WEBVTT

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00:00:00.000 --> 00:00:28.059
 Dann kommen wir zu unserem letzten Vortrag dieses halben Tages und erwarten Gerhard Burdas Vortrag mit dem Titel Die Zeit heilt alle Wunden.

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00:00:29.800 --> 00:00:36.399
 Privatdozent Mag. Dr. Dr. Gerhard Burda ist Philosoph, Psychotherapiewissenschaftler,

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00:00:37.399 --> 00:00:43.799
 Lehranalytiker der analytischen Psychologie und Gründungsmitglied des Vereins für kritische Psychotherapiewissenschaft VKP.

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00:00:47.079 --> 00:00:53.939
 Mitglied des Vereins für kritische Psychotherapiewissenschaft, VKP. Er verbindet klinische Praxis mit Kultur und medienteoretischer Reflexion und fragt nach den epistemischen und ethischen Voraussetzungen

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00:00:53.939 --> 00:01:00.479
 psychotherapeutischer Erkenntnis. Seine zahlreichen Publikationen formierten eine eigenständige

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00:01:00.479 --> 00:01:06.180
 Position im psychotherapiewissenschaftlichen Diskurs und bewegen sich an der Schnittstelle

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00:01:06.180 --> 00:01:13.019
 von Ontologie, Psychoanalyse und Medialität. Lieber Gerhard, ich darf dich bitten und ich

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00:01:13.019 --> 00:01:14.540
 freue mich schon sehr auf deinen Vortrag.

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00:01:26.200 --> 00:01:28.579
 Ja, vielen Dank für die nette Begrüßung.

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00:01:33.859 --> 00:01:34.439
 Wenn ich die Vorträge ein bisschen Revue passieren lasse, die ich heute gehört habe,

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00:01:41.700 --> 00:01:42.840
 dann geht mir der Begriff, es geht um Bewusstsein für die verschiedensten Dimensionen des Traumas durch den Kopf.

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00:01:45.420 --> 00:01:50.599
 Und bevor ich mit meinem Vortrag beginne, möchte ich vielleicht zwei Motive mit Ihnen teilen, die mich dazu bewogen haben, das so zu Papier zu bringen.

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00:01:51.500 --> 00:01:58.099
 Das eine sind die überall merkbaren Spaltungen, die durch die Gesellschaft gehen, die unsere

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00:01:58.099 --> 00:02:08.439
 Nationen betreffen, aber auch einen geopolitischen Umkreis betreffen. Und das Zweite ist eine Erfahrung, die einige Jahre zurückliegt,

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00:02:08.439 --> 00:02:14.819
 bevor der Lockdown begann. Am letzten Abend vor dem Lockdown hatte ich mit einem Jazzquartett

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00:02:14.819 --> 00:02:20.719
 ein Konzert und es waren kaum mehr Leute da, weil alles schon irgendwie niederging. Was spannend war,

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00:02:20.840 --> 00:02:25.520
 dass zum selben Zeitpunkt eine japanische KI einen Meteoriten entdeckt hatte,

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00:02:25.520 --> 00:02:30.419
 der ganz knapp an der Erde vorbeigeschrammt ist, von dem niemand etwas wusste.

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00:02:30.840 --> 00:02:37.759
 Also eine ganz andere Form von Traumatisierung, die im Raum stand, plötzlich von der niemand etwas wusste.

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00:02:39.039 --> 00:02:44.800
 Mir fällt noch ein Erlebnis ein, auf einem Kongress, einem internationalen Kongress, damals in Montreal,

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00:02:44.800 --> 00:02:45.520
 Ich mache ein Erlebnis ein auf einem Kongress, einem internationalen Kongress damals in Montreal.

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00:02:51.819 --> 00:02:52.400
 Ich kam aus einem Treffen mit First Nation Healer von der Tundra bis in die Great Plains hinein.

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00:02:56.460 --> 00:02:57.460
 Und die Botschaft an uns westlich sozialisierte Therapeutinnen war,

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00:03:03.819 --> 00:03:04.300
 seid froh, dass ihr nicht wisst, welches Leid euren Generationen, euren Vorfahren widerfahren ist.

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00:03:07.240 --> 00:03:07.400
 Also Internkultur ist das Lebendige in unserer Kultur.

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00:03:12.539 --> 00:03:12.639
 Wir sind in einem sehr luxuriösen und bevorzugten Umfeld aufgewachsen,

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00:03:15.439 --> 00:03:16.180
 meiner Generation nach dem Krieg und alles Nachfolgende.

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00:03:17.740 --> 00:03:21.979
 Uns ist vieles verloren gegangen. Wir stellen vieles als selbstverständlich hin, was nicht so selbstverständlich ist.

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00:03:22.099 --> 00:03:27.360
 Und ich denke, was wir gerade tun, ist, wir räumen diese Vergangenheit langsam in den Mittelpunkt,

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00:03:27.780 --> 00:03:32.479
 versuchen die verschiedensten Positionen neu zu durchdenken, zu verstehen,

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00:03:32.639 --> 00:03:36.280
 welche Fantasien im Hintergrund wirksam sein müssen,

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00:03:36.439 --> 00:03:40.560
 dass gewisse Positionen überhaupt formuliert werden können.

