22.039
 ein Gemeinschaftswerk des Komponisten Ernst Ludwig Leitner und des Schriftstellers Franz Sobel.

314
00:38:23.360 --> 00:38:26.800
 Wir dürfen gespannt sein, wie Literaturschaffende das

315
00:38:26.800 --> 00:38:32.699
 Thema der oberösterreichischen Bauernkriege in der Gegenwart und in Zukunft rezipieren werden.

316
00:38:33.420 --> 00:39:03.000
 Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Applaus

317
00:39:03.000 --> 00:39:07.300
 Danke für die Einladung, danke für diesen sehr interessanten Vortrag.

318
00:39:07.300 --> 00:39:08.699
 Vieles gelernt.

319
00:39:10.880 --> 00:39:18.719
 Und ich schließe an mit einer Werkschau aus dem Theaterstück,

320
00:39:18.940 --> 00:39:32.559
 das ich gemeinsam mit, also in Kooperation mit dem Theaterspektakel Willering für die Kommunale derzeit erarbeite.

321
00:39:32.679 --> 00:39:40.539
 Es ist schon geschrieben, es wird gerade vom Regisseur, vom Joachim Radtke, für die Bühne aufbereitet.

322
00:39:40.539 --> 00:39:48.579
 Und Rudolf Jung wird Komponist, mit dem ich auch schon bei Bruckner's Affe zusammengearbeitet habe

323
00:39:48.579 --> 00:39:54.340
 und bei anderen Projekten machte, komponierte die Musik dazu,

324
00:39:54.880 --> 00:39:59.960
 denn wir haben es eine theatralische Spurensuche mit Musik genannt.

325
00:40:01.880 --> 00:40:03.539
 So schaut es aus im Moment.

326
00:40:03.539 --> 00:40:06.099
 So schaut es aus im Moment.

327
00:40:19.300 --> 00:40:26.059
 Ich lese Ihnen daraus kurze Abschnitte vor, nur damit Sie einen Eindruck bekommen, wie ich das auf, wo schon auch die Aufführungstermine,

328
00:40:26.139 --> 00:40:32.159
 die beiden in Everding und in Willering angeführt sind.

329
00:40:33.539 --> 00:40:35.320
 Ich habe mir das jetzt so gedacht.

330
00:40:35.980 --> 00:40:37.880
 Ich erzähle gar nicht allzu viel davon.

331
00:40:38.519 --> 00:40:43.400
 Das Theaterstück heißt Kasparus oder Fünf Knöpfe aus Bein.

332
00:40:43.539 --> 00:40:50.219
 Über diese Fünf Knöpfe werden wir nachher noch sprechen, haben wir gesagt, und etwas mehr über die Beweggründe.

333
00:40:51.119 --> 00:41:05.260
 Dieser Kasparus ist eine chronisch verbriefte Figur, das ist eben ein Student gewesen, der als Prädikant, Prädikant ist das richtige Wort, ja, genau, ist mir gerade nicht ganz eingefallen.

334
00:41:05.679 --> 00:41:10.559
 Quasi eine Art Laienprediger, könnte man sagen, ein Protestantischer aus Passau,

335
00:41:10.739 --> 00:41:16.219
 kommend im Frühsommer 1626 in Aschach angelandet ist.

336
00:41:16.280 --> 00:41:23.079
 Man findet ganz wenig in den Chroniken über ihn, aber er war als Bauernführer dann tätig,

337
00:41:23.079 --> 00:41:25.019
 so kann man es sagen,

338
00:41:29.079 --> 00:41:29.860
 und hat dann auch ein grausames Ende gefunden.

339
00:41:33.320 --> 00:41:40.659
 Das Theaterstück ist so aufgebaut, ich habe vier Predigten geschrieben, die sind auf Deutsch, also auf Hochdeutsch oder auf Altenösterreichisch.

340
00:41:40.760 --> 00:41:43.340
 Es ist eine alte Sprache, Sie werden das gleich sehen.

341
00:41:43.880 --> 00:41:47.760
 Ich habe da versucht, mich ein bisschen auch so in die Vergangenheit zu denken.

342
00:41:48.780 --> 00:41:52.380
 Und es gibt fünf Szenen, die im Dialekt verfasst sind.

343
00:41:52.659 --> 00:42:02.260
 Ich werde das jetzt so ausschnittweise vorlesen, zwei Predigten und Ausschnitte aus zwei Szenen.

344
00:42:02.380 --> 00:42:04.980
 Und fange an mit der ersten Szene.

345
00:42:04.980 --> 00:42:06.199
 Die spielt

346
00:42:06.199 --> 00:42:07.840
 in Aschach.

347
00:42:08.039 --> 00:42:09.880
 Der Kasparus ist schon hier,

348
00:42:09.980 --> 00:42:12.079
 hat schon seine Anfangsrede

349
00:42:12.079 --> 00:42:14.019
 gehalten und hier

350
00:42:14.019 --> 00:42:15.940
 treffen wir eine Bäuerin und

351
00:42:15.940 --> 00:42:17.920
 einen Schopper. Ein Schopper,

352
00:42:18.039 --> 00:42:19.900
 das ist ein Schiffsbauer gewesen.

353
00:42:21.219 --> 00:42:21.900
 Da gibt es auch

354
00:42:21.900 --> 00:42:23.559
 den Schopperplatz in Aschach

355
00:42:23.559 --> 00:42:26.059
 und der ist noch nicht lange da

356
00:42:26.059 --> 00:42:27.860
 der ist erst seit ein paar Tagen hier

357
00:42:27.860 --> 00:42:30.860
 die Bäuerin ist eine reiche Bäuerin

358
00:42:30.860 --> 00:42:32.840
 von einem wohlhabenden Hof

359
00:42:32.840 --> 00:42:36.400
 und die beiden begegnen sich misstrauisch

360
00:42:36.400 --> 00:42:40.260
 sie kennt ihn nicht, er weiß nicht wie sie eingestellt ist

361
00:42:40.260 --> 00:42:42.340
 sie hat so ein kleines Sackerl dabei

362
00:42:42.340 --> 00:42:44.139
 das schaut aus wie eins dieser Täschchen

363
00:42:44.139 --> 00:42:45.840
 wo man früher einen Rosenkranz drinnen

364
00:42:45.840 --> 00:42:48.039
 gehabt hat. Er sieht das und bringt

365
00:42:48.039 --> 00:42:49.940
 das in Verbindung mit alten Bildern,

366
00:42:50.000 --> 00:42:52.099
 die er hat. Ich glaube, der Rest

367
00:42:52.099 --> 00:42:53.960
 erklärt sich dann

368
00:42:53.960 --> 00:42:55.400
 aus dem, was ich vorlese.

369
00:42:55.880 --> 00:42:57.820
 Wundern Sie sich nicht über den Dialekt,

370
00:42:57.920 --> 00:43:00.139
 das ist jetzt nicht so der ganz arge Dialekt,

371
00:43:00.280 --> 00:43:01.820
 das müssen dann auch die beiden

372
00:43:01.820 --> 00:43:03.980
 Schauspieler, also ein Schauspieler und eine

373
00:43:03.980 --> 00:43:08.000
 Schauspielerin, die diese Rollen spielen, für sich adaptieren.

374
00:43:09.400 --> 00:43:15.300
 Also, der Shopper sagt zum Publikum, was wird in den Taschern sein?

375
00:43:15.460 --> 00:43:16.639
 Vielleicht ein Rosenkranz?

376
00:43:17.960 --> 00:43:22.699
 Ich kenne eine Katholische, die tragt ihren Rosenkranz in genau so einem lederen Tascherl um,

377
00:43:22.780 --> 00:43:26.460
 hängt um den Hals, versteckt sie in ihrer Bluse und denkt,

378
00:43:26.900 --> 00:43:32.179
 die Leute wissen nicht um ihren Glauben, als wie wenn das bei uns daheim, wenn juckt,

379
00:43:32.280 --> 00:43:37.880
 im Gegenteil, kannst ruhig offen tragen, das Hosenkranzl bei uns daheim, da herrscht ein anderer Wind.

380
00:43:38.599 --> 00:43:46.239
 Und dann geht die Handlung etwas weiter und die Bäuerin merkt aber das, dass der so misstrauisch hinschaut

381
00:43:46.239 --> 00:43:47.119
 und sagt dann,

382
00:43:48.000 --> 00:43:50.059
 macht dann das Tascherl auf und sagt dann,

383
00:43:51.260 --> 00:43:52.119
 so, jetzt habe ich es,

384
00:43:52.199 --> 00:43:54.019
 schau, ich nehme das Tascherl fürs

385
00:43:54.019 --> 00:43:56.300
 kleine Zeug, da die Knöpfe,

386
00:43:56.360 --> 00:43:58.219
 und sie hat fünf Knöpfe drinnen, aus Bein,

387
00:43:58.659 --> 00:43:59.900
 die Knöpfe habe ich bestellt beim

388
00:43:59.900 --> 00:44:02.099
 Schneider, das Gewand nehmen wir

389
00:44:02.099 --> 00:44:03.940
 uns eh selber in der eigenen Stube, aber

390
00:44:03.940 --> 00:44:05.199
 die Knöpfe, so schöne,

391
00:44:05.699 --> 00:44:07.619
 wenn man solche haben will, die muss man

392
00:44:07.619 --> 00:44:09.639
 bestellen. Und der meinige,

393
00:44:09.739 --> 00:44:11.519
 der kriegt ein neues Hemd für den

394
00:44:11.519 --> 00:44:13.539
 Festtag, der brauche ich fünf

395
00:44:13.539 --> 00:44:14.000
 Knöpfe.

396
00:44:15.880 --> 00:44:17.000
 Der Shopper sagt dann,

397
00:44:18.119 --> 00:44:19.500
 schöne Knöpfe, hat nicht

398
00:44:19.500 --> 00:44:21.619
 jeder, die hätten mir auch gefallen,

399
00:44:21.760 --> 00:44:23.800
 aber unser eins, der pinzt sein Hemd

400
00:44:23.800 --> 00:44:25.980
 und seine Hosen mit einem Strick und Goodies.

401
00:44:27.579 --> 00:44:29.260
 Pass auf, dass sie da nicht verloren gehen.

402
00:44:30.119 --> 00:44:33.539
 Und die Bäuerin, ich gebe schon Acht auf meine Sache,

403
00:44:33.659 --> 00:44:34.679
 brauchst keine Angst haben.

404
00:44:35.599 --> 00:44:37.599
 Das Verlieren, das besorgt bei uns der Mann.

405
00:44:38.420 --> 00:44:40.400
 Die Knöpfe, wenn nicht gescheit angenäht sind,

406
00:44:40.480 --> 00:44:41.860
 sind weg beim ersten Tragen.

407
00:44:42.380 --> 00:44:46.179
 Glaub mir, Schopper, so eine Schnur um den Leib ist bei der Arbeit

408
00:44:46.179 --> 00:44:48.260
 gescheiter. Und jetzt pfiat die.

409
00:44:48.599 --> 00:44:50.239
 Dahinten rennen schon wieder die Leute zusammen.

410
00:44:50.539 --> 00:44:51.179
 Ich muss heim.

411
00:44:52.000 --> 00:44:53.679
 Auf dass du gut einlebst bei uns.

412
00:44:54.360 --> 00:44:55.199
 Und dann geht sie ab.

413
00:44:56.099 --> 00:44:57.480
 Und dann hat der Schopper so eine Art

414
00:44:57.480 --> 00:45:00.099
 Schlussmonolog in der Szene. Er sieht ihr nach

415
00:45:00.099 --> 00:45:01.280
 und sagt,

416
00:45:02.179 --> 00:45:04.079
 als ob ich nichts

417
00:45:04.079 --> 00:45:04.940
 arbeiten tät.

418
00:45:05.840 --> 00:45:08.920
 Als ob ich nicht wüsst, was los ist im Land.

419
00:45:09.840 --> 00:45:13.079
 Es gibt einen guten Grund, warum ich weg bin aus dem Salzburgischen,

420
00:45:14.039 --> 00:45:16.360
 aber den Grund wird da keiner erfahren,

421
00:45:16.960 --> 00:45:20.139
 den habe ich tief eingegraben in mir und dort bleibt er.

422
00:45:21.539 --> 00:45:23.880
 Der Herr Vater und Frau Mutter haben alles gehabt,

423
00:45:23.880 --> 00:45:25.280
 damit ich fortgehen kann.

424
00:45:26.300 --> 00:45:27.820
 Sogar das Katholische angenommen.

425
00:45:28.579 --> 00:45:29.159
 Wegen mir.

426
00:45:29.719 --> 00:45:30.619
 Droht haben sie ihnen.

427
00:45:31.340 --> 00:45:35.900
 Euer Bub, haben sie gesagt, der wird den Kerker nicht überleben, wenn ihr euch weigert.

428
00:45:36.559 --> 00:45:41.679
 Die ganze Gemeinde hat mitgeholfen, die Eltern zu quälen und zu beinigen, damit sie nachgeben.

429
00:45:42.880 --> 00:45:46.099
 Dann bewegt er sich heftig und hält sich die Seite, weil ihm da

430
00:45:46.099 --> 00:45:46.719
 was weh tut.

431
00:45:48.860 --> 00:45:50.300
 Gut, hat niemand gesehen.

432
00:45:50.639 --> 00:45:51.579
 Braucht keiner wissen,

433
00:45:52.019 --> 00:45:54.139
 dass wir vor dem Freilassen

434
00:45:54.139 --> 00:45:55.980
 noch einen Denkzettel mitgeben haben,

435
00:45:56.699 --> 00:45:57.699
 damit ich nicht vergiss,

436
00:45:58.179 --> 00:45:59.219
 wenn ich zurückkäme,

437
00:45:59.920 --> 00:46:01.960
 wären es nicht nur meine Knochen, die brechen.

438
00:46:03.480 --> 00:46:04.300
 Aber zurückkommen

439
00:46:04.300 --> 00:46:05.199
 werde ich und dann.

440
00:46:05.920 --> 00:46:09.000
 Dann zeigt euch der Schopper Jörg, was eine Faust ist und ein Hammer

441
00:46:09.000 --> 00:46:12.639
 und was er denkt von eurer Pfarrer und eurer Kommunion.

442
00:46:14.039 --> 00:46:17.519
 Vertreiben lasse ich mich nimmer und mein Glauben lasse ich mich auch nicht nehmen.

443
00:46:18.280 --> 00:46:20.059
 Lieber sterbe ich, als dass ich den verliere.

444
00:46:21.119 --> 00:46:24.480
 Was hat man schon gerbt von seinen Eltern und seinen Großeltern?

445
00:46:25.320 --> 00:46:28.219
 Das Wissen um eine Freiheit, um das wahre Wort.

