WEBVTT

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00:00:00.000 --> 00:00:27.239
 Herzlich willkommen. Wir starten in den Nachmittag nach einer hoffentlich entspannten Mittagspause mit ein paar Sonnenstrahlen und ein bisschen Spazierengehen und hoffentlich gut gestärkt. Wir starten mit dem Vortrag von Esther Huthfless. Was kommt,

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00:00:27.320 --> 00:00:32.899
 ist vielleicht schon da. Esther Huthfless ist Philosophin, Psychoanalytikerin und

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00:00:32.899 --> 00:00:38.500
 Psychotherapiewissenschaftlerin. Esther Huthfless ist Mitglied im Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse

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00:00:38.500 --> 00:00:47.859
 und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und die erste Professorin für queerfeministische Psychotherapiewissenschaft

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00:00:47.859 --> 00:00:56.259
 und Psychoanalyse an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Lehrt an der Universität

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00:00:56.259 --> 00:01:00.399
 Wien und der Wiener Psychoanalytischen Akademie und sie hat natürlich ihre Professur an der

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00:01:00.399 --> 00:01:08.400
 SFU in Linz, Verzeihung, aber auch in Wien. Ist der Hutfless Forschungsfelder umfassend

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00:01:08.400 --> 00:01:13.840
 psychoanalytische Theorie und Praxis, feministische und queere Ansätze in der Psychotherapie,

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00:01:14.359 --> 00:01:19.799
 Psychoanalyse und Psychotherapiewissenschaft, Poststrukturalismus, Posthumanismus,

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00:01:20.400 --> 00:01:26.939
 Dekonstruktion, Geschlecht und Sexualität, Trauma, gesellschaftliche Machtverhältnisse

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00:01:26.939 --> 00:01:31.260
 und das Unbewusste und psychoanalytische Gesellschaftstheorien.

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00:01:31.260 --> 00:01:34.359
 Wir freuen uns auf deinen Vortrag mit dem Titel

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00:01:34.359 --> 00:01:36.219
 Was kommt, ist vielleicht schon da?

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00:01:37.000 --> 00:01:42.079
 Vorträglichkeit und die Zeitstruktur des politischen im psychoanalytischen Trauma Begriff.

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00:01:42.060 --> 00:01:49.079
 im psychoanalytischen Traumabegriff.

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00:01:52.359 --> 00:01:52.700
 Vielen Dank, Agnes, für die wunderbare Vorstellung.

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00:01:59.120 --> 00:01:59.239
 Ich werde in meinem Vortrag ein bisschen auch anknüpfen an den gestrigen Tag,

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00:02:05.319 --> 00:02:05.359
 einerseits auch an Präsentationen der Studierenden, wo es um die konzeptuelle Fragen gegangen ist,

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00:02:11.159 --> 00:02:17.219
 wie können wir Future Trauma verstehen, aber auch, glaube ich, werde ich sozusagen Themen, die in Agnes wunderbaren Vortrag und in dem heute von Elisabeth aufgetaucht sind,

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00:02:17.340 --> 00:02:22.960
 auch ein bisschen von einem anderen Zugang her nochmal versuchen, mich dem anzunähern.

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00:02:32.360 --> 00:02:44.599
 Was für Fortschritte wir machen. Im Mittelalter hätten Sie mich verbrannt, heutzutage begnügen Sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen. Mit diesem Tagebucheintrag vom 11. Mai 1933,

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00:02:55.500 --> 00:02:56.099
 Mit diesem Tagebucheintrag vom 11. Mai 1933, wenige Tage nach seinem 77. Geburtstag, reagiert Sigmund Freud auf die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen in Deutschland.

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00:03:07.120 --> 00:03:14.659
 Der Satz ist von einem Zynismus getragen, der Distanz schafft, in einem Moment, in dem politische Gewalt und Bedrohung sich bereits abzeichnen. Der Begründer der Psychoanalyse, der die destruktiven Potenziale menschlicher

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00:03:14.659 --> 00:03:21.840
 Triebhaftigkeit wie kaum ein anderer analysiert hatte, unterschätzte in diesem Moment die

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00:03:21.840 --> 00:03:25.360
 historische Dynamik.

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00:03:29.039 --> 00:03:35.819
 Fünf Jahre später musste er ins Londoner Exil fliehen. Vier seiner fünf Schwestern wurden 1942 in Konzentrationslagern ermordet.

