WEBVTT

0
00:00:00.000 --> 00:00:19.120
 Willkommen zurück. Wir kommen jetzt zum Vortrag von Ralf Vogel. Er ist psychologischer Psychotherapeut,

1
00:00:19.539 --> 00:00:26.780
 Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut. Er studierte Psychologie und Sinologie an den Universitäten Mannheim und

2
00:00:26.780 --> 00:00:33.380
 dann Erlangen-Nürnberg, promovierte dort zum Dr. Phil und habilitierte im Fachbereich Psychotherapie

3
00:00:33.380 --> 00:00:39.859
 Wissenschaft an der SFU. Er ist Honorarprofessor für Psychotherapie und Psychoanalyse an der

4
00:00:39.859 --> 00:00:46.399
 Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Ralf Vogel ist Dozent und Lehranalytiker an freudianischen

5
00:00:46.399 --> 00:00:53.820
 und jungianischen Ausbildungsinstituten, unter anderem am C.G. Jung-Institut in Zürich. Er ist

6
00:00:53.820 --> 00:00:58.359
 Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Gremien, Herausgeber der wissenschaftlichen Buchreihe

7
00:00:58.359 --> 00:01:04.159
 Analytische Psychologie C.G. Jungs in der Psychotherapie. Von ihm selbst liegen zahlreiche

8
00:01:04.159 --> 00:01:05.799
 Veröffentlichungen vor allem zu

9
00:01:05.799 --> 00:01:10.560
 Konzepten der analytischen Psychologie, der existenziellen Themen in der Psychotherapie

10
00:01:10.560 --> 00:01:15.640
 und in der Psychotherapiewissenschaft vor. Einige seiner Bücher wurden in mehrere Sprachen

11
00:01:15.640 --> 00:01:20.799
 übersetzt. Ralf Vogel unterrichtet national und international an Universitäten und

12
00:01:20.799 --> 00:01:26.159
 psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten. In Ingolstadt unterhält Herr Vogel eine

13
00:01:26.159 --> 00:01:34.140
 Privatpraxis für Psychotherapie und Supervision. Herzlich willkommen, Ralf Vogel mit dem Vortrag

14
00:01:34.140 --> 00:01:38.019
 Psychotherapie und ihre Wissenschaft in Zeiten kollektiver Verunsicherung.

15
00:01:47.180 --> 00:01:48.500
 Ja, langsam sind wir unter uns.

16
00:01:50.180 --> 00:01:50.340
 Ich begrüße alle nochmal sehr herzlich.

17
00:01:54.560 --> 00:01:56.379
 Ich freue mich, dass ich heute mit euch ein paar meiner Gedanken teilen kann.

18
00:01:59.560 --> 00:02:08.979
 Es ist ein bisschen ein Kontrastprogramm zum Vormittag, weil ich heute ganz aus der psychotherapeutischen Praxis heraus argumentieren und versuchen werde,

19
00:02:09.560 --> 00:02:13.120
 dem Thema des Kongresses nahezukommen.

20
00:02:13.900 --> 00:02:15.699
 Und zwar auf verschiedene Art und Weise.

21
00:02:15.840 --> 00:02:21.419
 Also meine therapeutische Praxis, ihr habt gehört, in Ingolstadt arbeite ich noch ganz klassisch als Psychotherapeut.

22
00:02:21.759 --> 00:02:28.620
 Und dann auch aus ein paar kleinen empirischen Arbeiten rundherum um die psychotherapeutische Praxis

23
00:02:28.620 --> 00:02:36.379
 in einer Zeit, die wir alle jetzt Gott sei Dank schon ein bisschen hinter uns gelassen haben, nämlich in der Corona-Zeit, während der Corona-Zeit.

24
00:02:36.919 --> 00:02:50.280
 Da habe ich in Ingolstadt mehrere kleine Forschungsprojekte angestoßen, die sich aus der Versorgung der Patientinnen ergeben haben. Zum Beispiel haben wir eine psychotherapeutische Telefonsprechstunde in Ingolstadt eingerichtet.

25
00:02:50.419 --> 00:02:58.419
 Da war Lockdown und mit Kollegen habe ich da im Donaukurier Ingolstadt, so heißt unser Tagblättchen,

26
00:02:58.979 --> 00:03:03.080
 angekündigt, dass man uns anrufen kann, wenn man in Not ist.

27
00:03:03.460 --> 00:03:05.699
 Und das haben doch relativ viele gemacht und das haben wir dann

28
00:03:05.699 --> 00:03:13.400
 dokumentiert und evaluiert und mal geguckt, um was geht es denn da eigentlich, wenn die mit ihren Problemen zu uns kommen.

29
00:03:14.180 --> 00:03:26.039
 Als ich das Thema des Kongresses gelesen habe und mir überlegt habe, was ich dazu sagen kann, sind mir zwei Sachen eingefallen. Das eine, was wahrscheinlich alle kennen, wenn man Trauma

30
00:03:26.039 --> 00:03:27.960
 liest, dann ist erstmal

31
00:03:27.960 --> 00:03:30.039
 so ein Reflex heutzutage, wenn man

32
00:03:30.039 --> 00:03:31.560
 in der Psychoszene unterwegs ist,

33
00:03:31.900 --> 00:03:33.879
 dass der Traumabegriff ja schon so ein bisschen

34
00:03:33.879 --> 00:03:35.979
 inflationär

35
00:03:35.979 --> 00:03:37.879
 benutzt ist und man sich immer fragt, brauchen wir jetzt

36
00:03:37.879 --> 00:03:39.699
 nochmal einen Traumabegriff dazu?

37
00:03:39.919 --> 00:03:41.960
 Müssen wir nochmal was finden, was da mit

38
00:03:41.960 --> 00:03:43.840
 diesem Begriff assoziiert ist?

39
00:03:44.360 --> 00:03:51.419
 Und ich habe dann auch überlegt, ob ich in dieser Zeit, wo ich mit den Menschen in dieser schwierigen Situation gearbeitet habe,

40
00:03:51.419 --> 00:04:01.039
 ob ich da öfter jemanden erlebt habe, der im Umfeld von einer Traumatisierung was erzählt hat oder Traumatisierungsstörungen angegeben hat

41
00:04:01.039 --> 00:04:02.400
 und habe ich eigentlich keinen gefunden.

42
00:04:07.479 --> 00:04:08.199
 angegeben hat und habe ich eigentlich keinen gefunden und ich habe damals auch einen Begriff entwickelt und dann weiter geschrieben dran,

43
00:04:17.459 --> 00:04:19.959
 den ich heute vielleicht nicht als Alternative zum Traumabegriff, sondern als ein Stück, eine Erweiterung dieses Traumabegriffs in den Ring werfen möchte, nämlich den Begriff der Verunsicherung.

44
00:04:38.399 --> 00:04:46.220
 Und jetzt, genau. Jetzt habe ich hier mal schon ein paar Szenarien der Verunsicherung hingebeamt und eigentlich, wenn ich meinen Studierenden immer beibringe, wie man eine PowerPoint-Präsentation macht, dann sage ich immer, man soll nicht viele Bilder drauf machen, höchstens eines oder zwei. rauszukriegen, was macht eigentlich uns verunsichert und habe dann immer eins nach dem anderen draufgebracht

45
00:04:46.220 --> 00:04:51.259
 und das würde jetzt noch gar nicht ausreichen, der Platz würde noch gar nicht reichen.

46
00:04:52.920 --> 00:04:59.860
 Was so bevölkerungsstatistisch im Moment die Themen sind, die die Menschen belasten

47
00:04:59.860 --> 00:05:04.620
 und die ihnen am meisten Sorgen machen, kommen da auch drin vor.

48
00:05:04.740 --> 00:05:08.000
 Das war, als ich die Folie gemacht habe, noch gar nicht an erster Stelle.

49
00:05:08.379 --> 00:05:12.879
 Da ist übrigens Österreich und die Bundesrepublik gleich auf.

50
00:05:12.959 --> 00:05:15.759
 Das heißt ein bisschen anders, aber im Prinzip ist es gleich auf.

51
00:05:15.759 --> 00:05:22.540
 Die erste Sorge, die Menschen haben und die sie verunsichert heutzutage, ist dieses da, die Sorge vor der Armut.

52
00:05:22.540 --> 00:05:23.259
 ist dieses da, die Sorge vor der Armut.

53
00:05:29.339 --> 00:05:29.540
 Die neue Ipsos-Umfrage in Österreich sagt, die meisten Österreicherinnen haben Angst vor der Inflation,

54
00:05:35.519 --> 00:05:35.740
 vor einer ausufernden Inflation und vor der Frage, kann ich meine Wohnung noch bezahlen,

55
00:05:38.839 --> 00:05:38.899
 wenn ich irgendwie in finanzielle Nöte komme.

56
00:05:42.699 --> 00:05:44.620
 Das ist die erste verunsichernde Frage, die sich die Menschen hier in Österreich stellen. Und in Deutschland ist es ganz ähnlich.

57
00:05:42.699 --> 00:05:42.839
 verunsichernde Frage, die sich die Menschen hier in Österreich stellen.

