WEBVTT

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00:00:00.000 --> 00:00:15.519
 Ja, sehr geehrte Damen und Herren, ich darf Sie herzlich begrüßen.

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00:00:16.199 --> 00:00:26.760
 Mein Name ist Johann Bacher und ich habe die ehrenvolle Aufgabe, Ihnen zu Beginn einen kurzen Überblick über das heutige Programm zu vermitteln. Im Zentrum steht

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00:00:26.760 --> 00:00:36.140
 das Buch Josef Finster – Eine Recherche Bad Ischl, Linz, Dachau, Flossenbürg, das Waltraud

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00:00:36.140 --> 00:00:42.799
 Kanonier-Finster und Meinrad Siegler geschrieben haben. Mit beiden verbindet mich eine lange

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00:00:42.799 --> 00:00:53.280
 Freundschaft und gemeinsam geben wir seit zehn Jahren die Marie-Jauda-Edition heraus und das ist auch der Grund, warum mir diese Aufgabe heute zuteil wurde.

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00:00:53.740 --> 00:01:05.799
 In dem heute präsentierten Buch geht es um die Lebensgeschichte eines Mannes, der 1900 in Linz in bescheidenen, einfachen Verhältnissen geboren wurde.

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00:01:06.700 --> 00:01:17.519
 Die Nationalsozialisten stempelten ihn zum Berufsverbrecher und 1941 verstarb er im Konzentrationslager Flossenbürg.

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00:01:17.519 --> 00:01:28.560
 Das Buch führt uns, führt Sie heute dann in die Randzonen von Linz in den 1920er, 1930er Jahren und beschreibt die

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00:01:28.560 --> 00:01:34.939
 Lebensverhältnisse, die Lebenssituation in den Barackensiedlungen, die errichtet wurden,

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00:01:34.939 --> 00:01:42.040
 um die Wohnungsnot in Linz zu lindern. Das Buch, wenn Sie es anschließend kaufen, Sie werden es

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00:01:42.040 --> 00:01:49.620
 sehen, basiert auf einer Vielzahl von Quellen, die die beiden in jahrelanger Arbeit mühsam recherchiert haben.

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00:01:50.480 --> 00:01:55.519
 Von Josef Finster selbst, dem Proponenten des Buches, gab es kaum Quellen dazu.

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00:01:56.219 --> 00:02:11.159
 Waltraud ist allerdings die Großnichte von Josef Finster. Sie hat an der Johannes Kepler Universität Linz Soziologie studiert und arbeitete anschließend am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck.

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00:02:11.680 --> 00:02:17.120
 Meinrad Ziegler, ebenfalls Soziologe, er war an der Universität Linz tätig.

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00:02:17.680 --> 00:02:27.740
 Beiden, und ich glaube, das zeigt auch dieses Buch sehr gut, ist es wichtig, aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Verhältnisse das Leben von

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00:02:27.740 --> 00:02:35.120
 Menschen prägen. Das ist nun deshalb ein Anliegen, damit voreilige Schlussfolgerungen, einfache,

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00:02:35.120 --> 00:02:41.419
 simple Schuldzuweisungen an Personen vermieden werden. Gleichzeitig aber, glaube ich, geht es

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00:02:41.419 --> 00:02:54.879
 auch darum, und das zeigt auch dieses Fallbeispiel sehr deutlich, aufzuzeigen, dass Menschen trotz widriger Lebensumstände versuchen, ein selbstbestimmtes, ein eigenes Leben zu führen.

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00:03:03.900 --> 00:03:04.740
 Verleger, Eigentümer des Verlages ist Alexander Döck-Göderin.

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00:03:10.680 --> 00:03:11.280
 Er ist nicht nur Verleger, sondern betreibt auch die Buchhandlung Kulturdirektion,

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00:03:15.479 --> 00:03:15.860
 die letztes Jahr als Buchhandlung des Jahres ausgezeichnet wurde.

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00:03:20.259 --> 00:03:31.360
 Nochmals Gratulation Alexander und möchte die Gelegenheit nützen. Bevor wir vielleicht auf das Buch zu sprechen kommen, was waren die Motive, einen Verlag zu gründen?

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00:03:33.919 --> 00:03:37.860
 Ja, das ist jetzt so auf die Schnelle gar nicht zu sagen.

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00:03:39.199 --> 00:03:40.099
 Wir haben Zeit.

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00:03:40.360 --> 00:03:43.319
 Ja, ja, ich glaube, die Maria denkt da anders.

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00:03:58.099 --> 00:04:08.080
 Ja, ja, ich glaube, die Maria denkt da anders. Wie so oft in meinem Leben war das eigentlich weder beabsichtigt noch dann wirklich Sinn ergeben am Anfang. Das hat sich erst dann mit der Reihe, mit den ersten Veröffentlichungen herausgestellt, dass das durchaus funktioniert. was ein großes Erstaunen war. Und nichtsdestotrotz sind wir nach wie vor ein sehr kleiner,

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00:04:08.340 --> 00:04:10.240
 also nicht zu sagen winziger Verlag.

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00:04:11.219 --> 00:04:14.319
 Wir sind jetzt, glaube ich, beim achten Buch angelangt

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00:04:14.319 --> 00:04:18.399
 und veröffentlichen so etwas wie ein, zwei Bücher pro Jahr.

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00:04:18.699 --> 00:04:21.560
 Also das ist an und für sich vernachlässigbar.

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00:04:22.560 --> 00:04:24.720
 Und vielleicht anschließend, warum gerade dieses Buch?

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00:04:24.800 --> 00:04:29.000
 Was waren die Motive, dieses Buch herauszugeben?

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00:04:29.000 --> 00:04:31.000
 Was hat dich da besonders gereizt?

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00:04:31.000 --> 00:04:38.000
 Ja, wir haben die beiden Autorinnen schon erwähnt in Zusammenhang mit den Jahoda Büchern, da waren sie bei uns zu Gast.

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00:04:38.000 --> 00:04:50.740
 Ich konnte sie kennenlernen, auch kann man auch sagen befreundet und ich habe so diese entwicklung des buches ja auch

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00:04:50.740 --> 00:04:58.259
 mitverfolgt und ich habe das sehr spannend gefunden wie du schon erwähnt hast diese

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00:04:58.259 --> 00:05:10.019
 diese sehr dürftige datenlage dieses doch dochale Leben, das man da 80 Jahre später nachspürt,

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00:05:10.139 --> 00:05:29.220
 dass da doch ein sehr flüssig zu lesendes, sehr packend zu lesendes Buch entstanden ist, dass diese marginalen Daten, die wir haben, ausführlich deutet.

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00:05:29.660 --> 00:05:32.959
 Und jetzt leben wir doch in einer Zeit, wo wir es schon fast gewohnt sind,

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00:05:33.100 --> 00:05:38.860
 dass alle weltbewegenden Probleme in einem 38-Sekunden-YouTube-Video, die erklärt werden.

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00:05:40.139 --> 00:05:44.519
 Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kommen wir doch zum Schluss, das kann es doch nicht sein.

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00:05:44.519 --> 00:05:45.019
 Die Sachen sind, wie ein Bundeskanzler mal gesagt hat, manchmal kompliziert. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kommen wir doch zum Schluss, das kann es doch nicht sein.

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00:05:49.680 --> 00:05:50.459
 Die Sachen sind, wie ein Bundeskanzler mal gesagt hat, manchmal kompliziert.

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00:05:52.180 --> 00:05:58.199
 Und man muss der Sache schon auf den Grund gehen. Und ich glaube, das ist eines der wichtigsten Sachen, dass wir uns die Sachen erklären lassen.

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00:05:59.519 --> 00:06:07.899
 Und das ist ein gutes Beispiel von einem Buch, das in die Umstände in Oberösterreich, vor allem Linz, erklärt.

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00:06:08.300 --> 00:06:16.560
 Wie war das Leben damals? Wie hat das dazu geführt, dass diese Leute auch so unter die Räder gekommen sind?

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00:06:16.560 --> 00:06:23.600
 Da geht es ja um eine Gruppe der Tagelöhner, das ist überhaupt so eine Gruppe, die oft vergessen, oft übersehen worden sind.

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00:06:23.779 --> 00:06:25.980
 Und das waren Herrscher von

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00:06:25.980 --> 00:06:27.980
 Leuten, die in den Häusern gearbeitet

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00:06:27.980 --> 00:06:29.800
 haben, gekocht haben, geputzt haben,

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00:06:31.019 --> 00:06:32.100
 die Leute rumchauffiert

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00:06:32.100 --> 00:06:33.660
 haben, aber auch in der Landwirtschaft.

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00:06:34.160 --> 00:06:35.959
 Die Mägde und die Knechte, die waren alle

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00:06:35.959 --> 00:06:37.879
 prekär. Die haben alle

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00:06:37.879 --> 00:06:39.759
 oft nicht gewusst, was ist am nächsten Tag.

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00:06:40.300 --> 00:06:41.560
 In der Industrie, das waren

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00:06:41.560 --> 00:06:44.139
 große Teile der Bevölkerung

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00:06:44.139 --> 00:06:46.100
 haben so gelebt, waren ein Josef-Fenster.

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00:06:47.279 --> 00:06:52.860
 Und war oft nur Glück oder Unglück, Banalitäten, die dein Leben bestimmt haben.

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00:06:53.879 --> 00:07:02.220
 Jetzt hast du schon meine zweite Frage indirekt beantwortet, nämlich was die Motive waren, genau dieses Buch auch mit herauszugeben.

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00:07:02.579 --> 00:07:07.779
 Herzlichen Dank. Vielleicht noch kurz, was ist die nächste Publikation, die geplant ist?

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00:07:08.959 --> 00:07:15.939
 Ja, wir arbeiten jetzt schon sehr lange an dem Skizzenbuch von Viktor Schauberger.

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00:07:16.100 --> 00:07:25.899
 Das war ein Wasserforscher, eh auch aus Bad Ischl, so der Begründer des Granderwassers, um das mal so platt zu sagen.

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00:07:26.579 --> 00:07:31.399
 Da veröffentlichen wir jetzt so fast 70 Jahre nach seinem Tod

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00:07:31.399 --> 00:07:35.779
 zum ersten Mal Originalschriften, Originalskizzen von ihm.

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00:07:36.800 --> 00:07:40.339
 Das nächste wird dann sein vom Rainer Crispel, auch wieder ein Linz-Bezug.

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00:07:41.120 --> 00:07:48.000
 Der Musikarbeiter, der auch hier lang in der Kapo und in Wien in der Arena in unzähligen Bands mitgespielt hat.

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00:07:48.000 --> 00:07:56.000
 Da kommt seine Lebensgeschichte und seine Freundschaft zum Hacke, dem Drummer und Schlagzeuger von Texter und Sevens You.

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00:07:56.000 --> 00:08:05.379
 Und so ein bisschen Sozialgeschichte, Lebensgefühl, Leinster, 70er, 80er Jahre. Das sind so die nächsten zwei Projekte.