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00:03:36.659 --> 00:03:42.400
 Im Rückblick in der Nachträglichkeit erscheinen die Scheiterhaufen der Bücher

27
00:03:42.400 --> 00:03:47.419
 nicht als singuläre Exzesse symbolischer Gewalt, sondern

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00:03:47.419 --> 00:03:54.180
 als Vorboten einer sich radikalisierenden Vernichtungslogik. Ich beginne mit diesem

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00:03:54.180 --> 00:04:00.939
 historischen Moment an den Anfängen der Psychoanalyse, weil sich in ihm die Zeitlichkeit

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00:04:00.939 --> 00:04:06.520
 politischer Katastrophen mit der Zeitstruktur ihrer politischen Wirkung, ihrer

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00:04:06.520 --> 00:04:12.780
 psychischen Wirkung verschränkt. Die nationale sozialistische Vernichtungspolitik fiel nicht

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00:04:12.780 --> 00:04:19.939
 plötzlich vom Himmel. Sie kündigte sich an in Diskursen, in institutionellen Verschiebungen,

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00:04:20.699 --> 00:04:27.620
 in Gesten der Ausgrenzung und Entwertung, in Akten zunehmender Verfolgung und Gewalt.

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00:04:28.579 --> 00:04:37.279
 Gerade diese Vorformen, das Scheinbare noch nicht, das dennoch bereits die Wirklichkeit reorganisiert,

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00:04:38.220 --> 00:04:48.699
 der Beginn einer sich formenden Gewaltordnung sind es, die später im Modus der Evidenz als Anfang erzählt werden.

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00:04:50.199 --> 00:04:58.319
 Doch dieser Wunsch nach einem eindeutigen Beginn ist selbst Teil einer nachträglichen Erzählökonomie.

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00:04:59.379 --> 00:05:07.600
 Er beruhigt, indem er Kontinuitäten auf einen Punkt reduziert. Auch unsere Gegenwart konfrontiert uns mit

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00:05:07.600 --> 00:05:14.279
 bedrohlichen Erschütterungen und Einschnitten. Politische Ordnungen, die im westlichen

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00:05:14.279 --> 00:05:22.220
 Nachkriegseuropa lange als relativ stabil galten, werden brüchig. Autoritäre nationalistische und

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00:05:22.220 --> 00:05:25.040
 faschistische Dynamiken gewinnen an Einfluss.

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00:05:26.000 --> 00:05:31.459
 Demokratische Institutionen geraten unter Druck und werden zunehmend ausgehöhlt.

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00:05:31.779 --> 00:05:33.980
 Globale Krisen verschärfen sich.

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00:05:35.519 --> 00:05:48.899
 Vieles davon wird als kommend verhandelt, als drohende Entwicklung, als düsteres Zukunftsszenario. Und doch wirkt es bereits jetzt in gesellschaftlichen Affektlagen,

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00:05:49.540 --> 00:05:55.000
 in der Ausweitung des vermeintlich Sagbaren und in der Verschiebung dessen, was politischers

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00:05:55.720 --> 00:06:08.860
 legitim und akzeptabel gilt. Diese Gleichzeitigkeit des noch nicht und des Schon verweist auf eine spezifische Zeitstruktur des Politischen.

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00:06:09.779 --> 00:06:14.139
 Zugleich hält sich in Europa vielfach das Gefühl relativer Sicherheit.

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00:06:14.899 --> 00:06:18.399
 Gewalt erscheint als etwas, das anderswo geschieht.

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00:06:18.399 --> 00:06:28.459
 Zum Beispiel im Iran, in Afghanistan, in Russland, in der Ukraine oder in den USA. Räumlich und kulturell auf Distanz

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00:06:28.459 --> 00:06:36.000
 gehalten. Diese Wahrnehmung ist nicht nur politisch, sondern auch psychisch wirksam. Eine Form der

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00:06:36.000 --> 00:06:43.860
 Abspaltung, die Bedrohung als fern imaginiert, damit das eigene Hier als intakt erscheinen kann.

51
00:06:43.879 --> 00:06:44.620
 damit das eigene Hier als intakt erscheinen kann.

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00:06:49.480 --> 00:06:50.579
 Doch für viele ist diese Gewalt längst keine bloße Vorahnung mehr.

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00:06:54.660 --> 00:06:55.079
 Körperliche Übergriffe, Bedrohungen und politisch motivierte Hetze,

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00:06:59.879 --> 00:07:01.180
 zum Beispiel gegen Lesben, Schwule und Transpersonen, nehmen zu.

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00:07:03.379 --> 00:07:04.720
 Ebenso Angriffe auf Frauenrechte.

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00:07:07.699 --> 00:07:13.959
 Antisemitische und rassistische Gewalt häufen sich Was als drohende Entwicklung verhandelt wird, ist für Teile der Bevölkerung bereits Gegenwart

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00:07:13.959 --> 00:07:20.040
 Auch in Gesellschaften, die sich selbst weiterhin als liberal und stabil begreifen

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00:07:20.040 --> 00:07:27.939
 Hier zeigt sich, wie die Rede vom Kommenden selbst eine privilegierte Perspektive markieren kann.

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00:07:28.779 --> 00:07:34.579
 Was für manche noch als Möglichkeit erscheint, ist für andere längst gelebte Gefährdung.

60
00:07:35.680 --> 00:07:40.019
 Die politische Verschiebung materialisiert sich asymmetrisch.

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00:07:40.740 --> 00:07:45.319
 Sie trifft nicht alle zugleich und nicht alle in gleicher Intensität.

