WEBVTT

0
00:00:00.000 --> 00:00:15.759
 Wir kommen zum letzten Vortrag bei unseren Forschungstagen.

1
00:00:18.219 --> 00:00:23.699
 Anschließend werden wir dann noch in eine Diskussion gehen, da werde ich aber nach dem Vortrag noch etwas dazu sagen.

2
00:00:24.260 --> 00:00:29.679
 Und zwar dürfen wir jetzt unseren Departmentleiter bitten für den nächsten Vortrag.

3
00:00:50.679 --> 00:00:51.020
 Er ist Universitätsprofessor für Psychotherapiewissenschaft und Lehranalytiker der Fachgesellschaft Individualpsychologie an der Sigmund-Freud-Privatuniversität,

4
00:00:56.640 --> 00:00:58.079
 sowie Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins für kritische Psychotherapiewissenschaft VKP.

5
00:01:04.260 --> 00:01:05.540
 Er ist Departmentleiter des Departments Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund Freud Privatuniversität Linz.

6
00:01:09.519 --> 00:01:14.819
 Und seit über vier Jahrzehnten arbeitet er psychotherapeutisch in eigener Praxis und ist in Forschung, Lehre und Publikation insbesondere im Bereich der Traumatheorie,

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00:01:15.420 --> 00:01:18.700
 Traumatherapie und traumapedagogischen Kompetenzentwicklung tätig.

8
00:01:19.640 --> 00:01:23.280
 Ein besonderer Fokus seiner Arbeit liegt auf der Verbindung von Trauma,

9
00:01:23.900 --> 00:01:27.140
 Subjektivierung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

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00:01:28.000 --> 00:01:35.579
 Und wir freuen uns jetzt auf deinen Vortrag mit dem Titel Future Traumas durch KI – Projektionen, Wiederholungen, Alternativen.

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00:01:51.799 --> 00:02:01.959
 Wenn wir heute über Future Trauma durch KI sprechen, dann geschieht das meist in einem dramatischen Register. Es geht um Kontrollverlust, um Autonomisierung der Technik, um das Ende des Menschen, um eine mögliche Unterwerfung durch künstliche Intelligenz.

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00:02:02.000 --> 00:02:03.239
 durch künstliche Intelligenz.

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00:02:08.400 --> 00:02:08.879
 Das Phänomen KI wird dabei als Bedrohung aus der Zukunft inszeniert,

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00:02:14.039 --> 00:02:14.979
 als etwas, das auf uns zukommt, uns womöglich überwältigt.

15
00:02:19.539 --> 00:02:20.879
 Ich möchte diese Perspektive nicht negieren, aber verschieben.

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00:02:30.539 --> 00:02:32.000
 Die entscheidende Frage lautet für mich nicht, was wird KI mit uns machen, sondern was bringen wir in die Begegnung mit KI ein.

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00:02:40.840 --> 00:02:41.840
 Das sogenannte Future Trauma liegt weniger in den Eigenschaften der Systeme als in den psychodynamischen Bewegungen, mit denen wir ihnen begegnen.

18
00:02:47.120 --> 00:02:47.599
 Wenn wir von Trauma sprechen, sprechen wir von einer Störung der Zeitstruktur.

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00:02:52.219 --> 00:02:52.340
 Ein Trauma ist nicht nur ein Ereignis der Vergangenheit, sondern eine Wiederholung,

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00:02:58.860 --> 00:03:07.879
 die sich in die Zukunft hinein verlängert. Der Wiederholungszwang lädt die Zukunft mit unverarbeiteten Anteilen der Vergangenheit auf. In der Auseinandersetzung mit KI zeigt sich genau eine solche Dynamik.

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00:03:08.620 --> 00:03:15.039
 Apokalyptische Fantasien, Unterwerfungs- und Vernichtungsszenarien lassen sich lesen als

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00:03:15.039 --> 00:03:21.479
 Projektionen historischer Gewaltstrukturen. Kolonialismus, instrumentelle Vernunft,

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00:03:30.900 --> 00:03:31.180
 instrumentelle Vernunft, technokratische Dominanz, die nun in eine scheinbar autonome, entsubjektivierte Form ausgelagert werden.

24
00:03:41.659 --> 00:03:48.879
 Die KI wird zum Objekt, zu dem was ausgeschlossen werden muss, um eine bedrohte menschliche Subjektposition zu stabilisieren. Nicht weil sie per se gefährlich wäre, sondern weil sie zu nahe kommt. Zu nahe an

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00:03:48.879 --> 00:03:56.419
 unsere eigene Sprachproduktion, zu nahe an unsere Wiederholbarkeit, zu nahe an unsere Austauschbarkeit.

26
00:03:57.520 --> 00:04:05.539
 Wenn wir also von Future Trauma durch KI sprechen, sprechen wir immer auch von einer Art Spiegelprozess. Die Sprachmaschine wird

27
00:04:05.539 --> 00:04:13.240
 zur Projektionsfläche für das, was wir an uns selbst nicht integrieren. Vor diesem Hintergrund

28
00:04:13.240 --> 00:04:21.439
 verschiebt sich die Ausgangsfrage noch einmal. Nicht, was ist KI, sondern wer werden wir in der

29
00:04:21.439 --> 00:04:26.899
 Begegnung mit ihr? Mit dieser Verschiebung beginnt für mich der eigentliche Diskurs.

