WEBVTT

0
00:00:00.000 --> 00:00:15.619
 Als nächstes freuen wir uns auf den Vortrag von Elisabeth Schäfer.

1
00:00:16.500 --> 00:00:21.300
 Elisabeth Schäfer ist Philosophin und habilitierte Psychotherapiewissenschaftlerin.

2
00:00:22.019 --> 00:00:25.600
 Elisabeth Schäfer forscht und lehrt zu Dekonstruktion,

3
00:00:25.859 --> 00:00:31.940
 queerfeministischer Philosophie, psychoanalytischer Theorie, Körper, Gewalt und Traumata,

4
00:00:32.659 --> 00:00:37.600
 Écriture féminine, Schreiben als künstlerische Forschung und widerständiger Praxis,

5
00:00:38.820 --> 00:00:46.240
 sowie zu künstlerischen Positionen zum Climate Change. Elisabeth Schäfer ist derzeit stellvertretende Departmentleiterin

6
00:00:46.240 --> 00:00:53.880
 an der SFU Peter W. Linz und seit kurzem Leiterin des Doktoratsstudiengangs der Fakultät für

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00:00:53.880 --> 00:00:58.840
 Psychotherapiewissenschaft der SFU. Wir freuen uns auf deinen Vortrag Elisabeth.

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00:01:13.739 --> 00:01:13.900
 Einen schönen guten Morgen von mir an euch, an Sie alle, an alle im Online-Raum.

9
00:01:16.379 --> 00:01:17.560
 Vielen Dank, lieber Agnes, für die schöne Vorstellung.

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00:01:22.519 --> 00:01:28.780
 Mein Vortrag trägt den Titel Sprache, Verlust und das Ethos des Bleibens. Ich habe heute ich habe heute irgendwie das Bedürfnis, eine kleine Entschuldigung

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00:01:28.780 --> 00:01:37.719
 vorauszusenden, dass ich zu unserem Tagungsthema Future Trauma, das von seiner Begrifflichkeit so einen

12
00:01:37.719 --> 00:01:46.879
 genuin psychotherapeutischen, psychotherapiewissenschaftlichen Titel hat, dass mein Vortrag sehr philosophisch ausgefallen ist.

13
00:01:48.299 --> 00:01:53.879
 Ja, wir müssen das lieben, was nicht existiert.

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00:01:54.680 --> 00:01:57.819
 Wenn wir sterben, werden wir nicht mehr da sein.

15
00:01:58.599 --> 00:02:01.299
 Aber das, was wir liebten, wird bleiben,

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00:02:01.980 --> 00:02:24.680
 schreibt die französische Philosophin und politische Denkerin Simone Weil. Simone Weil hat den Tod vor Augen, wenn sie das schreibt, aber auch Simone Weil weiß, dass jedes geschriebene Wort insofern offen ist, als es beim Lesen durch andere immer wieder neu in Besitz genommen wird und durch neue Einschreibungen neue Lesarten erfährt.

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00:02:27.800 --> 00:02:33.879
 wird und durch neue Einschreibungen neue Lesarten erfährt. Wenn wir sterben, werden wir nicht mehr da sein. Wir werden nicht mehr da sein. Diesen Satz können wir als die, als die wir heute hier

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00:02:33.879 --> 00:02:39.219
 sind, aus allen uns zur Verfügung stehenden Optiken lesen und in ganz unterschiedliche

19
00:02:39.219 --> 00:02:47.780
 Kontexte stellen. Existenzielle, individuelle, kollektive, institutionelle und gesellschaftliche. An einige

20
00:02:47.780 --> 00:02:53.219
 dieser Kontexte denken wir vielleicht nur im Stillen. Andere werden an diesen Linzer

21
00:02:53.219 --> 00:03:00.639
 Forschungstagen zum Thema Future Trauma explizit adressiert und von uns diskutiert. Wir leben in

22
00:03:00.639 --> 00:03:06.219
 einer Zeit, in der die Zukunft nicht mehr als unendliches Versprechen erscheint,

23
00:03:06.219 --> 00:03:14.479
 das in seiner Kontinuität unbedingt allen folgenden Generationen ganz genauso zur Verfügung steht.

24
00:03:14.939 --> 00:03:21.020
 Die Zukunft als offener Horizont beginnt sich zu schließen, zumindest bedingt zu werden.

