WEBVTT

0
00:00:00.000 --> 00:00:19.000
 So, dann gehen wir in die zweite Hälfte dieses Nachmittags und freuen uns auf den Vortrag

1
00:00:19.000 --> 00:00:20.359
 von Bettina Zehedner.

2
00:00:21.120 --> 00:00:23.760
 Ist das noch normal oder ist das schon Gewalt?

3
00:00:24.359 --> 00:00:26.379
 Nämlich der Norm, Resilienz

4
00:00:26.379 --> 00:00:27.500
 und Parteilichkeit.

5
00:00:29.239 --> 00:00:30.320
 Doktorin Bettina C.

6
00:00:30.359 --> 00:00:35.679
 Hettner ist Philosophin und psychosoziale Beraterin im Verein Frauen beraten Frauen,

7
00:00:37.140 --> 00:00:42.740
 Lektorin am Institut für Soziologie der Universität Wien und ihr aktueller Forschungsschwerpunkt

8
00:00:42.740 --> 00:00:45.460
 ist geschlechtsspezifische Gewalt mit dem

9
00:00:45.460 --> 00:00:52.280
 Fokus auf Femizide. Ihre jüngsten Publikationen, da es zum Beispiel zu nennen Worte für das

10
00:00:52.280 --> 00:00:58.939
 noch nicht Sagbare finden, schreiben als Methode feministischen Empowerments, erschienen in

11
00:00:58.939 --> 00:01:07.159
 dem Herausgeberband von Andrea Ellmayr, Empowerment, Wissen und Geschlecht in Musik, Theater und Film voriges Jahr erschienen.

12
00:01:08.159 --> 00:01:15.640
 Und noch das gerade in Druck befindliche Werk Sprechen und Schweigen über Gewalt im Krieg, Briefe von Frauen aus der Ukraine.

13
00:01:16.299 --> 00:01:32.140
 Liebe Bettina Zetner, ich darf bitten, wir freuen uns auf Ihren Vortrag.

14
00:01:33.819 --> 00:01:34.680
 Vielen Dank für die Einladung.

15
00:01:36.180 --> 00:01:37.659
 Ich war ja offenbar tatsächlich bei der Geburt der Idee

16
00:01:37.659 --> 00:01:40.060
 für den Tagungstitel auch dabei

17
00:01:40.060 --> 00:01:41.840
 bei Elisabeths wunderbarem Kolloquium,

18
00:01:42.219 --> 00:01:43.659
 Habilitationskolloquium, genau.

19
00:01:44.239 --> 00:01:48.280
 Und es wird auch recht grounded jetzt, auch mit Elisabeth gesprochen,

20
00:01:48.459 --> 00:01:54.040
 dass Philosophie durchaus grounded in Erfahrung sein darf, vielleicht sogar soll.

21
00:01:56.819 --> 00:01:59.519
 Ja, mein, oh da ist er schon, genau.

22
00:02:00.340 --> 00:02:05.180
 Der Untertitel lautet dann zum Spannungsfeld von therapeutischer Abstinenz und Parteilichkeit.

23
00:02:06.540 --> 00:02:13.500
 Mein Arbeitsschwerpunkt ist die psychosoziale Beratung von Frauen, die Gewalt durch Partner oder Ex-Partner erleben.

24
00:02:14.340 --> 00:02:20.800
 Ich beziehe mich im Folgenden auf heterosexuelle Szenarien und vor allem auf psychische und ökonomische Gewalt.

25
00:02:21.460 --> 00:02:27.800
 Also Gewaltformen, die oft nicht als solche erkannt oder benannt werden ich beziehe mich viel

26
00:02:27.800 --> 00:02:33.139
 auf die studie die mein verein in auftrag gegeben hat was wirkt qualitative studie zu gewalt an

27
00:02:33.139 --> 00:02:41.539
 frauen und das handbuch das daraus entstanden ist und ich möchte in diesem vortrag zeigen

28
00:02:41.539 --> 00:02:48.240
 wir eine angeblich neutrale oder abstinente Haltung durch ihr Nichtbenennen von Gewalt diese normalisiert und fortführt.

29
00:02:49.400 --> 00:03:00.719
 Als Alternative plädiere ich für eine feministisch-parteiliche Positionierung, die jede Form von Gewalt als solche benennt und die gewalterleidende Person damit in ihrer Handlungsfähigkeit stärkt.

30
00:03:02.000 --> 00:03:08.939
 Im besten Fall kann diese klare Haltung dazu beitragen, weitere zukünftige traumatische Erfahrungen zu verhindern.

