Seit 2022 ist assistierter Suizid in Österreich unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Wann wird aus dem Wunsch, nicht mehr leiden zu müssen, der Wunsch zu sterben? Über diese Fragen und darüber, was am Lebensende wirklich passiert, sprach die Palliativmedizinerin Dr. Christine Eckmayr am 10. Juli 2026 im Studio Wels. Für sie steht dabei eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Was braucht ein Mensch, damit er trotz schwerer Erkrankung bis zuletzt möglichst selbstbestimmt leben kann?

Seit 1. Jänner 2022 gilt in Österreich das Sterbeverfügungsgesetz. Volljährige Menschen mit einer schweren, unheilbaren Erkrankung können unter bestimmten Voraussetzungen eine Sterbeverfügung erstellen. Dafür müssen sie von zwei unabhängigen Ärzt*innen aufgeklärt werden, einer davon muss palliativmedizinisch qualifiziert sein. Anschließend wird die Verfügung notariell errichtet und registriert. Erst dann kann das tödlich wirkende Medikament in einer Apotheke bezogen werden. 

Anders als bei der aktiven Sterbehilfe muss der entscheidende Schritt vom Betroffenen selbst ausgehen. Das Medikament darf nicht von einem Arzt oder einer anderen Person verabreicht werden. „Die Tatherrschaft liegt beim Patienten“, erklärt Eckmayr. Genau darin sieht sie allerdings auch eine Schwierigkeit: Menschen am Lebensende können bereits so geschwächt sein, dass sie das Medikament nicht mehr selbst einnehmen können. 

Wenn der Wunsch zu sterben auf die Realität trifft 

Seit 2025 werden Sterbeverfügungen zentral erfasst. Laut Eckmayr wurden seither rund 800 Verfügungen erstellt. Etwas mehr als 100 Todesfälle wurden demnach als assistierter Suizid gemeldet. In rund 20 Fällen hätten Menschen den Vorgang wieder abgebrochen. 

Der assistierte Suizid ist kein vollkommen planbarer Ablauf. Übelkeit, Erbrechen, Unruhe oder Verwirrtheit können auftreten. Wie lange es bis zum Tod dauert, lässt sich nicht exakt vorhersagen. Eckmayr spricht von etwa einer halben Stunde bis zu zwei Stunden. Zunächst falle der Mensch in einen Schlafzustand, anschließend würden Blutdruck und Herzfrequenz sinken. „Wie halt das Leben sehr individuell ist, ist auch das Sterben sehr individuell“, sagt die Palliativmedizinerin. 

Begleitung statt Angst 

Eckmayr selbst vertritt einen anderen Zugang. In der Hospizarbeit gehe es darum, Menschen durch ein multiprofessionelles Team so zu begleiten, dass sie ihre letzte Lebensphase möglichst gut erleben können. Dabei gehe es nicht nur um Schmerzen, sondern auch um Ängste, Einsamkeit und persönliche Wünsche. „Was braucht dieser Mensch von uns, damit er sich sicher fühlt?“, beschreibt Eckmayr eine der zentralen Fragen.  Bei unerträglichen Beschwerden könne palliative Sedierung eine Möglichkeit sein. Dabei wird der Patient in einen tiefen Schlaf versetzt, um Leiden zu lindern. 

Für Angehörige sei die Situation oft belastend. Viele hätten Angst, etwas falsch zu machen. Eckmayr versucht diese Sorge zu nehmen: „Man kann gar nichts falsch machen, außer dass man nicht da ist.“ Eine Hand zu halten, Musik laufen zu lassen oder einfach dazusitzen, könne bereits viel bedeuten. 

Für Eckmayr ist die Frage nach dem Lebensende deshalb nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Frage. Sie fordert ausreichend Personal, Plätze und finanzielle Mittel für Hospiz- und Palliativversorgung. Selbstbestimmung bedeute für sie daher nicht nur, über den eigenen Tod entscheiden zu können, sondern vor allem die Möglichkeit zu haben, bis zuletzt gut begleitet zu leben. 

Verfasst von Rijalda Licina-Besic am 18.08.2026