446
00:46:28.679 --> 00:46:32.659
 So wie der Luther es predigt hat oder der Student Kasparus.

447
00:46:33.739 --> 00:46:35.719
 Zu uns einfache Leute möchte er gehören.

448
00:46:36.159 --> 00:46:38.739
 Wir, hat er gesagt, folgen soll man ihm.

449
00:46:39.519 --> 00:46:42.019
 Und daran glauben, dass er von Gott geschickt worden ist.

450
00:46:42.699 --> 00:46:44.380
 Nein, das schaue ich mir an.

451
00:46:48.519 --> 00:46:50.239
 Spuckt, das mache ich jetzt nicht und geht ab.

452
00:46:56.000 --> 00:46:58.880
 Der Hintergrund ist der, dass im Salzburgischen zu der Zeit ja eher das Katholische, die Leute mehrheitlich katholisch waren.

453
00:47:06.360 --> 00:47:06.519
 Das war jetzt so diese erste Anfangsszene, also eigentlich ist sie noch der ersten Predigt.

454
00:47:11.099 --> 00:47:11.639
 Ich lese jetzt die zweite Predigt vor und jetzt wird es ein bisschen getragen und ein bisschen lyrisch.

455
00:47:16.440 --> 00:47:20.179
 Das wird dann verdont und gesungen im Stück.

456
00:47:22.039 --> 00:47:24.059
 Das sagt es der Kasparus.

457
00:47:26.480 --> 00:47:27.639
 Sanft wollen wir sein und dürfen es nicht.

458
00:47:33.900 --> 00:47:34.280
 Sanft in Jesu Angesicht, sanft ein Leben fristen, weil es den Teufel juckt zur Qual.

459
00:47:38.920 --> 00:47:39.139
 Ihr fragt euch wohl, ob es Gott gefallen, wenn ihr zu euren Waffen greift,

460
00:47:44.880 --> 00:47:47.420
 zu dem, was ein redlich Mensch an Waffen haben kann, womit er Korn trischt, womit er's Vieh sticht und Fleisch hackt,

461
00:47:47.800 --> 00:47:52.460
 was fehlen wird am Hof, heißt's und beißt's und fragt über Frag

462
00:47:52.460 --> 00:47:57.960
 von euren weltlich Herrn, womit der Knecht empflügen soll,

463
00:47:58.300 --> 00:48:03.380
 dreschen und stechen und hacken, dass all dies Ding am Hof bleiben mag

464
00:48:03.380 --> 00:48:07.179
 und auch er, er selbst, der Bauer selbst bei seinem Sach,

465
00:48:08.460 --> 00:48:14.539
 will die Herrschaft, dem er gehört, mit allem Hab und Gut und seiner Seele, so der Befehl.

466
00:48:15.119 --> 00:48:22.780
 Und noch drauf die Angst der Weiber fordert auch beim Sach zu bleiben, brav zu schweigen von euch, die Frau.

467
00:48:22.780 --> 00:48:24.400
 zu bleiben, brav zu schweigen, von euch, die Frau.

468
00:48:27.940 --> 00:48:28.420
 Wehr dich nicht gegen das, für das es keine Abwehr gibt,

469
00:48:31.239 --> 00:48:31.920
 weil es nicht zum Wehren ist, sagt.

470
00:48:34.900 --> 00:48:36.099
 Sie fühlt es, fühlt es, genau.

471
00:48:39.400 --> 00:48:40.139
 Füg dich und denk an deine Pflicht, flüstert sie.

472
00:48:43.039 --> 00:48:43.159
 Denk an die Mäuler, die zum Stopfen sind,

473
00:48:45.300 --> 00:48:45.760
 an das eine Kind, das andere Kind.

474
00:48:47.619 --> 00:48:48.440
 Die Schüssel bleibt leer.

475
00:48:53.219 --> 00:49:02.860
 Hör, hölzern, Löffel schlagen in hölzernes Rund und klopfen und klopfen. Und, meint die Frau, damit dir, Bauer, ihre Furcht ins Hirn einzutropfen und Mitleid ins Herz.

476
00:49:04.460 --> 00:49:10.460
 Sanft wollen wir sein und dürfen es nicht. Dürfen nicht hören aufs

477
00:49:10.460 --> 00:49:17.079
 Herz der Frau, die weiter nicht denkt, die nicht länger als ein Spahn brennen kann. Denkt nur

478
00:49:17.079 --> 00:49:25.519
 Mäuler, die zu stopfen sind in einer Stunde der nächsten Stunde. Denkt ans Geplärr von Kind und Rind und Hof und Stall,

479
00:49:26.239 --> 00:49:30.500
 ans Vieh, ans Feld, aber nicht ans Land, nein,

480
00:49:30.500 --> 00:49:35.699
 ans Recht, ans gottgewollte Recht, verschwendet sie kein Kornverstand.

481
00:49:36.840 --> 00:49:43.260
 Bauer, dein ist das Land, dein Knecht, der braucht kein Zeug für Acker, Stall und Scheune.

482
00:49:43.980 --> 00:49:46.440
 Den nimmst du mit auf ein besseres Feld,

483
00:49:47.139 --> 00:49:50.719
 wo kein Hafer wird bestellt, wo es um das Recht geht,

484
00:49:51.059 --> 00:49:53.460
 unseren Glauben frei zu bekennen

485
00:49:53.460 --> 00:49:59.360
 und nicht dem Belieben ausgesetzt jener, die sich Herrscher nennen.

486
00:50:00.619 --> 00:50:01.679
 Ein für alle Zeit.

487
00:50:02.559 --> 00:50:05.119
 Was ist ein Hungerjahr gegen die Ewigkeit?

488
00:50:05.940 --> 00:50:07.340
 Bauer, musst bekennen.

489
00:50:08.500 --> 00:50:10.940
 Sanft wollen wir sein, wie es Gott gewollt.

490
00:50:11.739 --> 00:50:15.519
 Sanft werden wir sein, wenn sich das wahre Wort erfüllt.

491
00:50:15.679 --> 00:50:18.940
 Der Hunger, das Leid, auf alle Zeit gestillt.

492
00:50:19.519 --> 00:50:24.000
 Sanft wirst du sein, aber jetzt sei bereit.

493
00:50:25.199 --> 00:50:27.199
 Das ist so die zweite Predigt gewesen.

494
00:50:28.159 --> 00:50:33.380
 Jetzt kommen wir zu einer Szene,

495
00:50:33.900 --> 00:50:37.500
 die ist übertitelt mit Kleinhäusler.

496
00:50:38.699 --> 00:50:43.000
 Da habe ich einen Dialog eines Ehepaars.

497
00:50:43.920 --> 00:50:45.880
 Er ist Knecht bei einem Großbauern.

498
00:50:45.880 --> 00:50:48.139
 Sie hilft dort der Bäuerin.

499
00:50:48.780 --> 00:50:50.940
 Sie ist eine Aushilfe dort am Hof für die Bäuerin.

500
00:50:52.099 --> 00:50:55.099
 Die haben ein kleines Sacherl im Wald,

501
00:50:55.639 --> 00:50:57.539
 ziemlich abgelegen, ziemlich versteckt.

502
00:50:57.659 --> 00:51:00.780
 Eigentlich könnten sie sich dort auch ziemlich sicher fühlen

503
00:51:00.780 --> 00:51:05.739
 vor den Landsknechten, die durchs Land ziehen.

504
00:51:06.340 --> 00:51:12.559
 Aber er kommt heim und sagt quasi, es ist so weit, es hat der Bauer gesagt,

505
00:51:14.019 --> 00:51:22.480
 er muss mit ihm mit in den Aufstand, in den Krieg ziehen und sagt zu seiner Frau,

506
00:51:23.619 --> 00:51:26.719
 es muss sein Frau, er lässt mich nicht aus,

507
00:51:27.659 --> 00:51:31.280
 an seiner Seite will er mich haben, sagt, es dauert nicht lang und dann ist es vorbei

508
00:51:31.280 --> 00:51:33.199
 und wir kommen wieder zurück.

509
00:51:35.719 --> 00:51:39.860
 Die Frau, er auf seinen Hof und du und der Mann.

510
00:51:41.760 --> 00:51:47.000
 Er sagt, dass es dann besser wird, dass er sie einsetzen wird bei der Gemeinde wegen unserer

511
00:51:47.000 --> 00:51:53.400
 Pacht, dass die Obrigkeit uns die Abgaben erleichtern wird. Sogar in Kaiser Ferdinand

512
00:51:53.400 --> 00:52:01.400
 haben sie eine Bittschrift geschickt, damit der Frieden kommt. Und die Frau? Und du glaubst es?

513
00:52:02.179 --> 00:52:05.940
 Wo ist denn deine Rüstung und wo ist dein Schwert?

514
00:52:10.260 --> 00:52:11.460
 Soll ich dir, der Vater, draußen auf der Bank die Sensen frisch stängeln, damit es nicht schneit?

515
00:52:15.539 --> 00:52:16.480
 Pass auf, jetzt habe ich ganz darauf vergessen, dass wir gar keine Sensen haben.

516
00:52:20.099 --> 00:52:20.840
 Warte, ich renne um zu der Rechingerin, die braucht die Ehre eh nicht mehr.

517
00:52:26.179 --> 00:52:27.800
 Wo doch der Mann und die Buben schon niedergemacht worden sind von einer anderen Sensen und die Mutter nichts mehr rät und tut

518
00:52:27.800 --> 00:52:29.559
 vor lauter Scham wegen der Schand.

519
00:52:31.000 --> 00:52:32.219
 Weißt, wie die

520
00:52:32.219 --> 00:52:34.300
 gekommen sind, hat sich die junge

521
00:52:34.300 --> 00:52:36.119
 Reschingerin mit ihren Kleinen gerade noch

522
00:52:36.119 --> 00:52:38.380
 verstecken können und ihre Mutter

523
00:52:38.380 --> 00:52:39.760
 hat sie vor die Tür gestellt,

524
00:52:40.679 --> 00:52:42.480
 die Landsknecht ablenken,

525
00:52:43.340 --> 00:52:44.380
 wegführen vom Liebsten,

526
00:52:44.460 --> 00:52:47.639
 wie ein Kiebitz auf dem Feld sein Brot vor einem Marder schützt.

527
00:52:48.679 --> 00:52:51.260
 Aber da nimmst du halt unser Brotmesser mit,

528
00:52:51.739 --> 00:52:54.760
 wird uns nicht fehlen ohne Brot, das wir herschneiden müssen.

529
00:52:55.760 --> 00:52:58.920
 Und Gewand, ja, was packst du dir ein an Gewand?

530
00:52:59.780 --> 00:53:02.019
 Der Vater hat nur Joppen, zieh es ihm aus,

531
00:53:02.340 --> 00:53:03.500
 er wird es nicht mehr lang brauchen.

532
00:53:03.980 --> 00:53:06.679
 Und so geht es hin und her zwischen die zwei.

533
00:53:08.539 --> 00:53:15.619
 Der Mann, der Kleinhäusler sagt dann, ja schau, der Bauer hat mir ein abgelegt Hemd mitgegeben,

534
00:53:15.619 --> 00:53:19.199
 da wären noch ein paar Knöpfe zum Annähen, also so hin und her.

535
00:53:19.539 --> 00:53:25.460
 Und die Frau sagt dann irgendwann, lass mich aus mit dem. Das kann sie nicht.

536
00:53:26.579 --> 00:53:29.679
 Mach, was du willst, geh oder bleib, aber lass mich aus damit.

537
00:53:29.840 --> 00:53:31.840
 Ich muss jetzt den Dienst, die Bäuerin wird schon warten.

538
00:53:33.219 --> 00:53:35.260
 Und wenn sie oder der Bauer mich nach dir fragen,

539
00:53:35.380 --> 00:53:36.219
 dann weiß ich von nichts.

540
00:53:36.360 --> 00:53:36.800
 Pfiat di.

541
00:53:37.800 --> 00:53:38.440
 Zögert noch.

542
00:53:39.079 --> 00:53:42.199
 Sagt dann nur mal trauriger Pfiat di bis auf die Nacht und geht.

543
00:53:43.239 --> 00:53:48.380
 Und dann gibt es auch für diesen Kleinhäusler eine Art Schlussmonolog in der Szene.

544
00:53:48.380 --> 00:53:56.039
 Er steht dann da mit dem Hemd in der Hand still, spricht erst als sie weg ist und dann auch mehr zum Publikum gerichtet.

545
00:53:58.360 --> 00:53:58.840
 Vierte.

546
00:54:00.940 --> 00:54:05.679
 Wenn's wüsst, wieviel Angst ich hab, vom Kämpfen und vom Daheimbleiben.

547
00:54:07.260 --> 00:54:09.159
 Wenn sie wüsst, wie müde ich bin,

548
00:54:09.719 --> 00:54:11.679
 vom Dienen und Ja-Sagen und Hoffen.

549
00:54:12.940 --> 00:54:15.440
 Wenn sie wüsst, wie groß meine Wut ist,

550
00:54:15.519 --> 00:54:17.219
 die ist so groß, meine Wut.

551
00:54:18.619 --> 00:54:21.139
 Das verflucht ihr Leben und keinen Ausweg gibt es.

552
00:54:22.599 --> 00:54:24.039
 Aber jetzt gibt es einen.

553
00:54:25.159 --> 00:54:28.940
 Und ja, wenn sie wüsst, was für eine Macht wir sind miteinander,

554
00:54:29.460 --> 00:54:32.679
 die Großbauern, die Klarhäusler, die Inleit, die Knecht.

555
00:54:33.480 --> 00:54:35.739
 Und von der Stadt sind auch welche dabei.

556
00:54:37.139 --> 00:54:40.880
 Wann gibt es das schon, dass alle Rang und Stand miteinander marschieren?

557
00:54:41.880 --> 00:54:44.880
 Das muss was heißen, das muss einen Erfolg geben, das muss.

558
00:54:45.940 --> 00:54:49.480
 Wir können uns dann nicht auch noch unseren Glauben verbieten lassen,

559
00:54:50.760 --> 00:54:52.099
 wenn es das einsehen wird.

560
00:54:53.139 --> 00:54:56.980
 Ist eine gescheite Frau, hat von uns zwar den mehreren Verstand,

561
00:54:57.119 --> 00:54:59.280
 so dumm, dass ich das nicht wüsste, bin ich nicht,

562
00:54:59.760 --> 00:55:01.860
 aber in der Sache ist blind.

563
00:55:03.719 --> 00:55:06.219
 Das Hemd lege ich daher und bin gewiss

564
00:55:06.219 --> 00:55:08.059
 am Abend, wenn ich heimkomme und mein Zeug

565
00:55:08.059 --> 00:55:09.280
 wird es genaht haben.

