WEBVTT

0
00:00:00.000 --> 00:00:16.719
 Ja, dann kommen wir zum zweiten Vortrag der ersten Hälfte von heute Nachmittag.

1
00:00:18.500 --> 00:00:30.480
 Agnes Steffenson wird uns über Hospicing Modernity etwas erzählen. Mag. Agnes Steffenson, MA, ist psychoanalytische

2
00:00:30.480 --> 00:00:36.500
 Pädagogin und Sonder- und Heilpädagogin mit einem Master in Global Citizenship Education.

3
00:00:37.299 --> 00:00:43.299
 Aktuell verfasst sie ihre Dissertation am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung

4
00:00:43.299 --> 00:00:46.119
 an der Alpenadria UniversUniversität Klagenfurt.

5
00:00:46.979 --> 00:00:53.359
 Sie ist Universitätsassistentin am Department Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud Privatuniversität Linz

6
00:00:53.359 --> 00:01:00.159
 und Studiengangsleitung des Baccalaureats Psychotherapiewissenschaft an der SFU in Wien.

7
00:01:00.859 --> 00:01:28.079
 Außerdem ist sie Obfrau des Vereins für kritische Psychotherapiewissenschaft, VKP, und ihre Forschungsschwerpunkte sind Psychotherapie und Gesellschaft, soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit, Psychotherapie und Pädagogik, Global Citizenship, Gender Studies und qualitative Forschung mit einem besonderen Fokus auf ihre relationale Tiefenhermeneutik.

8
00:01:28.879 --> 00:01:30.920
 Liebe Agnes, ich darf dich bitten.

9
00:01:38.420 --> 00:01:43.939
 Wenn wir heute über Zukunft sprechen, dann tun wir das selten unbeschwert.

10
00:01:48.219 --> 00:01:48.560
 Zukunft sprechen, dann tun wir das selten unbeschwert. Klimakrise, geopolitische Gewalt,

11
00:01:54.579 --> 00:02:00.879
 autoritäre politische Verschiebungen und soziale Polarisierung sind nicht bloß abstrakte Themen öffentlicher Debatten, sie prägen zunehmend das Alltagsgefühl und die Art, wie Menschen Zukunft

12
00:02:00.879 --> 00:02:06.620
 imaginieren. Diese oft bedrohlichen Zukunftsbilder strukturieren

13
00:02:06.620 --> 00:02:12.599
 gegenwärtige Entscheidungen, Beziehungen und Lebensentwürfe, oft lange bevor sich das,

14
00:02:12.599 --> 00:02:19.159
 was befürchtet wird, tatsächlich ereignet. Zukunft wirkt damit bereits in der Gegenwart.

15
00:02:20.400 --> 00:02:29.860
 Da wir aber nicht wissen, wie diese Zukunft aussehen wird, nützen wir unsere Vorstellung, unsere Imaginationen und rahmen diese in Erzählungen.

16
00:02:32.020 --> 00:02:40.139
 Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Wir strukturieren unsere Welt, unsere Erfahrungen und unsere Erwartungen durch Geschichten.

17
00:02:41.039 --> 00:02:45.060
 Und wir erzählen nicht nur Vergangenes, sondern auch Zukunftiges.

18
00:02:45.840 --> 00:02:48.639
 Wir entwerfen Szenarien dessen, was kommen könnte.

19
00:02:48.919 --> 00:02:50.319
 Wir antizipieren Gefahren.

20
00:02:50.819 --> 00:02:54.319
 Wir stellen uns vor, wie sich gegenwärtige Entwicklungen fortsetzen werden.

21
00:02:55.340 --> 00:02:57.520
 Dadurch beschreiben wir nicht, wie die Welt ist,

22
00:02:58.219 --> 00:03:01.840
 sondern wir bringen die Welt und die Zukunft erzählend hervor.

23
00:03:03.520 --> 00:03:07.719
 Erzählen ist kein kulturelles Beiwerk, keine bloße Form der Unterhaltung,

24
00:03:08.240 --> 00:03:16.120
 sondern eine zentrale Praxis. Die Autorin Samira El-Uassil bezeichnet Erzählen als eine evolutionäre

25
00:03:16.120 --> 00:03:22.300
 Superkraft, da Menschen durch das Erzählen Erfahrungen weitergeben und über Raum und Zeit

26
00:03:22.300 --> 00:03:25.080
 hinweg verfügbar machen konnten.

27
00:03:30.159 --> 00:03:30.259
 Dadurch war und ist es möglich, kollektives Wissen zu speichern und weiterzugeben,

28
00:03:33.419 --> 00:03:34.479
 weit über die Grenzen individueller Erinnerung hinaus.

29
00:03:38.439 --> 00:03:39.560
 Geschichten sind gewissermaßen Archive menschlicher Erfahrung.

30
00:03:44.560 --> 00:03:45.460
 Doch Narrative leisten weit mehr als bloße Archivierung, sie stiften Sinn.

31
00:03:51.020 --> 00:03:51.219
 Einzelne Erlebnisse, Affekte oder Brüche werden durch Erzählen in Zusammenhänge eingebettet,

32
00:03:54.439 --> 00:03:54.639
 mit Bedeutung versehen und interpretierbar gemacht.

33
00:04:01.939 --> 00:04:02.620
 Gerade dort, wo Erfahrungen widersprüchlich, überfordernd oder fragmentiert sind,

34
00:04:09.419 --> 00:04:14.159
 erzeugt Narration Kohärenz oder zumindest die Illusion von Kohärenz. Erzählen antwortet damit auf ein zentrales psychisches Bedürfnis, die Welt nicht nur zu erleben,

35
00:04:14.819 --> 00:04:20.300
 sondern sie verstehbar zu machen. Eine weitere Funktion von Narrativen ist ihre

36
00:04:20.300 --> 00:04:26.759
 antizipatorische Dimension. Menschen erzählen nicht nur über Vergangenes, sondern immer auch

37
00:04:26.759 --> 00:04:34.439
 über Mögliches. Narrative entwerfen Zukunft. Sie entwerfen Szenarien dessen, was kommen könnte,

38
00:04:35.000 --> 00:04:41.180
 was droht oder was erhofft wird. Diese Geschichten strukturieren Erwartungen, bereiten auf

39
00:04:41.180 --> 00:04:45.740
 Handlungsoptionen vor und geben Orientierung im Angesicht von Ungewissheit.