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00:03:41.340 --> 00:03:43.900
 Patriarchat und was weiß ich alles.

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00:03:44.759 --> 00:03:49.620
 Gut, ich beginne mal. Die Zeit heilt alle Wunden.

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00:03:50.460 --> 00:03:58.159
 So lautet eine geläufige Redewendung. Doch sie ist nur bedingt wahr. Zeit lässt Verletzungen

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00:03:58.159 --> 00:04:14.639
 verblassen, aber sie bringt auch neu hervor. Manche Wunden heilen, andere strukturieren ganze Lebensgeschichten. Eine These lautet, Trauma ist nicht nur ein punktuelles oder episodisches Ereignis oder eine

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00:04:14.639 --> 00:04:26.199
 klinische Störung, es gehört zur Grundstruktur menschlicher Existenz. Es gibt eine Dimension von Trauma, die unverfügbar ist. Ich nenne sie mal die vertikale Dimension von Trauma.

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00:04:27.220 --> 00:04:32.939
 Und es gibt Formen von Trauma, die aus dem Umgang mit dieser Unverfügbarkeit entstehen. Diese

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00:04:32.939 --> 00:04:39.779
 horizontale Traumatisierung ist veränderbar. Menschen sind einer existenziellen Offenheit

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00:04:39.779 --> 00:04:46.060
 ausgesetzt, die sie nie vollständig kontrollieren können. Wir wissen nicht, warum wir sind. Wir

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00:04:46.060 --> 00:04:50.939
 wissen nicht, wohin wir gehen und wir können die Bedingungen unseres Daseins nicht vollständig

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00:04:50.939 --> 00:04:57.879
 bestimmen. Diese Offenheit ist produktiv. Sie ermöglicht Kreativität, Beziehung, Kultur.

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00:04:58.699 --> 00:05:08.139
 Zugleich ist sie verstörend. Sie enthält einen Moment aus Überwältigenden. Seit jeher versuchen Menschen mit dieser Spannung umzugehen.

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00:05:08.279 --> 00:05:14.459
 In Mythen, Religionen, Wissenschaften, politischen Ordnungen, in Kunst und Therapie, aber auch mittels Symptomen.

44
00:05:15.620 --> 00:05:20.199
 Kultur selbst kann als eine Antwort auf existenzielle Überforderung verstanden werden.

45
00:05:21.519 --> 00:05:24.680
 In der Spätmoderne verschärft sich diese Situation.

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00:05:37.319 --> 00:05:46.079
 Traditionelle Bindungen verlieren an Selbstverständlichkeit. Das Individuum erscheint frei, doch diese Freiheit gibt leicht in Normierung. Selbstoptimierung wird zum Imperativ. schlägt in Zwang um. Wenn wir also fragen, was beim Trauma verhindert werden kann und was nicht,

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00:05:46.180 --> 00:05:52.319
 müssen wir zwischen dem unvermeidbaren Moment existenzieller Unverfügbarkeit und seinen

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00:05:52.319 --> 00:05:59.199
 historischen, kulturellen und relationalen Ausformungen unterscheiden. Um diese Unterscheidung

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00:05:59.199 --> 00:06:10.620
 systematisch zu entfalten, möchte ich im Folgenden ein Vier-Ebenen-Modell vorstellen.

50
00:06:17.740 --> 00:06:23.560
 Wir nehmen einen Gesamtzusammenhang von vier Durchdringungsebenen an. Mit Durchdringung meine ich die Grundmodalität des Existierens als eine Differenz für sich, die es immer nur

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00:06:23.560 --> 00:06:25.500
 in Verbindung mit anderen geben kann.

52
00:06:26.319 --> 00:06:29.720
 Die anderen schreiben sich in uns auf vielfältige Weise ein.

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00:06:30.420 --> 00:06:32.980
 Wir schreiben uns ebenso in sie ein.

54
00:06:33.819 --> 00:06:39.920
 Das betrifft zunächst den mitmenschlichen Kontext, geht aber weit darüber hinaus ins Nicht- und Unmenschliche.

55
00:06:41.100 --> 00:06:44.079
 Das Gesamte stellt eine Sinnstruktur dar.

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00:06:44.959 --> 00:06:48.839
 Sinnstruktur bezeichnet die Art und Weise, wie wir uns im Leben einrichten,

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00:06:49.560 --> 00:06:53.480
 wonach wir uns orientieren, woran wir glauben und was wir hoffen.

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00:06:54.660 --> 00:07:02.540
 Die vier Ebenen sind durch eine transversale, das heißt durch alle Ebene verlaufende Grunddynamik von Verbindung und Trennung strukturiert.

59
00:07:03.480 --> 00:07:04.740
 Die erste Ebene.