25
00:03:21.879 --> 00:03:28.939
 Die Zukunft unserer Existenz als Menschen beispielsweise beginnt, konkrete Bedingungen anzunehmen.

26
00:03:29.860 --> 00:03:38.439
 Viele KlimaforscherInnen sagen, dass die Bedingung des Fortbestands der heutigen globalen menschlichen Zivilisationsform

27
00:03:38.439 --> 00:04:10.360
 darin besteht, dass die Erderwärmung unter drei, jedenfalls unter vier Grad bleibt. Eine Zukunft, die so an Bedingungen geknüpft ist, ist eine sich schließende dass sie uns bedrängt. Demokratische Strukturen erodieren, ökologische Systeme wurden und werden destabilisiert.

28
00:04:11.120 --> 00:04:15.740
 Neu formannehmende Kriege beherrschen die globalen Zusammenhänge.

29
00:04:16.680 --> 00:04:21.160
 Der ukrainische Schriftsteller Serhii Zadan schreibt, ich zitiere,

30
00:04:21.699 --> 00:04:34.120
 Krieg, das ist vor allem ein zerbrochenes Zeitgefühl. Du versuchst dich an den Moment zu klammern, in dem du gerade lebst und verlässt dich weniger auf das Morgen.

31
00:04:46.800 --> 00:04:46.879
 hält der französische Philosoph Maurice Blanchon bereits angesichts der moralischen Trümmerlandschaft,

32
00:04:51.519 --> 00:04:52.040
 die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat, fest, ich zitiere,

33
00:04:57.759 --> 00:04:58.220
 wir stehen am Rand des Desasters, ohne dass wir es in der Zukunft verorten könnten.

34
00:05:00.199 --> 00:05:00.759
 Es ist vielmehr immer schon vergangen.

35
00:05:25.660 --> 00:05:26.740
 Das Desaster ist für Blanchon das, was nicht kommt, was jede Ankunft eingestellt hat. Diese paradoxe Zeitstruktur entspricht auf unheimliche Weise dem, was wir im Rahmen dieser Linzer Forschungstage als Future Trauma zu denken versuchen. Eine Vorträglichkeit, in der das Kommende bereits jetzt wirkt.

36
00:05:33.839 --> 00:05:34.660
 Das Desaster, so schreibt Blanchot weiter, ruiniert alles und lässt doch alles bestehen.

37
00:05:39.040 --> 00:05:40.240
 Es trifft uns nicht als einzelnes Ereignis, sondern gerade als Entzug.

38
00:06:01.920 --> 00:06:05.920
 Blanchot betont, es belangt uns nicht, es ist das Unbegrenzte ohne Belang. Das Desaster ist also keine Erfahrung im klassischen Sinne, es ist eine Struktur der Zeit, in der Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit kollabieren. Das Desaster der Zeit ist das Desaster in der Zeit. Die klassische Psychoanalyse denkt Trauma,

39
00:06:06.519 --> 00:06:09.180
 und darüber haben wir schon gestern viel diskutiert,

40
00:06:09.240 --> 00:06:11.040
 im Modus der Nachdirektlichkeit.

41
00:06:11.040 --> 00:06:14.939
 Erst im Nachhinein entfaltet ein Ereignis seine Wirksamkeit.

42
00:06:15.879 --> 00:06:18.800
 Doch Blanchot verschiebt diese Logik,

43
00:06:18.879 --> 00:06:20.959
 wenn er versucht, das Desaster zu denken.

44
00:06:21.980 --> 00:06:24.680
 Ich zitiere, das Desasterdenken heißt,

45
00:06:28.100 --> 00:06:28.939
 keine Zukunft mehr zu haben, um es zu denken.

46
00:06:29.879 --> 00:06:30.360
 Zitat Ende.

47
00:06:36.600 --> 00:06:37.500
 Das Kommende entzieht sich der Temporalität selbst. Es gibt keine Zukunft für das Disaster.

48
00:06:40.620 --> 00:06:41.019
 Was heißt das für eine Theorie der Vorträglichkeit?

49
00:06:49.500 --> 00:06:50.220
 Vielleicht, dass das Trauma nicht nur als verspätete Sinnbildung zu begreifen ist, sondern als antizipatorische Entzugsstruktur.