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00:08:06.439 --> 00:08:08.680
 Ja, da freuen wir uns schon auf die nächsten Projekte.

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00:08:08.860 --> 00:08:10.920
 Viel Erfolg, gutes Durchhalten.

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00:08:11.500 --> 00:08:15.199
 Ich hoffe, dass Sie jetzt einen Einblick gewinnen konnten in dem Rahmen,

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00:08:15.339 --> 00:08:17.959
 in dem Kontext, in dem das Buch entstanden ist.

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00:08:17.959 --> 00:08:21.959
 Sie können im Anschluss an die Lesung das Buch käuflich im Foyer erwerben

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00:08:22.500 --> 00:08:28.319
 und auch Alexander, Meinrad und ich stehen für weitere Fragen gerne zur Verfügung.

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00:08:28.959 --> 00:08:33.779
 Wir kommen nun zur Lesung. Die Lesung wird etwa eine Viertelstunde dauern.

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00:08:34.559 --> 00:08:40.679
 Maria Hofstetter wird aus dem Buch lesen. Ich glaube, Maria Hofstetter brauche ich nicht näher vorstellen.

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00:08:40.879 --> 00:08:46.440
 Sie ist uns allen bekannt aus zahlreichen Filmen und Bühnenstücken.

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00:08:47.620 --> 00:08:54.340
 Sie hat auch seit vielen Jahren an den Lesungen aus unseren Marie-Jahuda-Büchern mitgewirkt.

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00:08:55.059 --> 00:09:11.299
 Sie glaubt, wie sie letztes Jahr bei der Verleihung des Axel-Korte-Preises an Sie in Ihrer Dankesrede zum Ausdruck brachte, an die positive Wirkung, an die emanzipatorische Wirkung von Bildung.

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00:09:11.960 --> 00:09:15.879
 Deshalb ist es hier in Lesungen immer ein besonderes Anliegen,

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00:09:16.740 --> 00:09:20.440
 nicht nur zu unterhaltend, sondern auch bildend zu wirken.

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00:09:21.320 --> 00:09:24.980
 Musikalisch begleitet wird die heutige Lesung von Toni Burger.

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00:09:28.379 --> 00:09:34.000
 musikalisch begleitet wird die heutige lesung von toni burger toni burger hat eine ausbildung eine klassische ausbildung an der geige und ein wirklich umfassendes überre vorzuweisen

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00:09:34.000 --> 00:09:47.100
 orchesteraufnahmen solo-konzerte cd und cd aufnahmen und Plattenaufnahmen zum Beispiel mit Georg Tanzer, Konstantin Wecker oder Otto Lechner,

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00:09:47.480 --> 00:09:49.860
 Hörbücher mit Wolfram Berger.

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00:09:50.480 --> 00:09:54.700
 Er lebt derzeit als freischaffender Musiker im Ausseerland

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00:09:54.700 --> 00:10:03.200
 und wird heute für diese Buchpräsentation neue Kompositionen mit einem sehr starken Bezug zum Buch vortragen.

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00:10:07.000 --> 00:10:14.700
 einem sehr starken Bezug zum Buch vortragen. Bevor ich Ihnen nun, sehr geehrte Damen und Herren, eine anregende Buchpräsentation wünschen darf, möchte ich mich auch im Namen des Präsentationsteams

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00:10:14.700 --> 00:10:21.980
 noch bei der Tribüne Linz sehr herzlich bedanken. Erstens für die Möglichkeit der Buchpräsentation

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00:10:21.980 --> 00:10:28.059
 in diesem Rahmen und zweitens für die technische Unterstützung bei der heutigen Buchpräsentation.

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00:10:28.620 --> 00:10:34.440
 Wir hoffen sehr, dass die Bemühungen der Tribüne Linz erfolgreich sein werden,

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00:10:34.559 --> 00:10:42.419
 den Standort hier aufrecht zu erhalten und wir auch in Zukunft weiterhin unsere Bücher präsentieren können.

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00:10:42.960 --> 00:10:45.639
 Auch Ihnen, sehr geehrte damen und herren noch mal

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00:10:45.639 --> 00:12:30.000
 danke für ihre teilnahme wir bleibt es nur mehr vorhang auf Thank you. L'artiste de l'artiste ¦

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00:13:30.000 --> 00:14:09.019
 © transcript Emily Beynon ¦ Musik Die Eltern Josef Finsters kamen aus dem Salzkammergut.

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00:14:10.100 --> 00:14:14.679
 Der Vater Leopold wurde in Bad Ischl als uneheliches Kind geboren.

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00:14:14.679 --> 00:14:20.559
 Sein Vater heiratete nach der Geburt die Mutter und legitimierte damit den Sohn.

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00:14:27.360 --> 00:14:35.200
 den Sohn. Leopold war Tagelöhner, hatte keine Ausbildung, keine feste Stelle und arbeitete als Hilfsarbeiter dort, wo es Arbeitskräfte brauchte. Er ehelichte Anna Aigner, die auch aus Bad Ischl

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00:14:35.200 --> 00:14:42.659
 kam. Sie war Dienstmarkt bei einem Wirt. Zwei Söhne wurden geboren, Leopold und Franz.

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00:14:49.159 --> 00:14:57.460
 geboren, Leopold und Franz. Im 19. Jahrhundert hatte das Salzkammergut eine Umstrukturierung erfahren. Ab 1850 wurde bei der Salzgewinnung mehr und mehr Kohle statt Holz zur Befeuerung

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00:14:57.460 --> 00:15:06.960
 der Sudpfannen verwendet. Die Kohle kam aus dem Hausrück und konnte neuerdings mit der Eisenbahn in das innere Salzkammergut transportiert werden.

102
00:15:07.899 --> 00:15:12.899
 Damit verbunden war ein Niedergang der Holzproduktion und der Traunschifffahrt.

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00:15:13.440 --> 00:15:15.340
 Viele Arbeitsplätze gingen verloren.

104
00:15:16.279 --> 00:15:21.200
 Holzknechte hatten früher zwei Drittel der Arbeitskräfte in der Salzproduktion gestellt.

105
00:15:21.379 --> 00:15:25.340
 Allerdings standen viele von ihnen nicht im kaiserlichen Dienst,

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00:15:25.779 --> 00:15:32.279
 sondern wurden von Holzmeistern gedungen. Damit verblieben für sie die schlechtgestellteren und

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00:15:32.279 --> 00:15:38.299
 unsicheren Arbeitsplätze. Vor dem Hintergrund dieses wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs

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00:15:38.299 --> 00:15:47.899
 übersiedelte die Familie nach Linz. Dort gelang es Josefs Vater, die unsichere Existenz als Tagelöhner im Salzkammergut

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00:15:47.899 --> 00:15:57.539
 mit einer Stelle als K&K-Postamtsdiener in Linz zu verbessern. Josef war der dritte Sohn der Familie.

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00:15:58.299 --> 00:16:07.279
 Er wurde im Februar 1900 bereits in Linz geboren. Die nun fünfköpfige Familie wohnte am Stadtrand in der Niederreitstraße

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00:16:07.279 --> 00:16:13.720
 zur Miete, in einer Wohnung mit Küche, Zimmer und Kabinett. Die sozialen Bindungen an das

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00:16:13.720 --> 00:16:19.679
 Salzkammergut und Bad Ischl blieben erhalten. Das ist typisch für Angehörige der unteren Schichten,

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00:16:20.259 --> 00:16:29.039
 deren Situation noch nicht gefestigt ist. Leopold und Franz, die älteren Brüder von Josef, heirateten in Bad Ischl.

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00:16:29.279 --> 00:16:34.740
 Auch ihre Ehefrauen kamen von dort und stammten aus Familien von Tagelöhnern.

115
00:16:35.940 --> 00:16:39.820
 Josef besuchte acht Jahre eine Volksschule in Waldeck.

116
00:16:39.820 --> 00:16:47.019
 Die Schule hatte nur fünf Klassen, sodass Schüler von zwei Schulstufen in einer Klasse zusammengefasst waren.

117
00:16:47.940 --> 00:16:53.000
 Kinder aus besseren Kreisen wurden gegenüber jenen des niederen Standes oftmals bevorzugt.

118
00:16:54.399 --> 00:17:01.299
 Mitschülern fiel auf, dass Kinder, die wohlhabende Eltern hatten, im Unterricht kaum etwas gefragt wurden,

119
00:17:01.759 --> 00:17:04.440
 dennoch aber immer in die nächste Schulstufe aufstiegen.

120
00:17:08.039 --> 00:17:15.119
 1914 begann der Krieg. Er veränderte das Leben in der Stadt. Es war eine hektische Zeit der Mobilmachung. Linz

121
00:17:15.119 --> 00:17:21.539
 war Garnisonsstadt. Die großen öffentlichen Hallen und Säle, auch die Schulen, dienten zur

122
00:17:21.539 --> 00:17:25.759
 Unterbringung der Truppen, aber auch unverbaute Felder an der Peripherie

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00:17:25.759 --> 00:17:33.500
 verwandelten sich in Heerlager. Josef hatte nach der Schule keine berufliche Ausbildung absolviert.

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00:17:34.240 --> 00:17:41.819
 Die Gründe dafür kennen wir nicht. Die Bedingungen, eine Lehrstelle zu bekommen, waren in den Kriegsjahren

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00:17:41.819 --> 00:17:47.359
 wohl wenig aussichtsreich gewesen. Dazu kam, seine soziale Herkunft hatte

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00:17:47.359 --> 00:17:53.680
 ihn mit nur knappen Ressourcen ausgestattet. Den Zugezogenen fehlte es an sozialen Beziehungen,

127
00:17:53.880 --> 00:18:09.299
 um alle Söhne bei Handwerkern oder in Betrieben unterzubringen. Das Wehrdienstalter war schon im Dezember 1914 auf 18 Jahre gesenkt worden. Josef kam im Februar 1918 zur Musterung

128
00:18:09.299 --> 00:18:17.039
 und meldete sich freiwillig zum Militärdienst. Begeisterung für den Krieg kann in dieser Phase

129
00:18:17.039 --> 00:18:25.200
 der Kriegsmüdigkeit und des allgemeinen Chaos bei der Demobilisierung der Truppen eher ausgeschlossen werden.

130
00:18:29.900 --> 00:18:30.579
 Möglich, dass er eine Zukunft in der Laufbahn eines Soldaten sah.

131
00:18:36.059 --> 00:18:39.220
 Schließlich gehörte man in einer militärischen Einheit auch ohne Ausbildung zu einem besonderen Stand mit besonderen Pflichten und Rechten.

132
00:18:40.720 --> 00:18:49.380
 Er wurde in ein K&K-Infanterieregiment eingegliedert, aber wegen des Kriegsendes noch im selben Jahr abgerüstet.