62
00:07:47.040 --> 00:07:56.120
 Bestimmte Körper, bestimmte Lebensweisen, bestimmte Zugehörigkeiten, bestimmte Subjekte werden früher und schärfer zum Ziel.

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00:07:57.120 --> 00:08:08.600
 Und genau diese Asymmetrie begünstigt die Vereinzelungslogik. Die Gewalt ist bereits da, fragmentiert, lokalisiert, oftmals als Einzelfall

64
00:08:08.600 --> 00:08:17.420
 bagatellisiert, statistisch verhandelt, medial kurz aufleuchtend und rasch wieder überdeckt. In

65
00:08:17.420 --> 00:08:33.480
 dieser Vereinzelung liegt eine Strukturbedingung. Sie erlaubt es, das Konvergente als Disparates zu lesen, das Systematische als Zufälliges, das sich Verdichtende als bloße Abfolge isolierter Einzelfälle.

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00:08:46.879 --> 00:08:55.519
 und blockierte symbolische Repräsentanz eine Integration des Geschehens verhindern und damit die Möglichkeit, sich dazu handelnd ins Verhältnis zu setzen. Damit lässt sich präzisieren, worin die

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00:08:55.519 --> 00:09:08.600
 Gegenwart einer zukünftigen politischen Katastrophe besteht. Ihre Wirksamkeit erschöpft sich nicht im spektakulären Einbruch einer nicht mehr zu übersehenden Katastrophe.

68
00:09:09.620 --> 00:09:27.159
 Sie realisiert sich vielmehr schon im Modus der Streuung, in vereinzelten Gefährdungen, in scheinbar unverbundenen Ereignissen und zugleich in der affektiven Atmosphäre, die sie miteinander verschränkt. Zum Beispiel als diffuse Angst,

69
00:09:27.500 --> 00:09:34.799
 als latente Anspannung, als Erschöpfung, als zynische Abwehr oder als melancholische Lähmung.

70
00:09:36.279 --> 00:09:42.740
 In diesem Sinne ist die Gegenwart kein neutraler Zwischenraum zwischen Vergangenem und Kommenden.

71
00:09:43.820 --> 00:09:54.379
 In ihr wirken Vergangenheiten fort, die nie vollständig integriert und bearbeitet wurden und Zukunfte, die noch keinen Namen tragen.

72
00:09:55.600 --> 00:10:05.779
 Das vermeintlich noch nicht Eingetretene ist bereits wirksam, gerade auch in der Form seiner partiellen, fragmentierten Realisierung.

73
00:10:11.240 --> 00:10:12.059
 Es kann Handlungsbereitschaft und Aktivismus, Lähmung und Erstarrung,

74
00:10:14.580 --> 00:10:15.620
 Imagination und Abwehr organisieren.

75
00:10:20.700 --> 00:10:20.799
 Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage nach Traumakonzepten auf,

76
00:10:22.700 --> 00:10:23.100
 die dieser Perspektive Rechnung tragen.

77
00:10:38.679 --> 00:10:45.759
 Konzepte, die Zukunft nicht nur als Objekt politischer Planung, sondern als gegenwärtig wirksame Instanz der Subjektivierung begreifen und damit als potenziell traumatisch eingefärbte Dimension. Während Trauma in der psychoanalytischen Theorie, Elisabeth hat bereits darauf verwiesen,

78
00:10:46.639 --> 00:10:49.799
 vor allem über die Struktur der Nachträglichkeit gedacht wird,

79
00:10:49.960 --> 00:10:55.059
 möchte ich diesem Verständnis das Konzept der Vorträglichkeit an die Seite stellen.

80
00:10:55.620 --> 00:11:07.799
 Als einen Versuch, mich einem theoretisch noch unzureichend bestimmten und in seiner Tragweite schwer fassbaren Zusammenhang zu nähern. In diesem

81
00:11:07.799 --> 00:11:13.659
 Sinne werde ich das Konzept der Vorträglichkeit auch bewusst in der Schwebe belassen, entsprechend

82
00:11:13.659 --> 00:11:22.399
 der Struktur dessen, was es bezeichnet. Mit meinem Fokus auf die Vorträglichkeit verwerfe ich die

83
00:11:22.399 --> 00:11:27.539
 retrospektive Bearbeitung von Katastrophen nicht, sondern ergänze

84
00:11:27.539 --> 00:11:34.200
 sie durch eine Analyse der gegenwärtigen Produktion traumatischer Horizonte. Mein Begriff der

85
00:11:34.200 --> 00:11:40.820
 Vorträglichkeit berührt damit den traumatischen Zeitbegriff, ohne jedoch mit ihm identisch zu sein.

86
00:11:41.779 --> 00:11:47.779
 Beide teilen eine Struktur zeitlicher Verschiebung. Doch während das Trauma die

87
00:11:47.779 --> 00:11:55.139
 Überwältigung durch das Gewesene bezeichnet, verweist Vorträglichkeit auf die Affizierbarkeit

88
00:11:55.139 --> 00:12:05.700
 durch das noch nicht. Politische Traumatisierung ist damit kein punktuelles Geschehen, sondern ein Prozess.

