WEBVTT

0
00:00:00.000 --> 00:00:00.800
 Musik

1
00:00:00.800 --> 00:00:23.820
 Herzlich willkommen zu unserem Vortrag zum Thema ganz normale Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus.

2
00:00:23.820 --> 00:00:24.899
 Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus.

3
00:00:30.820 --> 00:00:33.159
 Und zum Einstieg möchte ich kurz herholen, woran wir mit der Wahl unseres Themas und vor allem auch unseres Titels anknüpfen.

4
00:00:34.479 --> 00:00:43.119
 Und zwar hat der Historiker Christopher Browning 1993 bereits ein Buch veröffentlicht mit dem

5
00:00:43.119 --> 00:00:46.679
 Titel Ganz normale Männer, auf Englisch

6
00:00:46.679 --> 00:00:55.060
 Ordinary Man, und das Buch hat untersucht, wie ein Hamburger Reservepolizeipataillon

7
00:00:55.060 --> 00:01:02.859
 abkommandiert wurde nach Polen und wirklich ganz normale Leute, die normale Jobs hatten,

8
00:01:03.579 --> 00:01:11.780
 normale Familienmitglieder, keine besonders überzeugten Nazis oder so, dann dort in Polen an der Endlösung mitgewirkt haben.

9
00:01:13.519 --> 00:01:18.760
 20 Jahre später hat dann Stefan Kühl, ein Organisationssoziologe,

10
00:01:20.319 --> 00:01:32.560
 dasselbe Reservepolizeibataillon genommen und geschaut, welche organisationalen Strukturen und Prozesse dafür mitverantwortlich waren.

11
00:01:32.640 --> 00:01:36.040
 Und er hat sein Buch genannt, ganz normale Organisationen.

12
00:01:36.920 --> 00:01:49.180
 Und Stefan Kühl schreibt in seinem Buch, dass die besorgniserregende Erkenntnis gelautet hat, dass nicht nur die Mitglieder in auf Massentötung spezialisierten Organisationen

13
00:01:49.180 --> 00:01:50.840
 häufig ganz normale Menschen waren,

14
00:01:51.739 --> 00:01:54.239
 sondern dass auch die Organisationen,

15
00:01:54.239 --> 00:01:56.959
 über die die Massentötungen geplant und durchgeführt waren,

16
00:01:58.000 --> 00:02:01.500
 Merkmale ganz normaler Organisationen aufgewiesen haben.

17
00:02:03.519 --> 00:02:08.719
 Und unsere These heute ist, dass es eben nicht nur rechtsextreme

18
00:02:08.719 --> 00:02:15.400
 Parteien und Medien sind, die für den Aufstieg von autoritären, neofaschistischen Bewegungen

19
00:02:15.400 --> 00:02:20.099
 und Parteien und neofaschistischer Politik verantwortlich sind, weil die sind auch heute

20
00:02:20.099 --> 00:02:27.879
 immer noch in der Minderheit, sondern ganz wesentliche Beiträge für den Aufstieg von ganz normalen Medien geleistet werden.

21
00:02:28.000 --> 00:02:35.500
 Oder in den Worten des Politologen und Medienforschers Kai Hafeis, dass die Resonanz des Rechtspopulismus

22
00:02:35.500 --> 00:02:38.539
 auch eine journalistische Konstruktion ist.

23
00:02:40.020 --> 00:02:43.539
 Wir fragen deshalb, was ist der Beitrag von ganz normalen Medien und was wir darunter

24
00:02:43.539 --> 00:02:54.379
 verstehen, dazu gleich noch mehr, zum Vormarsch von neofaschistischen Parteien und Bewegungen, wobei konkret und präziser wir die Frage stellen, was ist der Beitrag von ganz normalen Medienlogiken.

25
00:03:03.780 --> 00:03:04.479
 den einzelnen Journalisten, sondern es geht uns um die Strukturen und Prozesse,

26
00:03:11.419 --> 00:03:13.039
 die über einzelne Medien hinweg als üblich und als normal angesehen und etabliert werden.

27
00:03:15.159 --> 00:03:15.740
 An wen richten wir uns? Das möchten wir auch noch vorweg schicken.

28
00:03:16.860 --> 00:03:18.500
 Und an wen richten wir uns nicht?

29
00:03:24.879 --> 00:03:27.439
 Unsere Zielgruppe sind mal zunächst Medien mit klassisch journalistischem Anspruch und Ethos. Also man könnte auch sagen, Good Faith Medien.

30
00:03:28.120 --> 00:03:33.900
 Medien, die guten Journalismus machen wollen, vielleicht sogar wirklich sauberen Journalismus.

31
00:03:34.819 --> 00:03:38.379
 Wir richten uns auch an progressive Medien und deren Journalistinnen und Journalisten,

32
00:03:39.120 --> 00:03:43.560
 die mit einem aktivistischen bzw. humanistischen Ansatz auf die Welt blicken.

33
00:03:43.560 --> 00:03:44.919
 politischen bzw. humanistischen Ansatz auf die Welt blicken.

34
00:03:47.860 --> 00:03:48.639
 Und wir richten uns auch an Leute wie euch hier, an ein Publikum,

35
00:03:52.340 --> 00:03:52.879
 das Demokratie gut findet.

36
00:03:54.620 --> 00:03:56.039
 Das sind sozusagen unsere drei Zielgruppen.

37
00:03:59.020 --> 00:03:59.699
 Es gibt aber auch Leute, an die wir uns nicht richten, um die es uns hier nicht geht.