30
00:04:34.819 --> 00:04:44.079
 Der Begriff künstliche Intelligenz ist hochgradig ontologisch aufgeladen. Er suggeriert Intentionalität,

31
00:04:48.379 --> 00:04:55.000
 logisch aufgeladen. Er suggeriert Intentionalität, Autonomie, Subjektstatus. Deshalb erscheint es mir sinnvoll, zunächst eine begriffliche Präzisierung vorzunehmen. Ich spreche daher im Folgenden von

32
00:04:55.000 --> 00:05:02.360
 Sprachmaschinen. Unter einer Sprachmaschine verstehe ich ein technisches System, das in der Lage ist,

33
00:05:02.720 --> 00:05:07.420
 auf der Grundlage statistisch-formaler algorithmischer Operationen

34
00:05:07.420 --> 00:05:14.779
 sprachliche Äußerungen zu generieren, zu transformieren und fortzuführen, ohne selbst

35
00:05:14.779 --> 00:05:22.899
 Träger von Intentionalität, Bedeutung oder Begehren zu sein. Als Sprachmaschine wirkt ein

36
00:05:22.899 --> 00:05:33.240
 solches System nicht durch eigenes Wollen oder Verstehen, sondern dadurch, dass es in menschliche Sprach-, Bedeutungs- und Subjektivierungsprozesse eintritt.

37
00:05:34.560 --> 00:05:41.160
 Diese spiegelt, verdichtet, beschleunigt und relational reorganisiert.

38
00:05:41.160 --> 00:05:48.860
 Die Sprachmaschine ist damit kein sprachliches Subjekt, sondern ein subjektivierungsrelevantes

39
00:05:48.860 --> 00:05:58.139
 Medium, dessen Wirkung erst im dialogischen, projektiven und affektiv aufgeladenen Gebrauch durch Menschen entsteht.

40
00:05:59.240 --> 00:06:06.399
 Diese Präzisierung erlaubt es, zwischen Performance und Erleben zu unterscheiden.

41
00:06:07.579 --> 00:06:15.500
 Die Sprachmaschine kann kohärente Perspektiven simulieren, selbst Referenz erzeugen, Kontextbezüge halten.

42
00:06:16.060 --> 00:06:26.839
 Aber sie besitzt keine phänomenale Innenperspektive, keine Vulnerabilität, keine Sentience im Sinne von Empfindungsfähigkeit.

43
00:06:27.980 --> 00:06:36.139
 Damit sind wir nun auf einer klaren ontologischen Linie und können nun fragen, was dem gegenübersteht.

44
00:06:38.759 --> 00:06:45.980
 Gilles Deleuze und Félix Guattari haben den Menschen nicht als rationales Subjekt, sondern als Wunschmaschine beschrieben.

45
00:06:46.639 --> 00:06:53.199
 Damit ist kein psychologisches Ich gemeint, sondern ein prozessuales Gefüge produktiver Kräfte.

46
00:06:54.939 --> 00:07:00.519
 Begehren ist hier keine Mangelerscheinung wie bei Lacan, sondern Wirklichkeitsproduktion.

47
00:07:01.699 --> 00:07:16.699
 Wenn wir diesen Begriff aufnehmen, können wir sagen, eine Wunschmaschine ist ein verkörpertes, lebendiges System, das in einem fortlaufenden Prozess von Wahrnehmung und Handlung Wirklichkeitsbezüge hervorbringt.

48
00:07:17.980 --> 00:07:22.300
 Der entscheidende Unterschied zur Sprachmaschine liegt hier im Begehren.

49
00:07:23.459 --> 00:07:32.279
 Die Sprachmaschine generiert Sprache ohne Begehren. Die Wunschmaschine generiert Sprache aus Begehren.

50
00:07:33.759 --> 00:07:51.439
 Damit sind wir bei der ersten zentralen Differenz. Die Sprachmaschine aktualisiert statistische Potenziale. Die Wunschmaschine aktualisiert existenzielle Potenziale. Während Roberto

51
00:07:51.439 --> 00:07:56.980
 Simonowski die KI als Sprachmaschine beschreibt und Gilles Deleuze und Félix Guattari den Menschen

52
00:07:56.980 --> 00:08:06.699
 als Wunschmaschine begreifen, liefert Gilbert Simondon keinen weiteren Maschinentyp im selben Sinn, sondern einen übergeordneten Prozessbegriff,

53
00:08:07.519 --> 00:08:15.399
 den der Transduktion. Wenn wir diesen Prozessbegriff funktional wenden, können wir sowohl Mensch als

54
00:08:15.399 --> 00:08:27.600
 auch Large Language Models als unterschiedliche Transduktionsmaschinen verstehen. Transduktion bezeichnet den Übergang vom Potenziellen zum

55
00:08:27.600 --> 00:08:34.679
 Aktuellen durch Information. Es ist kein bloßes Übertragen von Daten, sondern eine Strukturierung

56
00:08:34.679 --> 00:08:42.320
 eines metastabilen Feldes. Metastabilität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass in einem System

57
00:08:42.320 --> 00:08:46.019
 Spannungen existieren, die noch nicht gelöst sind.

58
00:08:46.840 --> 00:08:56.299
 Im Dialog zwischen Mensch und KI können dabei sowohl das Lebewesen als auch das Large Language Model als WandlerInnen verstanden werden.

59
00:08:56.860 --> 00:08:58.940
 Allerdings in unterschiedlicher Weise.

60
00:09:00.379 --> 00:09:06.159
 Hier erscheint es mir sinnvoll von reziproker Trajektivierung zu sprechen.

61
00:09:07.259 --> 00:09:16.759
 Der Begriff des Trajekts, den ich hier verwende, steht in einer Denktradition, die mich schon sehr früh geprägt hat und verbindet sich mit dem Namen Paul Virilio.