133
00:18:50.359 --> 00:18:59.859
 Ein paar Monate später meldete er sich neuerlich freiwillig und trat am 1. Juni 1919 in die Bayerische Reichswehr ein.

134
00:19:00.539 --> 00:19:03.720
 Diese war nach der Niederschlagung der Retterepublik gegründet worden.

135
00:19:05.640 --> 00:19:30.000
 Bereits nach drei Monaten wurde das Dienstverhältnis wieder beendet, die Reichswehr aufgelöst. ¦

136
00:19:30.000 --> 00:21:25.960
 ¦ Thank you. © transcript Emily Beynon In den sozialen Verwerfungen der Nachkriegsjahre geriet der junge Mann mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt.

137
00:21:26.799 --> 00:21:32.339
 Erstmals geschah das im Zusammenhang mit den Linzer Hungerdemonstrationen.

138
00:21:33.599 --> 00:21:40.160
 Es gab in Linz und Oberösterreich ernsthafte Probleme bei der Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Lebensmitteln.

139
00:21:40.559 --> 00:21:44.480
 Es fehlte an allem, an Mengen ebenso wie an Qualität.

140
00:21:44.500 --> 00:21:45.500
 Es fehlte an allem, an Mengen ebenso wie an Qualität.

141
00:21:51.460 --> 00:21:52.460
 Die Bauern lieferten gewässerte und entramte Milch, gleichzeitig blühte der Schleichhandel.

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00:21:55.500 --> 00:21:56.599
 Auch politisch spitzten sich die Auseinandersetzungen zu.

143
00:21:59.400 --> 00:22:00.700
 Es kam zu Demonstrationen und Plünderungen.

144
00:22:04.799 --> 00:22:06.400
 Am 10. Mai 1920 eskalierte die Situation.

145
00:22:12.720 --> 00:22:13.339
 Am frühen Nachmittag versammelte sich auf dem Linzer Hauptplatz eine größere Menschenmenge.

146
00:22:19.740 --> 00:22:20.660
 Es drängten sich Männer, Schulkinder, halbwüchsige Burschen, Frauen mit und ohne Kinder wegen.

147
00:22:23.720 --> 00:22:25.099
 Sie kamen aus unterschiedlichen sozialen und politischen Lagern.

148
00:22:34.339 --> 00:22:35.740
 Später hieß es, dass Jugendliche in schlecht bezahlten Stellungen oder ohne Arbeit den harten Kern der Demonstranten gebildet hätten.

149
00:22:41.240 --> 00:22:41.799
 Gegen Abend versuchten einige Burschen, die Wachstube in der Rathausgasse zu stürmen.

150
00:22:45.940 --> 00:22:52.180
 Sie wollten Demonstranten befreien, die bereits verhaftet worden waren. Es entstand ein Tumult, Gedränge und immer wieder wurde geschrien, Abzug Schmiere, auslassen müsst

151
00:22:52.180 --> 00:22:59.859
 ihr sie, Abzug Wache. Dazu pfiffen und johlten die Burschen. Die Wachleute verteidigten sich mit

152
00:22:59.859 --> 00:23:07.740
 blanker Waffe. Sicherheitswachleute und Gendarmen versuchten den Platz zu räumen. Sie wurden

153
00:23:07.740 --> 00:23:16.119
 beschimpft und ausgepfiffen. Und in der angespannten Situation fiel ein Schuss. Woher er kam, konnte

154
00:23:16.119 --> 00:23:23.140
 bei späteren Nachforschungen nicht geklärt werden. Die Volkswehr eröffnete das Feuer auf die Menge.

155
00:23:23.859 --> 00:23:27.039
 Es gab sieben Tote, sechs Männer und eine Frau.

156
00:23:27.519 --> 00:23:29.960
 Sie hatten Schusswunden im Bauch und Unterleib.

157
00:23:30.920 --> 00:23:34.640
 Weitere 24 Personen erlitten teils schwere Verletzungen.

158
00:23:35.279 --> 00:23:37.660
 Sie waren vor allem an den Beinen getroffen worden.

159
00:23:38.640 --> 00:23:41.140
 Auch auf Seiten der Wachmannschaften gab es Opfer.

160
00:23:41.140 --> 00:23:51.599
 Vier Männer wurden schwer verletzt, 32 leicht, aber keine Toten. 14 Tage später wurde

161
00:23:51.599 --> 00:23:58.539
 Josef von einem Wachmann an der Donau-Lände verhaftet. Dieser glaubte, in Josef einen der

162
00:23:58.539 --> 00:24:06.099
 Burschen erkannt zu haben, die die Wachstube stürmen wollten. Bei der Gerichtsverhandlung gab er als Zeuge an,

163
00:24:07.180 --> 00:24:12.140
 Josef Finster habe sich in dem Geschiebe als besonderer Aufhetzer hervorgetan.

164
00:24:12.359 --> 00:24:16.599
 Bei dem Lärm waren die einzelnen Worte, die Finster Josef gerufen habe, nicht zu verstehen.

165
00:24:17.119 --> 00:24:21.799
 Aber er könne mit Bestimmtheit sagen, dass er einer der größten Schreier gewesen sei.

166
00:24:21.799 --> 00:24:25.180
 Er erkenne ihn an seinen Gesichtszügen und seiner Statur,

167
00:24:25.319 --> 00:24:33.900
 in Zweifel an seiner Identität, sei ausgeschlossen. Die Frage, wie es möglich gewesen sein soll,

168
00:24:34.380 --> 00:24:41.099
 in der aufgeheizten Situation und inmitten des Gedränges einer empörten Menge, sich eindeutig

169
00:24:41.099 --> 00:24:47.299
 eines Menschen zu erinnern, wurde in der Verhandlung nicht aufgeworfen. Weitere Zeugen

170
00:24:47.299 --> 00:24:56.039
 gab es nicht. Josef gab zu, am 10. Mai auf dem Hauptplatz gewesen zu sein, bestritt jedoch seine

171
00:24:56.039 --> 00:25:02.799
 Beteiligung an dem Aufruhr. Vermutlich wurde er einfach von der Empörung der Menge angesteckt und

172
00:25:02.799 --> 00:25:06.880
 mitgerissen. Es war der politische Kontext,

173
00:25:07.019 --> 00:25:12.660
 der sein Verhalten in einem anderen Licht und als gefährlich erscheinen ließ. In Polizeiberichten

174
00:25:12.660 --> 00:25:22.559
 war von kommunistischen Umtrieben im Hintergrund der Demonstration die Rede. Das Gericht verurteilte

175
00:25:22.559 --> 00:25:26.619
 Josef als einen der maßgeblichen Grandalierer der Ausschreitungen

176
00:25:26.619 --> 00:25:32.859
 zu vier Monaten strengen Arrests wegen öffentlicher Gewalttätigkeit.

177
00:25:32.859 --> 00:25:40.000
 Und das, obwohl niemand konkret sagen konnte, mit welchen Worten er dort die Menge angeblich aufgehetzt hätte.

178
00:25:41.819 --> 00:25:51.640
 Josef empfand das Urteil als nicht gerecht und die Vorstrafe als unüberwindbares Hindernis bei der Suche nach einer Arbeitsstelle.

179
00:25:52.640 --> 00:25:58.119
 Zweimal versuchte er, die Strafe tilgen zu lassen. Ohne Erfolg.

180
00:25:59.460 --> 00:26:08.240
 In den folgenden Jahren misslangend Versuche, einen Lebensweg einzuschlagen, der sich immer an Gesetz und Ordnung orientiert hätte.

181
00:26:10.200 --> 00:26:17.960
 1921 starb Josefs Mutter. Seine beiden Brüder waren bereits verheiratet und lebten in eigenen Haushalten.

182
00:26:18.700 --> 00:26:29.200
 Josef wollte es ihnen nachtun. Er heiratete Adele Lang, eine 18-jährige Dienstmarkt aus Linz. Die Verbindung ging von

183
00:26:29.200 --> 00:26:35.880
 Beginn an schief. Es stellte sich heraus, dass die junge Frau keinen Sinn für eine Haushaltsführung

184
00:26:35.880 --> 00:26:48.319
 besaß. Außerdem demütigte sie Josef, indem sie sich mit anderen Männern vergnügte. Es gab Streit und es kam zur Trennung. Im katholischen Österreich

185
00:26:48.319 --> 00:26:55.519
 gab es damals noch kein ziviles Eherecht. Entsprechend dem Kirchenrecht galt die Ehe

186
00:26:55.519 --> 00:27:56.980
 grundsätzlich als unauflöslich, aber es gab die Möglichkeit einer gesetzlichen Trennung von Tisch und Bett. Josef stellte einen solchen Antrag an das Landesgericht Linz. Musik Dieser Ehe entstand kein Kind. Beide Teile sind österreichische Bundesbürger und war der letzte gemeinsame Aufenthalt in Linz.

187
00:27:58.240 --> 00:28:03.859
 Meine Frau hat mir von Anbeginn unserer Ehe die Wirtschaft nicht ordentlich geführt.

188
00:28:06.559 --> 00:28:07.700
 Anbeginn unserer Ehe, die Wirtschaft nicht ordentlich geführt. Sie blieb auch tagsüber im Bett liegen.

189
00:28:13.559 --> 00:28:20.740
 Und wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, fand ich fast nie etwas zum Essen vor, obwohl ich ihr meinen Lohn, der damals etwas über 100 Schilling betrug, zur Wirtschaftsführung übergab. Meist

190
00:28:20.740 --> 00:28:29.460
 setzte sie mir Kaffee, Schmarrn oder dergleichen vor. Sie wusch mir nicht einmal die Wäsche und besserte mir meine Kleidung nicht aus.

191
00:28:30.579 --> 00:28:36.480
 Aus den angeführten Gründen und auch deshalb, weil sich die Notwendigkeit herausstellte,

192
00:28:36.579 --> 00:28:41.599
 dass auch meine Frau in Arbeit gehe, kam es zu häufigen Auseinandersetzungen.

193
00:28:42.319 --> 00:28:47.440
 Bis mich meine Frau im April 1923 verließ mit der Begründung,

194
00:28:48.240 --> 00:28:53.299
 dass sie es bei mir nicht aushalten könne, weil ich auf einer ordentlichen Wirtschaftsführung

195
00:28:53.299 --> 00:29:00.380
 und Einstellung des liederlichen Lebenswandels bestand. Seit die Beklagte mich verlassen hat,

196
00:29:00.380 --> 00:29:08.680
 steht sie mit verschiedenen Männern in intimen Beziehungen. Ende 1923 trat die Beklagte

197
00:29:08.680 --> 00:29:14.279
 zu einem gewissen Mörtenhummer in nähere Beziehungen, die nicht ohne Folgen blieben.

