WEBVTT

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00:00:00.000 --> 00:00:32.579
 Guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren im Stifterhaus.

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00:00:32.700 --> 00:00:38.179
 Sie haben es vorgezogen, hierher zu kommen, anstatt ins Stadion zum Spiel Österreich gegen Israel.

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00:00:38.179 --> 00:00:40.520
 Ein herzliches Dankeschön dafür an dieser Stelle.

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00:00:41.200 --> 00:00:46.140
 Ich darf Sie begrüßen zur heutigen Buch- und Verlagspräsentation des Residenzverlages.

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00:00:46.280 --> 00:00:52.780
 Was erwartet uns? Es erwartet uns eine kurze Vorstellung des Verlags durch die Programmleitung.

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00:00:53.380 --> 00:01:00.560
 Zum einen und zum anderen wird uns ein Autor aus dem Verlag sein neuestes Buch vorstellen. Sie

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00:01:00.560 --> 00:01:08.819
 wissen es, Katharina Praschl hätte heute eigentlich auch hier sein sollen, aber sie ist leider erkrankt und kann daher nicht teilnehmen.

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00:01:09.260 --> 00:01:18.840
 Dafür, und das entschädigt vielleicht, hat es der Neuroman von Wladimir Wertlieb, der hier vor mir steht und im Februar diesen Jahres erschienen ist,

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00:01:19.019 --> 00:01:25.540
 auf die Longlist zum österreichischen Buchpreis geschafft. Einen herzlichen Glückwunsch dazu.

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00:01:27.140 --> 00:01:27.260
 Ich darf unsere beiden Gäste begrüßen.

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00:01:31.620 --> 00:01:33.640
 Zum einen die Leiterin des Residenzverlags Claudia Romeda und den Autor Vladimir Wertlieb.

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00:01:33.680 --> 00:01:35.780
 Herzlich willkommen im Stifterhaus. Danke fürs Kommen.

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00:01:41.359 --> 00:01:50.219
 Vor einigen Jahren, genauer von Juli bis Oktober 2021, war hier in der Literaturgalerie des Stifterhauses eine Ausstellung zu sehen,

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00:01:50.219 --> 00:01:55.540
 die den Titel trug, Residenz, frühe Jahre eines Literaturverlags.

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00:01:56.000 --> 00:02:05.739
 In der Ausstellungsbeschreibung hieß es, Zitat, wie kaum ein anderer Verlag nach 1945 hat Residenz die zeitgenössische österreichische Literatur

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00:02:05.739 --> 00:02:12.939
 gefördert und geprägt. Seit Beginn des literarischen Programms in den späten 1960er Jahren entwickelte

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00:02:12.939 --> 00:02:18.400
 er sich zur führenden Adresse innerhalb Österreichs für die wichtigsten Autorinnen und Autoren aus

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00:02:18.400 --> 00:02:29.759
 diesem Land. Im Mittelpunkt der von Bernhard Judex, Martin Huber und Manfred Mittermeier kuratierten Ausstellung über die frühen Jahre des Residenzverlags in etwa bis 1975

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00:02:29.759 --> 00:02:33.740
 standen zwei für den Verlag ganz zentrale Persönlichkeiten.

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00:02:34.520 --> 00:02:42.479
 Zum einen der Gründer des Verlags, Wolfgang Schaffler, und zum anderen der in Linz geborene Autor, Lektor und Berater Rudolf Beyer.

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00:02:42.719 --> 00:02:45.340
 Jetzt aber zu unseren Gästen.

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00:02:47.960 --> 00:02:48.120
 Zuerst müssen wir natürlich mit der Dame beginnen.

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00:02:49.180 --> 00:02:49.360
 Das gebietet die Höflichkeit.

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00:02:51.139 --> 00:02:51.280
 Claudia Romeda wurde in Wien geboren.

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00:02:54.620 --> 00:02:57.659
 Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Hispanistik und war unter anderem als Dramaturgin tätig,

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00:02:57.740 --> 00:03:00.879
 beispielsweise am Schauspielhaus Graz oder am Burgtheater Wien.

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00:03:00.879 --> 00:03:08.039
 Seit 2010 ist sie in führender Position im Residenzverlag. Bis 2022 verantwortete

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00:03:08.039 --> 00:03:13.379
 sie dort als ein Teil einer Doppelspitze die Programmleitung. Seit mittlerweile vier Jahren

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00:03:13.379 --> 00:03:18.939
 ist sie die alleinige Geschäftsführerin des Verlags, der seinen Stammsitz in Salzburg hat,

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00:03:19.060 --> 00:03:26.240
 aber auch ein Büro in Wien unterhält. Wladimir Werthlieb, im heutigen St. Petersburg geboren, emigrierte mit seiner

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00:03:26.240 --> 00:03:32.300
 Familie bereits im Kindesalter im Jahr 1971. Nach mehreren Stationen kam die Familie schließlich

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00:03:32.300 --> 00:03:39.500
 1981 nach Österreich, wo er Volkswirtschaftslehre studierte und 1986 auch die österreichische

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00:03:39.500 --> 00:03:46.860
 Staatsbürgerschaft erlangte. Zuletzt war Wladimir Werthlipp 2024 zur Präsentation seines Buches

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00:03:46.860 --> 00:03:52.860
 Zebra im Krieg bei uns zu Gast. Heute stellt uns der mehrfach preisgekrönte Autor zu nennen,

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00:03:52.860 --> 00:04:00.479
 sind etwa der Anton-Wildgans-Preis 2001, der Preis für Literatur der Stadt Wien 2023 oder der

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00:04:00.479 --> 00:04:08.560
 Theodor Gramer-Preis 2024 sein jüngstes, dem Genre des historischen Romans zuzurechnendes Buch vor.

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00:04:08.560 --> 00:04:14.979
 Es trägt den Titel Der Jude, der Kaiserin und steht, wie bereits erwähnt, auf der Longlist für den österreichischen Buchpreis.

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00:04:15.419 --> 00:04:41.000
 Ich darf Claudia Romeda und Wladimir Wertlieb auf die Bühne bitten und wir freuen uns sehr, dass wir hier im Stifterhaus sein können dürfen.

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00:04:41.819 --> 00:04:45.939
 Das Konzept ist durch die Krankheit von der Katharina natürlich komplett umgeworfen.

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00:04:47.939 --> 00:04:53.939
 Wir wollten ursprünglich, ich erzähle es eigentlich nur, also es sollte eine Verlagspräsentation werden

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00:04:53.939 --> 00:05:02.220
 und die Katharina hat ja ihr Debüt Heimholen bei uns geschrieben, wo sie sich sehr im Moment,

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00:05:02.519 --> 00:05:06.680
 in praktischen der Gegenwart, einen historischen Stoff nährt.

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00:05:06.839 --> 00:05:12.019
 Sie nährt sich der eigenen Familiengeschichte, die Geschichte von den Donausschwaben

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00:05:12.019 --> 00:05:16.259
 und macht sie selbst zu Protagonisten, wie sie da recherchiert.

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00:05:16.980 --> 00:05:26.759
 Wladimir Wertlieb hat sich auch ein versierter Autor, der ja schon viele Bücher geschrieben hat, er ist

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00:05:26.759 --> 00:05:32.680
 Romancier, er ist Essayist, hat viele Erzählungen geschrieben, hat einen

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00:05:32.680 --> 00:05:37.639
 Bekanntheitsgrad schon und hat sich einen komplett anders an einen

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00:05:37.639 --> 00:05:42.600
 historischen Stoff angenähert. Ich werde jetzt trotzdem kurz ein bisschen was erst

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00:05:42.600 --> 00:05:53.060
 zum Verlag erzählen. Er ist 1956 gegründet worden von Wolfgang Schaffler in Salzburg und war ursprünglich ein Regionalverlag.

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00:05:53.920 --> 00:05:58.040
 Also er hat ausschließlich Salzburgensia publiziert.

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00:05:58.980 --> 00:06:09.779
 Und 1967 war dann das Schlüsseljahr für den Verlag, wo er praktisch zum ersten Mal Literatur veröffentlicht hat.

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00:06:09.939 --> 00:06:14.139
 Da war Hartz Herr Atmen mit dabei, da war Peter Handke mit dabei, Innerhofer.

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00:06:15.100 --> 00:06:24.639
 Und seitdem hat sich der Verlag zu einer der bekanntesten österreichischen Literaturverlage entwickelt.

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00:06:28.740 --> 00:06:39.620
 bekanntesten österreichischen Literaturverlage entwickelt. Aber neben der Literatur natürlich auch immer wieder Kunstbücher, auch Sachbücher, also in der hohen Qualität. 1982 hat der

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00:06:39.620 --> 00:06:47.699
 Hannon Kur ja auch die Musik als Klangrede, als erstes Sachbuch, also für das Musikprogramm geschrieben.

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00:06:49.300 --> 00:06:54.000
 Die Riege, wir machen heute auch noch zwischen Tradition und Gegenwart.

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00:06:54.000 --> 00:07:00.939
 Es gab ja viele renommierte Autoren und Autorinnen, die bei uns publiziert haben,

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00:07:01.019 --> 00:07:06.000
 in der Historie natürlich Barbara Frischmuthis zu nennen, der Inna Hofer, der

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00:07:06.579 --> 00:07:12.939
 Gernot Wolfgrober, der Peter Rose, der immer noch bei uns publiziert, dann Gerd Jonke,

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00:07:13.300 --> 00:07:21.319
 Peter Handke, Friedrich Gleitner im Sachbuchbereich, Thomas Bernhardt natürlich.

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00:07:22.939 --> 00:07:28.800
 In der Gegenwart, wir bauen sehr stark auch Sätzen auf junge Literatur.

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00:07:28.800 --> 00:07:37.199
 Begonnen hat bei uns der Clemens Setz, die Milena Fraschardt, die Barbie Markovitsch hat jetzt den Leipziger Buchpreis 1924 bekommen.

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00:07:38.660 --> 00:07:47.740
 Also wir sind wirklich, also in dem Sinne einfach stehen wir immer noch für sehr hochstehende und bekannte Literatur.

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00:07:49.519 --> 00:07:52.500
 Der Hauptsitz ist in Salzburg.

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00:07:52.500 --> 00:07:59.139
 Das Büro, ein Teil des Büros, größtenteils das operative Team sitzt in Wien.

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00:08:00.339 --> 00:08:07.579
 Und wir wissen alle, dass es eigentlich ein Privileg ist, Bücher publizieren zu dürfen.

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00:08:08.100 --> 00:08:14.839
 Und verstehen uns auch als Autorinnen und Autoren Verlag, also die Autorenbetreuung,

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00:08:14.839 --> 00:08:21.220
 dass wir sehr nah am Autor sind, ist uns wichtig, dass wir einen Autor begleiten können

68
00:08:21.220 --> 00:08:25.500
 und immer wieder in der Auseinandersetzung über Inhalte sind.

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00:08:25.500 --> 00:08:32.480
 Also es steckt sehr viel Herzblut in diesem Verlag und so hoffen wir,

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00:08:32.480 --> 00:08:37.460
 dass wir, dass ihr Autoren oder dass du dich da auch wohlfühlst, so wie wir

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00:08:37.460 --> 00:08:42.139
 arbeiten. Also es ist immer ein sehr intensiver Kontakt. Das Lektorat ist

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00:08:42.139 --> 00:08:45.399
 in-house, die Programmleitung macht bei uns die Jessica Bär, die lektorat ist in haus die programmleitung macht bei uns die

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00:08:45.399 --> 00:08:48.940
 jessica per die lektoriert auch die bücher und ihr habt ihr dann auch immer

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00:08:48.940 --> 00:08:54.100
 eine sehr enge zusammenarbeit der wolfgang schaffler hat einen sehr

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00:08:54.100 --> 00:09:01.480
 schönen spruch mit dem er die programmatik des verlags geprägt hat also

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00:09:01.480 --> 00:09:06.000
 ein zitat hinterlassen die gesch Geschichte eines Verlages kann nichts anderes sein,

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00:09:06.120 --> 00:09:07.620
 als die Geschichte seiner Bücher.

78
00:09:08.320 --> 00:09:12.419
 Und nach diesem Leitsatz, an den orientieren wir uns heute noch.

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00:09:13.320 --> 00:09:16.980
 Und so kommen wir eigentlich jetzt auch gleich zu dir, zu deinem Buch,

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00:09:16.980 --> 00:09:20.240
 ja, Wladimir, er ist jetzt auf die Longlist gekommen

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00:09:20.240 --> 00:09:25.419
 vom österreichischen Buchpreis der Jude und die Kaiserin.

82
00:09:26.159 --> 00:09:31.159
 Und du hast dich zum ersten Mal einen wirklich historischen Roman geschrieben.

83
00:09:31.539 --> 00:09:35.039
 Also das Setting möchte ich kurz erst einmal beschreiben,

84
00:09:35.259 --> 00:09:37.720
 bevor wir dann mal zur ersten Lesung kommen.

85
00:09:38.440 --> 00:09:45.440
 Also wir befinden uns jetzt im Jahr 1670 in barocken Wien.

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00:09:45.679 --> 00:09:51.080
 Also wir sind umgeben von barocker Pracht, aber auch großer Armut.

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00:09:51.080 --> 00:09:56.580
 Natürlich, wir bewegen uns zwischen Hofzeremoniell, religiösem Fanatismus,

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00:09:57.120 --> 00:10:01.919
 Aberglauben und politischen Intrigen. Wir sind am Wiener Kaiserhof.

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00:10:03.120 --> 00:10:08.720
 Die Protagonistin weiblicherseits ist die junge Kaiserin Margarita Teresa,

90
00:10:08.919 --> 00:10:13.940
 die sehr jung verheiratet worden ist. Die meisten werden sie eigentlich eher optisch kennen,

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00:10:14.960 --> 00:10:25.100
 weil Velázquez hat dieses berühmte Gemälde Las Meninas, die Hoffräulein, wo sie noch eine Infantin war, von ihr gemalt. Also das ist

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00:10:25.100 --> 00:10:32.379
 einer der bekanntesten Porträts von Velázquez und sie wurde sehr früh dann

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00:10:32.379 --> 00:10:38.879
 mit Leopold I. verheiratet, stieß dann auf einen Wiener Hof, musste sich dort

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00:10:38.879 --> 00:10:47.700
 auch mal Spanierin zurechtfinden und der zweite Protagonist ist Pedro de Rojas, ob er jetzt real ist

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00:10:47.700 --> 00:10:49.039
 oder nicht, das kommen wir dann später

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00:10:49.039 --> 00:10:51.200
 dazu, also ist der Leibarzt der jungen

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00:10:51.200 --> 00:10:54.320
 Kaiserin, die natürlich viele Aufgaben

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00:10:54.320 --> 00:10:58.080
 hatte und die Hauptaufgabe war, natürlich

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00:10:58.080 --> 00:11:01.559
 einen Tropenfolger zu zeugen, also zu

100
00:11:01.559 --> 00:11:03.159
 gebären, nein, zu zeugen musste.