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00:07:07.720 --> 00:07:16.339
 Die erste Ebene betrifft das, was uns vorauslegt und uns widerfährt. Ich bezeichne sie als existenziell apophatische Ebene, kurz D1. Hier

61
00:07:16.339 --> 00:07:26.680
 geht es um die ursprüngliche Anrufung durch das Leben selbst. Wir finden uns vor in einem Körper, im Bewusstsein, im Affekt, im Traum, im Hunger, in

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00:07:26.680 --> 00:07:34.240
 Sexualität, in Gewalt und in Tod. Diese Dimension ist nicht gewählt. Sie geschieht. Sie widerfährt.

63
00:07:35.160 --> 00:07:48.779
 In der natürlichen Einstellung erleben wir vieles ohne nachzudenken als real. Doch D1 ist mehr als bloße Faktizität. Sie besitzt eine Wirkmächtigkeit, die sich unserem Zugriff entzieht.

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00:07:49.819 --> 00:07:54.100
 Rudolf Otto hat für diese Erfahrung den Begriff des Numinosen geprägt.

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00:07:54.579 --> 00:08:02.000
 Ein gleichzeitiges Erschrecken und Faszinieren. Ein Staunen und Schaudern angesichts von etwas, das größer ist als wir selbst.

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00:08:02.220 --> 00:08:06.699
 Diese Erfahrung ruft Fragen hervor. Woher komme ich?

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00:08:07.079 --> 00:08:13.439
 Wohin gehe ich? Was bedeutet das alles? Die Antworten darauf entstehen jedoch erst auf der

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00:08:13.439 --> 00:08:21.560
 nächsten Ebene D2. Doch zuvor eine Analogie. Jacques Lacan beschreibt das Unbewusste als

69
00:08:21.560 --> 00:08:26.459
 Resultat einer frühen Verführung. Das Kind ist auf andere angewiesen,

70
00:08:26.639 --> 00:08:31.980
 versteht aber nicht vollständig, was diese von ihm wollen. Es übersetzt die Botschaften der

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00:08:31.980 --> 00:08:39.559
 Bezugsperson, aber nie vollständig. Ein Rest bleibt unübersetzbar. Dieser Rest wird verdrängt und

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00:08:39.559 --> 00:08:46.779
 bildet das Unbewusste. Das Unbewusste kommt vom Anderen. Das ist übrigens ein schönes Beispiel für Durchdringung.

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00:08:46.779 --> 00:08:54.399
 Wenn man das jetzt existenziell umformuliert, dann bedeutet das, dass der Mensch gewissermaßen

74
00:08:54.399 --> 00:09:09.200
 vom Leben verführt wird. Er wird vom Leben zum Leben verführt, ohne zu wissen warum. Er ist angerufen, ohne den Absender zu kennen. Darauf muss er antworten. Kollektiv wie

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00:09:09.200 --> 00:09:16.659
 individuell. Die Antwort und damit Bedeutung entsteht immer erst im Nachhinein. Wenn wir die

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00:09:16.659 --> 00:09:22.440
 Ebene der Eins strukturtheoretisch fassen wollen, stoßen wir auf ein zentrales Moment. Das ist

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00:09:22.440 --> 00:09:27.659
 Selbstdifferenz. Das heißt, nichts ereignet sich hier als geschlossene

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00:09:27.659 --> 00:09:33.360
 Einheit. Alles geschieht in einem Prozess wechselseitiger Durchdringung und Differenzierung.

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00:09:34.360 --> 00:09:41.259
 Auch das Subjekt entsteht nicht als identische Substanz, sondern als Differenz für sich in einem

80
00:09:41.259 --> 00:09:55.879
 medialen Prozess mit anderen. Es gibt kein Selbst ohne Bezug auf anderes. Und dieses andere ist nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich wirksam. Das drückt sich etwa in inneren Anrufungen aus.

81
00:10:06.860 --> 00:10:07.340
 in sich, in die sich anderes eingeschrieben hat und einschreibt. Das Subjekt ist, könnte man sagen,

82
00:10:15.740 --> 00:10:23.100
 singulär-plural zugleich, in Bezug auf außen wie nach innen. Zunächst könnte man meinen, diese Ebene sei rein mechanisch wie ein Naturgesetz. Wenn alles nur als Selbstdifferenz geschieht, wo bleibt dann

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00:10:25.820 --> 00:10:26.779
 nur als Selbstdifferenz geschieht, wo bleibt dann Individualität, wo bleibt das eigene?

84
00:10:33.919 --> 00:10:41.259
 Entscheidend ist nun, auch das Gesetz dieser Ebene unterliegt der Selbstdifferenz. Es kann nicht seine eigene Ausnahme sein. Würde es sich selbst ausnehmen, wäre es widersprüchlich. Auch

85
00:10:41.259 --> 00:10:59.659
 das Gesetz ist Selbstdifferenz. Es könnte daher in D1 ganz anderes entstehen als das, was wir nur als Selbstdifferenz erfassen können. Das bedeutet, diese Dimension ist offen. Sie ist nicht vollständig bestimmbar. Sie ist endimensional.