40
00:04:46.480 --> 00:04:53.600
 Narrative machen Zukunft vorstellbar, bevor sie real wird oder gerade dort, wo sie real noch nicht

41
00:04:53.600 --> 00:05:02.220
 greifbar ist. Zukunftsnarrative strukturieren Gegenwart, indem sie Erwartungen, Ängste und

42
00:05:02.220 --> 00:05:06.879
 Hoffnungen formen, beeinflussen sie Wahrnehmung, Emotionen und Handeln

43
00:05:06.879 --> 00:05:13.180
 im Hier und Jetzt. Was wir über die Zukunft erzählen, wirkt zurück auf das, was wir heute

44
00:05:13.180 --> 00:05:22.399
 für möglich, notwendig oder unvermeidlich halten. Vor diesem Hintergrund kommt literarischen und

45
00:05:22.399 --> 00:05:26.639
 medialen Zukunftsnarrativen eine besondere Rolle zu. Sie

46
00:05:26.639 --> 00:05:32.899
 verdichten gesellschaftliche Deutungen von Zukunft in erzählerischer Form. Während Eutopien

47
00:05:32.899 --> 00:05:39.420
 Möglichkeitsräume eröffnen, bündeln Dystopien kollektive Befürchtungen, Ohnmachtserfahrungen

48
00:05:39.420 --> 00:05:45.980
 und Warnungen. Gerade dystopische Erzählungen adressieren gesellschaftliche Krisen und können

49
00:05:45.980 --> 00:05:51.699
 als psychische Resonanzräume für das betrachtet werden, was im Rahmen dieser Forschungstage als

50
00:05:51.699 --> 00:05:57.800
 Future Traumas in unseren Fokus rückt. Dystopien handeln auf den ersten Blick von der Zukunft,

51
00:05:58.680 --> 00:06:06.740
 tatsächlich aber analysieren und verdichten sie die Gegenwart. Sie machen sichtbar, was im Alltag oft fragmentiert,

52
00:06:06.879 --> 00:06:12.720
 abstrakt oder verdrängt bleibt. Machtverhältnisse, Gewaltlogiken, Spaltungen und die emotionalen

53
00:06:12.720 --> 00:06:18.519
 Kosten, die diese Strukturen für Individuen und Gemeinschaften haben. Dabei geben sie keine

54
00:06:18.519 --> 00:06:25.959
 Auskunft über die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Entwicklungen, sondern vielmehr über die Gegenwart, die im Zukunftsszenario analysiert

55
00:06:25.959 --> 00:06:31.779
 beziehungsweise kritisiert wird. Dystopien sind also nicht als Prophezeiungen konzipiert,

56
00:06:31.860 --> 00:06:37.019
 sondern kritisieren die gegenwärtigen Verhältnisse. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit

57
00:06:37.019 --> 00:06:46.339
 Dystopien ist damit keine Analyse einer möglichen Zukunft, sondern ermöglicht eine Analyse der Gegenwart und der in ihr virulenten Ängste und

58
00:06:46.339 --> 00:06:52.980
 Hoffnungen. Die Begeisterung für Dystopien ist laut dem Pädagogen Alexander Sperling gerade dann

59
00:06:52.980 --> 00:06:59.259
 besonders groß, wenn sich gesellschaftlich ein Gefühl des Kontrollverlusts einstellt. Dieser

60
00:06:59.259 --> 00:07:11.360
 Kontrollverlust bezieht sich auf die Zunahme von Bedrohungen, die Menschen gemacht sind, auf den zunehmend beschleunigten Alltag und den Verlust utopischen Denkens. Die Dystopie bietet durch die narrative

61
00:07:11.360 --> 00:07:18.779
 Verdeutlichung und Konkretisierung diffuser Ängste Orientierung. Dystopien benutzen die Zukunft als

62
00:07:18.779 --> 00:07:25.860
 Bühne, um Gegenwart zu kommentieren, zu kritisieren und zuzuspitzen. Gerade Dystopien sind deshalb so

63
00:07:25.860 --> 00:07:31.740
 wirkmächtig, weil sie nicht einfach irgendeine Fantasie erzählen, sondern eine Art Vergrößerungsglas

64
00:07:31.740 --> 00:07:38.360
 auf aktuelle Machtverhältnisse setzen. Wenn eine Dystopie uns eine totalitäre Ordnung, allgegenwärtige

65
00:07:38.360 --> 00:07:45.620
 Überwachung, eine extrem ungleiche Verteilung von Ressourcen oder eine gewaltförmige Staatslogik zeigt, dann will sie

66
00:07:45.620 --> 00:07:52.579
 nicht sagen, so wird es kommen. Sie sagt eher, schaut her, das was ihr heute schon kennt, ist hier nur

67
00:07:52.579 --> 00:07:59.160
 konsequent weitergedacht. Genau darin liegt die kulturtheoretische Bedeutung dystopischen Erzählens.

68
00:07:59.540 --> 00:08:07.139
 Es ist eine Kritikform, die übertreibt, verdichtet, zuspitzt, um Strukturen freizulegen, die in der Normalisierung

69
00:08:07.139 --> 00:08:13.339
 der Gegenwart oft verdeckt bleiben. Auf psychischer Ebene externalisieren Dystopien diffuse Ängste.

70
00:08:13.560 --> 00:08:19.879
 Sie liefern Bilder, Szenen, konkrete Systeme, die das Unfassbare anschaulich machen. Das kann

71
00:08:19.879 --> 00:08:25.000
 entlastend wirken, weil es etwas Ungewisses, eine Form bekommt. Gleichzeitig kann es diese

72
00:08:25.000 --> 00:08:32.679
 Ängste auch intensivieren, weil das Bild plötzlich zu gut passt. Ein wichtiger gesellschaftskritischer

73
00:08:32.679 --> 00:08:38.100
 Aspekt von Dystopien ist, dass sie strukturelle Gewalt sichtbar machen. Sie zeigen Gewalt nicht

74
00:08:38.100 --> 00:08:47.080
 nur als einzelnes Ereignis, sondern als Ordnung, als Gesetz, als Struktur, als scheinbar normale Verwaltung des Lebens.