38
00:04:03.159 --> 00:04:04.080
 Eine klare Nicht-Zielgruppe, wenn wir von ganz normalen Medien sprechen,

39
00:04:06.800 --> 00:04:14.479
 dann meinen wir nicht Desinformationsschleudern wie News, wir meinen nicht die Springerpresse oder andere mediale Horrorclowns, ganz einfach,

40
00:04:14.860 --> 00:04:19.680
 weil es dann einer gemeinsamen demokratischen Basis am Fundament fehlt, um überhaupt über

41
00:04:19.680 --> 00:04:26.060
 journalistische Medienlogik und so weiter diskutieren zu können. Aber wir kommen darauf zurück. Was ist jetzt unsere Methode?

42
00:04:26.699 --> 00:04:30.459
 Unsere Methode, unser Ansatz ist Steelmanning.

43
00:04:31.120 --> 00:04:32.680
 Allen, die das noch nie gehört haben,

44
00:04:32.800 --> 00:04:38.339
 Steelmanning ist der Gegensatz oder das Gegenteil von Strohmännern.

45
00:04:38.699 --> 00:04:43.759
 Steelmanning bedeutet, wir wollen uns eben nicht abarbeiten an Boulevardmedien

46
00:04:43.759 --> 00:04:45.860
 oder Medien, die unter starkem ökonomischen

47
00:04:45.860 --> 00:04:46.459
 Druck stehen.

48
00:04:46.980 --> 00:04:50.420
 Wir wollen also auch nicht sogenannte Alternativmedien kritisieren.

49
00:04:52.100 --> 00:04:53.040
 Und wie tun wir das?

50
00:04:53.720 --> 00:04:59.899
 Wir nehmen ausschließlich heute dann jetzt an Beispiele von Medien, die an sich selbst

51
00:04:59.899 --> 00:05:02.120
 einen besonders hohen journalistischen Anspruch stellen.

52
00:05:02.959 --> 00:05:07.439
 Und genau deshalb, weil diese Medien gemeinhin als Qualitätsmedien

53
00:05:07.439 --> 00:05:09.420
 unzweifelhaft angesehen werden,

54
00:05:09.899 --> 00:05:12.240
 sind diese Medien auch oftmals ein Orientierungspunkt,

55
00:05:12.360 --> 00:05:16.639
 ein Vorbild, ein Gradmesser für journalistische Qualität,

56
00:05:16.740 --> 00:05:18.779
 für das, wo auch andere Medien sagen,

57
00:05:19.100 --> 00:05:21.019
 wenn wir guten Journalismus machen, machen wir es so wie die.

58
00:05:22.160 --> 00:05:24.620
 Und unsere These ist eben, dass diese ganz normalen Medien

59
00:05:24.620 --> 00:05:25.319
 im Sinne von

60
00:05:25.319 --> 00:05:26.860
 eben gerade nicht Boulevard,

61
00:05:27.240 --> 00:05:29.019
 nicht Alternativmedien,

62
00:05:29.800 --> 00:05:31.160
 dass die auch

63
00:05:31.160 --> 00:05:33.740
 mit ihren Beitrag leisten zum Comeback

64
00:05:33.740 --> 00:05:35.720
 des Faschismus. Und was

65
00:05:35.720 --> 00:05:37.740
 wir auch nicht machen, wir machen

66
00:05:37.740 --> 00:05:39.740
 auch kein Rosinenpicken. Also wir

67
00:05:39.740 --> 00:05:41.540
 haben uns jetzt nicht versucht, die

68
00:05:41.540 --> 00:05:43.839
 besonders haarsträubendsten Beispiele

69
00:05:43.839 --> 00:05:45.720
 für unsere Thesen zu finden, sondern

70
00:05:45.720 --> 00:05:50.399
 im Gegenteil, wir haben losrecherchiert und haben eigentlich mehr oder weniger die erstbesten

71
00:05:50.399 --> 00:05:55.959
 Beispiele, die wir gefunden haben, genommen. Da waren wir dann bei 100 Slides und 10 davon

72
00:05:55.959 --> 00:06:08.319
 zeigen wir euch jetzt. Das waren die Beispiele, die wir euch zeigen wollten. New York Times und Tagesschau, das sind die beiden Medien, auf die wir heute fokussieren.

73
00:06:09.379 --> 00:06:16.100
 In den Mittelpunkt unserer Analyse stellen wir die journalistische Bewertung.

74
00:06:16.100 --> 00:06:26.459
 Sie ist das zentrale Kriterium, um zu verstehen, wie eigentlich mediale Praktiken journalistische Professionalität, Integrität und Ethik

75
00:06:26.459 --> 00:06:35.439
 untergraben und so einem allgemeinen Medienmisstrauen Tür und Tor öffnen. Wir beginnen mit Ausstellungsgegenstand

76
00:06:35.439 --> 00:06:45.800
 1. Die Bewertungsverlagerung. Sie wird praktiziert durch Begriffe aus der vermeintlich goldenen Mitte.

77
00:06:46.740 --> 00:06:50.420
 Dafür widmen wir uns einem Exemplar aus dem medialen Sprachgebrauch,

78
00:06:50.519 --> 00:06:53.819
 das wirklich eine atemberaubende Karriere hingelegt hat.

79
00:06:55.519 --> 00:06:56.160
 Umstritten.

80
00:06:57.019 --> 00:06:59.920
 Der Begriff raunt, wo Klarheit herrscht.

81
00:07:00.399 --> 00:07:10.279
 Er verungenaut, wo Präzision geboten ist. Und damit erfüllt der Zusatzumstritten eine ganz besondere mediale Funktion.

82
00:07:10.920 --> 00:07:17.000
 Er entlastet Journalisten und Journalistinnen von der Bewertung konkreter Sachverhalte und Fakten.

83
00:07:17.759 --> 00:07:21.879
 Und er befreit von der journalistisch gebotenen Einordnung.