198
00:29:15.240 --> 00:29:29.539
 Sie hat in den ersten Monaten des Jahres 1924 in der Frauenklinik abortiert. Da ich mit der Beklagten seit 1923 nicht mehr geschlechtlich verkehrte und sowohl die Beklagte

199
00:29:29.539 --> 00:29:54.579
 als auch Mörtenhummer den Ehebruch eingestanden haben, mache ich diesen Scheidungsgrund Es dauerte fünf Jahre, bis Josefs Antrag auf Trennung von Tisch und Bett stattgegeben wurde.

200
00:29:54.579 --> 00:30:10.000
 Musik ¶¶

201
00:30:59.519 --> 00:31:00.339
 © transcript Emily Beynon Die 20er Jahre waren in Österreich alles andere als golden.

202
00:31:02.559 --> 00:31:03.720
 Für viele herrschte Armut und Hunger.

203
00:31:07.980 --> 00:31:08.960
 Einfaches Leben zu bewältigen war mit Last und dauernder Mühe verbunden.

204
00:31:16.059 --> 00:31:16.900
 Josef dürfte von unterschiedlichsten Gelegenheitsarbeiten gelebt haben. Immer wieder unterbrochen durch Arbeitslosigkeit.

205
00:31:26.140 --> 00:31:32.079
 In größeren Städten stellte sich Arbeitslosigkeit anders dar, als in der bekannten Studie über die Arbeitslosen vom Marienthal Anfang der 1930er Jahre beschrieben. Die Untersuchung beschreibt ein arbeitsloses Dorf nach der

206
00:31:32.079 --> 00:31:37.960
 Schließung einer Fabrik mit Spinnerei, Weberei und Druckerei, die fast alle Familien ernährte.

207
00:31:38.940 --> 00:31:45.019
 In einer Stadt werden ständig Hilfskräfte für diese und jene Arbeiten gebraucht.

208
00:31:50.140 --> 00:31:52.660
 Arbeitslose leben in Nachbarschaften und gemeinsamen Milieus mit Beschäftigten und über solche Kontakte laufen Informationen.

209
00:31:53.480 --> 00:31:56.160
 Wo gibt es Möglichkeiten für Aushilfsarbeiten?

210
00:31:56.859 --> 00:32:00.160
 Wer sucht Leute für kurzfristige Dienstleistungsjobs?

211
00:32:01.140 --> 00:32:04.859
 So können sich Arbeitslose und Ausgesteuerte über Wasser halten.

212
00:32:04.859 --> 00:32:09.039
 Vor allem dann, wenn sie keine Familie zu ernähren haben.

213
00:32:10.819 --> 00:32:20.819
 Wenn bei Behörden oder amtlichen Formularen die Beschäftigung abgefragt wurde, gab Josef unterschiedlichste berufliche Tätigkeiten an.

214
00:32:21.480 --> 00:32:24.480
 Selten bezeichnete er sich als arbeitslos.

215
00:32:28.039 --> 00:32:34.759
 an. Selten bezeichnete er sich als arbeitslos. Die Liste der von ihm genannten Berufe war vielfältig und deutete auf aktuelle oder kürzlich ausgeführte Beschäftigungen hin. Bauarbeiter,

216
00:32:35.079 --> 00:32:54.819
 Hilfsarbeiter, Malergehilfe und Maler, Kutscher, Reisender und Vertreter, Kraftfahrzeuglenker und Chauffeur. Wie viele andere Ausgesteuerte reagierte er auf die Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt mit dem Versuch, sich selbstständig zu machen.

217
00:32:55.880 --> 00:33:01.640
 Er gründete eine eigene Handelsagentur und bot unterschiedliche Dienstleistungen an.

218
00:33:10.740 --> 00:33:19.740
 Dienstleistungen an. Bis zum Jahr 1933 stand er mehrfach wegen minderer Delikte vor Gericht. Das Strafgesetz unterschied je nach Schwere der Tat zwischen Verbrechen, Vergehen und Übertretung.

219
00:33:19.740 --> 00:33:28.740
 Bei Josef handelte es sich zumeist um Übertretungen, also um minderschwere Delikte, die bei Bezirksgerichten verhandelt wurden.

220
00:33:30.160 --> 00:33:42.359
 Es ging um Armutskriminalität, um Diebstähle, Veruntreuungen oder Betrügereien, bei denen der Schadenswert geringfügig war, keine Waffe verwendet und keine Gewalt ausgeübt wurde.

221
00:33:42.359 --> 00:33:43.920
 und keine Gewalt ausgeübt wurde.

222
00:33:48.000 --> 00:33:48.720
 Die Stadt hatte nicht nur das Problem der Arbeitslosigkeit.

223
00:33:52.019 --> 00:33:52.720
 Wohnungsnot gab es schon seit dem Ersten Weltkrieg.

224
00:33:55.119 --> 00:33:55.539
 Die Stadtregierung setzte Notmaßnahmen.

225
00:33:59.380 --> 00:34:04.859
 Nicht mehr gebrauchte Kasernen adaptierte man zu Wohnzwecken und brachte Wohnungslose in bereits bestehenden Barackenlagern aus dem Krieg unter.

226
00:34:05.559 --> 00:34:08.860
 Viele dieser Baracken waren in einem erbärmlichen Zustand.

227
00:34:10.079 --> 00:34:15.420
 Josef wohnte in den 1920er Jahren an ständig wechselnden Adressen,

228
00:34:16.019 --> 00:34:18.739
 teilweise in einer der Linzer Barackensiedlungen.

229
00:34:19.340 --> 00:34:23.260
 Dann übersiedelte er in die Dörflinger Straße 13.

230
00:34:24.039 --> 00:34:27.059
 Die Adresse gehörte ebenfalls zu einer Parakensiedlung.

231
00:34:28.239 --> 00:34:32.699
 Josef hatte sich mit Josefa Mach zusammengetan, die dort wohnte.

232
00:34:33.599 --> 00:34:38.880
 Sie war in Ibernschitsche in der Nähe von Brünn geboren und dort noch heimatrechtlich zugehörig.

233
00:34:40.079 --> 00:34:49.139
 Amtlich wurde Josef als ihr Lebensgefährte und Josefa als häuslich, das heißt ohne Beschäftigung, geführt.

234
00:34:50.599 --> 00:34:52.400
 Josef hatte drei Kinder.

235
00:34:53.280 --> 00:35:01.079
 Bei allen Kindern enthalten die Geburtsscheine von einer Hebamme ausgefüllt, denn vermerkt unehelich.

236
00:35:01.780 --> 00:35:07.480
 In den Zeilen für den Eintrag des Vaters fehlen die Angaben. Alles deutet aber

237
00:35:07.480 --> 00:35:14.820
 darauf hin, dass Josef der Vater eines 1937 geborenen Mädchens ist. Wegen der unehelichen

238
00:35:14.820 --> 00:35:32.579
 Kinder steht Josef Vermach unter amtlicher Aufsicht. Eine Fürsorgerin merkt nach einem Hausbesuch im Oktober 1937 an, dass der Kindsvater Josef Finster 29 Wochen bei der Fürsorgearbeit bedienstet war.

239
00:35:33.719 --> 00:35:35.940
 Über den Zustand der Wohnung wird berichtet.

240
00:35:36.739 --> 00:35:40.659
 Zweiräumige Wohnung, der Säugling schläft im Bett der Mutter.

241
00:35:40.659 --> 00:35:44.719
 Die beiden anderen Kinder haben ihre eigenen Schlafstellen.

242
00:35:48.360 --> 00:36:01.619
 Finster nächtigt alleine in der Küche, Wohnung ist ganz gut eingerichtet, Vormund ist die Mutter. Erstmals in Josefs Geschichte sind da Anzeichen eines zwar ärmlich und bescheidenen,

243
00:36:09.000 --> 00:36:18.719
 und bescheidenen, aber geregelten Lebens. Er hat eine Partnerin, hat ab und an Arbeit und lebt in einem Haushalt mit Kindern. Im Februar 1939 kam ein weiteres Mädchen zur Welt. Allerdings war er bei

244
00:36:18.719 --> 00:36:29.579
 der Geburt seiner zweiten Tochter nicht mehr in Linz. Im Juni 1938 wurde er in Vorbeugungshaft genommen, der SS übergeben

245
00:36:29.579 --> 00:37:10.000
 und in das Lager Flossenbürg deportiert. Thank you. ¶¶

246
00:37:30.000 --> 00:38:10.000
 ¶¶ © transcript Emily Beynon ¶¶

247
00:38:30.000 --> 00:39:11.000
 ¶¶ Am 12. März 1938 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Österreich.

248
00:39:11.539 --> 00:39:17.320
 Am Linzer Hauptplatz versammelten sich 60.000 Menschen, die Adolf Hitler sehen wollten.

249
00:39:18.699 --> 00:39:22.820
 Mit diesem Ereignis änderte sich Josefs Leben von Grund auf.

250
00:39:23.619 --> 00:39:28.059
 Es bekam plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Er wurde

251
00:39:28.059 --> 00:39:33.639
 zum Objekt einer neuen Politik der Kriminalitätsbekämpfung, die für ihn letztlich tödlich

252
00:39:33.639 --> 00:39:41.179
 endete. Wie hat der Nationalsozialismus die Lebensumstände an den Rändern der Stadt verändert?

253
00:39:42.019 --> 00:39:46.280
 Es gab Versprechungen der neuen Machthaber. Die Arbeitslosigkeit sollte

254
00:39:46.280 --> 00:39:51.780
 beseitigt, die Bewohner der Baracken an der Dörflinger Straße am Hühnersteig und in der

255
00:39:51.780 --> 00:40:00.539
 Katzenau, wo Josef zu Hause war, sollten umgesiedelt werden. Österreich wurde sofort in den Vierjahresplan

256
00:40:00.539 --> 00:40:06.360
 einbezogen, der für das gesamte deutsche Reich Geltung hatte. Für Linz bedeutete das nicht

257
00:40:06.360 --> 00:40:12.840
 nur die Errichtung großer Industrieprojekte wie das nach Hermann Göring benannte Hüttenwerk. Die

258
00:40:12.840 --> 00:40:19.119
 Stadt hatte darüber hinaus eine Sonderstellung. Hitler betrachtete sie bekanntlich als seine

259
00:40:19.119 --> 00:40:28.159
 Heimatstadt und hatte große Pläne für deren Ausbau. Schon im Mai 1938 begannen die Bautätigkeiten.

260
00:40:28.719 --> 00:40:32.380
 In kürzester Zeit gab es tatsächlich keine Arbeitslosen mehr.

261
00:40:33.539 --> 00:40:40.079
 Dieser Umstand wird gerne von jenen erzählt, die meinen, am Nationalsozialismus sei nicht alles schlecht gewesen.

262
00:40:41.380 --> 00:40:43.420
 Diese Erzählung hat aber große Lücken.

263
00:40:44.460 --> 00:40:50.159
 Für den Umbau der Stadt reichten die lokalen Arbeitskräfte bei weitem nicht aus.