58
00:05:44.620 --> 00:05:44.779
 Und in Deutschland ist es ganz ähnlich.

59
00:05:50.279 --> 00:05:51.220
 Armut ist tatsächlich die erste Angst, die der Großteil der Menschen haben.

60
00:05:56.019 --> 00:05:56.540
 Und dann kommt der Gesundheitssektor als zweites meistens.

61
00:06:01.660 --> 00:06:05.180
 Also kann ich eigentlich noch Gesundheit bezahlen und werde ich eigentlich noch ausreichend versorgt. Dann kommt Migration und Krieg und sowas, das kommt alles erst hinten dran.

62
00:06:09.540 --> 00:06:16.220
 Wenn ich über Verunsicherung spreche, muss ich so ein bisschen klar machen, was ich damit meine.

63
00:06:16.420 --> 00:06:21.759
 Wenn man bei Google eingibt, kollektive Verunsicherung, dann ist das fast das Gegenteil,

64
00:06:21.759 --> 00:06:25.899
 wie wenn man eingibt, Future Trauma, da haben wir ja gestern festgestellt, da gibt es fast nichts dazu.

65
00:06:26.379 --> 00:06:36.519
 Kollektive Verunsicherung, fast 100.000 Google-Einträge und bei Google Scholar, also bei dem Wissenschaftsteil von Google, immer noch fast 30.000 Einträge,

66
00:06:36.519 --> 00:06:42.519
 also 30.000 wissenschaftliche Einträge zu diesem Thema kollektiver Verunsicherung.

67
00:06:43.439 --> 00:06:47.279
 Ich habe ja da so ein kleines Büchlein dazu geschrieben im Springer Verlag.

68
00:06:47.759 --> 00:06:53.060
 Und der Springer Verlag ist ein kommerzieller Verlag, der will Geld verdienen mit den Sachen, die er rausbringt.

69
00:06:53.139 --> 00:06:59.660
 Und dann haben die erstmal gesagt, ja also Corona-Themen interessieren uns nicht so, weil nächstes Jahr wird es keiner mehr kaufen.

70
00:07:00.279 --> 00:07:02.920
 Und dann habe ich gesagt, das heißt kollektive Verunsicherung.

71
00:07:03.319 --> 00:07:04.379
 Dann kam die Rückantwort.

72
00:07:05.120 --> 00:07:09.660
 Wir haben festgestellt, bei Google gibt es 100.000 Treffer für kollektive Verunsicherung.

73
00:07:09.779 --> 00:07:11.579
 Sie können das Büchlein rausbringen bei uns.

74
00:07:12.100 --> 00:07:14.079
 Das verkauft sich anscheinend, dieses Thema.

75
00:07:14.839 --> 00:07:17.500
 Was meine ich jetzt, wenn ich mit diesem Verunsicherungsthema daherkomme?

76
00:07:17.860 --> 00:07:20.139
 Es ist ein zusammengesetztes Gefühl.

77
00:07:20.720 --> 00:07:46.779
 Das ist natürlich irgendwie so eine Art von Stimmung, so eine körperlich-seelische Stimmung, aber es setzt sich zusammen aus Gefühlen von Ungewissheit, Bedrohung. Angst, der Sorge und der Angst, das zusammengenommen macht dieses Verunsicherungsgefühl aus,

78
00:07:47.160 --> 00:07:55.459
 hängt ganz stark zusammen mit dem Gefühl, was man in der Psychologie die mangelnde Selbstwirksamkeitserfahrung nennt,

79
00:07:55.579 --> 00:08:01.279
 also dass man keinen Einfluss hat auf das, was passiert, hängt mit Unbeeinflussbarkeit und Unverfügbar zusammen,

80
00:08:01.279 --> 00:08:06.459
 vor allen Dingen in Bezug auf Veränderungen, dass sich Veränderungen abspielen

81
00:08:06.459 --> 00:08:11.759
 und ich keinen Einfluss darauf habe, was sich verändert, in welche Richtung sich verändert

82
00:08:11.759 --> 00:08:17.560
 und ob ich mich mit verändern soll oder nicht, sondern das passiert, das ist ein Geschehnis.

83
00:08:18.819 --> 00:08:21.680
 Alltagspsychologisch ist die Verunsicherung negativ konnotiert.

84
00:08:22.180 --> 00:08:47.980
 Das ist ganz wichtig, weil wir ja schon bemerkt haben, dass dieses Anerkennen von Verletzungen undivitätstheorien ein Moment der Verunsicherung,

85
00:08:48.500 --> 00:08:59.500
 der dann eigentlich zu der schöpferischen Aussage führt. Also es ist eigentlich eine Voraussetzung sogar für Kreativität, dieses Zulassenkönnen von Verunsicherung.

86
00:08:59.659 --> 00:09:06.320
 Aber wenn man es alltagspsychologisch, wenn man es in der Presse anschaut und auch in der Politik, wenn die Politikerinnen sagen, die Menschen sind verunsichert,

87
00:09:06.320 --> 00:09:13.539
 dann wird da nicht gesehen, dass da vielleicht was Neues erwachsen können draus, sondern dann wird versucht, es zu bekämpfen und klein zu machen.

88
00:09:14.240 --> 00:09:19.419
 Jetzt kommt dieser kollektive Verunsicherungspunkt, der ist also makrosozial sichtbar.

89
00:09:19.580 --> 00:09:25.820
 Das heißt, wir sehen den Ausdruck von kollektiver Verunsicherung, den können wir angucken.

90
00:09:25.940 --> 00:09:30.860
 Das ist jetzt nicht mehr nur eine Stimmung, sondern wir können den quasi in verschiedenen Aktionen anschauen.

91
00:09:31.759 --> 00:09:36.539
 Dieser Begriff der kollektiven Verunsicherung ist eigentlich dreifach aufzufächern.

92
00:09:37.360 --> 00:09:46.720
 Das eine meint, dass eine ganze Gruppe von Menschen verunsichert ist und dadurch eine Gruppenverunsicherung entsteht.

93
00:09:46.840 --> 00:09:51.799
 Also eine kollektive Verunsicherung, die sich dann wieder gegenseitig so ein bisschen gruppendynamisch aufschaukelt.

94
00:09:51.960 --> 00:09:57.320
 Also die Gesamtgruppe fühlt sich unwohl und verunsichert und die einzelnen Individuen auch.

95
00:09:57.399 --> 00:09:59.460
 Und dann gibt es so einen gegenseitigen Aufschaukelungsprozess.

96
00:09:59.600 --> 00:10:02.159
 Das ist das eine der kollektiven Verunsicherungen.

97
00:10:02.480 --> 00:10:26.860
 Das meine ich auch mit dem, was ich Ihnen heute oder was ich euch heute erzähle. Das zweite ist, dass auch das Kollektiv eine verunsichernde Wirkung haben kann. Die kann auch eine

98
00:10:26.860 --> 00:10:32.679
 versichernde Wirkung haben, darauf komme ich noch, aber halt auch vor allen Dingen durch den regressiven Charakter von

99
00:10:32.679 --> 00:10:46.179
 Gruppe kann auch eben das Kollektiv verunsichern. Und die dritte Facette von kollektiver Verunsicherung ist, dass durch Verunsicherung erst ein Kollektiv entstehen kann.

100
00:10:46.759 --> 00:10:54.759
 Das heißt, erstmal haben wir Menschen, die so verunsichert rumlaufen und die treffen sich und merken,

101
00:10:54.879 --> 00:10:57.740
 wir sind verunsichert und bilden daraus ein Kollektiv.

102
00:10:57.740 --> 00:11:09.299
 Dieser Begriff des Kollektivs ist übrigens einer, der sich von dem Begriff der Gruppe dadurch unterscheidet, dass ein Kollektiv mit einem Wir-Gefühl versehen ist.

103
00:11:09.720 --> 00:11:18.480
 Ein Kollektiv hat ein Stück, eine gemeinsame Identität, haben gemeinsame Themen, haben gemeinsame Projekte, dadurch werden sie kollektiv.

104
00:11:18.480 --> 00:11:29.399
 Ich bin ja oft in Dresden unterwegs und die ostdeutschen Länder haben mit diesem Begriff des Kollektiven eine ganz große Geschichte.

105
00:11:30.200 --> 00:11:35.659
 Da wurde sehr viel über das Kollektive gesprochen und das mehr als Gruppe,

106
00:11:35.659 --> 00:11:41.320
 sondern in dem Versuch ein Wir-Gefühl, eine gegenseitige Solidarität und sowas herzustellen.

107
00:11:41.460 --> 00:11:44.940
 Also Verunsicherung macht auch ein Kollektiv erstmal.

108
00:12:08.659 --> 00:12:09.100
 Also Verunsicherung macht auch ein Kollektiv erstmal. Kann in unterschiedlichen Graden auftreten und da überschneidet sich es jetzt wieder mit dem Traumabegriff, nämlich es kann psychoanalytisch betrachtet auch in temporären oder länger dauernden Fragmentierungen des Selbsts enden und damit hätten wir quasi die Traumatisierung als eine Extremform der Verunsicherung eigentlich.

109
00:12:14.559 --> 00:12:15.860
 So würde ich das jetzt mal hier in dem Zusammenhang sehen wollen.