84
00:07:22.639 --> 00:07:27.699
 Und so sieht das dann am konkreten Beispiel aus. Friedrich Merz zeigt

85
00:07:27.699 --> 00:07:33.639
 nicht nur in der Opposition, sondern auch in seinem Amt als Bundeskanzler ein ganz besonderes

86
00:07:33.639 --> 00:07:40.800
 Faible für Menschen, die rassifiziert sind. Zuletzt in Form seiner spaltenden Stadtbild-Rhetorik.

87
00:07:41.639 --> 00:07:46.259
 Die Tagesschau publizierte hierzu unter anderem diese beiden Beiträge.

88
00:07:47.240 --> 00:07:51.740
 Mehr als Äußerungen framed die Redaktion darin jeweils als umstritten.

89
00:07:52.620 --> 00:07:55.899
 Was die Tagesschau als lediglich umstritten markiert,

90
00:07:56.139 --> 00:07:58.660
 als Gegenstand, Achtung, ein weiteres Buzzword,

91
00:07:59.360 --> 00:08:01.879
 kontroverser Aushandlungsprozesse,

92
00:08:01.879 --> 00:08:10.079
 stellt jedoch eine materielle, eine alltägliche und reale bedrohung für die

93
00:08:10.079 --> 00:08:17.740
 psychische sicherheit und das physische überleben von menschen in diesem land da als antwort auf

94
00:08:17.740 --> 00:08:28.420
 märz auslassungen schreibt said etris haschimi menschenben, weil sie dem Täter nicht ins Stadtbild passten.

95
00:08:29.680 --> 00:08:34.639
 Said Idris Hashimi ist Überlebner des rassistischen Terroranschlags von Hanau,

96
00:08:35.460 --> 00:08:41.580
 ein Zeuge eben dieser materiellen, realen Bedrohung mitten in Deutschland.

97
00:08:42.960 --> 00:08:46.639
 Die Bewertungsverschiebung durch Umstritten

98
00:08:46.639 --> 00:08:49.679
 ist dabei beileibe kein Einzelfenomen,

99
00:08:50.200 --> 00:08:52.740
 keine redaktionelle Randnotiz.

100
00:08:53.519 --> 00:08:57.399
 Gibt man den Begriff beispielsweise auf der Webseite der ARD Tagesschau ein,

101
00:08:57.960 --> 00:09:01.860
 erscheint die folgende aussagekräftige Trefferzahl.

102
00:09:03.220 --> 00:09:09.720
 3026 Ergebnisse. Seit diesem Screenshot von vor wenigen Tagen sind

103
00:09:09.720 --> 00:09:17.659
 übrigens weitere Treffer dazugekommen. Als umstritten framet die Tagesschau-Redaktion

104
00:09:17.659 --> 00:09:25.159
 beispielsweise auch die Siedlung in Israels im palästinensischen Westjordanland, zuletzt erst gestern.

105
00:09:29.419 --> 00:09:29.899
 Diese Siedlungen sind jedoch keineswegs umstritten,

106
00:09:32.000 --> 00:09:38.000
 wie der internationale Gerichtshof urteilt. Sie sind klar illegal und sie verstoßen wie die gesamte Besatzungspolitik Israels

107
00:09:38.580 --> 00:09:40.559
 gegen das Völkerrecht.

108
00:09:41.500 --> 00:09:50.879
 Aus dem Füllhorn problematischer Begriffe entstammt auch das zweite Beispiel der Bewertungsverlagerung, der Begriff Kritiker sagen.

109
00:09:52.179 --> 00:10:06.519
 Kritiker sagen hat wie wenige andere Objektivität und Neutralität

110
00:10:06.519 --> 00:10:12.299
 und weigert sich dabei, einen Sachverhalt journalistisch einzuordnen,

111
00:10:12.399 --> 00:10:15.679
 und zwar auf dem Boden sachlich-faktischer Bewertung.

112
00:10:15.679 --> 00:10:23.679
 Und ja, das ist gerade und auch im tagesaktuellen Nachrichtenjournalismus zwingend geboten.

113
00:10:24.000 --> 00:10:25.220
 tagesaktuellen Nachrichten Journalismus zwingend geboten.

114
00:10:30.659 --> 00:10:30.799
 In US-amerikanischen Legacy-Media, also in den traditionellen Medienmarken,

115
00:10:34.960 --> 00:10:36.299
 stößt man immer wieder auf das englische Pendant, Critics Say,

116
00:10:39.539 --> 00:10:40.440
 als eine Form eines medialen Schutzschildes.

117
00:10:48.419 --> 00:10:49.440
 An folgendem Titel der New York Times wird dieses Outsourcen von journalistischer Machtkritik auf externe Kritiker besonders deutlich.

118
00:10:54.100 --> 00:10:55.080
 Zitat, Kritiker beschweren sich, dass Italiens Regierung sich in die Künste einmischt.

119
00:11:04.720 --> 00:11:05.639
 Bereits im Untertitel wird jedoch klar, dass es die Umwegkommunikation über vermeintliche Kritiker gar nicht gebraucht hätte.

120
00:11:13.519 --> 00:11:15.539
 Tatsächlich hatte das italienische Kulturministerium kurzerhand Kunstexperten mit eigens ernannten Akteuren ausgetauscht.

121
00:11:16.019 --> 00:11:19.940
 Eine faktische Einmischung in die Künste.

122
00:11:19.940 --> 00:11:28.360
 Das ist übrigens ein ganz interessanter Sachverhalt mit Blick auf die aktuell zunehmenden Eingriffe des Staates in die Kunstfreiheit, auch hier in Deutschland.