75
00:08:47.980 --> 00:08:56.240
 Gerade dadurch lassen Dystopien erkennen, wie sehr Macht sich in Körper, Beziehung, Sprache und Alltagspraktiken einschreibt

76
00:08:56.240 --> 00:09:01.580
 und wie leicht Menschen sich an die schleichende Normalisierung struktureller Unterdrückung gewöhnen,

77
00:09:02.019 --> 00:09:04.460
 besonders wenn ihr Überleben davon abhängt.

78
00:09:07.639 --> 00:09:13.340
 struktureller Unterdrückung gewöhnen, besonders wenn ihr Überleben davon abhängt. Die Trilogie Die Tribute von Panem von Susan Collins stellt ein solches dystopisches Narrativ dar. Sie wurde

79
00:09:13.340 --> 00:09:20.419
 in den Jahren 2008 bis 2010 veröffentlicht, 2020 und 2025 durch zwei Prequels ergänzt und

80
00:09:20.419 --> 00:09:26.580
 äußerst erfolgreich in vier Teilen von 2012 bis 2015 auch als Filme in die Kinos gebracht.

81
00:09:27.399 --> 00:09:33.120
 Die Geschichte spielt in einer Zukunft im Land Panem, das auf den Ruinen Nordamerikas errichtet ist.

82
00:09:33.799 --> 00:09:41.299
 Panem ist eine Gesellschaft, die sich durch extreme Ungleichheit, permanente Angst und ritualisierte Gewalt stabilisiert.

83
00:09:42.139 --> 00:09:45.440
 Panem besteht aus einem Kapitol, in dem die Privilegierten ein

84
00:09:45.440 --> 00:09:50.879
 dekadentes Leben führen und den Distrikten, in denen die Ressourcen erarbeitet werden, die vor

85
00:09:50.879 --> 00:09:57.059
 allem das luxuriöse Leben im Kapitol erst ermöglichen. Das Kapitol hält die Distrikte

86
00:09:57.059 --> 00:10:02.700
 nicht nur durch militärische Macht in Schach, sondern durch ein jährliches Spektakel, das Kinder

87
00:10:02.700 --> 00:10:06.919
 zu TrägerInnen dieser Gewalt macht, die Hungerspiele. Für die

88
00:10:06.919 --> 00:10:12.200
 Hungerspiele werden alljährlich zwei Tribute aus jedem Distrikt ausgelost, Kinder zwischen 12 und

89
00:10:12.200 --> 00:10:17.220
 17 Jahren, die einander in der Arena so lange bekämpfen, bis nur noch eines dieser Kinder

90
00:10:17.220 --> 00:10:23.320
 übrig bleibt und die Spiele überlebt. Diese Spiele sind mehr als ein Instrument der Unterdrückung,

91
00:10:23.580 --> 00:10:26.360
 sie sind eine Form organisierter Zukunftsbedrohung.

92
00:10:27.139 --> 00:10:31.139
 Kinder wachsen mit dem Wissen auf, dass sie als Tribute ausgelost werden können.

93
00:10:31.840 --> 00:10:36.019
 Gewalt ist nicht Ausnahme, sondern antizipierter Bestandteil des Alltags.

94
00:10:36.480 --> 00:10:38.559
 Zukunft ist nicht offen, sie ist besetzt.

95
00:10:39.840 --> 00:10:50.740
 Die Protagonistin Katniss Everdeen lebt in genau diesem Spannungsfeld. Ihr Handeln ist weniger von großen politischen Visionen geprägt als von Sorge, Verantwortung und Überleben.

96
00:10:51.500 --> 00:10:55.960
 Sie meldet sich freiwillig als Tribut für die Hungerspiele, um ihre Schwester zu schützen.

97
00:10:56.960 --> 00:11:01.600
 Ihr Widerstand entsteht aus Fürsorge, nicht aus heroischem Pathos.

98
00:11:02.220 --> 00:11:06.679
 Und gerade dadurch wird sie gegen ihren Willen zur Projektionsfläche

99
00:11:06.679 --> 00:11:12.480
 kollektiver Hoffnungen und Ängste. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich jedoch, dass der Sturz des

100
00:11:12.480 --> 00:11:19.740
 Kapitols nicht automatisch eine befreite Zukunft hervorbringt. Gewalt, Propaganda und Manipulation

101
00:11:19.740 --> 00:11:26.000
 setzen sich fort, nur unter anderem Vorzeichen. Die Tribute von Panem verweigert damit ein

102
00:11:26.000 --> 00:11:31.519
 einfaches Erlösungsnarrativ. Die Geschichte endet nicht mit der Rettung der Welt, sondern mit einem

103
00:11:31.519 --> 00:11:37.559
 Rückzug aus der Logik permanenter Gewalt und Unterdrückung. Ich möchte die Tribute von Panem

104
00:11:37.559 --> 00:11:42.799
 nicht als bloße Illustration gesellschaftlicher Missstände lesen, sondern als ein Narrativ,

105
00:11:42.940 --> 00:11:45.559
 das etwas Grundsätzliches über unser Verhältnis zur

106
00:11:45.559 --> 00:11:51.179
 Zukunft erzählt. Die Dystopie macht sichtbar, wie Gesellschaften durch Angst vor dem Kommenden

107
00:11:51.179 --> 00:11:57.480
 strukturiert werden können und welche psychischen Konsequenzen das hat. Wenn Dystopien Gegenwart

108
00:11:57.480 --> 00:12:03.700
 zuspitzen und zugleich psychische Resonanzräume für diffuse Zukunftsängste schaffen, dann lässt

109
00:12:03.700 --> 00:12:06.100
 sich die Tribute von Panem als exemplarisches

110
00:12:06.100 --> 00:12:12.039
 Narrativ lesen, in dem genau diese Mechanismen auf besonders eindrückliche Weise inszeniert