89
00:12:09.899 --> 00:12:14.519
 Sie kann dort beginnen, wo politische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen Subjekte systematisch marginalisieren, isolieren, entrechten

90
00:12:14.519 --> 00:12:18.139
 oder ihnen ihre symbolische Anerkennung entziehen.

91
00:12:18.519 --> 00:12:22.360
 Lange bevor die Katastrophe solche benannt werden kann.

92
00:12:23.539 --> 00:12:44.179
 Erst wenn wir das Zukünftige als eine psychisch und politisch wirksame Dimension der Gegenwart begreifen, können wir jene affektiven Dynamiken verstehen, die unter Krisenbedingungen Handlungsfähigkeit, Solidarität und Imagination ermöglichen oder eben auch hemmen.

93
00:12:44.200 --> 00:12:45.580
 und Imagination ermöglichen oder eben auch hemmen.

94
00:12:52.279 --> 00:12:58.740
 Mit Freud ist das Trauma, wie gesagt, bekanntlich als Struktur der Nachträglichkeit organisiert. Ins Französische wird dieser Begriff der Nachträglichkeit als Aprikot übersetzt.

95
00:13:10.740 --> 00:13:11.600
 Der etymologische Kern von Q, der plötzliche verletzende Einschnitt, der Schlag, bleibt im Aprikur wirksam.

96
00:13:17.019 --> 00:13:26.940
 Das Trauma ist also ein Schlag, der seine Bedeutung erst im Nachhinein entfaltet. Das heißt, erst ein späteres Geschehen konstituiert ein früheres als traumatisch und verleiht ihm affektive wie symbolische Bedeutung.

97
00:13:28.200 --> 00:13:35.559
 Psychische Wirkung fällt damit nicht notwendigerweise mit dem historischen Zeitpunkt des Ereignisses zusammen.

98
00:13:36.799 --> 00:13:43.980
 Freud verdeutlicht diesen Ansatz im sogenannten Fall Emma aus dem Entwurf einer Psychologie von 1895.

99
00:13:49.460 --> 00:13:56.200
 Emma aus dem Entwurf einer Psychologie von 1895. Emma leidet unter einer scheinbar unbegründeten Angst, allein ein Geschäft zu betreten. In der Analyse erinnert sie sich zunächst an eine Szene

100
00:13:56.200 --> 00:14:05.899
 aus ihrer Pubertät. Zwei Verkäufer lachen, sie fühlt sich von ihnen in irgendeiner Form sexuell adressiert und verlässt fluchtartig den Laden.

101
00:14:07.480 --> 00:14:14.539
 Diese Situation erweist sich jedoch nicht als Ursprung ihrer Angst, sondern als zweite Szene.

102
00:14:15.679 --> 00:14:18.940
 Sie aktualisiert eine frühere, verdrängte Erfahrung.

103
00:14:20.580 --> 00:14:26.539
 Als achtjähriges Mädchen war Emma in einem Geschäft einem sexuellen Übergriff ausgesetzt.

104
00:14:27.220 --> 00:14:30.960
 Die erste Szene bleibt zunächst unsymbolisiert.

105
00:14:31.360 --> 00:14:34.000
 Sie wurde unter dem Eindruck des Schreckens verdrängt.

106
00:14:35.259 --> 00:14:42.639
 Erst die zweite Szene in der Pubertät, in der sich Sexualität und der Ort-Geschäft erneut miteinander verknüpfen,

107
00:14:43.580 --> 00:14:47.019
 reaktiviert auf unbewusste Weise die frühere Erfahrung.

108
00:14:47.799 --> 00:14:54.559
 In der nachträglichen Verschränkung beider Szenen erhält das ursprünglich unverstandene traumatische Moment

109
00:14:54.559 --> 00:14:59.000
 eine sexuelle Bedeutung und wird fortan symptomatisch wirksam.

110
00:15:01.759 --> 00:15:13.299
 Traumatische Symptome entstehen demnach nicht notwendigerweise im Augenblick des Ereignisses selbst, sondern möglicherweise in einer zeitlich verschobenen Konstellation.

111
00:15:13.639 --> 00:15:23.360
 Das Spätere konstituiert das Frühere neu. Das Frühere bleibt latent, weil seine Bedeutung noch nicht gefunden ist.