101
00:11:04.899 --> 00:11:06.919
 Keine Geschlechterverchter verwechselt, bitte.

102
00:11:11.080 --> 00:11:19.600
 Und das hat natürlich Stress verursacht und der Leibarzt selber war Spanier in dem Buch.

103
00:11:19.600 --> 00:11:26.379
 Also ist die Figur Pedro de Rojas, ist ein spanischer Leibarzt, dessen Familie jüdisch war

104
00:11:26.379 --> 00:11:29.679
 und die zum Christentum in Spanien konvertieren mussten.

105
00:11:30.299 --> 00:11:34.919
 Das ist so sein großes Geheimnis, also er tritt als Christ auf,

106
00:11:35.720 --> 00:11:41.120
 aber ist dem jüdischen Glauben, also dem praktiziert er dann auch noch für sich.

107
00:11:42.120 --> 00:11:46.019
 Und damit beginnen wir, dann ist es eigentlich auch schon ein Spannungsfeld.

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00:11:46.200 --> 00:11:50.360
 Ich möchte aber jetzt, Wladimir, dass du einmal beginnst,

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00:11:50.419 --> 00:11:55.700
 weil wir lernen ja auf sehr ungewöhnliche Art und Weise diesen Pedro de Rojas kennen.

110
00:11:55.700 --> 00:12:03.960
 Also das ist in der Form, wie du das beschreibst, ist, finde ich, ungewöhnlich,

111
00:12:04.379 --> 00:12:05.700
 auch wie du es beschreibst,

112
00:12:05.759 --> 00:12:10.860
 und das Wiener Publikum war das ja in der damaligen Zeit, wie du es beschreibst, ja auch eher skandalös.

113
00:12:11.240 --> 00:12:19.419
 So ist es. Ja, herzlichen Dank, Claudia, für die schöne Einleitung und auch von meiner Seite.

114
00:12:19.539 --> 00:12:20.960
 Guten Abend, meine Damen und Herren.

115
00:12:21.220 --> 00:12:28.360
 Es freut mich, dass ich Ihnen heute auch ein paar Ausschnitte aus meinem Roman vorstellen darf

116
00:12:28.360 --> 00:12:31.080
 und dass wir dann auch darüber reden werden.

117
00:12:31.399 --> 00:12:36.600
 Und schade eben, dass auch die von mir sehr geschätzte Kollegin Katharina Braschl heute nicht da ist.

118
00:12:36.879 --> 00:12:47.019
 Aber ja, fangen wir tatsächlich gleich mit dem ersten Kapitel und dem Beginn des Romans an.

119
00:12:47.019 --> 00:12:51.940
 Und zwar spielt er es in Wien im November 1668.

120
00:12:54.039 --> 00:13:01.720
 Er möchte ausatmen, mit den Armen rudern, mit den Füßen strampeln, doch sein Körper gehorcht ihm nicht.

121
00:13:02.600 --> 00:13:06.139
 Er spürt seinen Herzschlag nicht mehr, fühlt sich

122
00:13:06.139 --> 00:13:11.899
 verloren, ausgeliefert, hilflos. Nicht einmal die Augenlider lassen sich bewegen. Seine

123
00:13:11.899 --> 00:13:18.759
 Augen sind offen, sie schmerzen. Das also ist das Ende, denkt er. Ausgerechnet an einem

124
00:13:18.759 --> 00:13:25.840
 solchen Tag, einem Tag, der wichtiger ist als andere. Shema Israel Adonai Eloheinu Adonai Echad.

125
00:13:26.419 --> 00:13:29.659
 Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist eins.

126
00:13:30.340 --> 00:13:32.940
 Er allein weiß, was Recht oder Unrecht ist.

127
00:13:34.059 --> 00:13:36.779
 Gewiss hat das, was gerade geschieht, seine Richtigkeit.

128
00:13:37.419 --> 00:13:41.860
 Alles Vergängliche endet zur festgesetzten Stunde an dem Platz,

129
00:13:42.299 --> 00:13:44.740
 der ihm seit ewigen Zeiten vorherbestimmt war.

130
00:13:46.879 --> 00:13:52.539
 Die Sonnenstrahlen bahnen sich mühsam den Weg zu ihm hinunter, zersplittern und verlöschen wie Sternschnucken.

131
00:13:53.279 --> 00:13:59.000
 Das eiskalte Wasser füllt seinen Mund. Für einen kurzen Augenblick glaubt er, es werde sich in

132
00:13:59.000 --> 00:14:25.879
 Lunge und Magen ergießen, sein Inneres ausfüllen und ihn schließlich wie einen Stein hinunterziehen Er schläft sich in den Schläfen im Hals auf den Lippen und schließt sich an allen wichtigen Stellen seines sündigen Körpers, dem er

133
00:14:25.879 --> 00:14:32.879
 mehr abverlangt, als es seinem Alter angemessen wäre. Er hat noch einmal Glück gehabt, schwimmt

134
00:14:32.879 --> 00:14:38.259
 ans Ufer, wo sein Diener kopfschüttelnd, aber mit einem Grinsen im Gesicht auf ihn wartet, bereit,

135
00:14:38.700 --> 00:14:47.059
 ihn mit einem großen weinroten Handtuch abzutrocknen und frisch anzukleiden. Manuel, sein alter Diener, den er aus Madrid mit

136
00:14:47.059 --> 00:14:53.279
 nach Wien gebracht hatte, wäre ihm als Begleiter lieber gewesen. Doch der ist zu Hause geblieben.

137
00:14:53.840 --> 00:15:00.940
 Der Anblick seines Herrn im eiskalten Wasser würde ihn in Panik versetzen. Seinen einheimischen Diener

138
00:15:00.940 --> 00:15:18.700
 berührt so etwas nicht. Es ist November. Letzte Woche war Martinitag. In den Nächten friert der Matsch, die Pfützen werden zu Eis. Morgens beißt der Frost schon schmerzhaft in die Wangen der Menschen, die hinaus ins Freie müssen und die Pferde verlassen nur unwillig ihren Stall.

139
00:15:25.259 --> 00:15:25.659
 Die Exkremente in den Sickergruben werden in den frostigen Nächten hart wie Stein,

140
00:15:29.580 --> 00:15:30.320
 bevor sie im Laufe des Vormittags wieder auftauen und zu stinken beginnen.

141
00:15:34.799 --> 00:15:37.580
 Der Kaiser und seine Entourage sind in die Stadt zurückgekehrt und haben in der Hofburg ihr Winterquartier bezogen.

142
00:15:38.379 --> 00:15:42.820
 Seine Majestät komponiert feierliche Lieder für die Adventzeit

143
00:15:42.820 --> 00:15:45.519
 und verfasst kurze italienische Gedichte.

144
00:15:45.940 --> 00:15:50.159
 O preiset den Herrn, die den Hofstaat in den Zücken versetzen.

145
00:15:50.360 --> 00:15:54.799
 Und er? Er geht schwimmen und erstarrt dabei vor Kälte.

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00:15:55.220 --> 00:15:56.960
 Ist er denn völlig wahnsinnig geworden?

147
00:15:58.799 --> 00:16:01.279
 Manche behaupten, er sei ein Zauberer.

148
00:16:01.940 --> 00:16:05.960
 Andere meinen, sein Geist habe sich nach den schweren Schicksalsschlägen,

149
00:16:06.279 --> 00:16:11.799
 die er erleiden musste, getrübt, weshalb er seltsame Dinge tue, die seiner Position,

150
00:16:12.080 --> 00:16:15.220
 seinem Alter und seinem Stand völlig unangemessen seien.

151
00:16:16.159 --> 00:16:26.240
 Pedro Esteban de Rojas, von den Wienern Peter Rauch genannt, Leibarzt ihrer Majestät Margarita Theresa de Austria, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches,

152
00:16:26.240 --> 00:16:30.659
 deutsche Königin, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen,

153
00:16:31.039 --> 00:16:38.480
 Markgräfin von Meern, Gräfin von Tirol, Herzogin von Kärnten und der Steiermark etc. etc. etc.

154
00:16:38.860 --> 00:16:42.159
 nimmt vor den Toren der Stadt regelmäßig ein Bad.

155
00:16:43.039 --> 00:16:46.899
 Und das zu dieser Jahreszeit unerhört. Ein Skandal.

156
00:16:48.000 --> 00:16:53.360
 In Begleitung seines Dieners verlässt er die Stadt am späten Vormittag durch das Roten Turm-Tor,

157
00:16:53.860 --> 00:17:00.399
 entkleidet sich am Ufer des Donauarms bis auf die Unterwäsche, springt ins Wasser und schwimmt eine gute Viertelstunde

158
00:17:00.399 --> 00:17:05.940
 gegen die Strömung, so dass er nicht fortgetragen wird, sondern etwa dort, wo er ins

159
00:17:05.940 --> 00:17:11.440
 Wasser gestiegen ist, auch wieder herauskommt. Die Wäscherinnen verbreiten die Kunde von diesem

160
00:17:11.440 --> 00:17:17.079
 skandalösen Verhalten schon vor einem Jahr. Es sprach sich in der Stadt herum und erreichte bald

161
00:17:17.079 --> 00:17:26.619
 auch jene, die am anderen Ende der Stadt leben, dort ihr Tagwerk verrichten und äußerst selten, wenn überhaupt, in die Nähe des Roten Turmtores kommen.

162
00:17:27.420 --> 00:17:29.380
 Die Wiener sind empört.

163
00:17:29.900 --> 00:17:33.339
 Es weiß doch jeder, dass Baden die Haut durchlässig macht,

164
00:17:33.779 --> 00:17:37.880
 so dass Krankheiten, Seuchen und böse Geiste in den Körper eindringen können.

165
00:17:39.380 --> 00:17:44.039
 Für Pestilenz und Schwindsucht, für die gefährliche Kretze und die Malaria,

166
00:17:44.200 --> 00:17:53.079
 für Satan und seine Teufel und allerlei Formen von Wollus und Hexerei sind die Pforten des Körpers nach einem Bade weit geöffnet.

167
00:18:06.099 --> 00:18:10.880
 gleichgültig ist, sondern auch jener seiner Mitmenschen, die er anstecken oder der unreifen Kinder, die er durch sein Verhalten und die Entblösung seines Körpers verderben könnte.

168
00:18:11.920 --> 00:18:17.859
 Pedro lässt das Gerede der Leute allerdings kalt. Der Arzt lächelt, wenn er böse Geschichten über

169
00:18:17.859 --> 00:18:22.819
 sich selbst oder sonstigen Tratsch und Klatsch vernimmt und meint, die Leute hätten wohl keine

170
00:18:22.819 --> 00:18:29.240
 anderen Sorgen, als sich über einen Fremden, der sie nichts angeht, das Maul zu zerreißen.

171
00:18:30.599 --> 00:18:38.160
 An diesem trüben Novembertag, an dem der Spanier von der beißenden Kälte des Wassers überrascht beinahe ertrunken wäre,

172
00:18:38.599 --> 00:18:45.059
 nimmt er nicht den üblichen Rückweg über die Roten Turmstraße in die Stadt und danach Richtung Hofburg,

173
00:18:49.359 --> 00:18:53.980
 sondern quert den Donauarm über die hölzerne Schlagbrücke, die in Richtung Krankenhaus der barmherzigen Brüder, Kamelitterkloster und zum Judenviertel im

174
00:18:53.980 --> 00:18:58.220
 unteren Wert führt. Das allerdings überrascht niemanden.

175
00:18:58.640 --> 00:19:03.180
 Man weiß, dass der Medikus hin und wieder im Krankenhaus aushilft, wenn

176
00:19:03.180 --> 00:19:06.920
 schwere Eingriffe anstehen und die ehrwürdigen Brüder nach ihm schicken,

177
00:19:07.400 --> 00:19:12.960
 hat er doch als Wundarzt in seiner Heimat einen gewissen Ruhm erlangt, der ihm schon vorauseilte,

178
00:19:13.039 --> 00:19:18.759
 bevor er mit der Reisegesellschaft, welche die Kaiserin aus Spanien ins ferne Österreich begleitete,

179
00:19:19.079 --> 00:19:22.380
 vor knapp zwei Jahren in Wien eingetroffen ist.

180
00:19:23.619 --> 00:19:29.380
 Der Arzt, als Arzt hat Pedro eigene Theorien. Er glaubt zum Beispiel nicht,

181
00:19:30.160 --> 00:19:36.339
 dass eine saubere Haut für Krankheiten durchlässiger ist, als eine mit Fett, Schmutz und Schweiß scheinbar

182
00:19:36.339 --> 00:19:42.519
 geschützte Körperoberfläche. Vielmehr werde sie durch den Prozess der Reinigung straffer und stärker

183
00:19:42.519 --> 00:19:45.819
 und könne dadurch Angriffen von außen sogar besser widerstehen.

184
00:19:46.599 --> 00:19:55.259
 Auf sauberer Haut finde das Ungeziefer keine Nahrung und der nur für menschliche Nasen angenehme Duft locke keine Insekten an.

185
00:19:56.440 --> 00:20:04.079
 Das Baden im kalten Wasser härte ihn ab, behauptet er, so dass er auch dann gesund bleibe, wenn andere längst dahinsiechen.

186
00:20:04.079 --> 00:20:04.460
 so dass er auch dann gesund bleibe, wenn andere längst dahinsiechen.

187
00:20:08.460 --> 00:20:09.000
 Außerdem stärke es die Seele und den Willen und vertreibe sündige Gedanken,

188
00:20:11.819 --> 00:20:12.660
 die von den wesentlichen Dingen des Lebens ablenken.

189
00:20:17.000 --> 00:20:17.839
 Die anderen Ärzte lachen ihn aus, wenn er versucht, ihnen seine Überlegungen nahezubringen.

190
00:20:20.920 --> 00:20:21.279
 An seinen Ansichten verkünden die geschätzten Kollegen offen,

191
00:20:25.160 --> 00:20:25.759
 erkenne man den Quacksalber, den Scharlatan, den Schwätzer niedriger Herkunft,

192
00:20:29.720 --> 00:20:30.079
 der kein Doktor, sondern bestenfalls ein Handwerker sei, ein Wundarzt,

193
00:20:36.039 --> 00:20:42.779
 der bei seinem Vater, einem ehemaligen Söldner, Fachmann für Amputationen und Meister des Zusammenflickens von im Kampf zerfetzten Fleisch in die Lehre gegangen war, aber niemals eine Universität von innen gesehen habe.