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00:11:14.559 --> 00:11:25.100
 Und genau hier liegt ihr apophatischer Charakter. Sie entzieht sich jeder abschließenden positiven Bestimmung. Man kann nicht einmal sagen, was sie nicht ist. Darin liegt ihre Unverfügbarkeit. sondern als etwas, bei dem sich das mediale Feld überschreitet.

87
00:11:29.059 --> 00:11:30.120
 Das Feld zieht sich gewissermaßen zusammen und überschreitet sich dabei.

88
00:11:33.659 --> 00:11:34.039
 Die Urform des Subjekts entsteht hier als Trajekt.

89
00:11:37.620 --> 00:11:38.240
 Das ist ein Begriff, den ich mit Thomas gemeinsam kreiert habe,

90
00:11:42.519 --> 00:11:42.960
 und zwar aus dem Zusammenspiel dieser beiden Wörter Trans, also als Überschreitung,

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00:11:48.059 --> 00:11:54.679
 und Trare, Kontrahre zusammenziehen. Doch das Subjekt ist mehr als das. Es ist zugleich ein unverfügbares Subjekt, das sich seinen eigenen

92
00:11:54.679 --> 00:12:02.179
 Ursprung nicht vollständig aneignen kann. Ein unverfügbares Moment bleibt immer, nach außen

93
00:12:02.179 --> 00:12:07.100
 wie nach innen. Und genau dieses unverfügbare Moment ist entscheidend,

94
00:12:07.200 --> 00:12:14.559
 wenn wir von Würde sprechen, sei es Menschenwürde oder im Sinne einer weiter gefassten Schöpfungswürde.

95
00:12:15.759 --> 00:12:22.480
 Hier in der Eins liegt das, was ich die vertikale Dimension von Trauma nennen würde. Ich komme zur

96
00:12:22.480 --> 00:12:26.960
 zweiten Ebene. Die zweite Ebene, die zwei, ist die Ebene der kollektiven

97
00:12:26.960 --> 00:12:34.580
 Ordnungssysteme, der Ontologien, der Weltmodelle. Hier werden Antworten auf existenzielle Anrufungen

98
00:12:34.580 --> 00:12:41.600
 von D1 formuliert. Was dort als Numinose Überwältigung erscheint, wird hier symbolisch

99
00:12:41.600 --> 00:12:49.759
 verarbeitet. Das geschieht in Riten, in Mythen, Religionen, Wissenschaften, politischen Ordnungen, moralischen Systemen.

100
00:12:50.559 --> 00:12:55.360
 Sie alle strukturieren die Wirklichkeit sprachlich, symbolisch, performativ.

101
00:12:55.960 --> 00:13:01.360
 Eine zentrale Operation dieser Ebene ist die Unterscheidung von sakral und profan.

102
00:13:02.379 --> 00:13:05.620
 Das ursprünglich Überwältigende wird aufgeteilt.

103
00:13:06.059 --> 00:13:08.899
 Es wird gebändigt, indem es strukturiert wird.

104
00:13:09.659 --> 00:13:12.340
 Und paradoxerweise geschieht das durch Wiederholung.

105
00:13:13.059 --> 00:13:18.139
 Gewalt wird rituell reinszeniert, um reale Gewalt kontrollierbar zu machen.

106
00:13:18.139 --> 00:13:23.220
 Es entsteht eine profane Sphäre mit einem ideologischen Überbau.

107
00:13:24.080 --> 00:13:27.120
 Kulturen sind in diesem Sinne auch Traumarchive.

108
00:13:27.600 --> 00:13:33.700
 Sie tragen Spuren von Gewalt in sich, selbst dort, wo sie sich als human oder aufgeklärt verstehen.

109
00:13:34.720 --> 00:13:40.899
 Der Anthropologe Maurice Bloch hat diesen Zusammenhang mit dem Begriff der Rebounding Violence beschrieben.

110
00:13:41.759 --> 00:13:46.899
 Gesellschaften zirkulieren um Gewalt, indem sie sie symbolisch transformieren. Sie

111
00:13:46.899 --> 00:13:56.220
 entstehen im Durchgang durch ein Todesfantasma. Das heißt, im Hintergrund jedes Gesetzes steht

112
00:13:56.220 --> 00:14:04.960
 ein Moment von Setzung und Setzung ist nie völlig gewaltfrei. Die zweite Ebene der Ordnungssysteme.

113
00:14:08.620 --> 00:14:08.779
 gewaltfrei. Die zweite Ebene ist die Ordnungssysteme. Ordnungssysteme bilden sekundäre Ur-Szenen,

114
00:14:14.039 --> 00:14:14.080
 die die ursprüngliche Selbstdifferenz weiter ausbilden. Ich führe einen neuen Begriff ein,

115
00:14:19.639 --> 00:14:27.139
 den Begriff der Ur-Szene. Eine Ur-Szene besteht strukturell aus drei Elementen. Aus einem Raum, das kein psychischer Raum, sozialer Raum, ethischer Raum sein, aus einem Gesetz und einem subjektiven Freiheitsgrad,

116
00:14:27.340 --> 00:14:30.360
 der vom Gesetz und der Qualität des Raumes abhängt.