566
00:55:11.119 --> 00:55:12.019
 Wie hat er geredet,

567
00:55:12.079 --> 00:55:13.199
 der Herr Kasparus?

568
00:55:14.239 --> 00:55:16.199
 Sanft wollen wir sein und dürfen es nicht.

569
00:55:17.059 --> 00:55:18.000
 Ja, hat er gewicht

570
00:55:18.000 --> 00:55:19.900
 so eine Rede. Das

571
00:55:19.900 --> 00:55:21.639
 spürt man wie ein Starr oder

572
00:55:21.639 --> 00:55:23.059
 eine Axt in der Hand.

573
00:55:24.880 --> 00:55:27.019
 Da schlagen möchte er, wenigstens an.

574
00:55:27.420 --> 00:55:30.519
 Luft möchte kreieren, schreien mich die über so ein Leich,

575
00:55:30.519 --> 00:55:33.420
 das knurrg ist, endlich knurrg mit der Schinderei.

576
00:55:35.519 --> 00:55:37.519
 Aber der Schinder, der richtige Schinder.

577
00:55:39.800 --> 00:55:42.440
 Vergib mir, Himmelfotter, vergib mir die sündigen Gedanken.

578
00:55:42.820 --> 00:55:45.860
 Nur antupfen werde die fremden Soldaten und Landsknecht

579
00:55:45.860 --> 00:55:48.019
 mit der stumpfen Seite von der Axt.

580
00:55:48.420 --> 00:55:49.480
 Und meine nehme ich mit.

581
00:55:49.840 --> 00:55:51.980
 Die habe ich besser im Griff. Die bin ich gewohnt.

582
00:55:53.159 --> 00:55:54.940
 Gibst dein Segen drauf, Himmelfater.

583
00:55:56.619 --> 00:55:58.300
 Und dann im Abgehen sagt er noch.

584
00:55:59.360 --> 00:56:00.619
 Und jetzt hocke ich noch ein Holz,

585
00:56:00.860 --> 00:56:02.980
 hocke ich noch ein Holz, damit was da ist,

586
00:56:02.980 --> 00:56:07.860
 wenn ich fort bin, weil ohne A Angst. Aber die Reschingerin hätte

587
00:56:07.860 --> 00:56:12.199
 eh eine, wenn es gerade wäre. In den nächsten Szenen

588
00:56:12.199 --> 00:56:15.960
 gibt es dann noch einen Dialog zwischen einer Wirtin

589
00:56:15.960 --> 00:56:19.860
 und ihrem Sohn, die schickt ihn in den Krieg, die schickt ihn in den

590
00:56:19.860 --> 00:56:23.860
 Aufstand, die sagt, du musst mitgehen, weil die haben

591
00:56:23.860 --> 00:56:25.360
 einen schlechten Ruf im Ort.

592
00:56:26.619 --> 00:56:31.739
 Der Großvater, der Vater war ein katholischer.

593
00:56:33.039 --> 00:56:34.659
 Wir müssen es irgendwie ändern.

594
00:56:34.820 --> 00:56:40.719
 Und wenn du jetzt da brav mitgehst, dann kommt das Geschäft wieder zurück zu uns.

595
00:56:41.300 --> 00:56:42.820
 Also es gibt dann auch solche Szenen.

596
00:56:42.920 --> 00:56:48.099
 Es gibt dann noch eine Szene mit einer Fischers Tochter, die ihrem Oma, ihrem Onkel noch geht in den

597
00:56:48.099 --> 00:56:52.000
 Krieg, weil es das Daheim nicht mehr aushält. Also es geht mehr so eben in

598
00:56:52.000 --> 00:56:56.139
 diese Richtung des Elends. Und zum Schluss lese

599
00:56:56.139 --> 00:56:59.800
 ich jetzt noch diese letzte

600
00:56:59.800 --> 00:57:03.340
 Predigt vom Kasparus her

601
00:57:03.340 --> 00:57:04.579
 vor.

602
00:57:03.360 --> 00:57:04.079
 Predigt vom Kasparus her,

603
00:57:04.559 --> 00:57:05.199
 vor,

604
00:57:06.820 --> 00:57:09.039
 ich bin schon ganz durcheinander,

605
00:57:11.480 --> 00:57:14.000
 ist übertitelt mit Finale vor dem Tod.

606
00:57:16.059 --> 00:57:16.420
 Und es ist so gewesen,

607
00:57:19.260 --> 00:57:19.519
 dass vor dieser Schlacht am Gmuntner,

608
00:57:20.340 --> 00:57:20.739
 also vor Gmuntner,

609
00:57:23.440 --> 00:57:23.480
 da gibt es ein Wäldchen vor Gmuntner,

610
00:57:26.159 --> 00:57:27.280
 das ist dann nachher das Pappenheimer Hölzl genannt worden.

611
00:57:28.500 --> 00:57:32.500
 Zumindest habe ich das so gelesen.

612
00:57:36.880 --> 00:57:37.039
 Sonntag, den 15. November 1616 war das dann diese Schlacht.

613
00:57:40.440 --> 00:57:41.539
 Und davor ist dort anscheinend noch ein Gottesdienst gefeiert worden,

614
00:57:47.079 --> 00:57:52.079
 wo eben dieser Kasparus auch noch einmal eine Rede gehalten hat, eine quasi in den Krieg Rede. Und bei diesem Gottesdienst sind Lutherlieder

615
00:57:52.079 --> 00:57:55.780
 gesungen worden, zum Beispiel, es wollte uns Gott gnädig sein

616
00:57:55.780 --> 00:57:59.800
 und eine feste Burg ist unser Gott. Also so steht es zumindest

617
00:57:59.800 --> 00:58:00.659
 in der Chronik.

618
00:58:04.260 --> 00:58:15.860
 Und Kasparus fordert seine Streitmacht auf, ihm zu folgen in den Krieg. Auf nun, auf mit

619
00:58:15.860 --> 00:58:28.119
 Gottes Segen. Hier stehen Männer kampfbereit, kommt, senkt mit mir das Haupt ein letztes Mal in dieser Zeit vor dem, an den ihr wahrlich glaubt, zu dem ihr halten wollt.

620
00:58:29.079 --> 00:58:30.920
 Ihm schenkt ihr Leib und Leben.

621
00:58:31.800 --> 00:58:41.659
 Weil beides, Leib nicht, Leben nicht, ein Lot an Wert hätt, wird Gott nicht seinen heilgen Blick drauf richten, seine Gunst und Liebe Gnad.

622
00:58:41.659 --> 00:58:42.860
 seine Gunst und Liebe Gnad.

623
00:58:47.900 --> 00:58:48.159
 Hört gut auf meinen Rat, das kleinste Zagen, die geringste Furcht,

624
00:58:52.679 --> 00:58:54.199
 die sich in eurer Seele verbirgt und meint, dort wär's verborgen.

625
00:58:56.000 --> 00:58:56.559
 Er sieht sie wohl und wird sich fragen,

626
00:58:59.780 --> 00:59:00.280
 wieso ihr dann gesungen habt, was Luther euch gelehrt.

627
00:59:04.239 --> 00:59:04.400
 Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,

628
00:59:07.920 --> 00:59:09.000
 so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.

629
00:59:13.400 --> 00:59:13.900
 Nicht soll, muss. Ein Sieg muss her, ein Sieg, wie keiner war.

630
00:59:18.360 --> 00:59:18.559
 Muss beben jedes Herz und schreinen jedes Maul, so laut es kann.

631
00:59:24.179 --> 00:59:29.659
 Ich bin der Mann, ich mit meiner Kraft, mit meiner Tat und keiner, niemand. Ob Pfaff, ob Fürst, ob Kaiserschaft, mir an, wie ich zu glauben hab.

632
00:59:30.579 --> 00:59:38.579
 Nur einer darf's, ein einziger Herr, mein Herr im Himmel, dem die Faust sich ballt und ballt sich fest mir in der Brust.

633
00:59:39.739 --> 00:59:45.039
 Was ist mit euch? Zittern die Knie? L, lässt euch der Mut im Stich,

634
00:59:45.960 --> 00:59:50.719
 hat einer gar die große Lust, armselig wie ein Wurm nach Haus zu kriechen,

635
00:59:50.719 --> 00:59:55.719
 zu Weib und Kind, während die Kameraden auf dem Schlachtfeld

636
00:59:56.260 --> 00:59:58.679
 gegen Spieße ihrer Henker rennen?

637
00:59:59.579 --> 01:00:03.380
 Vergeblich, Satanus lässt dem Feind die freie Hand,

638
01:00:03.679 --> 01:00:06.719
 das Land, euer Land, niederzubrennen.

639
01:00:06.719 --> 01:00:13.500
 Wer gehen mag, der geh und legt zuvor die Waffen nieder, erlass sie hier für seine Brüder.

640
01:00:13.500 --> 01:00:19.679
 Habt keinen Zorn, die Hasen füß, die weg sich schleichen still und leis.

641
01:00:19.679 --> 01:00:29.760
 Das Feuer wird nicht weichen vor ihrem Haus, aber sei euch eins gewiss, verlieren wir den Kampf, ist's aus.

642
01:00:43.940 --> 01:00:47.539
 gegangen sind, zum bitteren Ende mitzugehen, mit Beil und Senz nicht Holz zu schlagen, Gras zu schneiden, sondern

643
01:00:47.539 --> 01:00:51.840
 dem Feind zu zeigen, was für ein Mensch da vor ihm steht,

644
01:00:52.480 --> 01:00:56.039
 mit heißem Blut, der sich nicht beugt und sich nicht

645
01:00:56.039 --> 01:01:00.139
 dreht, der keine Angst hat vor dem Tod. Doch sehe ich

646
01:01:00.139 --> 01:01:03.539
 hell in euren Augen das rechte Feuer glühen,

647
01:01:04.139 --> 01:01:06.139
 das gründet sich im tiefen Glauben,

648
01:01:06.219 --> 01:01:08.159
 der rein und fest auf Gott vertraut.

649
01:01:08.599 --> 01:01:09.539
 Er ist Mühle,

650
01:01:10.019 --> 01:01:12.119
 wir sind Stein. Den Feind

651
01:01:12.119 --> 01:01:13.400
 wollen wir zermalmen.

652
01:01:14.039 --> 01:01:15.320
 Männer, auf,

653
01:01:15.800 --> 01:01:18.300
 jetzt gilt's, in die Geschichte gehen wir ein.

654
01:01:19.480 --> 01:01:20.239
 Ob in den Sieg

655
01:01:20.239 --> 01:01:22.320
 wir ziehen, ob ins Elend

656
01:01:22.320 --> 01:01:24.280
 und Verderben, es wird

657
01:01:24.280 --> 01:01:28.800
 uns an Mut nicht fehlen, weil ist für uns der Herr gestorben,

658
01:01:29.519 --> 01:01:31.760
 so wollen wir auch für ihn sterben.

659
01:01:32.800 --> 01:01:36.719
 Und mit diesem Aufruf soll die letzte Predigt von Kasparus

660
01:01:36.719 --> 01:01:40.000
 vor der Schlacht vor Gmunden geendet haben.

661
01:01:40.480 --> 01:01:44.860
 Der Herr ist für uns gestorben, so wollen denn auch wir für ihn sterben.

662
01:01:46.019 --> 01:01:48.019
 Und das haben dann auch sehr viele gemacht.

663
01:01:48.739 --> 01:01:52.539
 Da sind sehr viele gestorben, unter anderem Kaspar Haus.

664
01:01:53.420 --> 01:02:24.820
 Dankeschön. Vielen Dank für die schöne Lesung, Karin Peschka, für den spannenden Vortrag, Arnold Lauffenböck.

665
01:02:22.000 --> 01:02:23.840
 eine Lesung, Karin Peschka für den spannenden Vortrag,

666
01:02:24.019 --> 01:02:26.019
 Arnold Laffenböck. Ich darf jetzt

667
01:02:26.019 --> 01:02:28.039
 noch als Dritter was beitragen zum

668
01:02:28.039 --> 01:02:29.940
 Thema. Es ist ein Text, den ich vor

669
01:02:29.940 --> 01:02:31.800
 vier Jahren geschrieben habe,

670
01:02:32.599 --> 01:02:34.159
 den ich eigentlich weglegen

671
01:02:34.159 --> 01:02:35.900
 wollte. Jetzt

672
01:02:35.900 --> 01:02:38.340
 holt mich das wieder ein, weil so ein

673
01:02:38.340 --> 01:02:39.940
 Jubiläum dann da ist und da

674
01:02:39.940 --> 01:02:41.900
 weiß man, ah, der Thomas Arst hat ja auch was

675
01:02:41.900 --> 01:02:42.980
 zu den Bauernkriegen gemacht.

676
01:02:43.860 --> 01:02:47.199
 Und jetzt ist es so, dass ich mich eigentlich wieder total angefixt bin

677
01:02:47.199 --> 01:02:49.119
 und vielleicht etwas Größeres entsteht,

678
01:02:49.239 --> 01:02:52.099
 aber man will sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

679
01:02:52.739 --> 01:02:57.219
 Ich mache einen kleinen Zeitsprung von diesem 1626er-Jahr,

680
01:02:57.380 --> 01:03:03.300
 von dieser blutigen Schlacht vor Gmunden ins 1627er-Jahr.

681
01:03:04.019 --> 01:03:06.219
 Da wird ein Schafrichter beauftragt,

682
01:03:06.460 --> 01:03:10.800
 zu einem Friedhof zu fahren und zwei Leichen auszuheben,

683
01:03:11.260 --> 01:03:14.519
 weil eine Erinnerung an die Geschichte getilgt werden soll.

684
01:03:15.239 --> 01:03:17.280
 Das ist verbürgt.

685
01:03:18.159 --> 01:03:21.360
 Das ist, glaube ich, auch die letzte Szene von Franzobels Libretto.

686
01:03:22.480 --> 01:03:30.139
 Und ich versuche, den Umweg zu nehmen über die Figur des Sohnes Scharfrichters, von der

687
01:03:30.139 --> 01:03:41.420
 Sanftmut des Scharfrichters. Krieg ist der gewohnte Zustand dieser Tage. Ein Augenblick im Feld, wo

688
01:03:41.420 --> 01:03:47.260
 Grillen zirpen, flüchtiger Traum. Der Vater hat dem Kutscher gedeutet zu halten,

689
01:03:47.980 --> 01:03:54.440
 ist aus dem Wagen, Abendsonne im Gesicht, von der Ferne sieht ihn der Sohn ins Schilf rein warten,

690
01:03:55.079 --> 01:04:02.980
 später am Ufer des Weihers ausharrend, allerhand Vögel am rötlichen Himmel, ein friedlicher Anblick.