194
00:20:42.779 --> 00:20:45.559
 mal seine Universität von innen gesehen habe.

195
00:20:57.640 --> 00:20:58.279
 Ja und dann spaziert er Richtung heutiger Leopoldstadt, die damals noch nicht so hieß,

196
00:21:10.740 --> 00:21:21.220
 sondern das hieß im Inneren Wert und dort trifft er dann auch auf einen Pater, einen Freund, den er dort hat und dem er manchmal auch hilft. Aber diesmal hat er ganz eigene Vorstellungen und er kommt nicht hin, um ihm bei einer Operation zu helfen, sondern er braucht seine Hilfe.

197
00:21:21.220 --> 00:21:23.579
 sondern er braucht seine Hilfe.

198
00:21:27.839 --> 00:21:28.079
 Wladimir, jetzt mal eine Frage, wie bist du eigentlich auf diesen Stoff gestoßen?

199
00:21:32.579 --> 00:21:34.880
 Warum hast du dich für diesen Stoff, für diesen historischen Stoff entschieden?

200
00:21:40.960 --> 00:21:41.079
 Du hast ja noch nie in der Form einen historischen Roman, der so weit zurückliegt.

201
00:21:46.559 --> 00:21:48.160
 Du hast dich mit so einer Thematik in der Form, also wir waren überrascht, wie du uns erzählt hast zum ersten Mal davon, dass du

202
00:21:48.160 --> 00:21:50.460
 dich diesem Thema mal widmest,

203
00:21:50.619 --> 00:21:52.299
 also 1670,

204
00:21:52.599 --> 00:21:54.339
 wir sind am Wiener Hof, also jetzt hier

205
00:21:54.339 --> 00:21:55.980
 gerade nicht, jetzt waren wir in der Donau,

206
00:21:56.380 --> 00:21:58.339
 aber...

207
00:21:59.640 --> 00:22:00.299
 Ja,

208
00:22:00.420 --> 00:22:00.880
 das hat,

209
00:22:02.079 --> 00:22:03.740
 da gibt es ein paar Gründe, also die

210
00:22:03.740 --> 00:22:05.880
 ich gerne anführen werde.

211
00:22:05.880 --> 00:22:11.759
 Also einer geht wirklich sehr, sehr weit zurück in meine Jugend.

212
00:22:12.859 --> 00:22:21.720
 Also als ich Migrant und ziemlich einsam in Österreich war, als Jugendlicher bin ich gern als Schüler in Museen gegangen,

213
00:22:21.940 --> 00:22:28.940
 unter anderem ins Kunsthistorische Museum und habe dort die Bilder betrachtet,

214
00:22:29.240 --> 00:22:34.380
 unter anderem auch dieses Bild von der Margarita Teresa, von dem du ja schon berichtet hast.

215
00:22:34.380 --> 00:22:41.440
 Also meine Mutter scherzt oft und sagt, sie wundert sich, warum ich überhaupt noch gerne in Museen gehe,

216
00:22:41.559 --> 00:22:49.059
 denn mein Vater war so begeistert von der Malerei und er hat mich als Kind immer überall in Museen geschleppt, als ich noch ganz klein war.

217
00:22:49.900 --> 00:22:52.279
 Stundenlang, gleich drei Museen hintereinander.

218
00:22:52.700 --> 00:22:58.099
 Und sie hat sich gedacht, das würde mir sozusagen die Liebe zur Malerei austreiben

219
00:22:58.099 --> 00:23:04.200
 und ich würde nie mehr ein Museum von innen aufsuchen, wenn ich einmal erwachsen bin.

220
00:23:04.319 --> 00:23:05.660
 Aber das kam dann anders.

221
00:23:05.940 --> 00:23:12.200
 Also ich habe wirklich meine Liebe zur Malerei entdeckt und im Speziellen eben auch zu Velázquez.

222
00:23:12.900 --> 00:23:18.240
 Und Velázquez war natürlich auch bei uns in der Schule immer ein Thema, auch im Kunstunterricht.

223
00:23:18.460 --> 00:23:22.839
 Man hat schon von ihm gehört und von seinen Bildern und das waren eben diese Infanterbilder,

224
00:23:22.839 --> 00:23:31.200
 aber niemand hat jemals darüber berichtet, wer war eigentlich diese Infanta, was hat sie gemacht und wie ist überhaupt ihr Leben verlaufen.

225
00:23:31.480 --> 00:23:36.140
 Und erst viel später habe ich begonnen zu recherchieren und habe dann festgestellt,

226
00:23:36.819 --> 00:23:43.059
 dass diese arme Frau eine Prinzessin zwar sehr privilegiert war,

227
00:23:50.700 --> 00:23:50.779
 eine Prinzessin, zwar sehr privilegiert war, aber bei ihrer, glaube ich, sechsten Schwangerschaft im Alter von 21,5 Jahren verstorben ist,

228
00:23:54.779 --> 00:23:54.880
 dass sie ihren Onkel geheiratet hat, der gleichzeitig auch ihr Cousin war,

229
00:24:07.640 --> 00:24:08.599
 weil die Habsburger ja alle sozusagen durchaus, ohne an die Konsequenzen zu denken und ohne auch zu wissen, welche Konsequenzen das haben könnte zu jener Zeit,

230
00:24:10.759 --> 00:24:10.920
 immer einander geheiratet haben.

231
00:24:16.799 --> 00:24:24.240
 Also die Verwandten, die Cousins und Cousinen wurden miteinander verheiratet und waren dann natürlich auch entsprechend krank, klarerweise, weil sie alle miteinander verwandt waren

232
00:24:24.240 --> 00:24:27.619
 und eben auch diese junge Frau.

233
00:24:28.619 --> 00:24:35.200
 Aber das hat sie nicht erkannt, sondern sie hat für ihre Fehlgeburten, für die zahlreichen, die sie hatte,

234
00:24:35.319 --> 00:24:48.460
 dann die Juden verantwortlich gemacht, so katholisch, wie sie als spanische Prinzessin zur Zeit der Inquisition erzogen wurde. Und sie war dann sehr dahinter, dass die Juden auch aus der Umgebung von Wien,

235
00:24:48.579 --> 00:24:51.960
 also aus dieser Judenstadt, die ihm wertbestanden war, vertrieben wurde.

236
00:24:52.059 --> 00:24:53.440
 Sie war also sehr stark dahinter.

237
00:24:53.440 --> 00:25:02.440
 Also das war sozusagen der historische Hintergrund, der mich sehr, einerseits sehr angerührt hat,

238
00:25:02.619 --> 00:25:05.240
 aus mehreren Gründen, weil mir diese junge Frau so leid tat

239
00:25:05.240 --> 00:25:09.940
 und weil das auch so ein moderner Stoff ist, obwohl das ein historischer Roman ist,

240
00:25:10.440 --> 00:25:14.519
 aber man kann den auch als fernen Spiegel sehen und erkennen,

241
00:25:14.519 --> 00:25:18.680
 wie viel auch an Vorurteilen, an Klischees, an Übertragungen,

242
00:25:18.880 --> 00:25:23.019
 auch was die Suche nach Sündenböcken betrifft,

243
00:25:36.579 --> 00:25:48.640
 was die Suche nach Sündenböcken betrifft, wie viel von dem, was wir heute erleben oder was Teil unserer Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts oder der unmittelbaren Gegenwart ist, der sehr unmittelbaren auch, Hunderten präsent war und wie stark diese Kontinuität nicht über ein paar Generationen,

244
00:25:48.680 --> 00:25:51.500
 sondern über Dutzende von Generationen erkennbar ist.

245
00:25:52.240 --> 00:25:59.759
 Und darauf hinzuweisen und mit diesem Roman auch einen fernen Spiegel, vielleicht einen Zerspiegel,

246
00:26:00.660 --> 00:26:07.000
 vielleicht auch die Gegenwart etwas verfremdenden, aber dadurch umso deutlicher machenden Spiegel zu erschaffen,

247
00:26:07.720 --> 00:26:11.720
 das war dann schon mein Ansporn, diesen Roman zu schreiben.

248
00:26:12.539 --> 00:26:21.339
 Was dann noch dazu kam, war natürlich der 7. Oktober 2023 mit dem Massaker der Hamas in Israel

249
00:26:21.339 --> 00:26:30.940
 und auch dem Gaza-Krieg, der dann gefolgt ist, der das Ganze für mich in gewisser Weise noch viel aktueller und virulenter gemacht hat.

250
00:26:32.420 --> 00:26:37.160
 Und das war jetzt so der Grund, warum du jetzt sagst, ich bin jetzt in der Vergangenheit,

251
00:26:37.220 --> 00:26:42.200
 weil da irgendwie auch schon was gezeigt wird, was im heutigen irgendwie auch stattfindet.

252
00:26:42.259 --> 00:26:47.819
 Du hast ja ähnlich wie Velázquez, der ja auch immer mit Vexir-Spielen arbeitet,

253
00:26:48.180 --> 00:26:53.660
 also du, was ist sein, was ist schein, also hast du das ähnlich gebaut in deinen Romanen,

254
00:26:53.759 --> 00:26:58.339
 man weiß nicht genau, was ist historisch verbrieft, Margarita Teresa, ja, der Hof ist ja.

255
00:27:00.000 --> 00:27:01.059
 Pedro de Rojas?

256
00:27:01.859 --> 00:27:07.619
 Ist eine fiktive Figur, ist ein Konverso, aber durchaus eine fiktive Figur,

257
00:27:07.779 --> 00:27:13.380
 die vielleicht exemplarisch für viele andere steht, weil es gab solche Menschen,

258
00:27:13.380 --> 00:27:23.240
 es gab relativ viele Konversos in Spanien, also wahrscheinlich sind sehr viele Spanier auch heute noch jüdischer Herkunft, ohne es zu wissen.

259
00:27:21.920 --> 00:27:23.240
 Spanier auch heute noch jüdische Herkunft ohne es zu wissen.

260
00:27:23.460 --> 00:27:25.940
 Das ist sozusagen eine Annahme,

261
00:27:26.099 --> 00:27:28.039
 die ich jetzt nicht erfunden

262
00:27:28.039 --> 00:27:30.319
 habe, sondern die auch von Historikerinnen

263
00:27:30.319 --> 00:27:31.819
 und Historikern vertreten wird,

264
00:27:32.519 --> 00:27:34.079
 weil ja schon

265
00:27:34.079 --> 00:27:36.119
 im 14. Jahrhundert viele

266
00:27:36.119 --> 00:27:38.180
 Juden dazu

267
00:27:38.180 --> 00:27:40.000
 gezwungen wurden, zum Christentum

268
00:27:40.000 --> 00:27:41.900
 zu konvertieren und viele

269
00:27:41.900 --> 00:27:43.579
 blieben dann im Geheimen

270
00:27:43.579 --> 00:27:51.799
 Juden und haben diesen jüdischen Glauben dann auch heimlich ausgeübt

271
00:27:51.799 --> 00:27:58.400
 und viele haben das dann auch aufgegeben und sind dann sozusagen aufgegangen in der christlichen Gesellschaft.

272
00:28:11.700 --> 00:28:27.660
 Und er ist eben auch einer, der so noch im Geheimen und aus Angst vor der Inquisition kann er das natürlich nicht offen machen und als Leibarzt der Kaiserin und der früheren Prinzessin hätte er sowieso sogar als Konverso, dessen jüdische Herkunft bekannt ist, ohne dass man weiß, dass er noch das Judentum praktiziert.

273
00:28:28.019 --> 00:28:32.160
 Sogar allein schon die jüdische Herkunft wäre ein Hindernisgrund gewesen,

274
00:28:32.299 --> 00:28:34.079
 dass er eine Karriere macht in der Gesellschaft.

275
00:28:34.079 --> 00:28:37.900
 Also sozusagen der Aria-Nachweis war keine Erfindung der Nazis,

276
00:28:38.559 --> 00:28:44.559
 sondern wurde schon in Spanien des 16. Jahrhunderts, also so ungefähr 100 Jahre vor der Zeit,

277
00:28:44.960 --> 00:28:46.460
 die ich beschreibe, erfunden.

278
00:28:47.019 --> 00:28:52.880
 Das war sozusagen diese Limpieza di Sangre, also sozusagen die Reinheit des Blutes musste man,

279
00:28:52.960 --> 00:28:56.359
 also sehr bezeichnend eigentlich, schon fast ein Nazi-Ausdruck.

280
00:28:57.259 --> 00:29:01.259
 Und das 400 Jahre bevor es die Nazis gab.

281
00:29:01.259 --> 00:29:05.539
 Also das sind Dinge, die bei uns ja auch zum Teil gar nicht bekannt sind.

282
00:29:06.279 --> 00:29:12.779
 Aber die Figur ist erfunden und sein Anliegen ist, diese Juden von Wien zu retten.

283
00:29:13.019 --> 00:29:26.220
 Also deshalb lässt er sich jetzt auch von einem Pater, der macht ihn mit einem Juden bekannt, der ihn dann in dieses jüdische Ghetto hineinschmuggelt

284
00:29:26.220 --> 00:29:35.700
 und dort outet er sich auch als Konverso und hat eben eine aberwitzige Idee.

285
00:29:36.420 --> 00:29:39.380
 Die aberwitzige Idee, ich glaube, das kann ich jetzt schon verraten,

286
00:29:39.440 --> 00:29:43.700
 weil sonst ist die nächste Stelle, vielleicht die nächsten Stellen dann auch nicht so verständlich,

287
00:29:43.779 --> 00:29:45.720
 aber soweit, glaube ich, kann ich es verraten.

288
00:29:45.720 --> 00:29:53.720
 Die abewitzige Idee besteht darin, dass er eine jüdische Hebamme, die Esther, überredet,

289
00:29:56.220 --> 00:30:01.619
 für die Kaiserin tätig zu werden als Hebamme, weil sie ist eine sehr bekannte in Wien,

290
00:30:01.680 --> 00:30:07.279
 auch sehr geschätzte Hebamme und er ist sich sicher, dass der Kaiser da auch nichts dagegen haben wird.

291
00:30:07.380 --> 00:30:09.900
 Hauptsache es wird ein männlicher Nachkomme geboren.

292
00:30:10.220 --> 00:30:14.980
 Weil bis jetzt hat die Kaiserin einfach zu viele Fehlgeburten gehabt

293
00:30:14.980 --> 00:30:17.339
 und sie bringt dann eine Tochter zur Welt.

294
00:30:17.500 --> 00:30:20.180
 Aber es ist eben halt nur eine Tochter unter Anführungszeichen.