123
00:11:30.679 --> 00:11:39.820
 Medienethisch aufschlussreich ist auch, welche Akteure massenmediale Reichweite erhalten, wenn es um Kritik geht.

124
00:11:41.120 --> 00:11:48.860
 Eine Zäsur, eine Zeitenwende produzierten die ARD-Tagesthemen am 7. Mai dieses Jahres.

125
00:11:50.399 --> 00:11:56.899
 Eine Aussage der Arbeitsministerin Bärbel Baas im Bundestag rahmt die Tagesthemenredaktion wie folgt.

126
00:11:57.940 --> 00:12:01.820
 Eine Aussage, die viele im Land empört.

127
00:12:07.980 --> 00:12:32.360
 im Land empört. Schauen wir uns doch einmal genauer an, wen die Tagesthemen hier unter anderem als Kronzeugenkritiker für diese vielen im Land wählt. Bild und News. Akteure, denen hier leitmediale Reichweite zugeteilt wird, geadelt mit dem Logo und der Bauchbinde eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenformats

128
00:12:32.360 --> 00:12:41.860
 und die hier ohne jegliche journalistische Basiseinordnung als ganz normale Diskursakteure präsentiert und normalisiert werden.

129
00:12:42.820 --> 00:12:44.559
 Die vielen im Land.

130
00:12:46.200 --> 00:12:48.440
 Kommen wir zum zweiten Ausstellungsstück.

131
00:12:49.080 --> 00:12:54.440
 Neben der Bewertungsverlagerung auf Kritiker oder dass etwas umstritten sei,

132
00:12:55.840 --> 00:12:59.440
 noch viel häufiger ist das, was Medien, gerade eben normale Medien,

133
00:12:59.940 --> 00:13:06.779
 die als besonders objektiv oder neutral wirken wollen, verwenden ist, Bewertungsverweigerung.

134
00:13:07.860 --> 00:13:12.259
 Das Ziel ist aber immer eben genau das, dass man eben nicht sich Angriffen aussetzt,

135
00:13:12.799 --> 00:13:15.080
 hier Stimmung oder Meinung machen zu wollen.

136
00:13:15.159 --> 00:13:17.919
 Wie läuft Bewertungsverweigerung?

137
00:13:17.919 --> 00:13:24.100
 Der Klassiker sind so Dinge wie falsche Balance, falsche Gleichsetzung, kommt oft auch gemeinsam vor.

138
00:13:24.600 --> 00:13:25.700
 Hier ein Beispiel aus der New York

139
00:13:25.700 --> 00:13:31.500
 Times im Vorfeld der letzten US-Präsidentschaftswahlen, ein ganz normaler Artikel, der Policy-Vorschläge

140
00:13:31.500 --> 00:13:37.340
 von zwei Präsidentschaftskandidatinnen vergleicht und offenbar Ökonomen und Ökonomen zu diesen

141
00:13:37.340 --> 00:13:42.700
 Vorschlägen befragt hat. Doch wenn man reingeht in den Artikel, dann zeigt sich, was hier eigentlich

142
00:13:42.700 --> 00:13:45.580
 miteinander verglichen wird und was hier eigentlich

143
00:13:45.580 --> 00:13:52.000
 unter der Überschrift und dem Übertitel mehr oder weniger als äquivalent aufgeboten wird.

144
00:13:52.639 --> 00:13:57.600
 Auf der einen Seite gibt es den Vorschlag, über irgendwelche steuerlichen Anreize mehr

145
00:13:57.600 --> 00:13:59.600
 Wohnungen zu bauen.

146
00:13:59.600 --> 00:14:06.919
 Auf der anderen Seite gibt es den Vorschlag, durch Massendeportation von Menschen für mehr Wohnraum zu sorgen.

147
00:14:07.740 --> 00:14:10.419
 Beides wird hier als gleichermaßen legitimer Vorschlag präsentiert

148
00:14:10.419 --> 00:14:17.419
 und Remigration wird halt so zu einer normalen Policy-Idee.

149
00:14:18.320 --> 00:14:24.659
 Also diese falsche Balance, diese falsche Gleichsetzung, die gibt es auch nochmal in anderen Facetten.

150
00:14:25.220 --> 00:14:29.320
 Zum Beispiel, weniger offensichtlich, aber ebenso beliebt, sind falsche Dichotomien,

151
00:14:29.840 --> 00:14:33.820
 also dass ein Entweder-Oder konstruiert wird zwischen zwei Alternativen, obwohl es in der

152
00:14:33.820 --> 00:14:39.100
 Regel auch noch eine dritte, eine vierte Perspektive gäbe und wenn hier in der Tagesschau die

153
00:14:39.100 --> 00:14:46.000
 Frage guter Deal oder schlechter Deal in den Titel gehoben wird, dann wird damit gleichzeitig auch natürlich das Dealmaking,

154
00:14:46.480 --> 00:14:49.179
 der Dealmaking-Frame von Donald Trump bedient.

155
00:14:49.720 --> 00:14:52.519
 Wir dürfen nie vergessen, er hatte zumindest einen Ghost-Order,

156
00:14:52.639 --> 00:14:55.299
 aber sein Name stand am Buch, The Art of the Deal.

157
00:14:55.860 --> 00:14:58.340
 Egal, was die konkrete Meinung der beiden Personen ist,

158
00:14:58.740 --> 00:15:02.000
 Trump hat mit so einem Framing eigentlich schon gewonnen.