112
00:15:26.779 --> 00:15:27.179
 weil seine Bedeutung noch nicht gefunden ist. Damit ist die Vergangenheit nicht abgeschlossen,

113
00:15:34.600 --> 00:15:41.700
 sondern offen für spätere Bedeutungsverschiebungen und Zuschreibungen. Genau hier setzt auch meine Überlegung zur Vorträglichkeit an. Wenn psychische Zeit nicht linear verläuft, dann ist die Frage

114
00:15:41.700 --> 00:15:46.820
 nicht nur, wie ein späteres Ereignis im Sinne der Nachträglichkeit

115
00:15:46.820 --> 00:15:54.659
 ein früheres umkodiert, sondern auch, wie ein noch nicht, ein unbekanntes die Gegenwart bereits

116
00:15:54.659 --> 00:16:02.179
 strukturiert. In dieser Perspektive erscheint das Unbewusste nicht als bloßer Speicher verdrängter

117
00:16:02.179 --> 00:16:09.600
 Inhalte, sondern als dynamischer Ort nachträglicher und vorgreifender Bedeutungsproduktion.

118
00:16:10.399 --> 00:16:16.820
 Seine Zeitlichkeit wäre weniger als Abwesenheit von Chronologie zu verstehen,

119
00:16:18.019 --> 00:16:25.000
 denn als eine Eigenzeitlichkeit, in der Latenz, Aktualisierung und Antizipation ineinandergreifen.

120
00:16:27.679 --> 00:16:32.960
 Vorträglichkeit macht sichtbar, dass das Unbewusste nicht nur das Verdrängte bewahrt.

121
00:16:33.899 --> 00:16:38.759
 Sie verweist auf die affektive und symbolische Wirksamkeit einer Zukunft,

122
00:16:39.059 --> 00:16:53.120
 die noch nicht mit voller Wucht eingetreten ist und doch bereits die Gegenwart reorganisiert. An dieser Stelle möchte ich auf Hans Keilsons Konzept der sequentiellen Traumatisierung zurückgreifen.

123
00:17:07.400 --> 00:17:07.880
 zeigt Keilson, dass traumatische Belastung nicht auf ein singuläres Ereignis reduzierbar ist,

124
00:17:14.599 --> 00:17:20.579
 sondern sich in zeitlich gestaffelten Phasen entfaltet. Er unterscheidet ausgehend vom Beispiel des Holocaust mehrere Phasen, die nicht nur historisch aufeinander folgen,

125
00:17:21.099 --> 00:17:25.119
 sondern psychodynamisch ineinandergreifen.

126
00:17:31.140 --> 00:17:32.240
 Erstens die Phase zunehmender Entrechtung und gesellschaftlicher Ausgrenzung.

127
00:17:40.180 --> 00:17:41.180
 In ihr vollzieht sich der schrittweise Verlust bürgerlicher Rechte, sozialer Anerkennung und des institutionellen Schutzes.

128
00:17:55.259 --> 00:18:05.900
 Das Subjekt lebt unter Bedingungen wachsender Unsicherheit. Vertrauen in staatliche und soziale Strukturen erodiert, Zugehörigkeit wird prekär, Zukunftsperspektiven verengen sich. Hier verdichtet sich die zuvor latente Bedrohung zur offenen Gewalt.

129
00:18:07.140 --> 00:18:16.000
 Deportationen, Internierung, Zwangsarbeit lagerhaft, physische und psychische Misshandlung bis hin zur systematischen Vernichtung.

130
00:18:16.960 --> 00:18:19.000
 Die Gewalt wird totalisierend.

131
00:18:20.460 --> 00:18:26.460
 Sie betrifft nicht nur einzelne Lebensbereiche, sondern zielt auf die physische und symbolische Auslöschung.

132
00:18:27.619 --> 00:18:30.900
 Drittens, die Phase nach dem Kriegsende.

133
00:18:31.900 --> 00:18:38.720
 Sie ist keineswegs bloß eine Phase der Befreiung, sondern bildet eine eigene traumatische Sequenz.

134
00:18:38.720 --> 00:18:44.720
 Die Rückkehr in zerstörte soziale Ordnungen, der Verlust von Familienangehörigen,

135
00:19:02.539 --> 00:19:06.559
 Rückkehr in zerstörte soziale Ordnungen, der Verlust von Familienangehörigen, Schuld- und Überlebenskonflikte, mangelnde Anerkennung des erlittenen Unrechts sowie erneute Integrationsanforderungen oder Ausgrenzungen und Diskriminierung konfrontieren die Betroffenen mit einer paradoxen Situation. Das Ende der Verfolgung bedeutet nicht das Ende

136
00:19:06.559 --> 00:19:15.019
 der psychischen Belastung. Vielmehr werden frühere Erfahrungen neu gerahmt, reaktiviert oder in

137
00:19:15.019 --> 00:19:27.019
 anderer Weise wirksam. Diese drei Sequenzen, die von Keilson beschrieben werden, sind nicht isolierte Abschnitte, sondern bilden eine Prozessstruktur,

138
00:19:27.420 --> 00:19:35.859
 in der jede Phase die vorangegangene affektiv neu kodiert, wobei zugleich jede vorherige Phase die

139
00:19:35.859 --> 00:19:55.859
 psychischen Bedingungen für die folgende schafft. Resilienz ist in diesem Sinne mit Keilsohn auch kein vorgängiger stabiler Schutzfaktor, sondern ist selbst auch sequenziell bedingt und wesentlich von den sozialen Bedingungen der einzelnen Phasen abhängig.