50
00:07:07.500 --> 00:07:14.779
 Das Desaster setzt unser

51
00:07:14.779 --> 00:07:34.740
 Erzählen außer Kraft. Aber tut es das nicht vielleicht schon immer? In Hamlet lässt Shakespeare seinen Protagonisten sagen, Time is out of joint. Out of joint ist ursprünglich ein körperlicher Ausdruck. Ein Gelenk ist ausgerenkt.

52
00:07:56.279 --> 00:08:08.199
 greifen nicht mehr wie bisher ineinander. Damit ist aber auch ein Ereignis in der Zeit kein abgeschlossenes Ereignis mehr bzw. kann nicht dazu werden. Es kehrt wieder und wieder. Es fordert nachträglich Antwort. sondern durch Wiederkehr und Unterbrechung strukturiert. Und in solch einer Zeit finden wir uns vielleicht ähnlich wie Hamlet wieder

53
00:08:08.199 --> 00:08:11.800
 und verstehen vielleicht besser, warum Hamlet auch sagt,

54
00:08:12.360 --> 00:08:16.000
 Oh cursed spite, that ever I was born to set it right.

55
00:08:16.579 --> 00:08:22.519
 Ähnlich wie Hamlet empfinden wir es in unserer Gegenwart vielleicht auch des Öfteren als Fluch.

56
00:08:22.519 --> 00:08:26.500
 In diese ausgerenkte Zeit hineingeboren zu sein,

57
00:08:26.699 --> 00:08:29.519
 die wir reparieren sollen und nicht wissen wie.

58
00:08:30.259 --> 00:08:34.120
 Wir sind außer uns, es verschlägt uns die Sprache, wir fragen uns,

59
00:08:34.220 --> 00:08:39.240
 was uns im Handeln Orientierung geben kann, einzeln und als Gemeinschaft.

60
00:08:40.200 --> 00:08:43.399
 In einer Zeit, in der so viele Werte umgewertet werden,

61
00:08:43.860 --> 00:08:52.059
 vielleicht anders als Nietzsche sich das dachte, aber nicht ebenso umwälzend revolutionär, was kann uns Orientierung geben?

62
00:08:52.059 --> 00:08:53.759
 Wir sind außer uns.

63
00:10:12.340 --> 00:10:14.200
 nicht als pathologische Abweichung oder vorübergehenden Ausnahmezustand gefasst, sondern zunehmend begonnen, das Außer-sich-Sein als eine konstitutive Struktur von Subjektivmals vollständig bei sich ist, nicht jedoch um sich in der Masse zu verlieren, wie sich daraus eine Struktur, ein Ethos des Bleibens ergeben kann. Also jene Haltung oder als eine Haltung dieser konstitutiven Exponiertheit nicht auszuweichen oder sie in die Illusion souveräner Selbstidentität zurückzuführen.

64
00:10:26.000 --> 00:10:26.139
 Diese Bleibe als Verweilen skizziere ich als eine Form der Verantwortung gegenüber dem, was sich entzieht, gegenüber den anderen, denen wir ausgesetzt sind, gegenüber dem Kommenden,

65
00:10:31.620 --> 00:10:38.539
 das uns jetzt schon affiziert, bevor wir es verstehen können. Ich skizziere dieses Bleiben als eine Kunst im Dunkeln zu verweilen, sich jener Underground Work zu widmen, die Alice Lagay

66
00:10:38.539 --> 00:10:45.700
 im Eröffnungsgespräch für die diesjährigen Linzer Forschungstage als philosophisch-politische Tätigkeit beschrieben hat,

67
00:10:45.799 --> 00:10:52.240
 die unterhalb der sichtbaren, anerkannten und institutionell legitimierten Oberfläche stattfindet

68
00:10:52.240 --> 00:10:58.700
 und dennoch die Bedingung des Denkens, Sprechens und Handelns überhaupt erst ermöglichen könnte.

69
00:10:59.220 --> 00:11:01.100
 Das ist mein Vorschlag im Vortrag.

