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Welt-Bilder | 03 | Ilias II + Klassisch griechische Welt-Bilder I - 30.10.2012

von dorftv / am 30.03.2016

Univ. Prof. Dr. Walter Ötsch
Vorlesung „Themen und Theorien der Kulturwissenschaften I“ an der Johannes Kepler Universität Linz im Wintersemester 2012

3. Stunde, 30.10.2012
Die Welt der Ilias II (als Ausdruck eines mythischen Welt-Bildes): der Befehls-Raum der Götter; Klassisch-griechische Welt-Bilder I

Wiederholung des gewählten Ansatzes: eine Kulturgeschichte von Kategorien
Ergänzungen zum mythischen Zeitbegriff: chrónos und arché

7. Flackernde Kategorien

Mythische „Kategorien“ als pulsierende, flackernde Oberflächen
Atmosphären und Kräfte, Objekte und Personen, Räume und Zeiten fließen.
Homers Wesen sind plötzlichen, unerwarteten Energie-Schüben ausgesetzt, die sie gleichsam in Teile zerfallen lassen.
Das Konzept eines Systems mit wohldefinierten Teilen, die in stabilen, gleichbleibenden Beziehungen stehen, ist unbekannt.
Teile und Ganzes sind keine eindeutig getrennten Denk-Kategorien.
Jeder Teil steht für das Ganze, das Ganze für all seine Teile.
Teile SIND Ganzes. In jedem Teil IST das Ganze vollständig gegenwärtig.
Die Hülle, die einen Teil markiert, ist gedanklich mit der Hülle, die das Ganze markiert, direkt verwoben. Man kann beide Hüllen nicht klar auseinander halten und sie unterschiedlichen kategorialen Ebenen zuordnen. Die Vorstellung springt zwischen Ganzem und Teil andauernd hin und her. Was für einen Teil zutrifft, trifft für das Ganze zu, und umgekehrt.
Alle Hüllen sind „Begriffe mit Allgemein-Charakter“.
Flackernd – verschwimmende Kategorien dieser Art kennen keinen Begriff von einem einzigen Ganzen, das alles umfängt. Die Welt und der Kosmos sind unentdeckt.
Das >Außen< ist keine wirkliche Ordnung, weil es ein Außen nicht gibt. Das >Äußere< des Menschen ist nicht wirklich >außen<, weil das >Außen< im Geist nirgendwo auftaucht.
Die Welt besitzt keine feste Struktur.

8. Pulsierende Menschen

Der Leib wird nicht „von außen“ betrachtet. Alle Hüllen sind „atmosphärisch verwischt“
Ein Mensch ist kein wohldefinierter Teil in einem System.
Die Menschen erfahren sich als pulsierende Leib-Teil-Wesen. Einzelne leibliche Empfindungen werden nicht zu einer Einheit zusammengedacht.
Ein toter Körper hingegen ist ein verfestigtes Objekt mit einem eigenen Begriff = soma.
Soma ist der Leichnam, niemals ein lebendiger Körper.
Auch der Geist zerfällt in einzelne Teile.
In der Ilias gibt es kein Wort, das Geist, Seele, Bewusstsein oder >Innen-Welt< als Gesamtheit bedeutet.
In Analogie zum „Körper“ wird das Psychische in Teilaspekte aufgespalten. Das Konzept eines >Innen-Raumes< fehlt.
Das >Innere< wird durch keine eigenen Begriffe erfasst. Homer schildert Menschen ohne jede Innerlichkeit, seltsam und unverständlich flach.
Alle seelischen Regungen sind Auswirkungen >äußerer< Kräfte. Jedes Denken bezieht sich in der Ilias auf >Äußeres<. Denken über Denken ist unbekannt.
Die Menschen sind nicht nach-denklich, sie konstruieren keinen Selbst-Bezug.
Man FÜHLT ungeheure Energien, aber keinen Zwie-Spalt in den Gefühlen.
Alles „Innere“ (nach unserer Erfahrung) wird nach >außen< projiziert.
In der Ilias sprechen die Menschen über sich, aber nicht über sich.
Niemand handelt aus >innerer< Meinung oder eigener Überzeugung.
Die entscheidenden Impulse entspringen dem Reden der Götter oder den Reden der Menschen, dem Ge-Rede. Das Gerede bestimmt den Wert eines Menschen. Die Menschen kennen keinen Selbstwert „für sich“, unabhängig davon, was andere über sie sprechen.
Alle Leistungen der Menschen, wie staunenswert auch immer, werden im Sprechen einem >Außen<, zugeordnet.
Beispiele in der Ilias:
(1) Schiffs-Katalog in der Ilias
(2) Beginn: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilles,…“
Die Menschen leben ohne Schuld und ohne Gewissen.
Selbst die grauenvollsten Handlungen werden auf die Götter „abgewälzt“: Sie „bestimmen.. der elenden Sterblichen Schicksal“.