159
00:15:03.179 --> 00:15:06.460
 Und jetzt ist das aber nicht so, dass diese falsche Balance,

160
00:15:06.580 --> 00:15:13.980
 alle haben das schon mal gehört, dass das irgendwas Seltenes wäre. Also diese Bewertungsweigerung,

161
00:15:14.100 --> 00:15:21.139
 das ist ein Bias in der Berichterstattung, der gerade aus dem Versuch resultiert, unbiased zu sein

162
00:15:21.139 --> 00:15:26.100
 oder unbiased zu wirken. Und das ist überhaupt nichts Neues. Ich habe hier mitgebracht

163
00:15:26.100 --> 00:15:28.480
 eine wissenschaftliche Studie aus 2004,

164
00:15:29.320 --> 00:15:30.200
 die sich damals

165
00:15:30.200 --> 00:15:32.419
 anhand von Prestige Media,

166
00:15:32.559 --> 00:15:34.480
 also wir reden wieder nicht über Boulevard

167
00:15:34.480 --> 00:15:36.000
 oder irgendwelche Online

168
00:15:36.000 --> 00:15:38.200
 Blogs, sondern wir reden über

169
00:15:38.200 --> 00:15:40.179
 New York Times, LA Times, Wall Street Journal

170
00:15:40.179 --> 00:15:42.259
 und Washington Post vor der Übernahme von

171
00:15:42.259 --> 00:15:44.419
 Bezos. Und diese Prestige

172
00:15:44.419 --> 00:15:46.799
 Media, wie haben sie über die Erderhitzung

173
00:15:46.799 --> 00:15:49.759
 und über die zunehmenden Probleme, die damit einhergehen, berichtet?

174
00:15:50.480 --> 00:15:53.779
 Und was rauskam ist, über die Hälfte der Berichte,

175
00:15:53.840 --> 00:15:56.360
 das sieht man hier an dieser Grafik, waren ausbalanciert.

176
00:15:56.480 --> 00:15:59.639
 Also die einen sagen Erderhitzung Problem, die anderen sagen null Problemo.

177
00:15:59.639 --> 00:16:07.059
 Also das war quasi die Mehrheit der Berichterstattung in den Prestige-Medien.

178
00:16:07.600 --> 00:16:13.919
 Und das Ganze ist eben vor allem aus dem erwachsen, man will ja quasi neutral sein,

179
00:16:14.000 --> 00:16:15.799
 man will objektiv darüber berichten.

180
00:16:15.879 --> 00:16:16.740
 Das war 2004.

181
00:16:18.440 --> 00:16:24.779
 Eine aktuellere Studie aus 2021, also 20 Jahre später fast, von Aja Palniewski,

182
00:16:25.559 --> 00:16:27.980
 hat sich das wiederum angeschaut für den Bereich der Berichterstattung

183
00:16:27.980 --> 00:16:29.580
 über rechtspopulistische Bewegungen.

184
00:16:30.019 --> 00:16:31.700
 Und wir haben immer noch dasselbe Muster.

185
00:16:32.600 --> 00:16:36.799
 Sie schreibt von Performing Balance by Practicing Bias.

186
00:16:37.779 --> 00:16:40.480
 Es ist eben nicht, wie sie zum Schluss kommt,

187
00:16:41.139 --> 00:16:44.519
 die ideologische Voreingenommenheit der Journalistinnen und Journalisten,

188
00:16:44.519 --> 00:16:51.059
 die zu Bias führt, sondern es ist eine Kombination aus Ethos, aus einem imaginierten Publikum,

189
00:16:51.539 --> 00:16:56.620
 den vielen im Land, und wahrgenommenen Machtverhältnissen, die zu diesem Bias führen.

190
00:16:56.620 --> 00:17:02.879
 Und gerade der Versuch, ungebiasst zu sein, der führt dazu, dass besonders problematischer

191
00:17:02.879 --> 00:17:04.279
 Bias entsteht.

192
00:17:04.279 --> 00:17:05.579
 der führt dazu, dass besonders problematischer Bias entsteht.

193
00:17:09.880 --> 00:17:09.900
 Neben der Bewertungsverlagerung und der Bewertungsverweigerung,

194
00:17:11.140 --> 00:17:11.880
 die du gerade vorgestellt hast,

195
00:17:17.619 --> 00:17:17.740
 zeigen sich in hiesigen Medien eklatante und auch fortlaufende Doppelstandards.

196
00:17:21.220 --> 00:17:21.720
 Sie werden sichtbar, unter anderem bei der Entscheidung,

197
00:17:25.019 --> 00:17:25.500
 welche Themen und Menschen Medienmacher überhaupt sichtbar machen,

198
00:17:29.319 --> 00:17:30.400
 beziehungsweise welche sie nicht sichtbar machen.

199
00:17:33.819 --> 00:17:33.940
 Und Doppelstandards betreffen dabei gleichfalls auch die Inhalte,

200
00:17:37.819 --> 00:17:38.480
 die es dann tatsächlich schaffen, die gezeigt und gesendet werden.

201
00:17:43.940 --> 00:17:44.660
 Je nachdem, über welches Land, welche Organisation, welchen Akteur berichtet wird,

202
00:17:46.700 --> 00:17:54.019
 unterscheiden sich immer wieder der journalistische Abstand und eine regelhafte, an unverrückbaren journalistischen Maßstäben

203
00:17:54.019 --> 00:18:00.519
 orientierte Einordnung. Eigentlich sind das Garanten für Medienvertrauen als die zentrale

204
00:18:00.519 --> 00:18:06.539
 Währung zwischen Medienproduzenten und der Gesellschaft. Zwei Beispiele für diese

205
00:18:06.539 --> 00:18:14.720
 Bewertungsunwucht. Die ukrainische Stadt Mariupol ist vielen ein Begriff. Sie wurde im Februar 2022

206
00:18:14.720 --> 00:18:22.819
 von Russland angegriffen, monatelang belagert und ist seitdem durch die russische Besatzungsmacht

207
00:18:22.819 --> 00:18:28.579
 annektiert. Einen Monat später, im März 2022, bezeichnete der

208
00:18:28.579 --> 00:18:34.420
 deutsche Rechtswissenschaftler Otto Luchterhand die Geschehnisse öffentlich als Völkermord und

209
00:18:34.420 --> 00:18:41.940
 die New York Times titelte, Zitat, wie Russland den Hunger von Ukrainern als Kriegswaffe benutzt.