70
00:11:01.960 --> 00:11:06.899
 Zuerst die philosophiegeschichtliche Verortung zum Verständnis relational verstandener

71
00:11:06.899 --> 00:11:14.879
 Ekstase von Subjektivität in Zeiten von Future Trauma. Im Zuge postmoderner Theoriebildung ist das

72
00:11:14.879 --> 00:11:46.000
 politische, in sich kohärente Subjekt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt in die Kritik geraten. An die Stelle eines souveränen, sich selbst transparenten Subjekts tritt zunehmend die Einsicht in seine konstitutive Inkohärenz, in seine strukturelle Offenheit gegenüber anderen. eine neue theoretische Bedeutung. Ekstase wird dabei nicht länger als Ausnahmezustand

73
00:11:46.539 --> 00:11:48.980
 oder pathologische Grenzerfahrung verstanden,

74
00:11:49.159 --> 00:11:52.000
 sondern als eine produktive Form des Kontrollverlusts,

75
00:11:53.299 --> 00:11:57.360
 die das Subjekt mit seiner eigenen Unverfügbarkeit konfrontiert.

76
00:11:59.379 --> 00:12:03.139
 Michel Foucault erkennt in diesem Moment der Ekstase

77
00:12:03.139 --> 00:12:18.500
 die Möglichkeit grundlegender Transformation. Ich zitiere, das Subjekt in Fragestellen bedeutete, eine Erfahrung zu machen, die zu seiner realen Zerstörung, seiner Auflösung, seinem Zerbersten, seiner Verkehrung in etwas anderes führen würde.

78
00:12:26.779 --> 00:12:26.879
 im Sinne eines Aus-sich-selbst-Heraustretens eröffnet nach Foucault somit nicht nur dem Subjekt selbst,

79
00:12:34.419 --> 00:12:34.720
 sondern auch denjenigen, die diese Bewegung beobachten, bezeugen, die Möglichkeit einer transformativen Erfahrung,

80
00:12:45.360 --> 00:12:46.039
 die in eine neue Form der Anerkennung münden kann. Judith Butler greift diesen Begriff auf und formuliert ihn in einer radikal veränderten Weise neu.

81
00:12:52.960 --> 00:12:56.840
 Zwar lassen sich auch in Butlers Denken Spuren eines eher nizianischen Verständnisses von Ekstase erkennen, doch es geht ihr nicht um einen rauschhaften Ausnahmezustand,

82
00:12:57.159 --> 00:13:02.080
 sondern im Gegenteil um eine grundlegende Bestimmung menschlicher Existenz.

83
00:13:02.299 --> 00:13:09.779
 Für Butler ist das Ekstatischsein eine Grundkonstituente des Subjekts. Dieses ganz auch im

84
00:13:09.779 --> 00:13:36.659
 wörtlichen Sinne zu verstehen, Subjekte sind mit Butler nie sein. Als ein in der Öffentlichkeit geschaffenes soziales Phänomen gehört mir mein Körper und gehört mir auch wiederum nicht. Zitat Ende.

85
00:13:48.200 --> 00:13:48.919
 Eigentum des Subjekts, sondern immer zugleich in soziale politische Zusammenhänge eingebunden.

86
00:13:55.500 --> 00:14:01.980
 In dem Maße, in dem Subjekte Schutz erfahren, geben sie zugleich Autonomie auf, da sie nur als schützenswerte Subjekte überhaupt geschützt werden können. Butler stellt daher die Frage, ob politische

87
00:14:01.980 --> 00:14:06.559
 Rechte nicht vielmehr aus der Anerkennung von Verletzlichkeit abgeleitet

88
00:14:06.559 --> 00:14:13.019
 werden müssen. Die Anerkennung des Ekstatischseins bedeutet für Butler eine Verschiebung des

89
00:14:13.019 --> 00:14:20.120
 politischen Denkens. Sie würde gerade den Wert betonen, den es hat, außer sich zu sein, eine

90
00:14:20.120 --> 00:14:25.899
 durchlässige Grenze zu sein. In dieser Offenheit liegt die Möglichkeit

91
00:14:25.899 --> 00:14:32.399
 intersubjektiver Verbindung, die eine kollektive Verantwortung für das physische Leben

92
00:14:32.399 --> 00:14:38.539
 einer eines jeden anderen begründet. Aus der Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit

93
00:14:38.539 --> 00:14:44.200
 ergibt sich die Möglichkeit, von dieser Erfahrung der Verletzbarkeit auf die Verletzbarkeit

94
00:14:44.200 --> 00:14:45.379
 anderer zu schließen.