111
00:12:12.039 --> 00:12:19.360
 werden. Herrschaft als Spektakel, Gewalt als System, Überleben als Anpassungsleistung und

112
00:12:19.360 --> 00:12:26.679
 Widerstand als etwas, das nicht nur politisch, sondern auch psychisch einen Preis hat. Die Trilogie, die meiner

113
00:12:26.679 --> 00:12:31.700
 Ansicht nach weit mehr als ein Jugendbuch ist, bietet ein erzählerisches Modell gesellschaftlicher

114
00:12:31.700 --> 00:12:38.019
 Spaltung, das zentrale Dynamiken moderner Macht- und Herrschaftsverhältnisse sichtbar macht. Die

115
00:12:38.019 --> 00:12:43.259
 Stärke dieses Narrativs liegt weniger in seiner Zukunftsfantasie als in seiner präzisen

116
00:12:43.259 --> 00:12:47.120
 Gegenwartsdiagnose. Panem fungiert dabei als

117
00:12:47.120 --> 00:12:53.019
 verdichtetes Gesellschaftsmodell, in dem Spaltung nicht als Nebeneffekt, sondern als strukturierendes

118
00:12:53.019 --> 00:12:59.539
 Prinzip organisiert ist. Die Gesellschaftsordnung von Panem ist radikal asymmetrisch aufgebaut. Auf

119
00:12:59.539 --> 00:13:06.139
 der einen Seite steht das Kapitol, ein Ort von Überfluss, technologischem Fortschritt, ästhetischer Exzentrik

120
00:13:06.139 --> 00:13:12.500
 und scheinbarer Sicherheit. Auf der anderen Seite stehen die Distrikte, voneinander getrennte,

121
00:13:13.019 --> 00:13:19.960
 funktional spezialisierte Räume der Produktion, des Mangels und der permanenten Kontrolle. Diese

122
00:13:19.960 --> 00:13:26.320
 Gegenüberstellung ist keine bloße Kulisse, sondern Ausdruck einer klaren politischen Logik. Nähe zur

123
00:13:26.320 --> 00:13:32.860
 Macht bedeutet Zugang zu Ressourcen, Distanz bedeutet Verzicht, Abhängigkeit und Disziplinierung.

124
00:13:34.360 --> 00:13:39.240
 Bei einer Revolution der Distrikte in der Vergangenheit wurde ein Distrikt, Distrikt 13,

125
00:13:39.419 --> 00:13:46.139
 komplett ausgelöscht, zumindest ist das das Narrativ, das in Panem erzählt wird. Diese Auslöschung von

126
00:13:46.139 --> 00:13:53.019
 Distrikt 13 fungiert als kollektives Trauma und gleichzeitig als permanenter Drohhorizont. Sie

127
00:13:53.019 --> 00:13:59.080
 markiert die Grenze des Sag- und Denkbaren. Widerstand ist möglich, aber existenziell

128
00:13:59.080 --> 00:14:04.820
 gefährlich. Die Zerstörung dieses Distrikts ist nicht nur ein historisches Ereignis, sondern ein

129
00:14:04.820 --> 00:14:10.740
 symbolischer Akt, der die Ordnung Panems stabilisiert, indem er Angst in die gesellschaftliche Struktur einschreibt.

130
00:14:12.980 --> 00:14:27.480
 Zentral für diese Ordnung sind die Hungerspieler selbst. Sie verbinden ritualisierte Gewalt, mediale Spektakel und Disziplinierung zu einem hochwirksamen Herrschaftsinstrument. Gewalt folgt festen Regeln, wird inszeniert,

131
00:14:27.779 --> 00:14:34.019
 kommentiert und bewertet. Dadurch wird sie normalisiert und zugleich entpersonalisiert.

132
00:14:34.700 --> 00:14:39.299
 Als mediale Spektakel transformieren die Hungerspiele reale Gewalt in Unterhaltung.

133
00:14:40.039 --> 00:14:45.419
 Leiden wird ästhetisiert, Tod narrativ gerahmt, Empathie selektiv gelenkt.

134
00:14:46.240 --> 00:14:50.679
 Das Kapitol konsumiert die Spieler, während die Distrikte gezwungen sind, sie mitzuerleben.

135
00:14:51.600 --> 00:14:58.100
 Diese mediale Logik verhindert Solidarität und erzeugt zugleich Identifikation, Konkurrenz und Schuld.

136
00:14:58.899 --> 00:15:06.139
 Die Spieler disziplinieren nicht nur durch Angst, sondern durch Beteiligung.

137
00:15:06.940 --> 00:15:10.919
 Alle sind Teil des Systems, wenn auch unter radikal ungleichen Bedingungen.

138
00:15:12.539 --> 00:15:17.960
 Ein zentrales Merkmal von Panem ist die systematische Spaltung der Gesellschaft.

139
00:15:17.960 --> 00:15:23.519
 Nicht nur zwischen Kapitol und Distrikten, sondern auch zwischen den Distrikten selbst.

140
00:15:23.759 --> 00:15:26.360
 Diese horizontale Spaltung ist politisch

141
00:15:26.360 --> 00:15:33.059
 höchst funktional. Angst wird instrumentalisiert, indem sie nicht nur nach oben, sondern auch nach

142
00:15:33.059 --> 00:15:40.299
 neben angerichtet wird. Andere Distrikte erscheinen nicht als potenzielle Verbündete, sondern als

143
00:15:40.299 --> 00:15:46.480
 Konkurrenten im Kampf ums Überleben. Diese Logik erzeugt stabile Wir-gegen-Sie-Dynamiken.

144
00:15:47.200 --> 00:15:53.240
 Allerdings verschieben sich die Bezugspunkte dieses Wir ständig. Je nach Bezugsrahmen formiert

145
00:15:53.240 --> 00:15:59.200
 sich dieses Wir innerhalb eines Distrikts oder löst sich auf, wenn es um das eigene individuelle

146
00:15:59.200 --> 00:16:06.039
 Überleben im Angesicht der Spiele geht. Ein übergreifendes gesellschaftliches Wir kann unter diesen

147
00:16:06.039 --> 00:16:12.620
 Bedingungen nicht entstehen. Spaltung wird so zur Voraussetzung der Ordnung, nicht zu ihrem Problem.