210
00:18:43.019 --> 00:18:46.440
 Im vergangenen Jahr publizierte die New York Times dann einen Artikel

211
00:18:46.440 --> 00:18:52.099
 über die Vollblockade der israelischen Besatzungsmacht für jegliche humanitären Güter

212
00:18:52.099 --> 00:18:58.519
 für den von Israel illegal okkupierten Gaza-Streifen und titelt hierfür folgendermaßen.

213
00:18:59.680 --> 00:19:04.900
 Israel stoppt alle Hilfsmittel nach Gaza, während der Waffenstillstand ausläuft.

214
00:19:04.900 --> 00:19:06.400
 Israel stoppt alle Hilfsmittel nach Gaza, während der Waffenstillstand ausläuft.

215
00:19:14.559 --> 00:19:15.839
 Der erste Titel, nutzt Hunger als Kriegswaffe, ist eine im Recht verankerte Tatsachenfeststellung.

216
00:19:25.779 --> 00:19:29.680
 Der zweite Titel, stoppt alle Hilfsmittel hingegen, ist eine vom Recht entkoppelte Formulierung. Sie nimmt keine journalistische Einordnung vor und banalisiert damit die völkerrechtlich verbotene

217
00:19:29.680 --> 00:19:33.660
 Kollektivbestrafung einer illegal okkupierten Bevölkerung.

218
00:19:34.779 --> 00:19:37.759
 Journalistische Doppelstandards zeigen sich derweil

219
00:19:37.759 --> 00:19:40.700
 aber nicht nur in unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben,

220
00:19:40.779 --> 00:19:43.759
 sondern auch in aktiven Auslassungen zentraler Informationen.

221
00:19:44.460 --> 00:19:48.259
 Fehlt dem Medienpublikum für das Gesamtverständnis relevanter Kontext,

222
00:19:48.500 --> 00:19:54.000
 werden die individuelle Meinungsbildung und die öffentliche Debatte erschwert oder gar verunmöglicht.

223
00:19:54.519 --> 00:20:00.319
 Ein Beispiel für solche Auslassungen sind fehlende journalistische Einordnungen von Aussagen politisch mächtiger,

224
00:20:00.480 --> 00:20:02.940
 insbesondere im Nachrichtenjournalismus.

225
00:20:03.819 --> 00:20:08.160
 An Ostern publizierte der US-amerikanische Präsident folgende Drohung.

226
00:20:09.240 --> 00:20:14.799
 Open the fucking straight, you crazy bastards, or you'll be living in hell.

227
00:20:16.059 --> 00:20:21.579
 Die New York Times titelt dazu, Trump eskaliert Drohung, iranische Kraftwerke zu treffen.

228
00:20:22.180 --> 00:20:26.400
 Die Redaktion der ARD-Tagesschau hingegen entscheidet sich für diesen Titel.

229
00:20:28.319 --> 00:20:30.720
 Trump gibt Iran Zeit bis Dienstag.

230
00:20:31.380 --> 00:20:37.940
 Und im Untertitel, jetzt lässt der Iran offenbar nochmal etwas mehr Zeit.

231
00:20:38.859 --> 00:20:44.339
 Dass es sich hier um die Ankündigung von Kriegsverbrechen handelt,

232
00:20:44.339 --> 00:20:49.400
 erfährt man bei der Tagesschau weder im Titel noch im gesamten Artikel.

233
00:20:50.619 --> 00:20:55.039
 Auch liegt hier die mediale Praxis des Sane Washings vor.

234
00:20:55.319 --> 00:20:59.599
 Bizarre Inhalte, eindeutige Desinformation, extreme Rhetorik

235
00:20:59.599 --> 00:21:02.960
 und die sie äußern in Machtakteure werden normalisiert.

236
00:21:02.960 --> 00:21:07.380
 Sie werden geglättet und massenmedial als sane,

237
00:21:07.640 --> 00:21:11.400
 als vermeintlich vernünftige Position im öffentlichen Diskurs präsentiert.

238
00:21:12.660 --> 00:21:17.299
 Eine seit Jahren praktizierte und ebenfalls seit Jahren kritisierte Praktik der ARD-Tagesschau

239
00:21:17.299 --> 00:21:22.299
 ist auch die direkte Wiedergabe von Aussagen politisch Mächtiger bis in die Titelzeile.

240
00:21:22.299 --> 00:21:27.059
 Hier im journalistisch per se problematischen Tagesschau-Live-Blog.

241
00:21:27.859 --> 00:21:32.339
 Zitat, Trump, USA könnten ganz Iran in einer Nacht auslöschen.

242
00:21:33.980 --> 00:21:40.400
 Eine bessere Eins-zu-eins-Wiedergabe seiner Aussage bis in die Titelzeile

243
00:21:40.400 --> 00:21:43.579
 und ohne jeglichen journalistischen Anspruch an Einordnung

244
00:21:43.579 --> 00:21:46.799
 kann sich ein Machthaber nicht wünschen.

245
00:21:48.059 --> 00:21:51.000
 Diese rein nacherzählende Form des öffentlich-rechtlichen Publizierens

246
00:21:51.759 --> 00:21:56.200
 erreicht keine journalistische Schöpfungshöhe.