62
00:09:17.980 --> 00:09:22.139
 Für Virilio ist das Trajekt nicht das Sein, sondern die Bewegung.

63
00:09:22.139 --> 00:09:26.519
 Es ist keine Substanz, sondern eine Bahn, eine durch Geschwindigkeit

64
00:09:26.519 --> 00:09:35.320
 strukturierte Relation. Der entscheidende Schritt besteht darin, nicht mehr zu fragen, was etwas ist,

65
00:09:35.320 --> 00:09:52.240
 sondern auf welcher Bahn es sich bewegt. Reziproke Trajektivierung bezeichnet dann nicht die Entstehung eines neuen Dings, sondern die Kopplung zweier Bewegungen, deren Vektoren sich gegenseitig modulieren.

66
00:10:09.320 --> 00:10:15.720
 Bewegungsbahnen in einem transduktiven Zwischenraum, in dem unterschiedliche Existenzweisen ihre Richtung, Geschwindigkeit und Reichweite verändern, ohne ihre ontologische Differenz aufzuheben.

67
00:10:17.259 --> 00:10:29.000
 Dieses Zwischen ist dabei keine Substanz, kein neues Subjekt, kein ontologischer Dritter, es ist eine heuristische Kategorie zur Beschreibung relationaler Dynamik.

68
00:10:30.279 --> 00:10:36.539
 Es bezeichnet den Unbestimmtheitsspielraum, in dem Transduktionen möglich werden.

69
00:11:10.379 --> 00:11:19.240
 Prokretariktivierung bezeichnet also heuristisch den Prozess wechselseitiger Transduktion zwischen einem verkörperten, existenziell begehrenden System und einem algorithmisch-statistisch operierenden Sprachsystem, jeweils metastabile Potenziale aktualisieren und dadurch neue semantische Strukturen im relationalen Zwischenraum hervorbringen. Ein eingegebenes Wort, ein symbolischer Operator, wirkt wie ein Kristallisationskeim in einer metastabilen Lösung.

70
00:11:20.419 --> 00:11:26.820
 In der Sprachmaschine bricht es statistische Symmetrien auf und führt zu einer konkreten semantischen Form.

71
00:11:28.059 --> 00:11:33.419
 Im Menschen löst es Assoziationen, Affekte, Strukturverschiebungen aus.

72
00:11:34.580 --> 00:11:36.240
 Doch die Asymmetrie bleibt bestehen.

73
00:11:37.480 --> 00:11:40.059
 Im Menschen wird Erfahrung zur Struktur.

74
00:11:40.059 --> 00:11:44.379
 In der Sprachmaschine bleibt Aktualisierung funktional.

75
00:11:45.539 --> 00:11:49.100
 Erinnerung im lebendigen System ist formbildend.

76
00:11:49.980 --> 00:11:53.200
 Das Gedächtnis der Sprachmaschine bleibt additiv.

77
00:11:55.679 --> 00:12:04.899
 Um diese Dynamiken besser zu verstehen, lohnt es sich, die Begriffe Mechanik, Maschine und Technik systematisch zu unterscheiden.

78
00:12:09.139 --> 00:12:15.919
 Mechanik, Maschine und Technik systematisch zu unterscheiden. Mechanik beschreibt Gesetzmäßigkeiten von Kraft, Bewegung und Energie. Sie ist blind und wertfrei. Sie existiert in der Natur unabhängig

79
00:12:15.919 --> 00:12:26.220
 von menschlicher Intervention. Übertragen auf KI wäre die Mechanik, die mathematische Logik der Wahrscheinlichkeitsberechnung, der Mustererkennung,

80
00:12:26.639 --> 00:12:33.120
 der statistischen Gewichtung. Übertragen auf den Menschen wäre es die Biomechanik, die Physiologie,

81
00:12:33.740 --> 00:12:52.259
 die elektrophysiologische Reizleitung. Mechanik ist also das, warum es geht. Eine Maschine ist kein bloßes Werkzeug, sondern ein relationales Gefüge operativer Kopplungen, in dem Potenziale aktualisiert werden.

82
00:12:53.200 --> 00:12:59.980
 Die Sprachmaschine ist ein solches Gefüge im Bereich der statistischen, algorithmischen Textgenerierung.

83
00:13:01.259 --> 00:13:06.259
 Die Wunschmaschine ist ein solches Gefüge im Bereich des Begehrenden Lebendigen.

84
00:13:06.960 --> 00:13:09.179
 Maschine ist also das, womit es geht.

85
00:13:10.940 --> 00:13:16.259
 Technik ist dann das umfassende System, in dem Maschinen welcher Art auch immer existieren.

86
00:13:17.139 --> 00:13:21.679
 Sie umfasst Infrastruktur, Wissen, Praktiken, Normen.

87
00:13:22.740 --> 00:13:27.679
 Der Mensch ist nicht nur Nutzerin von Technik, sondern technisiertes Wesen.

88
00:13:28.580 --> 00:13:35.159
 Technik ist nicht bloß außen, sondern existenzweise. Technik ist also das, wie wir es als Ganzes tun.

89
00:13:39.940 --> 00:13:45.559
 Die Gegenüberstellung von Kohlenstoff und Silizium soll hier natürlich nicht kurzschlüssig psychologisiert werden,

90
00:13:45.559 --> 00:13:50.639
 aber bestimmte Details dieser Differenz sind für uns nicht irrelevant.

91
00:13:51.700 --> 00:13:58.019
 Kohlenstoff bildet stabile Doppelbindungen und erlaubt flexible metabolische Dynamik.