95
00:14:46.340 --> 00:14:50.320
 Diese Form der Verbindung geht jedoch über bloßes Mitgefühl hinaus.

96
00:14:51.500 --> 00:14:57.980
 Butler geht es um die Erfahrung eines primären Verlustes und die daraus hervorgehende solidarische Beziehung,

97
00:14:57.980 --> 00:15:01.779
 die auf einem gemeinsamen Ausgeliefertsein gründet.

98
00:15:10.779 --> 00:15:11.759
 Ausgeliefertsein gründet. Diese Erfahrung macht uns verletzlich für Gewalt, aber auch für ein breiteres, weiteres Spektrum der Berührung.

99
00:15:37.500 --> 00:15:46.139
 Daraus ergibt sich die Frage, wie durch die Anerkennung dieser Verletzlichkeit jene Verbindung entstehen kann, die fundamentale Sozialität des körperlichen, leiblichen Lebens zu begreifen, die Art und Weise, wie wir aufgrund unseres Daseins als körperliche Wesen schon von Anfang an eben über uns hinaus in das Leben der anderen verwickelt sind. sich Ekstase bei Butler als Anerkennung eines grundlegenden Verlustes von Autonomie verstehen,

100
00:15:46.720 --> 00:15:53.500
 dem jeder Körper, so Butler, unterliegt. In emotionalen Grenzerfahrungen wie Wut, Trauer

101
00:15:53.500 --> 00:16:00.059
 oder Begehren wird sichtbar, dass das Subjekt nicht vollständig über sich verfügen kann.

102
00:16:00.960 --> 00:16:09.080
 Statt diese Erfahrung als Bedrohung zurückzuweisen, eröffnet Butler die Möglichkeit neuer Formen des Verstehens.

103
00:16:09.940 --> 00:16:17.179
 Diese Perspektive lässt sich in einem weiteren Schritt mit einem Konzept empathischer Solidarität verbinden,

104
00:16:17.779 --> 00:16:27.080
 das nicht auf Gemeinsamkeit im Sinne geteilter Ideale oder Werte beruht, sondern auf der Anerkennung gemeinsamer Verletzlichkeit.

105
00:16:27.980 --> 00:16:32.700
 Solidarität entsteht nicht nur durch gemeinsame Idealität der Zwecke,

106
00:16:33.419 --> 00:16:38.639
 sondern indem sie sich der Menschlichkeit dort zuwendet, wo sie bedroht ist,

107
00:16:39.740 --> 00:16:47.259
 etwa in einer historischen und gegenwärtigen Verlust- und Gewalterfahrung marginalisierter Gruppen.

108
00:16:47.899 --> 00:17:49.440
 Wenn Foucault Ekstase als Möglichkeitsraum der Transformation und Butler auch ontologisch zu denken ist, nicht nur als individuelle subjektragweite dieses Gedankens des Mitseins von grundlegenden Überlegungen zur Gemeinschaft und zur Sozialität. verständnis als kollektives produkt herstellen für sie ist ganz klar eine ontologische perspektive

109
00:17:49.440 --> 00:17:56.480
 das erste in der das soziale sein eben als ein ursprüngliches gedacht wird sein gemeinschafts

110
00:17:56.480 --> 00:18:02.980
 begriff ist von kommunitaristischen positionen zu unterscheiden und entzieht sich einer üblichen

111
00:18:02.980 --> 00:18:05.859
 gegenüberstellung von gemeinsinschaft und Gesellschaft.

112
00:18:06.900 --> 00:18:12.400
 Nancy nähert sich der Frage der Gemeinschaft, diesseits des eigentlich politischen.

113
00:18:12.680 --> 00:18:17.940
 Gemeinschaft ist bei ihm nichts, das wir erst herstellen müssen durch bestimmte Politiken,

114
00:18:18.500 --> 00:18:34.839
 sondern sie ist immer schon gegeben. Es gibt Gemeinschaft. Es gibt Gemeinschaft, aber sie erscheint uns als etwas, als Frage, als Erwartung, als Ereignis, als Aufforderung.