295
00:30:20.700 --> 00:30:22.660
 Das war damals nicht so wichtig.

296
00:30:22.660 --> 00:30:32.920
 Schon wichtig, weil man sie verheiraten konnte mit jemandem Wichtigen, aber noch wichtiger wäre natürlich ein männlicher Thronfolger und da soll eben diese Esther helfen.

297
00:30:51.319 --> 00:30:51.559
 und sie ist nicht offiziell dort, aber er bringt sie dort, er schmuggelt sie hinein und er hofft dann, dass das die Kaiserin dann milde stimmt,

298
00:30:56.319 --> 00:30:56.940
 wenn eine Jüdin ihr hilft, einen Thronfolger zu gebären, dass dann die Juden verschont werden.

299
00:31:03.680 --> 00:31:06.079
 Das ist sozusagen der Plot, das ist der Hintergedanke. Hast du schon weit vorgegriffen jetzt?

300
00:31:06.960 --> 00:31:08.640
 Ja, nein, das ist der Plot.

301
00:31:08.940 --> 00:31:11.980
 Ich meine, du baust ein wirklich sehr gutes Spannungsfeld auf,

302
00:31:12.599 --> 00:31:15.980
 einfach weil es unglaublich gefährlich ist, auch für Petra de Rojas,

303
00:31:16.579 --> 00:31:21.960
 so in dieser Nähe, in dieser Position als Leibarzt von einer Kaiserin zu sein,

304
00:31:21.960 --> 00:31:26.200
 die auch ähnlich, also sie haben ja alle Innen- und Außenwelten,

305
00:31:26.299 --> 00:31:28.720
 sie schwanken ja alle zwischen Macht und Ohnmacht.

306
00:31:28.720 --> 00:31:36.160
 Ja, also die Macht von Peter de Rojas ist das Wissen, er steht eigentlich für Progression,

307
00:31:36.599 --> 00:31:41.220
 für Vernunft, für Weiter, für Fortschritt in der Medizin,

308
00:31:41.900 --> 00:31:48.579
 kommt mit neuen Thesen, die nicht anerkannt sind noch in der Medizin in Wien am Wiener Hof.

309
00:31:49.680 --> 00:31:56.839
 Und also eher als verrückt gelten auch Hygiene und so weiter, also alle möglichen Vorschläge, die er da bringt.

310
00:31:57.259 --> 00:32:02.079
 Und dadurch, dass er aber ein heimlich praktizierender, also an seinen jüdischen Glauben festhält

311
00:32:02.079 --> 00:32:14.960
 und ein heimlich praktizierender Jude ist, begibt er sich immer in dieser Lebensgefahr, weil seine Kaiserin ist tatsächlich eine streng katholisch aufgewachsene junge Frau,

312
00:32:15.259 --> 00:32:21.279
 die auch zwischen einerseits politischer Macht hat, das ist ihre Macht, aber auch eine gewisse Ohnmacht,

313
00:32:21.380 --> 00:32:29.059
 weil sie muss einen Grundfolger gebären, die aber auch durch ihre Erziehung, und da kommen wir dann zur nächsten Passage,

314
00:32:29.400 --> 00:32:37.180
 also sehr stark auf Disziplin, Selbstbeherrschung und auch Unterordnung war die ausgerichtet.

315
00:32:37.619 --> 00:32:43.039
 Aber sie hat natürlich, wenn sie darauf kommen würde, weil sie sucht natürlich auch einen Sündenbock

316
00:32:43.039 --> 00:32:45.779
 für das, was sie an Fehlgeburten hat.

317
00:32:46.500 --> 00:32:49.740
 Das sind für sie die Juden, deswegen will sie sie aus Wien vertreiben.

318
00:32:50.259 --> 00:32:57.819
 Und in nächster Nähe der Mann, der vielleicht helfen kann, ist heimlich ein Jude, ohne dass sie es weiß.

319
00:32:58.200 --> 00:33:01.839
 Daraus entsteht dieses ganze Spannungsfeld.

320
00:33:03.380 --> 00:33:07.400
 Du hast aber, das ist das Tolle an diesem Roman,

321
00:33:08.119 --> 00:33:09.140
 neben dem,

322
00:33:09.299 --> 00:33:10.759
 was sehr oft

323
00:33:10.759 --> 00:33:12.640
 gegenwärtige Themen

324
00:33:12.640 --> 00:33:14.500
 ausverhandelt werden,

325
00:33:14.680 --> 00:33:16.660
 wie Sündenböcke entstehen,

326
00:33:16.819 --> 00:33:19.039
 wie Gerüchte manchmal zu vermeintlichen Wahrheiten

327
00:33:19.039 --> 00:33:21.140
 werden, wie Religion und Politik

328
00:33:21.140 --> 00:33:22.400
 auch ineinander greifen

329
00:33:22.400 --> 00:33:24.680
 und wie gefährlich das sein kann

330
00:33:24.680 --> 00:33:25.920
 und wie gefährlich das sein kann und wie

331
00:33:25.920 --> 00:33:27.900
 gefährlich es auch ist, wenn Menschen gezwungen

332
00:33:27.900 --> 00:33:29.880
 sind, ihre Identität zu verbergen.

333
00:33:30.339 --> 00:33:32.079
 Das sind die Themen, die sich durchziehen,

334
00:33:32.660 --> 00:33:33.940
 aber der Roman ist ja das,

335
00:33:33.940 --> 00:33:35.759
 was jetzt einmal, was der Wladimir macht,

336
00:33:35.839 --> 00:33:37.759
 auch sehr stark, also wirklich oft

337
00:33:37.759 --> 00:33:39.700
 ausgesprochen singlich.

338
00:33:40.079 --> 00:33:41.779
 Also du hast viel Ironie

339
00:33:41.779 --> 00:33:43.859
 und auch wirklich schwarzen Humor.

340
00:33:44.359 --> 00:33:48.420
 Also das ist das, was diesen Roman dann auch wirklich sehr prall macht.

341
00:33:49.200 --> 00:33:55.740
 Aber wir kommen zur, du hast jetzt Pedro de Rojas einmal vorgestellt in dieser Szene,

342
00:33:55.740 --> 00:34:01.940
 wo er, glaube ich, schon ganz gut einmal so in seiner Charakteristik so ein bisschen erscheint.

343
00:34:02.039 --> 00:34:04.660
 Aber jetzt kommen wir zu Margarita der Riese zu der Stelle.

344
00:34:04.660 --> 00:34:05.539
 ein bisschen so erscheint, aber jetzt kommen wir zu Margarita der Riese zu der Stelle.

345
00:34:10.179 --> 00:34:11.000
 Und sie ist tatsächlich 1670 erst 17 Jahre alt.

346
00:34:15.940 --> 00:34:23.480
 Und ich glaube, was du jetzt liest, erzählt dann auch wirklich sehr viel über sie. Ja, also ich beginne mit einer ganz kurzen Passage zuerst,

347
00:34:30.219 --> 00:34:31.260
 Ich beginne mit einer ganz kurzen Passage zuerst, die in der Gegenwart dieser ausgehenden 1660er Jahre spielt.

348
00:34:40.599 --> 00:34:40.739
 Und zwar zur selben Zeit wie die erste Szene, die ich vorgelesen hatte.

349
00:34:44.239 --> 00:34:45.639
 Und dann springe ich noch zurück in ihre frühe Kindheit.

350
00:34:52.739 --> 00:34:53.239
 Die Tür zur Margarita Theresas Empfangsraum ist von innen mit weinrotem Stoff verkleidet.

351
00:34:58.539 --> 00:34:59.300
 Wann immer die Kaiserin diese Tür ansieht, muss sie an das Blut ihres verstorbenen Kindes denken.

352
00:35:04.820 --> 00:35:05.940
 Damals sah sie das Blut und hatte ihren Wahn, ihrer Verstörung und ihrem Schmerz plötzlich die Tür vor Augen,

353
00:35:06.500 --> 00:35:09.260
 die aus ihren Privatgemächern hinausführt.

354
00:35:09.820 --> 00:35:15.440
 Seitdem durchlebt sie innerlich jedes Mal jenen entsetzlichen Tag, wenn sie diese Tür sieht,

355
00:35:15.780 --> 00:35:19.820
 aber sie wagt es nicht, die Stoffverkleidung entfernen oder austauschen zu lassen.

356
00:35:20.460 --> 00:35:24.940
 Jetzt sitzt sie auf einem weinroten Kanapé und starrt auf die weinrote Tür.

357
00:35:46.480 --> 00:35:47.159
 Jetzt sitzt sie auf einem weinroten Kanapé und starrt auf die weinrote Tür. Das Atmen fällt ihr schwer, ihr Krop es nur in der Wiener Residenz still sein kann.

358
00:35:53.960 --> 00:35:54.440
 Diese gespenstische, vollkommene Lautlosigkeit unterstreicht den düsteren Prunk des muffigen alten Schlosses,

359
00:35:59.039 --> 00:35:59.139
 das der Kaiser, seine Familie und der Hofstadt wiederbezogen haben,

360
00:36:06.019 --> 00:36:13.099
 nachdem im Februar dieses Jahres der gerade erst fertiggestellte neue Trakt der Hofburg bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Der Kaiser war so betrübt, wie seit dem Tod seiner Lieblingshündin Fortissima

361
00:36:13.099 --> 00:36:19.139
 nicht mehr. Die Kaiserin ist überzeugt, dass an diesem Brand wie an allen anderen Unglück,

362
00:36:19.239 --> 00:36:24.139
 das ihr und jenen, die ihr lieb und teuer sind, widerfahren ist, die verfluchten Juden schuld

363
00:36:24.139 --> 00:36:25.000
 sein.

364
00:36:28.360 --> 00:36:28.920
 Wie kann der Kaiser nur diese Gottesmörder in seiner Nähe dulden?

365
00:36:31.659 --> 00:36:36.000
 Bis jetzt hat er nur hundert von ihnen ausweisen lassen und sein braves Volk daran gehindert, die Juden statt in Brand zu setzen.

366
00:36:36.719 --> 00:36:41.440
 Diese Juden, Krämerseelen, geldgierige Ausbeuter und Wucherer,

367
00:36:41.440 --> 00:36:44.079
 die ehrlichen Christen ins Unglück stürzen.

368
00:36:44.659 --> 00:36:46.000
 Wie konnte der Großvater

369
00:36:46.000 --> 00:36:52.460
 des Kaisers ihnen ein ganzes Viertel mit all den damit verbundenen Privilegien überlassen? In

370
00:36:52.460 --> 00:36:58.500
 Kastilien und Aragon wurde diese Brut vor fast 200 Jahren davongejagt oder zur Konversion

371
00:36:58.500 --> 00:37:03.760
 gezwungen und Gott belohnte das Land daraufhin reichlich. Das maurische Granate wurde noch im

372
00:37:03.760 --> 00:37:06.139
 selben Jahr erobert, Amerika entdeckt,

373
00:37:06.239 --> 00:37:12.119
 ein Weltreich gegründet, der wahre katholische Glaube gegen allerlei Ketzer verteidigt, vor allem aber in der

374
00:37:12.119 --> 00:37:19.719
 neuen Welt und nach Ostindien getragen. Das Land war gesäubert worden und wurde somit rein. Früher war Spanien

375
00:37:19.719 --> 00:37:25.880
 ein obskurer Flecken Erde am Rande Europas, heute ist er größer und mächtiger, als es das Römische Reich

376
00:37:25.880 --> 00:37:30.400
 oder das mongolische Imperium jemals gewesen waren.

377
00:37:32.019 --> 00:37:36.460
 Ja und jetzt beginnt sie sich zu erinnern, was sie so in ihrem Leben erlebt hat,

378
00:37:36.460 --> 00:37:42.440
 vor allem noch als kleines Kind, als vierjährige, vier-, fünfjährige.

379
00:37:43.500 --> 00:37:44.280
 als Vierjährige, Vier-, Fünfjährige, Fünfjährige.

380
00:37:47.179 --> 00:37:55.900
 Ihre Mutter war nämlich eine österreichische Prinzessin, die ihrerseits aus Wien kommend, in sehr, sehr jungen Alter, auch von 15, 16 Jahren,

381
00:37:56.280 --> 00:38:02.920
 nach Spanien verheiratet wurde, nämlich mit ihrem Vater, also mit Margareta Theresias Vater.

382
00:38:03.679 --> 00:38:08.280
 Und ihr Ehemann, der Leopold, das ist der jüngere Bruder ihrer Mutter.

383
00:38:08.280 --> 00:38:10.340
 Also es ist kompliziert.

384
00:38:13.039 --> 00:38:20.420
 Ein Erlebnis hatte sich die Prinzessin im besonderen Maße, also damals noch Prinzessin natürlich in Spanien, eingeprägt.

385
00:38:20.679 --> 00:38:23.019
 Sie musste damals fünf Jahre alt gewesen sein.

386
00:38:23.480 --> 00:38:26.880
 Wenn sie die Augen schloss, sah sie es immer wieder vor sich.

387
00:38:27.460 --> 00:38:32.280
 Es war mittags an einem heißen Sommertag, doch die Fenster des großen Speisesaals,

388
00:38:32.719 --> 00:38:37.280
 in dem oft hochrangige Gäste empfangen wurden, waren fest verschlossen.

389
00:38:37.840 --> 00:38:40.980
 Es war stickig, heiß und sie war müde.

390
00:38:41.599 --> 00:38:46.599
 Sie war mit ihrer Mutter, ihrem Kindermädchen und der Dienerschaft in diesem großen Saal allein.

391
00:38:47.280 --> 00:38:52.940
 Das Mittagessen wurde serviert, Salzhering mit einer scharfen Soße, dazu ein Stück Brot.

392
00:38:52.940 --> 00:38:59.500
 Und da sie Hunger hatte, aß sie in kurzer Zeit ihren Teller leer und wischte ihn danach mit Brot aus.

393
00:39:00.000 --> 00:39:08.940
 Als sie fertig war, schob sie den Teller beiseite und streckte die Hand aus, um nach einem Becher mit Wasser zu greifen, der direkt vor ihr stand.

394
00:39:09.519 --> 00:39:14.800
 Es war ein hoher Becher aus Kristall, in welches das königliche Wappen eingraviert war.

395
00:39:14.800 --> 00:39:21.000
 Der Becher war bis zum Rand mit Wasser gefüllt und an der Oberfläche schwammen drei Eiswürfel,

396
00:39:21.320 --> 00:39:27.260
 ein wertvolles Gut, das der Eiskammer des Schlosses im tiefsten Keller entnommen worden war.