31
00:03:12.659 --> 00:03:25.659
 Kurz zur Ausgangslage. Femizide als Spitze des Eisbergs. Sie sehen in der Grafik, auch diese entnommen in unserem Handbuch, dass nur ein wirklich sehr, sehr kleiner Bruchteil

32
00:03:25.659 --> 00:03:35.120
 aller Gewalt tatsächlich als solche sichtbar angezeigt, benannt und vielleicht sogar verurteilt

33
00:03:35.120 --> 00:03:40.080
 wird. Ein sehr, sehr kleiner Teil. Also das Dunkelfeld ist natürlich enorm viel größer.

34
00:03:41.199 --> 00:03:46.939
 Und die Rate an Frauenmorden in Relation zur Bevölkerung liegt in Österreich seit vielen Jahren weit über dem EU-Durchschnitt.

35
00:03:47.719 --> 00:03:50.099
 Trotz sehr guter Gewaltschutzgesetze.

36
00:03:51.599 --> 00:03:55.500
 Gewalt beginnt allerdings klarerweise lange vor dem Mord.

37
00:03:56.479 --> 00:03:59.599
 Gewalttätige Personen testen aus, wie weit sie gehen können.

38
00:04:00.500 --> 00:04:13.620
 Es beginnt oft mit diffusem Unbehagen, verursacht durch subtile Kontrolle, Besitzdenken, Einschüchterungen, Beschimpfungen, Demütigungen, Drohungen, oft verschärft durch ökonomische oder aufenthaltsrechtliche Abhängigkeit.

39
00:04:14.919 --> 00:04:26.060
 Vor allem psychische und ökonomische Gewalt wird sozusagen unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung ausgeübt, oft eben nicht als solche solche erkannt benannt und gilt vielfach als normal

40
00:04:26.060 --> 00:04:35.699
 zum begriff der ökonomischen gewalt hier ein paar beispiele die normalität bleibt oft unsichtbar

41
00:04:35.699 --> 00:04:42.600
 und sie unhinterfragt wenn diese normalität eine heteronormative patriarchale und rassistische ist

42
00:04:42.600 --> 00:04:45.560
 dann bedarf es der auseinandersetzung mit herrschenden

43
00:04:45.560 --> 00:04:51.120
 gesellschaftlichen Verhältnissen und den eigenen Verstrickungen in diese. Sozusagen das Patriarchat

44
00:04:51.120 --> 00:04:58.959
 im eigenen Kopf. Es bedarf des Naming the Norm, die oft gewaltvolle Norm und Normalität als solche

45
00:04:58.959 --> 00:05:08.060
 zu benennen, um sie bewusst und kritisierbar zu machen. Vielleicht ein winziger Ausblick auf von Esther Huthfless, Barbara Zach, Nicole Burgermeister

46
00:05:08.060 --> 00:05:13.399
 und Lalita Jamakala'il herausgegebenen Band über die Machtverhältnisse auf der Couch.

47
00:05:13.759 --> 00:05:14.920
 Ich denke, das wird morgen Thema.

48
00:05:15.060 --> 00:05:16.279
 Ein unfassbar gutes Buch.

49
00:05:16.399 --> 00:05:17.560
 Bitte lesen Sie dieses Buch.

50
00:05:18.199 --> 00:05:19.420
 Das soll bleiben.

51
00:05:20.920 --> 00:05:23.060
 Zur Haltung der differenzierten Parteilichkeit.

52
00:05:24.339 --> 00:05:31.459
 Feministische Parteilichkeit ist keine bloße Anwaltschaft. Sie ist eine herrschaftskritische Position und thematisiert Machtverhältnisse.

53
00:05:32.959 --> 00:05:48.540
 Parteilichkeit bedeutet eine bewusste und explizite Positionierung, denn jedes Wissen ist situiert durch die Position der Sprechenden. Zum Beispiel meine soziale Situation, meine Bildung, meine Erfahrungen, meine Privilegien oder den Mangel an Privilegien.

54
00:05:49.740 --> 00:05:51.579
 Wie nehme ich wahr, wie bewerte ich?

55
00:05:52.519 --> 00:05:56.800
 Es gibt für uns keinen gottgleichen Blick von einer Position außerhalb des Systems.

56
00:05:57.339 --> 00:06:02.000
 Darum ist es notwendig, den eigenen Hintergrund und das eigene Interesse offen zu legen.