691
01:04:03.980 --> 01:04:08.059
 Doch etwas trägt er auf den Lippen, was redet der Vater? Ein Gebet, eine Leier,

692
01:04:08.059 --> 01:04:15.000
 die er ihm, dem Sohn, früher am Kinderbett... Der Meister schweigt, so heißt's, macht Gott und die

693
01:04:15.000 --> 01:04:21.360
 Welt mit sich selbst nur aus. Nun winkt er ihn doch noch zu sich. Der Sohn springt aus der Kutsche,

694
01:04:21.360 --> 01:04:27.719
 eilt durch die Halme, versinkt fast im Sumpf. Der Vater beginnt liebevoll von der Natur zu berichten.

695
01:04:28.519 --> 01:04:29.300
 Belesen ist er.

696
01:04:30.139 --> 01:04:34.679
 Es weiß kaum jemand, dass sich der Henker zwischen den Taten gebildet.

697
01:04:35.760 --> 01:04:36.940
 Gegen alle Widerstände.

698
01:04:38.760 --> 01:04:41.199
 Unser Stand versagt uns viel.

699
01:04:41.599 --> 01:04:44.199
 Ein ordentliches Dasein, Sohn in der Gemeinde.

700
01:04:44.199 --> 01:04:45.699
 Eine Ehe wie andere,

701
01:04:46.300 --> 01:04:52.780
 eine Arbeit mit Ehre, stehen abseits, aber stehen immer noch gut, vergiss das nicht.

702
01:04:53.699 --> 01:05:00.860
 Dann stapft er zur Kutsche, die Mutter wartet, kein Wort über die drei Jämmerlichen, denen sie heute das Genick.

703
01:05:02.360 --> 01:05:08.239
 Nun aber kommt ein Tag, an dem ist es anders. Da geht dem alten Meister der Mund auf

704
01:05:08.239 --> 01:05:14.760
 und der Schafrichter Sohn vernimmt's, worauf er lange gewartet. Denn erst wenn das Erzählen

705
01:05:14.760 --> 01:05:19.920
 wirklich eintritt, wenn Worte zu beschreiben beginnen, was er ist, der Mensch und wo er steht

706
01:05:19.920 --> 01:05:27.360
 in der Welt, so denkt sich's der Sohn, der tagsüber den Menschen beim Sterben zuseht und sich abends Schauermärchen ausmalt,

707
01:05:27.480 --> 01:05:31.119
 in immer neuen Farben, immer anderer Gestalt.

708
01:05:31.519 --> 01:05:34.940
 Nur so kannst er ahnen vielleicht, was das alles hier soll,

709
01:05:35.039 --> 01:05:37.000
 wozu einer da wie ich.

710
01:05:38.699 --> 01:05:41.440
 Eben hat er noch in seiner Kammer das Nachtgebet gesprochen,

711
01:05:41.599 --> 01:05:43.340
 wie ihm die Mutter aufgetragen, sich gewaschen,

712
01:05:43.739 --> 01:05:51.719
 fast schon zur Ruhe gelegt, da hetzt der Vater rein, zieh dich an. Er erwacht erst im Morgengrauen. Draußen Hügel und

713
01:05:51.719 --> 01:06:00.440
 Wälder, alles in einem dunstigen Blau, Nebel kriecht, übers Land frische Luft. Tut gut. Der Kot in den

714
01:06:00.440 --> 01:06:06.119
 Straßen von Linz, der Schweiß der Leute, das Geplärr der Händlerinnen und Bauern im Ohr,

715
01:06:06.119 --> 01:06:12.719
 das schmerzt ihn oft. Die Einöde hier zwischen den Dörfern erscheint ihm als bessere Gegend.

716
01:06:12.719 --> 01:06:18.780
 Der Vater schnarrt. Der Sohn folgt der vorüberziehenden Landschaft. Prächtig stehen

717
01:06:18.780 --> 01:06:25.500
 bald Berge am Horizont, wie Riesen, die sich aus der Erde erheben. So spinnt er sich zusammen, der Sohn.

718
01:06:29.000 --> 01:06:29.179
 Die Kutsche hält, die Pferde werden getränkt,

719
01:06:30.659 --> 01:06:30.739
 der Vater vertritt sich die Beine,

720
01:06:35.000 --> 01:06:35.940
 sie verrichten das Nötigste, bis eine Scharreiter eintrifft.

721
01:06:38.260 --> 01:06:39.019
 Der Vater scheint sie erwartet zu haben.

722
01:06:39.840 --> 01:06:41.079
 Vier Bewaffnete.

723
01:06:43.780 --> 01:06:44.239
 Der Wagen mit dem Scharfrichter und dessen Sohn, seinem Gehilfen,

724
01:06:46.960 --> 01:06:48.380
 wird nun geleitet durch dichten Forst.

725
01:06:53.360 --> 01:06:53.940
 Im Wald ruprecht, erklärt der Vater, haben die Leute oft nichts mehr zu verlieren.

726
01:06:56.780 --> 01:06:58.159
 Wenn alles an Hab und Gut dahin, wirst du zum Plünderer.

727
01:07:06.199 --> 01:07:07.880
 Der Sohn, wachsame 17 Jahre, schön herangewachsen, aber zu mager für den Beruf, zu verträumt. Spät zwischen die Stämmen, sorgt

728
01:07:07.880 --> 01:07:09.820
 sich hier diesen alles Verlorenen

729
01:07:09.820 --> 01:07:12.119
 zu begegnen. Der helle Tag

730
01:07:12.119 --> 01:07:14.039
 verschwunden und je mehr er da hinein

731
01:07:14.039 --> 01:07:15.940
 lugt ins dichte Holz, desto

732
01:07:15.940 --> 01:07:18.099
 schwerer wird ihm der Blick. Irgendwann

733
01:07:18.099 --> 01:07:19.960
 fallen dem Rupprecht erneut die Augen zu.

734
01:07:21.619 --> 01:07:21.940
 Stunden

735
01:07:21.940 --> 01:07:24.019
 später rüttelt ihn der Vater, schnallt

736
01:07:24.019 --> 01:07:25.719
 die Tür der Kutsche auf.

737
01:07:25.719 --> 01:07:30.500
 Los, hol die Kiste und stör nicht die Totenruh.

738
01:07:30.500 --> 01:07:36.500
 Stockfinster. Eine Kerze stellt der Vater in die Laterne, stapft voran.

739
01:07:36.500 --> 01:07:40.760
 Ein Friedhof. Ein Pfaff steht am eisernen Gitter.

740
01:07:40.760 --> 01:07:51.980
 In einer der untersten Reihen, wo die frischen Gräber sind, sollen sie fündig werden. Der Sohn holt Schaufeln aus der Truhe, eine Hacke. Die Kiste stinkt noch nach den Kadavern

741
01:07:51.980 --> 01:07:58.619
 von neulich, da haben sie einige kranke Kälber fortgeschafft. Er versucht nun am Holzkreuz zu

742
01:07:58.619 --> 01:08:04.139
 erkennen, wer hier begraben liegt. Mach, raunt der Vater, schlägt mit der Hacke die feste Erde auf.

743
01:08:04.139 --> 01:08:04.920
 Mach, raunt der Vater, schlägt mit der Hacke die feste Erde auf.

744
01:08:07.179 --> 01:08:07.820
 Ein Holzsarg kommt zum Vorschein.

745
01:08:10.519 --> 01:08:10.800
 Der Vater reißt ihn aus seiner Einbettung, stemmt ihn hoch.

746
01:08:12.900 --> 01:08:14.039
 Jetzt hilf, das nächste Grab.

747
01:08:19.859 --> 01:08:20.579
 Es vergehen weitere Minuten, bis der Rupprecht auch dort einen angefaulten Sarg nach oben schleift.

748
01:08:22.500 --> 01:08:24.800
 Dann bricht der Vater sie auf.

749
01:08:38.479 --> 01:08:45.899
 Zwei Leichen, noch nicht verwest, Gewehre reingelegt, als Grab beigab, an den Fingern die Muskulatur zersetzt, sichtbar die Gebeine, Maden nisten, doch die Vater kippt den einen Sarg nun um. Soll es eine

750
01:08:45.899 --> 01:08:47.939
 ordentliche Exhumierung werden? Was bringen

751
01:08:47.939 --> 01:08:49.760
 wir sie nicht samt einem Sarg hier fort?

752
01:08:50.720 --> 01:08:52.079
 Auch der zweite fällt raus.

753
01:08:54.199 --> 01:08:55.720
 Sonderbeandächtig nur der Vater.

754
01:08:56.819 --> 01:08:58.119
 Kein gläubiger Mensch

755
01:08:58.119 --> 01:09:00.000
 ansonst. Was kann einer

756
01:09:00.000 --> 01:09:01.960
 schon groß glauben, der

757
01:09:01.960 --> 01:09:03.760
 selbst die Ausgeburt des

758
01:09:03.760 --> 01:09:06.840
 Obszönen, des Unmenschlichen als Geschäft betreibt,

759
01:09:07.579 --> 01:09:14.560
 so hat es mal ein Prediger von der Kanzel gesagt. Da war der Ruprecht heimlich in die Kapelle. Dieses

760
01:09:14.560 --> 01:09:22.100
 harte Urteil über den Beruf seiner Familie empfand er als erniedrigend. Unehrliche Leute, die Schafrichter

761
01:09:22.100 --> 01:09:27.100
 samt deren Sippschaft. Am liebsten hätte der Ruprecht damals raufgebrüllt zur Kanzel.

762
01:09:27.579 --> 01:09:32.340
 Ist aber das Recht, Herr Pfarrer, das zu vollstrecken, dann macht's doch ein anderes.

763
01:09:33.779 --> 01:09:35.399
 Daran denkt er jetzt, der Ruprecht.

764
01:09:36.600 --> 01:09:40.680
 Der Vater richtet ihm das Haupt nach vor, hält die Laternen gerade über die Toten.

765
01:09:40.680 --> 01:09:43.899
 Schau rein, sollst nicht vergessen.

766
01:09:44.739 --> 01:09:45.039
 Und flüstert ins Ohr, der Fadinger ist's. Über die Toten, schau rein, sollst nicht vergessen.

767
01:09:51.439 --> 01:09:53.180
 Und flüstert ins Ohr, der Fadinger ist's und der Zeller.

768
01:09:57.819 --> 01:09:57.920
 Mild hält die Vaterhand den Sohn, krallt plötzlich ein abrupter Zorn,

769
01:10:02.640 --> 01:10:03.579
 seine Finger tief in die Gehilfen haut, versprich's, musst immer erinnern.

770
01:10:08.600 --> 01:10:09.600
 Der Sohn starrt nun erneut auf die Leichname, vom Gestank fast betäubt.

771
01:10:13.779 --> 01:10:18.560
 Ich hol's Schwert, meint der Vater dann, dreht sich, stapft Richtung Kutsche, der einige hundert Meter entfernt von dem Friedhofstor abgestellt wurde, verschwindet im Finstern.

772
01:10:18.979 --> 01:10:21.739
 Der Ruprecht mittelt der Terne bei den beiden ausgehobenen Toten.

773
01:10:22.760 --> 01:10:24.000
 Wem soll hier der Kopf?

774
01:10:21.739 --> 01:10:22.760
 Sterne bei den beiden ausgehobenen Toten.

775
01:10:24.000 --> 01:10:25.560
 Wem soll hier der Kopf?

776
01:10:27.800 --> 01:10:28.260
 Es fröstelt ihn, Arme fest um den Bauch.

777
01:10:30.279 --> 01:10:31.659
 Der Fadinger, der Zeller.

778
01:10:34.619 --> 01:10:34.880
 Als käme es ihm aus alten Gesängen wieder in den Sinn.

779
01:10:36.819 --> 01:10:36.920
 Als hätte er schon von denen vernommen.

780
01:10:37.960 --> 01:10:39.199
 So steht da Ruprecht.

781
01:10:40.779 --> 01:10:41.859
 Es entsteht ihm ein Gemälde vor Augen.

782
01:10:44.979 --> 01:10:53.579
 Er hätte es im Kirchenschiff postieren können und sagen, da schaut es ja, das war es. Jetzt liegen sie tot vor ihm in grober Erd und warten, worauf, auf

783
01:10:53.579 --> 01:11:06.920
 Fleischenschändung? Der Sohn ist kein unpolitischer Mann. Er hat es miterlebt, wie der Vater vermehrt an die Orte im Umland zog, das Handwerk zu verrichten.

784
01:11:07.840 --> 01:11:10.020
 Den Sohn hat er zurückgelassen, wollte ihn fernhalten.

785
01:11:11.020 --> 01:11:13.479
 Länger waren die Reisen als früher häufiger.

786
01:11:14.840 --> 01:11:19.500
 Wenn's aufbegehren wächst, fallen die Richtersprüche schrecklicher aus.

787
01:11:20.279 --> 01:11:26.319
 Hat der Vater einmal am Esstisch in die Suppe reingeschwafelt und über die viele Arbeit geklagt.

788
01:11:27.319 --> 01:11:29.220
 Bald wird's ein Schafrichter für den Landkreis

789
01:11:29.220 --> 01:11:30.399
 allein nicht mehr richten können.

790
01:11:31.880 --> 01:11:33.779
 Mehr an Anstellung müsste geschaffen werden.

791
01:11:34.560 --> 01:11:36.520
 Der Stadthalter ließ dann tatsächlich aufstocken,

792
01:11:37.100 --> 01:11:38.800
 verlangte nach mehr Geld aus München.

793
01:11:39.500 --> 01:11:40.000
 München?

794
01:11:40.800 --> 01:11:43.119
 Schnaubte die Mutter, die dem Vater die Last ansah.

795
01:11:43.859 --> 01:11:46.140
 Seit die Brut im Land, so hat sie es genannt,

796
01:11:46.500 --> 01:11:48.859
 das heißt kein Wunder, dass überall die Zündelei.

797
01:11:50.100 --> 01:11:52.279
 Und mit wachem Auge ist der Ruprecht damals

798
01:11:52.279 --> 01:11:55.939
 im Jahr der unglücklichen Toten über die Gassen.

799
01:11:56.539 --> 01:11:58.699
 Der Ruprecht versucht, sich an die Gesichter zu erinnern,

800
01:11:58.739 --> 01:12:01.579
 die Stimmen, nicht allem kann er Sinn zuschreiben,

801
01:12:01.739 --> 01:12:04.119
 sein Gemälde, von dem er hoffte, es sei vollkommen,

802
01:12:04.119 --> 01:12:05.380
 wirkt durchlöchert.

803
01:12:05.899 --> 01:12:13.619
 Denk nach Ruprecht, denk, Erinnerung zerfällt, wie alter Stoff am verwesenden Leichnam. Vater?