148
00:16:13.740 --> 00:16:19.480
 Strukturelle Ursachen werden dabei konsequent unsichtbar gemacht. Hunger, Armut und Gewalt

149
00:16:19.480 --> 00:16:32.080
 erscheinen nicht als Resultat politischer Entscheidungen oder ökonomischer Ausbeutung, sondern als naturalisierte Gegebenheiten. Die Verantwortung wird individualisiert. Das System

150
00:16:32.080 --> 00:16:36.779
 selbst entzieht sich der Kritik, indem es die Aufmerksamkeit auf Konflikte zwischen den

151
00:16:36.779 --> 00:16:45.820
 Beherrschten richtet. Eine weitere, oft weniger beachtete Spannungslinie verläuft zwischen Mensch und Natur. In Panem ist

152
00:16:45.820 --> 00:16:51.820
 Naturverbundenheit eng mit Rückständigkeit, Armut und Gefahr verknüpft. Die Distrikte,

153
00:16:52.179 --> 00:16:58.340
 insbesondere jene, die näher an natürlichen Ressourcen leben, erscheinen roh, unzivilisiert,

154
00:16:58.659 --> 00:17:06.880
 bedroht und bedrohlich. Natur ist hier kein Ort der Regeneration, sondern ein Raum des Mangels und der Unsicherheit.

155
00:17:09.700 --> 00:17:30.319
 Charakteristisch für diese Denkweise sind klare Dichotomien. Zivilisiert versus wild, fortschleichheit und Gewalt, indem sie sie als notwendige Schritte auf dem Weg des Fortschritts darstellen.

156
00:17:30.619 --> 00:17:40.359
 Die systematische Ausbeutung von Ressourcen, Körpern und Lebensräumen bildet dabei das ökonomische und symbolische Fundament der Ordnung Panems.

157
00:17:53.099 --> 00:17:53.480
 Aus dieser Perspektive lässt sich die Tribute von Panem als Narrativ lesen, das nicht nur politische Unterdrückung zeigt, sondern die tief eingeschriebene Spaltungslogik moderner Gesellschaften offenlegt.

158
00:17:58.400 --> 00:18:10.960
 Zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Menschen, zwischen Mensch und Natur. Die koloniale Moderne, die Grundlage dessen ist, was weithin als rationale Lebensführung gerahmt wird, ist ein Kennzeichen gegenwärtiger Gesellschaften des globalen Nordens.

159
00:18:11.680 --> 00:18:16.059
 In Panem werden die Strukturen der systematischen Ungleichheit auf die Spitze getrieben.

160
00:18:17.460 --> 00:18:29.900
 Eine Gesellschaftsordnung, die auf Spaltung, struktureller Gewalt und Unterdrückung beruht, wirkt sich auch auf die Psyche der in ihr lebenden Menschen aus. In die Tribute von Panem wird eine traumatisierte Gesellschaft beschrieben,

161
00:18:30.279 --> 00:18:35.700
 traumatisiert durch die Vergangenheit, aber auch traumatisiert durch das, was in der Zukunft

162
00:18:35.700 --> 00:18:42.119
 geschehen wird. Zukunft verliert ihre Offenheit, sie ist kein gestaltbarer Möglichkeitsraum mehr.

163
00:18:42.960 --> 00:18:46.380
 Affekte, körperliche Reaktionen, die Gestaltung von

164
00:18:46.380 --> 00:18:52.079
 Beziehungen und Lebensentscheidungen orientieren sich nicht an der Gegenwart, sondern an der

165
00:18:52.079 --> 00:19:01.200
 konkret antizipierten bedrohlichen Zukunft. Der Begriff Pre-Traumatic Stress Disorder wurde von

166
00:19:01.200 --> 00:19:07.200
 der US-amerikanischen Psychiaterin Lise van Susteren in Bezug auf den Klimawandel ab 2015 geprägt.

167
00:19:07.759 --> 00:19:18.500
 Zeitgleich verwendete der US-amerikanische Literatur- und Kulturtheoretiker Paul K. St. Amor den Begriff Pre-Traumatic Stress Syndrome unter Bezugnahme auf künftige Kriege.

168
00:19:25.140 --> 00:19:31.700
 erweitern damit klassische Traumamodelle, die von einem bereits eingetretenen traumatisierenden Ereignis ausgehen, um eine zeitlich vorverlagerte Traumatisierung, die sich auf die antizipierte

169
00:19:31.700 --> 00:19:38.619
 Zukunft bezieht. Zukunft wird dabei als unausweichlich und bedrohlich empfunden, der der

170
00:19:38.619 --> 00:19:44.940
 Mensch und seine Psyche ohnmächtig ausgeliefert ist. Damit verändert sich die Zeitstruktur. Zukunft

171
00:19:44.940 --> 00:19:46.299
 und Gegenwart überlagern

172
00:19:46.299 --> 00:19:51.460
 sich, wodurch die Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird, weil Entscheidungen nicht mehr von aktuellen

173
00:19:51.460 --> 00:19:57.839
 Gegebenheiten ausgehen, sondern von der als bedrohlich antizipierten Zukunft. Zeit wird

174
00:19:57.839 --> 00:20:06.259
 psychisch neu organisiert, wodurch die Antizipation, der Blick in die Zukunft selbst traumatisierend wirkt.

175
00:20:11.740 --> 00:20:12.500
 Dystopische Narrative wie die Tribute von Panem liefern Erzählungen von dieser bereits verlorenen Zukunft.

176
00:20:17.000 --> 00:20:21.559
 Sie zeichnen sich durch eine kritisch-politische Perspektive auf die Gesellschaft aus und entwerfen ein Bild, das sich klar von der Gegenwart unterscheidet,

177
00:20:21.559 --> 00:20:30.500
 indem sie die Schwierigkeiten und Herausforderungen der Gegenwart überhöhen, gleichzeitig aber auch in dem Zukunftsentwurf zeigen, wie gefährdet die

178
00:20:30.500 --> 00:20:36.380
 gegenwärtige Gesellschaft ist. Sie liefern somit Resonanzräume für Future Traumas,

179
00:20:36.380 --> 00:20:51.579
 indem sie diffuse Vorstellungen in konkrete Bilder verwandeln. Katniss Everdeen, die zentrale Figur aus die Tribute von Panem, ist in dieser beständig von Gewalt bedrohten prätraumatischen Welt keine klassische Heldin,

180
00:20:52.180 --> 00:20:57.359
 sondern sie wird zur Heldin aus ihrer Fürsorge und Verantwortung für ihre Familie heraus.