57
00:06:06.319 --> 00:06:12.720
 und das eigene Interesse offen zu legen. Mit der Behauptung von Objektivität und Neutralität wird dagegen häufig versucht, eine Einzelposition als universal gültig auszugeben und die tatsächlichen

58
00:06:12.720 --> 00:06:18.800
 eigenen Interessen zu verschleiern. Wenn Psychotherapie die ungleichen Bedingungen im

59
00:06:18.800 --> 00:06:23.079
 Leben von Frauen und Männern ignoriert, besteht die Gefahr, dass sie zum Anpassungsinstrument

60
00:06:23.079 --> 00:06:26.800
 wird. Zu einem Anpassungsinstrument, das vorgibt,

61
00:06:27.079 --> 00:06:32.480
 scheinbar objektiv und neutral zu behandeln, in Wahrheit aber eine systemstabilisierende Funktion

62
00:06:32.480 --> 00:06:39.060
 erfüllt und die bestehenden Ungleichheiten festschreibt. Etwa mit der Annahme, Gewalt durch den Partner

63
00:06:39.060 --> 00:06:46.519
 wäre ja nur ein momentanes Machtungleichgewicht. Die Frau könnte ja jederzeit einfach gehen. Es gibt schließlich genug Hilfsangebote.

64
00:06:48.300 --> 00:07:02.699
 Im Gegensatz zur Macht, die auf Zustimmung oder Duldung angewiesen ist, also eine wechselseitige Dynamik darstellt und üblicherweise eben dynamisch ist, auch wechseln kann, kann Gewalt als einseitige Ausübung von Zwang verstanden werden.

65
00:07:03.420 --> 00:07:11.680
 Ich beziehe mich in dieser Differenzierung auf Hannah Arendt. Der Wille der betroffenen Person wird missachtet und soll gebrochen werden. Der,

66
00:07:11.839 --> 00:07:17.939
 die Gewalttätige strebt Verletzung, Schädigung und Unterordnung des Opfers an. Dabei kann es

67
00:07:17.939 --> 00:07:23.180
 sich um eine körperliche oder auch eine emotionale Schädigung handeln. Denn schon mit der Androhung

68
00:07:23.180 --> 00:07:26.060
 von Gewalt kann der eigene Wille gegen den Willen

69
00:07:26.060 --> 00:07:32.639
 der anderen Person durchgesetzt werden. Es geht hier nicht um einmalige Affektausbrüche, sondern

70
00:07:32.639 --> 00:07:39.639
 um wiederholte, angsterzeugende, schädigende und auf Demütigung abzielende zum Beispiel Beschimpfungen,

71
00:07:40.160 --> 00:07:51.839
 Entwertungen, Einschüchterungen, Beschuldigungen. Auch hier wieder zwei Folien aus dem Handbuch mit Illustrationen, was denn psychische Gewalt alles sein kann.

72
00:07:54.019 --> 00:08:06.180
 Die Verwechslung von Macht und Gewalt schützt und stärkt die Täterperson und schwächt das Opfer, indem Gewaltverhältnisse eben nicht als solche erkannt, sondern als bloßer Streit oder Konflikt normalisiert werden.

73
00:08:07.899 --> 00:08:12.500
 Privatsache nennt das mitunter die Polizei und vermerkt dann Streitschlichtung im Akt.

74
00:08:15.399 --> 00:08:17.319
 Therapeutische Abstinenz und Gewalt.

75
00:08:18.680 --> 00:08:29.019
 Therapeutische Abstinenz meint primär das Gebot, TherapeutInnen sollen keine privaten, geschäftlichen oder sexuellen Beziehungen mit ihren KlientInnen aufnehmen, sowie sich mit Informationen über die eigene

76
00:08:29.019 --> 00:08:36.320
 Person und das eigene Privatleben zurückhalten. So weit, so klar, so wichtig. Wird therapeutische

77
00:08:36.320 --> 00:08:42.240
 Abstinenz allerdings als Neutralität verstanden, so ist diese beim Thema Gewalt eine gefährliche,

78
00:08:42.240 --> 00:08:46.779
 meiner Ansicht nach, und kontraproduktive Illusion. Denn jede

79
00:08:46.779 --> 00:08:51.779
 vermeintliche Neutralität angesichts seines Gewaltverhältnisses wirkt als implizite Parteinahme

80
00:08:51.779 --> 00:08:58.460
 für die gewaltausübende Person, stärkt diese durch Nichtansprechen und schwächt die gewalterleidende

81
00:08:58.460 --> 00:09:06.320
 Person, indem sie die ausgeübte Gewalt eben nicht problematisiert. Ein Sich-Heraushalten bedeutet im Fall von Gewalt

82
00:09:06.320 --> 00:09:11.740
 diese gut zu heißen und kann eine Form von Victim-Blaming darstellen, indem die Gewalt

83
00:09:11.740 --> 00:09:17.179
 erlebende Person damit alleingelassen eine Mitverantwortung für die ihr angetane Gewalt

84
00:09:17.179 --> 00:09:23.580
 erhält. Angst vor dem Benennen von Gewalt kann auf beiden Seiten, Klientinnen-Seite,

85
00:09:23.679 --> 00:09:31.500
 Therapeutinnen-Seite, einen konstruktiven Umgang mit dem Thema erschweren. Gewalt ist sowohl als Erlebte und Erlittene wie

86
00:09:31.500 --> 00:09:37.700
 auch als Ausgeübte meist stark schambesetzt und das Ansprechen soll darum behutsam erfolgen,

87
00:09:37.700 --> 00:09:46.360
 um nicht sofort Abwehr auszulösen. Oft ist dabei die Idee hinderlich, sobald Gewalt thematisiert wird, müsse sofort gehandelt werden.