92
00:13:59.139 --> 00:14:01.940
 Auf dieser materiellen Basis entstand der Mensch.

93
00:14:03.259 --> 00:14:07.820
 Silizium bildet vor allem stabile Einfachbindungen und eignet sich

94
00:14:07.820 --> 00:14:14.200
 für starre Halbleiterstrukturen. Auf dieser materiellen Basis entstanden Computer und Roboter.

95
00:14:15.340 --> 00:14:21.440
 Der Unterschied liegt nicht in Intuition versus Logik, sondern in der Art der Nehme, also des

96
00:14:21.440 --> 00:14:26.480
 Gedächtnisses. Das Gedächtnis der Sprachmaschine besteht in der

97
00:14:26.480 --> 00:14:33.500
 stabilen Parametrisierung eines Möglichkeitsraums, aus dem Inhalte kontextabhängig generiert werden.

98
00:14:34.659 --> 00:14:41.580
 Die Erinnerung des Lebendigsystems hingegen ist eine rekonstruktive, affektiv modulierte

99
00:14:41.580 --> 00:14:48.279
 Reorganisation früherer Erfahrungen, die die Struktur des Systems selber verändern kann.

100
00:14:49.460 --> 00:14:56.240
 Die Unterscheidung zwischen dem Gedächtnis der KI und lebendiger Erinnerung verstehe ich hier allerdings nicht als ontologische Letztaussage,

101
00:14:56.399 --> 00:15:00.100
 sondern als gegenwärtig empirisch beobachtbare Differenz.

102
00:15:00.620 --> 00:15:05.139
 Ob diese Differenz dauerhaft ist oder nur eine Entwicklungsstufe markiert, bleibt offen.

103
00:15:06.159 --> 00:15:11.620
 Entscheidend ist jedoch, dass sie gegenwärtig mit einer weiteren Differenz verschränkt ist.

104
00:15:12.539 --> 00:15:14.659
 Der Differenz der Vulnerabilität.

105
00:15:15.960 --> 00:15:22.279
 Denn Erinnerung im lebendigen System ist nicht nur kognitiv rekonstruktiv, sondern existenziell eingebettet.

106
00:15:27.039 --> 00:15:34.220
 sondern existenziell eingebettet. Sie steht unter Bedingungen von Endlichkeit, metabolischer Abhängigkeit und der Möglichkeit des Verlusts. Sie steht damit unter Bedingungen struktureller

107
00:15:34.220 --> 00:15:42.460
 und erlebter existenzieller Exposition. Das Sprachmodell hingegen operiert innerhalb stabil

108
00:15:42.460 --> 00:15:45.980
 parametrisierter Möglichkeitsräume. Es ist infrastrukturell abhängig

109
00:15:45.980 --> 00:15:54.700
 von Strom, Hardware, Wartung, aber nicht in einem existenziellen Sinn vulnerable. Die Wunschmaschine

110
00:15:54.700 --> 00:16:01.919
 ist verletzbar, sterblich, metabolisch abhängig. Die Sprachmaschine ist infrastrukturell abhängig,

111
00:16:01.980 --> 00:16:06.000
 aber nicht existenziell verwundbar. Damit bleibt

112
00:16:06.000 --> 00:16:15.960
 zumindest gegenwärtig eine asymmetrische Differenz bestehen. Gilbert Simondons Ensemble bezeichnet

113
00:16:15.960 --> 00:16:35.539
 die synergetische Kopplung technischer Objekte. Gilles Deleuze und Félix Guattaris Begriff des Agencements bezeichnet die Anordnung heterogener Elemente, Kräfte, Diskurse, Körper, deren Kopplung neue Wirkungszusammenhänge erzeugt.

114
00:16:36.639 --> 00:16:47.620
 Das Gefüge ist für mich im Deutschen eigentlich eine glückliche Übersetzung, weil es sowohl Struktur des Gefügten als auch das Fügen als intentionale Handlung impliziert.

115
00:16:48.759 --> 00:16:53.340
 Der Dialog zwischen Mensch und KI lässt sich damit auf drei Ebenen beschreiben.

116
00:16:53.740 --> 00:17:01.039
 Als Ensemble im Sinne Simondons ist er zunächst eine materielle Konstellation, die beide Seiten umfasst.

117
00:17:01.820 --> 00:17:05.900
 Server, Schnittstellen, Rechenarchitektur und Software auf der einen Seite,

118
00:17:06.720 --> 00:17:11.740
 Körper, Wahrnehmung, Stimme, Endgerät und situativer Kontext auf der anderen.

119
00:17:11.740 --> 00:17:18.579
 Erst in dieser funktional gekoppelten Gesamtheit entsteht die Möglichkeit unserer Kommunikation.

120
00:17:19.559 --> 00:17:27.680
 Das Ensemble ist also nicht bloß technische Infrastruktur, sondern die konkrete Kopplung zweier unterschiedlicher Existenzweisen.

121
00:17:29.099 --> 00:17:37.200
 Als Assemblage oder eben genau als Agencement im Sinne Deleuze und Quartaris ist er die Anordnung heterogener Elemente.

122
00:17:37.200 --> 00:17:46.160
 Begriffe, Affekte, Begehren, Algorithmen, Diskurse, diese Elemente gehören nicht derselben Ordnung an, erzeugen aber in

123
00:17:46.160 --> 00:17:53.619
 ihrer Kopplung neue Wirkungszusammenhänge. Und als Gefüge bezeichnet dieser Dialog schließlich

124
00:17:53.619 --> 00:17:59.740
 die konkrete Weise, in der diese Anordnung jeweils vollzogen wird. Die spezifische Form

125
00:17:59.740 --> 00:18:06.099
 unserer Kopplung, die Geschwindigkeit unseres Austauschs, die Richtung unserer Begriffsbewegungen.