140
00:20:06.839 --> 00:20:13.500
 Konzept der Nachträglichkeit. Er beschreibt eine Prozessform, die es erlaubt, das Davor und das Danach als sich wechselseitig strukturierend zu verstehen. Trauma ist damit nicht nur ein

141
00:20:13.500 --> 00:20:21.559
 verspätetes Verstehen des Gewesenen, es ist sequenzielle Verdichtung. Ausgehend von meinem

142
00:20:21.559 --> 00:20:25.680
 Nachdenken über Vorträglichkeit könnte man anfügen,

143
00:20:25.680 --> 00:20:32.160
 die frühe Phase führt nicht notwendig zur absoluten politischen Katastrophe,

144
00:20:33.140 --> 00:20:43.220
 wohl aber konstituiert sie jene vorträgliche Struktur, in der politische Radikalisierung und traumatische Wirksamkeit möglich werden.

145
00:20:43.220 --> 00:20:44.799
 und traumatische Wirksamkeit möglich werden.

146
00:20:49.000 --> 00:20:49.200
 Sequenzielle Traumatisierung enthält somit eine Vorträglichkeit,

147
00:20:52.599 --> 00:20:53.680
 die zur Nachträglichkeit werden kann, aber nicht werden muss.

148
00:20:57.380 --> 00:20:57.700
 Und doch reorganisiert jede Sequenz das Feld des Kommenden,

149
00:20:59.779 --> 00:21:01.279
 ebenso wie das des Gewesenen.

150
00:21:10.640 --> 00:21:29.480
 Politisch bedeutsam wird diese Überlegung dort, wo sichtbar wird, dass autoritäre Transformationen sich selten als singulärer Bruch vollziehen. Sie manifestieren sich zunächst als Serie gradueller Verschiebungen, die zunächst vielleicht marginal erscheinen können, dann normalisiert werden und schließlich eine Gegenwart hervorbringen, in der das Ungeheuerliche als scheinbar folgerichtiger Vollzug erscheint.

151
00:21:31.400 --> 00:21:37.000
 Vorträglichkeit könnte in diesem Kontext auch auf die Sensibilität für Sequenzen verweisen.

152
00:21:37.940 --> 00:21:46.559
 Für die Art und Weise, wie das noch nicht bereits als Atmosphäre, als Normverschiebung, als veränderte Adressierung in Erscheinung tritt.

153
00:21:47.039 --> 00:21:52.700
 Sie meint die Fähigkeit, jene frühen Phasen als strukturell bedeutsam zu erkennen,

154
00:21:53.240 --> 00:21:55.519
 bevor sie sich irreversibel verdichten.

155
00:21:56.680 --> 00:22:00.740
 Diese Überlegungen lassen sich metapsychologisch weiter präzisieren.

156
00:22:00.740 --> 00:22:21.259
 Jean Laplanche verwendet den Begriff des Avant-Coup des Vorträglichen, um jene ersten unassimilierbaren Einschreibungen zu bezeichnen, die vom Anderen ausgehen und in seiner entwicklungspsychologischen Perspektive in der frühen Eltern-Kind-Beziehung verortet sind.

157
00:22:21.259 --> 00:22:22.980
 Ich zitiere Laplanche.

158
00:22:22.980 --> 00:22:23.920
 Ich zitiere Laplanche.

159
00:22:33.700 --> 00:22:34.700
 Die rätselhafte Botschaft des Erwachsenen stellt das Vorträgliche, l'avant coup, dar. Zitat Ende.

160
00:22:43.980 --> 00:22:45.740
 Das Nachträgliche ist mit Laplanche eine Antwort auf dieses l'avant coup, also auf diese vorgängige fremde Einschreibung.

161
00:22:56.519 --> 00:22:57.759
 Vorträglichkeit meint hier nicht Antizipation im Sinne bewusster Erwartung, sondern eine vorausliegende Adressierung, die erst später übersetzt werden kann.

162
00:23:06.539 --> 00:23:06.740
 Auch politisch lassen sich solche Einschreibungen denken. Kulturelle Verschiebungen, symbolische Entwertungen, affektive Spannungen,

163
00:23:12.660 --> 00:23:13.940
 die Subjekte bereits affizieren, bevor sie benannt, also übersetzt und symbolisiert werden können.

164
00:23:20.180 --> 00:23:27.640
 Timo Stork, auf den ist auch schon verwiesen worden, schärft diesen Gedanken, indem er mit Jean-Paul Sartre zwischen einer gegenwärtigen Zukunft und einer zukünftigen Gegenwart unterscheidet.

165
00:23:28.240 --> 00:23:37.440
 Die gegenwärtige Zukunft, das sind unsere Szenarien, Bilder und Prognosen, stets gebunden an das

166
00:23:37.440 --> 00:23:46.160
 Imaginäre der Gegenwart. Die zukünftige Gegenwart hingegen bleibt prinzipiell unbestimmbar.