117
00:14:31.320 --> 00:14:37.059
 Das Gesetz strukturiert den Raum und weist dem Subjekt eine Position und einen Handlungsspielraum zu.

118
00:14:37.820 --> 00:14:40.240
 Innerhalb dieser Position bewegt sich Freiheit.

119
00:15:06.899 --> 00:15:07.840
 Was ein Subjekt ist, Identität, Rolle, Werte, entsteht in dieser Struktur und wird relational über die Ebene D3 weitergegeben. Subjektivität ist hier kein innerer Kern, sondern das Resultat von Subjektivierungen. Und Subjektivierungen sind kollektive Normierungen. Weitere Ausformerung von Selbstdifferenz, die es schon auf der 1 gab.

120
00:15:13.879 --> 00:15:14.059
 Entscheidend ist nun, die Inhalte von Ordnungssystemen sind veränderbar. Das ist wichtig für Politik,

121
00:15:19.759 --> 00:15:29.500
 für die Wissenschaft, für Psychotherapie. Ihre formale Struktur, nämlich die Momente von Verbindung und Trennung, ist es nicht. Veränderung bedeutet daher nicht Auflösung von Struktur, sondern Neubildung von Verbindungs- und Trennungsverhältnissen.

122
00:15:30.259 --> 00:15:33.940
 Neubildung von Ur-Szenen, das ist ganz wichtig in der Therapie.

123
00:15:35.159 --> 00:15:38.960
 Auch Therapie ist in diesem Sinn kein Rückgang zu einem ursprünglichen Selbst,

124
00:15:38.960 --> 00:15:51.960
 sondern die Bildung einer neuen Ur-Szene und damit eines neuen Selbst- bzw. Sinnverhältnisses, das nicht nur das Subjekt betrifft, sondern auch den sozialen, politischen Raum und das Gesetz.

125
00:15:53.100 --> 00:16:05.580
 Hier auf T2 geht es also um die horizontale Dimension von Trauma. Horizontal entsteht Trauma dort, wo Ordnungssysteme rigid werden, wo Gesetze nicht mehr schützen, sondern dominieren,

126
00:16:08.740 --> 00:16:09.600
 wo Räume nicht mehr offen sind, sondern einsperren.

127
00:16:13.259 --> 00:16:13.879
 Und hier liegt der Bereich tatsächlicher Veränderbarkeit.

128
00:16:15.759 --> 00:16:17.159
 Das betrifft auch klinische Bilder.

129
00:16:22.000 --> 00:16:22.179
 Wenn wir die Ebenen unterscheiden, wird zum Beispiel der Unterschied zwischen Neurose und Psychose deutlicher.

130
00:16:26.379 --> 00:16:27.059
 Bei der Neurose hat eine Differenzierung durch die zwei stattgefunden.

131
00:16:32.960 --> 00:16:56.840
 Das Gesetz ist wirksam geworden. Doch das Verhältnis zwischen Eigenem und Anderem, zwischen Innen und Außen bleibt dabei konflikthaft. Die Neurose ist eine gespannte Selbstdifferenz. Bei der Psychose ist die Situation grundlegend anders. Hier bricht die vermittelnde Funktion der Ordnungssysteme weg. Die Verbindung zu D2 löst sich. Was folgt, ist eine Verbindung ohne Trennung.

132
00:17:15.440 --> 00:17:26.980
 Innere Anrufungen werden als von außen kommend erlebt. Gedanken ersbrochene Selbst- und Weltgefüge wird neu aufgebaut,

133
00:17:27.420 --> 00:17:30.119
 allerdings ohne stabile Differenzstruktur.

134
00:17:31.420 --> 00:17:36.200
 Man könnte sagen, die Psychose ist eine traumatische Überwältigung durch D1,

135
00:17:36.200 --> 00:17:44.160
 ein Durchbruch nominoser Gewalt, auf den mit der Errichtung eines eigenen psychotischen Ordnungssystems reagiert wird.

136
00:17:45.059 --> 00:17:49.299
 Der Numinose-Charakter kehrt zurück, jedoch ungebändigt.

137
00:17:50.220 --> 00:17:55.759
 Es entsteht ein sakral-profanes Gefühl eigener Art, mit eigenen Gesetzen, eigenen Bedeutungszentren,

138
00:17:55.759 --> 00:18:00.779
 eigenen Anrufungen, die auch nach außen gehen, zum Beispiel an heilende Berufe.

139
00:18:02.579 --> 00:18:07.920
 Paradoxerweise zeigt sich hier auch Freiheit in ihrer Fragilität und angesichts

140
00:18:07.920 --> 00:18:14.519
 äußerster Fragilität. Das psychotische Subjekt versucht das zu ergreifen, was es ergriffen hat.