181
00:20:58.319 --> 00:21:05.859
 Nach dem Tod des Vaters übernimmt sie früh die Care-Arbeit für die traumatisierte Mutter, für die jüngere Schwester, für das Überleben der

182
00:21:05.859 --> 00:21:13.140
 Familie insgesamt. Diese Verantwortung ist als direkte Folge der soziopolitischen Ordnung Panems

183
00:21:13.140 --> 00:21:21.240
 nicht gewählt, sondern aufgezwungen. Kettnis Widerstand speist sich aus Sorge. Sie meldet

184
00:21:21.240 --> 00:21:26.500
 sich freiwillig zu den Hungerspielen, um ihre Schwester zu schützen, nicht um das System zu stürzen.

185
00:21:27.359 --> 00:21:34.000
 Widerstand entsteht hier aus der Unmöglichkeit, Fürsorge unter gewaltförmigen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

186
00:21:35.400 --> 00:21:41.039
 Gerade darin lässt sich Fürsorge als Gegenlogik zur Gewaltordnung Panems verstehen.

187
00:21:46.359 --> 00:21:46.980
 Panems verstehen. Während das System auf Spaltung, Konkurrenz und Entwertung von Leben basiert,

188
00:21:54.900 --> 00:22:00.599
 operiert Fürsorge relational, verbindend und lebensschützend. Fürsorge unterläuft die Logik der Spiele, weil sie den anderen nicht als Rivalen, sondern als Schützenswertes gegenüber wahrnimmt.

189
00:22:01.099 --> 00:22:06.519
 In einer prätraumatischen Gesellschaft, in der Zukunft permanent bedroht ist, wird Fürsorge

190
00:22:06.519 --> 00:22:14.099
 damit zu einer stillen, aber radikalen Form des Widerstands. Das eigentlich Traumatisierende liegt

191
00:22:14.099 --> 00:22:18.420
 hier nicht im gegenwärtigen Moment der Gewalt, sondern in der Gesellschaftsordnung, die systematisch

192
00:22:18.420 --> 00:22:24.000
 Zukunft in Bedrohung verwandelt. Diese Gesellschaftsordnung lässt sich als Zuspitzung jener

193
00:22:24.000 --> 00:22:27.839
 Krisen lesen, die gegenwärtig unsere eigene Gesellschaft durchziehen.

194
00:22:28.680 --> 00:22:36.660
 Entscheidend ist dabei die Perspektive, diese Krisen nicht als zufällige Störungen eines ansonsten funktionierenden Systems zu begreifen,

195
00:22:37.380 --> 00:22:40.140
 sondern als Produkt der kolonialen Moderne selbst.

196
00:22:42.559 --> 00:22:47.980
 Die koloniale Moderne basiert auf zwei eng miteinander verschränkten Grundannahmen.

197
00:22:47.980 --> 00:22:55.000
 Der Vorstellung der Überlegenheit des Menschen über die Natur und der Überlegenheit bestimmter Menschen über andere Menschen.

198
00:22:55.819 --> 00:23:00.940
 Natur wird als Ressource gedacht, die beherrscht, ausgebeutet und optimiert werden kann.

199
00:23:01.960 --> 00:23:07.380
 Gesellschaftliche Unterschiede werden hierarchisiert, legitimiert und naturalisiert.

200
00:23:08.200 --> 00:23:14.920
 Diese Logik der Separabilität ist mitverantwortlich für die gegenwärtige Polykrise, die die

201
00:23:14.920 --> 00:23:22.500
 Verflechtung ökologischer, sozialer, ökonomischer und psychischer Krisen umfasst. Separabilität

202
00:23:22.500 --> 00:23:26.460
 schreibt sich in das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln der

203
00:23:26.460 --> 00:23:32.099
 Gesellschaft ein, führt zu Wettbewerb, Besitzakkommodation und Individualisierung von

204
00:23:32.099 --> 00:23:37.599
 psychischer Gesundheit. Bei den dominanten Gruppen führt diese Logik im Kontext der

205
00:23:37.599 --> 00:23:42.759
 Polykrise zu einem Verlust von Verbundenheit, zu gesteigerter Angst vor dem Verlust von Privilegien,

206
00:23:43.259 --> 00:23:51.039
 zu Gefühlstaubheit und einem damit verbundenen Verlust des Zugangs zu den eigenen Emotionen. Marginalisierte Gruppen werden

207
00:23:51.039 --> 00:23:58.220
 hingegen entlang dieser Separabilitätslogiken verändert und pathologisiert. Zentrale Versprechen

208
00:23:58.220 --> 00:24:06.079
 der Moderne geraten zunehmend ins Wanken. Das Fortschrittsversprechen, die Idee, dass morgen notwendigerweise besser sein wird als

209
00:24:06.079 --> 00:24:13.660
 heute, verliert seine Überzeugungskraft. Kontrolle erweist sich als Illusion angesichts komplexer,

210
00:24:14.079 --> 00:24:20.319
 nicht linear steuerbarer Systeme. Sicherheit wird brüchig, weil Bedrohungen nicht mehr klar

211
00:24:20.319 --> 00:24:26.200
 lokalisierbar sind. Und vor allem zerfällt die Vorstellung einer linearen Zukunft, in der

212
00:24:26.200 --> 00:24:32.660
 sich Gegenwart, Entwicklung und Verbesserung sinnvoll aufeinander beziehen lassen. An die

213
00:24:32.660 --> 00:24:38.319
 Stelle dieser Versprechen tritt die Erfahrung dessen, was sich als unlebbare Zukunft beschreiben

214
00:24:38.319 --> 00:24:45.640
 lässt. Gemeint sind Zukunftsentwürfe, die zwar denkbar und prognostizierbar sind, aber affektiv kaum

215
00:24:45.640 --> 00:24:52.819
 integrierbar sind. Zukunfte, in denen ökologische Lebensgrundlagen zerstört, soziale Sicherungssysteme

216
00:24:52.819 --> 00:24:58.859
 überfordert und politische Ordnungen instabil geworden sind. Diese Zukunfte erscheinen nicht

217
00:24:58.859 --> 00:25:08.319
 mehr als Raum der Gestaltung, sondern als etwas, dem man ausgeliefert ist. Das Weltsystem der kolonialen Moderne erfüllt seine Versprechungen nicht mehr.