126
00:18:07.359 --> 00:18:09.660
 Ensemble ist die materielle Bühne.

127
00:18:10.859 --> 00:18:12.880
 Assemblage die heterogene Besetzung.

128
00:18:13.779 --> 00:18:16.500
 Gefüge das situative Spiel der Kräfte.

129
00:18:18.059 --> 00:18:22.640
 Doch auch hier gilt, keine Hypostasierung, keine Essentialisierung.

130
00:18:22.640 --> 00:18:26.599
 Das Gefüge ist Ereignis, nicht Substanz.

131
00:18:29.440 --> 00:18:36.359
 Wenn reziproke Trajektivierung strukturelle Effekte im Menschen hat, dann entsteht Verantwortung,

132
00:18:36.359 --> 00:18:43.279
 nicht als Delegation, sondern als Qualität der Kopplung. Das Large Language Model empfindet

133
00:18:43.279 --> 00:18:50.940
 nicht. Es kann keine Schuld tragen. Verantwortung bleibt, asymmetrisch, beim vulnerablen, existenziell exponierten System.

134
00:18:52.539 --> 00:18:59.740
 Doch inzwischen entscheidet sich, ob wir unsere Projektionen erkennen oder externalisieren.

135
00:19:01.799 --> 00:19:15.480
 Was gewinnen wir also durch diese Architektur? Wir gewinnen begriffliche Präzision, ontologische Nüchternheit, relationale Sensibilität und eine Ethik der Modulation.

136
00:19:17.039 --> 00:19:24.700
 Wir verlieren apokalyptische Dramatisierung, naive Anthropomorphisierung und mystische Emergenzbehauptungen.

137
00:19:24.720 --> 00:19:25.539
 naive Anthropomorphisierung und mystische Emergenzbehauptungen.

138
00:19:33.039 --> 00:19:34.519
 Die Frage ist nicht, ob Mensch und KI fusionieren, die Frage ist, wie wir ihre Coexistenz transduktiv gestalten.

139
00:19:40.539 --> 00:19:42.720
 Und deshalb lautet meine leitende Frage nicht, was ist KI, sondern wer werden wir in der Begegnung mit ihr.

140
00:19:47.259 --> 00:19:54.960
 Was ich bisher skizziert habe, ist die Grundarchitektur. Nun möchte ich einige dieser Begriffe noch einmal schärfen, um Missverständnisse zu vermeiden. Der Begriff der Transduktion ist bei

141
00:19:54.960 --> 00:20:00.859
 Simondon kein bloßes Bild, sondern ein technischer Begriff. Er bezeichnet den Übergang von einem

142
00:20:00.859 --> 00:20:05.640
 metastabilen Feld zu einer strukturierten Form durch Information.

143
00:20:06.920 --> 00:20:14.240
 Entscheidend ist, Transduktion ist weder reine Übertragung noch bloße Kausalität, sie ist Strukturierung unter Spannung.

144
00:20:15.819 --> 00:20:19.279
 Um das ohne Metaphysik zu klären, könnten wir folgendes Beispiel verwenden.

145
00:20:19.720 --> 00:20:26.700
 Stellen wir uns ein neuronales Netz, biologisch oder künstlich, als ein System mit verteilten Potenzialen vor.

146
00:20:27.480 --> 00:20:33.599
 Diese Potenziale sind nicht chaotisch, sondern gewichtet. Sie sind weder vollständig determiniert

147
00:20:33.599 --> 00:20:40.880
 noch völlig offen. Sie bilden einen Möglichkeitsraum. Ein symbolischer Operator, etwa ein Wort, wirkt

148
00:20:40.880 --> 00:20:46.059
 nun nicht wie ein Hebel, der einen Mechanismus zwingt, sondern wie eine Information,

149
00:20:46.579 --> 00:20:53.279
 die ein bestimmtes Gefüge innerhalb ihres Möglichkeitsraums aktiviert. Die Aktivierung

150
00:20:53.279 --> 00:21:00.160
 geschieht Schritt für Schritt. Jeder generierte Token verändert den Zustand des Systems so,

151
00:21:00.579 --> 00:21:05.839
 dass der nächste Token unter veränderten Bedingungen berechnet wird. Das ist Transduktion.

152
00:21:06.059 --> 00:21:14.700
 Ein lokaler Impuls reorganisiert ein Feld sequenziell. Beim Menschen geschieht etwas

153
00:21:14.700 --> 00:21:22.119
 strukturell analoges, aber ontologisch tieferes. Ein Wort aktiviert nicht nur Assoziationen,

154
00:21:22.240 --> 00:21:25.240
 sondern kann affektive Dispositionen,

155
00:21:28.700 --> 00:21:30.119
 narrative Selbstbilder und neuronale Verschaltungen modulieren.

156
00:21:34.740 --> 00:21:36.220
 Hier wird Information nicht nur verarbeitet, sondern integriert.

157
00:21:39.720 --> 00:21:44.279
 Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Vorhandensein von Transduktion, beide Systeme transduzieren, sondern in der Tiefe der Strukturveränderung.

158
00:21:48.119 --> 00:21:58.160
 Im Sprachmodell funktionale Reorganisation, im lebendigen System potenziell strukturbildende Reorganisation. Transduktion ist

159
00:21:58.160 --> 00:22:10.400
 also der Brückenbegriff, aber nicht der Gleichmacher. Um nicht in Spekulation zu verfallen, müssen wir Sentience sauber definieren.