804
01:12:16.619 --> 01:12:26.739
 Noch immer steht er allein, noch immer liegen da die Bauernanführer, getötet vom Stadthalter in Linz und seiner Brut.

805
01:12:28.000 --> 01:12:32.079
 Da fällt dem Ruprecht, um die Angst zu verscheuchen, das Nächste ein, was er denken kann.

806
01:12:32.380 --> 01:12:38.800
 Er sieht die Nacht vor sich, als der Vater einmal so ungewohnt später Stunde heimgekehrt war.

807
01:12:39.619 --> 01:12:43.880
 Der Ruprecht ist wach geworden, hat sich aus der Kammer geschlichen, den Vater zu sehen,

808
01:12:43.880 --> 01:12:46.340
 weil er in schlimmer Sorge um ihn war.

809
01:12:47.579 --> 01:12:50.300
 In dieser Nacht hat es begonnen, dass sich der Ruprecht gefragt hat,

810
01:12:50.579 --> 01:12:56.220
 ob es denn stimmt, dass er ein anderer, ein roher Mensch,

811
01:12:57.340 --> 01:13:00.779
 wie es ihm tags davor jenes Mädchen ins Gesicht fast gespuckt hat, die Wort.

812
01:13:01.319 --> 01:13:04.119
 Auf der Straße ist er diesem Mädchen aus einem Zufall heraus begegnet

813
01:13:04.119 --> 01:13:07.819
 und er wollte nur aufheben, was ihr heruntergefallen war, ihr feines Tuch,

814
01:13:08.159 --> 01:13:12.000
 damit dieses nicht im Dreck am Pflasterstein liegen bliebe, mit der Hand wollte daran verschwind.

815
01:13:12.979 --> 01:13:15.159
 Fuhr sie ihn scharf an. Tut deine Drecksfinger weg.

816
01:13:16.500 --> 01:13:18.239
 Und der Ruprecht ist zusammengezuckt.

817
01:13:19.359 --> 01:13:22.439
 Sie hat ihn fest in den Blick genommen. Ein Spruch auf den Lippen.

818
01:13:23.619 --> 01:13:26.920
 Wenn der Freimann umgeht, geh ihm aus dem Weg.

819
01:13:27.899 --> 01:13:28.659
 Sie hat fast gesungen.

820
01:13:29.039 --> 01:13:31.619
 Wenn der Freimann dir naht, lauf davon.

821
01:13:31.760 --> 01:13:34.279
 Wenn der Freimann dich berührt, ist aus.

822
01:13:35.020 --> 01:13:39.159
 Ein dummer Singsang, dieses schönen, sanften Mädchens,

823
01:13:39.239 --> 01:13:40.680
 aber niederschmetternd die Einsicht.

824
01:13:41.819 --> 01:13:49.720
 Ab diesem Tag war ein Riss im Leben des Ruprecht. Er in auswegloser Entfernung von

825
01:13:49.720 --> 01:13:58.020
 diesem reinen Antlitz. Nie würde er sie zu berühren imstande sein. Sie, das Mädchen, kniete nieder,

826
01:13:58.020 --> 01:14:07.819
 hob selbst das Tuch auf, das auf der schmutzigen Straße lag, panisch und lief davon, als verfolgte sie der Teufel. Bin ich der Teufel?

827
01:14:08.180 --> 01:14:14.439
 Hat er daheim gefragt? Die Mutter hat gelacht, fuhr ihm durchs Haar, ihm aber wahr, als würde sie es

828
01:14:14.439 --> 01:14:22.260
 verbergen. Vielleicht sind wir wirklich verflucht? In dieser Nacht also, nachdem der Rupprecht erkannt

829
01:14:22.260 --> 01:14:26.020
 hatte, dass die einen über die anderen lachen, ihnen davongehen

830
01:14:26.020 --> 01:14:27.300
 und sie manchmal erschlagen

831
01:14:27.300 --> 01:14:29.699
 und er weniger bei den einen ist,

832
01:14:29.779 --> 01:14:30.859
 vielleicht mehr bei den anderen,

833
01:14:31.619 --> 01:14:32.840
 da ist er lange wachgelegen,

834
01:14:33.560 --> 01:14:35.300
 hat die Heimkehr des Vaters vernommen,

835
01:14:35.460 --> 01:14:37.779
 ist zur Tür und hat gespäht, ob in ihm,

836
01:14:38.140 --> 01:14:39.520
 der eben wieder von einer Hinrichtung

837
01:14:39.520 --> 01:14:42.020
 zurückgekommen war, dieses Teuflische,

838
01:14:42.579 --> 01:14:44.159
 ob man es ihm ansehe,

839
01:14:44.399 --> 01:14:44.939
 das Töten.

840
01:14:46.960 --> 01:14:51.819
 Und tatsächlich, er kam in jener Nacht vor zwei Jahren verändert nach Haus.

841
01:14:52.819 --> 01:14:56.159
 Nicht aber als Teufel, als weinender Mensch.

842
01:14:57.279 --> 01:15:01.140
 Auf die Knie gegangen wie ein Kind, die Tränen in den Boden gesickert.

843
01:15:02.060 --> 01:15:04.739
 Kein Wort hatten sie danach drüber verloren.

844
01:15:05.319 --> 01:15:06.779
 Als sei es der Lauf der Dinge.

845
01:15:07.220 --> 01:15:09.380
 Bist geboren, Rupprecht, ins Haus eines Henkers.

846
01:15:09.539 --> 01:15:11.600
 Das gibt dir Recht und Klarheit,

847
01:15:11.859 --> 01:15:13.859
 zeigt, wo du stehst und wo nicht.

848
01:15:14.380 --> 01:15:15.460
 So ist's, die Ordnung.

849
01:15:18.399 --> 01:15:19.659
 Endlich kehrt der Vater zurück

850
01:15:19.659 --> 01:15:20.779
 mit dem Richtschwert.

851
01:15:21.899 --> 01:15:22.880
 Tritt an die Leichname.

852
01:15:25.079 --> 01:15:29.300
 Sie haben gesungen, Bub, die zusammengerotteten,

853
01:15:30.640 --> 01:15:33.680
 sich in einen Rausch gebracht in den Wäldern, da, wo wir heute durch.

854
01:15:34.479 --> 01:15:36.800
 Ihr Heer bestand aus Tausenden.

855
01:15:37.640 --> 01:15:40.859
 Alte, junge, Burschen, kaum erst erwachsen Frauen,

856
01:15:41.000 --> 01:15:44.859
 fest entschlossen, die mitgezogen, alles, was Händ gehabt hat und einen Willen.

857
01:15:45.939 --> 01:15:52.380
 Der Vater sagt es mit Stolz und berichtet, was er weiß, wovon er überzeugt. Noch nie hat er derartiges

858
01:15:52.380 --> 01:16:00.260
 erzählt. Die ersten Anführer fielen, nach ihnen kamen andere, versammelten die Entrechteten, die

859
01:16:00.260 --> 01:16:05.899
 Soldaten des Stadthalters aus Bayern und aus Wien in Furcht vor diesen wilden Gesängen,

860
01:16:10.300 --> 01:16:14.279
 zu Tage getreten aus der Bitterkeit und weil alte Rechte beschnitten und als überall im Land dann die Soldaten durchzufuttern waren,

861
01:16:14.279 --> 01:16:18.020
 am Weg in den Krieg und immer neue Kriege, da hat's dann gereicht.

862
01:16:18.619 --> 01:16:21.340
 Ein Funken. Alles hat gelodert.

863
01:16:22.020 --> 01:16:33.779
 Hervorgeschossen aus dem Untergrund über die Böschungen, die Heeresführer überrumpelt, unterschätzt die Kraft der vermeintlich Kraftlosen, denn wer nichts zu verlieren, Plünderer, kommt dem Sohn über die Lippen.

864
01:16:34.180 --> 01:16:43.279
 War nicht das erste Mal, holt der Vater aus, oft schon erhoben sich die Unterdrückten, aber dieses eine Jahr war das blutigste und Holzholz ausgelöscht.

865
01:16:43.279 --> 01:16:44.699
 Das Blutigste und Holzholz ausgelöscht.

866
01:16:49.079 --> 01:16:49.500
 Der Schafrichter zieht mit der Spitze der Klinge einen Kreis in der Erde um die beiden Toten vor ihnen,

867
01:16:54.819 --> 01:16:56.199
 den Rahmen der Fackeln, die er mitgebracht hat, entlang der Einkerbung in den Boden, die zwei nun hell erleuchtet.

868
01:16:59.000 --> 01:16:59.680
 Die Machthaber zitterten, fährt er fort.

869
01:17:03.920 --> 01:17:06.819
 Die Pferde der Reiter in die Enge getrieben, die Streitkräfte aus dem Hinterhalt erschlagen. Ihr Ruf ist ihnen voraus, die Wut einer Armee.

870
01:17:07.479 --> 01:17:10.199
 Die Bauern, nicht nur Bauern.

871
01:17:11.340 --> 01:17:15.500
 Handwerker, Hüter, Fleischer, Wirte, Jäger, Studenten, Schreiber, Stadtrichter, Landadel.

872
01:17:15.920 --> 01:17:19.420
 Und mit jeder Schlacht mehr, der die Machthaber sich in feines Gewand kleideten

873
01:17:19.420 --> 01:17:21.880
 und uns eins vom Hungerlohn den Soll sich abzuschuften hatte,

874
01:17:22.220 --> 01:17:26.180
 die eigenen Kinder zum Zwangsdienst geschickt, ist der Hass gestiegen.

875
01:17:27.000 --> 01:17:29.180
 In einem Ausmaß hat kein Herrscher im Land je erlebt.

876
01:17:31.199 --> 01:17:34.119
 Und als endlich doch die Befriedung nach Monaten,

877
01:17:35.079 --> 01:17:37.640
 als zum zweiten Mal die Hauptstadt umstellt und in Belagern

878
01:17:37.640 --> 01:17:41.840
 ihre alten Rechte von Wien aus zugesagt wurden, samt Verhandlung,

879
01:17:42.819 --> 01:17:47.359
 da wurde von München her nach Vergeltung gedürstet.

880
01:17:49.119 --> 01:17:50.939
 Die Armee der Abend bereits aufgelöst.

881
01:17:51.279 --> 01:17:54.020
 Heimgekehrt, da ritten neue Feinde über die Grenz.

882
01:17:54.300 --> 01:17:56.319
 Ein nächstes Mal schlimmstes Blutvergießen.

883
01:17:56.899 --> 01:17:58.180
 Einmal noch ein Gemetzel im Wald.

884
01:17:59.100 --> 01:18:00.979
 Bis der Truppenführer aus Wien über jene,

885
01:18:00.979 --> 01:18:04.300
 die ohne ordentliches Kriegsgerät kämpften, drübergefahren.

886
01:18:04.720 --> 01:18:09.020
 Für Recht und Ordnung, da waren schon zwölftausend Leichen im Land.

887
01:18:11.520 --> 01:18:16.380
 Und du, ruft der Sohn endlich, der den Worten gebannt gefolgt,

888
01:18:16.720 --> 01:18:20.239
 dem nun sein eigenes Geschichtsgemälde in Rasen und Zorn auseinandergebrochen, in Trümmern,

889
01:18:21.680 --> 01:18:31.920
 hast du denn gekämpft oder hast du alle erhängt für den Staat? Ich bin doch nicht der

890
01:18:31.920 --> 01:18:36.539
 einzige Scharfrichter im Land, brüllte Vater plötzlich in einem Satz. Ich bin nicht der

891
01:18:36.539 --> 01:18:46.560
 einzige. Wie viele, Vater, wie viele? Da hetzen die Reiter heran, die bislang die Scharfrichterkutsche bewacht hatten.

892
01:18:46.939 --> 01:18:51.840
 Nun aber umzingeln sie die Stelle, wo der Fadinger und der Zeller ausgehoben liegen.

893
01:18:52.300 --> 01:18:55.020
 Hey du, schnaubt einer runter, was ist jetzt?

894
01:18:55.800 --> 01:18:57.300
 Ist Bericht zu erstatten nach Linz?

895
01:18:58.140 --> 01:18:59.720
 Haut er jetzt die Schädel ab?

896
01:19:03.640 --> 01:19:38.920
 Mehr lese ich jetzt nicht vor. Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, wir wollen uns jetzt im Anschluss an die fundierten Ausführungen von Arnold Klaffenböck

897
01:19:38.920 --> 01:19:44.039
 und die beiden eindrucksvollen Lesungen von Karin Peschka und Thomas Arzt, für die ich herzlich danke,

898
01:19:44.020 --> 01:19:45.020
 von Lesungen von Karin Peschka und Thomas Arzt, für die ich herzlich danke,

899
01:19:49.840 --> 01:19:53.960
 in einem in Anbetracht der vorgeschrittenen Zeit vielleicht nicht allzu langen Gespräch noch einigen Aspekten von Bauernkrieg und Literatur widmen.

900
01:19:55.399 --> 01:20:00.600
 Auffällig scheint mir, ich beziehe mich jetzt auf Arnolds Ausführungen,

901
01:20:00.600 --> 01:20:04.520
 das vielleicht zu Beginn, dass sich bislang nur wenige Autorinnen

902
01:20:04.520 --> 01:20:05.439
 mit dem Thema

903
01:20:05.439 --> 01:20:11.779
 oberösterreichische Bauernkriege befasst haben und man bekommt fast den Eindruck, man habe es,

904
01:20:11.819 --> 01:20:17.920
 das ist jetzt freilich bewusst salopp formuliert, mit einer Männerangelegenheit zu tun. Ich möchte

905
01:20:17.920 --> 01:20:26.180
 daher dich, Karin, zu Beginn fragen, wann und wie du mit dem Thema erstmals in Berührung gekommen bist.

906
01:20:26.300 --> 01:20:28.020
 Ich nehme an, vielleicht schon zu Schulzeiten.

907
01:20:28.960 --> 01:20:34.340
 Und was letztlich ausschlaggebend dafür war, dass du dich dazu entschieden hast,

908
01:20:34.579 --> 01:20:41.640
 dieses, bleiben wir in einer passenden Diktion, Feld zu beackern, sozusagen.

909
01:20:44.279 --> 01:20:45.819
 Wir haben in Everding eine

910
01:20:45.819 --> 01:20:46.819
 Fadingerstraße.

911
01:20:47.880 --> 01:20:49.880
 Das ist vielleicht die erste Assoziation

912
01:20:49.880 --> 01:20:53.880
 von klein auf.

