Ein Zimmermann kommt zur Beratung. Er hat im Streit mit seiner Frau die Tür eingeschlagen. Die Frau ist mit dem Kind zur Mutter gegangen. Was ihn in die Männerberatung treibt, ist nicht Einsicht – zumindest nicht sofort. Es ist die Angst, die Beziehung zu verlieren. Wochen später, nach einem neuerlichen Streit, in dem seine Frau verletzende Worte findet, sagt er zu seiner Frau: „Hör auf, das tut mir weh." Sie sieht ihn verblüfft an und hört auf. Er selbst schämt sich dafür. „Ich bin mir vorgekommen wie die ärgste Memme", berichtet er hinterher. 

Diese Geschichte erzählt Richard Schneebauer, Leiter der Männerberatung des Landes Oberösterreich. Sie steht stellvertretend für ein zentrales Paradox: Männer, die Verletzlichkeit zeigen, empfinden das als Niederlage – obwohl es oft der einzige Weg aus der Gewalt ist. Seit über zwei Jahrzehnten begleitet Schneebauer Männer in der Beratung. Was sich verändert hat: „Es kommen immer mehr, immer früher. Noch bevor alles kaputt ist." 

Beim „Gewaltschutz Symposium – Experten-Talk: Männer als Teil der Lösung" im Sonnenstein Loft Linz diskutierten am 25. März 2026 vier Fachleute mit unterschiedlichen Perspektiven darüber, wie Männer aktiv zur Bekämpfung von Gewalt und zur Gleichstellung beitragen können. Josef Landerl vom Verein Neustart, Richard Schneebauer von der Männerberatung OÖ, White-Ribbon-Aktivist Simon Brezina und Männerforscher Christoph May beleuchteten unter der Moderation von Susanne Pollinger, warum die Einbindung von Männern kein Randthema ist – sondern eine zentrale Voraussetzung für einen gesellschaftlichen Wandel. 

„Das Fenster der Gelegenheit“ 

Seit September 2021 müssen Männer, gegen die ein Betretungs- und Annäherungsverbot verhängt wird, eine verpflichtende Gewaltpräventionsberatung absolvieren. Josef Landl, Geschäftsführer von Neustart Oberösterreich, berichtet von einem überraschenden Effekt: 65 Prozent der Betroffenen melden sich innerhalb der ersten fünf Tage freiwillig. „In dieser Phase, in der sie so eine drastische Konsequenz schon spüren, sind sie sehr gut ansprechbar", sagt Landl. Rund 2.100 solcher Zuweisungen gibt es pro Jahr allein in Oberösterreich. 

Dabei war es lange eine Lücke im System: Wurde ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen, passierte mit dem Täter nichts. Keine Beratung, kein Kontakt, keine Intervention. Erst das neue Gesetz schuf das, was Fachleute ein „Window of Opportunity" nennen: jenen kurzen Moment nach der Wegweisung,  in dem Männer für Gespräche über ihr Verhalten und mögliche Veränderungen tatsächlich ansprechbar sind. Auch weil sie spüren, was es bedeutet, nicht mehr nach Hause zu können. 

Wut als einzig erlaubtes Gefühl 

Männerforscher Christoph May beschreibt das strukturelle Problem dahinter mit dem Bild eines Trichters: Scham, Trauer, Verlegenheit – all diese Gefühle dürfen Männer gesellschaftlich weder zeigen noch fühlen. Sie werden zusammengepresst, bis nur noch eines übrig bleibt: Wut. „Diese Wut wird zur Aggression, und die Aggression wird manchmal zur Gewalt." 

Hinter der Aggression steckt also oft etwas anderes. Schneebauer sieht das täglich in seiner Arbeit: Männer, die sich beschämt fühlen, sich aber nicht trauen, es zu zeigen. Der Zimmermann, der sagt „das tut mir weh“und sich danach wie „die ärgste Memme“ vorkommt – obwohl genau dieser Satz den Konflikt entschärft hat. Genau hier, sagen alle Experten übereinstimmend, liege der Ansatzpunkt: nicht bei der Aggression selbst, sondern bei dem, was darunter liegt. 

Wenn der Betrieb zur Risikozone wird 

Simon Brezina vom Verein White Ribbon richtet seinen Blick vorwiegend auf junge Männer in der Lehre: In männerdominierten Betrieben, auf Baustellen, in Werkstätten setzt der Prozess des „Mannwerdens" oft früher und härter ein als anderswo. „Je enger es wird, je höher das Grundstresslevel ist, je brutaler die Arbeitsverhältnisse sind, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt stattfindet", so Brezina. 

White Ribbon nennt den Ansatz deshalb „strukturelle Gewaltprävention“: Es geht nicht nur darum, einmal mit Jugendlichen zu reden und dann wieder zu verschwinden. Ziel ist es, auch die Betriebe selbst zu beraten – welche Strukturen Gewalt begünstigen, welche sie hemmen. Manchmal sind es verblüffend einfache Dinge, die den Unterschied machen: bessere Arbeitskleidung, mehr Fürsorge seitens der Ausbildner, ein funktionierender Jugendvertrauensrat.  

Ein erster Aufbruch 

Einen vorsichtigen Grund zur Hoffnung sieht Brezina dennoch: Im März demonstrierten in Wien erstmals bis zu 2.000 Männer gegen Gewalt an Frauen und gegen Femizide – jung, alt, unterschiedlicher Herkunft. White Ribbon hatte 400 Ribbons – weiße Schleifen, die primär für die weltweit größte Männerinitiative zur Beendigung von Männergewalt in Beziehungen stehen – mitgebracht. Diese waren bereits in einer halben Stunde vergriffen. 

Es war, wie Brezina selbst sagt, ein historischer Moment.„Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Männer bereit sind, sich zu organisieren. Nicht nur als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung.“