88
00:09:47.320 --> 00:09:48.559
 Das ist nicht unbedingt der Fall.

89
00:09:49.580 --> 00:09:53.840
 Manchmal ermöglicht erst das Sprechen und explizite Reflektieren über Gewalt,

90
00:09:54.320 --> 00:10:00.340
 verschiedenste Handlungsoptionen abzuwägen und die für sich selbst und die konkrete Situation Richtige zu entwickeln.

91
00:10:01.700 --> 00:10:05.759
 Solange aber das Kernproblem keinen Namen hat, sondern darum herum laviert,

92
00:10:05.860 --> 00:10:11.820
 bagatellisiert oder umgedeutet wird, als bloßer Streit, Konflikt, Macht, Ungleichgewicht, ist es

93
00:10:11.820 --> 00:10:18.620
 für die gewalterleidende Person extrem schwer, sich adäquat abzugrenzen und zu schützen. Die

94
00:10:18.620 --> 00:10:24.320
 gewalterlebende Person braucht einen Ort, wo sie offen sprechen kann, ohne gleich mit Interventionen

95
00:10:24.320 --> 00:10:25.899
 und Maßnahmen bedrängt zu

96
00:10:25.899 --> 00:10:31.580
 werden, aber sehr wohl ein Gegenüber hat, das klar signalisiert, ich stehe auf ihrer Seite und

97
00:10:31.580 --> 00:10:38.740
 verurteile diese Gewalt. Und ganz wichtig, sie sind nicht schuld an der Gewalt, die sie erleben.

98
00:10:40.799 --> 00:10:48.220
 Diese Positionierung und Haltung eröffnen der erzählenden Person den Raum tatsächlich über ihre Handlungsmacht und auch über deren Grenzen zu reflektieren.

99
00:10:49.440 --> 00:11:01.279
 Genauso wichtig wie das Bewusstwerden über die eigene Handlungsfähigkeit ist es für die gewalterleidende Person, sich einzugestehen, dass sie den Partner eben nicht ändern, retten oder sein Verhalten steuern kann.

100
00:11:09.480 --> 00:11:17.460
 Verhalten steuern kann. Sprache ist unser Instrument und wir wollen sehen, wie Benennen wirken kann. Alles Material kommt von der Klientin. Wir unterstützen sie beim zur Sprache bringen und

101
00:11:17.460 --> 00:11:28.759
 Worte finden für ihr Erleben. Meiner Erfahrung nach kann es enorm entlasten und erkenntnisförderlich wirken, einen Begriff für ein bisher nur vage empfundenes Unbehagen zu entwickeln.

102
00:11:29.659 --> 00:11:41.299
 Beispiele für dieses wirksame Auf-den-Begriff-Bringen sind empowernde Selbstbezeichnungen wie queer, non-binary, genderfluid oder auch ein Wort wie mental load,

103
00:11:41.879 --> 00:11:48.179
 das als Werkzeug dienen kann, um eine problematische Arbeits- und Verantwortungsverteilung innerhalb einer Beziehung zu benennen.

104
00:11:50.080 --> 00:11:57.360
 Das vorher Unbenannte wird fassbar, die Verwirrung klärt sich auf, die Selbstbeschuldigung kann beendet werden.

105
00:11:58.019 --> 00:11:59.899
 Dadurch entsteht neue Handlungsfähigkeit.

106
00:12:12.720 --> 00:12:14.059
 Die klare Benennung von Gewalt ist auch deswegen unumgänglich, weil sie das notwendige Gegengewicht zur Negierung, Umdeutung oder Verharmlosung durch die gewaltausübende Person bildet.

107
00:12:21.340 --> 00:12:23.000
 Denn diejenige Person, die Gewalt ausübt, leugnet sehr häufig ihr eigenes Verhalten, spricht der betroffenen Person ihre Wahrnehmung ab.