913
01:20:54.920 --> 01:20:55.939
 Und natürlich hatten wir

914
01:20:55.939 --> 01:20:57.920
 in der Schule auch

915
01:20:57.920 --> 01:20:59.939
 das Thema Bauernkriege einmal kurz

916
01:20:59.939 --> 01:21:01.880
 gestreift. Aber

917
01:21:01.880 --> 01:21:03.920
 nicht lang und nicht viel und nicht intensiv.

918
01:21:04.060 --> 01:21:06.899
 Also wirklich ganz marginal in meiner Erinnerung,

919
01:21:08.500 --> 01:21:11.439
 so quasi als Teil,

920
01:21:12.739 --> 01:21:15.840
 als Ehe-Teil der Geschichte der Stadt

921
01:21:15.840 --> 01:21:19.680
 oder des Bezirks. Mehr war da nicht

922
01:21:19.680 --> 01:21:23.720
 in meiner Erinnerung, gar nicht, nein. Und jetzt war es halt so, dass die

923
01:21:23.720 --> 01:21:42.060
 Kommunale das Thema ausgeschrieben hat und das war ein Anlass, sich damit zu beschäftigen und das war gut so, weil es wirklich ein sehr spannendes, sehr komplexes und wertvolles Thema ist, möchte ich sagen, ja.

924
01:21:41.800 --> 01:21:44.439
 Thema ist, möchte ich sagen.

925
01:21:45.779 --> 01:21:46.560
 Und bei dir, Thomas?

926
01:21:48.199 --> 01:21:49.359
 Du hast gesagt, der Text ist vor vier Jahren entstanden.

927
01:21:50.699 --> 01:21:52.039
 Den Ausschlag gegeben.

928
01:21:52.899 --> 01:21:54.279
 Also den Kontext

929
01:21:54.279 --> 01:21:56.039
 will ich erzählen, weil er mit dem Stifterhaus

930
01:21:56.039 --> 01:21:58.039
 zu tun hat. Es gibt diese

931
01:21:58.039 --> 01:22:00.119
 Mitspracheprojekte, wo

932
01:22:00.119 --> 01:22:02.020
 die Literaturhäuser Österreichs

933
01:22:02.020 --> 01:22:03.920
 zu Themen Autorinnen

934
01:22:03.920 --> 01:22:05.119
 beauftragen zu arbeiten.

935
01:22:05.239 --> 01:22:10.380
 Ich durfte damals zum Thema Gerechtigkeit arbeiten und habe mir selbst die Aufgabe gesteckt,

936
01:22:10.979 --> 01:22:14.720
 Spuren von Gerechtigkeit Ausbildung zu machen in der Geschichte Oberösterreichs

937
01:22:14.720 --> 01:22:20.939
 und habe punktuell, glaube ich, so Dinge, Legenden, historische Vorfälle,

938
01:22:20.939 --> 01:22:25.819
 die ich so mittrage, wo ich gern was dazu machen wollte, schon länger,

939
01:22:26.119 --> 01:22:30.520
 mir vorgenommen, recherchiert und kleine Erzählsplitter eigentlich verfasst.

940
01:22:31.180 --> 01:22:34.819
 Die Liste war viel länger als das, was ich dann tatsächlich umsetzen konnte.

941
01:22:34.819 --> 01:22:35.920
 Und das ist einer davon.

942
01:22:37.840 --> 01:22:44.520
 Also es interessiert so Strukturen von Unrecht, inwiefern so etwas historische Kontinuitäten hat

943
01:22:44.520 --> 01:22:45.100
 oder ob man das immer konstruiert, dass das Unrecht, inwiefern so etwas historische Kontinuitäten hat oder ob man

944
01:22:45.100 --> 01:22:50.079
 das immer konstruiert, dass das Unrecht immer auch ein anderes ist, ob es

945
01:22:50.079 --> 01:22:54.399
 anschlussfähig ist an die Gegenwart und das hat mich da bei diesem Komplex

946
01:22:54.399 --> 01:23:00.000
 interessiert mir das. Gleichzeitig habe ich totale Hemmungen daran zu gehen.

947
01:23:00.000 --> 01:23:07.000
 Einerseits kenne ich die Neigung von mir, die Lust am Spektakel, das ist nicht immer hilfreich.

948
01:23:08.079 --> 01:23:13.659
 Ich bin immer gerne in der katholischen Kirche gesessen, weil ich die Bilder angeschaut habe und das Blutrünstigste hat mich am meisten interessiert.

949
01:23:14.319 --> 01:23:26.000
 Und dann war in der Volksschule dieses Bild, es sind Gemälde eigentlich, das gibt es tausendfach in Oberösterreich. Das ist ja immer ein Druck dann vom Frankenfurter Würfelspiel.

950
01:23:26.659 --> 01:23:31.159
 Und in meiner Erinnerung, bis vor kurzem, dachte ich, da hängen Leichen auf dem Baum.

951
01:23:32.060 --> 01:23:34.659
 Das stimmt aber nicht. Das ist ja ein farbenfrohes Bild.

952
01:23:34.659 --> 01:23:37.939
 Man sieht schon die Würfeln zwei da und die Menge steht rum.

953
01:23:38.640 --> 01:23:42.840
 Und das ist mal ein bisschen schon archaisch, aber kein Blut da.

954
01:23:42.960 --> 01:23:45.359
 Aber ich dachte, ich habe das als Volksschüler gesehen,

955
01:23:45.800 --> 01:23:47.399
 wie ein Goya-Gemälde.

956
01:23:47.880 --> 01:23:51.579
 Und seitdem wollte ich was dazu machen.

957
01:23:52.279 --> 01:23:56.560
 Und gleichzeitig, wie soll das loswerden,

958
01:23:56.699 --> 01:23:59.119
 dieses völkische Nazitum?

959
01:24:00.800 --> 01:24:07.260
 Also da über das Bauerliche so zu erzählen, ist irgendwie auch immer schwierig.

960
01:24:07.460 --> 01:24:09.960
 Man müsste über die moderne Landwirtschaft eigentlich erzählen,

961
01:24:10.100 --> 01:24:11.800
 das hat überhaupt nichts zu tun mit dem Würfelspiel.

962
01:24:12.380 --> 01:24:15.319
 Aber immer dann, wenn ich dann so historische Quellen vor mir habe,

963
01:24:15.380 --> 01:24:19.979
 denkt man, es ist wahnsinnig ausufernd und so toller Stoff.

964
01:24:21.060 --> 01:24:27.720
 Ja, aber diese sozusagen Schlagseite reden wir vielleicht noch.

965
01:24:27.720 --> 01:24:29.560
 Ich möchte vorher noch Arnold fragen.

966
01:24:30.420 --> 01:24:33.119
 Du bist nicht als Autor hier, sondern als Literaturwissenschaftler.

967
01:24:33.600 --> 01:24:40.619
 Aber seit wann treibt dich das Thema um sozusagen und die Texte, die ja nicht immer sehr einnehmend sind,

968
01:24:40.720 --> 01:24:45.579
 seit wann befasst du dich mit diesem Rezeptionszeugnis?

969
01:24:45.659 --> 01:24:46.819
 Mit dem Bauernkrieg,

970
01:24:47.220 --> 01:24:50.039
 da kann man sagen, die Schule hat die Volksschullehrerin gehabt,

971
01:24:50.159 --> 01:24:51.939
 die eine Gmundnerin war, die war die

972
01:24:51.939 --> 01:24:54.000
 erste Volksschulklasse, sie war mördergeizig

973
01:24:54.619 --> 01:24:55.899
 und alles, was die

974
01:24:55.899 --> 01:24:58.020
 Heimat quasi geschichtlich bietet,

975
01:24:58.119 --> 01:24:59.659
 mussten wir kennenlernen. Ich habe den

976
01:24:59.659 --> 01:25:01.899
 Bauernhügel in Pinzdorf am Schulweg

977
01:25:01.899 --> 01:25:03.979
 gehabt. Der Dienstort meines Vaters,

978
01:25:04.140 --> 01:25:05.199
 der bei den Bundesforst war,

979
01:25:05.199 --> 01:25:11.039
 war damals das Schlossort, also die Residenz von Herbersdorf mit der Brücke, wo ihn der

980
01:25:11.039 --> 01:25:14.680
 tödliche Herzinfarkt ereilt hat. Da bin ich als Kind drübergegangen, da habe ich immer

981
01:25:14.680 --> 01:25:19.100
 die Angst gehabt, ich falle durch die Spalten. Und in der Münster in der Kirche ist das

982
01:25:19.100 --> 01:25:27.859
 riesige Grabmal vom Herbersdorf, das ja bis in die 70er Jahre noch im Presbyterium aufgestellt war,

983
01:25:28.380 --> 01:25:33.899
 das so ein Bischof wie der Rudigier bei seinem Besuch in den 20er Jahren verhüllen hat lassen,

984
01:25:34.039 --> 01:25:37.300
 weil er nicht bereit war, neben dem Herbersdorf zu predigen.

985
01:25:37.720 --> 01:25:41.699
 Und dann erst ein Pfarrer in den 70er Jahren, der aus einfachen Verhältnissen war,

986
01:25:42.039 --> 01:25:46.479
 hat also veranlasst, diesen Grabstein in eine Seitenkapelle zu transferieren.

987
01:25:46.739 --> 01:25:50.159
 Das ginge heute wahrscheinlich nicht mehr, würde der Denkmalschutz nicht zulassen.

988
01:25:50.960 --> 01:25:53.479
 Also das war so der Hintergrund.

989
01:25:54.300 --> 01:26:02.399
 Und das andere, warum man das richtig begonnen hat, 2013, da hat das Stifterhaus in Linz mich mit einem Baustein zu den Bauernkriegen beauftragt,

990
01:26:02.460 --> 01:26:07.300
 weil wir festgestellt haben, das ist ein wichtiges Thema zur oberösterreichischen Literaturgeschichte.

991
01:26:07.300 --> 01:26:14.460
 Und vorher war es natürlich auch immer mit der NS-Literatur ein unterschwelliger Aspekt, wo ja Blut und Boden immer eine Rolle spielt.

992
01:26:15.100 --> 01:26:16.520
 Und seither verfolgt es mich.

993
01:26:17.500 --> 01:26:27.720
 Das nehme ich gleich auf. Wir haben gehört, dass diese literarische Bearbeitung zumindest, was die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts betrifft,

994
01:26:27.819 --> 01:26:32.319
 also durchaus als belastet oder irgendwie kontaminiert bezeichnet werden könnten.

995
01:26:32.840 --> 01:26:36.659
 Und jetzt meine Frage an die Autorin und den Autor des heutigen Abends,

996
01:26:37.000 --> 01:26:42.159
 wie geht man mit dieser Tatsache um, dass der Gegenstand, dem man sich literarisch annähert,

997
01:26:42.199 --> 01:26:48.699
 mit dem man sich beschäftigt, eben in der Vergangenheit wiederholt politisch instrumentalisiert worden ist

998
01:26:48.699 --> 01:26:54.619
 und schon allein deswegen eine Schlagseite hat, die man vermute ich nicht weiter tradieren will

999
01:26:54.619 --> 01:26:58.020
 oder in die man sozusagen nicht in dieses Fahrwasser kommen will.

1000
01:26:59.220 --> 01:27:02.760
 Ist man da besonders vorsichtig? Recherchiert man sehr viel?

1001
01:27:03.739 --> 01:27:06.340
 War das von vornherein klar?

1002
01:27:06.579 --> 01:27:08.399
 Ich weiß nicht, wer anfangen will, ganz gleich.

1003
01:27:11.960 --> 01:27:16.840
 Einerseits habe ich das Gefühl, gewisse Themen sind besetzt von rechter Seite.

1004
01:27:17.260 --> 01:27:21.920
 Und so etwas wie der Begriff der Heimat ist darüber zu erzählen noch anders.

1005
01:27:22.340 --> 01:27:25.880
 Die Begriffe herzugeben ist ja auch keine Lösung

1006
01:27:25.880 --> 01:27:27.779
 und es ist immer viel schichtiger, als man denkt.

1007
01:27:28.380 --> 01:27:30.720
 Es ist ein Stoff, der von Legenden lebt

1008
01:27:30.720 --> 01:27:32.960
 und wo die Faktenlage sehr dünn ist,

1009
01:27:33.560 --> 01:27:36.659
 umso wichtiger die Recherche anzugehen

1010
01:27:36.659 --> 01:27:38.979
 und zu sagen, was geben die Dokumente her.

1011
01:27:39.800 --> 01:27:44.479
 Ich habe im Theater schon mehrmals spannende Figuren bearbeitet,

1012
01:27:44.699 --> 01:27:48.180
 die eigentlich eine antisemitische bis nationalsozialistische Schlagseite haben

1013
01:27:48.180 --> 01:27:51.199
 und da versucht zu verstehen, wie sowas kommt.

1014
01:27:51.439 --> 01:27:52.880
 Also das ist ein großes Interesse.

1015
01:27:54.119 --> 01:27:55.319
 Wie geht man jetzt damit um?

1016
01:27:56.439 --> 01:27:58.760
 Es gibt ja auch immer andere politische Zugriffe,

1017
01:27:58.760 --> 01:28:07.060
 so wie das sozialpolitische, sozialrevolutionäre Potenzial der Bauernkriege oder Aufstände.

1018
01:28:08.359 --> 01:28:16.579
 Und ich habe von dem französischen Autor, Filmemacher, wenn ich jetzt falsch ausspreche, Eric Vouillard,

1019
01:28:17.319 --> 01:28:21.279
 ein schmales Bändchen gelesen, großer Band, Der Krieg der Armen,

1020
01:28:22.140 --> 01:28:25.220
 wo er, ich glaube, einen Streifzug von 150 Jahren schafft,

1021
01:28:25.439 --> 01:28:32.699
 auf kurzer Distanz, ein Ritt durch die Reformation, gegen die Reformation.

1022
01:28:33.300 --> 01:28:37.659
 Und es geht eigentlich so um diese Struktur von Gewalt.

1023
01:28:39.659 --> 01:28:46.260
 Es ist mit einer gewissen Distanz, gleichzeitig hat man irgendwie einen historischen Duktus von der Sprache

1024
01:28:46.260 --> 01:28:50.920
 und erfährt es nicht viel in schneller Kürze über die Zeit.

1025
01:28:51.199 --> 01:28:56.920
 Das hat mich beeindruckt und ich dachte, das ist vielleicht eine Herangehensweise, die hier auch funktionieren könnte.

1026
01:28:58.220 --> 01:29:00.539
 Funktioniert, also nach meinem Dafürhalten.

1027
01:29:00.539 --> 01:29:04.800
 dafür halten?