110
00:12:22.820 --> 00:12:23.340
 Wenn ich von der Psychotherapie ausgehe, dann haben wir es mit verschiedenen Verunsicherungsszenarien zu tun,

111
00:12:26.600 --> 00:12:26.879
 wenn ich die Praxis, die psychotherapeutische Praxis anschaue.

112
00:12:32.879 --> 00:12:38.039
 Das erste ist, dass Patientinnen und Patienten, die zu uns kommen, verunsichert sind. Wir haben also die Verunsicherung als Patientinnenfaktor. Zwei verschiedene Seiten sind es. Zum einen,

113
00:12:38.039 --> 00:12:43.940
 und darauf komme ich noch, ist Verunsicherung in sehr vielen psychischen Problemen mit verwoben,

114
00:12:44.659 --> 00:12:45.080
 beziehungsweise die Probleme sind Reaktionen auf eine primäre Verunsicherung in sehr vielen psychischen Problemen mit verwoben.

115
00:12:48.980 --> 00:12:49.120
 Beziehungsweise die Probleme sind Reaktionen auf eine primäre Verunsicherung.

116
00:12:51.679 --> 00:12:52.259
 Die Patienten kommen also mit einem Verunsicherungsthema.

117
00:12:56.519 --> 00:12:56.980
 Das zweite ist, und das dürfen wir immer nicht unterschätzen, wenn wir psychotherapeutisch arbeiten,

118
00:13:02.919 --> 00:13:03.519
 dass auch die psychotherapeutische Situation per se für die Patientinnen eine verunsichernde Situation ist.

119
00:13:06.960 --> 00:13:07.039
 Selbst wenn, ich habe im Moment beim Durchblicken festgestellt,

120
00:13:09.139 --> 00:13:09.539
 ich habe überhaupt keine Patientin oder einen Patienten,

121
00:13:11.779 --> 00:13:14.539
 der noch nicht vorher schon mal in einer Therapie war. Also manche waren schon drei, vier, fünf Mal in Therapie

122
00:13:14.539 --> 00:13:17.240
 und manche waren schon viel in Kliniken und sowas.

123
00:13:17.419 --> 00:13:20.120
 Also sehr oft trotzdem wissen die nicht,

124
00:13:20.320 --> 00:13:22.379
 wie Psychotherapie beim Ralf Vogel ausschaut

125
00:13:22.379 --> 00:13:25.580
 und was ich für einer bin und kommen verunsichert zu uns.

126
00:13:25.700 --> 00:13:29.940
 Also wir haben eine doppelte Verunsicherung, die haben ein Verunsicherungsproblem in ihrer Symptomatik

127
00:13:29.940 --> 00:13:35.600
 und die haben ein Verunsicherungsthema uns gegenüber, was erwarten wir, wie läuft es hier eigentlich ab

128
00:13:35.600 --> 00:13:40.220
 und was ist das eigentlich für ein Typ und was ist das eigentlich, wenn der Psychotherapie macht.

129
00:13:40.220 --> 00:14:07.000
 Also großer Verunsicherungspunkt. Der zweite ist die Verunsicherung als Therapeutinnenfaktor. Ganz wichtiges Thema, weil wir ja auch nicht wissen, wer da kommt und weil wir ja auch nicht genau uns einstellen können auf das, was da kommt und weil wir wissen, dass der oder diejenige, die da kommen, auf uns auch einen Rückeinfluss haben. Dass das also nicht nur ein Einfluss auf eine Seite ist,

130
00:14:07.120 --> 00:14:10.159
 sondern spätestens seit den Intersubjektivistinnen wissen wir,

131
00:14:10.480 --> 00:14:13.620
 dass es eine psychotherapieinherente Verunsicherung gibt.

132
00:14:13.620 --> 00:14:18.500
 Das heißt, die psychotherapeutische Situation als eine nahe Begegnung zweier Menschen

133
00:14:18.500 --> 00:14:27.500
 führt immer dazu, dass es eine Mutual Transformation gibt, also eine gegenseitige Veränderung.

134
00:14:27.639 --> 00:14:36.220
 Beide Seiten üben eine verändernde Wirkung aufeinander aus und wenn ich das weiß, dass die Patientinnen, die jetzt zu mir kommen, mich auch verändern,

135
00:14:36.620 --> 00:14:40.620
 dann ist da ein Stück eine Psychotherapie-inherente Verunsicherung drin.

136
00:14:41.279 --> 00:14:45.659
 Kommen aber noch ein paar andere Sachen auch mit rein, zum Beispiel, wenn wir mit dem Unbewussten

137
00:14:45.659 --> 00:14:52.120
 handeln, dann müssen wir irgendwie im Prinzip verunsichert sein, weil wir auch da nicht genau wissen, was da ist und wir sie auch

138
00:14:52.120 --> 00:14:59.039
 nie fassen können. Also das gehört da so richtig dazu und ich versuche meinen Ausbildungskandidatinnen, einem Institut immer

139
00:14:59.039 --> 00:15:05.220
 klar zu machen, dass wenn sie eine Therapie anfangen und nicht verunsichert sind am Anfang, dann stimmt was nicht.

140
00:15:05.480 --> 00:15:11.120
 Dann lassen Sie sich nicht so richtig ein, weil die jungen Ausbildungskandidatinnen

141
00:15:11.120 --> 00:15:15.480
 wollen eigentlich immer nicht verunsichert sein, wenn sie anfangen in der Stunde.

142
00:15:16.100 --> 00:15:20.000
 Und ich versuche immer, dass ich ihnen klar mache, doch bitte, das gehört so richtig dazu.

143
00:15:20.080 --> 00:15:22.799
 Dann merkt man, dass da was Relevantes passiert.

144
00:15:23.600 --> 00:15:29.639
 Und in meinem ersten Leben war ich ja Verhaltenstherapeut und ich mache ja auch noch relativ viel in verhaltenstherapeutischen Instituten.

145
00:15:30.360 --> 00:15:35.120
 Ich habe manchmal den Eindruck, dass das, was in den verhaltenstherapeutischen Manualen passiert,

146
00:15:35.440 --> 00:15:39.899
 dass das ein Versuch ist, diese therapieinherente Verunsicherung irgendwie zu binden.

147
00:15:40.580 --> 00:15:49.460
 Dass ich dann doch weiß, wie es richtig geht und wie man das abarbeiten kann. In meinem VT-Institut, wo ich lange als Supervisor war an der TU in Dresden,

148
00:15:50.200 --> 00:15:54.360
 da war die Hauptaufgabe der Supervisoren, die Manualtreue zu gewährleisten.

149
00:15:54.679 --> 00:15:58.299
 Also, dass die sich wirklich anders halten, was das Manual da zeigt,

150
00:15:58.600 --> 00:16:03.600
 mit der Hoffnung, dass die dann damit relativ sicher da ihre Therapie durchführen können,

151
00:16:03.600 --> 00:16:08.039
 weil wenn sie das Manual innen zusammen, dann kann man ein Stück vielleicht zu einer Verunsicherung

152
00:16:08.039 --> 00:16:12.960
 reduzieren. Das hat nicht funktioniert, aber es war ein Versuch wert.

153
00:16:12.960 --> 00:16:15.960
 Wir haben eine wissenschaftliche Verunsicherung innerhalb der

154
00:16:15.960 --> 00:16:19.200
 psychotherapeutischen Szene. Das liegt schon allein daran, dass wir so viele

155
00:16:19.200 --> 00:16:22.799
 unterschiedliche Schulrichtungen haben, die sich widersprechen. Selbst innerhalb

156
00:16:22.799 --> 00:16:25.840
 der Verhaltenstherapie und auch innerhalb der Psychoanalyse gibt es

157
00:16:25.840 --> 00:16:27.820
 irrsinnig sich widersprechende Theorie

158
00:16:27.820 --> 00:16:28.500
 und auch

159
00:16:28.500 --> 00:16:31.759
 behandlungstechnische Ideen und

160
00:16:31.759 --> 00:16:33.100
 das macht nicht unbedingt sicher,

161
00:16:33.500 --> 00:16:35.659
 wenn man es so machen kann oder so und man

162
00:16:35.659 --> 00:16:37.679
 keine klare Anleitung dazu

163
00:16:37.679 --> 00:16:39.379
 kriegen kann. Und

164
00:16:39.379 --> 00:16:41.559
 dann, und das ist jetzt nochmal mein Thema,

165
00:16:41.679 --> 00:16:43.720
 es ist die Psychotherapie natürlich eingebettet

166
00:16:43.720 --> 00:16:45.360
 in eine kollektive Verunsicherung.

167
00:16:45.799 --> 00:16:55.419
 Also in ein etwas, Psychotherapeutin und Patientin zusammen sind als Mitglieder der Gesellschaft in eine kollektive Verunsicherung eingebettet.

168
00:16:55.720 --> 00:17:02.299
 Und da möchte ich jetzt zwei oder drei Ideen noch dazu sagen, wie wir die fassen können.