264
00:40:50.159 --> 00:40:56.539
 Es brauchte zusätzliche Menschen für Bauarbeiten, für Management und für Verwaltung.

265
00:40:56.539 --> 00:41:02.400
 Bis 1945 wuchs die Bevölkerung der Stadt um 80.000 Menschen.

266
00:41:02.400 --> 00:41:06.159
 Viele kamen freiwillig, ebenso viele unfreiwillig.

267
00:41:07.360 --> 00:41:11.880
 Wie wurde der Zustrom an Zugezogenen mit Wohnraum versorgt?

268
00:41:12.480 --> 00:41:18.980
 Die Hälfte davon kam in neu errichteten Wohnungen unter, zum einen in den sogenannten Hitlerbauten,

269
00:41:19.039 --> 00:41:22.820
 die wir alle kennen, zum anderen in den neuen Siedlungshäusern.

270
00:41:22.840 --> 00:41:23.360
 zum anderen in den neuen Siedlungshäusern.

271
00:41:31.260 --> 00:41:31.579
 Allerdings, die Projekte zum Wohnungsneubau mussten schon 1940 kriegsbedingt zurückgenommen werden.

272
00:41:35.360 --> 00:41:36.139
 Es sollten nur mehr begonnene Wohnhäuser fertiggestellt werden.

273
00:41:42.340 --> 00:41:42.780
 Die andere Hälfte der Arbeitskräfte bestand aus sogenannten Gemeinschaftsfremden, wie es hieß.

274
00:41:47.159 --> 00:41:54.280
 Das waren Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Sie waren nicht freiwillig gekommen. Zusätzlich zu den alten Notstandsquartieren entstanden für sie

275
00:41:54.280 --> 00:42:00.760
 neue Barackensiedlungen. Alleine die Hermann-Göring-Werke errichteten 18 Lager für rund

276
00:42:00.760 --> 00:42:06.960
 14.000 Personen an verschiedenen Standorten. Auf dem Gelände des heutigen

277
00:42:06.960 --> 00:42:14.059
 Wirtschaftsförderungsinstituts in Niedernhardt, im Lissfeld und am Werksgerände St. Peter selbst.

278
00:42:16.159 --> 00:42:20.760
 Linz wurde also unter der Herrschaft des Nationalsozialismus nicht von seinen

279
00:42:20.760 --> 00:42:26.360
 Baracken befreit, sondern in eine noch monströsere Barackenstaff verwandelt.

280
00:42:27.139 --> 00:42:35.219
 Die Folgen des fieberhaften Anwachsens der Stadt betrafen keineswegs nur die Lebensverhältnisse in den Randzonen.

281
00:42:35.900 --> 00:42:38.880
 Alle Bereiche des täglichen Lebens waren betroffen.

282
00:42:40.179 --> 00:42:50.460
 Am Ende des Jahres 1940 zählte der Linzer Oberbürgermeister Leo Sturmer extreme Fälle des Wohnungselens in einem internen Bericht auf.

283
00:42:52.000 --> 00:42:56.079
 Zehn und mehrköpfige Familien wohnten in einem einzigen Kellerraum.

284
00:42:57.000 --> 00:43:00.840
 Tuberkulöse Kinder schliefen mit Vater und Mutter in einem Bett.

285
00:43:02.500 --> 00:43:07.940
 Geschiedene Ehegatten hausten in einem Raum, wobei fallweise der neue Ehegatte im

286
00:43:07.940 --> 00:43:15.960
 selben Raum wohnte. Fronturlauber wussten nicht, wo sie schlafen sollten. Aus Deutschland zugezogene

287
00:43:15.960 --> 00:43:22.900
 Beamten fanden nur schwer Unterkunft. Wohnungssuchende klagten, dass infolge der Feuchtigkeit

288
00:43:22.900 --> 00:43:26.800
 der Wohnung Lebensmittel und auch Möbel zugrunde gehen würden.

289
00:43:27.760 --> 00:43:38.699
 Und wörtlich heißt es in dem Bericht, es gelang wohl ein paar tausend Wohnungen zu errichten oder einige unentbehrliche Verkehrswege zu bauen oder auszubessern.

290
00:43:39.139 --> 00:43:48.059
 Doch blieb der Bau der Schulen, Krankenhäuser, die Erneuerung oder Erweiterung der Versorgungsbetriebe zurück. Nun

291
00:43:48.059 --> 00:43:54.260
 aber sind die Dinge so weit gediehen, dass die Leistungskapazität erschöpft und die Versorgung

292
00:43:54.260 --> 00:44:01.639
 der Bevölkerung mit den unentbehrlichen Gütern ernstlich infrage gestellt ist. Alle Mangelerscheinungen

293
00:44:01.639 --> 00:44:09.420
 nähern sich ihrem Höhepunkt. Der Wohnungsstandard eines Drittels der Bevölkerung liegt auf einem Tiefstand sondergleichen.

294
00:44:09.900 --> 00:44:15.079
 Für die Kinder ist kein Platz in den Schulen, für die Kranken kein Raum in den Spitälern.

295
00:44:15.860 --> 00:44:24.539
 Die Verkehrswege und Verkehrsmittel reichen nicht aus, um die Schaffenden zeitgerecht von und zu ihren Arbeitsstätten zu befördern.

296
00:44:24.539 --> 00:44:26.139
 Das Handwerk ist

297
00:44:26.139 --> 00:44:32.900
 nicht im Entferntesten in der Lage, den Aufträgen nachzukommen. Die Gas-, Milch- und Fleischversorgung

298
00:44:32.900 --> 00:44:38.579
 der Bevölkerung ist ebenso in Frage gestellt wie die Stromversorgung, da die Kapazität der

299
00:44:38.579 --> 00:44:46.059
 bezüglichen Versorgungsstationen erschöpft ist. So viel zur Erzählung von der Beseitigung der Arbeitslosigkeit

300
00:44:46.059 --> 00:44:52.300
 durch Hitler und seinen Staat. Sie hatte also schon in den ersten Jahren der NS-Herrschaft

301
00:44:52.300 --> 00:45:10.000
 eine kaum wahrgenommene, kaum thematisierte Kehrseite. ¦

302
00:46:01.619 --> 00:46:07.079
 © transcript Emily Beynon Für den vorbestraften Josef Finster verwandelte sich eine andere Maßnahme der Nationalsozialisten zur sogenannten Pflege der Volksgemeinschaft in eine existenzielle Bedrohung. Hitler wollte für Ruhe und Ordnung sorgen und das Verbrechertum gnadenlos

303
00:46:07.079 --> 00:46:14.119
 bekämpfen. In der NS-Ideologie beruhten die Vorstellungen über das Verbrechertum auf zwei

304
00:46:14.119 --> 00:46:20.760
 Überzeugungen. Erstens, der Verbrecher hatte einen bestimmten sozialen Ort, er kam aus den sozialen

305
00:46:20.760 --> 00:46:27.179
 Unterschicht. Viele aus dieser Klasse würden nicht oder nicht genügend arbeiten, hatten

306
00:46:27.179 --> 00:46:33.480
 ungewöhnliche Lebensformen oder Lebensanschauungen und kamen regelmäßig mit dem Gesetz in Konflikt.

307
00:46:34.780 --> 00:46:40.659
 Zweitens, der verbrecherische Mensch ist unverbesserlich. Er spiele immer wieder

308
00:46:40.659 --> 00:46:48.840
 dasselbe Spiel. Seine Eigenschaften sind biologisch oder sozial vererbt. Diese beiden

309
00:46:48.840 --> 00:46:54.639
 Vorstellungen sind keine Erfindungen des Nationalsozialismus. Schon gegen Ende des 19.

310
00:46:54.900 --> 00:47:02.440
 Jahrhunderts entwickelte sich eine neue Richtung in der Kriminologie. Diese begann sich besonders

311
00:47:02.440 --> 00:47:05.579
 für den Täter zu interessieren.

312
00:47:10.820 --> 00:47:11.800
 Man ging nicht mehr davon aus, dass Täter grundsätzlich einen freien Willen hätten.

313
00:47:16.639 --> 00:47:17.539
 Sie konnten sich in dem nach gar nicht für oder gegen eine Tat entscheiden.

314
00:47:24.280 --> 00:47:24.940
 Der typische Verbrecher in dieser neuen Kriminologie sei durch eine abnormale Persönlichkeit bestimmt.

315
00:47:26.039 --> 00:47:33.639
 Sein Verhalten werde von Anlagen oder Umweltfaktoren gelenkt. Der größte Teil aller Straftaten werde von berufsmäßig

316
00:47:33.639 --> 00:47:39.880
 handelnden Verbrechern verübt. Jene, die gelegentlich kriminell handeln, seien praktisch

317
00:47:39.880 --> 00:47:47.739
 zu vernachlässigen. Erfolgreiche Kriminalpolitik müsse sich im Kampf gegen das Berufsverbrechertum

318
00:47:47.739 --> 00:47:58.679
 bewähren. Ausgehend von diesen Vorstellungen meinten die Nationalsozialisten, öffentliche

319
00:47:58.679 --> 00:48:39.440
 Sicherheit durch präventive Maßnahmen gegen vermeintlich Kriminelle herstellen zu können. In Deutschland wurde schon im November 1933 das sogenannte Gewohnheitsverbrechergesetz eingeführt.

320
00:48:40.079 --> 00:48:49.280
 Bei diesem ersten Instrument war die Entscheidung, wer in Haft genommen werden konnte, noch in gerichtliche Verfahren eingebunden.

321
00:48:50.380 --> 00:48:57.639
 Die Polizei konnte erst auf richterliche Anordnung handeln, aber das Regime radikalisierte sich rasch.

322
00:49:07.980 --> 00:49:16.960
 wurde die Kriminalpolizei ermächtigt, vorbei an allen rechtsstaatlichen Verfahren gegen sogenannte Berufsverbrecher und sogenannte Asoziale vorzugehen. Ein Erlass des Chefs der Sicherheitspolizei zu einem neuen Polizeirecht

323
00:49:16.960 --> 00:49:34.340
 macht deutlich, worum es ging. Dort hieß es, der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei hat der Polizei die Aufgabe gestellt, die vorbeugende Abwehr aller das Volk und den Staat gefährdender Bestrebungen durchzuführen.

324
00:49:34.860 --> 00:49:47.940
 Dazu gehört auch die vorbeugende Verhütung von Straftaten gegen einzelne Volksgenossen, gegen das Volksvermögen und gegen die Volkskraft. Die polizeiliche

325
00:49:47.940 --> 00:49:54.280
 Vorbeugungshaft soll das schärfste Mittel der Polizei sein, die Gemeinschaft vor dem Verbrecher

326
00:49:54.280 --> 00:50:02.179
 und dem Assozialen zu schützen. Schutzhaft war bekanntlich das Instrument, mit dem die politischen

327
00:50:02.179 --> 00:50:05.900
 Gegner bekämpft wurden. Die Vorbeugungshaft diente der

328
00:50:05.900 --> 00:50:12.800
 Verfolgung unangepasster aus den unteren Klassen, der sogenannten Berufsverbrecher und Assozialen.