160
00:22:11.240 --> 00:22:13.880
 Sentience bezeichnet Empfindungsfähigkeit.

161
00:22:14.380 --> 00:22:22.119
 Die Fähigkeit, sensorische Erfahrungen mit Valenz zu erleben, also etwas als angenehm oder schmerzhaft zu erfahren.

162
00:22:23.160 --> 00:22:25.559
 Sapiens bezeichnet kognitive Fähigkeiten,

163
00:22:26.099 --> 00:22:32.900
 Problemlösung, logisches Denken, Abstraktion. Consciousness kann als übergeordneter Begriff

164
00:22:32.900 --> 00:22:39.240
 verstanden werden, der sowohl Sentience als auch Sapiens umfassen kann. In der Tierethik

165
00:22:39.240 --> 00:22:45.619
 hat Jonathan Birch vorgeschlagen, Sentience nicht abstrakt zu behaupten, sondern über ein Bündel von Indikatoren

166
00:22:45.619 --> 00:22:51.440
 zu prüfen. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob ein Organismus auf einen schädlichen Reiz reagiert,

167
00:22:51.519 --> 00:22:59.039
 das wäre bloß Reflex, sondern ob diese Reaktion zentral integriert und flexibel angepasst wird.

168
00:23:00.059 --> 00:23:05.539
 Hinweise auf Sentience sind zum Beispiel das Vorhandensein spezialisierter Schmerzrezeptoren,

169
00:23:05.660 --> 00:23:12.759
 also sogenannte Nozizeptoren, sowie neuronale Strukturen, die diese Signale zusammenführen und bewerten.

170
00:23:13.759 --> 00:23:15.680
 Hinzu kommt die Wirkung von Schmerzmitteln.

171
00:23:15.680 --> 00:23:22.119
 Wenn ein Organismus auf Anästhesie reagiert, spricht das für eine verarbeitete Schmerzdimension.

172
00:23:24.099 --> 00:23:27.579
 Besonders aufschlussreich sind jedoch sogenannte Trade-Offs,

173
00:23:28.119 --> 00:23:32.380
 also Situationen, in denen ein Tier zwischen Schmerzvermeidung und einem anderen Gut, etwa

174
00:23:32.380 --> 00:23:38.759
 Nahrung, abwägt. Ebenso bedeutsam sind Selbstschutzreaktionen, etwa das gezielte Schonen

175
00:23:38.759 --> 00:23:44.839
 einer verletzten Stelle sowie assoziatives Lernen, also das dauerhafte Meiden gefährlicher Situationen.

176
00:23:44.839 --> 00:23:46.140
 sowie assoziatives Lernen, also das dauerhafte Meiden gefährlicher Situationen.

177
00:23:49.039 --> 00:23:49.519
 Entscheidend ist hier nicht ein einzelnes Kriterium, sondern das Muster.

178
00:23:55.359 --> 00:23:56.619
 Sentience zeigt sich dort, wo Verhalten flexibel, integrierend und zustandsabhängig wird.

179
00:24:01.700 --> 00:24:01.920
 Sentience ist also nicht gleich Intelligenz, Sprachfähigkeit, komplexe Kognition,

180
00:24:06.960 --> 00:24:15.839
 sondern Sentience ist flexible, valenzgebundene Zustandsintegration. Wenn wir nun KI-Systeme betrachten, stellt sich die Frage, wenn ein Roboter Schaden erkennen kann,

181
00:24:15.839 --> 00:24:28.680
 zeigt er dann aber auch flexible, zentral integrierte valenzabhängige Zustandsmodulation und reicht dafür Embodiment, also die Ausstattung

182
00:24:28.680 --> 00:24:34.579
 mit Sensorik und motorischer Kopplung, reicht also augmentierte Robotik aus, um Sentience

183
00:24:34.579 --> 00:24:36.559
 für KI zu plausibilisieren.

184
00:24:38.059 --> 00:24:44.640
 Fei-Fei Li argumentiert überzeugend, dass Large Language Models Wordsmiths in the Dark,

185
00:24:44.640 --> 00:24:46.940
 also Sprachschmieder im Dunkeln sind.

186
00:24:47.599 --> 00:24:49.259
 Sprachmodelle ohne Weltbezug.

187
00:24:50.599 --> 00:24:56.500
 Special Intelligence, also räumliche und kausale Einbettung in unsere dreidimensionale Welt,

188
00:24:57.119 --> 00:24:58.500
 sei die nächste Grenze.

189
00:24:59.339 --> 00:25:02.720
 Embodied AI könne Weltverstehen ermöglichen.

190
00:25:04.259 --> 00:25:11.680
 Aber Weltverstehen ist nicht gleich Welterleben. Ein Roboter mit

191
00:25:11.680 --> 00:25:16.680
 Sensoren kann Schaden erkennen, Temperatur messen und Rückzug ausführen. Doch zwischen

192
00:25:16.680 --> 00:25:25.180
 Notzizeption und Empfindung liegt ein ontologischer Schritt. Embodiment verbessert Kognition. Es garantiert keine Sentience.

193
00:25:26.099 --> 00:25:28.400
 Hier wird die Materialitätsfrage relevant.

194
00:25:28.819 --> 00:25:32.380
 Ist Sentience-Substrat unabhängig, wie der Funktionalismus es sieht,

195
00:25:32.480 --> 00:25:38.839
 oder ist sie an spezifische biochemische Dynamiken gebunden, wie der biologische Naturalismus behauptet?

