Wie wird man eigentlich ein guter Schriftsteller? Und welche Rolle kann Literatur in einer Gesellschaft spielen? Darüber sprach Josef Haslinger am 25. Juni 2026 im Linzer Stifterhaus mit Moderator Michael Kerbler. 

Haslinger erzählt von seinen Anfängen als Schriftsteller. Schon als Jugendlicher begann er Gedichte zu schreiben und orientierte sich dabei an Autoren wie Rainer Maria Rilke und Paul Celan – erst später wechselte er zur Prosa. Auf seinem Weg zum Schriftsteller seien nicht nur Talent und der Wunsch zu schreiben wichtig gewesen. Auch Menschen, die einen ermutigen und ehrlich auf Schwächen hinweisen, seien entscheidend. Gerade für junge Autorinnen und Autoren sei es wichtig, Texte anderen zu zeigen und sich mit deren Rückmeldungen auseinanderzusetzen. 

Auf der Suche nach der eigenen Stimme 

Für Haslinger entsteht der eigene Schreibstil nicht von Anfang an. Er beschreibt das Schreiben als einen Prozess, bei dem man sich langsam in eine bestimmte Sprache und Tonlage hineinarbeitet. Er überarbeitet seine Texte häufig und liest sie später laut, um zu überprüfen, ob der Rhythmus und der „Sound“ stimmen. 

eDer erste Satz eines Buches entsteht bei ihm meist erst im Laufe des Schreibens. Zunächst müsse er ein Gefühl für den Text entwickeln und erst dann finde sich der passende Einstieg. Einen perfekten ersten Satz von Beginn an zu planen, hält Haslinger nicht für notwendig. 

Schreiben über das eigene Leben 

Lange Zeit wollte Haslinger nicht ausführlich autobiografisch schreiben. Er hatte das Gefühl, persönliche Erfahrungen nicht zu früh literarisch verwenden zu wollen. Mit der Zeit änderte sich diese Haltung. In seinen Büchern „Mein Fall“ und „Phi Phi Island“ setzt er sich schließlich sehr persönlich mit seiner Vergangenheit auseinander: „Mein Fall“ beschäftigt sich mit dem sexuellen Missbrauch, den Haslinger als Kind durch einen katholischen Geistlichen erlebt hat. In „Phi Phi Island“ beschreibt er den Tsunami von 2004 in Thailand, den er gemeinsam mit seiner Familie überlebte. Zu beiden Büchern habe er besonders viele Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern bekommen. Darunter waren Menschen, die selbst ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Für Haslinger zeigt das, dass persönliche Geschichten eine Verbindung zu anderen Menschen schaffen können: Wenn man für schwierige Erfahrungen eine Sprache findet, können sich auch andere darin wiedererkennen. 

Die Verantwortung der Literatur 

Haslinger, der sich seit Jahrzehnten gesellschaftspolitisch engagiert, sieht eine wichtige Aufgabe darin, demokratische Grundwerte zu verteidigen. Besonders wichtig seien für ihn Meinungs- und Pressefreiheit sowie das Prinzip, dass alle Menschen die gleichen Rechte und die gleiche Würde haben. 

Auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller hätten dabei eine Verantwortung – nicht, weil sie automatisch die richtigen politischen Antworten hätten, sondern weil veröffentlichte Texte immer auch eine Wirkung auf die Gesellschaft haben. Haslinger warnt vor einer zunehmenden gesellschaftlichen Ungleichheit und davor, dass immer mehr Menschen vom politischen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. 

Für Haslinger bleibt Literatur damit auch eine Frage gesellschaftlicher Verantwortung: „Ich glaube, dass man den größten Fokus auf den langsamen Abbau des Egalitätsprinzips legen muss.“ 

Verfasst von Rijalda Licina-Besic am 11.08.2026