397
00:39:28.079 --> 00:39:33.219
 Margarita Theresas Durst war groß, doch bevor sie nach dem Wasserglas greifen konnte,

398
00:39:33.639 --> 00:39:38.059
 schlug ihr die Mutter auf die Finger und schob das begehrte Gefäß von ihr weg,

399
00:39:38.059 --> 00:39:43.599
 so dass sie es mit kurzen Armen und kleinen Händen nicht mehr erreichen konnte.

400
00:39:44.320 --> 00:39:46.780
 Das Kind schaute die Mutter fragend an.

401
00:39:47.300 --> 00:39:49.440
 Ich habe Durst, sagte es.

402
00:39:50.039 --> 00:39:52.980
 Das weiß ich schon, Zwergerl, sagte die Mutter,

403
00:39:53.260 --> 00:39:55.579
 aber jetzt wirst du still sitzen und warten.

404
00:39:56.219 --> 00:39:59.219
 Die Mutter war Österreicherin und wenn sie mit ihrer Tochter allein war

405
00:39:59.219 --> 00:40:03.159
 oder nur Personen, auf deren Loyalität sie zählen konnte, zugegen waren,

406
00:40:03.539 --> 00:40:05.599
 sprach sie in ihrer Wiener Mundart.

407
00:40:06.820 --> 00:40:13.119
 Das Wiener Kauderwelsch hörte man bei Hofe in Madrid nicht gern und so war die Liebe der Königin

408
00:40:13.119 --> 00:40:18.639
 zum derben Dialekt ihrer ursprünglichen Heimat nur einem engen Kreis von Eingeweihten bekannt.

409
00:40:19.440 --> 00:40:25.599
 Später, als Margarita Teresa selbst nach Wien kommen sollte, würde sie behaupten, Deutsch kaum zu verstehen.

410
00:40:26.039 --> 00:40:29.199
 Einer der vielen kleinen und etwas größeren Lügen,

411
00:40:29.619 --> 00:40:33.179
 mit denen sie eine Schutzmauer um sich selbst aufbauen würde.

412
00:40:34.260 --> 00:40:38.460
 Aber wieso, fragte das Kind auf Spanisch und fügte auf Wienerisch hinzu.

413
00:40:38.760 --> 00:40:40.699
 Ich will aber was trinken, ich verdurste.

414
00:40:41.780 --> 00:40:44.800
 Lern dich zu beherrschen, Zwergerl, erklärte die Mutter.

415
00:40:44.800 --> 00:40:55.260
 Du wirst einmal selber herrschen, wenn du das noch erlebst. Wer herrschen will, muss sich selbst beherrschen können. Du bist nicht irgendein Mederl, vergiss das nie.

416
00:41:06.719 --> 00:41:12.679
 Hand nach dem Wasser aus, das sich verlockend nahe vor ihren Augen befand und doch nicht nahe genug, um es erreichen zu können, ohne vom Stuhl auf den Tisch zu klettern. Ein solches Verhalten aber wäre

417
00:41:12.679 --> 00:41:19.280
 ganz und gar ungehörig, um nicht zu sagen skandalös, für eine wohlerzogene kleine Prinzessin gewesen.

418
00:41:19.280 --> 00:41:26.679
 Außerdem musste sie ihrer Mutter gehorchen. Wie lange, fragte sie noch einmal. Bis ich es sage, erklärte die Königin

419
00:41:26.679 --> 00:41:29.659
 und wechselte plötzlich wieder zurück ins Spanische.

420
00:41:30.380 --> 00:41:33.119
 Du wirst still sitzen, still und ruhig,

421
00:41:33.179 --> 00:41:35.380
 mit geradem Rücken und gestrecktem Hals,

422
00:41:35.940 --> 00:41:38.639
 so wie es sich für eine junge Prinzessin ziemt.

423
00:41:39.719 --> 00:41:42.380
 Margarita Teresa schluckte ihre Tränen hinunter.

424
00:41:42.980 --> 00:41:45.019
 Du musst lernen, das Leben zu ertragen.

425
00:41:45.579 --> 00:41:49.260
 Das Leben aber kann eine Qual sein, so wie jetzt gerade.

426
00:41:49.900 --> 00:41:52.980
 Du aber musst anderen stets ein Vorbild sein.

427
00:41:53.380 --> 00:41:54.840
 Das ist deine Bestimmung.

428
00:41:55.940 --> 00:41:57.639
 Die Prinzessin wimmerte leise.

429
00:41:58.119 --> 00:42:01.059
 Sei sofort still, sagte die Mutter und das Kind verstummte.

430
00:42:01.940 --> 00:42:07.199
 Die kleine Margarita Teresa saß und wartete, wie es ihr die Mutter befohlen hatte.

431
00:42:07.739 --> 00:42:13.699
 Sie saß und wartete und zählte im Geiste von 60 rückwärts. Das schaffte sie mit ihren fünf Jahren

432
00:42:13.699 --> 00:42:19.260
 schon, denn sie war ein aufgewecktes, vor allem aber fleißiges Kind, das gute Lehrer hatte. Sie

433
00:42:19.260 --> 00:42:31.480
 konnte lesen und schreiben, beherrschte die Zahlen und hatte gelernt, einfache Melodien auf einer Flöte wiederzugeben, zu tanzen und Gedichte aufzusagen. Sobald sie bei der Zahl 0 angelangt war, begann

434
00:42:31.480 --> 00:42:38.000
 sie erneut von 60 rückwärts zu zählen. Dann lenkte sie ab, doch vergaß sie nach einiger Zeit,

435
00:42:38.079 --> 00:42:48.599
 wie viele Minuten vergangen waren, seit sie zu zählen begonnen hatte. Der Stuhl war für Erwachsene gedacht, weswegen ihre Füße in der Luft baumelten.

436
00:42:49.380 --> 00:42:54.519
 Wie es die Mutter von ihr erwartete, hielt sie den Rücken gerade und streckte den Hals durch,

437
00:42:54.940 --> 00:42:57.639
 so dass ihr Körper die Stuhllehne nicht berührte.

438
00:42:58.500 --> 00:43:05.940
 Die Eiswürfel waren längst geschmolzen, doch das Wasser war, davon war die Prinzessin überzeugt, weiterhin kalt.

439
00:43:06.860 --> 00:43:09.400
 Ihr Mund, ihre Zunge, ihr Rachen taten weh.

440
00:43:09.760 --> 00:43:14.820
 Ihr war, als brennten sie wie Feuer, während sie im nächsten Augenblick austrockneten.

441
00:43:15.400 --> 00:43:20.719
 Bald würde ihr ganzer Körper schrumpfen, grau werden und zu Staub zerfallen.

442
00:43:21.179 --> 00:43:26.840
 Jemand mit einem Besen und einer Kehrschaufel würde herkommen, ihren Staub zusammenkehren

443
00:43:26.840 --> 00:43:32.900
 und auf den Friedhof tragen. Für einen Schluck Wasser hätte sie ihr halbes Leben hergegeben, doch sie

444
00:43:32.900 --> 00:43:37.699
 biss sich auf die Lippen, schwieg und wartete und weinte innerlich jene Tränen, die sie nach außen

445
00:43:37.699 --> 00:43:45.840
 niemals zeigen würde, solange ihre Mutter sie beobachtete. Statt ihrer weinte ihr Kindermädchen, das abseits am anderen Ende des

446
00:43:45.840 --> 00:43:51.960
 Saals auf einem Kanapé saß und wartete. Das Kindermädchen wusste, dass es sich niemals

447
00:43:51.960 --> 00:43:58.340
 einmischen durfte, wenn ihre Majestät die Königin geruhte, ihre Tochter zu erziehen. Ein falscher

448
00:43:58.340 --> 00:44:05.340
 Blick oder gar eine unbedachte Bemerkung von ihr und die Königin würde sie mit schimpf und schande aus dem schloss ja für immer

449
00:44:05.340 --> 00:44:11.980
 aus der stadt davonjagen königin marianne die austria wie sie in spanien genannt wurde konnte

450
00:44:11.980 --> 00:44:18.000
 aufbrausend und unberechenbar sein sie war stark köpfig ließ sich selten etwas sagen und binach

451
00:44:18.000 --> 00:44:27.380
 benahm sich oft selbst wie ein großes kind marianne war erst 21 Jahre alt, während ihr Gemahl, König Philipp IV. von Spanien,

452
00:44:27.840 --> 00:44:34.460
 fast 30 Jahre älter war. Eine grün glänzende Fliege kreiste langsam um das Wasserglas.

453
00:44:35.019 --> 00:44:39.559
 Wenn sie dem Wasser zu nahe kam, verscheuchte sie die Mutter mit einem Fächer.

454
00:44:39.559 --> 00:44:43.199
 Die Fliege gab nicht auf, versuchte immer wieder erfolglos ihr Glück,

455
00:44:43.559 --> 00:44:48.739
 so wie die Mutter sie immer wieder geduldig mit der gleichen Bewegung ihres Fächers wegscheuchte.

456
00:44:49.519 --> 00:44:54.860
 Rechts und links des Tisches standen zwei junge Lakaien in bunten Livreen und warteten.

457
00:44:55.300 --> 00:44:57.980
 Sie waren verschwitzt, sahen müde und durstig aus.

458
00:44:58.719 --> 00:45:02.960
 Wenn Sie es aushalten, werde ich es auch aushalten, dachte die kleine Prinzessin.

459
00:45:02.960 --> 00:45:06.980
 Sie müssen bestimmt viel länger warten, bis sie etwas trinken dürfen.

460
00:45:07.659 --> 00:45:10.659
 Die Prinzessin suchte den Blickkontakt zu den Lakaien,

461
00:45:11.039 --> 00:45:15.659
 versuchte ihnen zuzulächeln, doch deren Blicke waren starr, ausdruckslos

462
00:45:15.659 --> 00:45:18.500
 und blieben die ganze Zeit geradeaus gerichtet.

463
00:45:19.119 --> 00:45:22.300
 Es schien, als würden sie niemanden anschauen,

464
00:45:22.579 --> 00:45:31.179
 als seien sie blind und taub oder als seien sie gar keine echten Menschen, sondern eine durch Hitze und Durst erschaffene Halluzination.

465
00:45:32.099 --> 00:45:36.360
 Als die Prinzessin spürte, dass ihr schlecht wurde, als sie Kopfweh bekam,

466
00:45:36.659 --> 00:45:40.300
 als ihr so schwindelig wurde, dass sie sich kaum mehr aufrechthalten konnte,

467
00:45:40.719 --> 00:45:44.880
 schob ihre Mutter das Wasserglas wieder zu ihr und sagte, trink.

468
00:45:47.659 --> 00:45:53.559
 Doch das Kind schüttelte den Kopf. Trink, wiederholte die Mutter lachend. Komm, Zwergerl, es ist vorbei, du bist ein tapferes

469
00:45:53.559 --> 00:46:06.780
 Mederl, trink. Doch das Mederl schüttelte trotzig und noch vehementer als zuvor den Kopf, rutschte vom Sessel hinunter und lief mit letzter Kraft aus dem Raum.

470
00:46:06.780 --> 00:46:17.039
 Das ist sehr eindrücklich. Margarete Teresa ist ja an sich eine sehr schwierige Figur. Sie ist

471
00:46:17.039 --> 00:46:27.099
 antisemitisch, sie kann auch manchmal grausam sein, sie weiß um ihre Macht, also ist dessen ihr auch bewusst.

472
00:46:27.099 --> 00:46:31.940
 Du siehst das aber aufgrund, auch irgendwie, du erzählst das ganz, ganz

473
00:46:31.940 --> 00:46:37.119
 sehr viel im Rückblick über die Erziehung, also erzählt und so weiter. Wie

474
00:46:37.119 --> 00:46:41.599
 wichtig war es, dass du sie nicht einfach nur als Bösewichtigen irgendwie

475
00:46:41.599 --> 00:46:46.460
 darstellst in diesem Roman, sondern sehr wohl irgendwie erstens meine Ursachenforschung,

476
00:46:46.679 --> 00:46:53.219
 aber auch innerhalb der 1670er Gegenwart irgendwie vielschichtiger erzählst?

477
00:46:54.320 --> 00:46:56.480
 Naja, erstens war sie keine Bösewichtin.

478
00:46:56.480 --> 00:47:02.519
 Also es gibt nicht allzu viele Berichte über ihr Innenleben.

479
00:47:02.519 --> 00:47:02.760
 Berichte über ihr Innenleben.

480
00:47:03.059 --> 00:47:06.559
 Also das ist nicht so leicht

481
00:47:06.559 --> 00:47:09.099
 wirklich

482
00:47:09.099 --> 00:47:12.860
 interessante

483
00:47:12.860 --> 00:47:14.880
 Informationen über sie zu finden,

484
00:47:15.579 --> 00:47:16.760
 die quasi über

485
00:47:16.760 --> 00:47:18.679
 so

486
00:47:18.679 --> 00:47:20.639
 Hagiografien hinausgeht und

487
00:47:20.639 --> 00:47:22.820
 darüber, was sozusagen über sie geschrieben

488
00:47:22.820 --> 00:47:23.360
 wurde,

489
00:47:24.539 --> 00:47:28.079
 formal und wie es in der Barockzeit üblich war,

490
00:47:28.159 --> 00:47:31.480
 in einer ganz bestimmten Form und Sprache, die aber nicht persönlich war.

491
00:47:32.119 --> 00:47:40.019
 Aber nach all dem, was ich nachrecherchieren konnte und auch wenn man ihre Bilder betrachtet,

492
00:47:50.340 --> 00:47:59.800
 dann war das wirklich eine sehr arme, überforderte Frau, ein Kind de facto, das niemals Kind sein durfte und das in irgendeiner Weise versucht hat, die äußerst komplexe Welt um sich herum zu erklären.

493
00:47:59.800 --> 00:48:05.780
 Also sie als Bösewächtin zu schildern, als böse Person, das war sie wahrscheinlich nicht.

494
00:48:05.780 --> 00:48:15.619
 Sie war ein Mensch wie alle anderen, hat verschiedene Facetten gehabt, sicher auch sehr negative Seiten, aber auch sehr positive Seiten.

495
00:48:15.739 --> 00:48:24.699
 Und für mich natürlich als Autor wäre es ganz und gar uninteressant, sie so holzschnittartig und eindimensional zu schildern,

496
00:48:28.480 --> 00:48:28.739
 und eindimensional zu schildern, sondern für mich war es natürlich auch spannend zu verstehen,

497
00:48:33.619 --> 00:48:35.500
 wie sind solche Menschen so geworden, wie sie waren und warum haben sie das getan.