141
00:18:15.220 --> 00:18:21.299
 Doch es fehlt die Einsicht in eine Grenze, in das, was nicht vollständig verfügbar ist. Reflexion

142
00:18:21.299 --> 00:18:26.000
 ist eingeschränkt. Alles erscheint als unmittelbar zugänglich.

143
00:18:26.640 --> 00:18:33.519
 Hier wird deutlich, warum D2 so entscheidend ist. Ordnungssysteme führen Differenz ein.

144
00:18:34.180 --> 00:18:40.640
 Sie ermöglichen Distanz. Wo diese Distanz fehlt, wird das Feld total und das Subjekt instabil.

145
00:18:41.859 --> 00:18:44.180
 Was hat das für ethische Konsequenzen?

146
00:18:44.380 --> 00:18:47.359
 Die Psychose ereignet sich nicht im luftleeren

147
00:18:47.359 --> 00:18:53.180
 Raum, sie geschieht in einem sozialen Gefüge. Deshalb ist sie nicht nur individuelles Schicksal,

148
00:18:53.319 --> 00:19:00.859
 sondern auch eine Frage kollektiver Verantwortung. Diagnosen sind notwendig, aber sie sind nie

149
00:19:00.859 --> 00:19:06.359
 neutral. Sie stehen immer in einem bestimmten Ordnungssystem und sind ideologisch gefärbt.

150
00:19:07.319 --> 00:19:14.720
 Das psychotische Subjekt darf daher nicht mit seiner Diagnose identifiziert, nicht darauf reduziert werden.

151
00:19:15.500 --> 00:19:21.980
 Denn selbst im extremsten Bruch bleibt ein unverfügbares Moment von Subjektität und damit Würde erhalten.

152
00:19:23.299 --> 00:19:27.799
 Ich komme zur dritten Ebene, zur Ebene der personalisierten Relationierung.

153
00:19:28.619 --> 00:19:35.279
 Die frühe Beziehungsebene D3 ist der Ort, an dem D2, die Ordnungssysteme, relational verinnerlicht

154
00:19:35.279 --> 00:19:41.539
 wird. Das Kind begegnet keinem neutralen Anderen, sondern einem bereits subjektivierten Anderen,

155
00:19:42.180 --> 00:19:46.180
 einem Elternteil, der selbst durch Ordnungssysteme, Normen, Ideale

156
00:19:46.180 --> 00:19:52.680
 und unbewusste Konflikte geprägt ist. Der Elternteil hat eine eigene Geschichte mit Anrufungen.

157
00:19:53.980 --> 00:20:00.319
 Subjektivierung wird hier verkörpert und in Form von äußeren Anrufungen weitergegeben. Diese werden

158
00:20:00.319 --> 00:20:06.680
 zu inneren Anrufungen. Ein besonders instruktives Beispiel dafür ist Freud's Unterscheidung

159
00:20:06.680 --> 00:20:12.119
 zwischen primärem und sekundärem Narzissmus. Dazu gibt es ein schönes Buch von Isolde Karim,

160
00:20:12.299 --> 00:20:19.559
 Die Qualen des Narzissmus. Der primäre Narzissmus bezeichnet in Zustand früher Selbstbezogenheit.

161
00:20:20.259 --> 00:20:27.420
 Im sekundären Narzissmus wird die libidinöse Besetzung wieder auf das Selbst zurückgeführt unter dem Einfluss von Idealen.

162
00:20:28.299 --> 00:20:31.779
 Der Narzissmus ist gewissermaßen eine Schnittstelle von Außen und Innen.

163
00:20:32.900 --> 00:20:38.640
 Entscheidend ist nun, das Ich-Ideal ist nicht rein innerpsychisch, es ist zugleich sozial vermittelt.

164
00:20:38.640 --> 00:20:43.660
 Es ist Erbe früher Beziehung und Träger kollektiver Normen.

165
00:20:43.640 --> 00:20:44.559
 früher Beziehung und Träger kollektiver Normen.

166
00:20:50.859 --> 00:20:51.519
 Damit wird deutlich, die Anrufung des Subjekts erfolgt nicht nur von außen, sondern auch von innen.

167
00:20:55.240 --> 00:20:56.220
 Doch dieses Innen ist bereits durch das Außen strukturiert.

168
00:20:57.460 --> 00:20:58.539
 Und darin liegt eine Fahle.

169
00:21:00.920 --> 00:21:06.039
 Das Ich-Ideal verspricht etwas Paradoxes. Es suggeriert, der ursprüngliche Zustand von Ganzheit könne wiederhergestellt

170
00:21:06.039 --> 00:21:12.180
 werden, wenn nur die richtigen Anforderungen erfüllt werden. Damit entsteht ein struktureller

171
00:21:12.180 --> 00:21:19.019
 Zirkel. Anpassungen an äußere Normen streben nach Einzigartigkeit, permanente Selbstmodifikation,

172
00:21:19.680 --> 00:21:26.019
 chronische Unzufriedenheit. Im Über-Ich erscheint dieser Prozess als Anpassungsdruck an Normalität,

173
00:21:26.660 --> 00:21:36.299
 im Ich-Ideal erscheint er als Zwang zur Besonderheit. Das Tragische ist, Einzigartigkeit wird zur Norm

174
00:21:36.299 --> 00:21:47.460
 und genau deshalb kann sie nie eingelöst werden. Und hier entsteht ein fruchtbarer und furchtbarer Boden für Scham, Schuld, Aggression und für Retraumatisierung.