169
00:17:11.900 --> 00:17:23.700
 Wie wir die fassen können, die erste Hypothese ist, dass Veränderung, also die Forderung nach Veränderung und Überforderung maßgebliche Verunsicherungsfaktoren sind. Also eine Aufforderung, verändere dich und ein Gefühl von Überforderung sind maßgebliche Faktoren von kollektiver Verunsicherung, auch von individueller natürlich.

170
00:17:23.700 --> 00:17:24.319
 von kollektiver Verunsicherung, auch von individueller natürlich.

171
00:17:27.000 --> 00:17:27.420
 Und da habe ich Ihnen den da hingebeamt, ich weiß nicht, ob Sie den kennen,

172
00:17:32.299 --> 00:17:32.680
 den fände ich total wichtig für unseren Zusammenhang in ganz unterschiedlichen Punkten.

173
00:17:34.099 --> 00:17:34.259
 Das ist der Timothy Morton.

174
00:17:41.019 --> 00:17:41.599
 Der Timothy Morton hat eine Professur für Literaturwissenschaft an der Rice University in Houston in Texas,

175
00:17:48.460 --> 00:17:48.940
 ist aber auch ein Öko-Wissenschaftler eigentlich und ein Kulturwissenschaftler im Prinzip.

176
00:17:55.519 --> 00:17:55.960
 Den kenne ich schon relativ lang von Weitem quasi, weil er nämlich sein Spezialthema ist die Mary Shelley.

177
00:18:16.940 --> 00:18:17.420
 Der ist ein Mary Shelley Spezialist, der hat am meisten dazu geschrieben und geforscht und wie Sie gehört haben, komme ich aus Ingolstadt. Und wenn Sie Frankenstein gelesen haben, dann wissen Sie, dass der Frankenstein sein Homunculus zusammensetzt an der Universität in Ingolstadt.

178
00:18:25.460 --> 00:18:30.660
 Ingolstadt ist also mit Frankenstein äußerst verbunden, deswegen sind wir Ingolstädterinnen alle Frankenstein-affin und wissen zum Beispiel, dass Frankenstein, 1818 geschrieben, eigentlich die Urform von Dystopie ist.

179
00:18:31.099 --> 00:18:35.539
 Also das ist wahrscheinlich eine der ganz ersten Varianten von Dystopie.

180
00:18:35.539 --> 00:18:40.339
 Und im Prinzip, ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht vom Stock zum Stöckchen komme,

181
00:18:40.680 --> 00:18:53.819
 im Prinzip ist nämlich der Frankenstein ein ganz wichtiger Vorläufer dieser ganze Roman und die ganze Idee für das, womit wir uns gestern auch beschäftigt haben und was vielleicht der Thomas auch noch sagen wird, nämlich diese KI-Geschichte.

182
00:18:54.220 --> 00:19:00.680
 Man könnte sagen, dass der Frankenstein die KI des Anfang 19. Jahrhunderts ist.

183
00:19:00.960 --> 00:19:05.660
 Das ist die ganz gleiche Story im Prinzip und da könnte man einen ganzen Kongress dazu abhalten

184
00:19:05.660 --> 00:19:06.759
 und dann laden wir ihn mal ein.

185
00:19:08.200 --> 00:19:10.019
 Er hat aber eben noch mal

186
00:19:10.019 --> 00:19:11.660
 ein ganz wichtiges

187
00:19:11.660 --> 00:19:14.099
 Wort entwickelt, das wir brauchen,

188
00:19:14.200 --> 00:19:15.799
 wenn wir uns mit Verunsicherung

189
00:19:15.799 --> 00:19:18.000
 vielleicht auch mit Trauma, Future Trauma

190
00:19:18.000 --> 00:19:18.900
 auseinandersetzen.

191
00:19:20.180 --> 00:19:21.819
 Ah ja, genau, meinen Vater habe ich auch noch

192
00:19:21.819 --> 00:19:23.759
 schon zitiert, der immer,

193
00:19:23.960 --> 00:19:33.339
 wenn ich mit langen Haaren kommen bin oder mit Schmuck dran oder mit einer Fransenjacke oder sowas, der immer gesagt hat, also da komme ich nicht mehr mit.

194
00:19:33.960 --> 00:19:36.160
 Das ist etwas, was ich nicht mehr verstehe.

195
00:19:36.559 --> 00:19:47.559
 Das geht über mich hinaus sozusagen, wie die Kids heutzutage so sind. Und dieses Da komme ich nicht mehr mit, hat der Timothy Morton gefasst in einen wichtigen Begriff,

196
00:19:47.980 --> 00:19:57.839
 nämlich in den Begriff der Hyperobjekte. Die Hyperobjekte sind, das wichtigste Hyperobjekt, das er immer beschreibt,

197
00:19:58.240 --> 00:20:11.079
 ist der Klimawandel, wobei er den Klimawandel nicht gern hat, diesen Begriff Klimawandel mag er nicht gerne, sondern Klimaerwärmung findet er besser, weil der Klimawandel schon wieder Abwehrmöglichkeiten aufmacht

198
00:20:11.079 --> 00:20:14.779
 und man sagt, ja wandeln tun wir uns alle irgendwie und dann geht es schon irgendwie.

199
00:20:14.940 --> 00:20:18.380
 Diese Erwärmung macht ein ganz anderes Thema daraus.

200
00:20:19.099 --> 00:20:23.380
 Es gibt scheiternde Sinnkonstruktionen in der Konfrontation mit Hyperobjekten.

201
00:20:23.380 --> 00:20:37.720
 Und was ist jetzt ein Hyperobjekt? Ein Object or Event, also es kann auch ein großes Ereignis sein, dessen Dimensionen in Raum und Zeit so massiv sind, irrsinnig massiv sind im Vergleich zu dem menschlichen Leben.

202
00:20:48.700 --> 00:20:49.279
 Zu unserem Kongress hier gibt es parallel, ich hoffe alle waren schon, eine Ausstellung im Lentos-Museum.

203
00:20:51.619 --> 00:20:55.200
 Die heißt Life After Us.

204
00:21:06.180 --> 00:21:12.519
 Eigentlich das gleiche Thema wie unsere Tagung hier, bloß alles in Bildern dargestellt und in Skulpturen dargestellt und in kleinen Installationen dargestellt. Und das ist eines dieser Bilder von dieser Ausstellung unten von der Katharina Severding.

205
00:21:12.819 --> 00:21:17.079
 Das ist eine ganz wichtige Fotokünstlerin, eine deutsche Fotokünstlerin eigentlich,

206
00:21:17.660 --> 00:21:21.299
 eine Weiterentwicklung von klassischer Fotografie.

207
00:21:21.819 --> 00:21:25.099
 Und sie hat, und das ist eigentlich, ohne dass sie diesen Begriff benutzt hat,

208
00:21:25.579 --> 00:21:30.619
 diese Installation von ihr ist eigentlich eine total tolle Darstellung von Hyperobjekten.

209
00:21:30.619 --> 00:21:35.319
 Wenn man nicht so richtig versteht, was er damit meint, ist nämlich nicht so leicht, das richtig zu fassen.

210
00:21:35.920 --> 00:21:41.859
 Dann kann man sich das anschauen. Das heißt, die Sonne um Mitternacht schauen, das habe ich jetzt fotografiert,

211
00:21:41.960 --> 00:22:05.079
 das ist jetzt bloß ein Bild. Normalerweise ist das ein Film, der abläuft. Sie hat 200.000 Fotos einer NASA-Sonde von der Sonne als Film hintereinander abgespielt und zwar durch einen Blaufilter hindurch, damit man überhaupt was sehen kann. Sonst sieht man ja nur Licht eigentlich.

212
00:22:09.380 --> 00:22:09.680
 Und damit man überhaupt sehen kann, was da passiert und dass es da Flecken gibt und Explosionen und sowas,

213
00:22:13.759 --> 00:22:19.640
 läuft es durch einen Blaufilter durch, sodass sich das die ganze Zeit bewegt. Also wenn man da davor steht, dann ist das die ganze Zeit quasi die Bewegung des Geschehens der Sonne.

214
00:22:19.980 --> 00:22:27.420
 Und die Sonne oder das Sonnensystem ist eigentlich auch ein gutes Beispiel für ein Hyperobjekt, für etwas, was uns weit übersteigt.

215
00:22:27.519 --> 00:22:29.160
 Deswegen kann man das so richtig sich angucken.

216
00:22:29.960 --> 00:22:34.599
 Und jetzt habe ich noch einen wichtigen Inspirator, der Timo Stork.

217
00:22:34.599 --> 00:22:40.400
 Das ist ein psychoanalytischer Professor an der Hochschule für Psychologie in Berlin.

218
00:22:40.759 --> 00:22:43.779
 Der hat ein Buch geschrieben, das eigentlich auch zu uns dazu passen würde.

219
00:22:43.880 --> 00:22:45.440
 Das heißt, die Krisen auf der Couch.

220
00:22:46.380 --> 00:22:56.640
 Da hat er sich auch ein bisschen auf den Timothy Morton bezogen und er hat versucht, ein bisschen psychoanalytisch in einem Nebensatz eigentlich, hat er gesagt,

221
00:22:57.059 --> 00:23:00.039
 vielleicht ist der Tod ein psychologisches Hyperobjekt.