329
00:50:13.840 --> 00:50:20.440
 Als Berufsverbrecher galt, wer Straftaten aus Gewinnsucht beging und mindestens dreimal entweder

330
00:50:20.440 --> 00:50:26.900
 zu Zuchthaus oder zu Gefängnis von mindestens sechs Monaten rechtskräftig verurteilt wurde.

331
00:50:27.860 --> 00:50:32.300
 Assozialer war, wer ohne Berufs- oder Gewohnheitsverbrecher zu sein,

332
00:50:32.699 --> 00:50:36.619
 durch sein assoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet.

333
00:50:37.619 --> 00:50:41.460
 Diese beiden Paragraphen sind Gummi-Paragraphen.

334
00:50:41.940 --> 00:50:47.320
 Gegen alle Unliebsamen und Unbequemen können sie gerichtet werden. Sie

335
00:50:47.320 --> 00:50:53.800
 schufen auch einen Rahmen aus Wiederholungstätern, triebhafte, stets gefährliche Berufsverbrecher zu

336
00:50:53.800 --> 00:51:00.980
 konstruieren. Die kriminalpolizeiliche Praxis kümmert sich bei ihren praktischen Verhaftungsaktionen

337
00:51:00.980 --> 00:51:06.900
 allerdings wenig um diese Verordnungen. Nehmen wir Josef Finster. Er war

338
00:51:06.900 --> 00:51:13.460
 aus sozialen Gründen tatsächlich Wiederholungstäter, aber niemals hatte er eine Strafe von sechs

339
00:51:13.460 --> 00:51:29.099
 Monaten abgebüßt. Die Strafe wegen der angeblich maßgeblichen Beteiligung an den Hungerdemonstrationen von 1921 betrug nur vier Monate und lag 18 Jahre zurück. Für alle anderen Delikte

340
00:51:29.099 --> 00:51:36.360
 saß er nur für einige Tage oder gar Stunden in Haft. Wäre es nach den formalen Bestimmungen

341
00:51:36.360 --> 00:51:43.340
 gegangen, hätte Josef nicht verhaftet werden dürfen. Die Kriminalpolizei handelte willkürlich.

342
00:51:44.000 --> 00:51:50.860
 Möglicherweise hatte sie bei ihren Aktionen gegen die sogenannten Berufsverbrecher auch eine Quote zu erfüllen.

343
00:51:53.280 --> 00:52:02.599
 Es wäre irreführend, sich den Kampf des Dritten Reiches gegen sozial Schwache nur als offensiv-aggressive Strategie vorzustellen.

344
00:52:03.380 --> 00:52:08.539
 Nicht zuletzt sollten auch Funktionäre und die Bevölkerung ein Stück weit dafür gewonnen werden.

345
00:52:09.579 --> 00:52:13.079
 Es würde dem Wohle und dem Schutz der Volksgemeinschaft dienen,

346
00:52:13.079 --> 00:52:19.139
 wenn sogenannte Gemeinschaftsfremde und damit mögliche Gefährder in Gewahrsam kommen.

347
00:52:20.000 --> 00:52:23.579
 Es gab also auch eine sanfte Strategie der Repression.

348
00:52:24.480 --> 00:52:32.219
 Diese ging von einer helfenden, aufbauenden Haltung aus, voller Sympathie und Sorge um die bedauernswerten Menschen.

349
00:52:32.219 --> 00:52:40.860
 Aber zur Rettung der Gemeinschaft seien schmerzende Eingriffe gegenüber den angeblich Minderwertigen unvermeidbar.

350
00:52:42.179 --> 00:52:52.400
 Wie klingt dieser sanfte Sozialrassismus? Am 14. März 1940 war Dr. Walter Gross, Arzt und

351
00:52:52.400 --> 00:52:59.980
 Leiter des Rasspolitischen Amts der NSDAP in Linz. Vor Vertretern der Partei und Wehrmacht hielt er

352
00:52:59.980 --> 00:53:08.199
 im gefüllten Festsaal des Linzer Kaufmannischen Vereinshauses, einen Vortrag mit dem Titel Rassenpolitik im Krieg.

353
00:53:09.280 --> 00:53:13.579
 Gross sprach über die sogenannte Ausmerzung Assozialer

354
00:53:13.579 --> 00:53:17.519
 als Teil der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik.

355
00:53:24.400 --> 00:53:27.559
 Ich weiß, dass wir hier in diesem Raum unter uns sind.

356
00:53:28.559 --> 00:53:34.820
 Das heißt, unter Parteigenossen, die irgendwie an verantwortlicher Stelle in der Arbeit stehen.

357
00:53:35.579 --> 00:53:42.199
 Und denen ich deshalb auch mal Dinge sagen kann, die weder in die Zeitung gehören, noch auf der Straße ausgetratscht werden.

358
00:53:42.219 --> 00:53:45.039
 auf der Straße ausgetratscht werden.

359
00:53:50.139 --> 00:53:52.000
 Nun ein Wort über das, was in unserem eigenen Volk ausgemärzt werden muss.

360
00:53:53.500 --> 00:53:54.380
 Es sind zwei Kategorien von Menschen.

361
00:53:57.199 --> 00:54:02.880
 Einmal die Erbkranken im Sinne des Gesetzes, das heißt die Menschen, die ohne Schuld und ohne irgendein eigenes Vergehen

362
00:54:02.880 --> 00:54:08.860
 unbegreiflich für sie mit diesem Schicksal belastet sind, erbkrank zu sein.

363
00:54:09.239 --> 00:54:16.639
 Das heißt, Träger von erblichen Anlagen, die sie im Laufe ihres Lebens unfähig zu einer vollen Leistung für die Nation machen.

364
00:54:18.079 --> 00:54:21.159
 Ein solcher Erbkranker ist kein schlechter Mensch.

365
00:54:22.059 --> 00:54:25.860
 Ein solcher Erbkranker ist nicht Gegenstand unserer Angriffe oder

366
00:54:25.860 --> 00:54:31.980
 unseres Sportes. Ein solcher Herdkranker ist ein armer Teufel, der genauso anständig ist

367
00:54:31.980 --> 00:54:39.340
 wie du und ich, zu dem eben bloß ein unbegriffliches Schicksal diese Last auf die Schultern gelegt

368
00:54:39.340 --> 00:54:53.039
 hat. Er versagt irgendwo und irgendwann im Leben und deshalb dringt ihn das Gesetz, freigeläugig auf Nachkommen zu verzichten, das heißt sich der Sterilisierung zu unterziehen.

369
00:54:55.840 --> 00:55:08.760
 Neben der Gruppe der Erdkranken, die sterilisiert werden aufgrund des Gesetzes, stehen nun aber erdlich belastete Menschen, die nicht erdrrank und trotzdem ärztlich denkbar unerwünscht sind.

370
00:55:09.460 --> 00:55:11.559
 Das sind die vorhin schon genannten Asozialen.

371
00:55:12.820 --> 00:55:19.920
 Asozial, verwechseln Sie bitte nicht mit dem ähnlich klingenden Wörtlein Unsozial.

372
00:55:21.679 --> 00:55:25.119
 Legen Sie es als vorgekommen, das die auseinandergehalten hat.

373
00:55:25.599 --> 00:55:34.900
 Da hat man gesagt, ein Betriebsführer, der einem seiner Angestellten einen Urlaub verweigert hat oder um zwei Tage gekürzt, das ist ein Asozialer.

374
00:55:36.440 --> 00:55:39.659
 Da sah man im Hintergrund bereits das lange Messer, das da gewetzt wurde.

375
00:55:40.760 --> 00:55:42.860
 Und so geht es nun auch nicht.

376
00:55:43.500 --> 00:55:47.000
 Der Betriebsführer ist nicht asozial, er ist unsozial.

377
00:55:47.000 --> 00:55:50.000
 Das ist eine Frage der Haltung, der Erziehung, der Ordnung, der Einordnung.

378
00:55:50.000 --> 00:55:55.000
 Den soll man an den Schliff packen und soll ihm rechts und links hinter die Ohren hauen, wenn es nötig ist.

379
00:55:55.000 --> 00:55:58.000
 Und soll ihm beibringen, was er für soziale Pflichten hat.

380
00:55:58.000 --> 00:56:01.000
 Aber man soll ihn nicht sterilisieren.

381
00:56:01.000 --> 00:56:05.000
 Wohingegen wir sterilisieren wollen, sind Asozialen.

382
00:56:05.000 --> 00:56:09.000
 Aber meine Parteigenossen, wohlverstanden, wir wollen.

383
00:56:09.000 --> 00:56:14.000
 Im Augenblick ist das in Deutschland leider noch nicht Gesetz.

384
00:56:16.000 --> 00:56:20.000
 Für uns ist wichtig, dass dieser Kreis der Asozialen

385
00:56:20.000 --> 00:56:26.420
 nicht ein Gelegenheitendeffekt, nicht ein Erziehungsschaden ist,

386
00:56:27.280 --> 00:56:31.099
 sondern ausgesprochen familiär und örtlich auftritt.

387
00:56:32.000 --> 00:56:35.659
 Ich bitte, das zur Kenntnis zu nehmen und besonders denen zu sagen,

388
00:56:36.199 --> 00:56:40.900
 die in der praktischen Fürsorgearbeit stehen oder in der karitativen Arbeit stehen

389
00:56:40.900 --> 00:56:44.940
 und sehr oft noch unter den Gedanken von vorgestern leiden,

390
00:56:46.159 --> 00:56:46.300
 in der Meinung,

391
00:56:50.880 --> 00:56:55.880
 das wären alles Umweltschäden. So ein armer Mensch, der wäre eben verdorben durch die Umwelt und müsste nun durch anständige Behandlung auf den rechten Weg gebracht werden. Das ist

392
00:56:55.880 --> 00:57:02.059
 nicht wahr. Der asoziale Personenkreis ist ein typisch biologisch umschriebener Personenkreis

393
00:57:02.059 --> 00:57:05.820
 mit charakteristischen ärztlichen Merkmalen

394
00:57:05.820 --> 00:57:13.019
 und mit der Sendenz immer seinesgleichen als Partner, als Sexual- und Zeugungspartner zu suchen.

395
00:57:13.860 --> 00:57:20.820
 Das ist wichtig. In jedem Arbeitshaus in Deutschland finden sich einzelne Menschen,

396
00:57:21.519 --> 00:57:27.960
 von denen sagt man ja, die kosten uns eine Riesenstange Geld, aber wir geben uns die größte Mühe, die zu bessern und auf den richtigen Weg zu bringen.

397
00:57:28.719 --> 00:57:30.539
 Und dann sagen wir, um Gottes Willen, weshalb denn?