115
00:18:35.299 --> 00:19:06.779
 Gemeinschaft existiert bereits bevor wir sie artikulieren können, so non si. Sie ist gegeben, ehe wir noch ein Wir artikulieren oder rechtfertigen können. Gleichzeitig fordert sie uns heraus, ihre Bedeutung fortwährend neu zu bestimmen. Gemeinschaft gründet sich auf Relation. Sie entsteht aus der Offenheit gegenüber anderen. Das soziale Band besteht in der Mitteilung, wobei Teilung nicht Einheit, sondern Differenz bezeichnet.

116
00:19:07.759 --> 00:19:15.299
 Angesichts der modernen Erfahrung, der Auflösung des Zerfalls, der Erschütterung der Gemeinschaft,

117
00:19:15.299 --> 00:19:20.680
 entwickelt Nancy eine Konzeption einer nicht operativen Gemeinschaft.

118
00:19:21.579 --> 00:19:45.180
 Er argumentiert, dass es kein singuläres Wesen ohne ein anderes singulären Wesens.

119
00:19:45.680 --> 00:19:51.279
 Gemeinschaft ist daher keine Verschmelzung, sondern Mitteilung der Singularitäten.

120
00:19:51.740 --> 00:19:55.480
 Und diese Mitteilung ist bei Nancy körperlich, leiblich vermittelt.

121
00:19:55.880 --> 00:19:59.039
 Der Körper ist der Ort der Exponiertheit gegenüber anderen.

122
00:19:59.039 --> 00:20:08.960
 Hier sind wir den anderen in ganz ähnlicher Weise ausgesetzt, wie schon Butler den Körper als soziales Phänomen dachte.

123
00:20:09.700 --> 00:20:15.700
 Nancy formuliert dies so, die Ontologie des Mitseins ist eine Ontologie des Körpers.

124
00:20:16.000 --> 00:20:21.619
 Gemeinschaft entsteht aus dieser körperlich-leiblichen Exponiertheit und unserer Verletzlichkeit.

125
00:20:22.240 --> 00:20:25.759
 Sie beruht nicht auf Einheit, sondern auf diesem gegenseitig

126
00:20:25.759 --> 00:20:32.180
 Ausgesetztseins. Die ontologische Struktur des Mitseins besitzt somit zugleich auch immer eine

127
00:20:32.180 --> 00:20:40.039
 ethische Dimension. Gemeinschaft ist kein Produkt souveräner Subjekte, sondern entsteht aus ihrer

128
00:20:40.039 --> 00:20:48.279
 strukturellen Ekstase, ihrem Außer-sich-Sein und in ihrer grundlegenden Bezogenheit auf andere.

129
00:20:48.799 --> 00:20:55.279
 In dieser Perspektive erscheint das Außer-sich-Sein nicht mehr als eine Ausnahme, sondern als eine

130
00:20:55.279 --> 00:21:02.759
 ontologische Grundstruktur menschlicher Existenz, in die wir vielleicht gerade, so meine These,

131
00:21:02.759 --> 00:21:08.559
 in unserer Gegenwart besonders eingelassen sind und die wir in besonderer Weise erfahren.

132
00:21:09.480 --> 00:21:15.339
 Ich komme zum dritten und letzten Teil meines Vortrages, betitelt mit We are late to the party.

133
00:21:17.119 --> 00:21:30.779
 Eine Zeit, in der die vertrauten Formen zeitlicher Orientierung brüchig geworden sind, versetzt uns zunehmend in diesen Zustand, in dem das Kommende nicht mehr als Versprechen, sondern sich als Zumutung ankündigt.

134
00:21:31.220 --> 00:21:45.559
 Als etwas, das sich unserer Verfügung entzieht und uns dennoch affiziert. In dieser Situation verliert Sprache ihre Selbstverständlichkeit. Sie kann nicht länger beanspruchen, das Kommende zu benennen oder zu

135
00:21:45.559 --> 00:21:52.720
 ordnen und doch bleibt sie der Ort, an dem wir uns zu dem verhalten können, was uns übersteigt.

136
00:21:53.480 --> 00:22:36.039
 In dem Videogespräch, das den Auftakt dieser Tagung begleitet hat, spricht Alice Lagay von Von jener Underground Work, einer Arbeit im Dunkeln. Der Rida beschreibt Chora als eine radikale Amme des Werdens, als einen Ort oder vielmehr Nicht-Ort, der allem Werden Aufnahme gewährt, ohne selbst Substanz, Identität oder Bestimmbarkeit zu besitzen.