175
00:21:49.180 --> 00:21:54.299
 D3 ist also der Ort, an dem äußere Anrufungen aus D2 zu inneren Anrufungen werden.

176
00:21:54.299 --> 00:21:59.279
 Und diese inneren Anrufungen können rigider sein als jede äußere Autorität.

177
00:22:00.319 --> 00:22:08.240
 Traumatisierung entsteht hier nicht nur durch reale Gewalt, sondern durch internalisierte Ideale, die keine Grenze kennen und gewaltsam sind.

178
00:22:09.559 --> 00:22:15.440
 Und gerade in spätmodernen Selbstoptimierungskulturen wie dieser Mechanismus massiv verstärkt.

179
00:22:16.380 --> 00:22:22.299
 Individualität wird verordnet und genau das bedarf einer Reflexion, weil es nicht möglich ist.

180
00:22:23.460 --> 00:22:27.000
 Damit komme ich zu T4, zur Ebene der Individualisierung.

181
00:22:28.000 --> 00:22:34.640
 Die Spannung zwischen Individualität und Kollektivität endet nicht beim Individuum, nicht mit D4.

182
00:22:35.519 --> 00:22:36.359
 Sie skaliert.

183
00:22:37.119 --> 00:22:40.880
 Auf geopolitischer Ebene zeigt sie sich bevorzugt als Polarisierung.

184
00:22:40.880 --> 00:22:45.259
 Auf der einen Seite steht die Idealisierung eines souveränen, autonomen

185
00:22:45.259 --> 00:22:51.839
 Subjekts, losgelöst von relationalen Bindungen. Hier wird Freiheit mit Entbindung verwechselt.

186
00:22:52.819 --> 00:22:59.299
 In extremen Ausprägungen entstehen technokratische oder libertäre Zukunftsentwürfe, die demokratische

187
00:22:59.299 --> 00:23:05.200
 Aushandlungsprozesse als hinderlich betrachten und Machtkonzentration legitimieren.

188
00:23:10.759 --> 00:23:11.539
 Auf der anderen Seite steht die Tendenz, Identität primär kollektiv zu definieren.

189
00:23:14.680 --> 00:23:15.279
 Hier wird Zugehörigkeit zum moralischen Maßstab.

190
00:23:18.440 --> 00:23:19.460
 Das Individuum tritt hinter Gruppenzuschreibungen zurück.

191
00:23:23.839 --> 00:23:24.700
 Beide Positionen regieren auf dieselbe Grundspannung, aber sie lösen sie nicht.

192
00:23:27.799 --> 00:23:29.460
 Beide verschieben eine gesunde Balance von Verbindung und Trennung.

193
00:23:33.819 --> 00:23:34.440
 Wenn Individualität absolut gesetzt wird, entsteht Isolation.

194
00:23:39.359 --> 00:23:40.240
 Gesellschaftlich gesehen entsteht das Paradoxon einer asozialen Sozietät.

195
00:23:44.000 --> 00:23:44.559
 Wenn Kollektivität absolut gesetzt wird, entsteht Konformitätsdruck.

196
00:23:47.059 --> 00:23:47.599
 Das weist auf eine negative Ursinnung hin.

197
00:23:50.940 --> 00:23:51.940
 Das Subjekt merkt gar nicht, unter welchem Gesetz es steht.

198
00:23:55.799 --> 00:23:56.579
 In beiden Fällen werden horizontale Traumatisierungen verstärkt.

199
00:24:02.500 --> 00:24:03.500
 Es kommt zu Entwertungen, zu Ausschluss, zu moralischer Polarisierung, zu Feindbildung.

200
00:24:12.220 --> 00:24:13.059
 Das Grundproblem liegt nicht auf einer der beiden Seiten, sondern in der Verabsolutierung, in der Idealisierung der eigenen und Dämonisierung der anderen Position.

201
00:24:24.299 --> 00:24:28.039
 Und hier ist es wichtig einzusehen, dass beide Positionen Kollektivierungen sind, die Individualität verhindern. Es geht um rigide Gesetzmäßigkeiten. Was verloren geht, ist die Einsicht, dass Singularität

202
00:24:28.039 --> 00:24:34.519
 nur in Pluralität existieren kann und Pluralität nur durch singuläre Differenz lebendig bleibt.

203
00:24:35.299 --> 00:24:42.339
 Reife Struktur verlangt eine Balance von Singularität und Pluralität. Hier zeigt sich noch einmal die

204
00:24:42.339 --> 00:24:45.539
 Bedeutung der vertikalen Dimension.