108
00:12:26.259 --> 00:12:32.539
 Gewaltausübende begreifen sich sehr oft vorrangig als Opfer und stellen sich als solche dar. Diese Verleugnung der eigenen Handlungen, das war nicht so, das

109
00:12:32.539 --> 00:12:37.440
 bildest du dir ein, du bist ja verrückt, niemand wird dir glauben und die Beschuldigung der

110
00:12:37.440 --> 00:12:56.120
 Betroffenen, du hast mich provoziert, stellen selbst gewaltvolle Strategien dar. Es ist darum unerlässlich, im Rahmen einer Beratung oder Therapie, die Manipulationen, den sogenannten Brainwash oder das Gaslighting eines gewalttätigen Partners buchstäblich Schicht für Schicht abzutragen,

111
00:12:56.120 --> 00:13:02.120
 wie einen Haufen Schutt, um die Selbstwahrnehmung und die Urteilskraft der Betroffenen wieder zu ermöglichen.

112
00:13:03.519 --> 00:13:06.500
 Ich erinnere an den Unnamming-Begriff von Agnes

113
00:13:06.500 --> 00:13:17.240
 Steffenson. Ein Zitat aus unserer Studie, Zitat P4, aber je mehr ich erzählt habe, umso leichter

114
00:13:17.240 --> 00:13:28.200
 ist es mir gegangen. Es war so wie Steine, die da irgendwie abrollen, weggehen. Sich selbst wieder ernst nehmen und sich zu trauen, die eigenen

115
00:13:28.200 --> 00:13:33.019
 Empfindungen überhaupt wieder zu spüren, sind essentielle Schritte im therapeutischen Prozess

116
00:13:33.019 --> 00:13:41.720
 und wirken präventiv im Sinne besserer Fähigkeit zum Selbstschutz. Ein Satz wie, aus meiner Sicht

117
00:13:41.720 --> 00:13:48.100
 ist das, was Sie erzählen, psychische Gewalt, ist eine starke Intervention, an der sich abgearbeitet werden kann.

118
00:13:49.580 --> 00:13:54.100
 Wird die Aussage zu früh im Prozess geäußert, wird sie möglicherweise als zu heftig erstmal abgewehrt.

119
00:13:54.860 --> 00:14:10.940
 Allerdings habe ich sehr viel öfter erlebt, wie enorm die Erleichterung der Klientin war, endlich einen Namen für den eigenen Leidenszustand zu haben und durch eine klare Positionierung Stärkung zu erfahren. Nämlich die Positionierung, dieses Verhalten ist nicht normal. Es gibt

120
00:14:10.940 --> 00:14:16.139
 möglicherweise Gründe dafür, aber keine Rechtfertigung. Sie sind nicht schuld an der

121
00:14:16.139 --> 00:14:23.019
 Gewalt, die sie erleben und sie haben das Recht, sich zu schützen und zu wehren. Sehr oft habe

122
00:14:23.019 --> 00:14:30.460
 ich von Klientinnen den Wunsch gehört, Zitat, das hätte ich gebraucht, dass das mal einer als Gewalt benennt, was ich erlebe.

123
00:14:31.480 --> 00:14:35.980
 Oder auch, hätte mich doch mal jemand gefragt, ob ich Gewalt erlebe.

124
00:14:39.620 --> 00:14:50.039
 Schweigen reproduziert Gewalt. In diesem Sinne können Neutralität oder Abstinenz von PsychotherapeutInnen auch als ignorierende Gesten und Akte missbraucht werden.

125
00:14:51.519 --> 00:14:56.799
 Wir alle wollen die massive patriarchale Gewalt im Herzen unserer Geschlechterarrangements nicht wahrhaben.

126
00:14:56.799 --> 00:15:06.279
 Auch im psychotherapeutischen Setting wird diese zum Selbstschutz vor der eigenen Konfrontation immer wieder durch durch Verschweigen unsichtbar gemacht von beiden Seiten.

127
00:15:06.919 --> 00:15:08.059
 Klientin, Therapeutin.

128
00:15:09.139 --> 00:15:14.919
 Die Tatsache, dass in Liebesbeziehungen so häufig Gewalt ausgeübt wird, ist schwer erträglich.