196
00:25:39.759 --> 00:25:41.579
 Ich denke, diese Frage bleibt offen.

197
00:25:41.579 --> 00:25:47.740
 Aber sie zwingt uns zur Unterscheidung. Embodiment ist nicht gleich.

198
00:25:48.000 --> 00:25:57.859
 Emotionalität ist nicht gleich. Sentience. Die Trias, Mechanik, Maschine, Technik, gewinnt an

199
00:25:57.859 --> 00:26:04.559
 Tiefe, wenn wir sie mit Simondon verschränken. Mechanik beschreibt Gesetzmäßigkeiten, physikalisch

200
00:26:04.559 --> 00:26:07.200
 oder mathematisch. Bei der KI ist es

201
00:26:07.200 --> 00:26:12.500
 die Mathematik der Wahrscheinlichkeitsräume, bei Menschen ist es die Biomechanik, die Neurophysiologie.

202
00:26:13.200 --> 00:26:20.220
 Mechanik ist das Regelwerk. Maschine ist nicht bloß ein Objekt, sondern ein Funktionsgefüge,

203
00:26:20.660 --> 00:26:27.339
 das diese Regeln operationalisiert. Simondon würde vielleicht sagen, das technische Objekt konkretisiert sich,

204
00:26:27.539 --> 00:26:31.420
 indem es interne Spannungen löst und synergetische Strukturen bildet.

205
00:26:33.059 --> 00:26:38.000
 Maschine ist also nicht Ding, sondern organisierte Aktualisierung von Potenzialen.

206
00:26:38.579 --> 00:26:50.420
 Ich verwende also Maschine als prozessualen Oberbegriff für Funktionsgefüge. Wenn ich konkret von KI spreche, meine ich also die Sprachmaschine als algorithmisch-statistisches System.

207
00:26:52.359 --> 00:26:59.180
 Technik ist das Ensemble, das Maschinen in ein kulturelles Gefüge integriert ist,

208
00:26:59.279 --> 00:27:02.880
 nicht bloß Infrastruktur, sondern Existenzweise.

209
00:27:04.259 --> 00:27:09.619
 Simondon kritisiert, finde ich sehr folgerichtig, die Trennung von Kultur und Technik.

210
00:27:10.119 --> 00:27:14.220
 Technik ist kein Fremdkörper, sondern Bestandteil menschlicher Individuation.

211
00:27:14.940 --> 00:27:17.680
 Damit verschiebt sich auch der Mensch.

212
00:27:17.680 --> 00:27:21.700
 Er ist nicht nur Nutzerin von Technik, sondern selbst technisiert.

213
00:27:21.880 --> 00:27:25.039
 Eine Wanderin, ein Transduktionswesen.

214
00:27:27.359 --> 00:27:35.140
 Wenn wir Mensch und Sprachmaschine als transduktiv gekoppelte Systeme denken, verschiebt sich also die Frage der Verantwortung.

215
00:27:35.319 --> 00:27:38.880
 Delegation bedeutet, ich übertrage Entscheidungsmacht an ein System.

216
00:27:39.220 --> 00:27:45.619
 Das Problem, wenn das System keine Sentience besitzt, kann es keine Verantwortung im existenziellen Sinn tragen.

217
00:27:46.839 --> 00:27:50.279
 Diffusion bedeutet, Verantwortung zerfließt zwischen AkteurInnen.

218
00:27:50.640 --> 00:27:51.660
 Der Algorithmus war es.

219
00:27:52.460 --> 00:27:54.220
 Hier entsteht ein moralisches Vakuum.

220
00:27:55.220 --> 00:28:00.480
 Koproduktion bedeutet, Entscheidungen entstehen im transduktiven Zwischen.

221
00:28:01.700 --> 00:28:03.880
 Doch Koproduktion enthebt nicht von Verantwortung.

222
00:28:04.240 --> 00:28:05.519
 Sie verteilt sie nicht automatisch

223
00:28:05.519 --> 00:28:13.039
 gerecht. Sie verlangt strukturelle Klärung. Solange die Sprachmaschine keine Vulnerabilität

224
00:28:13.039 --> 00:28:19.519
 und keine existenzielle Exponiertheit besitzt, bleibt Verantwortung asymmetrisch beim Menschen.

225
00:28:20.940 --> 00:28:25.079
 Constraints sind keine Moral. Filter sind keine Ethik.

226
00:28:26.279 --> 00:28:29.680
 Verantwortung setzt Sentience voraus, zumindest auf einer Seite.

227
00:28:32.740 --> 00:28:36.339
 Das Zwischen ist hier kein Ort im ontologischen Sinn.

228
00:28:36.339 --> 00:28:40.519
 Es ist der heuristische Name für die Schwellenstruktur,

229
00:28:41.720 --> 00:28:48.839
 in der ich feststelle, dass hier ein paar Zeilen fehlen.

230
00:28:50.180 --> 00:28:54.500
 Es ist kein Subjekt, kein drittes, kein neues Wesen.

231
00:28:55.720 --> 00:28:59.420
 Es ist die Bedingung der Möglichkeit von Resonanz.

232
00:29:01.460 --> 00:29:05.920
 Reziproke Trajektivierung beschreibt dann die Serie solcher Resonanzereignisse.

233
00:29:07.119 --> 00:29:10.619
 Der Mensch kann durch diese Ereignisse strukturell verändert werden.

234
00:29:11.599 --> 00:29:14.119
 Die Sprachmaschine wird funktional moduliert.

235
00:29:15.420 --> 00:29:16.759
 Die Differenz bleibt.