205
00:24:54.019 --> 00:24:54.599
 Wenn die existenzielle Unverfügbarkeit von der Eins nicht anerkannt wird, versuchen politische Systeme sie zu kompensieren oder zu korrumpieren.

206
00:24:58.799 --> 00:24:59.859
 Durch Unterwerfung, durch totale Kontrolle oder totale Identifikation.

207
00:25:03.000 --> 00:25:06.640
 Es sind Versuche, das Unverfügbare verfügbar zu machen. Und genau hier entstehen neue kollektive

208
00:25:06.640 --> 00:25:15.819
 Traumadynamiken. Politische Polarisierung ist eine Form horizontaler Traumadynamik. Ich fasse kurz

209
00:25:15.819 --> 00:25:22.579
 zusammen. Auf D1 geht es um das Unverfügbare, das uns widerfährt. Es ist der Bereich vertikaler

210
00:25:22.579 --> 00:25:27.180
 Traumatisierung. D2 ist das System, hier geht es um

211
00:25:27.180 --> 00:25:33.160
 Ordnungssysteme, die dieses Unverfügbare deuten. Hier entsteht der Boden für horizontale

212
00:25:33.160 --> 00:25:40.740
 Traumatisierung. Auf die 3 wird diese Ordnung relational verinnerlicht. Äußere Anrufungen werden

213
00:25:40.740 --> 00:25:47.240
 zu inneren. Und die 4 bietet uns die Möglichkeit, das alles reflexiv zu beantworten.

214
00:25:48.500 --> 00:25:53.640
 Trauma ist nicht nur ein episodisches Ereignis, sondern hat eine strukturelle Dimension. Die

215
00:25:53.640 --> 00:26:00.119
 vertikale Dimension ist nicht aufhebbar. Veränderbar sind symbolische und relationale Ordnungen.

216
00:26:02.119 --> 00:26:07.500
 Etwas ist bisher zu kurz gekommen. Das ist die Zeit und auf sie möchte ich abschließend kurz

217
00:26:07.500 --> 00:26:14.160
 eingehen das vier ebenen modell kann als selbst und als sinnstruktur aufgefasst werden das haben

218
00:26:14.160 --> 00:26:20.700
 wir bereits ausgeführt das betrifft das individuum ebenso wie das kollektiv es handelt sich um eine

219
00:26:20.700 --> 00:26:26.480
 verschränkung von singulären undem. Das Modell kann darüber hinaus aber

220
00:26:26.480 --> 00:26:32.359
 auch als Zeitstruktur verstanden werden, als Verschränkung von subjektiv erlebter, kollektiver

221
00:26:32.359 --> 00:26:41.000
 und existenzieller Zeitlichkeit. Weiterführend ist dabei eine Unterscheidung, die Unterscheidung von

222
00:26:41.000 --> 00:26:45.160
 mediatisierter und medialisierter Zeit.

223
00:26:53.680 --> 00:26:54.380
 Bei D203 geht es um mediatisierte Zeit, um Zeitpunkte, Zeitabschnitte, um Daten, um Identitäten und Kausalität.

224
00:26:57.140 --> 00:26:57.640
 Hier herrschen konservative Zeitschleifen vor.

225
00:27:01.039 --> 00:27:01.460
 Zeit ist rückläufig, konservierend, wiederholt Vergangenes.

226
00:27:05.839 --> 00:27:07.180
 Erinnern wir uns hier an Freud's Todestrip-Theorem und den Wiederholungszwang.

227
00:27:13.599 --> 00:27:20.000
 Dem können wir Zeit als Medium selbstdifferenter Prozessualität gegenüberstellen. Zeit ist hier Medium des Prozesses von Selbstdifferenzierung, der Vollzug des Fortschreitens eines

228
00:27:20.000 --> 00:27:27.299
 endimensionalen Feldes, in dem Ereignisse stattfinden. Da haben wir Zeit in ihrer medialisierten Form.

229
00:27:27.819 --> 00:27:33.759
 Zeit ist hier proleptisch, auf eine Zukunft hingeöffnet, die in ihrem Vollzug liegt und vorwegnimmt,

230
00:27:33.759 --> 00:27:41.559
 was über eine vorliegende mediatisierte, das heißt fixierte Form zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Offene hinausweist.

231
00:27:42.779 --> 00:27:46.839
 Medialisierte Zeit bindet die Vier zurück an die Eins,

232
00:27:46.940 --> 00:27:49.500
 ans Offene und an Individualisierung.

233
00:27:50.440 --> 00:27:52.519
 Das Subjekt fällt nicht nur in die Zeit,

234
00:27:52.680 --> 00:27:58.019
 sondern vollzieht sich als selbstdifferente Zeit selbst,

235
00:27:58.640 --> 00:28:00.960
 allein und durch alle Ebenen hindurch.

236
00:28:00.960 --> 00:28:03.740
 Dankeschön.