129
00:15:15.740 --> 00:15:20.879
 Die Vorstellung, dass das eigene Zuhause, die eigene Partnerschaft, der statistisch wahrscheinlichste Ort ist,

130
00:15:20.879 --> 00:15:30.759
 an dem Frauen und Mädchen verletzt und manche auch getötet werden, ist schwer auszuhalten. Umso wichtiger ist es, hier keine falsch verstandene und als Kälte

131
00:15:30.759 --> 00:15:39.500
 erlebte Gleichgültigkeit im Gewand von Abstinenz zu praktizieren. Das Credo von Psychotherapie,

132
00:15:39.559 --> 00:15:47.399
 die Arbeit am Selbst, geht ins Leere, wenn Gewalt nicht erkannt und benannt wird. Es wird dann nicht über konkrete

133
00:15:47.399 --> 00:15:52.700
 Schutzmaßnahmen gesprochen, sondern es werden immer wieder aufs Neue Möglichkeiten des Umgangs mit dem

134
00:15:52.700 --> 00:15:59.360
 gewalttätigen Verhalten besprochen. Polemisch gesagt, wie die Frau es besser aushält. So formulieren das

135
00:15:59.360 --> 00:16:06.519
 Ratsuchende auch selbst oft als Anliegen an Beratung oder Therapie. Wie halte ich es besser aus? Sagen Sie mir das.

136
00:16:08.940 --> 00:16:14.340
 Das Erleiden von Gewalt kann eine existenzielle Beschämung bedeuten, sodass die beschämte Person

137
00:16:14.340 --> 00:16:19.860
 nicht über das Erlebte sprechen kann. Wenn auch alle anderen Personen in ihrer Umgebung nicht

138
00:16:19.860 --> 00:16:32.059
 darüber sprechen, wenn nicht einmal die Psychotherapeutin darüber zu sprechen vermag oder bereit ist, multipliziert sich die Unfähigkeit des Benennens und Bezeugens und damit auch die Scham.

139
00:16:33.720 --> 00:16:37.860
 Zu fragen ist also auch nach den Schamgefühlen der Therapeutin, des Therapeuten.

140
00:16:39.080 --> 00:16:44.539
 Warum fällt es womöglich auch ihr oder ihm schwer, Gewalt anzusprechen oder nachzufragen?

141
00:16:44.559 --> 00:16:47.159
 Möglich auch ihr oder ihm schwer Gewalt anzusprechen oder nachzufragen.

142
00:16:50.159 --> 00:16:50.759
 Giselle Pellicot fordert, die Scham muss die Seite wechseln.

143
00:16:54.580 --> 00:16:57.279
 Wie schaffen wir das als ganze Gesellschaft, als gesamte Kultur?

144
00:17:02.600 --> 00:17:03.100
 Ein deutliches Ergebnis der qualitativen Studie, was wirkt gegen Gewalt an Frauen 2022,

145
00:17:06.220 --> 00:17:15.259
 ist eben die hilfreiche Wirkung der Benennung und der parteilichen Positionierung. Auszugsweise möchte ich wieder zwei Zitate nennen. Für mich

146
00:17:15.259 --> 00:17:19.519
 als Betroffene war das Aufmerksam machen in der Frauenberatung, dass das Gewalt ist, was ich

147
00:17:19.519 --> 00:17:26.799
 erlebe, bahnbrechend für meine Zukunft. Zweites Zitat, ich fühle mich verstanden und ernst genommen und

148
00:17:26.799 --> 00:17:34.619
 das war bisher noch nie der Fall. Sehr viele Frauen erzählen in der Frauenberatung zum ersten Mal

149
00:17:34.619 --> 00:17:39.640
 über die Gewalt, die sie erleben. Viele halten jahrelang, jahrzehntelang die Fassade einer

150
00:17:39.640 --> 00:17:45.480
 heilen Familie aufrecht. Allerdings wurden, selbst wenn die Frauen von gewaltvollen Erfahrungen erzählten,

151
00:17:46.000 --> 00:17:51.180
 diese häufig nicht als solche ernst genommen, sondern in Frage gestellt, verharmlost,

152
00:17:51.759 --> 00:17:59.299
 umgedeutet, nicht selten auch im Rahmen von Beratung oder Therapie. Die Klientinnen berichten

153
00:17:59.299 --> 00:18:06.900
 von Sätzen wie, ja was haben Sie denn dazu beigetragen, dass es dazu gekommen ist? Es sind immer beide Partner zu gleichen Teilen verantwortlich.

154
00:18:07.700 --> 00:18:09.200
 Da gehören schon immer zwei dazu.

155
00:18:10.440 --> 00:18:14.720
 Oder sogar, Sie haben sich diesen Partner ausgesucht, weil Sie etwas lösen müssen.

156
00:18:15.279 --> 00:18:17.420
 Und damit war nicht die Trennung vom Gewalttäter gemeint.

157
00:18:20.079 --> 00:18:25.319
 Das Nichtbenennen der Gewalt bestärkt die Frau oft in der Meinung, sie wäre selbst schuld an dem, was ihr passiert.

158
00:18:25.579 --> 00:18:30.279
 Sie müsse nur mehr oder besser an sich arbeiten, dann würde ihr Partner sich nicht mehr von ihr provoziert fühlen,

159
00:18:30.720 --> 00:18:34.880
 nicht mehr wütend auf sie sein, sie nicht mehr anschreien, kontrollieren, bedrohen.