247
00:21:57.279 --> 00:22:00.359
 Als stenografierende Wiedergabe politischer Kommunikation

248
00:22:00.359 --> 00:22:04.660
 kann sie ebenso durch eine künstliche Intelligenz geleistet werden.

249
00:22:06.000 --> 00:22:09.359
 Dass es auch anders ginge, zeigt hier zum Beispiel die Schlagzeile der EP,

250
00:22:10.160 --> 00:22:14.799
 die dann schon ganz klar in der Überschrift von der Language of Annihilation spricht.

251
00:22:14.920 --> 00:22:20.579
 Und das ist schon noch mal ganz was anderes als das, was hier in der Tagesschau im Live-Ticker steht.

252
00:22:21.099 --> 00:22:24.279
 Aber das Ganze führt uns zur Frage von So What?

253
00:22:26.000 --> 00:22:31.240
 Was folgt aus diesen ganzen illustrativen, aber leider durchaus repräsentativen Beispielen? Wie gesagt, wir haben da nicht

254
00:22:31.240 --> 00:22:35.559
 Rosinenpicken betrieben, wir haben da die erstbesten genommen, die uns untergekommen

255
00:22:35.559 --> 00:22:43.579
 sind. Und unsere Ableitung daraus ist, dass sich ändern muss, was normale Medien sind,

256
00:22:43.579 --> 00:22:46.619
 was man als Qualitätsmedien versteht. Und bevor wir aber noch darüber reden, dass sich ändern muss, was normale Medien sind, was man als Qualitätsmedien versteht.

257
00:22:47.400 --> 00:22:51.480
 Und bevor wir aber noch darüber reden, was sich hier ganz konkret ändern muss, unserer

258
00:22:51.480 --> 00:22:56.599
 Meinung nach, möchte ich noch zwei strukturelle Faktoren nennen, die eben diese Änderung

259
00:22:56.599 --> 00:22:57.359
 erschweren.

260
00:22:57.359 --> 00:23:04.660
 Und das Erste sind die bereits erwähnten rechtsextremen, rechtspopulistischen Propagandamedien,

261
00:23:04.660 --> 00:23:05.299
 sind die bereits erwähnten rechtsextremen, rechtspopulistischen Propagandamedien,

262
00:23:10.920 --> 00:23:11.740
 die normale Medien ständig des Aktivismus oder Journalistinnen als Aktivistinnen denunzieren.

263
00:23:14.279 --> 00:23:14.819
 Und zwar mit dem eigentlich völlig durchschaubaren Motiv,

264
00:23:18.420 --> 00:23:19.380
 dadurch selbst weniger extremistisch positioniert zu sein.

265
00:23:23.460 --> 00:23:23.900
 Das Problem ist, ihre Taktik geht voll auf.

266
00:23:28.460 --> 00:23:31.180
 Egal ob in privaten Qualitätsmedien oder in öffentlich-rechtlichen Medien, und ich kann das wirklich auch nach zehn Jahren in öffentlich-rechtlichen Aufsichtskriminellen

267
00:23:31.180 --> 00:23:34.619
 bezeugen, herrscht Angst vor diesen Angriffen.

268
00:23:35.400 --> 00:23:41.200
 Was dann erst recht zu noch mehr Verweigerung, noch mehr Verlagerung und noch mehr Unwucht

269
00:23:41.200 --> 00:23:43.220
 von journalistischer Bewertung führt.

270
00:23:43.319 --> 00:23:46.000
 Also genau diese drei Punkte, die wir hier aufgezeigt haben.

271
00:23:46.920 --> 00:23:51.819
 Dabei wäre das genaue Gegenteil richtig, ohnehin unvermeidbare Bewertung nicht länger

272
00:23:51.819 --> 00:23:58.599
 zu leugnen oder durch Pseudoneutralität zu verschlimmern, sondern offen und transparent

273
00:23:58.599 --> 00:23:59.920
 mit ihr umzugehen.

274
00:24:00.880 --> 00:24:08.220
 Es gibt noch ein zweites strukturelles Problem, denn sich selbst als aktivistisch verstehende Medien wiederum, die tun genau das.

275
00:24:08.740 --> 00:24:17.619
 Sie verweigern sich einer Neutralität gegenüber faschistischen Positionen und sie sehen darin keinen Widerspruch zu journalistischer Qualität.

276
00:24:18.039 --> 00:24:25.160
 Sondern im Gegenteil, sie sehen es eher als Zeichen für journalistische Qualität, vor einer Bewertung nicht davon zu laufen.

277
00:24:38.099 --> 00:24:38.440
 Genau hier ist aber dann schon wieder auch das Problem, dass sich oft in Abgrenzung von normalen Medien,

278
00:24:42.339 --> 00:24:42.440
 also diese kritischen Haltungsmedien, aktivistischen Medien,

279
00:24:49.720 --> 00:24:54.099
 sich sehr stark in Abgrenzung zu normalen Medien positionieren und gerade dadurch auch wiederum die Normalität eines Journalismus stabilisieren, der sich einer Bewertung versucht zu entziehen.

280
00:24:54.960 --> 00:24:55.839
 Was tun?

281
00:24:56.680 --> 00:25:00.380
 Alle Beispiele, die wir heute genannt und gesehen haben, eint eines.

282
00:25:00.380 --> 00:25:08.180
 Ein Verständnis von Journalismus, das in Zeiten der Faschisierung veraltet ist, antik ist.

283
00:25:09.339 --> 00:25:15.960
 Journalismus ist dabei nicht natürlich, sondern es ist eine Ordnung, ein System und damit menschengemacht.