222
00:23:00.039 --> 00:23:09.920
 Dann hat er das aber gleich wieder ein kleines bisschen zurückgenommen, weil der Morton eigentlich Objekte wirklich ernst meint als Objekt, also nicht als etwas Psychisches, sondern als etwas richtig Handfestes, als ein Objekt.

223
00:23:10.359 --> 00:23:25.000
 Trotzdem ist es eine spannende Geschichte, ob wir es vielleicht auch in der Psychotherapie mit Themen zu tun haben und ich würde jetzt mal sagen, weil ich ja so aus der existenziellen Themen, Sinn zum Beispiel oder Tod,

224
00:23:29.500 --> 00:23:33.859
 ob die nicht auch so etwas wie Hyperobjekte sind und wir auf eine bestimmte Art und Weise, die der Timothy Morton uns vorschlägt, auch mit diesen Hyperobjekten umzugehen haben.

225
00:23:35.680 --> 00:23:40.460
 Eine der Umgangsweisen übrigens, die der Morton vorschlägt, ist tatsächlich auch Kunst,

226
00:23:40.740 --> 00:23:46.259
 also uns über Kunst mit diesen Themen auseinanderzusetzen, weil wir es anders gar nicht so richtig hinkriegen können.

227
00:23:48.640 --> 00:23:52.200
 Das ist auch ein Bild aus dieser Ausstellung unten vom Museum.

228
00:23:52.859 --> 00:23:58.400
 Das ist vom Clemens Brosch, ist jetzt jemand hier aus Linz eigentlich, so richtig gebürtig.

229
00:23:59.599 --> 00:24:00.259
 Kennst du ihn?

230
00:24:00.799 --> 00:24:30.299
 Der Clemens Brosch ist eigentlich meines Erachtens der mit Abstand wichtigste Künstler, den Linz hervorgebracht hat, würde ich jetzt mal sagen. 1894 bis 1926, der ist leider nicht sehr alt geworden, ein schwer traumatisierter junger Mann, Künstler, er musste, obwohl er schwer krank war, schon trotzdem im Ersten Weltkrieg an die Front und ist daran zerbrochen quasi, kam zurück, hat noch gemalt.

231
00:24:30.460 --> 00:24:34.960
 26 in seinem Todesjahr ist dieses Bild entstanden. Ist übrigens falsch.

232
00:24:36.079 --> 00:24:41.900
 Die PowerPoint hat leider das Bild auf den Kopf gestellt. Das gehört so rüber.

233
00:24:41.900 --> 00:24:47.160
 Und da unten laufen Menschen, also da laufen ein paar Menschen in das Weltall hinaus.

234
00:24:47.720 --> 00:24:53.720
 Das Weltall, Space, Universe oder sowas, ist auch ein total gutes Beispiel für Hyperobjekt.

235
00:24:54.019 --> 00:25:05.720
 Und wenn man sich in dieses Bild so ein bisschen hinein meditiert sozusagen, dann kriegt man ein Gefühl dafür, was dieses Überwältigtsein durch ein Hyperobjekt meint bei dem Timothy Morton.

236
00:25:07.779 --> 00:25:10.640
 Nochmal eine Definition von ihm.

237
00:25:10.740 --> 00:25:11.660
 Was ist das eigentlich?

238
00:25:12.019 --> 00:25:17.940
 Vicious sind die Hyperobjekte.

239
00:25:18.019 --> 00:25:20.759
 Vicious nicht im Sinne von teuflisch, wenn man genau hinschaut,

240
00:25:21.099 --> 00:25:25.180
 sondern viskös, viskös meint zähflüssig,

241
00:25:25.420 --> 00:25:31.000
 they stick to beings, die lassen uns nicht los, die bleiben immer um uns herum.

242
00:25:31.180 --> 00:25:36.480
 Dieser Klimawandel, der bleibt eigentlich immer um uns herum, der umhüllt uns quasi,

243
00:25:36.480 --> 00:25:42.759
 so schreibt er so schön und eigentlich ist alles, was wir tun, ein Teil dieses Hyperobjekts.

244
00:25:43.180 --> 00:25:46.680
 Also wenn ich heute mit dem Auto heimfahren würde, ich fahre mit dem Zug,

245
00:25:47.519 --> 00:25:48.559
 aber wenn ich mit dem Auto heimfahre,

246
00:25:48.660 --> 00:25:50.460
 wäre ich schon wieder ein Teil

247
00:25:50.460 --> 00:25:52.819
 dieses Hyperobjekts. Also ich entkomme

248
00:25:52.819 --> 00:25:54.740
 dem eigentlich nicht. Es klebt sich so richtig

249
00:25:54.740 --> 00:25:56.839
 an mich dran. Es ist non-local.

250
00:25:57.160 --> 00:25:58.539
 Es ist überall zu finden

251
00:25:58.539 --> 00:26:00.480
 und dann auch wieder nirgends zu finden.

252
00:26:01.019 --> 00:26:03.059
 Und Temporal Undulation

253
00:26:03.059 --> 00:26:04.440
 wellenförmig.

254
00:26:04.839 --> 00:26:08.119
 Eine zeitliche Wellenförmigkeit haben die Hyperobjekte.

255
00:26:08.119 --> 00:26:13.660
 Sie kommen uns mal näher und dann ziehen sie sich wieder ein Stück zurück und dann hat man wieder den Eindruck,

256
00:26:13.859 --> 00:26:21.079
 ach, es regnet ja so viel und es war so kühl, der Klimawandel tut mir ja gar nichts und dann kommt es plötzlich wieder daher.

257
00:26:21.440 --> 00:26:29.039
 Also es hat so eine Wellenbewegung und jetzt kommt natürlich mein Hauptdings, weil die meisten wissen, dass ich es mit der Opazität habe.

258
00:26:29.539 --> 00:26:46.420
 Es ist not a function of our knowledge. Also über die Klimaerwärmung können wir positives Wissen nur immer ganz ansatzweise kriegen, aber so ganz erfassen können wir das mit unserer Knowledge nicht, das überschreitet unserem Wissen können.

259
00:26:46.420 --> 00:26:54.779
 Also eine Idee ist, dass diese kollektive Traumatisierung, auch die schwere Traumatisierung,

260
00:26:55.220 --> 00:26:58.460
 stark abhängt von der Konfrontation mit Hyperobjekten.

261
00:26:59.200 --> 00:27:07.099
 Die zweite, und das gehört schon ein kleines bisschen zusammen, ist die Verunsicherung durch den Verlust von Eindeutigkeiten.

262
00:27:07.220 --> 00:27:11.740
 Und ich habe ja schon gesagt, es ist ganz klar, dass die Hyperobjekte eben nicht denkbar sind so richtig.

263
00:27:11.740 --> 00:27:15.640
 Die kann man bloß immer so ein bisschen andenken, aber sie sind not a function of our knowledge.

264
00:27:16.000 --> 00:27:21.720
 Deswegen sind sie eben auch nicht eindeutig irgendwie abschließbar oder lösbar oder erledigbar oder sowas.

265
00:27:22.140 --> 00:27:26.579
 Und da ist er ein ganz wichtiger Denker, was diese Vereindeutigung anlangt.

266
00:27:26.680 --> 00:27:29.859
 Sein kleines Büchlein heißt auch die Vereindeutigung der Welt.

267
00:27:30.299 --> 00:27:35.839
 Das ist der Thomas Bauer, der hat reklamiert so ein total schönes Büchlein dazu geschrieben.

268
00:27:35.839 --> 00:27:49.420
 Der ist Islamwissenschaftler an der Uni in Münster und das finde ich jetzt nebenbei gesagt ganz wichtig, jetzt habe ich diesen Literaturwissenschaftler, den Timur

269
00:27:49.420 --> 00:27:56.240
 den Morten, jetzt habe ich den Islamwissenschaftler und das ist das, was ich gestern auch ein bisschen mit dieser Ethik gemeint habe, dass wir

270
00:27:56.240 --> 00:28:09.980
 als Psychotherapiewissenschaftlerinnen immer auch angewiesen sind auf den Blick von außen auf uns drauf, dass wir das nicht aus uns heraus entwickeln können alles, sondern dass wir in diesem Austausch sind und gucken können, was sagen uns die anderen eigentlich dazu.

271
00:28:11.240 --> 00:28:25.960
 Wissenschaft und Politik sind in der Krise uneindeutig, hat er festgestellt. Das ist so ein Post-Covid-Buch, also ein Post-Corona-Büchlein, die sind uneindeutig, was ein großes Problem, was diese Verunsicherung anlangt, gemacht hat,

272
00:28:26.259 --> 00:28:28.279
 weil ganz viele Menschen bis dahin

273
00:28:28.279 --> 00:28:30.339
 gedacht haben, dass Wissenschaft

274
00:28:30.339 --> 00:28:32.359
 und Politik eindeutig sein könnten.

275
00:28:32.720 --> 00:28:34.480
 Vor allen Dingen die Wissenschaft, die Naturwissenschaft

276
00:28:34.480 --> 00:28:36.579
 hat diesen Nimbus gehabt bis zu Corona,

277
00:28:36.960 --> 00:28:38.640
 dass sie doch eine klare Orientierung

278
00:28:38.640 --> 00:28:40.660
 bieten kann, was richtig und falsch ist.

