18 Jahre lang filmte der iranische Regisseur Massoud Bakhshi seine drei Nichten beim Aufwachsen. So entstand der Dokumentarfilm „All My Sisters“, der zeigt, wie sich Kindheit, Familie und gesellschaftliche Erwartungen über die Jahre verändern. 

Für DORFTV ist Bakhshi nach Linz gekommen und hat mit Filmjournalistin, Filmkritikerin und Kuratorin Julia Pühringer über seinen Film gesprochen: über falsche Klischees, Generationskonflikte, das Spezifische und das Universelle. Das Gespräch von Farsi auf Deutsch übersetzt hat Parisa Ghasemi, Regisseurin, Kuratorin und Mitbegründerin des Linz International Short Film Festival. 

Vom Home-Movie zum Dokumentarfilm 

Was zunächst als Familienfilm begann, entwickelte sich über fast zwei Jahrzehnte zu einem Dokumentarfilm. Bakhshi begleitete seine Nichten von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter und hielt fest, wie sie Regeln kennenlernen, hinterfragen und zunehmend ihre eigene Freiheit suchen. 

Die Kamera bleibt dabei fast ausschließlich in der Wohnung. Dahinter steckt eine bewusste Entscheidung: In einer traditionellen iranischen Familie verbringen Mädchen einen großen Teil ihrer Zeit zu Hause. Bakhshi wollte beobachten, wie gesellschaftliche Vorstellungen auf die jungen Frauen wirken. Gleichzeitig musste er stets abwägen, was im Iran überhaupt gezeigt werden darf – etwa bei Kleidung, Körper und Hijab. 

18 Jahre in 80 Minuten 

Besonders ungewöhnlich ist, dass die Schwestern später gemeinsam auf ihre eigene Kindheit zurückblicken. Die Aufnahmen lösen vor allem bei den Schwestern Nostalgie aus. Eine der Schwestern schrieb sogar ein Lied über die Erinnerung und die Hoffnung, dass sie nicht verloren geht. 

Mit dem Erwachsenwerden wurde das Filmen allerdings schwieriger. Gerade während der Pubertät wurde es den Mädchen zunehmend unangenehm, vor der Kamera zu stehen. Für Bakhshi stellte sich damit auch eine ethische Frage. Er entschied sich, die Schwestern in den Prozess einzubeziehen: Sie sahen „Rough Cuts“, also grobe Schnitte, des Films und konnten mitentscheiden, welche Aufnahmen letztlich verwendet werden. 

Jenseits der Klischees 

„All My Sisters“ erzählt aber auch von einem anderen Bild des Iran: Die Schwestern fahren Auto, musizieren, studieren und wollen ihre Jugend genießen. Bakhshi betont, dass junge Menschen im Iran ähnliche Wünsche haben wie Jugendliche überall auf der Welt: „Sie wollen frei sein und ihr eigenes Leben gestalten.“ Damit richtet sich der Film gegen vereinfachte Bilder, die durch Medien entstehen und kann dabei helfen, genauer hinzusehen und unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar zu machen. 

Verfasst von Rijalda Licina-Besic am 01.09.2026