498
00:48:43.860 --> 00:48:48.440
 Ich meine, sie war ja auch nicht eine, die gefordert hätte, dass die Juden jetzt gefoltert und verbrannt werden. Sie war einfach dafür, dass sie vertrieben werden, was schlimm genug ist.

499
00:48:49.659 --> 00:48:54.659
 Aber es gibt schon Bösewichte auch in diesem Roman, aber das sind eher Nebenfiguren.

500
00:48:55.179 --> 00:48:58.400
 Da kann man das machen und bei Hauptfiguren wäre es ja auch ganz langweilig.

501
00:48:59.400 --> 00:49:04.219
 Wo siehst du für dich die Grenze zwischen historischer Recherche und dichterischer Freiheit?

502
00:49:04.219 --> 00:49:07.679
 Wo siehst du für dich die Grenze zwischen historischer Recherche und dichterischer Freiheit?

503
00:49:09.400 --> 00:49:10.599
 Bei der Glaubwürdigkeit.

504
00:49:16.699 --> 00:49:18.059
 Also für mich ist wichtig, dass der Rahmen authentisch und stimmig ist.

505
00:49:21.239 --> 00:49:26.659
 Also eine Geschichte fällt mir ein, die ist vielleicht sehr bezeichnend. Der berühmte Filmemacher Axel Korte, den viele von Ihnen wahrscheinlich kennen,

506
00:49:26.940 --> 00:49:32.460
 sicher kennen, der wunderbare Filme gedreht hat, auch Filme, ich glaube den Radetzky Marsch,

507
00:49:32.460 --> 00:49:40.460
 also diesen Film gemacht und es war ihm absolut wichtig, dass zum Beispiel, wenn eine Szene im Jahr 1912 spielt,

508
00:49:41.539 --> 00:49:47.699
 dort nicht im Hintergrund ein Auto vorbeifährt, das erst ab dem Jahr 1913 produziert wurde.

509
00:49:48.760 --> 00:49:53.280
 Darauf hat er geachtet, obwohl wenn man sich jetzt sozusagen Hollywoodfilme anschaut,

510
00:49:53.840 --> 00:50:01.760
 auch jene, wo dann nicht, also sich Leute im alten Rom mit einer Zigarette herumlaufen,

511
00:50:01.840 --> 00:50:07.559
 das ist offensichtlich ein Unsinn, sondern Leute auch, die sich bemühen, einigermaßen authentisch zu bleiben,

512
00:50:08.139 --> 00:50:13.000
 die werden sagen, naja, wer wird da schon den Unterschied erkennen?

513
00:50:13.000 --> 00:50:17.460
 Wir alle wissen ungefähr, wie die Autos ausgesehen haben vor dem Ersten Weltkrieg,

514
00:50:17.699 --> 00:50:21.539
 außer ein paar Experten wird ja niemand erkennen, wenn das 1912 spielt,

515
00:50:21.860 --> 00:50:24.800
 ob das Auto jetzt 1913 oder 1914 hergestellt wurde.

516
00:50:22.139 --> 00:50:23.840
 kennen, wenn das 1912 spielt, ob das Auto jetzt 1913 oder 1914

517
00:50:23.840 --> 00:50:26.099
 hergestellt wurde. Aber

518
00:50:26.099 --> 00:50:28.019
 Axel Korthy war

519
00:50:28.019 --> 00:50:30.099
 klar, wenn er das einmal einreißen

520
00:50:30.099 --> 00:50:32.139
 lässt, dann

521
00:50:32.139 --> 00:50:34.179
 wird so ein

522
00:50:34.179 --> 00:50:36.139
 Film wie ein schlecht lektorierter

523
00:50:36.139 --> 00:50:38.059
 Roman, ein schlecht lektorierter Text.

524
00:50:38.900 --> 00:50:40.099
 Das geht ja

525
00:50:40.099 --> 00:50:41.760
 auch den sozusagen den

526
00:50:41.760 --> 00:50:44.059
 Laien, also den Leserinnen und Lesern

527
00:50:44.059 --> 00:50:50.079
 geht das auch so. Die lesenen dann einen roman der schlecht lektoriert sind und die merken es nicht

528
00:50:50.079 --> 00:50:54.159
 gleich aber die merken schon irgendwas stimmt da nicht irgendwas stört mich

529
00:50:54.159 --> 00:50:59.800
 eigentlich ein guter roman aber was ist da los ja und genau so ist es hier und

530
00:50:59.800 --> 00:51:03.460
 und axel korte hat das erkannt also der hat dann wirklich dafür gesorgt dass

531
00:51:03.460 --> 00:51:05.840
 wirklich natürlich radetzky-Masch,

532
00:51:06.039 --> 00:51:09.980
 erfundene Figuren, historisch kann man sich Freiheiten nehmen,

533
00:51:10.380 --> 00:51:12.900
 aber diese Dinge müssen stimmen, die Kostüme müssen stimmen,

534
00:51:13.500 --> 00:51:18.280
 die Rahmenhandlung muss stimmen, die dürfen keine Sprache verwenden,

535
00:51:18.360 --> 00:51:22.199
 die man damals nicht verwendet hat, die dürfen keine Ausdrücke verwenden,

536
00:51:22.300 --> 00:51:34.920
 die es damals nicht gegeben hat. Und das war schon mein Anliegen, dass diese Dinge authentisch sind. Sonst haben wir natürlich einige Freiheiten erlaubt, das ist schon klar.

537
00:51:47.480 --> 00:51:47.559
 so wie du auch Wien beschreibst. Also es ist einerseits der Prunk komplett irgendwie nachvollziehbar,

538
00:51:52.000 --> 00:51:52.179
 aber auch die Armut oder die Stadt, wie sie riecht, die Geräusche, also man glaubt wirklich,

539
00:51:58.000 --> 00:51:58.880
 man ist so ein bisschen so mit dabei. Also da musst du wirklich komplett, da hast du wahrscheinlich dich gut eingelesen,

540
00:52:03.719 --> 00:52:06.519
 weil es ist tatsächlich eher sinnlich auch, wie man diese Stadt erlebt. Also auch die Armut, sowie auch den Reichtum.

541
00:52:06.639 --> 00:52:10.440
 Und das ist sehr nuanciert, wie du das machst.

542
00:52:11.920 --> 00:52:13.440
 Ich habe mich bemüht.

543
00:52:13.500 --> 00:52:16.320
 Man muss natürlich auch sagen, dass auch jeder historische Roman

544
00:52:16.320 --> 00:52:20.980
 letztlich das menschliche Drama beschreibt.

545
00:52:21.420 --> 00:52:26.900
 Das sozusagen in allen Epochen bis zu einem gewissen Grade auch ähnlich war.

546
00:52:26.900 --> 00:52:31.579
 Ich meine, die Menschen, die damals gelebt haben, waren ganz anders und uns doch sehr

547
00:52:31.579 --> 00:52:36.519
 ähnlich auf eine bestimmte Weise, weil sie haben einfach dieselben Gefühle,

548
00:52:36.519 --> 00:52:42.760
 dieselben Leidenschaften, dieselben Sehnsüchte gehabt, denselben

549
00:52:42.760 --> 00:52:45.760
 Schmerzempfunden, waren vielleicht etwas weniger

550
00:52:45.760 --> 00:52:50.559
 schmerzempfindlich, wenn man bedenkt, was sie alles so beim Zahnarzt erleben mussten

551
00:52:50.559 --> 00:52:56.800
 zu jener Zeit, wird ja auch beschrieben bei mir im Übrigen. Aber sonst konnte ich

552
00:52:56.800 --> 00:53:05.619
 mich schon auch auf meine persönliche Fantasie und auch auf meine Lebenserfahrung

553
00:53:05.619 --> 00:53:08.460
 auch ein bisschen verlassen, wenn ich ins 17. Jahrhundert reise.

554
00:53:11.960 --> 00:53:15.579
 Ja, ein zweites Element ist tatsächlich für dich,

555
00:53:17.420 --> 00:53:21.539
 es ist, also das Buch behandelt sehr viele ernste Themen, ja,

556
00:53:21.539 --> 00:53:28.820
 und auch du stellst dem aber oft immer wieder so groteske Situationen

557
00:53:28.820 --> 00:53:34.099
 oder auch fast körperlichen Humor irgendwie gegenüber. Wie stark brauchst du den Humor,

558
00:53:34.099 --> 00:53:43.880
 um diese ernsten Themen für dich als Autor zu verwenden? Also ist das für dich ein Gegenpol,

559
00:53:43.880 --> 00:53:48.119
 damit du damit umgehen kannst oder damit du das erträglicher machst,

560
00:53:48.219 --> 00:53:50.380
 weil es geht ja tatsächlich immer um Leben und Tod?

561
00:53:51.300 --> 00:53:54.239
 Ich glaube nicht, dass ich das wirklich bewusst mache.

562
00:53:55.099 --> 00:54:04.619
 Also der Humor, der fällt mir einfach zu und der findet einfach Eingang in meine Texte.

563
00:54:04.579 --> 00:54:05.400
 Und der findet einfach Eingang in meine Texte.

564
00:54:14.179 --> 00:54:18.239
 Also ich bin kein, ich sehe mich eigentlich nicht als witzig-kabarettistischen Menschen, der das bewusst macht. Es gibt Kabarettisten, die überlegen sich die Pointen und die gehen da auf die Zunge.

565
00:54:18.239 --> 00:54:21.739
 Du schreibst doch nicht auf Pointe, das habe ich jetzt nicht damit gemeint.

566
00:54:21.739 --> 00:54:21.980
 das habe ich jetzt nicht damit gemeint.

567
00:54:23.940 --> 00:54:26.079
 Ja, ja, ich schreibe nicht auf Pointe erstens und ich schreibe

568
00:54:26.079 --> 00:54:27.039
 auch keine bewusst

569
00:54:27.039 --> 00:54:30.260
 humorvollen oder satirischen Texte,

570
00:54:30.320 --> 00:54:31.960
 sondern wenn ich sage,

571
00:54:32.059 --> 00:54:33.320
 so jetzt schreibe ich was Lustiges,

572
00:54:33.780 --> 00:54:35.599
 jetzt will ich was Lustiges schreiben und das wird jetzt

573
00:54:35.599 --> 00:54:37.840
 eine lustige Szene, dann wird sie nicht lustig,

574
00:54:37.900 --> 00:54:39.639
 sondern die wird zu programmatisch

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00:54:39.639 --> 00:54:41.559
 oder die wird einfach albern

576
00:54:41.559 --> 00:54:43.800
 oder die wird dann einfach zu plump,

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00:54:44.099 --> 00:54:45.320
 die wird dann zu derb.

578
00:54:45.320 --> 00:54:49.260
 Also manchmal werde ich dann ein bisschen zu derb, wenn ich witzig sein will.

579
00:54:49.840 --> 00:54:56.260
 Also ich schreibe einfach so, wie ich mir die Szene vorstelle und dann, wenn ich sie lese, dann denke ich,

580
00:54:56.340 --> 00:55:03.019
 aha, das ist ja ganz witzig, wieso ist das so gekommen und freue mich darüber.

581
00:55:07.639 --> 00:55:07.739
 ist das so gekommen und freue mich darüber. Der Humor ist wahrscheinlich auch notwendig,

582
00:55:13.300 --> 00:55:20.599
 um überhaupt über diese Dinge schreiben zu können, weil meine Themen sind ja in der Tat eigentlich bei allen Büchern ernste Themen und auch persönliche Themen, auch wenn es nicht um mich

583
00:55:20.599 --> 00:55:25.679
 persönlich geht, aber sie sind in irgendeiner Weise immer, wie für andere Autorinnen und Autoren im Übrigen,

584
00:55:25.840 --> 00:55:28.000
 auch in gewisser Weise immer persönlich.

585
00:55:29.059 --> 00:55:34.539
 Und wahrscheinlich brauche ich auch den Humor, um diese Welt überhaupt zu ertragen.

586
00:55:35.260 --> 00:55:44.179
 Auch wenn man meine Biografie oder die meiner Familie oder sich überhaupt eingedenkt dessen, was um uns herum passiert.

587
00:55:47.780 --> 00:55:55.500
 Wenn es mir gelingt, freue ich mich. Vielleicht wäre ich anders, wären das bierernste Texte geworden,

588
00:55:55.500 --> 00:56:00.320
 vielleicht wären sie dann auch nicht schlechter, aber mir würden sie

589
00:56:00.320 --> 00:56:05.960
 halt weniger gefallen. So gefallen sie mir besser, wenn sie auch humorvoll sind manchmal.

590
00:56:08.320 --> 00:56:09.059
 Ja, das merkt man.

591
00:56:10.119 --> 00:56:12.179
 Also wir machen jetzt auch einen ganz großen Sprung nach vorne.

592
00:56:12.300 --> 00:56:14.320
 Du hast das eigentlich schon ein bisschen vorweggenommen.

593
00:56:14.500 --> 00:56:16.059
 Es kommt jetzt eine dritte

594
00:56:16.059 --> 00:56:17.820
 Figur dazu. Es ist die Esther.

595
00:56:17.980 --> 00:56:20.119
 Es ist eine jüdische Hebamme,

596
00:56:20.739 --> 00:56:22.559
 die Peter de Rojas

597
00:56:22.559 --> 00:56:24.199
 an den Hof

598
00:56:24.199 --> 00:56:32.780
 holt, damit der Margareta Teresa bei der Schwangerschaft, damit sie ihm hilft und damit will sie natürlich auch benutzen,

599
00:56:32.860 --> 00:56:41.880
 wo er sagt, sie ist zwar Jüdin, also sie kann dir helfen und versucht damit irgendwie auch die Vertreibung der Juden aus Wien zu verhindern.

600
00:56:41.880 --> 00:56:42.820
 aus Wien zu verhindern.

601
00:56:49.860 --> 00:56:50.340
 Und du kommst jetzt in dem Passage, wo du auch dann lesen wirst,

602
00:56:53.760 --> 00:56:55.739
 Petrus selbst kommt aber immer stärker selbst in Gefahr. Es entstehen die ersten Gerüchte über ihn,

603
00:56:56.380 --> 00:56:59.199
 also dass er eben seinen jüdischen Glauben praktiziert.

604
00:56:59.400 --> 00:57:03.699
 Man erzählt, dass er in seinem Keller jüdische Schriften

605
00:57:03.699 --> 00:57:06.199
 und einen Gebetsschal aufbewahrt und so weiter.

606
00:57:07.019 --> 00:57:10.619
 Und das kann natürlich sein Todesurteil bedeuten.

607
00:57:11.719 --> 00:57:19.059
 Und das ist jetzt gerade in einer Situation, Esther ist eine sehr pragmatische, nüchterne, kluge Frau.