160
00:18:35.559 --> 00:18:36.720
 Das ist ein Trugschluss.

161
00:18:37.700 --> 00:18:40.400
 Zu glauben, man könnte das Verhalten des Partners steuern.

162
00:18:41.180 --> 00:18:43.700
 Im Extremfall führt dieser Glaube zum Femizid.

163
00:18:48.799 --> 00:18:53.380
 steuern. Im Extremfall führt dieser Glaube zum Femizid. Wir erleben in Beratungen und Psychotherapien mit Betroffenen von Gewalt eine quälende Suche nach Möglichkeiten, die Beziehung erträglich zu

164
00:18:53.380 --> 00:18:59.099
 machen. Es ist schon sehr, sehr schwierig, das, was passiert, überhaupt anzusprechen, es sich

165
00:18:59.099 --> 00:19:06.059
 einzugestehen. Ganz schnell wird mit der Suche nach dem eigenen Teil der Verantwortung am Beziehungsgeschehen weitergedacht.

166
00:19:07.160 --> 00:19:13.900
 Oft stellen Betroffene sich selbst und den TherapeutInnen die Frage, wie muss ich mich verhalten, damit er nicht wieder aggressiv wird.

167
00:19:15.480 --> 00:19:24.539
 Sich mit der eigenen Verantwortlichkeit für die Situation und der Schuld an einer misslingenden Beziehung zu beschäftigen, ist Teil einer typisch weiblichen Sozialisation.

168
00:19:26.640 --> 00:19:32.099
 Beziehung zu beschäftigen, ist Teil einer typisch weiblichen Sozialisation. Denn typisch weibliche Sozialisation legt den Fokus auf Beziehungserhalt und Bindung anstatt auf Autonomie.

169
00:19:34.839 --> 00:19:39.640
 Den Blick von der Schuld für das Verhalten des Partners auf die Verantwortung für das eigene

170
00:19:39.640 --> 00:19:45.420
 Leben zu richten, ist oft schwierig und schmerzhaft. Denn mit diesem Schritt zerbricht nicht selten eine

171
00:19:45.420 --> 00:19:50.460
 ganze Lebenskonstruktion, in der die Beziehung und die Familie das zentrale Element darstellen.

172
00:19:52.359 --> 00:19:56.440
 Innere Glaubenssätze wie, ich darf mich doch nicht vom Vater meiner Kinder trennen,

173
00:19:57.000 --> 00:20:03.359
 ich darf doch die Familie nicht zerstören, wirken hinderlich. Manche Frauen schaffen es erst durch

174
00:20:03.359 --> 00:20:05.900
 die Identifikation mit ihren Kindern, diesen Schritt zu wagen.

175
00:20:07.039 --> 00:20:10.440
 Erst wenn offensichtlich wird, dass die Kinder an der gewaltvollen Situation leiden,

176
00:20:10.839 --> 00:20:14.019
 gibt es ausreichend Grund, etwas an der Situation zu ändern.

177
00:20:15.519 --> 00:20:20.140
 Allerdings dienen Kinder auch häufig als Rechtfertigung, sich nicht aus einer Beziehung zu lösen,

178
00:20:20.500 --> 00:20:23.240
 wenn die Frau noch nicht zu gehen bereit ist.

179
00:20:23.240 --> 00:20:24.880
 Wenn die Frau noch nicht zu gehen bereit ist.

180
00:20:30.640 --> 00:20:32.460
 Hier ist die Verleugnung der Betroffenheit und Schädigung der Kinder durch die Gewaltsituation oft erschreckend drastisch.

181
00:20:36.019 --> 00:20:38.180
 An dieser Stelle ein ganz kurzer Exkurs zur institutionellen Ebene.

182
00:20:42.319 --> 00:20:43.140
 Paartherapie, Mediation, Familiengerichtshilfe, Eltern- und Erziehungsberatung.

183
00:20:45.359 --> 00:20:50.799
 All die Institutionen, die durch die Psychologisierung der Familienrechtsverfahren aufgerufen werden als Unterstützung zur Konfliktlösung, bieten

184
00:20:50.799 --> 00:20:56.460
 ein weites Feld für die Fortsetzung dieser Dynamik. Eine Person, die Gewalt durch ihren

185
00:20:56.460 --> 00:21:02.539
 Partner erlebt, kann in seiner Anwesenheit nicht frei sprechen, denn draußen bzw. zu Hause geht

186
00:21:02.539 --> 00:21:09.220
 die Gewalt weiter. Das erzählen uns Frauen sehr häufig auf unsere Frage, ob sie die erlittene Gewalt denn zum Thema gemacht haben.