167
00:23:47.319 --> 00:23:56.079
 Vorträglichkeit meint hier nicht Prognosefähigkeit, sondern strukturelle Bezogenheit auf eine zukünftige Gegenwart,

168
00:23:56.079 --> 00:23:59.759
 die das Erleben bereits affiziert, ohne greifbar zu sein.

169
00:24:01.019 --> 00:24:12.140
 Der Psychoanalytiker Michael Parsons spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Forward Gaze oder einer wie er es nennt Dynamic Avocou.

170
00:24:12.140 --> 00:24:20.880
 Er bezeichnet damit die unbewusste Reorganisation der eigenen Verfügbarkeit für das, was kommen wird.

171
00:24:21.140 --> 00:24:30.220
 Ich zitiere, The future is hidden, unknowable, full of secrets. It is not homely and familiar.

172
00:24:31.259 --> 00:24:41.759
 Working to fulfill the potential of one's being involves exposing oneself psychically to the unknownness of the future.

173
00:24:41.759 --> 00:24:43.019
 Zitat Ende.

174
00:24:42.980 --> 00:24:44.480
 Unknownness of the future. Zitat Ende.

175
00:24:51.099 --> 00:24:51.819
 Vorträglichkeit bezieht sich hier weder auf Angst noch auf Katastrophenfantasien oder Prognosen,

176
00:24:55.720 --> 00:24:56.180
 sondern meint eine Struktur der Offenheit gegenüber dem noch nicht.

177
00:25:07.319 --> 00:25:17.680
 Lebendig bleibt so Parsons, wer nicht nur seine Vergangenheit neu deuten und integrieren kann, sondern wer psychisch verfügbar bleibt für jene Desorientierungen, die die Zukunft bringen mag. In die Postkarte denkt Jacques Derrida Zeit nicht

178
00:25:17.680 --> 00:25:34.000
 als lineare Abfolge von Präsenzpunkten, sondern als Struktur der Sendung. Eine Botschaft ist nie schlicht präsent, sie ist unterwegs. Sie kann ankommen, sich verspäten, fehlgeleitet werden oder ihr Ziel ganz verfehlen.

179
00:25:35.720 --> 00:25:51.200
 Jede Sendung trägt die Möglichkeit ihres Nichtankommens in sich. Übertragen auf politische Gewalt hieße das, es gibt kein notwendiges Eintreffen der Katastrophe, aber auch keine Garantie ihres Ausbleibens.

180
00:25:52.019 --> 00:25:56.859
 Und gerade deshalb verlangt die Sendung eine Haltung der Aufmerksamkeit.

181
00:25:58.220 --> 00:26:19.160
 Casey Carrott weitet die Struktur der Nachträglichkeit des Traumakonzepts auf Geschichte und kollektive Gewalt aus. Mit dem Begriff der unclaimed experience beschreibt sie das Trauma als eine Erfahrung, die im Moment ihres Geschehens nicht vollständig angeeignet oder verstanden werden kann.

182
00:26:28.640 --> 00:26:29.200
 Historische Katastrophen werden demnach häufig nicht im Augenblick ihres Eintretens erfasst, sondern gewinnen ihre Bedeutung erst später.

183
00:26:36.640 --> 00:26:38.539
 In Zeuginnenschaft, in der Literatur, die über diese Ereignisse produziert wird, in verschiedenen Symptomatiken.

184
00:26:46.579 --> 00:26:47.119
 Das Trauma erscheint als verspätete Lesbarkeit eines Ereignisses, das sich zunächst der symbolischen Integration entzieht.

185
00:26:53.900 --> 00:27:02.359
 Trauma ist damit nicht nur ein klinisches, sondern auch ein epistemologisches Phänomen. Es stellt die Frage, wie Sinn oder Geltung zugänglich sind und werden, wenn sie gerade in ihrer partiellen

186
00:27:02.359 --> 00:27:07.599
 Unverfügbarkeit bestehen. Diese Problematik wiederholt sich im

187
00:27:07.599 --> 00:27:14.819
 Begriff der Vorträglichkeit, jedoch unter veränderten Vorzeichen. Nicht mehr das Vergangene,

188
00:27:15.039 --> 00:27:38.019
 sondern das Kommende entzieht sich seiner unmittelbaren Lesbarkeit. Vor diesem Hintergrund lässt sich von Vorträglichkeit sprechen als jener Struktur, in der eine mit Stork und Satre zukünftige Gegenwart das gegenwärtige Erleben bereits formiert, ohne gewusst werden zu können.