279
00:28:41.420 --> 00:28:42.859
 Bis hinein in die

280
00:28:42.859 --> 00:28:44.420
 ökologischen Bewegungen hinein

281
00:28:44.420 --> 00:28:48.180
 war immer so die Idee, wenn die Wissenschaft das so sagt, dann ist es dann auch so.

282
00:28:48.359 --> 00:28:51.920
 Und das haben wir festgestellt, dass das gebröckelt ist während der Corona-Zeit,

283
00:28:52.339 --> 00:28:56.259
 weil wir ganz widersprüchliche Aussagen von unterschiedlichen Expertinnen

284
00:28:56.259 --> 00:29:00.039
 und Experten gekriegt haben und weil die Aussagen sich jeden Tag

285
00:29:00.039 --> 00:29:04.059
 verändert haben. Ich kann mich erinnern, in der Corona-Zeit, ich war jeden Morgen

286
00:29:04.059 --> 00:29:07.400
 am Radio gesessen bei Bayern 3,

287
00:29:08.160 --> 00:29:15.039
 weil da jeden Morgen unser Landesvater Söder ein kurzes Statement gegeben hat, was heute gilt.

288
00:29:16.339 --> 00:29:24.319
 Also zum Beispiel, heute darf man in der Drogerie nicht in die Spielwarenabteilung hineingehen, war dann so eine Vorgabe.

289
00:29:22.880 --> 00:29:23.000
 wie nicht in die Spielwarenabteilung hineingehen.

290
00:29:24.319 --> 00:29:25.220
 Das war dann so eine Vorgabe.

291
00:29:27.660 --> 00:29:27.960
 Weil, das hat die Wissenschaft festgestellt,

292
00:29:30.720 --> 00:29:31.200
 in der Spielwarenabteilung wird sich am meisten angesteckt.

293
00:29:32.400 --> 00:29:32.700
 Deswegen wird die gesperrt.

294
00:29:37.019 --> 00:29:37.740
 Dann waren wir beim Drogerieladen und dann waren da so Sperrbänder.

295
00:29:41.299 --> 00:29:41.460
 Morgen kommt er und sagt, die Sperrbänder können wir wegmachen,

296
00:29:42.319 --> 00:29:42.619
 also das ist ein Schmarrn.

297
00:29:45.859 --> 00:29:46.920
 Natürlich können wir alle in die Spielwarenabteilung gehen, aber dafür dürfen wir im Park nicht mehr

298
00:29:46.920 --> 00:29:49.279
 auf der Parkbank sitzen.

299
00:29:49.920 --> 00:29:51.880
 Auch allein nicht. Draußen

300
00:29:51.880 --> 00:29:53.920
 im Park auf der Parkbank sitzen. Also das ist jetzt

301
00:29:53.920 --> 00:29:55.839
 wissenschaftlich belegt, dass das nicht geht.

302
00:29:56.180 --> 00:29:57.819
 Und so war jeden Tag eine

303
00:29:57.819 --> 00:29:59.880
 sichere Aussage da. Jeden Tag

304
00:29:59.880 --> 00:30:01.700
 war eine vereindeutigende Aussage da.

305
00:30:01.740 --> 00:30:03.680
 So ist es. Und morgen hat sie nicht mehr

306
00:30:03.680 --> 00:30:09.299
 gegolten. Das hat ganz stark dazu beigetragen, dass es so eine kollektive Verunsicherung in dieser Zeit gegeben hat.

307
00:30:10.160 --> 00:30:17.299
 Es gibt weltweit feststellbare Vereindeutigungstendenzen und einen Rückzug von Mehrdeutigkeit und Vielfalt,

308
00:30:17.299 --> 00:30:22.539
 stellt er fest, es ist übrigens gar nicht unzufällig, dass das ein Islamwissenschaftler schreibt,

309
00:30:31.640 --> 00:30:42.039
 Unbefällig, dass das ein Islamwissenschaftler schreibt, dieses Buch, hat er gemeint, weil der Islam in der Geschichte eine hoch ambivalenz-tolerante Religion gewesen wäre, hat er gesagt. Das später nicht mehr natürlich, das wissen wir, aber es gab große Zeiten im Mittelalter zum Beispiel, wo das mit Abstand die tolerantesten Länder waren, überhaupt die islamischen Länder.

310
00:30:42.019 --> 00:30:43.019
 die islamischen Länder.

311
00:30:44.440 --> 00:30:46.440
 Es gibt eine kulturelle Scheinvielfalt und den Rückgang von

312
00:30:46.440 --> 00:30:48.420
 Mannigfaltigkeit. Das habe ich mir erstmal

313
00:30:48.420 --> 00:30:50.519
 überlegen müssen, was er damit meint,

314
00:30:50.559 --> 00:30:52.839
 weil es gibt ja tatsächlich so eine Vielfalt,

315
00:30:53.000 --> 00:30:54.660
 meint man so, die es früher nicht

316
00:30:54.660 --> 00:30:56.140
 gab. Also wenn man jetzt durch Linz

317
00:30:56.140 --> 00:30:58.240
 durch die Fußgängerzone geht,

318
00:30:58.660 --> 00:31:00.480
 dann hat man vielleicht vor 30 Jahren

319
00:31:00.480 --> 00:31:02.160
 oder vor 40 Jahren einen

320
00:31:02.160 --> 00:31:04.779
 noch, wenn man Glück hat, einen Italiener

321
00:31:04.779 --> 00:31:26.240
 gehabt und vielleicht noch einen Chinesen und ansonsten waren das lauter deutsche Restaurants. Jetzt gibt es einen Haufen, die ganze Welt kann man eigentlich hier verspeisen in Linz, das heißt es gibt eigentlich eine große Vielfalt. Jetzt sagt er, wenn man genau hinschaut, ist es aber eine Scheinvielfalt. Zum Beispiel deswegen, weil diese ganzen Läden einer einzigen Logik unterworfen sind, nämlich der

322
00:31:26.240 --> 00:31:28.019
 Gewinnmaximierung, der kapitalistischen

323
00:31:28.019 --> 00:31:30.259
 Gewinnmaximierungslogik. Jetzt meinen

324
00:31:30.259 --> 00:31:31.960
 wir, das sind ja so viele verschiedene,

325
00:31:32.319 --> 00:31:34.279
 de facto läuft es eigentlich doch überall

326
00:31:34.279 --> 00:31:35.920
 gleich. Das ist das, was er

327
00:31:35.920 --> 00:31:38.119
 unter dieser Scheinvielfalt

328
00:31:38.119 --> 00:31:40.059
 meint. Es gibt eine Monotonie

329
00:31:40.059 --> 00:31:41.920
 und eine erzwungene Uniformierung,

330
00:31:42.059 --> 00:31:43.599
 vor allen Dingen in den Subgruppen

331
00:31:43.599 --> 00:31:50.980
 und er hat dann ein Plädoyer für eine Steigerung individueller Ambiguitätstoleranz.

332
00:31:51.099 --> 00:31:54.720
 Und da komme ich jetzt wieder zum nächsten Wort dazu.

333
00:31:54.720 --> 00:32:03.180
 Also so ein Antidot gegen diese kollektive Verunsicherung ist diese Ungewissheitstoleranz.

334
00:32:04.559 --> 00:32:05.019
 Und das ist jetzt etwas, was nicht nur aus der Philosophie herauskommt diese Ungewissheitstoleranz, eine Ungewissheitstoleranz.

335
00:32:07.920 --> 00:32:10.519
 Und das ist jetzt etwas, was nicht nur aus der Philosophie herauskommt oder aus der Soziologie vor allen Dingen im Seinfall,

336
00:32:10.859 --> 00:32:14.559
 sondern was auch empirische Psychotherapieforschung ist.

337
00:32:14.720 --> 00:32:19.660
 Das ist der Nils Spitzer, das ist nicht der Neurospitzer,

338
00:32:19.880 --> 00:32:21.960
 sondern das ist der Psychospitzer, würde ich jetzt mal sagen.

339
00:32:22.039 --> 00:32:25.119
 Der Nils Spitzer ist ein junger Verhaltenstherapeut aus Berlin,

340
00:32:25.220 --> 00:32:29.799
 der da sehr viel dazu geforscht hat, zu dem Ungewissheitsintoleranzsyndrom.

341
00:32:29.799 --> 00:32:40.599
 Und er hat festgestellt, dass Intoleranz gegenüber Ungewissheit ein wesentliches Element verschiedenster psychischer Störungen ist

342
00:32:40.599 --> 00:32:44.400
 und auf jeden Fall ein transdiagnostischer Faktor.

343
00:32:44.400 --> 00:32:45.140
 ist und auf jeden Fall ein transdiagnostischer Faktor.

344
00:32:50.619 --> 00:32:51.140
 Wenn man in die moderne Psychotherapieforschung der Mainstream-Unis reinschaut,

345
00:32:56.579 --> 00:32:56.839
 dann gehen die ja weg von störungsspezifischer Forschung und gehen hin zu dieser Frage.