187
00:21:09.599 --> 00:21:11.460
 In der Mediation, bei der Familiengerichtshilfe.

188
00:21:13.119 --> 00:21:18.920
 Ich habe mich nicht getraut darüber zu sprechen, weil wenn ich das erzähle, geht es nach der Sitzung noch viel schlimmer weiter.

189
00:21:19.799 --> 00:21:22.099
 Und es würde mir ohnehin niemand glauben.

190
00:21:25.299 --> 00:21:29.880
 Exemplarisch eines von zahllosen Beispielen aus der Frauenberatung zur Veranschaulichung.

191
00:21:31.359 --> 00:21:38.400
 Ein Mediator sagte zur Frau, ja wenn jemand schreit, müssen sie schon nachgeben, sonst schaden sie ihrem Kind.

192
00:21:39.740 --> 00:21:42.839
 Am Tag nach der Mediation meinte der vierjährige Sohn zur Mutter,

193
00:21:43.660 --> 00:21:47.559
 der Papa hat gesagt, wenn du dich nicht im Zimmer eingesperrt hättest, dann hätte er dich auch nicht geschlagen.

194
00:21:48.059 --> 00:21:49.460
 Warum hast du den Papa geärgert?

195
00:21:50.500 --> 00:21:53.900
 Wir sehen, Manipulation wirkt auch auf die nächste Generation.

196
00:21:55.259 --> 00:21:56.359
 Kurzer Exkursende.

197
00:21:58.599 --> 00:22:03.759
 Warum wird also in so vielen Therapien so wenig über erlebte Gewalt gesprochen?

198
00:22:07.240 --> 00:22:13.059
 Neben der Angst könnte eine Hürde sein, dass der Übergang von einem bloßen Macht-Ungleichgewicht hin zur Gewalt oft schwierig

199
00:22:13.059 --> 00:22:20.480
 zu definieren ist. Für die Klientin ebenso wie für die Therapeutin. Einige Beispielsätze zur

200
00:22:20.480 --> 00:22:26.259
 Illustration. Immer wenn ich versuche zu erklären, wie es mir geht, wird er noch wütender.

201
00:22:27.119 --> 00:22:33.720
 Da sage ich lieber nichts mehr, sonst wird es nur noch schlimmer. Er gibt mir das Gefühl, alles falsch

202
00:22:33.720 --> 00:22:39.039
 zu machen und nichts wert zu sein. Manchmal denke ich, dass er recht hat und ich an allem schuld bin.

203
00:22:41.299 --> 00:22:45.339
 Ich treffe meine Freundin nicht mehr, weil er nicht will, dass ich mit anderen über unsere Beziehung rede.

204
00:22:46.740 --> 00:22:52.900
 Oder auch, wenn mein Mann wüsste, dass ich hier über ihn spreche, wenn er das erfährt, dann passiert was.

205
00:22:54.180 --> 00:22:56.619
 Oder ganz schlicht, ja klar kontrolliert er mein Handy.

206
00:22:59.660 --> 00:23:04.880
 Oft ist der Punkt, ab dem das Beziehungsgeschehen als gewaltvoll zu bezeichnen ist, kaum auszumachen.

207
00:23:04.880 --> 00:23:05.359
 Oft ist der Punkt, ab dem das Beziehungsgeschehen als gewaltvoll zu bezeichnen ist, kaum auszumachen.

208
00:23:09.480 --> 00:23:15.299
 Schleichend entwickeln sich Dynamiken wie die eigenen Bedürfnisse zurücknehmen, sich anpassen, nicht dagegen zu reden, sich vorrangig in den Partner einfühlen

209
00:23:15.299 --> 00:23:20.940
 und auch bei unangenehmem Verhalten still zu bleiben, hin zu expliziter Gewalt.

210
00:23:21.500 --> 00:23:25.400
 Eben wiederholt, systematisch angsterzeugend, schädigend.

211
00:23:26.740 --> 00:23:30.000
 Der Schritt zu psychischer Gewalt wird oft lange nicht wahrgenommen,

212
00:23:30.180 --> 00:23:34.980
 weil dieses Verhalten auch im sozialen Umfeld noch oft als Normalität gilt.

213
00:23:36.200 --> 00:23:40.119
 Meine letzte Folie richtet darum den Blick auf uns selbst zurück.

214
00:23:41.420 --> 00:23:47.500
 Welches Verhalten finden wir selbst noch normal? Welches finden wir grenzwertig?

215
00:23:47.500 --> 00:23:52.759
 Und welches finden wir eindeutig gewaltvoll? Vielen Dank.