189
00:27:38.920 --> 00:27:48.660
 Das Traumatische kündigt sich an, bevor es dafür einen Namen gibt, bevor es benannt werden kann. Damit verschiebt

190
00:27:48.660 --> 00:27:56.400
 sich auch die Frage nach dem Ursprung politischer Gewalt. Der Wunsch, den Anfang zu identifizieren,

191
00:27:57.279 --> 00:28:08.539
 jenen Punkt, ab dem alles wirklich gefährlich oder schlecht oder böse wurde, gehört selbst einer nachträglichen Logik an. Politische

192
00:28:08.539 --> 00:28:15.579
 Transformationen vollziehen sich, wie gesagt, nicht notwendigerweise als singulären Bruch.

193
00:28:15.579 --> 00:28:27.940
 Sie erscheinen als Serien, als Schwellen, als graduelle Verschiebungen. Es sind Prozesse, die sich senden und es ist eine Gesellschaft, die sich dazu verhält,

194
00:28:27.940 --> 00:28:35.759
 indem sie hört oder überhört. In dieser Perspektive gewinnt auch Sigmund Freud's Tagebucheintrag vom

195
00:28:35.759 --> 00:28:45.119
 Mai 1933 eine andere Bedeutung. Weniger als individuelle Fehleinschätzung, denn als Ausdruck einer Zeitstruktur,

196
00:28:45.119 --> 00:28:50.240
 in der das Kommende noch im Modus des Vereinzelten erschien.

197
00:28:51.460 --> 00:28:54.119
 Fragmentiert und dadurch kulturell distanzierbar.

198
00:28:55.740 --> 00:28:59.700
 Hier hält der Gedanke der Sequenzialität besonderes Gewicht.

199
00:29:00.799 --> 00:29:10.420
 Wie Keilson gezeigt hat, ist der sichtbare Bruch meist nicht der Anfang, sondern die Spitze einer traumatischen Abfolge.

200
00:29:11.500 --> 00:29:20.140
 Verantwortung beginnt daher nicht erst im Moment der Katastrophe, sondern im Umgang mit Vorzeichen und Verschiebungen.

201
00:29:21.700 --> 00:29:25.819
 Vorträglichkeit meint damit kein prophetisches Wissen

202
00:29:25.819 --> 00:29:29.920
 Sie bezeichnet eine spezifische Haltung zur Zeit

203
00:29:29.920 --> 00:29:35.079
 Die Bereitschaft, die Wirksamkeit des Noch-Nicht-im-Jetzt anzuerkennen

204
00:29:35.079 --> 00:29:41.000
 Sie verlangt Sensibilität für die unheimliche Qualität des Zukünftigen

205
00:29:41.000 --> 00:29:49.180
 Für das, was sich ankündigt, ohne sich festlegen zu lassen. Das Politische entscheidet

206
00:29:49.180 --> 00:29:57.839
 sich damit nicht allein im Ereignis, sondern eben im Umgang mit Anzeichen. Ob Vereinzelungen isoliert

207
00:29:57.839 --> 00:30:07.140
 oder als Konstellationen erkannt werden können, ob jene Asymmetrien ernst genommen werden, durch die Gewalt früher bei manchen

208
00:30:07.140 --> 00:30:14.799
 Körpern und Leben ankommt als bei anderen und ob Verantwortung erst dort verortet wird, wo die

209
00:30:14.799 --> 00:30:21.980
 Katastrophe unbestreitbar geworden ist. Wenn Zeit, psychoanalytisch gesprochen, weder linear noch

210
00:30:21.980 --> 00:30:26.240
 geschlossen, sondern nach- und vorträglich verschränkt ist,

211
00:30:26.500 --> 00:30:30.140
 dann wird auch Politik zur Frage einer Zeitkompetenz.

212
00:30:31.079 --> 00:30:39.759
 Die entscheidende Frage lautet nicht nur, was kommt, sondern wie hören wir auf das, was sich bereits ankündigt.

213
00:30:40.440 --> 00:30:46.779
 Zwischen alarmistischer Gewissheit und zynischer Abwehr eröffnet sich ein dritter Raum.

214
00:30:47.640 --> 00:30:50.099
 Ein Raum lebendiger Aufmerksamkeit.

215
00:30:51.099 --> 00:31:00.980
 Er ist weder naiv-hoffnungsvoll noch fatalistisch, sondern die Bereitschaft, Sendungen zu lesen, auch wenn sie keine klare Adresse tragen.

216
00:31:02.039 --> 00:31:07.900
 So berührt das Politische erneut die Frage des Traumas. Wenn das Traumatische nicht

217
00:31:07.900 --> 00:31:14.819
 nur nachträglich, sondern auch vorträglich wirksam ist, entscheidet sich seine Gewalt in der Weise,

218
00:31:15.519 --> 00:31:21.940
 wie eine Gesellschaft auf das reagiert, was sich ankündigt. Trauma ist dann nicht nur Erinnerung

219
00:31:21.940 --> 00:31:26.660
 an eine Katastrophe, sondern Ausdruck einer Zeitordnung,

220
00:31:26.660 --> 00:31:31.579
 in der Verantwortung früher beginnt, als die Katastrophe sichtbar wird.

221
00:31:32.500 --> 00:31:34.819
 Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