346
00:33:00.759 --> 00:33:00.900
 Was ist eigentlich den verschiedenen psychischen Problemen gemein?

347
00:33:03.339 --> 00:33:03.640
 Was haben die eigentlich für eine gemeinsame Basis alle?

348
00:33:25.319 --> 00:33:25.640
 Und da sind wir eigentlich schon wieder viel gut aufgestellt im Prinzip, aber die müssen erst wieder lernen, dass das störungsspezifische vielleicht doch nur sehr begrenzt wirksam ist und wir gucken müssen, was liegt dem eigentlich alles zugrunde, diese transdiagnostischen Faktoren und einer ist auf jeden Fall, es gibt noch ein paar, die inzwischen schon dingfest gemacht worden sind, einer ist auf jeden Fall klar, die Ungewissheitsintoleranz.

349
00:33:30.480 --> 00:33:30.900
 Was also heißt, dass eine Psychotherapie, egal mit welchen Problemen die Patienten zu uns kommen,

350
00:33:35.200 --> 00:33:35.359
 wenn die Ungewissheitstoleranz steigern kann, Ambiguitätstoleranz steigern kann,

351
00:33:38.640 --> 00:33:40.559
 dann bringt das was, dann ist das eine gute Therapieform.

352
00:33:42.799 --> 00:33:42.940
 Es führt zu Vergewisserungsverhalten.

353
00:34:12.619 --> 00:34:12.639
 Wir wollen Ungewissheit killen, indem wir uns irgendwie eben eindeutig vergewissern wollen und eine Unzugäng die unkorrigierbar waren, was ihre Sichtweisen auf die Probleme anlangt.

354
00:34:21.599 --> 00:34:25.639
 Wir hatten in Ingolstadt, neben Ingolstadt ist Neuburg, Neuburg ist eine kleinere Stadt und da gab es eine irrsinnig große Querdenker-Szene und diese Querdenker-Szene war stark bestimmt durch Kollegen von uns.

355
00:34:25.760 --> 00:34:29.619
 Also viele ärztliche und auch psychologische, psychotherapeutische Kollegen waren in dieser

356
00:34:29.619 --> 00:34:35.440
 Querdenker-Szene drin und es hat eine ganz klare Unzugänglichkeit gegenüber korrigierenden

357
00:34:35.440 --> 00:34:40.500
 Erfahrungen gegeben, weil die Frage, wenn man die Frage gestellt hat, was könnte dich

358
00:34:40.500 --> 00:34:43.579
 eigentlich davon überzeugen, dass du nicht recht hast?

359
00:34:44.179 --> 00:34:49.780
 Also dass jetzt zum Beispiel von oben gesprüht wird und wir deswegen alle Corona haben.

360
00:34:50.119 --> 00:34:53.360
 Was könnte denn eigentlich dich davon überzeugen, dass du nicht recht hast?

361
00:34:53.559 --> 00:34:55.199
 Dann gab es da keine Antwort drauf.

362
00:34:55.559 --> 00:34:59.500
 Also es gab eigentlich nicht die Möglichkeit, eine korrigierende Erfahrung zu machen.

363
00:34:59.500 --> 00:35:01.800
 Das wurde von vornherein ausgeschlossen.

364
00:35:03.900 --> 00:35:06.780
 Und das kennen wir jetzt alle, wenn wir psychoanalytisch aufgestellt sind.

365
00:35:06.960 --> 00:35:11.639
 Wir kennen natürlich die Frau Elze Frenkel-Brunswick,

366
00:35:12.159 --> 00:35:17.260
 die mit dem Adorno zusammen in Amerika fleißig kritische Theorie erforscht hat.

367
00:35:17.320 --> 00:35:21.179
 Übrigens eine von den Frauen, die einen Haufen tolle Sachen rausgekriegt hat,

368
00:35:21.239 --> 00:35:22.960
 die sich die Männer dann eingeheimst haben.

369
00:35:22.960 --> 00:35:25.420
 Die kommt fast nirgends vor bei diesen ganzen

370
00:35:25.420 --> 00:35:31.960
 Adornoschen Geschichten, obwohl sie ganz fleißig mitgeforscht hat und viel von den Ideen selber auch entwickelt hat.

371
00:35:32.280 --> 00:35:39.780
 Sie kommt nur einmal vor, wo sie wirklich so ein Alleinstellungsmerkmal gekriegt hat, nämlich diese Ambiguitätstoleranz,

372
00:35:40.059 --> 00:35:47.739
 die sie einfach aus der Entwicklungspsychologie herausentwickelt hat. Also sie durfte dann doch ein bisschen was veröffentlichen, was mit Kindern zu tun hatte, das durfte dann sie veröffentlichen.

373
00:35:47.739 --> 00:35:56.340
 Aber die anderen Sachen haben sich die Männer da eingeheimst in diesen Nachfolger des Frankfurter Instituts.

374
00:35:57.199 --> 00:36:02.559
 Und diese Ambiguitätstoleranz meint im Prinzip nichts anderes als diese spitzerische Variante.

375
00:36:02.559 --> 00:36:02.639
 als diese spitzerische Variante.

376
00:36:06.360 --> 00:36:09.659
 Die ist halt operationalisiert, aber im Prinzip meint das eigentlich nichts anderes als einen transdiagnostischen Faktor.

377
00:36:10.059 --> 00:36:11.340
 Das haben wir also schon eine Zeit lang.

378
00:36:11.400 --> 00:36:15.480
 Den lasse ich jetzt mal weg leider, weil ich mich sonst verzettel.

379
00:36:15.480 --> 00:36:18.480
 Ich möchte aber noch auf ein wichtiges Wort eingehen.

380
00:36:18.840 --> 00:36:23.059
 Das ist ein historisches Wort sozusagen, innerhalb der Psychoszene,

381
00:36:23.500 --> 00:36:25.159
 nämlich die ontologische Verunsicherung.

382
00:36:25.639 --> 00:36:34.380
 Da ist wichtig, dass die beiden, die da sind, nicht den philosophischen Terminus des Ontologischen meinen,

383
00:36:34.539 --> 00:36:39.599
 sondern eine sogenannte empirische, sagen sie immer, eine empirische Ontologie.

384
00:36:40.260 --> 00:36:45.039
 Das ist entwickelt worden, ist dieser Begriff der ontologischen Verunsicherung von ihm.

385
00:36:45.420 --> 00:36:46.599
 Das ist der Ronald Lang.

386
00:36:47.679 --> 00:36:55.659
 Der Lang ist ein Antipsychiater gewesen, der Mitte des 20. Jahrhunderts Vertreter der Antipsychiatrie,

387
00:36:55.659 --> 00:36:58.119
 ein Psychoanalytiker auch.

388
00:36:58.480 --> 00:37:01.659
 Das Geteilte Selbst ist eigentlich sein wichtigstes Buch, das er geschrieben hat.

389
00:37:01.739 --> 00:37:05.000
 Und da hat er diesen Begriff der ontologischen Verunsicherung

390
00:37:05.000 --> 00:37:12.519
 als klinischen Begriff beschrieben, um Patienten zu kennzeichnen, die psychotisch erkrankt sind,

391
00:37:12.880 --> 00:37:15.099
 die in ihrem Sein verunsichert sind.

392
00:37:15.460 --> 00:37:29.960
 Also er meint damit tatsächlich dieses ganz persönliche Sein mit dieser ontologischen Verunsicherung und es ist eine Science-Verunsicherung, entweder durch individuelle Konstellationen,

393
00:37:30.000 --> 00:37:35.320
 aber eben auch, das hat er auch schon beschrieben, durch makrosoziale, also durch gesellschaftliche Konstellationen.

394
00:37:35.320 --> 00:37:41.940
 Und er da unten hat ein paar Jahrzehnte später, das weiterentwickelt auch den Namen, wenn einige hier kennen, nehme ich mal an,

395
00:37:44.940 --> 00:37:45.480
 einige hier kennen, nehme ich mal an, nämlich den Andrew Giddens.

396
00:37:54.059 --> 00:37:54.159
 Der Giddens ist ein englischer Soziologe, der ganz viel eigentlich beschrieben hat von dem,

397
00:37:56.960 --> 00:37:57.079
 was wir brauchen können hier auch an der SFU.

398
00:38:00.199 --> 00:38:00.679
 Und wenn wir so forschen, ja zum Beispiel die doppelte Hermeneutik ist von ihm,

399
00:38:08.340 --> 00:38:08.659
 diese Idee einer doppelten Hermeneutik und auch die Strukturalisierung, das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den er beschrieben hat,

400
00:38:28.340 --> 00:38:28.599
 nämlich den Austausch von kollektiven Strukturen und individuellem Sein, dass die sich beide verändernd durchdringen. ganz tolle Ideen dazu beschrieben und er hat diese ontologische Sicherheit dann eben soziologisch benutzt,

401
00:38:33.739 --> 00:38:33.840
 Vertrauen in die Stabilität der eigenen Identität und die Identität der Umgebung,

402
00:38:37.340 --> 00:38:41.940
 übrigens der materiellen und der sozialen Umgebung. Und jetzt, wenn wir uns ein bisschen erinnern an den Vortrag vorher von der Elisabeth,

403
00:38:42.719 --> 00:38:46.079
 wo jetzt die Anforderung an uns ist,

404
00:38:46.480 --> 00:38:49.420
 dieses Identitätsthema nochmal ganz neu zu denken.