[ab Minute 53]

Klassisch-griechische Welt-Bilder

1. Grundidee

Vom Mythos zum Logos: vom mythischen Welt-Bild („Der Befehls-Raum der Götter“) zu logischen Welt-Bildern („Der göttlich-fließende Raum“, dann ein Konzept des Gewissens)

2. Exkurs: Odysseus – ein neuer Mensch

Odysseus ist polytropos [vielgewandt, vielverschlagen]
Die Geschichte vom Trojanischen Pferd
Die Geschichte mit dem Sohn Telemachos
Der Prototyp eines neuen Menschen
Das >Innen< grenzt sich vom >Außen< ab.
Neues Macht-Potential
gegen Menschen
auf Kosten der Götter >außen<.
Reflexion über HÖR-Gefahren: Die Geschichte von den Sirenen
Verstecken des >Innen-Raumes<
„Er wälzt in seinem nóos viellistige Gedanken.“
Von der alten auditiven (>äußeren<) zu einer neuen visuellen (>inneren<) Dominanz
Ein visueller >Innen<-Raum

2. Das neue Feld mit zwei getrennten Systemen, die dynamisch-fließend eng verbunden sind

Das neue Wahrnehmungs-Feld mit zwei getrennten Systemen:

Die Innen-Welt mit dem Geist, der Seele
Die Außen-Welt mit der Welt (kósmos), die Ordnung (lógos), das Sein (ousía)

Eine neue Art von Kategorienbildung:

Ein System, bestehend aus Teilen
Jeder Teil ist eindeutig definiert. Ein Teil unterscheidet sich hierarchisch-logisch vom Ganzen.

Drei große kulturelle Entwicklungen:

Die Erfindung des ersten vollständigen Alphabets der Geschichte
Die Erfindung der Münze
Die Formulierung der Grundlagen für Philosophie und Wissenschaft im europäischen Abendland

Organisation von Erinnerungen
Organisation des Handels
Organisation des Denkens

Verbindliche Regeln für die Beziehung Reden (Hören) und Schrift (Sehen)
Verbindliche Regeln für die Beziehung Geld (Metall) und Wert
Verbindliche Regeln für die Reflexion und den Diskurs darüber

Diese Entwicklungen haben die Welt grundlegend verändert.

3. Die Entwicklung der Schrift

(1) in der Jungsteinzeit

„Alteuropa-Kultur“: Vinca
Von Bild-Schriften zu Laut-Schriften
Schrift wird komplexer (sie repräsentiert das Sprechen über Dinge) und einfacher (weniger Zeichen)
Silbenschrift

(2) in Bronzezeit

Europa: die minoische Kultur auf Kreta, Linear A
Mykener vom Festland: Linear B
Dorer, Krieg um Troja

(3) 3. Anlauf zur Schrift im Nahen Osten

Neue Schriftarten: Lautschrift (statt Silben einzelne Laute)
Die semitischen Konsonanten-Alphabete
Vermittlung durch Phönizier (phonikázein = „nach Art der Phönizier schreiben“)
Das erste vollständige Alphabet der Geschichte, ca. spätes 11./10. Jahrhundert oder später
Ab 403 ist das klassische griechische Alphabet festgelegt
die produktivste Schriftart der Geschichte

Bedeutung: Realität (Sprechen, Hören) und Zeichen (Schrift, Sehen) stehen in einer vollständigen und eindeutigen Beziehung

Exkurs: Hörendes Schreiben

4. Die Entwicklung der Münzgeldes

Ilias: Naturaltausch

Geld entsteht an vielen Orten der Welt, in der Regel aus nicht-ökonomischen Motiven, z.B. aus Opfern bei Zeremonien oder für religiöse Rituale.