1028
01:29:06.119 --> 01:29:07.539
 Wer so meine schriftstellerische

1029
01:29:07.539 --> 01:29:09.960
 Arbeit ein bisschen verfolgt,

1030
01:29:10.039 --> 01:29:11.840
 der merkt wahrscheinlich, dass ich mich sehr dafür

1031
01:29:11.840 --> 01:29:14.279
 interessiere, was zwischenmenschlich

1032
01:29:14.279 --> 01:29:16.020
 passiert. Und darauf habe ich mich

1033
01:29:16.020 --> 01:29:18.300
 auch hier in den Szenen

1034
01:29:18.300 --> 01:29:19.880
 konzentriert. Mich hat

1035
01:29:19.880 --> 01:29:20.539
 interessiert,

1036
01:29:21.439 --> 01:29:23.939
 etwas in die Gegenwart zu bringen, was

1037
01:29:23.939 --> 01:29:25.119
 eh immer passiert,

1038
01:29:28.319 --> 01:29:28.420
 nämlich dass die einen den Krieg ansetteln, die anderen baden hinaus,

1039
01:29:30.079 --> 01:29:32.239
 um es ein bisschen polemisch zu sagen.

1040
01:29:35.699 --> 01:29:36.060
 Und ich wollte auch den Blick darauf richten, eben nicht auf das Heroische,

1041
01:29:41.119 --> 01:29:43.520
 nicht auf das Blut- und Bodenthema, sondern eben auf das, was halt tatsächlich war,

1042
01:29:46.199 --> 01:29:48.340
 auf den Zwang. Es waren nicht alle freiwillige, die gekämpft haben, sicher nicht,

1043
01:29:48.399 --> 01:29:49.199
 das ist immer so.

1044
01:29:49.939 --> 01:29:51.979
 Es ist mit viel Leid

1045
01:29:51.979 --> 01:29:52.819
 verbunden gewesen,

1046
01:29:52.819 --> 01:29:54.819
 man spricht

1047
01:29:55.340 --> 01:29:56.640
 so leicht von den Toten,

1048
01:29:56.720 --> 01:29:58.460
 man sagt, es sind, weiß ich nicht, 3000 Leute

1049
01:29:58.460 --> 01:30:00.439
 gestorben bei der Schlacht, aber was heißt das?

1050
01:30:01.140 --> 01:30:02.939
 Was heißt das? Schon im Vorfeld

1051
01:30:02.939 --> 01:30:04.520
 mit der Angst, die da

1052
01:30:04.520 --> 01:30:08.899
 halt verbunden ist, mit der Verzweiflung.

1053
01:30:09.359 --> 01:30:10.859
 Was sind die Beweggründe der Menschen?

1054
01:30:11.699 --> 01:30:15.100
 Welche Dinge treiben sie dazu?

1055
01:30:15.579 --> 01:30:18.520
 Müssen sie, zwingen sie, machen sie freiwillig etc.?

1056
01:30:18.520 --> 01:30:19.420
 Darauf wollte ich schauen.

1057
01:30:19.520 --> 01:30:20.420
 Das hat mich interessiert.

1058
01:30:20.500 --> 01:30:21.520
 Das ist der eine Aspekt.

1059
01:30:23.479 --> 01:30:25.800
 Und der ist, finde ich, nach wie vor einfach sehr gegenwärtig,

1060
01:30:25.880 --> 01:30:27.960
 weil es einfach, man braucht ja nur in die Welt zu schauen,

1061
01:30:28.119 --> 01:30:31.779
 es treibt sich ja um und hat ja nicht aufgehört, so zu sein.

1062
01:30:33.000 --> 01:30:35.020
 Der andere Aspekt, ich habe vorher

1063
01:30:35.020 --> 01:30:38.180
 Innohofer gelesen, die großen Wörter, gerade wieder mal

1064
01:30:38.180 --> 01:30:41.079
 und das ist halt für mich auch ein so sehr beeindruckendes

1065
01:30:41.079 --> 01:30:43.439
 Buch, dass mir auch wieder

1066
01:30:43.439 --> 01:30:45.859
 das Thema der

1067
01:30:45.859 --> 01:30:47.439
 Propaganda eingefallen ist.

1068
01:30:48.439 --> 01:30:50.039
 Deswegen spricht der Kasparus

1069
01:30:50.039 --> 01:30:50.920
 auch so, wie er spricht.

1070
01:30:51.760 --> 01:30:53.920
 Ich wollte versuchen, selber in diesen

1071
01:30:53.920 --> 01:30:55.039
 Predigten einmal zu,

1072
01:30:55.640 --> 01:30:57.960
 ich wollte versuchen, manipulativ zu sprechen

1073
01:30:57.960 --> 01:31:00.479
 und mich so hineinzudenken

1074
01:31:00.479 --> 01:31:02.579
 in diese

1075
01:31:02.579 --> 01:31:03.859
 Form der

1076
01:31:03.859 --> 01:31:06.920
 Wortkunst, unter Anführungszeichen.

1077
01:31:07.140 --> 01:31:10.539
 Also was bewegt Menschen dazu, jemandem zu folgen?

1078
01:31:12.199 --> 01:31:13.920
 Was kann man aufstacheln damit?

1079
01:31:14.020 --> 01:31:14.819
 Was kann man bewegen?

1080
01:31:14.939 --> 01:31:17.100
 Wie kann man Feuer entzünden?

1081
01:31:17.800 --> 01:31:19.579
 Das waren so meine Herangehensweisen.

1082
01:31:19.800 --> 01:31:21.359
 Und Propaganda ist ja auch ein Thema,

1083
01:31:22.140 --> 01:31:23.880
 das man sich genauer anschauen sollte.

1084
01:31:24.899 --> 01:31:26.220
 Und Bewusstseinsmachung.

1085
01:31:26.359 --> 01:31:29.899
 Ich habe keinen moralischen Zeigefinger, nie, hoffe ich.

1086
01:31:30.880 --> 01:31:35.859
 Aber für mich selber war es halt eine Erfahrung, mich damit zu beschäftigen.

1087
01:31:36.699 --> 01:31:39.140
 Kannst du noch etwas zu den fünf Knöpfen sagen?

1088
01:31:39.640 --> 01:31:43.479
 Ja, diese fünf Knöpfe aus Bein, da gibt es auch ein Foto dazu.

1089
01:31:43.479 --> 01:31:46.180
 Wenn Sie hinten den Folder sehen, da sind sie auch abgebildet,

1090
01:31:46.279 --> 01:31:52.319
 von diesem Theaterstück, diese fünf Knöpfe waren das Einzige,

1091
01:31:52.319 --> 01:32:03.039
 was bei Ausgrabungsarbeiten quasi an Bekleidungsutensilien oder Zubehör gefunden wurde.

1092
01:32:03.840 --> 01:32:06.979
 Ich weiß es nicht genau, wann diese Ausgrabung war.

1093
01:32:07.079 --> 01:32:08.560
 Ich habe das da in meinen Unterlagen.

1094
01:32:08.659 --> 01:32:10.300
 Ich bin furchtbar schlecht in Jahreszahlen.

1095
01:32:11.020 --> 01:32:12.420
 Jedenfalls ging es darum,

1096
01:32:12.619 --> 01:32:16.720
 um die Ausgrabungsarbeiten für das Kraftwerk in Lambach.

1097
01:32:17.899 --> 01:32:19.399
 Da wurde ein Gräberfeld gefunden,

1098
01:32:19.479 --> 01:32:21.899
 da wurde ein Grab gefunden, ein Massengrab gefunden.

1099
01:32:22.579 --> 01:32:25.659
 Dann war am Anfang, Anfang man nicht sicher,

1100
01:32:25.859 --> 01:32:28.039
 aus welcher Zeit ist das? Man dachte

1101
01:32:28.039 --> 01:32:29.960
 dann mal, es ist vielleicht aus dem Zweiten

1102
01:32:29.960 --> 01:32:31.979
 Weltkrieg irgendwas. Dann dachte man, es ist

1103
01:32:31.979 --> 01:32:33.920
 aus dem Mittelalter irgendwas. Dann ist

1104
01:32:33.920 --> 01:32:36.399
 man draufgekommen, dass es aus einer Schlacht,

1105
01:32:36.840 --> 01:32:37.859
 einer großen Schlacht

1106
01:32:37.859 --> 01:32:39.739
 dort war, zur Zeit,

1107
01:32:40.000 --> 01:32:41.979
 also im November, glaube ich,

1108
01:32:42.020 --> 01:32:42.840
 1626.

1109
01:32:44.220 --> 01:32:50.460
 Es waren 102 Individuen da drinnen, sind gefunden worden,

1110
01:32:51.300 --> 01:32:58.260
 102 Individuen, wenn ich es jetzt richtig rekonstruiere, waren es am Anfang Einzelbestattungen,

1111
01:32:58.880 --> 01:33:04.359
 dann waren es schon am Schluss Wurfbestattungen, also hat man einfach alles reingeworfen,

1112
01:33:04.460 --> 01:33:06.579
 was dann noch nach der Schlacht noch herumgelegen ist.

1113
01:33:07.500 --> 01:33:11.140
 Auch die Lagerteile, das wurde dann noch angezündet.

1114
01:33:11.819 --> 01:33:17.439
 Und bei diesen Grabungsarbeiten sind einfach diese fünf Knöpfe als einziges da gewesen.

1115
01:33:17.939 --> 01:33:21.359
 Noch als was von menschlicher Kleidung zeugte.

1116
01:33:22.279 --> 01:33:26.000
 Und das Arge daran ist,

1117
01:33:26.819 --> 01:33:26.939
 ich dachte am Anfang,

1118
01:33:28.279 --> 01:33:28.380
 ja, das hat einfach was damit zu tun,

1119
01:33:29.680 --> 01:33:29.760
 dass es alles verrottet ist,

1120
01:33:31.380 --> 01:33:31.479
 aber es hat viel mehr auch damit zu tun,

1121
01:33:33.260 --> 01:33:33.640
 dass diese Armut einfach so groß war,

1122
01:33:34.960 --> 01:33:35.220
 dass alles mitgenommen wurde.

1123
01:33:35.819 --> 01:33:35.880
 Man muss sich das,

1124
01:33:37.920 --> 01:33:38.340
 das habe ich auch im Theaterstück dann drinnen,

1125
01:33:39.119 --> 01:33:39.760
 so vorstellen,

1126
01:33:42.779 --> 01:33:43.340
 dass die Leute dann einfach über so ein Totenfeld gehen,

1127
01:33:44.600 --> 01:33:48.119
 nach einer Schlacht und schauen, ah, das sind Stiefel, die kann vielleicht der Bruder brauchen.

1128
01:33:48.640 --> 01:33:51.840
 Die ziehe ich dem jetzt einfach aus. Oder das ist ein Messer, das kann ich nur brauchen.

1129
01:33:52.340 --> 01:33:55.819
 Also die Dinge wurden einfach weiterverwertet. Und das fand ich einfach

1130
01:33:55.819 --> 01:34:00.039
 ein gutes Symbol. Ich meine, gut unter Anführungszeichen,

1131
01:34:00.159 --> 01:34:04.119
 aber halt ein sehr bildstarkes Symbol.

1132
01:34:05.220 --> 01:34:08.380
 Genau, das ist der Hintergrund von diesen fünf Knöpfen aus Bein.

1133
01:34:11.500 --> 01:34:16.140
 Bemerkenswert fand ich, dass der von dir erwähnte Dichter,

1134
01:34:16.140 --> 01:34:20.659
 von dir, Arnold, erwähnte Dichter Johann Bär in seiner Befassung mit den Bauernkriegen

1135
01:34:20.659 --> 01:34:25.939
 eine, wenn man so will, Traditionslinie aufnimmt, die eigentlich ins Mittelalter zurückreicht,

1136
01:34:26.020 --> 01:34:31.539
 also vor die Bauernkriege, nämlich zur Ständedichtung, zur Ständeditaxe.

1137
01:34:31.760 --> 01:34:37.340
 Die ist ja auch in deinem Text, also der Stand sozusagen hat eine Rolle gespielt.

1138
01:34:38.220 --> 01:34:46.960
 Das Thema dieser Werke ist jetzt sehr vereinfacht gesagt die göttlich gewollte und gut geheißene Ordnung, über die man

1139
01:34:46.960 --> 01:34:54.420
 sich nicht erheben soll. Und die Texte aus dem Bereich der Ständeditakse verhandeln unter anderem,

1140
01:34:55.039 --> 01:35:01.840
 was Vertreterinnen und Vertreter eines bestimmten Standes tun sollen, dürfen und was sie nicht tun

1141
01:35:01.840 --> 01:35:26.460
 sollen. Ich denke aber konkret jetzt an ein Werk, das auch bei uns im Literaturmuseum prominent ausgestellt ist, nämlich an den Meyer-Hellenbrecht, in dem spielt die Ständedidakse eine doch bedeutende Rolle. hat starke Bezüge zu Oberösterreich. Da geht es verkürzt gesagt jetzt darum, dass der Sohn eines Bauern

1142
01:35:26.460 --> 01:35:33.500
 seinen im Zugewiesenen Stand, also den Bauernstand verlassen will und Ritter werden möchte,

1143
01:35:33.600 --> 01:35:37.939
 ganz einfach deswegen, weil er sich davon ein bequemeres Leben erhofft.

1144
01:35:38.699 --> 01:35:48.760
 Die Sache geht naturgemäß, möchte man sagen, ziemlich in die Hose. Der Sohn schließt sich den Raubrittern an und stirbt am Ende des Werkes,

1145
01:35:48.960 --> 01:35:53.579
 weil er diese gottgewollte Ordnung verlässt.

1146
01:35:54.319 --> 01:35:59.760
 Ich habe jetzt bei deinem Vortrag gehört, im 18. Jahrhundert kommt das doch noch mal vor,

1147
01:35:59.760 --> 01:36:13.039
 irgendwie diese Ständethematik. Spielt die sonst eine Rolle in dieser Dichtung oder ist das sozusagen eine Sache, die quasi mit Bär eigentlich aufhört?

1148
01:36:13.319 --> 01:36:30.680
 Der Bär ist sicher der 17. Jahrhundert schon noch Kind seiner Zeit. Im 18. Jahrhundert bei den aufklärerischen Texten geht es um den Ordo-Gedanken generell, also die Rechtsauffassung, der Herrscher, der garantiert quasi Ruhe im Land, den Wohlstand, der weiß, was für das Volk gut ist,

1149
01:36:30.760 --> 01:36:36.020
 wenn man Josef II. kennt, der immer gemeint hat, also er hat die Vision.

1150
01:36:36.640 --> 01:36:42.859
 Und das Ganze scheint man dann mit der Säkularisierung auch, mit dieser immer profaner werdenden Geisteshaltung

1151
01:36:42.859 --> 01:36:45.699
 auch in der Gesellschaft in den Hintergrund zu treten.