405
00:38:49.420 --> 00:38:55.500
 Und diese Stabilität der eigenen Identität eigentlich, also diese Hoffnung,

406
00:38:55.599 --> 00:39:00.880
 das Vertrauen auf eigene Stabilität anders zu beantworten ist, als in den 90er Jahren.

407
00:39:01.039 --> 00:39:05.760
 Dann merkt man, wo so eine Weiterentwicklung notwendig ist in unserem Job sozusagen.

408
00:39:06.139 --> 00:39:07.679
 Damals hätten wir gedacht,

409
00:39:08.000 --> 00:39:10.280
 wir müssen gucken, dass die Menschen

410
00:39:10.280 --> 00:39:12.519
 wieder eine stabile Identität

411
00:39:12.519 --> 00:39:14.320
 entwickeln. Heute würden wir

412
00:39:14.320 --> 00:39:16.300
 sagen, wir müssen gucken,

413
00:39:16.420 --> 00:39:17.719
 dass die Menschen damit zurechtkommen,

414
00:39:18.139 --> 00:39:19.599
 dass die Identität

415
00:39:19.599 --> 00:39:22.099
 ein Stück durch ihre Instabilität

416
00:39:22.099 --> 00:39:23.880
 definiert ist, dass die durch ihre

417
00:39:23.880 --> 00:39:25.219
 Flüssigkeit definiert ist.

418
00:39:25.219 --> 00:39:28.400
 Das ist ein völlig anderes Therapieziel eigentlich als in den 90er Jahren.

419
00:39:28.739 --> 00:39:34.760
 Trotzdem finde ich diesen Begriff der ontologischen Verunsicherung noch ganz wichtig.

420
00:39:34.920 --> 00:39:39.860
 Jetzt tue ich nur ganz kurz mal runterarbeiten, die drei da, die psychoanalytisch auch was dazu gesagt haben,

421
00:39:39.860 --> 00:39:43.039
 zu dieser Verunsicherungsgeschichte.

422
00:39:48.639 --> 00:39:55.840
 Zu dieser Verunsicherungsgeschichte, der obere ist der Joseph Sandler, ein wichtiger klassischer Psychoanalytiker, eigentlich ein englischer klassischer Psychoanalytiker, der dem freudschen Triebbedürfnissen das Bedürfnis,

423
00:39:55.940 --> 00:40:00.360
 das affektive Grundbedürfnis nach Sicherheit und Wohlbefinden hinzugeführt hat.

424
00:40:00.440 --> 00:40:05.579
 Also ein grundlegendes Sicherheitsbedürfnis, das wir mit uns mittragen.

425
00:40:06.800 --> 00:40:11.420
 Und das ist der Joachim Küchenhoff, mit dem ich ein bisschen befreundet bin,

426
00:40:12.960 --> 00:40:16.320
 vielleicht einer der wichtigsten momentanen deutschsprachigen Psychoanalytiker.

427
00:40:16.639 --> 00:40:19.940
 Der hat während der Corona-Zeit fleißig Zoom-Vorträge gehalten,

428
00:40:20.019 --> 00:40:24.780
 was jetzt da gerade so passiert mit dieser ganzen gesellschaftlichen Sicht

429
00:40:24.780 --> 00:40:29.639
 und hat dann festgestellt, es gibt keine symbolischen Eltern im Moment,

430
00:40:30.119 --> 00:40:33.440
 die in der Lage wären, die gegenwärtige Erfahrung auf den Begriff zu bringen,

431
00:40:33.559 --> 00:40:36.420
 das ist das, was wir gestern mit einer Symbolisierung gemeint haben,

432
00:40:36.719 --> 00:40:37.960
 und damit zu entschärfen.

433
00:40:38.320 --> 00:40:41.820
 Also ab dem Moment, wo quasi ein Stück Worte dafür gefunden sind,

434
00:40:41.880 --> 00:40:43.920
 für das, was jetzt gerade abläuft in mir drin,

435
00:40:44.239 --> 00:40:45.760
 habe ich es auch ein kleines bisschen entschärft.

436
00:40:45.820 --> 00:40:49.039
 Das ist ja im Prinzip die Hoffnung von klassischer Psychoanalyse.

437
00:40:49.440 --> 00:40:50.980
 Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob das immer so ist,

438
00:40:51.039 --> 00:40:52.820
 aber das ist die Hoffnung der klassischen Psychoanalyse.

439
00:40:53.119 --> 00:40:57.440
 Und es ist eigentlich etwas ganz Altes und die kennen wahrscheinlich mehrere Leute.

440
00:40:57.800 --> 00:41:01.159
 Das ist die Thea Bauriedl, die Münchner Psychoanalytikerin,

441
00:41:01.719 --> 00:41:05.360
 die schon in den 80er Jahren ganz etwas Ähnliches gesagt hat.

442
00:41:05.420 --> 00:41:10.980
 Der gute Vater, die Regierung, Wissenschaftler, Staat schützen nicht mehr

443
00:41:10.980 --> 00:41:14.579
 und die Mutter, die Erde und die Natur und so weiter ist vergiftet.

444
00:41:15.019 --> 00:41:20.400
 Und deswegen kommt dieses extreme Gefühl der Verunsicherung zustande.

445
00:41:20.480 --> 00:41:37.739
 Das ist übrigens in den 80er Jahren, der Aufsatz heißt, weil nicht sein darf, was nicht sein kann und bezieht sich in den 80er Jahren auf die Angst vor Radioaktivität,

446
00:41:38.139 --> 00:41:45.039
 Atomkraft und sowas, Tschernobyl, Fukushima und diese ganzen Sachen, wo wir eine ähnliche Verunsicherung eigentlich gespürt haben.

447
00:41:48.539 --> 00:41:48.860
 Es ist überhaupt so, dass dieses Verunsicherungsthema, auch ich bin ja schon klar herum,

448
00:41:55.559 --> 00:41:55.860
 dass dieses Verunsicherungsthema eines ist, das unsere wissenschaftliche Sicht lange Zeit nicht beachtet hat.

449
00:42:01.840 --> 00:42:07.300
 Sowohl die Psychotherapie-Theorien als auch die wissenschaftliche Annäherung an das Verunsicherungsthema war in den deutschen Landen, in deutschsprachigen Landen relativ schwach auf der Brust im Prinzip.

450
00:42:07.940 --> 00:42:11.320
 Wir mussten immer gucken, was andere Länder so machen.

451
00:42:11.420 --> 00:42:16.239
 Zum Beispiel in Israel gab es sehr viel Verunsicherungsforschung, bei uns gab es das eigentlich relativ wenig.

452
00:42:17.039 --> 00:42:24.380
 Jetzt tue ich noch ein bisschen weiter, genau, die letzte Folie runterarbeiten, die vorletzte, das ist aber jetzt die letzte,

453
00:42:38.460 --> 00:42:45.659
 Genau, die letzte Folie runterarbeiten, die vorletzte, das ist aber jetzt die letzte, weil wir es ja auch mit einer Wissenschaftsform zu tun haben, die Verunsicherung sehr nach vorne bringt, nämlich weil wir selber auch eine verunsicherte Disziplin, weil wir immer noch überlegen müssen,

454
00:42:45.760 --> 00:42:47.940
 welche Art von Wissenschaft sind wir denn eigentlich?

455
00:42:48.260 --> 00:42:52.159
 Also das ist ja noch nicht endgültig entschieden, was denn das jetzt eigentlich genau ist.

456
00:42:52.579 --> 00:42:56.960
 Und es ist ja immer die Frage, braucht es eigentlich sowas wie die Psychotherapie-Wissenschaft?

457
00:42:57.460 --> 00:43:01.719
 Das haben wir jetzt hier SFU-mäßig beantwortet mit einem klaren Ja,

458
00:43:02.079 --> 00:43:06.219
 aber gesamtwissenschaftlich, gesellschaftlich ist das noch überhaupt nicht bearbeitet

459
00:43:06.219 --> 00:43:10.059
 und in Deutschland schon gleich gar nicht. Da ist das völlig offen.

460
00:43:10.840 --> 00:43:16.159
 Das zweite ist, dass Psychotherapiewissenschaft eben auch eine verunsicherungsfokussierte

461
00:43:16.159 --> 00:43:20.719
 und dadurch vielleicht auch eine verunsicherungskompetente Disziplin wird.

462
00:43:21.539 --> 00:43:25.559
 Die Methoden sind verunsichernd, die psychotherapiewissenschaftlichen Methoden sind

463
00:43:25.559 --> 00:43:31.239
 verunsichernd. Die Gegenstände der Psychotherapiewissenschaften, also zum Beispiel unbewusstes Erleben und so was,

464
00:43:31.619 --> 00:43:38.320
 haben einen Verunsicherungsfaktor und nicht selten sind auch die Ergebnisse verunsichert. Und jetzt höre ich auf.

465
00:43:38.539 --> 00:43:38.940
 Vielen Dank.