(1) Mesopotamien

„Geld“ nur als Recheneinheit (und als Mittel, Werte aufzubewahren), aber nicht als Geldstück, als Münze.

(2) Obolos im antiken Griechenland: ursprünglich eiserne Bratspieße als Entlohnung für öffentliche Ämter, Fleischstücke von

Opfertieren
vom 8. zum 7. Jahrhundert: Metallbarren (Gold, Kupfer, Bronze, Zinn und Eisen

(3) Kleinasien, in der Stadt Sardeis

um 640 – 620 v.Chr. erstmals Münzen, der Sage nach von König Midas
Das Gewicht wurde durch einen Stempel (Löwenkopf)
Garantiert Effizienz im Tausch ohne extra Wiegen
Übergang von großen Barren (Gewichts-Geld) zu handlichen kleinen Barren mit normierter Größe und Gewicht (Münz-Geld).
der ovalen Klumpen wird zu einer flache, runde Scheibe = Münze
Münz-Geld ist Allzweck-Geld:

Wertmesser
Wertaufbewahrungsmittel
Zahlungsmittel
Tauschmedium

Die Lyder erfinden den Marktplatz, die ersten bekannten Bordelle und das Glücksspiel.

(4) Rasche Übernahme durch Griechen

Handelsstädte, Fernhandel vom Schwarzen Meeres bis nach Sizilien und Afrika, mit Kontakten bis zu den Ägyptern, Lydiern und Assyrern.
eine breite Schicht gutverdienender Handwerker, eine kleinere Gruppe immens reicher Handelsherren
Solon: ein auf Vermögen basiertes abgestuftes System
Herrschaft durch Geld ohne ausgeprägten Verwaltungs- oder Militär-Apparat.
Geld als neues Distanz-Medium
Koordination unzähliger Menschen über Raum und Zeit
Geld erfordert Planung und Simulation

5. Die Entstehung der griechischen Philosophie

Die Erfindung des Konzepts eines „Systems“ als Ausdruck einer Distanz zur Welt
Das >Innen< erkennt sich als etwas Eigenes, dem die Welt >außen< als Gesondertes gegenübersteht.
Die Hafenstadt Milet
Thales von Milet (etwa 624 – 544)
Anaximander und Anaximenes
Eine grundsätzliche Fragestellung: was ist die arché aller Dinge, der „Ursprung, Urgrund und Abgrund“als Grundprinzip von allem?
Mit dieser Frage wird eine neue Meta-Ebene erfunden: „die Welt“ mit einer Ordnung, einem einheitlichen Design, einem inneren Plan, einer Struktur = „Das Sein“
Die Projektion der abendländischen Wissenschaften
Philosophie der Vorsokratiker
Distanzmoment: die Welt
Eine dünne Grenze >innen< / >außen<
Fließ-Konzepte
Die neue (abstraktere) Meta-Ebene = Das Gemeinsames der Welt: „das Göttliche“ (to theion)

http://www.walteroetsch.at/videos-von-vorlesungen/videos-zur-vorlesung-t...

Videoproduktion: Alexander Grömmer und JKU
Video auf youtube: http://bit.ly/1qhjp0N

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Dieses Video wurde seit April 2014 (Relaunch Webseite) insgesamt 6 Mal an folgenden Terminen gesendet:
Donnerstag, April 7, 2016 - 05:32
Donnerstag, April 7, 2016 - 00:43
Mittwoch, April 6, 2016 - 18:35
Dienstag, April 5, 2016 - 04:37
Montag, April 4, 2016 - 21:57
Montag, April 4, 2016 - 15:20
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