218
00:25:10.619 --> 00:25:19.660
 Die Bildungswissenschaftlerin Vanessa Machado de Oliveira bezeichnet den gegenwärtigen Prozess als das Sterben der kolonial-modernen Weltanschauung,

219
00:25:19.960 --> 00:25:25.079
 ohne dass bereits ein alternatives System bereitsteht, die dadurch entstehende Lücke zu füllen.

220
00:25:26.059 --> 00:25:30.960
 Vanessa Machado de Oliveira sieht die Lösung nicht darin, das alte System zu reparieren,

221
00:25:31.539 --> 00:25:33.380
 sondern es beim Sterben zu begleiten.

222
00:25:33.940 --> 00:25:38.299
 Hospicing Modernity. Aus seinen Fehlern zu lernen und es zu verabschieden.

223
00:25:38.640 --> 00:25:44.279
 Es geht um eine Haltung, in der nicht vorschnelle Entwürfe eines neuen Modells angestrebt werden,

224
00:25:44.819 --> 00:25:45.519
 sondern um eine Haltung der bewussten vorschnelle Entwürfe eines neuen Modells angestrebt werden, sondern um eine

225
00:25:45.519 --> 00:25:52.359
 Haltung der bewussten Verabschiedung. Hospicing ist kein aktives Tun im klassischen Sinn, sondern

226
00:25:52.359 --> 00:25:59.359
 ein Dableiben im Nichtauflösbaren. Es anerkennt, dass es reale Verluste gibt von Sicherheiten,

227
00:25:59.519 --> 00:26:06.119
 Selbstbildern, Zukunftserwartungen, die nicht kompensiert werden können. Trauerarbeit wird hier zentral,

228
00:26:06.460 --> 00:26:12.619
 allerdings ohne Heilsversprechen. Es geht nicht darum, dass am Ende alles gut wird, sondern darum,

229
00:26:13.039 --> 00:26:19.339
 das Ende als Ende anzuerkennen, ohne daran zu zerbrechen. Aus dieser Perspektive lässt sich

230
00:26:19.339 --> 00:26:25.759
 eine Parallele zu Katniss Everdeen erkennen. Am Ende von Die Tribute von Panem verweigert sie sich sowohl dem

231
00:26:25.759 --> 00:26:31.799
 alten Gewaltregime des Kapitols als auch der Versuchung, selbst Teil eines neuen moralisch

232
00:26:31.799 --> 00:26:37.559
 legitimierten Gewaltapparats zu werden. Ihr Rückzug von der politischen Bühne ist kein Scheitern und

233
00:26:37.559 --> 00:26:43.960
 kein Eskapismus, sondern eine ethische Entscheidung. Sie entscheidet sich gegen die Reproduktion jener

234
00:26:43.960 --> 00:26:45.599
 Logiken, die sie überlebt hat.

235
00:26:46.220 --> 00:26:50.960
 Nicht der Sieg steht im Zentrum, sondern die Verweigerung weiterer Instrumentalisierung von

236
00:26:50.960 --> 00:26:57.819
 Leben. Diese Verweigerung entspricht der Haltung des Hospicing. Kein neues Versprechen, kein

237
00:26:57.819 --> 00:27:04.460
 heroischer Neubeginn, kein jetzt erst recht. Stattdessen eine bewusste Begrenzung von Gewalt,

238
00:27:04.460 --> 00:27:05.799
 ein Rückzug aus

239
00:27:05.799 --> 00:27:11.680
 Erlösungsnarrativen und die Anerkennung dessen, was nicht mehr tragfähig ist. Zentral sind in

240
00:27:11.680 --> 00:27:18.619
 diesem Zusammenhang zwei Schlüsselbegriffe. Unlearning und Unnumbing. Unlearning bezeichnet

241
00:27:18.619 --> 00:27:23.759
 das schrittweise Verlernen jener Denk-, Fühl- und Handlungsmuster, die die koloniale Moderne

242
00:27:23.759 --> 00:27:26.099
 hervorgebracht hat. Insbesondere

243
00:27:26.099 --> 00:27:33.339
 Kontrollfantasien, moralische Überlegenheitsansprüche und lineare Fortschrittslogiken. Ann Nambing meint

244
00:27:33.339 --> 00:27:38.980
 die Wiederzulassung von Affekten, die lange abgewehrt oder betäubt wurden. Trauer, Schuld,

245
00:27:39.539 --> 00:27:46.700
 Ohnmacht, Angst. Nicht um in ihnen stecken zu bleiben, sondern um wieder affektiv ansprechbar zu werden.

246
00:27:47.720 --> 00:27:53.980
 Damit wird Hospicing Modernity zu einer Haltung, die weder aktivistisch noch resignativ ist. Sie

247
00:27:53.980 --> 00:27:59.779
 eröffnet einen Zwischenraum zwischen Handeln und Lassen, zwischen Hoffnung und Desillusionierung,

248
00:28:00.319 --> 00:28:07.779
 zwischen Zukunft und Abschied. Wenn Future Traumas nicht als individuelle Fehlverarbeitung,

249
00:28:07.839 --> 00:28:12.299
 sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Krisen und prätraumatischer Bedingungen verstanden werden,

250
00:28:12.900 --> 00:28:17.319
 dann steht Psychotherapiewissenschaft vor der Aufgabe, ihr eigenes Selbstverständnis zu

251
00:28:17.319 --> 00:28:23.900
 reflektieren. Drei Leitfragen können dabei Orientierung geben. Erstens, wie werden