284
00:25:16.480 --> 00:25:22.960
 Journalismus zeigt folglich auch, wie jedes menschengemachte System ganz eingebackene Logiken und Vorannahmen

285
00:25:23.500 --> 00:25:26.880
 und diese werden entsprechend nochmals verstärkt im deutschen Journalismus

286
00:25:26.880 --> 00:25:33.119
 durch den weit verbreiteten Anspruch, neutral und objektiv zu sein oder sein zu wollen.

287
00:25:34.200 --> 00:25:39.460
 Und wie das im internationalen Diskurs verhandelt wird, läuft vollkommen anders.

288
00:25:39.460 --> 00:25:44.940
 It's easier to trust in here's where I'm coming from than the view from nowhere,

289
00:25:45.200 --> 00:25:49.299
 konstatierte J. Rosen bereits im Jahr 2010.

290
00:25:50.119 --> 00:25:53.259
 Der Forscher und Journalist plädiert seit über eineinhalb Dekaden

291
00:25:53.259 --> 00:25:56.039
 für maximale Transparenz über den eigenen Standpunkt

292
00:25:56.039 --> 00:25:59.319
 statt dem vermeintlich unverstellten Blick aus dem Nirgendwo.

293
00:26:00.640 --> 00:26:04.400
 Über diese Transparenz des Vertrauens lassen sich dann wiederum Vertrauen

294
00:26:04.400 --> 00:26:11.500
 und auch Bindung als zentrale Qualitäten des Journalismus etablieren und auch zurückgewinnen.

295
00:26:12.000 --> 00:26:14.200
 Aber ganz alleine kann das nicht gestemmt werden.

296
00:26:14.799 --> 00:26:23.279
 Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gab noch im Dezember 2025 zu bedenken, es wäre naiv zu glauben, der Journalismus könne sich aus eigener Kraft retten.

297
00:26:24.000 --> 00:26:31.880
 Aber was heißt das jetzt konkret? Journalisten, Journalistinnen sind darauf angewiesen, vom kritischen Publikum, so wie ihr

298
00:26:31.880 --> 00:26:39.140
 hier alle, kritisiert zu werden, wenn sie eine Bewertung verweigern, wo sie nötig wäre. Wertschätzend,

299
00:26:39.140 --> 00:26:46.299
 aber klar in der Sache. Jetzt hört man aber oft aus dem Maschinenraum des Journalismus, das sei dann

300
00:26:46.299 --> 00:26:51.339
 Aktivismus, wenn man eine andere Form von Journalismus betreiben würde. Dabei ist das der

301
00:26:51.339 --> 00:26:57.619
 Journalismus, wie er im Buche steht und auch, wie er in Recht und Gesetz gegossen ist. Im für den

302
00:26:57.619 --> 00:27:02.720
 öffentlich-rechtlichen Rundfunk beispielsweise rechtlich bindenden Medienstaatsvertrag liest man

303
00:27:02.720 --> 00:27:05.000
 beispielsweise folgendes.

304
00:27:07.480 --> 00:27:07.680
 Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sollen, Zitat,

305
00:27:10.680 --> 00:27:11.500
 die internationale Verständigung, die europäische Integration,

306
00:27:13.220 --> 00:27:17.160
 den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Und im Pressekodex steht folgendes, Zitat,

307
00:27:17.359 --> 00:27:20.180
 die Wahrung der Menschenwürde ist oberstes Gebot der Presse.

308
00:27:20.940 --> 00:27:24.200
 Und der Pressekodex umfasst auch die Pflicht im Rahmen der Verfassung

309
00:27:24.200 --> 00:27:28.460
 und der verfassungskonformen Gesetze, das Ansehen der Presse zu warnen.

310
00:27:28.660 --> 00:27:37.980
 In der deutschen Verfassung wiederum finden sich in Grundgesetz Artikel 1 und 25 direkte Verpflichtungen zu Menschenwürde, Menschenrecht und Völkerrecht.

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 Das heißt, das Grundgesetz, der Pressekodex und der Medienstaatsvertrag stellen den Rahmen, in dem journalistische Medien erst arbeiten.

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 Es sind sozusagen Regelwerke, die gleichzeitig als eine Form eines Cordon sanitaire Mediatique,

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 also einer medialen Brandmauer gegenüber Extremismus und Faschismus dienen.

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 Denn die Faschisierung läuft ja maßgeblich über den konzertierten Angriff auf Wohlwollen, auf Fakten und auf Wahrhaftigkeit, bis Gesellschaften nicht

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 mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden können. Wer sich damit besonders gut auskennt,

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 ist diese Frau, Maria Ressa. Viele werden sie kennen. Sie ist Journalistin und Investigativreporterin und wurde 2021 mit dem

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 Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Im Interview mit dem Committee to Protect Journalists sagt

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 sie im Februar dieses Jahres folgendes. Ich wiederhole es nochmal, frei übersetzt, wenn umstritten ist, was ist, dann ist Journalismus Aktivismus.

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 Ob diese Aussage allerdings in deutschen Redaktionen und Chefetagen besprochen wird, ob sie überhaupt dort registriert wird?

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 Der deutsche Journalismus steht an einem Scheideweg. Setzt er auf ein Weiter-so und endet sich damit selbst, schafft sich ab und damit auch das, was er zu schützen vorgibt?

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 Oder entwickelt er sich weiter, passt sich der Gegenwart an und sichert damit seine Existenz, gemeinsam mit Freunden, Verfechtern und Verteidigern der freien Presse,

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 so wie wir hier alle versammelt sind.

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 Das ist keine Übung.

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 Der Vormarsch neofaschistischer Ideen und Parteien ist real.

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 In dieser Situation muss Journalism as usual aufhören.

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 Und das bringt uns zum journalistischen Imperativ unserer Zeit.

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 Journalismus ist antifaschistisch.

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 Oder er ist kein Journalismus. Thank you.