398
00:57:31.219 --> 00:57:34.699
 Hast du nicht selber gesagt, dass der Vater selbst so ein solcher Gauner und Verbrecher ist?

399
00:57:35.119 --> 00:57:41.860
 Und auch irgendwo Zeit seines Lebens in Anstalten zwangsweise beschäftigt werden musste, weil er nichts tat.

400
00:57:42.860 --> 00:57:45.139
 Und dann ist immer der Heinwandwand der Fürsorgerin

401
00:57:45.139 --> 00:57:47.219
 oder des Anstaltsleiters von gestern.

402
00:57:47.340 --> 00:57:49.219
 Ja, der Vater, das ist schon richtig,

403
00:57:49.619 --> 00:57:53.260
 aber es könnte ja sein, dass dieses Kind nun von der Mutter her

404
00:57:53.260 --> 00:57:56.079
 wertvolle Erbanlagen hat, die gerettet werden müssen.

405
00:57:56.300 --> 00:57:57.699
 Eine Parteiginuss ist Quatsch.

406
00:57:59.599 --> 00:58:03.940
 Eine anständige und auch nur durchschnittlich brauchbare

407
00:58:03.940 --> 00:58:09.000
 und tüchtige Frau verbindet sich nicht mit seinem charakteristisch asozialen.

408
00:58:10.820 --> 00:58:18.260
 Und das Kind, dessen Vater als bekannter Landstreicher und Asozialer in den Nüsten steht,

409
00:58:18.900 --> 00:58:28.880
 hat garantiert eine Mutter gleicher Wertigkeit bzw. Unterwertigkeit. Und in solcher Wahnsinn Geld und Arbeitskraft darauf zu vergeuden,

410
00:58:29.280 --> 00:58:32.340
 um das Produkt von zwei solchen minderwertigen Stolchen

411
00:58:32.340 --> 00:58:35.679
 mit viel Mühe und Liebe und Betreuung

412
00:58:35.679 --> 00:58:39.099
 vielleicht doch noch einigermaßen auf den rechten Weg zu bringen.

413
00:58:39.519 --> 00:58:41.440
 Nein, was hier Not tut, ist zweierlei.

414
00:58:41.440 --> 00:58:46.139
 Erstens, die vorhandenen asozialen Individuen hart anzupacken.

415
00:58:46.699 --> 00:58:48.719
 Das ist eine Aufgabe der Polizei.

416
00:58:49.900 --> 00:58:55.920
 Und zweitens, dafür zu sorgen, dass diese vorhandenen asozialen Individuen nicht neue erzeugen.

417
00:58:56.440 --> 00:58:59.400
 Bekanntlich sind sie überdurchschnittlich bruchtbar gewesen von jeher.

418
00:59:00.480 --> 00:59:03.760
 Hier ist eine biologische Maßnahme, nicht mehr eine polizeiliche notwendig.

419
00:59:03.760 --> 00:59:07.179
 Hier ist Ausschaltung aus dem Gattgang erforderlich.

420
00:59:07.559 --> 00:59:18.099
 Aber wenn die nicht mit Gesetz geht, dann werden wir sie eben mit entsprechender Handhabung des Gesetzes einführen und durchführen müssen.

421
00:59:19.599 --> 00:59:24.039
 Dafür ist aber notwendig, meine Parteigenossen, dass man den asozialen Personenkreis kennt.

422
00:59:24.039 --> 00:59:25.320
 Es ist aber notwendig, meine Parteigenossen, dass man den asozialen Personenkreis kennt.

423
00:59:30.619 --> 00:59:31.260
 Und deshalb ist das, was auch hier im GAU jetzt vor dem politischen Abzug in Angriff genommen wird,

424
00:59:36.219 --> 00:59:37.139
 eine asoziale Kartei, eine dringende Erfordernis.

425
01:00:23.260 --> 01:00:26.940
 Wir können nicht an strenge Maßnahmen herangehen, wenn wir nicht wissen, wen diese Maßnahmen treffen sollen. Ein Großteil der Linzer Bevölkerung reagierte euphorisch auf die Machtergreifung Adler-Phültlers und den vermeintlichen sozialen Aufstieg der Stadt.

426
01:00:27.960 --> 01:00:39.420
 Abseits davon ereignete sich in der Nacht des 14. Juni 1938 eine groß angelegte Verhaftungsaktion der Linzer Kriminalpolizei.

427
01:00:40.119 --> 01:00:42.980
 Die Aktion fand nicht nur in Linz statt.

428
01:00:51.059 --> 01:00:52.039
 Die Aktion fand nicht nur in Linz statt. In ganz Österreich wurden mitten in der Nacht mehrere hundert Männer in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen.

429
01:00:55.880 --> 01:00:56.639
 Es gab keinen aktuellen Tatverdacht und keinen Haftbefehl.

430
01:01:04.960 --> 01:01:06.480
 Alle waren wegen unterschiedlichster Straftaten vorbestraft, hatten ihre Haftstrafen jedoch bereits abgebüsst.

431
01:01:14.099 --> 01:01:18.480
 Josef wurde um 3.45 Uhr in seiner Wohnung in der Linzer Dörflinger Straße 13 aufgegriffen und in das Polizeigefängnis in der Mozartstraße eingeliefert.

432
01:01:19.800 --> 01:01:28.280
 Wie der polizeiliche Überfall auf Josef im Detail vor sich ging, ist nicht dokumentiert. Aber wir

433
01:01:28.280 --> 01:01:34.480
 wissen von einem überlebenden Zeitzeugen, der im Rahmen derselben nächtlichen Polizeiaktion in

434
01:01:34.480 --> 01:02:16.599
 Wien verhaftet wurde, wie es gewesen sein könnte.... Im Jahre 1938, nach der Machtübernahme durch die Naziregierung in Österreich,

435
01:02:17.559 --> 01:02:25.840
 wurde ich Mitte Juni 1938 um vier Uhr früh in meiner Wohnung durch drei Polizeibeamte verhaftet.

436
01:02:26.960 --> 01:02:32.840
 Ich wurde aus der Wohnung meiner Mutter, wo ich auch mit meiner Frau wohnte, rausgeholt mit der Begründung,

437
01:02:34.019 --> 01:02:38.000
 ziehen Sie sich an und folgen Sie uns zum Polizeirevier in die Juchgasse.

438
01:02:39.260 --> 01:02:47.119
 Auf mein Befragen, was denn los sei, wurde mir kurz zur Antwort gegeben, es handele sich nur um

439
01:02:47.119 --> 01:02:52.780
 eine Auskunft, in längstens einer Stunde sei ich wieder hier. Da ich mich keiner Schuld

440
01:02:52.780 --> 01:02:59.000
 bewusst fühlte, ging ich ganz ruhig mit den drei Beamten auf das Polizeirevier. Ich sagte

441
01:02:59.000 --> 01:03:06.039
 noch zu meiner Frau und zu meiner Mutter, sie sollen sich keine Sorgen machen, wie sie ja selber hörten, käme ich ja bald wieder zurück.

442
01:03:07.480 --> 01:03:09.519
 Doch es sollte anders kommen.

443
01:03:10.920 --> 01:03:16.239
 Ich wurde auf der Polizei in eine Zelle gegeben, wo schon 20 Personen drinnen waren

444
01:03:16.239 --> 01:03:21.460
 und die alle mit der Selbstbegründung von ihrer Wohnung von der Polizei abgeholt wurden,

445
01:03:21.760 --> 01:03:22.699
 wie bei mir zu Hause.

446
01:03:24.059 --> 01:03:27.059
 Wir warteten den ganzen Tag über und auf unser

447
01:03:27.059 --> 01:03:33.880
 wiederholtes Fragen, was denn eigentlich los sei und weshalb wir eigentlich hier seien, wurde uns

448
01:03:33.880 --> 01:03:40.800
 keine Auskunft gegeben. Auch unsere Angehörigen bekamen keine Auskunft. So verging auch noch die

449
01:03:40.800 --> 01:03:46.380
 ganze Nacht in ewiger Ungewissheit über unser Schicksal. Am folgenden

450
01:03:46.380 --> 01:03:53.039
 Morgen wurden wir mit dem Polizeiauto in das Polizeirevier Promenade im 9. Bezirk gebracht

451
01:03:53.039 --> 01:04:00.840
 und dort sickerte schon das Gerücht durch, dass wir nach Dachau kommen, weil wir Nazi-Gegner

452
01:04:00.840 --> 01:04:08.300
 seien. Am späten Nachmittag, so um 6 Uhr, wurden wir wieder auf das Auto aufgeladen

453
01:04:08.300 --> 01:04:14.400
 und zur Abfahrseite Westbahnhof gebracht. Da waren wir aber schon auf circa 500 Personen

454
01:04:14.400 --> 01:04:20.960
 angestiegen. Nun begann erst der richtige Leidensweg für uns alle, denn nun wurde es

455
01:04:20.960 --> 01:04:25.400
 zur Gewissheit, dass wir in das KZ Dachau gebracht werden.

456
01:04:32.619 --> 01:04:33.179
 Die Abfahrseite des Bahnhofes, wo unser Zug stand, war durch eine Kompanie SS Totenkopf abgesperrt.

457
01:04:36.659 --> 01:04:36.860
 Und wir wurden wie Schlachtvieh in die Waggons verfrachtet.

458
01:04:46.780 --> 01:04:47.159
 Wir mussten je zehn Mann in einem Abteil sitzen, Hände auf den Knien und mit hocherhobenen Kopf und offenen Augen immer in das Licht an der Decke sehen.

459
01:04:54.219 --> 01:04:54.599
 Wer sich mit dem Kopf anlehnte oder wer die Augen geschlossen hielt, wurde sofort von dem Posten, der vor der offenen Tür stand,

460
01:05:02.719 --> 01:05:07.559
 mit dem Pistolenschaft oder von den immer durchgehenden SS-Offizieren mit der Reitpeitsche ins Gesicht geschlagen. In München wurden wir sofort in bereitstehende

461
01:05:07.559 --> 01:05:15.360
 Güterwaggons umgeladen und fuhren sofort die kurze Strecke nach Dachau direkt ins Lager.

462
01:05:15.360 --> 01:06:08.760
 Wir hatten bei dieser kurzen Fahrt bereits 13 Tote, die man willkürlich auf der Fahrt erschossen hatte. Möglich, dass sich die Abläufe bei den Verhaftungen und der Deportation in Linz von jenen in Wien

463
01:06:08.760 --> 01:06:09.760
 unterschieden haben.

464
01:06:09.760 --> 01:06:16.519
 Vielleicht gaben die Linzer Beamten eine Begründung, warum sie Josef verhaftet haben und er nach

465
01:06:16.519 --> 01:06:18.519
 Dachau transportiert werden sollte.

466
01:06:18.519 --> 01:06:20.559
 Vielleicht auch nicht.