1152
01:36:45.859 --> 01:36:49.619
 Also das passt dann so, dass man ins 19. Jahrhundert kommt, ins bürgerliche Zeitalter,

1153
01:36:49.779 --> 01:36:51.380
 und da tritt es dann in den Hintergrund.

1154
01:36:52.260 --> 01:36:55.239
 Also das ist, ein Bär ist auch insofern interessant sprachlich,

1155
01:36:55.239 --> 01:37:01.460
 ein bisschen erinnert er auch an den Grimmelshausen, wo er dann diese humoreske Sprache verwendet wird,

1156
01:37:01.520 --> 01:37:05.340
 um eigentlich das Graue und das Unaussprechliche, das nicht in

1157
01:37:05.340 --> 01:37:10.260
 Worte zu fassende ausgedrückt wird. Also der Tumbe Thor, um wieder das Mittelalter zu nehmen,

1158
01:37:10.260 --> 01:37:15.659
 spricht da Dinge aus, erzählt Begebenheiten, die einfach, wenn man darüber nachdenkt, was da

1159
01:37:15.659 --> 01:37:20.699
 passiert, einem die Haare aufstellen lässt. Und ein bisschen klingt das auch beim Bär an,

1160
01:37:20.699 --> 01:37:25.939
 also wenn er den Bauern erzählen lässt, der da ein bisschen prallt, er ist also mit Kugeln beschossen

1161
01:37:25.939 --> 01:37:27.880
 worden, als hätte er Haselnüsse auf seinem

1162
01:37:27.880 --> 01:37:29.079
 Wandsitzen gehabt.

1163
01:37:29.760 --> 01:37:31.859
 Das ist also ein Kunstgriff auch noch,

1164
01:37:31.939 --> 01:37:33.899
 der typisch ist für das 17. Jahrhundert.

1165
01:37:35.880 --> 01:37:38.140
 Die Zeit ist wirklich schon fortgeschritten.

1166
01:37:38.399 --> 01:37:40.039
 Ich glaube, eine letzte Frage

1167
01:37:40.039 --> 01:37:42.000
 erlaube ich mir noch an alle

1168
01:37:42.000 --> 01:37:42.420
 drei.

1169
01:37:51.640 --> 01:37:57.000
 Was kann oder was ist am Bauernkriegsstoff für die Jetztzeit noch relevant? Manche sind schon angesprochen worden, aber sagen wir es einfach

1170
01:37:57.000 --> 01:38:07.159
 wie es ist. Was lohnt sich an der Beschäftigung mit dem Bauernkriegen für uns heute?

1171
01:38:09.239 --> 01:38:09.279
 Oder warum lohnt sich die Geschichte?

1172
01:38:11.840 --> 01:38:12.239
 Es ist ein pazifistischer Stoff.

1173
01:38:14.380 --> 01:38:15.659
 Wie Gewalt

1174
01:38:15.659 --> 01:38:16.760
 entsteht, was Gewalt

1175
01:38:16.760 --> 01:38:19.140
 auslöst und

1176
01:38:19.140 --> 01:38:21.100
 wohin es führt, das ist das eine.

1177
01:38:22.819 --> 01:38:23.840
 Ich glaube, es ist

1178
01:38:23.840 --> 01:38:24.560
 aber auch ein Stoff,

1179
01:38:24.560 --> 01:38:25.220
 der um die Erinnerung von führt, das ist das eine. Ich glaube, es ist aber auch ein Stoff,

1180
01:38:27.659 --> 01:38:29.460
 der um die Erinnerung von Geschichte kreist.

1181
01:38:30.359 --> 01:38:31.399
 Die Narrative,

1182
01:38:31.399 --> 01:38:32.960
 die wir

1183
01:38:32.960 --> 01:38:35.340
 mittragen und wiederkehren

1184
01:38:35.340 --> 01:38:36.819
 und auch unreflektiert

1185
01:38:36.819 --> 01:38:37.680
 wiedergeben.

1186
01:38:40.859 --> 01:38:43.239
 Man muss es ein bisschen von dem Regionalen, glaube ich,

1187
01:38:43.239 --> 01:38:44.659
 lösen. Es ist

1188
01:38:44.659 --> 01:38:54.199
 ein Ereignis, Teil einer europäischen Geschichte. Wir haben im Vorgespräch über globale Kriegssituationen geredet.

1189
01:39:03.479 --> 01:39:06.399
 Und da ist sehr viel drin an...

1190
01:39:07.399 --> 01:39:08.279
 an...

1191
01:39:09.279 --> 01:39:11.800
 an...

1192
01:39:16.079 --> 01:39:16.119
 Also, ein ziemlich exzess für mich, ein exzessives Ja.

1193
01:39:19.880 --> 01:39:19.920
 Ich glaube, irgendwo habe ich das gelesen von der Bevölkerungszahl,

1194
01:39:23.720 --> 01:39:23.760
 wenn man von der ausgibt, damals das blutigste Jahr Oberösterreichs.

1195
01:39:27.439 --> 01:39:27.920
 Wenn man das so mal liest, ist das extrem schlimm, was da passiert ist.

1196
01:39:32.720 --> 01:39:34.479
 Und gleichzeitig auch, wie Unterdrückung funktioniert, wie jemand aus Not so handelt.

1197
01:39:39.920 --> 01:39:40.439
 Daneben stelle ich mir die Frage, was hat Glaube damals zu tun und heute damit zu tun?

1198
01:39:42.939 --> 01:39:43.859
 Das habe ich bis jetzt noch nicht verinnerlicht.

1199
01:40:05.659 --> 01:40:06.060
 Was haben die Menschen wirklich verteidigen wollen an Glauben? Weil wenn ich so Jahreszahlen lese, merke ich, da wurde wieder umkatholiziert und dann musste man wieder protestantisch sein. jedenfalls auf gewissen Ebenen, politischer Ebene, mit denen wir glauben waren,

1200
01:40:11.159 --> 01:40:13.520
 haben die wirklich Glauben verteidigt oder ist es immer auch dieses,

1201
01:40:17.640 --> 01:40:17.939
 wenn einem die Luft genommen wird, weil man in diesem Stand drin steckt und eigentlich merkt,

1202
01:40:22.659 --> 01:40:22.760
 es ist ein Aufbruch dieser Jahrhunderte hin zu einem Freiheitsgedanken,

1203
01:40:25.640 --> 01:40:28.500
 der immer wieder dann stiegt, wird eine richtige Revolution hat es in Österreich ja nie gegeben, aber das ist so eine Momentaufnahme,

1204
01:40:28.859 --> 01:40:30.000
 die hat schon auch mit

1205
01:40:30.000 --> 01:40:32.060
 österreichischer Geschichte zu tun

1206
01:40:32.060 --> 01:40:34.000
 und mit etwas, ja, mit

1207
01:40:34.000 --> 01:40:38.100
 Menschheit, die immer

1208
01:40:38.100 --> 01:40:39.680
 eigentlich, wenn es

1209
01:40:39.680 --> 01:40:42.279
 um Gleichberechtigung geht,

1210
01:40:42.840 --> 01:40:44.500
 die Herrschenden dazu veranlasst,

1211
01:40:45.020 --> 01:40:46.520
 noch blutiger zu reagieren.

1212
01:40:48.720 --> 01:40:53.560
 Also es war ja der Herbersdorf in Konradit und der J.D. Vance ist auch einer.

1213
01:40:56.380 --> 01:41:01.619
 Man muss, glaube ich, ich weiß nicht, für mich ist der größte Nutzen,

1214
01:41:01.619 --> 01:41:05.619
 nicht nur, dass ich mein zweites Theaterstück schreiben konnte jetzt,

1215
01:41:07.020 --> 01:41:12.000
 sondern der größte Nutzen daneben aus dieser Beschäftigung und aus der Recherche ist,

1216
01:41:12.000 --> 01:41:18.460
 dass einfach sich für mich diese immerwährende Frage noch deutlicher gestellt hat,

1217
01:41:18.880 --> 01:41:25.840
 wem nützt was, wer zettelt aus welchen Gründen was an, wer profitiert.

1218
01:41:30.619 --> 01:41:30.760
 Und wie verschleiert man den wahren Grund vor den Leuten,

1219
01:41:32.579 --> 01:41:33.300
 die diesen Kampf führen müssen, für einen.

1220
01:41:39.520 --> 01:41:42.180
 Also dieses Hinterfragen, das finde ich so wichtig und so spannend auch, wie es dann funktioniert, dass man es nicht mehr hinterfragt.

1221
01:41:42.380 --> 01:41:45.859
 Dass man einfach sagt, okay, der kämpft für die richtige Sache

1222
01:41:45.859 --> 01:41:47.119
 und da mache ich jetzt mit.

1223
01:41:48.140 --> 01:41:50.079
 Also es ist für mich

1224
01:41:50.079 --> 01:41:51.979
 ein gegenwärtiger Stoff, wenn man ihn so

1225
01:41:51.979 --> 01:41:53.979
 betrachtet. Er hat ein altes

1226
01:41:53.979 --> 01:41:55.479
 Gewand an, aber wenn man

1227
01:41:55.479 --> 01:41:57.659
 ihm das Gewand runternimmt, ist er

1228
01:41:57.659 --> 01:41:59.399
 auch nackt,

1229
01:41:59.579 --> 01:42:01.199
 so wie alle anderen.

1230
01:42:01.819 --> 01:42:03.899
 Insofern lohnt sich die Beschäftigung damit

1231
01:42:03.899 --> 01:42:04.260
 sehr.

1232
01:42:06.680 --> 01:42:10.800
 Also ich denke auf jeden Fall, es ist etwas, was im Schulunterricht vorkommen muss,

1233
01:42:11.020 --> 01:42:19.199
 vielleicht auch für Diskussionen um Demokratie, um Werte unseres demokratischen Systems,

1234
01:42:19.199 --> 01:42:26.000
 unseres Freiheitsdenkens und auch unseres Freiheitsselbverständnisses,

1235
01:42:26.000 --> 01:42:31.939
 das wir jetzt immer mehr verteidigen müssen und auch angegriffen sehen weltweit,

1236
01:42:32.619 --> 01:42:35.060
 auch in Verbindung mit der Frage mit Fanatismus.

1237
01:42:35.239 --> 01:42:38.020
 Da lässt sich das Thema der Bauernkriege auch gut heranziehen.

1238
01:42:38.100 --> 01:42:39.960
 Das ist etwas, was mich immer wieder betroffen macht,

1239
01:42:40.039 --> 01:42:44.380
 wenn man so sieht, Fanatismus bei den Herrschern, bei den Habsburger Herrschern,

1240
01:42:44.520 --> 01:42:48.760
 einem Herrscher, dem es also fast lieber ist, lieber eine Wüste zu regieren,

1241
01:42:48.819 --> 01:42:50.539
 bevor er ein Land mit Ketzern hat.

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01:42:50.640 --> 01:42:57.600
 Also wo der Mensch quasi untergeordnet ist, der ein völlig überzogenes Selbstverständnis auch hat

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 und auch ein Rechtfertigungsgefühl Gott gegenüber.

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01:43:01.359 --> 01:43:10.319
 Und wenn man das dann sieht, was es heute gibt, das sind also sehr aktuelle Dinge, die da anklingen. Auch die Frage, wie hätte sich Oberösterreich entwickelt, wenn

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01:43:10.319 --> 01:43:16.060
 die Bauernkriege erfolgreich gewesen wären, wäre Oberösterreich kein barock-katholisches

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 Land geworden, sondern ein gemisch-konfessionelles Land geblieben. Also so wie es in anderen

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01:43:21.439 --> 01:43:41.640
 Gebieten im Deutschen Reich war, wo es also dann über Jahrhunderte eine ganz andere kulturelle Entwicklung gegeben hat. Das ist also eine Wendestelle gewesen in der Geschichte. Oder auch, wenn man anschaut, was es für Folgen gehabt hat für die Bevölkerung. Die Teile, die sich geweigert haben, zur katholischen Religion zurückzukehren, mussten das Land verlassen.

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01:44:09.279 --> 01:44:09.399
 kehren, mussten das Land verlassen. Auch hier, ich kenne die Zahlen nicht, das ist je nachdem, was man liest, da gibt es also eigentlich erschreckend hohe Zahlen, wo vor allem die landesfürstlichen Städte drei Viertel eine bekannte Stadt ist für die Messerhersteller.

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01:44:12.420 --> 01:44:12.840
 Also eigentlich Know-how-Verlust, Wirtschaftsschwächung.

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01:44:16.560 --> 01:44:16.619
 Oder auch in Salzburg, wo noch im 18. Jahrhundert die Protestantenvertreibung war,

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 wo man sagt, 10 Prozent der Landesbevölkerung sind vertrieben worden.

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 Kann sich ein Land davon erholen. Oder in Oberösterreich auch, wo Städte dann Bevölkerungsüberschuss aus Bayern übernommen

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01:44:30.140 --> 01:44:34.840
 haben, wo man dann in den Taufbüchern sieht, hier brechen ganze Familienstränge ab, es

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 kommen neue Familien herein.

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 Also da geschieht ja auch mentalitätsgeschichtlich etwas.

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 Und das kann man auf vielen Ebenen spiegeln und man kann schauen, das gibt es in der europäischen

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01:44:44.659 --> 01:44:49.239
 Geschichte, in der Weltgeschichte immer wieder und das passiert jetzt in Europa, in der Welt ja auch wieder.

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01:44:49.779 --> 01:44:57.760
 Syrien, Iran, Irakkrieg, in Europa, Jugoslawien, wenn wir an den Jugoslawienkrieg denken, wo Menschen vertrieben worden sind.

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01:44:57.760 --> 01:45:06.840
 Also da kann man ganz viele aktuelle Bezüge herstellen. Ich glaube, das ist für Diskussionen mit Schulkindern, mit Studierenden sich auch ein Feld, das man weiter

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01:45:06.840 --> 01:45:11.979
 bespielen kann. Ja, ich glaube, das ist eigentlich

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01:45:11.979 --> 01:45:15.960
 ein gutes Ende für die Diskussion. Ich danke noch einmal

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01:45:15.960 --> 01:45:19.380
 herzlich für die Lesungen und den Vortrag.

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01:45:20.140 --> 01:45:23.479
 Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, danke ich fürs Kommen.

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01:45:23.739 --> 01:45:26.020
 Ich möchte noch auf den Büchertisch hinweisen.

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01:45:26.159 --> 01:45:30.460
 Dort finden Sie Bücher von Karin Peschker und Thomas Arzt.

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01:45:31.020 --> 01:45:34.760
 Bleiben Sie noch ein bisschen im Haus, trinken Sie ein Glas mit uns.

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01:45:34.760 --> 01:45:38.979
 Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend und auf bald wieder hier im Stifterhaus.