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 Chora ist kein Seiendes, sondern eine empfangende Struktur reiner Ermöglichung, ein Raum der Einschreibung, in der der allem Formbaren vorausgeht, ohne selbst Form anzunehmen. An diesen Gedanken knüpft die französische Psychoanalytikerin Julia Kristeva an, indem sie den Begriff der semiotischen Chora als einen präsymbolischen, leiblich-affektiven Raum entwickelt, der der symbolischen Ordnung der Sprache vorausliegt.

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 In der semiotischen Chora zirkulieren Rhythmen, Impulse, Triebbewegungen, die noch nicht in stabile Bedeutungen übersetzt sind,

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 aber die gerade die Bedingung dafür bildet, dass Bedeutung überhaupt erst entstehen kann. Während Derrida, Cora die ontologische Struktur einer radikalen Offenheit bezeichnet, versteht Christeva sie psychoanalytisch als einen dynamischen, körperlich fundierten Raum des Werdens, in dem sich Subjektivität erst formiert,

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 bevor sie in die symbolische Ordnung eintritt.

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 Vielleicht also wirft uns unsere Zeit, unsere Gegenwart, die Zeit von Future Trauma,

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 radikal an den Ort und Nicht-Ort von Chora zurück.

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 Das Außer-sich-Sein im Sinne Judith Butlers und Jean-Luc Nancy lässt sich im Anschluss an Derridas Begriff der Korra als jene ursprüngliche Exponiertheit verstehen, in der Subjektivität überhaupt erst entstehen kann.

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 bleibt sowohl bei Derrida als auch Christever dieser choralen Struktur auch nach seinem Eintritt in konstitutive Nicht-Identität mit sich selbst,

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 die nicht Defizit, sondern Bedingung von Beziehung, Sprache und Werden ist. In diesem Sinne, in dieser

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 choralen Offenheit zu bleiben, bedeutet kein Ethos des Bleibens, das in Hoffnung auf Rettung gegründet ist, sondern in der Bereitschaft, die eigene

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 zeitliche und symbolische Desorientierung anzuerkennen. Bleiben heißt in diesem Sinne,

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 nicht die Welt zu stabilisieren, wie sie ist. Bleiben heißt dann, ihre Fragilität zu bezeugen.

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 Es bedeutet, die Gegenwart nicht als abgeschlossene Totalität zu affirmieren,

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 sondern als einen offenen, von Verlust durchzogenen Raum zu erfahren,

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 in dem Zukunft nicht garantiert, sondern gefährdet ist.

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 Future Trauma bezeichnet genau diese Struktur.

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 Das Ethos des Bleibens besteht darin, diese Spuren nicht zu schließen.

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 Das Ethos des Bleibens besteht darin, diese Spuren nicht zu schließen.

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 Es besteht darin zu sprechen, obwohl Sprache, wie wir sie vielleicht bislang kennen,

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 Erzählungen, wie wir sie vielleicht bislang kennen, pflegen und zur Hand haben,

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 nicht mehr ausreichen, sondern erst andere werden müssen. Es besteht darin zu bleiben, obwohl die Zeit aus den Fugen geraten ist.

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 darin zu bleiben, obwohl die Zeit aus den Fugen geraten ist. Es besteht darin zu bleiben und die Bleibe nicht als Rettung zu verstehen, sondern als Akt der Zeuginnenschaft. An dieser Stelle gewinnt

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 Simone Weil's Satz seine volle Tragweite. Wenn wir sterben, werden wir nicht mehr da sein, aber das,

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 was wir liebten, wird bleiben.

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 Was bleibt, ist nicht das Subjekt. Was bleibt, ist die Beziehung.

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 Was bleibt, sind die Spuren der Zuwendung.

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 Und vielleicht, darin liegt die Leise, aber wie ich denke,

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 radikal-politische Dimension dieses Ethos des Bleibens, das ich versucht habe zu entwerfen, beginnt die Zukunft genau dort,

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 wo wir bleiben, ohne zu wissen, ob Bleiben noch möglich ist. Vielen Dank.