467
01:06:20.559 --> 01:06:28.659
 Nicht zu wissen, warum einem die Gewalt, der man ausgesetzt ist, widerfährt, stößt einen in

468
01:06:28.659 --> 01:06:37.539
 eine bodenlose Unsicherheit, steigert ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Andererseits, was hätten ihm die

469
01:06:37.539 --> 01:06:45.280
 Polizisten sagen sollen? Dass eine Verhaftung notwendig sei, weil er eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstelle?

470
01:06:45.280 --> 01:06:56.300
 Dass er als gefährlicher Berufsverbrecher angesehen werde und sie ihre Arbeit im Rahmen der vorbeugenden Verbrechungsbekämpfung erledigen würden?

471
01:06:57.980 --> 01:07:06.239
 Nach einigen Tagen Zwischenaufenthalt im KZ Dachau überstellte man Josef in das Lager Flossenbürg.

472
01:07:08.539 --> 01:07:14.079
 Flossenbürg gehört zu jenen Lagern, die den wirtschaftlichen Interessen der NS dienen sollten.

473
01:07:15.239 --> 01:07:21.159
 Die Bauvorhaben der Nationalsozialisten waren mit einer riesigen Nachfrage nach Materialien verbunden.

474
01:07:21.159 --> 01:07:28.659
 Um diesen Bedarf zu befriedigen, gründete die SS die Deutsche Erde und Steinwerke GessenbH.

475
01:07:29.400 --> 01:07:38.179
 Die Häftlinge sollten als Arbeitskräfte in den Konzentrationslager genutzt werden. Der Plan war, mittels Zwangsarbeit, Hunger,

476
01:07:38.579 --> 01:07:45.539
 Willkür, Schikane und unter Inkaufnahme der Vernichtung von Menschen Gewinne zu erwirtschaften.

477
01:07:46.500 --> 01:07:53.079
 Als Josef in Flossenbürg eingeliefert wurde, hatte er wenig persönliche Habe bei sich.

478
01:07:54.400 --> 01:08:04.900
 In die Karteikarte wurde eingetragen eine Mütze, einen Rock und eine Hose, ein Hemd, eine Unterhose, Schuhe und Strümpfe.

479
01:08:07.380 --> 01:08:07.480
 eine Hose, ein Hemd, eine Unterhose, Schuhe und Strümpfe. Das war vermutlich die Bekleidung,

480
01:08:12.179 --> 01:08:18.060
 die er rasch übergezogen hat, als ihn die Kriminalpolizei eine Viertelstunde vor vier Uhr früh in der Dörflinger Straße aus dem Bett geholt hatte. Was er sich schon im Gehen noch

481
01:08:18.060 --> 01:08:34.020
 mitnehmen hatte können, waren das Zigaretten-Etui und Feuerzeug. Die Verhaftung lag 17 Tage zurück. Das Etui wird bei der Ankunft im Lager schon leer gewesen sein. Auch diese Utensilien wurden protokolliert.

482
01:08:45.960 --> 01:08:47.020
 Eine Tätigkeit, die bisher in seiner Liste von Tätigkeiten noch niemals aufgeschieden war.

483
01:08:55.119 --> 01:09:03.159
 Unter der Rubrik Anschluss wurde auf der Karte Josefa Mach als Braut vermerkt, allerdings später wieder gestrichen und handschriftlich durch Name und Adresse seines ältesten Bruders Leopold ersetzt.

484
01:09:03.159 --> 01:09:04.460
 seines ältesten Bruders Leopold ersetzt.

485
01:09:10.960 --> 01:09:11.500
 Es gibt von Josef nur ein weiteres Dokument aus dem Konzentrationslager.

486
01:09:15.239 --> 01:09:16.680
 Eine Niederschrift zu seiner Ehe mit Adele Finster.

487
01:09:21.319 --> 01:09:25.579
 An einem frostigen Jännertag besuchte ein Amtsgerichtsrat Schönberger mit einem Justizassistenten Heiden vom Amtsgericht Wien-Florezdorf,

488
01:09:26.279 --> 01:09:27.979
 den Häftling Josef Finster.

489
01:09:28.840 --> 01:09:38.460
 Dieser sollte als Auskunftsperson zum gerichtlichen Antrag von Adele Finster auf Scheidung der Ehe befragt werden.

490
01:09:39.359 --> 01:09:46.420
 Das Nationalsozialistische Gesetz zur Vereinheitlichung des Rechts der Eheschließung und der Ehescheidung

491
01:09:46.420 --> 01:09:52.579
 beseitigte die in Österreich geltenden Regelungen für Ehen nach kirchlichem Recht.

492
01:09:53.840 --> 01:10:00.560
 Adele wollte die bislang nur von Tisch und Bett getrennte Ehe vollständig lösen.

493
01:10:01.819 --> 01:10:04.380
 Offenbar gedachte sie sich neuerlich zu verheiraten.

494
01:10:07.579 --> 01:10:08.199
 dich lösen. Offenbar gedachte sie sich neuerlich zu verheiraten. Das Gericht hatte nun zu prüfen,

495
01:10:14.420 --> 01:10:21.819
 ob die Ehegatten sich nach der Trennung wieder verbunden haben. War das nicht der Fall, konnte die Scheidung ausgesprochen werden. Um dem Scheidungsantrag Adeles Genüge zu tun,

496
01:10:22.159 --> 01:10:27.380
 reisten zwei Beamte 500 Kilometer von Wien in das Konzentrationslager

497
01:10:27.380 --> 01:10:37.479
 Flossenbürg. Laut der Niederschrift vom 12. Jänner 1939 im KZ Flossenbürg bestätigte Josef,

498
01:10:37.880 --> 01:10:47.500
 dass eine Wiedervereinigung zwischen ihm und seiner Ehefrau nach der erfolgten Trennung von Tisch und Bett nicht stattgefunden hatte.

499
01:10:49.039 --> 01:10:54.979
 Die Unterschrift auf diesem Dokument ist das letzte Lebenszeichen von Josef.

500
01:10:56.239 --> 01:11:01.960
 Er war ein Mann mit schmächtiger Statur, 1,62 Meter groß.

501
01:11:02.920 --> 01:11:06.579
 Drei Jahre lang überlebte er die Arbeit in den Steinbrüchen.

502
01:11:08.720 --> 01:11:14.720
 Josef starb am 30. November 1941 um 9 Uhr an Herzschwäche.

503
01:11:15.840 --> 01:11:17.680
 So die Behauptung der SS.

504
01:11:18.640 --> 01:11:24.680
 Laut Karteikarte des Konzentrationslagers Flossenbürg wurde sein Nachlass,

505
01:12:51.720 --> 01:13:00.800
 An der Steilkarte des Konzentrationslagers Flossenbürg wurde sein Nachlass, vermutlich das Zigarettenetui und Feuerzeug, fünf Tage nach seinem Tod nicht an den Bruder, sondern an die Kriminalpolizei Linz gesendet. © BF-WATCH TV 2021 Schwarzes Lager mit Schnee bespritzt wie Kalk

506
01:13:28.000 --> 01:14:09.000
 wie Kalk, Flockenkericht röckelt aus den grauen Wolken, Tollwütig jagt der Wind inzwischen den Baracken. Du mitleidloser Mord. Wenn mich dieser Husten nasse Kälte.

507
01:14:12.000 --> 01:14:15.000
 Der Häftling ringt nach Luft, am ganzen Leib geschüttelt.

508
01:14:22.000 --> 01:14:27.000
 Ach, kalt, so kalt.

509
01:14:30.079 --> 01:18:05.800
 Ach, wo ist die Wärme von daheim? so Thank you. Terima kasih telah menonton! © transcript Emily Beynon © transcript Emily Beynon Terima kasih telah menonton! Die Geschichte von Josef Finster erweitert unser Wissen über die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern.

510
01:18:06.720 --> 01:18:15.579
 An seinem Fall werden die systematische Inhaftierung, Deportation und Ermordung der sogenannten

511
01:18:15.579 --> 01:18:30.460
 Berufsverbrecher nachvollziehbar. Die vorbeugende Verbrechungsbekämpfung, angeblich zum Schutz der Gesellschaft vor fantasierten Verbrechermenschen vollzogen, war ein Unrecht.

512
01:18:31.479 --> 01:18:37.720
 Tausende von Vorbestraften wurden ohne Anlass verhaftet und in die Konzentrationslager verbracht.

513
01:18:37.720 --> 01:18:41.399
 Von dort kehrten nur wenige lebend zurück.

514
01:18:48.060 --> 01:18:56.479
 lebend zurück. In der Erinnerungspolitik werden sie noch kaum als Opfer des Nationalsozialismus wahrgenommen und anerkannt. Es gab lange Jahre die Praxis, manche Häftlingsgruppen zu diskriminieren,

515
01:18:57.279 --> 01:19:10.100
 zwischen wirklichen und falschen Opfern zu unterscheiden. Hinter dieser Praxis verbirgt sich eine höchst idealistische Haltung. Es ist

516
01:19:10.100 --> 01:19:17.460
 irreführend und falsch, sich menschliche Würde als großartige, ernste, feierliche Angelegenheit

517
01:19:17.460 --> 01:19:29.760
 vorzustellen. Zur Menschlichkeit gehört auch Chaos und Formlosigkeit, Feigheit und Tapferkeit, sich selbst und andere zu enttäuschen.

518
01:19:30.939 --> 01:19:36.840
 Zur Menschlichkeit gehört der Versuch, über sich selbst hinauszuwachsen und besser zu werden.

519
01:19:38.520 --> 01:19:44.539
 Ein Opfer muss nicht perfekt sein, um Mitgefühl und Gerechtigkeit zu verdienen.

520
01:19:50.800 --> 01:19:59.880
 sein, um Mitgefühl und Gerechtigkeit zu verdienen. Die Frage ist, wem wollen wir in der Erinnerungskultur gedenken? Helden oder konkreten Menschen? Das alltägliche Menschsein sollte eigentlich nicht

521
01:19:59.880 --> 01:20:05.640
 als endlose Prozession von Dumthaftigkeit betrachtet werden.

522
01:20:11.640 --> 01:20:16.779
 Wir haben davon gesprochen, dass es von Josef keine persönlichen Zeugnisse gibt und wir uns bei den Nachforschungen nur auf amtliche Dokumente stützen konnten.

523
01:20:17.939 --> 01:20:20.500
 Wir kennen nur die Sicht der Behörden auf ihn,

524
01:20:21.140 --> 01:20:24.560
 nicht aber seine eigenen Wahrnehmungen auf die Welt, sein Leben

525
01:20:24.560 --> 01:20:26.119
 und die Ereignisse,

526
01:20:26.279 --> 01:20:35.100
 die ihm zugestoßen sind. Das hat vielleicht aber auch etwas Gutes. Josef kann so umso besser seine

527
01:20:35.100 --> 01:21:20.000
 Aufgabe erfüllen, ein exemplarischer Fall zu sein, der für viele andere steht. Applaus