252
00:28:23.900 --> 00:28:25.759
 Zukunftsbilder im therapeutischen Raum

253
00:28:25.759 --> 00:28:31.619
 sichtbar? Zukunft taucht in Therapien oft indirekt auf, in Entscheidungslähmungen, in Verzicht auf

254
00:28:31.619 --> 00:28:37.480
 Wünsche, in Schuldgefühlen gegenüber kommenden Generationen. Diese Phänomene sind nicht einfach

255
00:28:37.480 --> 00:28:43.539
 Symptome, sondern Träger von Zukunftsnarrativen. Therapeutische Verantwortung bedeutet hier,

256
00:28:43.640 --> 00:28:45.799
 diese impliziten Zukunftsbilder ernst zu

257
00:28:45.799 --> 00:28:51.380
 nehmen, sie gemeinsam zu explorieren und ihre Herkunft zu befragen. Welche gesellschaftlichen

258
00:28:51.380 --> 00:28:56.940
 Diskurse sprechen hier mit? Welche Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft haben sich eingeschrieben?

259
00:28:58.259 --> 00:29:03.799
 Zweitens, wie können Spaltungsmuster reflektiert werden? Future Traumas gehen mit inneren und

260
00:29:03.799 --> 00:29:05.559
 äußeren Spaltungen einher, zwischen

261
00:29:05.559 --> 00:29:11.619
 Hoffnung und Resignation, zwischen individueller Selbstverantwortung und struktureller Ohnmacht,

262
00:29:12.200 --> 00:29:17.559
 zwischen denen, die noch handeln und denen, die aufgegeben haben. Psychotherapie läuft Gefahr,

263
00:29:17.559 --> 00:29:26.420
 solche Spaltungen ungewollt zu reproduzieren, etwa wenn Anpassungsfähigkeit, Resilienz oder positives Denken implizit als

264
00:29:26.420 --> 00:29:31.599
 Norm gesetzt werden. Eine verantwortliche Haltung würde stattdessen danach fragen, wie diese

265
00:29:31.599 --> 00:29:38.759
 Spaltungen entstanden sind und wem sie dienen. Drittens, wie kann Trauer kollektiv gedacht werden?

266
00:29:39.799 --> 00:29:44.400
 Viele der Verluste, um die es bei Future Trauma geht, sind keine privaten Verluste. Es geht um

267
00:29:44.400 --> 00:29:50.380
 den Verlust von Zukunftsvorstellungen, von Weltbildern, von Sicherheiten, die kollektiv geteilt wurden.

268
00:29:51.460 --> 00:29:56.380
 Psychotherapie ist traditionell stark auf individuelle Trauerarbeit ausgerichtet. Hier

269
00:29:56.380 --> 00:30:02.039
 stellt sich die Frage, ob und wie Trauer auch als geteilte gesellschaftliche Erfahrung im

270
00:30:02.039 --> 00:30:05.579
 therapeutischen Raum anerkannt werden kann, ohne sie zu

271
00:30:05.579 --> 00:30:11.920
 individualisieren oder zu pathologisieren. Die Perspektive auf Future Traumas erfordert von

272
00:30:11.920 --> 00:30:18.460
 Psychotherapie einen Raum des Aushaltens von Unsicherheit, Ambivalenz und Nichtwissen. Sie

273
00:30:18.460 --> 00:30:26.160
 hält offen, was offen ist. Psychotherapeutische und psychotherapiewissenschaftliche Verantwortung bedeutet

274
00:30:26.160 --> 00:30:32.259
 dann, diese Prozesse des Übergangs zwischen einem Nicht-Mehr und einem Noch-Nicht zu begleiten,

275
00:30:32.980 --> 00:30:38.000
 Pathologisierungen kritisch zu hinterfragen und anzuerkennen, dass Zukunft selbst zu einer

276
00:30:38.000 --> 00:30:43.200
 traumatischen Erfahrung wird. Future Traumas sind aus dieser Perspektive Ausdruck eines

277
00:30:43.200 --> 00:30:45.019
 kollektiven Übergangszustandes,

278
00:30:45.180 --> 00:30:50.559
 in dem vertraute Zukunftsbilder verloren gegangen und moderne Versprechungen brüchig geworden sind.

279
00:30:51.539 --> 00:30:56.579
 Psychotherapie ist in diesem Kontext eine begleitende Praxis in Zeiten einer gesellschaftlichen

280
00:30:56.579 --> 00:31:02.079
 Transformation. Hospicing Modernity wird damit zu einer psychotherapeutischen und

281
00:31:02.079 --> 00:31:10.779
 psychotherapiewissenschaftlichen Haltung. Es heißt, gleichzeitig das Unrettbare auszuhalten und Platz für das Unvorstellbare entstehen zu lassen.

282
00:31:12.099 --> 00:31:17.039
 Was uns die Tribute von Panem vor Augen führt, ist eine Welt der Future Traumas.

283
00:31:17.400 --> 00:31:20.240
 Kinder wachsen mit einer explizit bedrohlichen Zukunft auf.

284
00:31:20.779 --> 00:31:24.680
 Ihr Lebenslauf ist von vornherein durch Angst, Kontrolle und Gewalt gerahmt.

285
00:31:26.720 --> 00:31:32.160
 Das Narrativ berührt das, was wir als Future Trauma beschreiben können. Die Gegenwart wird von einer als bedrohlich

286
00:31:32.160 --> 00:31:37.400
 imaginierten Zukunft organisiert und doch verweigert die Geschichte ein triumphales

287
00:31:37.400 --> 00:31:43.799
 Zukunftsversprechen. Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung entsteht keine klare Zukunftsaussicht.

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 Stattdessen bleibt Offenheit.

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 Ketnis entscheidet sich nicht für ein neues Heilsprojekt, sondern für eine begrenzte,

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 verletzliche Form des Weiterlebens, für Beziehung, für ein Leben ohne große Erzielung. Vielleicht

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 liegt darin eine Form des Hospicing. Nicht die Rettung einer Welt, nicht die Konstruktion einer neuen Zukunftsvision,

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 sondern das widerständige Aushalten des Übergangs zwischen einem Nicht-Mehr und einem Noch-Nicht.