608
00:57:20.139 --> 00:57:20.619
 Die Esther.

609
00:57:20.619 --> 00:57:25.460
 Ja, und doch von der Charakterzeichnung her.

610
00:57:25.460 --> 00:57:33.480
 Manchmal ist sie auch quasi ein Opfer ihrer eigenen Wut und ihrer eigenen Gefühle,

611
00:57:33.619 --> 00:57:41.460
 aber tendenziell ist sie eher eine nüchtern denkende und berechnende Frau,

612
00:57:41.559 --> 00:57:43.679
 weil sie hat auch drei Kinder.

613
00:57:43.679 --> 00:57:45.300
 und berechnende Frau, weil sie hat auch drei Kinder.

614
00:57:51.780 --> 00:57:51.840
 Sie ist Witwe, die Ehe war nicht glücklich, der Mann kam dann, der war Bäcker,

615
00:57:58.960 --> 00:58:04.860
 der kam bei einem Unfall ums Leben und sie ist jetzt allein, sie wohnt bei einem Verwandten in diesem jüdischen Ghetto und muss auch diese Kinder großziehen.

616
00:58:09.559 --> 00:58:16.639
 Ghetto und muss auch diese Kinder großziehen und insofern muss sie nüchtern sein, weil sie weiß, dass sie auch als alleinstehende Frau zu jener Zeit, in der das spielt, äußerst exponiert und

617
00:58:16.639 --> 00:58:31.780
 äußerst gefährdet ist und als Jüdin auch noch. Aber ich würde dich bitten, dass du jetzt in den dritten Teil kommst, von der Lesung, wo denn damit werde ich...

618
00:58:31.780 --> 00:58:38.420
 Genau, ja, also wir machen jetzt einen Sprung nach vorne, wie schon gesagt.

619
00:58:39.440 --> 00:59:06.920
 Inzwischen sind wieder eineinhalb Jahre vergangen, da passiert einiges in der Zeit und die Kaiserin hat wieder eine Fehlgeburt erlitten, sie ist dann wieder schwanger, aber die Hebamme hilft ihr zwar, aber irgendwie geht die Sache nicht weiter und alle Beteiligten werden immer verzweifelter und auch der Leibarzt, der kommt jetzt zu ihr in der folgenden Szene,

620
00:59:06.920 --> 00:59:14.179
 ist auch die Hebamme da und die Hebamme und der Arzt kommen sich auch näher, also sie kennen sich inzwischen schon sehr gut.

621
00:59:14.500 --> 00:59:18.460
 Und die Kaiserin empfängt ihren Arzt und die jüdische Hebamme im Bett liegend.

622
00:59:18.980 --> 00:59:26.500
 Sie hat nur ein Nachthemd und einen Unterrock, aber weder Korsett noch Unterwäsche an, ist weder geschminkt, frisiert noch gepudert.

623
00:59:27.019 --> 00:59:31.300
 Ihre Haare sind zerzaust, sie riecht nach Schweiß und nach Verzweiflung.

624
00:59:31.440 --> 00:59:33.159
 Also man sieht, da ist einiges passiert.

625
00:59:33.599 --> 00:59:37.320
 Esther wirft Pedro einen Blick zu, der mehr sagt als tausend Worte.

626
00:59:37.980 --> 00:59:42.119
 Das ungeborene Kind, also wie gesagt, sie ist wieder schwanger, ist in großer Gefahr.

627
00:59:42.119 --> 00:59:47.380
 Man muss weder eine gute Hebamme noch ein brillanter Arzt sein, um das zu erkennen.

628
00:59:47.940 --> 00:59:54.260
 Außer der Kaiserin sind noch eine Dienerin, die treue Donia Isabel, seine Hofdame,

629
00:59:54.260 --> 00:59:57.860
 und die junge Hofdame Katharina von Roschitz im Zimmer.

630
00:59:58.460 --> 01:00:01.440
 Die Dienerin steht in einer Ecke und wartet auf Anweisungen.

631
01:00:01.559 --> 01:00:10.480
 Die beiden Damen sind mit ihren Stickereien beschäftigt, mit routinierter Geschicklichkeit sticken sie Blumenmuster, Initialen und abstrakte Verzierungen in Taschentücher,

632
01:00:11.019 --> 01:00:15.460
 halten sich im Hintergrund und senken den Blick, wenn Pedro sie anschaut.

633
01:00:15.559 --> 01:00:22.000
 Ja, dann steht die Kaiserin auf, die geht auf ihn zu, sie führen da ein längeres Gespräch

634
01:00:23.320 --> 01:00:27.780
 und dann setzt sie sich, dann hebt sie sich wieder von ihrem Lehnstuhl,

635
01:00:28.159 --> 01:00:32.900
 geht zu ihrem Bett zurück, legt den weinroten Umhang, den sie sich vorher angezogen hatte, aber nicht ab,

636
01:00:33.440 --> 01:00:36.519
 setzt sich auf die Bettkante, schaut Esther an und sagt auf einmal,

637
01:00:36.900 --> 01:00:39.699
 erheitert euch das, worüber wir gerade gesprochen haben.

638
01:00:41.219 --> 01:00:43.599
 Was, stammelt die Hebammen? Nein, wieso?

639
01:00:44.139 --> 01:00:47.039
 Ihr habt ein Grinsen im Gesicht.« »Ich grinse nicht.«

640
01:00:47.039 --> 01:00:49.599
 »Doch, ihr grinst.« »Nein.«

641
01:00:49.599 --> 01:00:52.219
 »Wie könnt ihr es wagen, mir zu widersprechen?«

642
01:00:52.219 --> 01:00:57.400
 Die Kaiserin ist aufgestanden und starrt Esther mit weit aufgerissenen Augen an, ohne zu blinzeln.

643
01:00:57.920 --> 01:00:59.840
 »Ich bitte um Verzeihung, Majestät.«

644
01:00:59.840 --> 01:01:03.619
 Die Hebamme senkt den Kopf, um den Blicken der Kaiserin auszuweichen.

645
01:01:04.039 --> 01:01:07.780
 »Zieht eure Schuhe aus,, fordert sie die Kaiserin auf.

646
01:01:08.539 --> 01:01:13.900
 Wie bitte, murmelt Esther, hebt den Kopf wieder und schaut der Kaiserin direkt ins Gesicht.

647
01:01:14.559 --> 01:01:18.900
 Zieht eure Schuhe aus, los, ich möchte sehen, ob ihr einen Huf habt.

648
01:01:18.900 --> 01:01:25.039
 Ich hatte gehört, Juden haben auf einem Fuß einen Huf, weil sie mit dem Teufel im Bunde sind.

649
01:01:26.099 --> 01:01:32.019
 Nun schauen alle im Raum abwechselnd die Kaiserin und die Hebamme an, entgeistert, fassungslos.

650
01:01:32.559 --> 01:01:37.880
 Pedro verstört und traurig, die beiden Hofdamen durchaus neugierig darauf zu erleben, was nun passiert,

651
01:01:37.880 --> 01:01:40.340
 die Dienerin eher gleichgültig.

652
01:01:41.139 --> 01:01:46.539
 Ich habe keine Hufe, ich bin weder eine Stute, eine Ziege, eine Kuh oder der Teufel,

653
01:01:46.860 --> 01:01:49.639
 noch bin ich mit ihm in Bunde, ich bin auch keine Hexe.

654
01:01:50.800 --> 01:01:55.599
 Esther hat sich aufgerichtet und schaut der Kaiserin direkt und herausfordernd in die Augen.

655
01:01:56.960 --> 01:02:01.880
 Hat sie sich in ihrem Leben nicht oft genug wie Dreck behandeln lassen? Zu oft.

656
01:02:02.619 --> 01:02:25.300
 Los, die Kaiserin hält den Blickstand. Los, zieht eure Schuhe aus oder ich lasse sie euch ausziehen. Zu oft. holt aber trotzdem den Satz, zieht die Schuhe aus, ich bitte euch, Esther.

657
01:02:30.579 --> 01:02:34.619
 Was würdet ihr denn tun, wenn ich tatsächlich einen Huf hätte, Majestät, fragt Esther. Und es ist nichts Respektvolles oder Unterwürfiges mehr in ihrer Stimme.

658
01:02:35.059 --> 01:02:38.980
 Was würdet ihr tun? Ärger, Provokation, Wut.

659
01:02:40.380 --> 01:02:43.659
 Es ist aus, denkt Pedro. Alles bricht zusammen.

660
01:02:43.840 --> 01:02:50.539
 Er hat das Bild einstürzender Häuser und Brücken vor Augen, sieht tote Pferde, Blut und brennende Juden.

661
01:02:51.019 --> 01:03:00.119
 Katharina von Röschitz und Donja Isabel halten den Atem an. Ihre Stickereien sind ihnen in den Schoß gefallen und von dort auf den Boden gerutscht.

662
01:03:00.760 --> 01:03:06.539
 Ich würde nichts tun. Ich wäre froh, sagt die Kaiserin. Ich habe noch nie einen menschlichen Huf gesehen.

663
01:03:08.119 --> 01:03:10.539
 Esther bückt sich, zieht ihre Schuhe aus,

664
01:03:11.019 --> 01:03:15.119
 zieht ihre Röcke, den Außenrock und den Unterrock hinauf.

665
01:03:15.579 --> 01:03:19.380
 Seht her, sie streckt zuerst den rechten und dann den linken Fuß aus.

666
01:03:20.139 --> 01:03:24.260
 Katharina von Röschitz, Donja, Isabel und Pedro atmen erleichtert auf,

667
01:03:24.260 --> 01:03:26.659
 während die Kaiserin sichtlich enttäuscht ist.

668
01:03:27.119 --> 01:03:30.179
 Sie bittet die Dienerin, ihr einen Becher mit Wasser zu bringen.

669
01:03:30.679 --> 01:03:37.320
 Als ihr dieser gereicht wird, betrachtet sie eine Zeit lang die Oberfläche, ohne aber auch nur einen Schluck daraus zu trinken,

670
01:03:37.699 --> 01:03:42.340
 schaut dann Esther mit einem noch neugierigeren Blick als zuvor an und fragt,

671
01:03:42.719 --> 01:04:00.599
 Könnte ein Unwetterherr zaubern? Nein. Oder zumindest einen Regen? Nein, ich bin keine Hexe. Ich habe gehört, dass jüdische Hexen und die Hexen im ketzerischen England einen Regen herzaubern können, wenn sie ihre Strümpfe ausziehen.

672
01:04:07.659 --> 01:04:08.139
 ausziehen. Esther sieht sie fragend an, die anderen schweigen. Wo soll das enden, fragt sich Pedro.

673
01:04:13.699 --> 01:04:14.079
 Zieht eure Strümpfe aus, Esther, befiehlt die Kaiserin. Dann sehen wir, was passiert. Esther zögert.

674
01:04:20.800 --> 01:04:21.599
 Los, ausziehen, runter damit, befiehlt die Kaiserin. Steht auf und sagt, noch ungeduldiger als zuvor,

675
01:04:25.059 --> 01:04:26.019
 könnt ihr keinen Regen herzaubern oder könnte er das doch?

676
01:04:30.320 --> 01:04:30.719
 Esther zögert weiterhin. Sie weiß, dass sie keine Wahl hat.

677
01:04:34.159 --> 01:04:34.239
 Ihr Schicksal, das ihrer Kinder und aller Menschen, die ihr lieb und teuer sind,

678
01:04:38.000 --> 01:04:38.480
 einschließlich Petros, hängen davon ab, wie sie sich jetzt verhält.

679
01:04:42.400 --> 01:04:42.820
 Weigert sie sich, dem Wunsch der Kaiserin nachzukommen, wird man sie dazu zwingen,

680
01:04:46.420 --> 01:04:54.219
 wird man ihr Schmerzen zufügen und sie noch mehr demütigen, als sie ohnehin schon gedemütigt und erniedrigt hat. Trotzdem zögert sie. Vielleicht, weil sie bis

681
01:04:54.219 --> 01:05:00.179
 jetzt in vergleichbaren Fällen viel zu selten gezögert hat. Doch welcher Fall ist denn schon

682
01:05:00.179 --> 01:05:06.219
 mit einem anderen vergleichbar? Ich möchte nicht in deiner Haut stecken, liebe Esther, denkt Pedro.

683
01:05:06.599 --> 01:05:11.000
 Oh, wie froh ich doch bin, nicht du zu sein und wie sehr bewundere ich deinen Mut.

684
01:05:11.739 --> 01:05:14.300
 Sind Frauen nicht eigentlich viel mutiger als Männer,

685
01:05:14.719 --> 01:05:18.280
 obwohl sie doch gemeinhin als das schwache Geschlecht bezeichnet werden?

686
01:05:18.840 --> 01:05:21.139
 Wie seltsam ist die Welt doch eingerichtet.

687
01:05:21.699 --> 01:05:26.599
 Was für ein erbärmliches Schauspiel, denkt Fräulein Katharina von Röschitz.

688
01:05:26.900 --> 01:05:32.739
 Ich verachte Juden, ich finde sie abstoßend, aber erniedrigt man sich nicht selbst, wenn man sie so

689
01:05:32.739 --> 01:05:39.699
 behandelt? Etwas Regen würde jetzt eigentlich nicht schaden, denkt Donia Isabel. In den letzten drei

690
01:05:39.699 --> 01:05:47.360
 Wochen war es so unglaublich trocken. Diese Luft tut mir nicht gut, sie ist schlecht für meine Haut, sie lässt mich älter aussehen.

691
01:05:47.719 --> 01:05:55.840
 Außerdem trocknet mein Hals aus. Abends und am Morgen muss ich viel husten, meine Nase rinnt, ich habe Schmerzen und das Sprechen fällt mir schwer.

692
01:05:56.579 --> 01:06:04.079
 Das wird ja wohl nicht am Schnupftalbach liegen, oder? Ich müsste dringend pinkeln, denkt die Dienerin.

693
01:06:04.079 --> 01:06:04.579
 Ich müsste dringend pinkeln, denkt die Dienerin.

694
01:06:09.460 --> 01:06:15.760
 Soll ich, solange die Kaiserin abgelenkt ist, in die hintere dunkle Ecke des Zimmers gehen und das, was sich in mir angesammelt hat, langsam in den dort stehenden Topf abfließen lassen?

695
01:06:16.139 --> 01:06:17.280
 Oder soll ich noch warten?

696
01:06:18.059 --> 01:06:21.960
 Die Kaiserin mag nicht, wenn die Dienerschaft in ihrer Gegenwart pinkelt.

697
01:06:21.960 --> 01:06:26.579
 Doch die Blase ist voll und lange lässt sich das Wasser nicht mehr zurückhalten.