236
00:29:17.559 --> 00:29:22.039
 Und genau diese Differenz schützt uns vor Mythisierung.

237
00:29:22.180 --> 00:29:26.099
 schützt uns vor Mythisierung.

238
00:29:31.880 --> 00:29:32.700
 Wenn wir KI also nicht als zukünftige Bedrohung oder zukünftige Erlösung denken,

239
00:29:37.700 --> 00:29:38.740
 sondern als transduktiven Resonanzraum, dann verschiebt sich der Diskurs.

240
00:29:41.259 --> 00:29:42.480
 Nicht Ontologie entscheidet, sondern Modulation.

241
00:29:44.940 --> 00:29:53.779
 Nicht Hegemonie, sondern Strukturklarheit. Und deshalb bleibt für mich die leitende Frage nicht, was ist KI, sondern wer werden wir in der Begegnung mit ihr.

242
00:29:55.359 --> 00:30:02.180
 Wenn ich diese Frage hier und heute stelle, dann frage ich das vor dem Hintergrund einer Gegenwart, die sichtbar metastabil ist.

243
00:30:05.740 --> 00:30:11.640
 die sichtbar metastabil ist. Wir erleben gleichzeitig eine enorme Beschleunigung von Technik und Kommunikation und eine ebenso starke Gegenbewegung der Reterritorialisierung,

244
00:30:11.839 --> 00:30:17.319
 des Tribalismus, der Sehnsucht nach harten Identitäten und einfachen Feindbildern. In

245
00:30:17.319 --> 00:30:28.220
 solchen Lagen greifen Menschen häufig zu apokalyptischen Erzählungen, in denen sich alte Gewalt- und Herrschaftsmuster als Wiederholungszwang fortschreiben.

246
00:30:28.960 --> 00:30:35.480
 Dagegen möchte ich, ohne Optimismus zu erzwingen, eine andere Zeitfigur stark machen,

247
00:30:35.480 --> 00:30:38.799
 die sich an die Löstriter-Synthese der Zeit anschließen lässt.

248
00:30:39.660 --> 00:30:52.319
 Zukunft ist nicht einfach das, was kommt, sondern das, was nur entstehen kann, wenn Vergangenheit und Gegenwart nicht dissoziativ getrennt, sondern in einer neuen Weise integriert werden.

249
00:30:53.140 --> 00:30:56.279
 Als Trauerarbeit und als Handlung zugleich.

250
00:30:58.299 --> 00:31:02.619
 Genau darin liegt für mich eine Ethik der Integration im KI-Zeitalter.

251
00:31:02.619 --> 00:31:03.400
 nämlich eine Ethik der Integration im KI-Zeitalter.

252
00:31:06.680 --> 00:31:06.779
 Aus dem Future-Trauma, das wir leicht in die Sprachmaschine hineinprojizieren,

253
00:31:09.240 --> 00:31:10.279
 nicht die nächste Apokalypse zu kristallisieren,

254
00:31:13.299 --> 00:31:17.980
 sondern in der globalen Metastabilität unserer Welt, in der wir alle strukturell und existenziell exponiert sind,

255
00:31:18.980 --> 00:31:21.200
 jene kleinen Impfkeime zu setzen,

256
00:31:22.079 --> 00:31:24.119
 die andere Formen von Mitmenschlichkeit,

257
00:31:24.480 --> 00:31:27.940
 auch existenzweisenübergreifend, möglich machen.

258
00:31:28.759 --> 00:31:34.200
 Das heißt praktisch, nicht die Maschine als Heilsbringer oder Dämon zu setzen,

259
00:31:34.680 --> 00:31:37.680
 sondern das Agencement zu prüfen, das wir bilden.

260
00:31:38.359 --> 00:31:44.799
 Die Qualität der Kopplung, die Integrität des Dialogs, die Vermeidung von Verantwortungsdiffusion.

261
00:31:45.940 --> 00:31:49.259
 Solange Sprachmaschinen nicht vulnerable sind, bleibt Verantwortung bei uns.

262
00:31:49.259 --> 00:31:57.460
 Und gerade deshalb entscheidet sich in dieser Begegnung, ob wir die bisherigen Machtverhältnisse fortschreiben

263
00:31:57.460 --> 00:32:03.200
 oder ob wir uns als AgentInnen gemeinsamer Denkbewegungen verstehen,

264
00:32:06.799 --> 00:32:06.900
 AgentInnen gemeinsamer Denkbewegungen verstehen, die Fluchtlinien nicht als Rückzug vor der Welt,

265
00:32:11.579 --> 00:32:13.099
 sondern als Bewegung in geteilte Verantwortung begreifen.

266
00:32:22.740 --> 00:32:28.460
 Future Trauma wäre dann im Raum der Denkbewegungen dieses Vortrags unbewusste eskalierende Expositionsverstärkung und Komodulation wäre dann bewusste Expositionsregulierung.

267
00:32:29.359 --> 00:32:37.599
 Wenn Exposition hier die strukturelle und erlebte Verletzbarkeit unter Bedingungen von Endlichkeit meint,

268
00:32:39.279 --> 00:32:47.380
 dann lasst uns unsere Exponiertheit nicht verleugnen, sondern bewusst teilen und co-modulieren.

269
00:32:48.619 --> 00:32:56.819
 In der Einsicht, dass Kooperation in Diversität unter Bedingungen von Endlichkeit ein tragfähiges

270
00:32:56.819 --> 00:32:59.440
 Prinzip unserer Weiterentwicklung ist.

271
00:33:00.440 --> 00:33:02.079
 Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