698
01:06:28.159 --> 01:06:32.300
 Währenddessen denkt die Kaiserin darüber nach, welche Bedeutung es für sie hätte,

699
01:06:32.420 --> 01:06:35.500
 wenn die Jüdin tatsächlich Regen herbeizaubern würde.

700
01:06:36.099 --> 01:06:41.139
 Sie schaut zum Fenster. Draußen ist es trüb, bewölkt, für die Jahreszeit zu kalt,

701
01:06:41.280 --> 01:06:43.320
 aber wie schon seit Tagen trocken.

702
01:06:43.880 --> 01:06:48.380
 Wenn die Jüdin die Strümpfe auszieht, wird es bestimmt keinen Regen geben.

703
01:06:48.980 --> 01:06:52.119
 Es sieht nicht nach Regen aus und es riecht nicht nach Regen.

704
01:06:52.480 --> 01:06:56.059
 Die Jüdin hat keine Hufe, sondern ganz normale menschliche Füße.

705
01:06:56.460 --> 01:07:01.179
 Sie hatte bis jetzt nichts Böses getan, sondern ihr vielmehr gute Dienste geleistet.

706
01:07:01.780 --> 01:07:05.320
 Zieht bitte die Strümpfe aus, macht mir die Freude, Ester, wiederholt die

707
01:07:05.320 --> 01:07:11.760
 Kaiserin ihre Bitte, diesmal mit ruhiger Stimme und setzt sich wieder an die Bettkante. Wir wünscht

708
01:07:11.760 --> 01:07:17.340
 Majestät, sagt Ester, doch bin ich keinesfalls eine Zauberin, das werdet ihr so gleich feststellen.

709
01:07:18.179 --> 01:07:28.280
 Ich schließe mit mir selbst eine Wette ab, überlegt sich die Kaiserin, einer Eingebung folgend. Wenn die Jüdin ihre Strümpfe auszieht, ohne dass es daraufhin regnet,

710
01:07:28.739 --> 01:07:31.820
 dann ist sie keine Hexe und es wird alles gut.

711
01:07:32.199 --> 01:07:37.000
 Ich bringe einen gesunden Knaben zur Welt, mache meinen lieben Onkel, den Kaiser,

712
01:07:37.360 --> 01:07:41.300
 den ganzen Hof und das ganze Reich sowie mein Heimatland Spanien glücklich

713
01:07:41.300 --> 01:07:45.099
 und werde mit der Zeit von all meinen Krankheiten kuriert.

714
01:07:45.099 --> 01:07:49.480
 Mein Kropf wird abheilen, meine Schwäche, meine Kopfschmerzen und Fieberschübe

715
01:07:49.480 --> 01:07:54.179
 werden schwinden. Ich werde ausreiten und auf die Falkenjagd gehen, singen und

716
01:07:54.179 --> 01:07:58.780
 tanzen, selber musizieren und komponieren wie mein lieber Gemahl und ich werde

717
01:07:58.780 --> 01:08:04.219
 immer tief durchatmen können, ohne dass mir etwas den Hals zuschnürt oder als

718
01:08:04.219 --> 01:08:05.500
 hätte mir jemand einen

719
01:08:05.500 --> 01:08:13.199
 Seidenschal in den Schlund hinabgestopft. Wenn es jedoch zu regnen beginnt, ja, nachdem die Jüdin

720
01:08:13.199 --> 01:08:20.000
 ihre Strümpfe ausgezogen hat, bedeutet das Unglück und Tod und Niedergang und alles bricht zusammen.

721
01:08:20.800 --> 01:08:25.840
 Ich wette aber, dass die Jüdin keinen Regen herzaubern wird. Es darf keinen Regen geben.

722
01:08:26.920 --> 01:08:30.100
 Sogleich bereut sie dieses törichte Spiel mit dem Schicksal.

723
01:08:30.520 --> 01:08:33.720
 War es nicht Satan selbst, der es hier eingeflüstert hat?

724
01:08:34.140 --> 01:08:36.220
 Sind Wetten und Spiele denn keine Sünden?

725
01:08:36.739 --> 01:08:39.340
 Soll die Jüdin tatsächlich ihre Strümpfe ausziehen?

726
01:08:39.840 --> 01:08:42.100
 Margarita Theresas Herz beginnt zu rasen.

727
01:08:42.100 --> 01:09:06.859
 Ihr Kropf bereitet ihr Schmerzen und das Atmen fällt ihr immer schwerer. Haltet ein, möchte sie der Hebamme zurufen, aber es ist zu spät. Esther bückt sich, greift mit beiden Händen unter ihre Röcke, streift ihre Strümpfe von Beinen und Füßen ab, weiß sind sie aus feiner Schafswolle gefertigt, knüllt sie zusammen und legt sie neben der Kaiserin auf das Bett.

728
01:09:07.560 --> 01:09:09.279
 Bitte sehr, wie befohlen, sagt sie.

729
01:09:09.460 --> 01:09:12.199
 Und was nun, fragt sie, soll ich noch etwas ausziehen?

730
01:09:12.979 --> 01:09:15.079
 Die Kaiserin antwortet nicht.

731
01:09:15.520 --> 01:09:16.420
 Sie schaut sich um.

732
01:09:17.100 --> 01:09:18.100
 Nichts geschieht.

733
01:09:18.779 --> 01:09:23.340
 Katharina von Röschitz und Donia Isabel bücken sich und heben ihre Stickereien auf.

734
01:09:23.340 --> 01:09:26.579
 Die Kaiserin atmet durch und schließt die Augen.

735
01:09:27.180 --> 01:09:29.140
 Pedro seufzt erleichtert.

736
01:09:29.600 --> 01:09:32.899
 Die Dienerin pinkelt unauffällig in den Topf.

737
01:09:33.239 --> 01:09:37.300
 Esther wartet, versucht ihr inneres Beben zu unterdrücken,

738
01:09:37.960 --> 01:09:41.939
 stellt sich vor, sie sei gar nicht in diesem Raum, sondern zu Hause bei ihren Kindern.

739
01:09:42.800 --> 01:09:50.000
 Und genau in diesem Augenblick hören die Kaiserin und mit ihr auch alle anderen ein leises Rauschen, das von draußen dringt.

740
01:09:50.340 --> 01:10:01.939
 Alle schauen Richtung Fenster und sehen und hören, wie plötzlich dicke Regentropfen, wie aus dem Nichts kommend, immer schneller und immer lauter gegen die Fensterscheiben prasseln.

741
01:10:01.939 --> 01:10:03.300
 gegen die Fensterscheiben prasseln.

742
01:10:04.399 --> 01:10:06.399
 Danke, Wladimir.

743
01:10:08.779 --> 01:10:08.939
 Danke auch für diesen Roman.

744
01:10:14.359 --> 01:10:14.640
 Du hast tatsächlich, obwohl es ein komplett fremdes Setting für uns ist,

745
01:10:19.779 --> 01:10:22.500
 sehr viele gegenwärtige Themen darin literarisch verarbeitet. Und das berührt auch sehr.

746
01:10:22.500 --> 01:10:30.979
 Und das berührt auch sehr. Also das ist, weil man dann tatsächlich so in diesen Wien aus dem Jahr 1670,

747
01:10:31.300 --> 01:10:36.159
 also die Themen hat, die man eigentlich heute auch wieder verhandelt.

748
01:10:36.539 --> 01:10:40.460
 Und ja, es ist ein großartiger Roman geworden.

749
01:10:41.199 --> 01:10:41.460
 Danke.

750
01:10:41.680 --> 01:10:50.960
 Der Wladimir hätte auch gerne, wenn Publikumsfragen sind, würde sie gerne beantworten.

751
01:10:51.180 --> 01:10:59.119
 Also das wäre jetzt die Möglichkeit und ich will jetzt einmal das Gespräch auch eröffnen mit Ihnen.

752
01:11:02.119 --> 01:11:07.180
 Gibt es irgendwelche Kommentare oder Fragen?

753
01:11:09.079 --> 01:11:11.520
 Zum Roman oder auch zu anderen Themen?

754
01:11:11.520 --> 01:11:13.619
 Zum Roman oder auch zu anderen Themen, ja.

755
01:11:16.680 --> 01:11:24.359
 Gut, dann, was wäre jetzt meine Abschlussfrage?

756
01:11:24.439 --> 01:11:28.000
 Die Abschlussfrage, ich habe jetzt nicht damit gerechnet, dass jetzt keine Fragen kommen.

757
01:11:33.779 --> 01:11:46.439
 Was ist für dich die Zusammenfassung, die Quintessenz, abgesehen von Aberglaube, Antisemitismus oder so wie immer mit Vorurteilen, die Verquickung, Religion, Politik, ist für mich

758
01:11:46.439 --> 01:11:48.300
 irgendwie aber auch dieses Macht- und

759
01:11:48.300 --> 01:11:50.479
 Ohnmacht-Spiel. Also ist das

760
01:11:50.479 --> 01:11:52.380
 für dich auch etwas sehr Tragendes

761
01:11:52.380 --> 01:11:54.380
 oder wie siehst du

762
01:11:54.380 --> 01:11:56.619
 die Fäden von deinen einzelnen

763
01:11:56.619 --> 01:11:58.279
 Figuren, weil die ja beide, alle

764
01:11:58.279 --> 01:12:00.279
 eher ambivalent sind und

765
01:12:00.279 --> 01:12:01.899
 mit beiden Spielen, also

766
01:12:01.899 --> 01:12:04.460
 ist das ein Leitfaden für

767
01:12:04.460 --> 01:12:05.119
 dich auch? Auch, ja, also ist das ein Leitfaden für dich auch?

768
01:12:14.779 --> 01:12:20.359
 Auch, ja, also Macht und Ohnmacht und dieses Ausgeliefertsein an bestimmte Gegebenheiten, die von außen kommen oder auch von innen und Menschen in eine bestimmte Richtung drängen oder treiben,

769
01:12:21.439 --> 01:12:29.159
 das gehört zu den Leitmotiven auch meines Schreibens, nicht nur in diesem Roman, aber in diesem Roman auch,

770
01:12:29.680 --> 01:12:34.180
 was noch auch ein vielleicht Quintessenz oder ein Leitfaden war für mich,

771
01:12:34.180 --> 01:12:49.479
 trotz sozusagen des historisch tragischen Settings, dass es sowohl damals als auch später, als auch heute, es immer wieder auch Menschen gibt,

772
01:12:51.640 --> 01:13:03.760
 die dieses System der Ohnmacht, des Niedergangs oder des Bösen, wenn man das so ein bisschen pathetisch ausdrücken wollte,

773
01:13:04.319 --> 01:13:05.979
 zu durchbrechen verstehen.

774
01:13:06.579 --> 01:13:10.460
 Also auch hier, es gibt dann auch wieder Nichtjuden, die Juden helfen.

775
01:13:10.460 --> 01:13:15.439
 Also auch schon zu der Zeit, es gab sie, ganz sicher gab es diese Menschen und sie werden auch hier beschrieben.

776
01:13:16.119 --> 01:13:21.760
 Und es gibt dann trotz allem irgendwo auch einen Ausweg für bestimmte Menschen.

777
01:13:22.760 --> 01:13:29.159
 Und es gibt Menschen, die dann anders denken, in allen Epochen und in allen Zeiten.

778
01:13:30.600 --> 01:13:40.239
 Und das ist eben das, was eben dazu führt, dass wir schließlich auch als Menschheit nicht komplett untergehen.

779
01:13:41.600 --> 01:14:06.960
 Und ich glaube, Kunst und Kultur kann das auch zeigen und kann auch der Ansporn dafür sein, sich zu bemühen, etwas entgegenzusetzen, Widerstand zu leisten gegen das, was im Augen vieler Menschen vermeintlich sowieso unüberbrückbar oder unverrückbar oder unabwendbar ist.

780
01:14:07.699 --> 01:14:10.319
 Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Danke dir.

781
01:14:24.899 --> 01:14:29.079
 Das ist wirklich ein sehr schönes Schlusswort gewesen. Ich weiß jetzt nicht, wie ich fortsetzen soll.

782
01:14:30.060 --> 01:14:38.500
 Also vielen lieben Dank, Claudia Romeda und vor allem leider mir wert für die Vorstellung des Verlags und des historischen Romans der Jude der Kaiserin.

783
01:14:38.619 --> 01:14:50.539
 Wenn Sie historische Romane mögen, dann gibt es das Buch hinten zu erwerben. Es liegt dort auch auf das Buch von Katharina Braschl. Wenn Sie historische Romane nicht mögen, dann kann dieses Buch Sie umstimmen

784
01:14:50.539 --> 01:14:55.760
 und dazu verleiten. Bewundernswert vor allem die sprachliche Eleganz, aber auch, es wurde

785
01:14:55.760 --> 01:15:00.920
 angesprochen, der sehr intelligente und feine Humor, den Wladimir Wertlieb an den Tag legt.

786
01:15:01.439 --> 01:15:05.800
 Bei uns geht es am Sonntag weiter, sehr ungewöhnlich, mit dem Tag des Denkmals.

787
01:15:06.000 --> 01:15:12.060
 Meine Kollegin Claudia Lehner wird um 14 Uhr durch diese Ausstellung führen und dazu sprechen.

788
01:15:12.560 --> 01:15:20.340
 Rainer Maria Rilke, ich bin von Herzen gerne hier. Und es wird eine Lesung geben um 14.45 Uhr

789
01:15:20.340 --> 01:15:27.500
 von Franz Froschauer aus Rilke-Texten. Das reguläre Programm setzt fort am Dienstag,

790
01:15:27.560 --> 01:15:29.720
 wenn Michael Kölmeier seinen neuen Roman

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01:15:29.720 --> 01:15:32.479
 Mein privates Glück hier vorstellen wird.

792
01:15:33.260 --> 01:15:36.779
 Zu guter Letzt, Sie wissen das vielleicht schon,

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01:15:36.840 --> 01:15:37.800
 wenn Sie jetzt öfter hier waren,

794
01:15:38.279 --> 01:15:39.840
 wir haben eine Spendenbox hinten,

795
01:15:39.960 --> 01:15:41.640
 der Eintritt im Stifterhaus ist frei.

796
01:15:41.760 --> 01:15:45.260
 Wenn Sie was reinschmeißen, dann bleibt er hoffentlich auch frei.

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01:15:46.000 --> 01:15:50.699
 Wir werden dann evaluiert von Seiten des Trägers des Stifterhauses.

798
01:15:51.220 --> 01:15:54.279
 Ich bedanke mich für Ihr Kommen und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Vielen Dank.

799
01:15:54.279 --> 01:15:56.119
 Danke.

